Part 1
KLAGEN EINES KNABEN
VON
CARL EHRENSTEIN
LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG 1916
Sechster Band der Bücherei »Der jüngste Tag«. Zweite Auflage
COPYRIGHT 1916 BY KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG GEDRUCKT BEI E. HABERLAND IN LEIPZIG-R.
MEINEM BRUDER ALBERT
Und hundert Jahre nach dem Tode dessen, der kein Erlöser war, kam ich in den Körper eines anderen Menschen. Der Träger meines Körpers wurde Caj Rolo genannt. Er war in Sklaverei zur Sklaverei geboren. Von Geburt an bis zum Tode kannte er nur Heulen und Zähneklappern. Mutter schlug ihn, Vater auch. Aufseher stieß ihn. Kinder warfen ihn her und hin. Hunde bissen ihn, und traurig fragte er sich immer: »Warum?« Als er so groß wie ein Spaten war, mußte er einem solchen dienen. Bevor noch Sonne schien, und lange nachdem sie erloschen war, ununterbrochen, hindurch den langen Zeitraum eines Tages und einer halben Nacht, mußte er das Werkzeug bedienen. Und oft schlug ihn da der Spaten auch. Einst, als er wieder von allen geschlagen war, weinte der Knabe und dachte zu sich: »Soll ich Armer denn zeit meines Lebens, da ich in Sklaverei geboren wurde, Sklave sein, gekränkt werden von Menschen, Tieren, Dingen? Soll nie Sonne mich ruhend sehen, nie Freuden und Mädchen mich freuen? Soll ich ewig arbeiten und nie leben? Kann ich das Leben nicht finden, so will ich den Tod suchen!« Der Knabe ging aber aus, das Leben zu finden, -- nicht den Tod zu suchen, doch kam er an ein weites Wasser, und da setzte er über -- das Leben . . .
Ich flog über das Wasser. Lange schwebte ich mit Vögeln in der Luft, bis ich mich hinabließ, in dem Körper eines befruchteten Weibes zu landen. Menschen kamen und töteten im Namen dessen, dessen Namen sie geraubt, und dessen Worte: »Füget eurem Nächsten nicht Übles zu!« sie nicht erhört hatten, das Weib . . . Ich entging der Frucht und flog in ein fernes Meer zum Lande der schwarzen Menschen. Dort fand ich Leute vor, die sich Missionäre der großen Seele nannten, die aber Missionäre nur des eigenen Leibes waren. Sie verwirrten die Seelen der Eingeborenen, verwüsteten ihre Körper und Länder. Ich war in den Körper eines Negers gekommen. Chwala nannte ihn die Mutter, als sie ihn sah. Sie liebte ihn und tat ihm Gutes.
Kamen die Weißen zu dieser Familie. Den Vater vergifteten sie mit heißem Wasser, der Mutter zerschmetterten sie den Kopf mit einem eisernen Kreuz, die Schwestern fesselten sie und nahmen sie in ihre Häuser, und Chwala und seinen jungen Brüdern zerschnitten sie die Sehnen im Knie und warfen sie in die Bergwerke zur Arbeit. In dauernder Nacht, unter der Erde, mußte Chwala graben. Faules Wasser bekam er zu trinken, faule Überbleibsel zu essen. Manchmal, wenn die Aufseher besonders stark mit dem heißen Wasser gefüllt waren, bekam er nichts als Faustschläge. Seine Wunden im Knie eiterten. Eiter fraß Fleisch und Knochen. Der Körper war aber stark und starb nicht. Ein Aufseher war über Chwala sehr erbost. In einer Nacht verlangte er von ihm, er möge ihm die Füße küssen. Chwala stand auf und stolperte. Da schlug ihn der Aufseher mit dem Eisenknauf seiner Peitsche auf die Schläfe, in das Hirn hinein. Chwala fiel hin, und der Tod kam zu ihm . . . Wieder flog ich auf, flog über weites, weites Wasser und kam zu einem noch nicht von Weißen bedreckten Lande. Ich kam zu einem hohen Volke. Sie liebten die Sonne und den Frieden. Putamajo hieß meine Trägerin. Und wieder kamen jene, die sich Diener nennen und machten sich das Volk zum Diener. Raubend vernichteten sie Volk und Land. Mit Putamajos Körper belustigten sie sich, bis er verging . . . Ich fliege weiter, komme an jemandem vorbei. Blut quillt ihm aus den Seiten, Tränen aus den Augen, und ob der Schmerzen seiner Seele weint er und sagt: »Ich habe noch umsonst gelebt und gelitten.« Ich aber höre das Wort: noch -- und nehme es mit mir im Fluge . . . Ich fliege. Weit? Ich will nicht mehr wandern, will ruhen. Wird einer müden Seele bald eine weiße Taube von einer emporgekommenen Erde berichten? Ist noch immer schlechtes Wasser über der Erde? Schreit niemand: »Land! Land!«? Ich will nicht mehr wandern, will ruhen.
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An einem Teiche ging ich vorbei, in dem schwammen Enten und quakten. Sie schienen mit dieser ihrer Beschäftigung zufrieden zu sein, denn ihr Quaken klang gesättigt. Manchmal kam jemand, tötete eine Ente und aß sie, und die Ente schwamm nicht mehr und ließ auch das Quaken sein, und schien auch mit ihrer jetzigen Beschäftigungslosigkeit zufrieden zu sein, denn ihr Nichtquaken kam aus sattem Magen und klang mir gesättigt . . .
Ein Land ging ich entlang, in dem waren Menschen und quakten. Sie schienen mit dieser ihrer Beschäftigung zufrieden zu sein, denn ihr Quaken kam aus vollem Magen und klang gesättigt. Manchmal kam jemand, ein Tod, tötete einen Menschen und aß ihn. Der Mensch ließ dann das Quaken sein und war auch damit zufrieden, denn sein Quaken der Ruhe klang mir gesättigt . . .
Heute werde ich an den Teich gehen und die Enten fragen, warum sie schwimmen, quaken und zufrieden sind. Heute werde ich in das Land gehen und die Menschen fragen, warum sie sind, quaken und zufrieden sind. Heute werde ich zum Tod gehen und ihn fragen, warum er ist, Dinge tötet, sie ißt und dann zufrieden rülpst. Heute werde ich den Schreiber dieser Worte fragen, warum er lebt, quakt und unzufrieden ist . . .
Und sie alle werden mir sagen: »Wir quaken, weil wir quaken. Wir sind, weil wir sind. Wir quaken, solange wir sind, sind wir nicht mehr, so lassen wir es sein. Zufrieden oder unzufrieden quaken wir, sind wir, weil es uns so gefällt und gut dünkt. Qua, qua . . .« . . .
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Mich schmerzt mein Kopf, mein Körper ist müde, ich möchte mich auf den Boden fallen lassen und aufhören, mich aufrecht zu erhalten. Doch ich darf es nicht, der Lehrer scheint mit mir sprechen zu wollen, ich muß »Aufmerken« markieren, und deshalb nicke ich des Öfteren mit dem Kopf und lächle, als wäre das, wovon der Lehrer spricht, mir sehr einleuchtend und als würde ich ihm großes Interesse entgegenbringen. Gut ist es, daß ich dabei nicht direkt auf den Lehrer schaue, die Leere und Starre meiner Augen müßte dem Lehrer sagen, daß mein Lächeln eine Lüge ist. Doch weiß ich, im Notfalle könnte ich auch meine Augen aus ihrer Starre reißen, mit ihnen lächeln, mit ihnen lügen. Es scheint, der Lehrer will es, er spricht mich an. Ich muß seine Worte erst in meinem Hirn aufnehmen, denn sinnlose Laute hört bisher nur mein Ohr. Es ist mir endlich geglückt, und schon sagt mir mein hilfreicher Nachbar, was der Lehrer zu hören wünscht. Gut, daß der Lehrer schon von mir abläßt, sonst hätte ich ihn noch gefragt -- was die ganze Zeit mich schon bedrückt -- wozu das alles ist, wozu ich im Trauerspiel »Schule«, dessen Dauer ohne erlösendes Ende zu sein scheint, mitspielen muß, weshalb das Stück überhaupt aufgeführt wird, und warum es durch so viele tote Saisons geschleppt wird. Doch ich weiß, nie werde ich den Lehrer fragen, denn aufschreiend würde ich ihm auf seine Lügenantwort antworten: »Non vitae, sed scholae discimus!!!« Er würde das aber nicht verstehen, wie auch, wenn ich ihm sagen würde, daß die Schule und das Leben, beides, Lügen sind. Unverständig würde mein Verstand seinem Unverstand scheinen, deshalb unterlasse ich alles Sprechen und lebe weiter in der Schule, wie ich im Leben weiterleben werde, eben weil ich noch nicht tot bin.
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Er war Repetent. Ich hatte Nachprüfung gehabt. Wir gefielen einander und wurden Freunde. Gegenseitig schrieben wir die Schularbeiten von einander ab, machten uns auf Fehler aufmerksam. Doch bei der lateinischen Schularbeit zeigte er mir einen Fehler nicht, und als er die bessere Note bekam, lächelte er. Zur Strafe dafür, daß er mir die Freundschaft beschmutzt hatte, beschmutzte ich ihm das Lineal. Er verlangte, daß ich es reinige, ich tat es nicht. Schulrecht und Schülerstolz hatte ich. Und als er mir mit Klage beim Lehrer drohte, sagte ich ihm verächtlich, er möge nach seinem Belieben verfahren, ich möge ihn nicht mehr. Ich wandte mich von ihm ab und meiner Beschäftigung zu, verfolgte Harun al Raschid durch tausendundeine Nacht. Der Verräter an meiner ersten Freundschaft zeigte mich und meine Tat dem Lehrer an. Solche Schandtat verstand ich nicht und nahm das Urteil des Lehrers wortlos entgegen. Der Lehrer hätte mich doch nicht verstanden, wenn ich ihn über Schulrecht belehrt hätte. Nach dieser Affäre sandte mir der Judas einen Unterfreund und bot mir neuerdings seine Freundschaft an. Ich wies sie ab. Und wandelte allein, über dieses Vorgehen meines Freundes a. D. nachdenkend. Und dieser Schurke ließ eine schurkische Rachetat folgen. Am nächsten Morgen stand er auf und sagte dem Lehrer, sein Reißzeug fehle ihm, noch vor dem Unterricht hätte er es besessen, wie Augenzeugen bezeugen könnten. Und er wandte den Verdacht, ihm das Reißzeug gestohlen zu haben, auf mich, und der Lehrer, der mir nicht gefiel, und dem ich deshalb nicht gefiel, gab ihm recht und sagte zu mir: »Sie scheinen der Dieb zu sein!« Der Lehrer hatte die Angelegenheit vorher nicht geprüft, mich nicht sprechen lassen. Dieb hieß er mich vor der ganzen Klasse, Dieb echoten die Schüler, und der Verräter grinste mich an. Ohne Träne, weinend, fiel ich in die Bank . . .
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Ich sitze vor der Uhr und starre sie an. Das ist meine tägliche Beschäftigung. Ihr werdet sagen, das sei eine nutzlose Beschäftigung. O nein, das ist nicht wahr, denn ich werde dafür bezahlt. Ja, etwas eintönig ist sie, da die Uhr nur eine Gangart hat, in der sie seit ihrer Erschaffung geht und in immer gleicher Tonlage und Tonart zu mir spricht. Aber das macht mir nun nichts mehr. Ich habe mich damit abgefunden, d. h. ich mußte, denn würde ich mit meiner Beschäftigung nicht zufrieden sein, so würde man mir sie nehmen, ich würde nichts bezahlt bekommen, könnte nicht weiter leben und arbeiten, um zu arbeiten. Es ist nämlich jetzt so schwer, Arbeit zu finden, alle Arbeiten sind vergeben. Die Mondanstarrer brauchen keinen neuen, und auch bei den Auf-die-Erde-Spuckern sind alle Posten besetzt. Deshalb trachte ich, meinen Vorgesetzten keinen Anlaß zur Klage zu geben und starre die Uhr gut an. Ich glaube, niemand kann das so gut wie ich. Manchmal, um mich ein wenig zu unterhalten, folge ich den Sekunden- und Minutenzeigern mit meinen Zeigefingern, obwohl das sehr strenge verboten ist. Doch ich wurde noch nie auf diesen Abwegen betroffen, denn, kommt jemand zu mir in meine Zelle, so gebe ich, bevor er noch bei mir ist, schon wenn ich das geringste Geräusch von Tritten höre, schnell die Finger von der Uhr und starre sie vorgeschriebenermaßen bewegungslos an. Doch immer, wenn ich meine Finger denen der Uhr folgen lasse, schaut sie mich spottend an, denn sie weiß, daß meine Finger nicht soviel aushalten können wie ihre und daß ich meine Finger bald fallen lassen werde. Auch meine Augen halten nicht soviel wie die Uhr aus, müde fallen mir oft die Lider über meine Augen. Doch sofort reiße ich die Lider empor, und meine Augen starren die Uhr an, denn ich will meine Pflicht erfüllen und will nicht die Leute, die mich bezahlen, betrügen, indem ich ihnen für ihr Geld nicht den vereinbarten Gegenwert leiste.
Eigentlich: wozu ich die Uhr anstarren muß, weiß ich nicht. Aber dies weiß mein Herr. Denn er spricht sehr groß davon, und ich ahne, auch ich werde bald meine Arbeit verstehen und zu würdigen wissen. Sagte mir doch gestern der Herr, wenn ich größer sein werde, würde ich all dies verstehen, und bis dahin erfülle ich getreulich meine Pflicht, worob mich mein Herr auch lobt und liebt. Und ich warte, daß meine Jahre kommen, mich älter und größer machen, mir das Verständnis für Arbeit und andere Dinge geben.
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Mein Wecker schrillt mir in die Ohren. Mein Tag fällt mich an. Ins Gefängnis. Arbeite, Sklave! Ich der Herr, peitsche dich mit Befehlen. Du bist meine Hur für Dirnenmonatslohn. Sklave, sklave mehr! Schneller, sonst gibt es Peitsche! Hier nimm deinen Lohn! Leck mir die Hand! Sklave schufte! Schneller! Diese Bücher auf deinen Kopf! Schleppe sie den Tag! Höre Sklave, ich bin auch in der Nacht dein Herrdämon! Trage sie nachts in deine Träume auch! Ich sitze auf deinem Bauch. Ich rauche dich an. Drossle und presse dich. Fresse dich. Bei lebendem Leben. Stöhnst du Sklave? Mein Fuß ist auf deinem Kopf. Ich reiße dich nieder an deinem Schopf. Werfe und schlage dich. Denn du bist mein Sklave. Mir verkauft fürs tägliche Brot. Um Schandenlohn. Ich gebe dir auch Hohn. Brichst du zusammen, werfe ich dich fort. In den Ab-Ort des Lebens. In den Arbeitstod. Nicht in den wirklichen, Törichter. Nein. Weiter renne du dann, aber als kranker Hund in der Mühle deines Lebens, das du mir verkauft hast. Weiter gehe in deiner Krankheit. In die Arbeit. Du entkommst mir nicht aus dem Gefängnis. Flüchtest du für kurze Zeit, größre Last werfe ich auf dich. Langsam werde ich dein Licht ausblasen. Und entzünden werde ich es mit der Peitsche. Sklave! sklave!
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Gefangen bin ich, kann nicht entkommen, wo ich mich auch hinwende, sind Tage. Enteile ich vorwärts, laufe ich hintwärts, ich komme zu Tagen. Sie lassen mich nicht aus, eingekerkert bin ich von ihnen, von allen Seiten. Bleibe ich ruhig, bewege ich mich nirgendhin, es hilft mir nichts, die Tage kommen über mich. Ein böser Zauberer, dem etwas angetan zu haben ich mich nicht entsinne, muß mich verflucht, zu ewigen Tagen verdammt haben. Die Tage, sie sind ohne Unterschied, sie gleichen einander, wie ein Tag dem andern. Ich kann sie nicht voneinander unterscheiden, auseinander halten, sie sind Meer, das keinen Rand hat, Raum ohne Ende, greifen ineinander, keine Marke zu merken, zu erkennen. In diese Tage bin ich gesetzt, kann nicht aus ihnen. Es wird mich nicht von ihnen erretten, wenn ich vielleicht nicht mehr wissen werde, daß ich bin, der ich bin, wenn ich tot sein werde, wenn ich in andere Formen umgeformt werde. Der Kerker der Tage, der Kerker der Zeiten und Räume wird weiter bestehen, ewig sein. Denn es ist keine Aussicht dafür vorhanden, daß jemand käme und Zeit und Raum vernichte, töte.
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Einmal, ja, da muß es doch ganz anders gewesen sein als jetzt. Ich erinnere mich. Die Lampe brannte hell, der Ofen war warm und im Zimmer war eine zufriedene, gesättigte Stimmung. Der Vater kam lächelnd ins Zimmer, es war abends, er kam aus der Fabrik, in der tagsüber er gearbeitet hatte. Die Mutter empfing ihn mit guten Worten, und auch die andern begrüßten ihn freudig. Im Zimmer war es wohnlich, ein runder Tisch, ein Teppich darunter, Gardinen vor den Fenstern . . . Und neben der Mutter war eine Wiege, und in der Wiege, da war ich. Und damals, als ich noch in der Wiege lag, da war eben alles anders als jetzt. Jetzt ist es dunkel im Zimmer, keine Wärme ist darinnen und keine Wohnlichkeit. Finster ist der Vater, kommt er nach Hause, und finstre Worte bekommt er. Friede ging von denen im Zimmer, und Haß kam zu ihnen. Und mir ist es kalt, so kalt. Ich bin nicht mehr in der Wiege. Halberwachsen bin ich, und soll verdienen. Und dieses ist mein Tod, denn als ich in der Wiege war, da wiegten mich andre Worte und Träume als: Verdienen, Dienen. Und als ich noch ein Embryo war, da dachte ich nicht daran, daß ich geboren werden würde, um zu dienen, und nicht um zu leben. Und jetzt, da ich erwachsen bin, bin ich noch weniger als zuvor gesinnt zu dienen, Herr will ich sein.
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Ich warte auf Dinge. Und sie ereignen sich nicht. Ich weiß nicht, was für Dinge sich da ereignen sollen. Aber ich warte. Will mir nicht sagen, daß es nutzlos sei, zu warten. Kein Ereignis gab mir ein Stelldichein. Und deshalb wird keines kommen. Leer läuft mein Leben. Ohne Inhalt. Warum werfe ich es nicht wie ein inhaltloses Buch von mir? Warum gehe ich nicht aus dem Theater, da mir das Stück nicht gefällt? Es ist in mir die Furcht des Tieres vor dem Tode. Das fürchtet das Unbekannte. Und hängt an dem Bekannten. Trotzdem, daß dies Bekannte das Schlechteste des zu Denkenden ist, und das Unbekannte nur besser sein kann. Und das Tier stöhnt in mir. Ich kann ihm nicht helfen. Es will mit dem Leben ringen. Doch das stellt sich ihm nicht, und der Tod sich nicht mir. Das Tier in mir will leben. Und kein Leben wird ihm gegeben. Ohnmächtig schlafft es durchs Leben. Und neben dem Tier gehe ich einher. Es aber ist mein Treiber. Es treibt mich schlecht. Es treibt mich allein. Und der Trieb ist für zwei. Ich will ein zweites Tier. Will Wärme, Sonne. Ein Mädchen. Doch die Dinge wollen nicht mich. Und so muß ich warten.
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Mädchen, du, ich liebe dich. Sagen werde ich es dir nie, denn zu große Trauer gebar dir Liebe schon, und du würdest meiner Liebe nicht glauben, würdest nicht glauben, daß ich nur Mensch bin und daß mein Tier tot ist. Wie geschah es, liebes Kind, daß dich Tierfeuer schon einmal sengte und du trotzdem nochmals dem Feuer zu nahe kamst? Wolltest du, da du schon unten warst, unten bleiben? Waren dir schon alle Dinge nebensächlich, so sich mit dir ereigneten? Warum ließest du die Befleckung deines Körpers zu? Sicherlich fandest du sie angenehm, wußtest noch nicht um das Erwachen zum häßlichen Leben. So geschah es, daß du aus dir Nichtgewesenem Wesenheit gabst. Nicht lieb wars dir, und trotzdem: nochmals hättest du, wäre es wohlweislich nicht verhindert worden, unempfindlichem Nichtlebendem zum Lebenstod verholfen. Warum ereigneten sich diese Dinge? Ließest du dich denn vom Zeuger deiner Qualen gerne zu weiteren drängen? Wolltest du ihm sagen und zeigen: »Sieh! welche Schmerzen du mir zufügst, und sieh: ich ertrage sie!« Wolltest du ihn so deinen Schmerz fühlen lassen? Auf alle meine Fragen wird mir wahrscheinlich nicht Antwort werden, denn wir werden einander wohl nie mehr sehen. Du Licht, das mir von ferne leuchtet, und so mir nicht leuchtet, o, laß doch dich und deine Strahlen näher zu mir kommen, auf daß mir Wärme werde.
Warum ist wohl meine Liebe zu dir, Mädchen? Weil du mir wie eine Jüdin schienst, die ich in England sah, mit rotem Haar, oder weil mein Auge Ruhe fand an deinem, und an der Stille deines Körpers? Ich weiß nicht, warum meine Liebe ist, aber sie ist. Nur eines gibt Schmerz meiner Liebe, daß du vielleicht sie nicht willst. Und ich will dich nicht beleidigen durch das Anbieten meiner Liebe. Und da ich dir nicht meine Liebe sagen werde, so werde ich ohne deine sein, die du mir aber vielleicht auch nicht geben würdest, wenn ich dir meine Liebe sagen würde. So ist mein Leben, aussichtslos. Zu ewigem Nichtsprechen bin ich verurteilt. Und es gibt keinen Richter, an den ich mich wegen ungerechten Rachspruchs wenden kann, denn der Richter, der beim jüngsten Gericht amtieren und sich rächen wird, der ist bis dahin still und tot. Und auch mein Leben kann nicht seinen Spruch erwarten, denn dann wird es tot sein, wie jetzt Gott.
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Regen, Wind, Sturm, ihr seid mir lieb . . . . Im Sturme kletterte ich auf die hohe Föhre und ließ mich auf ihrem höchsten Aste nieder, und ließ mich wiegen und werfen vom Sturm. Der Wind sauste durch den Wald über die Wiese zu mir auf die Anhöhe, und ich, auf der Föhre stehend, sang und schrie im Sturm . . . . Ich war Herrscher. Auf einem Schiff. Ich kämpfte mit dem Feind. Ich besiegte alle. Der Sturm hörte auf. Die Sonne gab schöne Wärme. Die Ameisen zogen wieder den Baum auf und ab. In ihre Höhlungen. Ich sah ihnen lange zu. Ich stieg vom Baum, ging zu einem der Bergwerke der Ameisen. Der Duft der Ameisen, der feuchten Wiese, des Waldes und des nassen Heues war mir angenehm. Nachdem ich den Ameisen, den kleinen, schwarzen, zugesehen, ging ich zum Ameisenbergwerk der roten. Bald waren die Roten und Schwarzen im Kampf. Ich war die Ursache der Völkerschlacht. Ein Heerführer der Schwarzen schrie unaufhörlich: »Rettet die Ungeborenen, die Zukunft!« Mir ward dies bald zu eintönig, und zwei Ameisenvölker wurden ausgerottet. Dann ging ich auf die Wiese und träumte vom Mädchen meiner Träume. Ich bin mit ihr zusammen. Ich spreche zu ihr. Und sie ist mir gut . . . Ich steuere ein starkes Schiff im großen Meer. Sie sitzt vor mir in langen Gewändern, und ihre Augen leuchten schön zu mir . . . Friede habe ich, Freude, Lilith . . . Lilith, darf ich mit dir sprechen und dir sagen, daß ich dich liebe? . . . Keine Antwort werde ich erhalten, denn ich werde nicht fragen, wissend und fürchtend, daß du mich ablehnen würdest . . . Und so werde ich dir nie sagen können, wie wert du mir bist, daß du das Mädchen meiner Träume und meines Denkens bist, daß ich seit den Tagnächten meiner Kindheit immer deiner gedacht, daß ich die Augenblicke, da ich dich gesehen habe, aufbewahre und sie mir immer hervorhole, um schön von dir zu träumen, daß du der Anfangsgedanke meiner Träume bist, daß der Gedanke an dich vielleicht mein letzter sein wird . . . . Dies alles werde ich dir nicht sagen, denn du würdest es mir nicht glauben . . . . So werde ich von dir nur immer träumen, denn ich werde nie mit dir sprechen . . . . Träumen, träumen. Mein Leben ist träumen, mein Träumen mein Glück . . . . Und mein Leben ist tot. Du wirst mir nicht helfen, denn du wirst niemals wissen um meine Not . . . . Ich hungere nach deiner Liebe. Und ich werde verhungern, denn ich werde nicht betteln. Ich kann mich nicht beugen und bitten. Das Nein fürchtend. Und ich wüßte mich nicht zu benehmen, abgelehnt . . . Ohne Denken würde ich vor dir stehen, dumm und lächerlich . . . Ich will keine Niederlage, deshalb keinen Kampf. Du unterschätzest und geringschätzest mich sicherlich als Gegner. Und so kann ich dir nicht sagen, daß ich der Stärkere bin . . . Nur im Traum.
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Lilith! Ich grüße dich, aber den Hut nehme ich nicht ab, so wirst du nicht wissen, daß ich dich grüße. Und du staunst, wie auch darüber, daß ich mich trotzdem neben dich setze und nicht mit dir spreche. Weißt du noch, wie vor vielen Jahren, als wir wie heute in der Elektrischen fuhren, ich, da du mich nicht sahst, dich berührte, grüßte und dann mit dir nichts sprach, weil meine Zunge dumm ist. Wie du schnell auf dem Eise warst und ich immer auf dem Boden. Aber Schnurspringen konnte ich besser als du. Du hast mich Bier holen gesehen und Einkäufe mit der Markttasche besorgen. Wie fuhr ich auf dem Velozipedkarussell so schnell -- und du lachtest. Und als ich abstieg, bemerkte ich, daß die Sohle meines Schuhes im Begriffe war, ihn zu verlassen, getrennt von ihm leben wollte, und rächender Richter war ich. Uns hatte sie entzweit, in meinem Jähzorn tat ich mit ihr und dem Schuh desgleichen. -- Es irrt der Mensch, solang' er richtet!
Deiner Puppe brach ich lachend den Kopf ab, und als du weintest, da, nein, ich will mich an meinen Gefühlsausdruck nicht erinnern, an mich verfärbende Ereignisse. Ich kenne dich nicht, dein Denken und Dichten. In einem anderen Hause wohnst du, und nur manchmal kamst du in unsern Hof und da verkroch ich mich oft und spielte nicht mit dir. Ich kenne bloß deinen Namen, der mir Fetisch ist, und ich liebe dich, weil ich von meiner Kindheit an von dir geliebt sein wollte. Ich bin schwerkrank, morgen werde ich operiert werden. Lilith, Todesengel, komm, küsse mich.
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