Kino und Erdkunde Lichtbühnen-Bibliothek Nr. 7
Part 5
Nur soweit der Wirklichkeitswert der Aufnahmen dadurch nicht beeinflußt wird, dürfen wir andere Gesichtspunkte des guten Geschmacks sprechen lassen. Diese sind vor allem: Auswahl des _Wesentlichen_ (das sind hier hauptsächlich Bewegungsvorgänge, nicht die Gegenstände an sich) und, aus geld- und kraftwirtschaftlichen Gründen möglichste _Häufung_ desselben -- wiederum nur bedingungsweise. Was ich aber besonders hervorheben will, ist die Notwendigkeit, jeder einzelnen Szene die nötige _Länge_ zu bewilligen. Sie muß so lange dauern, daß erstens mindestens eine vollständige _Bewegungseinheit_ darauf kommt. Es sollte ja selbstverständlich sein, daß die Filmparze dem mähenden Bauern nicht gerade dann den Lebensfaden abschneiden darf, wenn er den Arm zum Schwunge erhoben hat, ebenso wie sie ihn nicht mitten in einer Tätigkeit das Licht der Bogenlampe erblicken lassen darf. Wo es sich um systematisch wiederkehrende Bewegungen handelt, müssen diese Rhythmen vollständig und mehreremal zur Anschauung kommen. Ich erinnere mich an eine großartige Meeresbrandung: wie rabiate Vorläufer kommen lange flache Wellen schäumend auf Klippen losgerannt und scheinen vor ihnen umzukehren, um sich mit den nachkommenden zu vereinigen. Dann stürzen sie brandend heran ... mittlerweile sieht man hinter ihnen eine der »Großen« sich sammeln, erheben, heranschweben ... sie stürzt brüllend und in Schaumkaskaden zerfetzt, über die Felsen weg. Nach dieser Kraftprobe tritt eine unheimliche Pause ein -- da sammelt es sich im Hintergrunde schwarz und mächtig, bäumt sich ungeheuer auf, den Himmel verdunkelnd, gleitet heran wie ein auf die Hinterbeine gebäumtes Ungeheuer und naht sich so drohend, daß man unwillkürlich die Augen schließt -- im nächsten Augenblick ist alles auf der Leinwand ein Chaos. Schaudernd und doch mit einer ästhetischen Befriedigung, die nur die größten Szenen der reinsten Kunstwerke gewähren, erleben wir das Kraftschauspiel der Natur. Aber -- im selben Moment springt das Bild um, und es erscheint irgendeine andere Szene. Das ist sachlich so falsch wie geschmacklich. Was wir gesehen haben, war eine Wogenperiode -- es gehört zu ihrem Wesen, daß sie sich im gleichen gelassenen Rhythmus je und je wiederholt: wir müssen das _ein paarmal_ erleben, um es richtig zu erfassen. Aber auch ästhetisch ist es notwendig, denn unsere Seele ist bis ins Innerste im Banne dieses Schauspiels; es muß sich ausleben und auswirken, unsere Nerven müssen ihm gegenüber den Halt wiederfinden, und es muß uns Zeit gelassen werden, uns vollkommen in die _Stimmung_ hineinzuleben. Nur nebenbei bemerke ich, daß es natürlich Barbarismus schlimmster Art ist, nach solcher Szene ohne Pause eine andere folgen zu lassen; es muß eine Ruhepause folgen. In der üblichen Kinematographie wird aber noch viel schlimmer gegen die Gesetze des Nervenlebens, des Geschmacks und der Sachlichkeit gesündigt. Szenen von zwei bis drei Sekunden sind nicht selten, Szenen von sachgenügender Länge geradezu eine Ausnahme. _Jede Bewegungsszene muß so lange dauern, bis die über der wildesten Bewegung schwebende heitere Weltruhe wieder im Beschauer zur Herrschaft kommt._ Selbst die geringst bewegten Bilder -- Wüste, Waldeinsamkeit usw. -- ja diese, in denen abgeschlossene Bewegungseinheiten eigentlich fehlen, erst recht, müssen so lange dauern, daß die in ihnen liegende _Stimmung_ deutlich und nachhaltig zum Ausdruck kommt -- ganz abgesehen davon, daß vor allem natürlich das Auge Gelegenheit haben muß, das Dargestellte überhaupt sachlich voll zu erfassen.
Eine weitere Bedingung für die Brauchbarkeit erdkundlicher Aufnahmen in irgendeinem Sinne ist die Besorgung und Beigabe ausführlichen Sachfeststellungs- und Erläuterungsstoffs. Auch dessen Mangel ist eine Hauptursache für die bisherige verhältnismäßige Erfolglosigkeit erdkundlicher Bilder in Kinotheatern und ihre Ablehnung durch wissenschaftliche und Unterrichtsfachleute. Es ist unglaublich, aber wahr, daß es bei den meisten im Handel befindlichen Filmen gar nicht möglich ist, ihren Inhalt so festzustellen, wie es für das volle Verständnis, ja auch nur dazu nötig wäre, um zu erfassen, worin eigentlich das Interesse des Bildes liegen soll. In sehr vielen Fällen sind sogar die Bezeichnungen und Inhaltsangaben der Bilder _falsch_. Von drei Palästinafilmen, die ich von drei Firmen erhielt, war je etwa die Hälfte der Teile nicht aus Palästina, sondern anderswoher, und zwar handelte es sich dabei nicht um Ähnlichkeiten -- daß etwa Oasen aus Ägypten und Palmenhaine aus Arabien »eingelegt« waren, sondern ein angebliches Jerusalem war in Wirklichkeit einmal Kairo, einmal Damaskus usw.; dabei hatte ich die Bilder persönlich von den Ursprungsfirmen geholt, und sie waren für mich zu besonders wichtigem Zwecke gedruckt worden. Jene mehrmals erwähnten Geiser Neuseelands waren mir als solche von den Fidschiinseln verkauft worden. Es bedurfte im ersten Falle der Mitwirkung des Probstes von Jerusalem, der zufällig am Orte war, um die Irrtümer festzustellen, der Durchsicht umfangreicher Literatur, um sie zu berichtigen. Im zweiten Falle habe ich mir mit Fachleuten lange den Kopf zerbrochen, bis wir durch eine wahre Nick-Carter-Arbeit auf das Richtige kamen. Zahlreiche andere, und zwar Glanzfilme jenes erdkundlichen Musterprogramms, die wir teuer bezahlt hatten, mußten wegen der Unmöglichkeit, ihren Gegenstand trotz der Beihilfe von Fachleuten festzustellen, ausgemerzt werden, und ich weiß heute noch nicht, was sie bedeuten. Die meisten, die wir brachten, erhielten ihren Wert, ihr brennendes Interesse erst durch Erläuterungen, die wir den Zuschauern geben konnten, weil wir in monatelanger mühsamer Durchackerung der Literatur diejenigen Hinweise gefunden hatten, von denen die lächerlichen Begleittexte der Firmen nichts wußten. So erhielt der Film »Flußfahrt auf dem Avon in Neuseeland« -- an sich eine der schönsten Aufnahmen, die ich kenne (Urban) -- doch sein ich möchte sagen: pikantes, unmittelbar ergreifendes, nicht nur menschliches, sondern auch erdkundliches Interesse erst dadurch, daß wir die Urgeschichte der Riesen- und Trauerweiden aufstöberten, die an beiden Ufern wogten. (Sie sind Abkömmlinge eines einzigen Reises vom Grabe Napoleons auf St. Helena, und zugleich ein Musterbeispiel für die Gier, mit der der Boden Neuseelands fremde Einführungen aufgenommen hat.) Diese Beispiele könnte ich ins Unendliche vermehren. Über die Ursachen dieser Mängel habe ich mich in »Kino und Kunst« ausgelassen.
Jede erdkundliche Aufnahme muß mit ihrem eignen _Tagebuch_ verbunden sein, d. h. es müssen ausführliche Angaben nicht nur über Ort, Datum usw. der Aufnahme, sondern vor allem über ihre Einzelheiten gemacht werden, auch solche, die im Augenblick nebensächlich oder selbstverständlich erscheinen. Ich würde vorschlagen, zunächst jedem Negativ einen Aufnahmezettel folgender Art beizugeben (s. S. 39.)
A
Nr. Bilderreihe: »Neu-Seeland«
Aufgenommen von ............. Rohfilm ............... Apparat ...............
---+---------+----------+-----------+--------+--------+------------------ Nr.| Tag | Ort | Personen | Blende | Dauer | | Stunde |Gegenstand| usw. |Beleuch-| Tempo, | Bemerkungen | | | | tung | Länge | ---+---------+----------+-----------+--------+--------+------------------ | | | | | 40 | Dampf und heiß. |14. III. | Geiser |Hintergrund|Bedeckt | Sek. | Wasser, nicht 1. | 1914 | »Wairoa« | X...Berg | Bl. 2 | Normal | sehr hoch, vorn | 11½ v. | | | | (etwa | links flüchtender | | | | | 14 m) | Mann ---+---------+----------+-----------+--------+--------+------------------ | | Geiser | | | 70 | Kennzeichen: | |»Feder d. | | | Sek. | mehrere wie ein |14. III. |Prinzen v.| | Klar | (etwa | Federbusch aus- 2. | 1914 | Wales« | | Bl. 3 | 25 m) | einanderfahrende | 3 n |»Prince of| | | | Strahlen, durch | | Wales | | | | Schlamm usw. | | Feather« | | | | schattiert ---+---------+----------+-----------+--------+--------+------------------ | | | | | | Hierzu: drei Photos | | | ---+---------+----------+-----------+--------+--------+------------------ | | | | | 30 | |16. III. |Dorf X... | Poi-Tanz | Klar | Sek. | Anmarsch mit 3. | 1914 |bei Napier| (Näheres | Bl. 2 | Normal | Gesang | | | Tageb.) | | (etwa | | | | | | 10 m) | ---+---------+----------+-----------+--------+--------+------------------ 4. | | | " | | 40 | Erster Tanz | " | " |Fortsetzung| " | Sek. |
B
Firma ...... Entwicklung ..............
---+--------+-------+-----------+-------+----------+------+-------------- | | | | Bem. | Dauernde | | Nr.|Erhalten| Entw. | Ergebnis | f. d. | Nummer | Ver- | Verwendet in | am | | | Kopie | d. |bleib | | | | | | Negativs | | ---+--------+-------+-----------+-------+----------+------+-------------- | | | | | | | Serie: |12. IV. |17. IV.| Sehr hell | Vira- | |N. S. | Neu-Seeland 1. | 1914 | 1914 | verstärkt |gieren | 342 | 1316 | 1316 | | | | | | | Serie: | | | | | | |Wasserwunder | | | | | | | 227 ---+--------+-------+-----------+-------+----------+------+-------------- | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | 2. | " | " | Gut | -- | 343 | " | wie 342 | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | ---+--------+-------+-----------+-------+----------+------+-------------- | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | ---+--------+-------+-----------+-------+----------+------+-------------- | | | | | | | Serie: | | | | | | | Neu-Seeland 3. | " | " | Gut |Virage | 344 | " | 1316 | | | | | | | Serie: | | | | | | | Volkstänze | | | | | | | 2703 ---+--------+-------+-----------+-------+----------+------+-------------- 4. | " | " | " | " | 345 | " | " "
Die Angaben unter A werden vom Aufnehmenden ausgefüllt, die unter B von der entwickelnden Anstalt usw. Den Abschnitten entsprechende Schlußzeichen und Vermerke werden mit Bleistift auf dem Rohfilm angebracht. Außerdem aber sind in einem besondern Tagebuch (unter der in Sp. 1 vermerkten Nummer und Wiederholung der Bezeichnung in Sp. 3) genaue Angaben über den Inhalt des Films zu machen, als:
Allgemeiner Sinn und wissenschaftliche Bedeutung der Aufnahme.
Die Namen (nebst Aussprache!) und Kennzeichen aller Einzelheiten der Örtlichkeit (Berge, Wasser, Ansiedlungen, Bäume, Tiere) und kinematographisch hervorragenden Personen (Name, Stand oder Beruf, Tätigkeit im Bilde, Kennzeichen, Tracht, Waffen usw.).
Verlauf der Szene, Geschehnisse, Bewegungsvorgänge.
Dabei wahrgenommene, im Bilde nicht wiedererscheinende, daher zu ergänzende Nebenerscheinungen (Geräusche, Farben, eventuell Maße, Reden, Ausrufe, Liedertexte, Noten usw.) und andere wissenswerte oder wissenschaftlich nötige oder interessante Einzelheiten.
Es ist einleuchtend, daß erst durch diese gedanklichen Ergänzungen der Film seinen höchsten gegenständlichen und eventuell erscheinungsgeschichtlichen Wert erhält. Ebenso einleuchtend aber ist es, daß diese Erläuterungen nur von einem Fachmann, jedenfalls einer dem Gegenstand wissenschaftlich ganz gewachsenen Persönlichkeit gegeben werden können, und zweitens, daß nur selten ein und dieselbe Person das Bild aufnehmen _und_ die nötigen Beobachtungen und Notizen dazu machen kann. Ja häufig werden sich in letztere Arbeit allein mehrere Personen teilen müssen.
Die Unzulänglichkeit der bisherigen geschäftsmäßigen erdkundlichen Kinematographie beruht letzten Endes darauf, daß sie zumeist von ganz unberufenen Laien nach reinen Geschäftsgesichtspunkten gemacht wird. Die geschäftlichen Gesichtspunkte bewirken, daß die meisten Bilder von den großen Heerstraßen der Cookweltreisenden gemacht werden, wo sie natürlich selten mehr ein wirkliches Stück natürliche Natur zeigen, sondern fast immer jenes Fremdenindustrieelend, das alles, lebende und tote Dinge, und die Menschen zumeist, auf den Fremdenfang »frisiert« zeigt. Wer die üblichen Kinobilder daraufhin beobachtet, wird das sehr häufig bestätigt finden. Derselbe Beweggrund bewirkt, daß zumeist fade »Sensationsszenen« unter der Herrschaft superlativer Schlagwörter (»die größten ... die berühmtesten ... der Welt« usw.) und mit alberner, theatermäßiger Staffage gemacht werden, weil sie so vermeintlich besser »ziehen«. Dasselbe bewirkt die erdkundliche Unbildung der meisten »Operateure«. Sie gehen nicht nach dem, was erdkundlich wichtig und fesselnd ist, sondern nach dem, was sich am tüchtigsten bewegt -- und wenn sie mal etwas Wertvolles erwischen, so wissen sie selber nicht warum, und die Sache bekommt dadurch etwas Schiefes. _Wenn irgendwo, so ist auf dem Gebiete erdkundlicher Aufnahmen eine enge Verbindung kinematographischer mit wissenschaftlichen Fachleuten im beiderseitigen Interesse geboten._ Mit dem ungeheuern Kapital, das von den Firmen in erdkundliche Aufnahmen gesteckt wird, ließe sich ein Material von unermeßlich sachlichem Werte aufhäufen, das sich aber auch durch ein zehnfach und hundertfach gesteigertes Interesse der Öffentlichkeit viel glänzender als jetzt verzinsen ließe. Die großen Firmen klagen ja alle, daß sie mit ihren Naturaufnahmen schlechte Geschäfte machen, daß trotz des großen Aufwandes kein rechtes Interesse dafür, am wenigsten bei Fachleuten, aber nicht einmal bei Schulbehörden zu erwecken ist. Nun, das liegt einzig und allein an der Unsachgemäßheit der Aufnahmen. Ohne maßgebende Mitwirkung erdkundlicher Fachleute, und zwar Spezialisten, bei der Wahl, Vorbereitung, Ausführung und nachhaltigen Behandlung kann keine erdenkliche Aufnahme von höherm Werte und wissenschaftlich erzieherischer Brauchbarkeit entstehen. Geographische Fachleute aber können dadurch, daß sie derartige Aufnahmen machen helfen -- aber natürlich nicht als eine »populäre« Spielerei, mit der man eigentlich seiner Würde etwas vergibt, und der man nur die Brosamen zugute kommen läßt, die vom Tische »ernster« Wissenschaft abfallen, sondern mit voller Hingabe und Gewissenhaftigkeit, und nach eingehender schülermäßiger Einübung -- nicht nur sich selber und der Wissenschaft manche kühne Hoffnung erfüllen, sondern auch ein tüchtiges Stück Arbeit im Dienste der allgemeinen Bildung, der Ausbreitung erdkundlichen Wissens und des Interesses an und des Verständnisses für diese Wissenschaft tun. Hier liegt der Keim aller Kinogesundung und der Hebel, den Kino zu einem Kultur- und Bildungswerkzeug zu machen, und die Geographen sind die berufenen Mitarbeiter dazu. Es ist keine Schande für sie, in diesem Sinne über den Kreis ihrer engern Fachinteressen hinaus zu blicken.
Besonders möchte ich hier auch noch auf den Nutzen hinweisen, den beide Teile davon haben könnten, wenn sich Kinoleute und Missionare in aller Welt verständigten. Die letzteren sind naturgemäß oft große Kenner der Erd- und Völkerkunde ihres Gebiets.
III. Schulerdkunde und Kino
Wer das Bisherige aus dem Interesse des Lehrers und Jugend-Erziehers heraus gelesen hat, wird die Fragen so weit geklärt gefunden haben, daß wir nunmehr die besondere Frage des Kinos im erdkundlichen Schulunterricht ohne zu viel Belastung mit Selbstverständlichem und Allgemeinem in Angriff nehmen können. Es handelt sich wohl vornehmlich um drei Fragen, erstens: welche besondern Anforderungen sind etwa an Unterrichtsfilme zu stellen, zweitens: wie bekommt man sie und drittens: wie gestaltet sich die Vorführung und der ganze Unterricht?
_Daß_ die Kinematographie im Schulunterricht, und vor allem im erdkundlichen, eine große Rolle zu spielen berufen ist, ist schon zu oft von Fachleuten anerkannt worden, als daß wir noch viel Worte darüber machen zu müssen glauben. Etwaige Zweifler hoffe ich besonders durch die allgemeinen Ausführungen im ersten Abschnitt beruhigt zu haben. Selbstverständliche Voraussetzung ist die Umrahmung des Bilderanschauungsunterrichts durch gesteigerte Eigenanschauung einerseits und durch gedankliche Vorbereitung und Verarbeitung des Stoffes anderseits. Der naturgeschichtliche Schulunterricht geht ja in noch engerm Sinne als die Wissenschaft auf _Begriffe_ aus. In der ganzen Richtung der heutigen Pädagogik liegt es aber, diesen Begriffen durch erhöhte Anschauung die Wage zu halten und sie vor Verkrüppelung zu bewahren. Daß hierbei die unmittelbare Naturanschauung bei weitem das Wichtigste und ihre Ausdehnung das Nötigste ist, ist zweifellos. _Ich rede einer Ausdehnung des Anschauungsunterrichts durch Ersatzmittel (also auch durch Kinematographie)_ nur unter der _Bedingung das Wort, daß sie einen Teil einer umfassenden Gesamtunterrichtsreform bildet, in der »Freiluftbildung« der wichtigste Programmpunkt ist_. Ohne das wirkt jede Erweiterung des Ersatzmittelanschauungsunterrichts unverdaulich, und der Kino im Schulunterricht geradezu irreführend und _ver_bildend.
Unter Wahrung dieser Voraussetzungen aber bildet der erdkundliche Film das zeitsparendste, echteste und beredteste Mittel zur _Vorbereitung_ eigner Anschauung und zur _Vergleichung_ und richtigen Erfassung des den Schülern nicht sinnenfällig zu machenden Stoffes. Hierzu kommen aber nicht nur ausschließlich fachgemäß und kunstgerecht aufgenommene und vorgeführte Filme in Betracht, sondern wiederum nur solche, die die besondern Wünsche der pädagogischen Fachleute erfüllen, und möglichst von vornherein auch unter ihrer Beratung, Mitwirkung und Begutachtung hergestellt worden sind.
Die Wünsche der Lehrer werden dabei besonders zweierlei Filme bevorzugen: solche, die in immer weitern Kreisen vom engsten ausgehend die _Heimat_ darstellen, und solche, die von diesen und andern erdkundlichen Gegenständen das _Typische_ in besonderer Klarheit und Vollkommenheit hervorheben. Zu den letztern werden auch solche Filme gehören, die z. B. die Drehung der Erde in _schematischer Weise_ veranschaulichen. Eine allgemeine Forderung, die zum Teil durch die genannten Eigenschaften erfüllt werden würde, ist die, daß der Kino im Unterricht nicht _zerstreuend_, sondern eben belehrend wirken soll.
Anderseits wird die Zahl und Mannigfaltigkeit der Filme, die im Schulunterricht benötigt werden, verhältnismäßig gering sein. Es handelt sich ja im großen und ganzen in allen Schulen für alle Schülergeschlechter um ein und denselben Lehrgang, der in den höhern Schulen ausführlicher, in den niedern einfacher immer wiederkehrt. Es würde also wohl möglich sein, eine typische Liste wünschenswerter Bewegungsaufnahmen für den erdkundlichen Unterricht in allen Schulen z. B. Deutschlands aufzustellen. Diese Aufnahmen wären für engere Bezirke durch Heimataufnahmen zu ergänzen.
Diese Verhältnisse weisen darauf hin, daß Schulfilme als solche eine Sache für sich sind, die einer besondern Organisation zu unterwerfen sind und am ehesten von Kinotheatern und dem üblichen Geschäftsturnus unabhängig gehalten werden können. Sehr wohl könnte eine Reichsvereinigung aller Schulkinointeressenten die Herstellung der benötigten Filme selbst in die Hand nehmen, sie könnte ein gemeinsames Negativarchiv schaffen, von wo aus die benötigten Positive an die Einzelstellen geleitet werden könnten. Diese wären wieder nicht die einzelnen Schulen, sondern landschaftliche und örtliche Schulverbände, die sich gemeinsam die nötige geringe Zahl von Positiven anschaffen würden. Diese würden dann in einem geregelten Verleihungskreislauf jeweils vor alle Schüler gebracht werden. Das noch übrige, die kinetographische Einrichtung, müßte m. E. jede Schule einzeln besitzen, da es niemals gedeihen kann, wenn der kinematographische Unterricht jedesmal mit ganzen Klassenwanderungen durch die Straßen zu der oder jener Projektionsanstalt verbunden sein müßte. Damit ginge zuviel Zeit verloren, und die Ablenkung wäre größer als der Gewinn. Vielmehr könnte das Physikzimmer oder auch der Festsaal in jeder Schule dazu eingerichtet werden, und die Erdkundestunde würde dann immer dorthin verlegt werden.
Neuerdings sind von verschiedenen Firmen Apparate von so geringem Umfang und einfacher Handhabung (für Normalfilme) in den Handel gebracht worden, daß mit ihnen auch in jeder Schulklasse Bilder von etwa 100 × 80 cm vorgeführt werden können. Die Lichtquelle bildet eine Glühlampe ohne Lichtgehäuse, die an die Hausleitung oder eine kleine Batterie angeschlossen werden kann. Auch dann wäre die Einrichtung gar nicht so schwierig, wenn, was wegen der besondern Verhältnisse recht gut möglich, eine andere kleine oder mittlere (Salon- oder Schul-)vorstellungseinrichtung gewählt werden könnte. Es würde sich ja nur darum handeln, daß _ein_ Typ, wenigstens nur die auf _ein_ Filmformat eingerichteten Typen für alle Schulen vereinbart würden. Die Wahl eines solchen Typs würde es auch erleichtern, daß besonders die Aufnahmen aus der engern Heimat von Lehrern selbst hergestellt werden könnten. Wohlhabende und anspruchsvolle Schulen könnten einen großen Kinoapparat daneben bereithalten, um auch mal etwas Besonderes zeigen zu können.
Alles hier Gesagte ist aber noch Zukunftsmusik, und es bleibt die Frage zu besprechen, wie sich erdkundliche Bewegungsbilder _zurzeit_ in den Unterricht einfügen ließen.
Dazu gibt es nun zwei Wege: gelegentliche Einzelvorstellungen von Unternehmern oder Liebhabern in der Schule oder das Mieten oder der gemeinsame Besuch von Kinotheatern. Die Einzelanschaffung von Apparaten für Schulen ist aus Gründen, die ich nebst der ganzen Frage besonders im »Buch vom Kino« behandeln werde, und mit der sich übrigens ein weiteres Bändchen dieser Bücherei gesondert beschäftigen wird, zurzeit unmöglich, d. h. unwirtschaftlich. Zu Einzel»gastspielen« wird die Gelegenheit aber auch selten sein (auch dürften sie sich schwerlich lohnen); und so bleibt zurzeit als Hauptsache die _Verbindung der Schule mit Kinotheatern_.