Kino und Erdkunde Lichtbühnen-Bibliothek Nr. 7
Part 3
Welcher Art nun die notwendigen Ergänzungen sein müssen, kraft deren Filmvorführungen zu einem brauchbaren Hilfsmittel der Erdkunde werden können, wollen wir uns kurz überlegen. Zuerst spreche ich allem das Wort, was die dem Kinobild mangelnden _begleitenden Sinneseindrücke_ ersetzen oder wenigstens zum Bewußtsein bringen kann. Dieser Ersatz ist gerade beim Kinobild viel mehr erforderlich als vor jedem andern auch nur Schwarz-Weiß-Bild, weil das Kinobild mehr wie andere den Beschauer -- besonders den nicht selbstkritisch und durch eigne Beobachtungen _sehr_ geübten -- in den Traum der Wirklichkeit versinken läßt. Vor einer Photographie verfallen wir keinen Augenblick in die Vorstellung: »so ist's« oder auch nur »so sieht's aus« -- beim Bewegungsbild ist die Gefahr größer, nun erst recht in eine falsche Vorstellung vom wirklichen Aussehen und den wirklichen Kräfteverteilungen in der Natur zu versinken. Um so sorgfältiger müssen wir dort vorbeugen. Diese Arbeit wird freilich _zumeist_ dem menschlichen _Worte_ zufallen, wovon wir noch sprechen. Das Wort allein wird uns über Plastik, richtige Perspektive, Größen-, Luft- und Wärmeverhältnisse im Dargestellten aufklären müssen, und zumeist auch, wo es sich um wissenschaftliche und Lehrzwecke handelt, über die _Begleitgeräusche_. _Völlig_ möchte ich diese aber -- denen ich in volkstümlichen und Jugendvorstellungen einen breiten Raum befürworte -- auch aus wissenschaftlichen Darstellungen nicht verbannt wissen. _Geräuschkunde_ ist ein meines Wissens als solcher nicht -- höchstens als Nebengebiet der Dramaturgie -- abgetrennter Zweig der Naturwissenschaft und findet, abgesehen von der Akustik, die sich nicht mit den Geräuschen, sondern mit ihren Ursachen beschäftigt, der Phonetik, der Musiklehre u. dgl., nur vielleicht in der Vogelkunde überhaupt Beachtung. Wenn sie darüber hinaus _nicht_ gepflegt worden ist, so liegt das meines Erachtens nur daran, daß man bisher schlechterdings außerstande war, den _Stoff_ herbeizuschaffen, d. h. Naturgeräusche in wissenschaftlich brauchbarer Weise aufzufassen und wiederzugeben. Wir sind, wie wir wissen, heute schon in der Lage, das zu tun: durch die Phonographie. Sie schreibt bereits ebenso selbsttätig die Klang- und Geräuschwellen aller Art auf wie die Photographie die dem Sehen zugrunde liegenden Äther-Bewegungen (Kinetographie, d. i. Bewegungsselbstniederschrift). Sie ist wie jene durchaus zwangläufig, d. h.: richtig eingestellt, gibt sie nach Zeitmaß und Klangfarbe genau das Aufgenommene wieder, abzüglich der feststellbaren Wirkungen ihrer technischen Fehlerquellen. Der gemeinsamen Aufnahme von Naturbewegungsvorgängen und der sie begleitenden Geräusche steht also gedanklich nichts mehr im Wege. Tatsächlich ist aber diese Aufgabe noch nicht gelöst (obgleich man von ihrer endgültig erfolgten Lösung alle Augenblicke hört). Zunächst leidet die grammophonische Wiedergabe an sich noch besonders an Nebengeräuschen von solcher Stärke, daß sie _feinere_ Gegenstandsgeräusche verschluckt, falls diese von der Wachsschicht überhaupt richtig aufgenommen worden sind. Dann aber steht noch immer die große Aufgabe bevor, beides, kinematographische und phonographische Aufnahme und Wiedergabe, in _einem_ Verfahren oder doch mit zwangläufiger Gleichzeitigkeit zu verbinden. Alle sogenannten »Tonbilder« (ein irreführender Titel), die man bis jetzt sieht, werden so hergestellt, daß erst eine grammophonische Aufnahme, dann eine ihr nachträglich angepaßte Mimik aufgenommen werden. Die Wiedergabe wird dann möglichst der Gleichzeitigkeit angenähert; aber selbst, wo diese Gleichzeitigkeit erreicht wird, fehlt doch die _Echtheit_, die dem Ganzen erst wissenschaftlichen Wert geben würde. Überdies ist mir nicht bekannt geworden, daß _überhaupt_ erfolgreiche Versuche gemacht worden wären, Naturgeräusche -- z. B. die Brandung des Meeres, den Ausbruch eines Kraters, das Rauschen im Wald, das Gemurmel und Geheul der Großstadt -- grammophonisch aufzunehmen. Daß dies unmöglich sein sollte, möchte ich daraus nicht schließen -- kann man _künstliches_ Pfeifen und Sprechen usw. aufnehmen, warum nicht auch zunächst wenigstens die lauten (oft viel lautern!) unwillkürlichen Naturgeräusche! Und mögen zunächst diese Aufnahmen selbst, alsdann ihre Zusammenstimmung mit der gleichzeitigen Kinoaufnahme noch so viel Unvollkommenheiten aufweisen --, der Versuch allein würde lohnen, und die Vervollkommnung würde meines Erachtens nicht lange auf sich warten lassen, sobald nur der _Wert_ dieser Sache allgemein erkannt würde. Daß eine solche Technik _überhaupt_ im Zuge der Kinetographie liegt, ja eins ihrer nächsten und erreichbaren Ziele sein müßte, wird weniger bezweifelt werden. Wenn aber Geräusch_nachahmungen_ von Wissenschaftlern und gebildeten Laien (zum Teil mit Unrecht) belächelt werden, so bedeutet das nicht, daß sie auch dokumentarisch getreuen Geräusch_nachbildungen_ Achtung versagen würden. Im Gegenteil: _die Geräusche, die besonders die Bewegung in der Natur begleiten, sind unentbehrlich für die unmittelbare sinnliche Bewertung der in dem betreffenden Vorgang spielenden Kraftmassen und Kraftverteilungen_. Das einfachste Gefühl des Laien sagt ihm doch schon, daß ein lautlos ausbrechender Vulkan, lautlos heranschwingende Meereswogen, eine lautlos dampfgebende Kanone, lautlos tanzende Eingeborene, lautlos stürzende Niagaras etwas Unsinniges, überhaupt _gar nichts_ sind. In der Zeichnung, in der Photographie vermissen wir dergleichen nicht, weil sie ja das Bewegungsleben nicht zu geben beansprucht, wo aber die _Bewegung_ der Dinge gezeigt wird, da fordern unsere Sinne auch ihr _Geräusch_. Ist dies somit eine »ästhetische« Forderung, so wird doch auch niemand bestreiten wollen, daß diese Geräusche an sich als Begleiterscheinungen von Naturbewegungen ein ernstester Forschung höchst würdiger Gegenstand sind. Ich bin der Meinung, daß auch bei rein wissenschaftlichen Vorführungen, mindestens wenn die Teilnehmer daneben auch irgend Menschen mit natürlichem Sinnenleben und Geschmack sind, in Ermangelung grammophonischer Mittel _einige_ Begleitgeräusche gegeben oder angedeutet, allermindestens aber durch vorangehende Beschreibung der Phantasie der Zuhörer zur Verfügung gestellt werden müßten. So zeigte ich einmal den Ausbruch eines Geisers, ein Bild, über das ich wegen seiner Kürze und anderer Mängel ganz unglücklich war: es kam mir völlig bruchstückartig und wertlos vor. Zufällig kam mir eine ausführliche Beschreibung dieses selben Geisers in die Hände, in der auch genaue Angaben über die Begleitgeräusche enthalten waren. Ich ließ diese nun sorgsam hinzufügen, und von diesem Augenblick an erwies sich das Bild -- rein erdkundlich-naturwissenschaftlich betrachtet! -- als einer der Glanzpunkte meines Programms. Gewiß hatte _ich_ mir allenfalls nach langem Studieren diese Begleitgeräusche -- den kanonenschußartigen Ausbruch von Schlamm und Steinen, das regenartige Niederprasseln der Wassermengen usw., die vorangehende donnerartige Erderschütterung -- auch »denken« können -- aber wie hätten das meine _Zuschauer_ tun sollen? Und wenn sie es gekonnt hätten -- sollten sie und ich uns dessen schämen, daß wir uns eine mühsame und unvollkommene Eigentätigkeit durch ein paar meinethalben theaterhafte Hilfsmittel ersetzten? Und sollten sich endlich Studenten und Hochschullehrer selber in diesem Punkte in einer andern Lage befinden als wir? Sollte selbst jemand, der diese Geräusche einmal _erlebt_ hatte, sich ihrer vor diesem Bilde vollkommener erinnern, als unsere Hilfskräfte sie mit urwüchsigen Mitteln nachzuahmen vermochten?
Mag man über Geräuschnachahmungen bei rein wissenschaftlichen Gelegenheiten denken, wie man will, für die unvorbereitete und mit erdkundlichen Erscheinungen durchaus ungenügend vertraute Öffentlichkeit sind sie unerläßlich sowohl um des Verständnisses wie um der ästhetischen Befriedigung willen. Daß und wie dabei die Grenzen des Geschmacks einzuhalten sind, habe ich anderswo behandelt. Sicher ist aber, daß _die Kinematographie an sich nicht eher ein vollwertiges erdkundliches Hilfsmittel ist, als bis sie wenigstens in zwangläufige Vereinigung mit der Grammophonie gelangt ist_. Bewegung und Geräusch sind zeitlich und räumlich, ursächlich und in der Erscheinung, ästhetisch und gedanklich nicht voneinander zu trennen, ein Verfahren, das das eine wiedergibt, muß auch das andere zeigen.
Die zweite Ergänzung, die nicht zu verachten wäre, ist die _Farbe_. Auch hier sind manche Versuche unterwegs, beachtenswerte Erfolge errungen. Das bekannteste Verfahren ist _Urbans Kinemacolor_. Ich habe dieses Verfahren vor einigen Jahren in London gesehen und weiß nicht, ob es inzwischen verbessert worden ist. Es störte, bei allem unleugbaren Reiz, durch starkes Flimmern. Sein Hauptmangel ist, daß die Aufgabe, die eigentliche Bildfarbe zu bilden, wieder unsern _Augen_ überlassen ist, und diesen wird sie um so schwerer, als sie sie aus nicht mehr als zwei Grundfarben -- rot und grün -- herstellen müssen, die dem farblosen Doppelpositiv durch zwei Filter mitgeteilt werden. An der Ausbreitung des Kinemacolorverfahrens scheint außer den beträchtlich höhern Kosten und dem zur Alleinbestreitung einer Vorstellung nicht genügenden Erfolg auch die Monopolvergebung schuld zu sein. Auf jeden Fall ist die Sache noch nicht vollkommen; trotzdem sollte jeder sie kennen zu lernen suchen, und gutgestellte Kinotheater sie einfügen. An sich aber ist die »Naturfarbe« der Bilder -- solange sie nicht auf eine bisher unbekannte Weise auf photographischem Wege selber gewonnen wird -- _nicht_ eine so unerläßliche Vollkommenheitsforderung wie die des Begleitgeräusches. Es ist mir im Gegenteil zweifelhaft, ob sie in jedem Falle erwünscht wäre, da sie die Ansprüche an die Augen erhöht, die Fehlerquellen vermehrt und überdies dem Filmbild einen Vorzug wieder nimmt: den der Vereinfachung und Zurückführung des Bildes auf seine einfachen Schwarz-Weiß-Verhältnisse. Noch weniger kommt freilich hier die _künstliche_ Farbenergänzung in Betracht, wo wir ihr nicht aus Gründen, die nichts mit Erdkunde zu tun haben (Augenerholung) einmal nachsehen wollen. Die _echte_ Farbenselbstwiedergabe der Natur steht noch in weitem Feld, und wir sehen vorläufig noch nicht einmal einen Weg angedeutet, wie wir zu ihr zu gelangen vermöchten.[2]
[2] Inzwischen wird von einem neuen Verfahren der Firma _Gaumont_ (deutsches Haus) berichtet, das Kinemacolor in mancher Hinsicht übertreffen soll, wenn auch die Farbenabstimmung naturgemäß noch durch die Fehlerquellen beeinflußt wird.
Anders die _Körperlichkeit_ (Plastik) des Dargestellten. Der Weg dazu ist klar: wir lassen unsern Apparat, wie wir selber, mit _zwei_ statt einem Auge sehen und zeigen dann, wie in der Wirklichkeit, jedem unserer Augen gesondert das entsprechende Bild. Wege dazu gibt es verschiedene, ihr einziger gemeinsamer Nachteil ist der, daß wir dazu das Auge bewaffnen müssen, sei es durch eine Brille mit zwei verschieden gefärbten Gläsern, sei es durch eine stereoskopartige Vorrichtung. Ich habe solche Bilder noch nicht gesehen, meine aber, wenn sie sich einbürgerten und sonst hübsch sind, würde die Beschaffung der Betrachtungshilfsmittel nicht so schwierig sein, wie es immer dargestellt wird. Kinobesucher werden sich ihre »optische Brille« kaufen, wie Theaterbesucher ihr Opernglas.
Übrigens habe ich ein anderes Verfahren zur Verkörperlichung von Kinobildern gesehen, anscheinend auf Spiegelungen beruhend, das aber nur eine puppenhafte Wirkung hatte. Warum irgend jemand eine bessere körperliche Wirkung von erdkundlichen Kinobildern verschmähen sollte, wenn er sie nicht etwa durch Nachteile anderer Art erkaufen muß, sehe ich nicht ein.
Eine Menge anderer Wirklichkeitseigenschaften werden dem Kinobild natürlich immer fehlen. So kann die Nachahmung von Begleit_gerüchen_ immer nur ein gelegentlicher Scherz bleiben, und ebenso fehlt die körperliche Wirkung von Wind und Wetter usw. auf den Beschauer. Etwas anderes aber ist von größerer Wichtigkeit. Wir müssen ein Kinobild immer gleichsam mit festgeklemmtem Kopfe oder mit starren Augen besehen; wir können die Augen nicht in der Weise wandern lassen wie in der Natur. Tun wir es dort, so bietet sich uns bei jeder Bewegung ein anderes Bild; im Kino ist der Erfolg nur, daß wir je einen andern Teil desselben Bildes sehen. In einem gewissen Grade hilft dem freilich, aber auch nur scheinbar (da die Körperlichkeit fehlt), die Erfindung der _Panorama-Kinematographie_ ab, die man meines Wissens zurzeit nur in München sehen kann. Sie erzeugt durch kreisförmiges Drehen des Objektivs die Täuschung eines Landschaftenrundblickes. Das ist natürlich eine vielleicht sehr hübsche Spielerei, die aber als erdkundliches Hilfsmittel geringen Wert haben wird. Das vor allem aus praktischen Gründen; an sich mag die Sache für seltenere Aufgaben, bei denen es darauf ankommt, einen Gesamtüberblick über ein größeres Gebiet zu haben, brauchbar sein.
Ich möchte, ehe ich die beiden Haupthilfsmittel, das _Wort_ und das _Lichtbild_, bespreche, noch eine Bemerkung über die Mithilfe der _Musik_ machen. Auf den ersten Blick hat sie in erdkundlichen Filmen, die der Belehrung dienen sollen, nichts zu suchen. Eine Ausnahme machen aber schon diejenigen _völkerkundlichen_ usw. Filme, die geradezu Musikszenen, z. B. Tänze, nach Musikrhythmen arbeitende Kolonnen usw., darstellen. Wir können hier auf das über Begleitgeräusche Gesagte verweisen; grammophonische Wiedergabe wäre Ideal, angepaßte Nachahmung in diesem Falle berechtigt, weil ja auch die Urmusik »künstlich« ist; _unerläßlich_ in diesem Falle die eine oder die andere. Einen Negertanz ohne dessen Begleitmusik vorzuführen, halte ich für geradezu unwissenschaftlich. -- Darüber hinaus aber habe ich mich einfach aus der Erfahrung heraus für die vereinzelte Anwendung musikalischer Begleitung selbst bei geeigneten erdkundlichen Filmen aus _gesundheitlichen_ Gründen ausgesprochen. Es ist nun einmal Tatsache, daß _gute_ angepaßte Musik wie kein anderes Mittel die Nerven abspannt, sie erfrischt und ihnen ihre Arbeit erleichtert. Selbstverständlich kommt Musik weder bei Filmen mit Geräuschwiedergabe in Betracht noch bei solchen mit »bewegungsdramatischem« Inhalt noch bei allen andern; aber sie kann Wunder tun bei Bildern, die eine ruhige rhythmische, in sich wiederkehrende Bewegung ausspinnen. _Begleitmusik beflügelt die Phantasie_ -- aus diesem Grunde weise ich sie nicht streng aus allen erdkundlichen Vorführungen heraus, sondern spreche ihr selbst sachlichen Wert zu.
Was aber völlig unentbehrlich ist, sind zwei Dinge: das _Wort_ und das _stehende Lichtbild_. Ich kann sie gemeinsam behandeln. Über die Gestaltung des Begleitvortrags habe ich in »Kino und Kunst« alles Nötige gesagt. Er hat zwei Aufgaben: erstens abermals das Bild seelisch vorzubereiten und seine Lücken auszufüllen, zweitens den Geist darüber hinauszutragen. Die letztere Aufgabe kann in Verbindung mit einer Kinovorführung nur angesponnen, nicht ausgeführt werden. Wir wollen sie aber dennoch nicht unbeleuchtet lassen, um uns abermals gewärtig zu bleiben, daß alle Bildvorführung für die Erdkunde nur Mittel, nicht Zweck ist. So wie einerseits _keine_ noch so vollendeten Naturnachbildungen ohne geistige Nachteile von Zuschauern aufgenommen werden können, die nicht über genügenden Vergleichsstoff aus _eigner_ unmittelbarer Anschauung verfügen (worüber wir im Absatz »Schule« gesondert sprechen) --, so ist anderseits alles von der Natur Geschaute nur Mittel und Vergleichsstoff für die _eigentliche_ geistige Aufgabe der Erdkunde: eben aus der Welt der Erscheinungen zu den _Gedanken_ über sie zu gelangen, ihre Gesetze und Kraftverhältnisse, ihre Ursachen und ihre Zukunft, ihr Wesen und ihren Geist zu untersuchen. _Darüber_ spricht sich die Natur nicht, die Abbildung noch weniger aus. Was uns das Bild zeigt -- auch das müssen wir uns einmal wieder ins Gedächtnis rufen -- _sind_ ja gar nicht die vom Menschen bereits genannten und gemessenen, mit Erkenntnisgesichtspunkten und Gefühlswerten übersponnenen, menschlich geaichten Naturwerte, sondern es ist die Urnatur in ihrer unentdeckten Namenlosigkeit. Das ist nicht eine Grübelei, sondern eine sehr wichtige Alltagswahrheit, deren Übersehen wieder eine der Hauptursachen für die mangelhaften Erfolge »reformerischer« erdkundlicher Vorführungen in Kinotheatern usw. ist. Man stelle sich vor: da erscheint jenseits einer Flußfläche ein schlicht kegelförmig zugespitzter hoher Berg, oben mit Schnee bedeckt. Im Vordergrund wogen Binsen um einen Fischersteg. Vor dieses Bild setzt die Mägde und die Kuhknechte, die Käsehändler und Pflasterarbeiter einer Kleinstadt. Was sollen sie dazu sagen, was soll sie daran fesseln? Gewiß, es ist ganz »schön« -- aber das, was _sie_ urwüchsigerweise im Kino suchen, nämlich merkwürdige »Bewegungen«, sind gar nicht drin. Das Bild gefällt nicht! Nun sagt der Vorführer einen Namen: Der Berg Fujijama. »Ah!« entringt es sich den anwesenden gebildeten Besuchern. »Das also ist der Fujijama, so sieht er wirklich aus!« Eine Fülle von Gedankenverbindungen erweckt ihnen das Wort -- ihnen, aber immer noch nicht den andern! Wenn _denen_ nun ein Berufener in einer Sprache, die sie verstehen, sagen würde: »Hier ist es gar nicht irgendeine 'merkwürdige' Bewegung, die euch fesseln soll, sondern ihr sollt das und das dabei denken,« wenn er ihnen etwa vorher ein paar japanische Künstlerbilder von dem Heiligen Berge zeigt, ein japanisches Gedicht oder eine Sage von ihm erzählte -- oder wenn er statt dessen wertvolle wissenschaftliche Angaben (immer in der Sprache der Einfachen) über ihn machte: damit würde er ihnen die richtigen _Augen_ geben, mit denen gesehen auch ihnen das Bild reizvoll erscheinen würde. Denn sein Wert liegt in dem, was wir, was ein ganzes Volk sich dabei denkt, in dessen Phantasie der Berg den Mittelpunkt bildet; sein Hauptwert liegt in dem, was das Bild _nicht_ zeigt, im Gedanklichen. Was ich hier am Beispiel der Einfachen zeige, gilt in entsprechender Anwendung bis hinauf zu den »gelehrtesten Häusern«. Niemand ist so vielwissend, daß er im Augenblick, wo irgendeine Landschaft usw. vor ihm im Kinobild auftaucht, gerade _den_ Wissensstoff genau gewärtig hat, der hier den Mittelpunkt des Interesses bildet. _Jeder_ Beschauer eines Kinobildes muß vorher darauf _eingestellt_ werden. Und das kann nur durch _Worte_ geschehen. -- Diese Worte haben aber nicht nur allgemeine Gesichtspunkte zu geben, sondern sie müssen auch einen andern Mangel des Kinobildes, das schnelle, unvorbereitete Vorüberhuschen des Bildes ausgleichen, indem sie auf seine hauptsächlich zu beachtenden Einzelheiten vorher hinweisen. Diese vorherige Hinweisung, gewissermaßen das Vorauserzählen des Kommenden, ist ein zünftiges Kunstmittel des Theaters. Dadurch, daß man eine erst künftig auf der Bühne erscheinende Person vorher nach Tracht und Art von andern beschreiben und ihre Meinungen darüber tauschen läßt, wird das Interesse an dem Kommenden nicht vermindert, sondern vermehrt.
Das letzte, nicht das schlechteste Ergänzungsmittel des erdkundlichen Bildes, das zugleich das Wort in hohem Grade entlastet, ist das _Lichtbild_. Es hat vor dem Bewegungsbild den Vorzug, eine lange ruhige Betrachtung zu ermöglichen, die großen Grundformen einer Landschaft usw. viel besser als der davonlaufende Film erkennen zu lassen, und auch künstliche Darstellungen, Schemen, Landkarten, Zeichnungen usw. zu ermöglichen. Es ist zugleich eine Erholung für das Auge, auch insofern, als es in einem ganz andern Sinne als der Film künstlerisch (malerisch) hervorragend sein und sowohl naturfarben wie bemalt dem besten Geschmack entsprechen und zeigen kann, was dem Film fehlt. Auf ihm kann man bequem die Stellen zeigen, an denen im Laufbilde etwas Besonderes zu beachten ist, und man kann anschaulich machen, wie sich die besondere Örtlichkeit des Laufbildes einem großen erdkundlichen Ganzen einordnet. Kein Film sollte ohne eingehende Vorbereitung und Vorbesprechung auf der Wand erscheinen. Nichts ist ein falscheres, stilwidrigeres Wirkungsmittel gerade für das Bewegungsbild als die _Überraschung_ des Beschauers.
Alles, was wir genannt haben, läuft darauf hinaus, erdkundliche Bewegungsbilder in solcher Zurichtung, Vorbereitung, Ergänzung und Umgebung zu zeigen, daß die Beschauer das höchsterreichbare Maß von Wirklichkeitsanschauung unter allersorgfältigster Unschädlichmachung von Fehlerquellen und möglichster Erleichterung ihrer Sinnestätigkeit erhalten. So durchgeführt, vermag der Kino dem geübten Gelehrten den Forschungsgegenstand selbst in einem gewissen Grade zu ersetzen, dem Wissensbeflissenen wird er ein verläßliches Hilfsmittel, dem Schüler ein nicht irreführender Wegweiser, dem Künstler ein Genuß, jedermann eine geistige Bereicherung und der Menschheit ein Nutzen und eine kulturfördernde Völkerverbindung sein.
II. Wissenschaftliche Erdkunde
Das Wort »wissenschaftlich« wird im Zusammenhang mit Kinematographie geflissentlich mißbraucht. Man bezeichnet frischweg jeden Film nach Naturvorgängen als »wissenschaftlich«. Für alle andern bleibt ja das schöne Schildchen »künstlerisch«. In Wirklichkeit kann von »wissenschaftlicher« Kinematographie im strengen Sinne nur da gesprochen werden, wo diese Technik -- wie etwa das Mikroskop -- der _Forschung_ neue Möglichkeiten eröffnet, also etwa gestattet, Dinge zu beobachten, deren man ohne sie nicht habhaft werden konnte, oder alte in solcher Weise, die vorher nicht möglich war. Erst im weitern Sinne lassen sich Filme als wissenschaftlich bezeichnen, die alle Anforderungen erfüllen, um wenigstens als Hilfsmittel im auf wissenschaftliche Ziele gerichteten Unterricht verwendet werden zu können. Beides gilt von den bisher geschaffenen erdkundlichen Filmen nur ausnahmsweise, und wir wollen kurz untersuchen, wie weit die Kinematographie überhaupt für wissenschaftliche Zwecke brauchbar sein mag, und welche Anforderungen in diesem Falle an sie gestellt werden müssen.