Kino und Erdkunde Lichtbühnen-Bibliothek Nr. 7
Part 2
Die Grundlage aller Erdkunde ist und bleibt für alle Zeiten das unmittelbare Sinnenerlebnis, die körperliche Anschauung der Dinge, und kein Hilfsmittel wird es je ersetzen, sondern immer nur ergänzen können. Aber die Anschauung selber bedarf der Hilfsmittel, soll sie sich in einem einzelnen Kopfe in annähernd genügender Vollständigkeit ansammeln. Ich brauche nur leise zu erinnern, was wir in dieser Beziehung heute zur Verfügung haben, heute zur Verfügung weniger, in zwei, drei Jahrzehnten vielleicht zur Verfügung vieler -- wenn sie nur aufwachen und es sich zunutze machen wollten! Über dem Gedanken an Eisenbahn, Dampfschiff und Automobil, der uns zuerst einfällt, dürfen wir nicht vergessen, was heute aus dem _Straßenwesen_ der Welt selber geworden ist, wie es technisch und politisch, frei von Zöllen und Gefahren, doch der Anfang und die Voraussetzung für alle Entwicklung des Weltverkehrs war. Vor den Köpfen unserer Heerstraßen und Eisenbahnen fliehen die Geister der Wildnis, richten sich die Ruinen verfallener Paradiese wieder auf, lernen Wilde die Sprache der Verständigung. Bald werden die Entfernungen durch elektrische und Motorenbahnen, durch Wasser- und Luftflugapparate und Luftschiffe abermals um die Hälfte und mehr verkleinert werden, immer wertvoller wird unsere Lebenszeit, immer reicher die Fülle von Stoff, die wir uns unmittelbar verschaffen können. Auch an dieser Stelle möchte ich aber nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß das vollkommenste Werkzeug, um die Erde wirklich betrachtend zu erleben, das eigentlichste Arbeitswerkzeug unmittelbarer Erdkunde das _Fahrrad_ ist -- das rechtmäßige Kind des heutigen Straßenwesens möchte ich es nennen, und doch überall brauchbar, wo es nur die Spur einer Straße gibt; uns von der Unzulänglichkeit der Fußwanderung befreiend, und doch all seine Vorzüge steigernd; uns und beträchtliche Lasten schleppend und doch ganz unabhängig von Nahrung, Betriebsmitteln, Kosten und Abfahrtzeiten; unser Freund und Diener auch, wo wir es nicht fahren, sondern neben ihm her gehen; das Reisen aufs äußerste verbilligend und dabei es recht eigentlich erst ermöglichend. Ich habe diesen Gedanken ausführlich in meiner Schrift »_Radzigeunerei_« (C. Ziehlke Verlag, Liebenwerda, M 1.50) behandelt, auf die ich verweise. Allein nicht um dieses Verweises willen spreche ich hier so dringlich davon. Es liegt mir daran, hier wie überall darauf hinzuweisen, daß wir Menschen vom Anfang des 20. Jahrhunderts _ganz allgemein gesprochen über das Wesen und die Ausnutzung fast all der technischen Hilfsmittel, die uns dieses kurze Zeitalter der künstlichen Sinnenvervollkommnung geschenkt hat und bald noch schenken wird, noch nicht entfernt genug nachgedacht, daß wir vor allem den Grundsatz, der in eisernen Lettern an der Stirnseite unserer öffentlichen Bauten von heute, an der Wand unserer Arbeitszimmer und auf der ersten Seite unserer Tagebücher stehen sollte, noch nicht erfaßt, geschweige denn uns zu Fleisch und Blut gemacht haben_: _daß alle unsere Gaben und ebenso alle Gaben technischer Vervollkommnung die der Menschheit in den Schoß fallen, uns nur und nur gegeben sind, um sie mit dem Aufgebot alles Scharfsinns, aller Willenskraft und Selbstbeherrschung in den Dienst unserer geistigen Vervollkommnung, unserer geistigen Weiterbildung zu stellen, zu der Gesundheit, Körperkräfte und Maschinenkräfte einzig und allein unentbehrliche, aber untergeordnete Mittel sind_. Das in Beziehung auf eine _einzelne_ Technik nachzuweisen und immer wieder zu betonen, und den Weg dazu finden zu helfen, ist im Grunde genommen der einzige Zweck auch dieser unserer Lichtbühnen-Bändchen, wie es die Seele und das A und O aller nicht in Redensarten stecken bleibenden Kinobesserung ist.
Das zweite Hilfsmittel der Erdkunde, dem der unmittelbaren Selbstsinnenbeobachtung nachgeordnet und von ihr abhängig, aber nicht minder unentbehrlich, ist die Welt der _Anschauungsersatzmittel_. Sie dienen dazu, uns erstens ein Bild von dem zu machen, was wir eben doch nicht selber sehen können. Sie haben aber noch eine darüber hinausgehende Bedeutung: sie ermöglichen uns auch, räumlich und zeitlich Getrenntes nebeneinander oder in rascher Folge zu _vergleichen_, das Flüchtige in größerer Ruhe und Bequemlichkeit und so häufiger Wiederholung, wie wir wollen, zu betrachten und es zu _messen_, ja sie erlauben uns unter Umständen und in gewisser Richtung eine genauere sinnliche Wahrnehmung, eine gründlichere sinnliche Vertiefung und darauf folgende geistige Verarbeitung als der Anblick der Dinge selbst. Wenn sie diesem _vorangehen_, bilden sie auch eine vortreffliche Vorbereitung, um sich von der Wirklichkeit weniger überraschen und ihre kurzen Augenblicke desto trefflicher nutzen zu können. Ein Teil dieser Hilfsmittel -- die schematischen Veranschaulichungen z. B., aber im Grunde genommen jede Abbildung oder Beschreibung -- ermöglicht uns noch dazu, uns Dinge zu versinnlichen, die gar nicht unmittelbar sinnenfällig in der Wirklichkeit hervortreten: die Unterscheidung von »Haupt«- und »Neben«-Sachen, Kräftelinien usw. Jedes Bild _zerlegt_ zugleich das Veranschaulichte, indem es einen »Augenblick« davon herausgreift und es uns so als eine Kette von »Augenblicken« zu erfassen ermöglicht.
Unter all diesen Anschauungs-, Ersatz- und Ergänzungsmitteln der Erdkunde leuchtet nun die Kinematographie mit ihrem Auftauchen als »Stern der höchsten Höhe« hervor. Noch niemals vorher hat ein Mensch, hatte die Menschheit das Aussehen der Natur in solcher Vollkommenheit, solchem Reichtum und solcher unverfälschten Genauigkeit der Einzelheiten im Bilde gesehen als damals, als zum ersten Male die »lebensgroße« Photographie auf der Leinwand zu »leben« anfing, als dort die Reize einfacher Blattaufnahmen vertausendfacht erschienen. Und so, wie man im Traumesflügelschwingen wohl plötzlich, durch ein unerklärliches und nun doch sofort ganz selbstverständlich und natürlich erscheinendes Wunder sich _wirklich_ von der Schwergefühlsangst, vom Gefühl ewig unzulänglichen Strebens erlöst, und »wirklich« schwebend emporgetragen fühlt, wie man plötzlich leicht und körperlich wie ein Vogel durch die Lüfte getragen wird (nicht mit sprungbereitem Mißtrauen gegen einen, wenn auch noch so genial erdachten Flugmechanismus) --, so sahen auch wir uns plötzlich leicht und licht hinweggetragen über das stille Bedenken, das innere bängliche Hemmnis, das wir unausgesprochen bis dahin vor jeder, auch der vollendetsten Naturdarstellung gefühlt hatten, über die Frage: »Wunder-, wunderschön -- _aber_ wieviel ist Menschenhand, Menschenphantasie, und wieviel ist -- _Wahrheit_?!« Wer kennt nicht die stille Selbstbescheidung, mit der der sehnsüchtig in die Ferne, in die Wunder der Natur- und Menschenwelt Hinausdenkende, sein illustriertes Geographiebuch zuklappte -- »die _Wirklichkeit_ -- wird doch wohl noch anders sein«! Man denke anderseits an den Riesenerfolg, den ein künstlerisch weniger bedeutender Zeichner, wie z. B. Allers, mit seinen Reiseskizzen hatte, weil er in etwas dem Hunger aller Welt nach _Wirklichkeitstreue_ an Stelle aller Künstlerträume entgegenkam. Man erinnere sich ferner an die Einbuße, die die wirkliche Kenntnis von Ländern und Völkern, die Geographie und Ethnographie als _Wissenschaft_ infolge der Schwierigkeit, zu allgemeiner _Anschauung_ ihrer Gegenstände zu gelangen, bis in unsere Zeit erlitten hat. Gerade hier versagt ja angesichts der tausendfachen lebendigen _Mannigfaltigkeit_ der Dinge, die hier gerade eine Hauptsache ist, der Zeichenstift und auch, was ihn vornehmlich ergänzen mußte, das beschreibende Wort. Beide versagen, nicht nur, wo es gilt, dem Reichtum und der Beweglichkeit der Erscheinungen gerecht zu werden, sondern auch ihre Verhältnisse und ihre Bedeutung in gegenseitiger Abmessung wirklichkeitsgetreu festzuhalten. Bezeichnend sind da die bekannten »Prospekte« -- zeichnerische Wiedergaben von Landschafts-, Städte-, Raum- und Menschenszenerien. Man lege einen alten Merianschen Kupfer oder eine beliebige andere Städtedarstellung aus alter Zeit mit Photographien zusammen, die das etwa heute noch erhaltene selbe Stadtbild darstellen. Sofort hat man den Eindruck, als ob die Stadt zu Zeiten Merians aus lauter dicht gedrängten, malerisch ragenden Kirch- und Rathaustürmen, Burgen und Klöstern bestanden hätte, um die herum die Wohnhäuser verschwinden. Auf der Photographie werden die Türme klein und rücken weit auseinander, die Höhen werden unscheinbar, die Häuser sind gewachsen. Der Zeichner sah eben vor allem, was ihn _interessierte_: das _malerisch_ und das _gedanklich_ (z. B. geschichtlich) Hervorragende; das wurde ihm unter dem Stift groß, und das andere schrumpfte zusammen. Oder ein altes Platzbild: der Platz selbst erscheint ungeheuer erweitert, aber auf ihm tummeln sich Fußgänger, Reiter, Equipagen in solcher Größe und in so interessanten Stellungen und Beschäftigungen, daß man alles andere darüber vergißt. Die Photographie rückt die Maße ernüchternd zurecht. Diese Darstellungsmängel alter Zeiten wirkten aber begriffsverwirrend. Wesentlich mit durch sie glauben wir heute noch vielfach, das Mittelalter sei so viel »malerischer« gewesen als die Gegenwart und setzen auf unsern Bühnen das »malerische« Puppenspiel mit Fest- und Prunkkleidern in jeder Alltagsszene fort. In architektonischen Zeitschriften hat man manchmal Gelegenheit, ein und dasselbe Gebäude, ein und dieselbe Platzanlage nebeneinander photographisch und als zeichnerische (Architekten-) Skizze zu sehen. Selbst hier, wo doch mit genauen Maßstäben gearbeitet und zur Erhöhung des Wirklichkeitseindruckes sogar manchmal die photographische Technik nachgeahmt wird, ist man oft verblüfft, den Unterschied in der Wirkung zu sehen. Die Photographie ist -- selbst in gelegentlicher perspektivischer Unstimmigkeit -- nüchterne Wirklichkeit, die Zeichnung ein -- Künstlertraum. Woran liegt's? Kühn hinschweifende Wolken, ideal gehaltene Alleen, kleine Weglassungen von »Unwesentlichem« -- es läßt sich gar nicht aufzählen. Vor mir liegt ein geographisches Buch über »Deutschland«. Die Umschlagzeichnung (»Vom Fels zum Meer«) zeigt schneebedeckte Berge mit ausnahmslos nicht unter 45° Steigung, daneben Dünen von der halben Höhe der »Eisbedeckten«. Es _soll_ ja nur eine »dekorativ wirkende Skizze« sein -- aber was für falsche Vorstellungen sie bei denen weckt, die die Sache selbst nicht kennen, ist kaum nachzumessen. Wir alle erinnern uns doch wohl, wie gründlich wir unsere selbst aus den besten Abbildungen und Beschreibungen gewonnenen Vorstellungen haben umarbeiten müssen, als wir zum ersten Male _wirklich_ »das Gebirge«, »das Meer«, »die Tiefebene« sahen. Oder man versuche festzustellen, welche Vorstellung verschiedene Personen etwa von ein und demselben Schauplatz eines Ereignisses haben, nachdem sie dessen ausführliche Schilderung in einem Roman, in einer Gerichtsakte gelesen haben. Meistens nehmen wir in einem solchen Falle unbewußt die Zuflucht zu einem möglichst ähnlichen, irgendwo einmal gesehenen Bilde, bestenfalls zu einem ähnlichen, uns bekannten wirklichen Platze und bleiben dabei. Vielleicht _ist_ er auch wirklich ähnlich -- aber gerade Kleinigkeiten ändern hier das Bild sofort wesentlich! Die Schwierigkeit der Anschauung, der Mangel an Darstellungsmitteln, die Notwendigkeit, mit gedanklich abgeleiteten Vorstellungen (Abstraktionen) und Schemen (Typen) zu arbeiten, war die Hauptursache, weshalb eine ernst zu nehmende _allgemeinere_ geographische Bildung kaum in leisen Anfängen im 18. Jahrhundert begann. Was hier bereits die Anfänge der Kinetographie -- erst das einfache Lichtbild, dann aber entscheidend das unendlich überzeugendere, unendlich breiter wirkende Kinobild gebessert haben, ist gar nicht abzusehen.[1]
[1] Über Streben und Mängel der _literarischen_ Erdbeschreibung ist es interessant, eine zusammenhängende Darstellung, z. B. »Die Naturschilderung bei (!) den deutschen geographischen Reisebeschreibungen des 18. Jahrhunderts« von Oertel (Leipzig 1899) nachzulesen.
Die Photographie allein bringt allerdings auch »Wirklichkeit«. Sie _berichtigt_ unsere Vorstellungen, aber doch mehr auf dem Umwege über den rechnenden Verstand. Was ihr fehlt, ist die sinnliche Frische. Gewiß, ihre Landschaften, Häuser und Menschen sind »richtig« -- aber sie sind auch, von Ausnahmeleistungen abgesehen, langweilig. Die Photographie gibt zu _wenig_ von ihnen. Sie will uns einreden, Menschen und Dinge seien bloß erstarrte Schatten. Infolge der Kleinheit des Bildes sehen wir sie wie aus weiter Ferne. Was das Künstlerbild zu sehr betonte, fehlt hier -- besonders bei geographischen Bildern -- oft ganz: das Malerische, die Gedanken anregenden, beziehungsreichen Einzelheiten. Das Stereoskopbild, das die Plastik hinzufügt, wirkt um so beängstigender puppenhaft, lufthaft, mitten in einem wirklichen Augenblick erstarrt.
Das kinematographische Bild ist ein Riesenschritt weiter. Echtes Licht -- naturähnliche Größe -- zitterndes, schwelgendes Bewegungsleben, und dadurch auch ein gewisser Ersatz der Körperlichkeit -- das ist schon ganz etwas anderes! Da wird nicht nur das Auge erregt -- ein Hauch vom fernen Leben selber umweht uns, spannt all unsere Sinne, weckt Denken und Fühlen, weckt die eigne _Mittätigkeit_, das Erfassen-, das Entdeckenwollen, und die ununterbrochene Veränderung auf dem Schauplatz hält die Aufmerksamkeit wach, läßt die Teilnahme nicht zur Ruhe kommen. Die zehnte Muse -- »Illusion« -- spinnt von der Leinwand aus ihre Zauber: das Haus, die Bänke, die Menschenköpfe und die Damenhüte, die roten Lichter und die Schatten der Nischen werden unwirklich, das lebenwimmelnde Bild wird allbeherrschende Wirklichkeit. »=We put the world before you=« nennt ein englisches Filmhaus mit Recht seinen Wahlspruch -- »Wir bringen die Welt zu euch her«. Wenn Mohammed nicht zum Berge kam, muß der Berg zu ihm hin -- das Wunder ist geschehen! Wenn wir nicht zu den Wundern der Welt hinaus kommen -- und wer wird sich je den lückenlosen Anblick von ihnen _selber_ verschaffen können, welches Menschenleben wäre lang genug dazu -- so muß nun die Welt, wo sie am schönsten ist, von ihrer Oberfläche her ihre lichten Ätherwellen bis hinein zu euch in Schule, Vortragssaal und Theater senden! Und damit es _jederzeit_ geschehen kann, lassen wir die Wellen sich abdrücken in festem Stoff, packen sie ein, versenden, bewahren sie und erwecken sie beliebig zu neuem Leben -- so wie wir das Licht der Sonne, das sich vor hunderttausend Jahren in Farrenwäldern verkörperte, heute als Kohle einpacken, versenden, aufbewahren und im Ofen wieder zum Licht erwecken! Und mehr: damit es auch _allerorten_ geschehen kann, vervielfältigen wir die Ätherwellenspuren, so oft wir wollen. So sehen wir, was irgendwo _ist_, an allen Orten, und was _war_ zu allen Zeiten! So scheint also das Ideal der Schule, das Ideal der Welt von heute erfüllt: Anschauung überall statt Begriffe, Wirklichkeit statt Phantasien, Wahrheit, unverfälschte, auch hier als einzige Quelle unseres Wissens und unserer Bildung; auch da, wo die persönliche Wahrnehmung versagt!
Ist es das wirklich? Wenn unsere Freude über das Gewonnene uns nicht einen Streich spielen, nicht in Kürze in Enttäuschung und Überdruß umschlagen, ja den Segen der Kinematographie für Wissenschaft und Schule in sein Gegenteil wenden soll, so müssen wir mit demselben Willen zur Ehrlichkeit, mit der wir ihre Vorzüge anerkennen, uns ihre _Grenzen und Mängel_ vor Augen halten. Das ist ja _auch_ ein allgemeines Kennzeichen der Gegenwart, dieser Überdruß, der angesichts so vieler schöner Dinge zutage tritt -- nicht nur gegenüber technischen Hilfsmitteln, wie Kino, Fahrrad u. dgl., sondern ebenso und aus denselben Gründen gegen Theater, Illustrationswesen, Presse, die ganze »ästhetische Kultur« -- dieser Überdruß gerade der Denkenden und Gebildeten, der keine andere Ursache hat als die vorangegangene Überschätzung und daher den Mißbrauch dieser Dinge zu Zwecken, denen sie _nicht_ gewachsen sind, und in einer Art, die ihrem _Wesen_ nicht entspricht. Wie käme es sonst, daß _trotz_ der zahlreichen und oft mit Riesenkosten hergestellten erdkundlichen Filme und trotz des lebhaften Wunsches von Wissenschaftlern, Lehrern, Volksbildungsvereinen usw. weder diese Filme einzeln, noch die Kinematographie im allgemeinen ernstlich auf den betreffenden Gebieten Fuß gefaßt hat? Es liegt außer andern Ursachen, die wir untersuchen werden, daran, daß die Kinematographie überhaupt und die erdkundliche ebenfalls nicht innerhalb ihrer Leistungsmöglichkeiten und ihrem Wesen gemäß angewendet wird, daß ihr Unmögliches abgefordert und darüber ihre Höchstleistungen vernachlässigt werden. Es liegt von vornherein schon in dem jeden, der die Sache ernst nehmen möchte, abstoßenden Leugnen aller Mängel überhaupt, dem hirnlos uneingeschränkten Anpreisen der Kinematographie, all dem Unwesen der geschmacklosen Reklame, von dem sich auch viele ihrer nichtbezahlten Lobsprecher nicht freimachen können. Die Kinematographie hat keine Feinde als die Ausbeuter, die sachlich und moralisch an ihr Raubbau treiben!
Ich habe in meiner Schrift »Kino und Kunst« die der Kinematographie überhaupt aus technischen und lebenswissenschaftlichen (physiologischen) Gründen anhaftenden Mängel ausführlich dargestellt. Die Mängel physiologischen Ursprungs liegen in unserm eignen Organismus. Andere Bilder nehmen wir einfach mit den Augen auf; diese müssen unsere Augen selber erst zu Bildern machen helfen. Ein kinematographisches Bild ist eine Leistung zur Hälfte von Photographie und Projektionskunst, zur andern Hälfte von sehenden Augen. Diese erst vollführen die beträchtliche Arbeit, die aber Tausende von Bildern -- an 53 000 wurden für eine durchschnittliche Kinovorstellung berechnet! --, die ihnen da abwechselnd mit ebensoviel Verdunklungsunterbrechungen vorgesetzt werden, durch Überbrückung dieser Verdunklungen zu einer sich scheinbar bewegenden Einheit zu verschmelzen. Gerade die »Bewegung« des Bildes ist eine Arbeit nicht des Apparates, sondern unserer Augen. Und sie haben diese Arbeit unter höchst erschwerenden Umständen zu tun: aufs äußerste angestrengt durch den krassen und ausschließlichen Gegensatz von Licht und Schatten und die Überwindung einer Menge anderer Mängel, die wiederum von einem _unserer_ Organe geleistet werden muß: der mitwirkenden _Phantasie_, der blitzschnellen Denk- und eignen Vorstellungsarbeit, die ununterbrochen die in Wirklichkeit bloß vorhandenen _Andeutungen_ des Bildes erfassen und deuten und in ihnen die Vorstellung von Farbe, Plastik, Geräuschen, Düften und Berührungen ergänzen muß, die das Bild doch erst zu dem _machen_, als das es aufgefaßt sein möchte, als Wirklichkeitswiedergabe. Erschwert wird diese Nerventätigkeit durch die Unvorbereitetheit und Bruchstückhaftigkeit jedes Kinobildes. Dessen technische Mängel haben wir aber zum Teil schon angeführt. Wir vergessen ja gewöhnlich ganz (und das ist im Kino selbst auch recht gut, aber es fälscht das Ergebnis), daß dieses Bild dennoch immer nur ein Schattenbild ist, dem außer dem flächenhaften Schwarz-Weiß-Bestandteil des Wirklichkeitsanblicks so gut wie alles fehlt, was uns den Eindruck des _Lebens_ vermittelt: eben Farbe, Plastik, Geräusche, Düfte, Berührungen. Und mehr: die Tiefenwirkung (»Perspektive«) ist mehr oder minder falsch, daher auch ein Teil der Bewegungen unrichtig wirkend; Querbewegungen kommen ruckweise usw. Der Apparat zeigt uns, was er mit _einem_ Auge gesehen, wir sehen dies mit _zwei_ Augen, daher wieder etwas _anders_, als es der Kino gesehen hat und meint -- nicht die Wirklichkeit, sondern ein Bild, aber ein sich bewegendes; aber nicht sich bewegende Körper, sondern sich bewegende Flächenausschnitte -- Schatten. Unsere Nerven müssen fortwährend eine angestrengte Übersetzungsarbeit -- aus dem Kinematographischen zurück ins Wirkliche -- leisten, um so mehr, je mehr der Kino sich der Wirklichkeit durch bestechende Ähnlichkeiten annähert; und diese Übersetzungsarbeit ermüdet sie bald und sehr. Trotzdem versagen sie _allein_ -- wenn wir nicht nachhelfen -- in der Hälfte ihrer Aufgaben; sie versagen in vielen Fällen schon bei dem Bestreben, überhaupt zu erkennen, _was_ das Bild wiedergeben will, besonders infolge des Mangels an Farbe, Tiefe und Plastik, durch den sich oft vorn und hinten kaum voneinander abhebt, Fremdes sich zu Lichtknäueln zusammenballt und Zusammengehöriges bloß etwa durch verschiedene Beleuchtung seiner Teile auseinanderreißt. Bei alledem habe ich nur mehr _gute_, mit voller Beherrschung der Technik und an Kunstwerken und Kunstdenken geübtem Geschmack hergestellte Bilder im Auge, wie ich sie in »Kino und Kunst« beschrieben habe. Vor _andern_ Bildern durchschnittlicher Art wachsen die Schwierigkeiten noch mehr. Selbst die besten aber, das ist uns durch das Voraufgegangene hoffentlich abermals klar geworden, sind für sich allein so gut wie ohne _jeden_ erdkundlichen Wert -- sie zeigen weniges nur bruchstückhaft, schattenhaft, falsch und irreführend. Der Kinofilm -- jeder, ganz besonders aber der erdkundliche -- bedarf der _Ergänzung_, um _überhaupt_ etwas zu sein. Um dem einen von vornherein unterscheidenden sprachlichen Ausdruck zu geben, habe ich die mit allen nötigen Mitteln zu einem »Kunstwerk«, d. h. zu einer in sich geschlossenen Darstellungs- und »Ausdrucks«-Einheit erhobene Kinematographie -- mit welchem Wort wir künftig die Herstellung und Vorführung von Bewegungsbildern _allein_ bezeichnen -- mit dem Worte »_Kinetographie_« benannt. »Kinetographie« -- wie wir das Wort auch hier anwenden wollen (über seinen sprachlichen und sachlichen Sinn vgl. »Kino und Kunst«) -- bedeutet also ausschließlich die _Vorführung_ von Bewegungsbildern im Rahmen einer zu einem Gesamtkunstwerk erhobenen Vorstellung, ergänzt durch alles, was dazu dient, das Bewegungsbild selbst seelisch richtig vorzubereiten, Sinne, Nerven und Hirn auf das Wesentliche einzustellen, seine nervösen Kraßheiten auszugleichen, und das, was der Film _nicht_ zeigen kann, durch andere Mittel zur Anschauung und zum Verständnis zu bringen.
Zum allgemeinen Verständnis dieser Forderungen, soweit sie aus dem _ästhetischen_ Bedürfnis, der »Schönheits«-Forderung im durchgeistigten Sinne des Wortes, hervorgehen, muß ich abermals auf meine mehrmals genannte Schrift verweisen. Hier aber ist Gelegenheit, noch einmal von der _andern_ Seite her, nämlich aus unserm rein sachlich-wissenschaftlichen Gesichtspunkt, die Forderung nach Vollendung _jeder_ kinetographischen Vorführung zu begründen und zu beleuchten. Es handelt sich nicht in erster Linie um den Wunsch, der kinematographischen Landschaftsdarstellung an sich auch künstlerische Werte abzugewinnen, etwa durch »malerische« Wahl des Bildausschnittes und handarbeitliche Beeinflussung und Nachhilfe der Herstellungsvorgänge. Sondern hier fordern wir die Anwendung des geläutertsten Geschmacks und der gewissenhaftesten und erfindungsreichen Erfüllung aller Schönheitsforderungen lediglich im »ästhetischen«, d. h. (im Ursinne des Wortes) im Interesse der _Sinne_ unserer Zuschauerschaft, damit nämlich ihre Sinne geschont, unterstützt, vervollkommnet und vor Irrschlüssen bewahrt werden. Nicht um ihnen »Genuß« von außen her zu verschaffen, sondern um ihnen eigne richtige Erkenntnisarbeit zu ermöglichen. _Nicht_: wissenschaftliche oder Schulkinovorführungen dürfen _auch_ »künstlerisch« vollkommen sein, sondern sie in erster Linie _müssen_ vollkommene Kunstwerke im Sinne der Vollendung in ihrem eignen Wesen sein, wenn sie überhaupt irgendwelchen -- erdkundlichen Lehrwert haben sollen.