Kindheit: Autobiographische Novelle
Part 9
Damit lief er nach unten. Seine Worte verscheuchten den düsteren Schatten, der auf dem Ereignis lag; ich begab mich schnell zu Großmutter.
Vorsichtig an ihren Sessel herantretend und ihre Mantille leicht berührend, fragte ich im Flüsterton: »Großmutter! Was sollen wir machen? Wir haben keine Handschuhe.«
»Was willst du, Kind?«
»Wir haben keine Handschuhe,« wiederholte ich, die andere Hand auf die Sessellehne legend. Ich wollte nur von Großmutter gehört werden.
»Was ist denn das?« sie ergriff meine rechte Hand, an der noch immer der schmutzige Handschuh mit abgeschnittenem Finger saß. »~Voyez ma chère~,« wandte sie sich an Frau Walachin und zog mich trotz meines Widerstrebens an einen sichtbaren Platz. »~Voyez comme ce jeune homme c'est fait élégant pour danser avec votre fille.~«
Großmutter hielt mich fest an der Hand und sah sich ernst aber fragend nach den Anwesenden um, bis die Neugierde aller befriedigt war und das Gelächter allgemein wurde.
Die Freude Sonjas, die über meine komische Figur mit den vier Fingern im schmutzigen Handschuh dermaßen lachte, daß ihr Tränen in die Augen traten und die Locken entzückend um ihr gerötetes Gesicht tanzten, steckte mich an: ich lachte jetzt am allerlautesten.
Sehr traurig wäre ich gewesen, wenn Serjoscha mich gesehen hätte, als ich, dunkelrot vor Scham, umsonst versuchte, meine Hand loszureißen; vor Sonja dagegen schämte ich mich nicht. Ich fühlte, daß ihr Lachen zu laut und ungezwungen war, um spöttisch zu sein. Im Gegenteil, dadurch, daß wir zusammen lachten und uns ansahen, wurden wir schneller miteinander bekannt; ich fühlte mich bald so sicher, daß ich sofort um eine Quadrille bat.
Die Episode mit dem Handschuh, die schlecht enden konnte, brachte mir den Nutzen, daß sie mir in einem Kreise, der mir stets am schrecklichsten war, -- unter Gästen -- Sicherheit gab; ich fühlte jetzt nicht die geringste Befangenheit mehr.
Das Leiden, das aus Verlegenheit entspringt, rührt daher, daß wir nicht wissen, welchen Eindruck wir auf andere machen. Sobald wir hierüber Gewißheit haben, hört das Leiden -- mag der Eindruck sein wie er will -- auf.
Wie lieb war Sonja Walachin, als sie mir gegenüber mit dem plumpen Etienne die ~Quadrille à la cour~ tanzte! Wie reizend, als ob wir uns schon eine Ewigkeit kennen würden, reichte sie mir bei der ~Chaine~ lächelnd die Hand. Wie niedlich im Takt hüpften die blonden Locken auf ihrem Kopf und wie zierlich führte sie das »~Jeté assemblé~« mit ihren kleinen Füßchen in den bebänderten Chevreauschuhen aus -- alles nach den Klängen des »Donauweibchens«, die ich bis jetzt nicht ohne süßes Herzbeben hören kann. Obgleich sie dem jungen Fürsten, der sie in eine Unterhaltung zu ziehen suchte, ebenso lieb zulächelte, war ich doch glücklich. Bei der fünften Figur, als meine Dame vor mir auf die andere Seite tanzte und ich, die Takte zählend, mich auf das Solo vorbereitete, legte Sonja ernsthaft die Lippen zusammen und sah zur Seite, als hätte sie Mitleid mit mir und fürchtete, ich könnte konfus werden. Aber diese Sorge war umsonst; ich führte kühn das ~chassé en avant~, ~en arrière~ und ~croissé~ aus, und als ich an ihr vorbeikam, zeigte ich ihr den Handschuh mit vier Fingern. Wie lieb lachte sie da, und wie lustig und naiv hüpften die Füßchen in den Chevreauschuhen auf dem Parkett. Als wir uns bei dem ~grand rond~ alle an der Hand faßten und einen Kreis bildeten, rieb sie sich, ohne meine Hand loszulassen, ihr Näschen am Handschuh.
Alles das steht mir noch heute vor Augen. Dann kam die zweite Quadrille mit Sonja.
Die Musik, das helle Licht, die Diener in weißen Krawatten, der besondere Ballgeruch -- alles das bewirkte, daß ich, neben Sonja auf meinem Stuhl mich niederlassend, anstatt einfach zu sprechen, um jeden Preis mit meinem Französisch glänzen wollte und schreckliche Dummheiten sagte.
»~Vous êtes une habitante de Moscou?~« fragte ich nach kurzem Schweigen. Als sie bejahte, fuhr ich ebenso fort: »~Et vous êtes native de quel gouvernement?~« dabei besonders auf die Wirkung des Wortes »~native~« rechnend. Als sie mich dann fragte, ob ich früher schon in Moskau gewesen sei, erwiderte ich, eine malerische Pose auf meinem Stuhl einnehmend: »~Et moi, je n'ai jamais frequenté la capitale~,« mit dem Bestreben, sie durch das Wort »~frequenter~« endgültig von meinen vorzüglichen Kenntnissen des Französischen zu überzeugen.
Indessen fühlte ich mich, so glänzend meine Unterhaltung auch war, doch nicht imstande, sie mit derselben Verve fortzusetzen; wenn nicht bald an uns die Reihe zum Tanzen kam, oder sie mir aus der schwierigen Situation hinaushalf, war ich genötigt, die ganze Zeit zu schweigen. In Erwartung ihrer Unterstützung und neugierig, welchen Eindruck mein Französisch auf sie machte, blickte ich ihr unruhig ins Gesicht.
»Wo haben Sie den komischen Handschuh her?« fragte sie mich plötzlich. Diese Frage verschaffte mir große Erleichterung und Vergnügen. Ich erklärte ihr, der Handschuh gehörte Karl Iwanowitsch, und verbreitete mich etwas über seine Person, wie komisch er wäre und wie er einmal mit seiner grünen Pekesche vom Pferd in eine Pfütze gefallen sei.
In der Unterhaltung über Karl Iwanowitsch, das Land, Pilze und das Pferd verging unmerklich die Quadrille. Alles sehr schön, aber warum hatte ich mich ironisch über Karl Iwanowitsch geäußert? Fürchtete ich wirklich, die gute Meinung, die Sonja von mir hatte, zu verlieren, wenn ich ihn mit der Liebe und Verehrung schilderte, die ich bisweilen für ihn hegte?
Bei der Beendigung der Quadrille sagte Sonja mit solch liebem und freundlichem Ausdruck »~Merci~« zu mir, als wenn sie mir wirklich für etwas zu danken hätte; ich war einfach hingerissen und erkannte mich selbst nicht wieder, so kühn, selbstbewußt, ja frech trat ich auf.
Keck schlenderte ich durch alle Räume, ohne auf etwas zu achten; bog nicht einmal aus, sondern rannte sehr unhöflich mit den Leuten, die mir begegneten, zusammen. Es gibt nichts, was mich jetzt aus der Fassung bringen kann, dachte ich. Ich bin zu allem bereit.
Serjoscha bat mich, sein ~vis-à-vis~ zu sein.
»Gut,« sagte ich, »hab' zwar noch keine Dame, werde aber schon eine finden.«
Den Saal mit einem kühnen Blick musternd, bemerkte ich, daß fast alle Damen engagiert waren; nur an der Tür stand ein großes hübsches Mädchen, auf das jetzt ein schlanker junger Mann zuschritt; offenbar in der Absicht, sie zu engagieren. Er war von ihr nur noch drei Schritt entfernt, ich dagegen am anderen Saalende. Im Nu durchflog ich, auf dem Parkett dahingleitend, den ganzen Raum, machte eine Verbeugung und bat sie mit fester Stimme um den Tanz. Das große Mädchen lächelte gönnerhaft, reichte mir den Arm, und der junge Mann hatte das Nachsehen. Ich fühlte so viel Kraftbewußtsein, daß ich meinen Sieg gar nicht bemerkte. Erst später erfuhr ich, der junge Mann hätte gefragt, wer denn der Struwwelpeter wäre, der ihm zwischen den Beinen herumgesprungen sei und so frech die Dame weggeschnappt hätte.
24. Die Mazurka.
Die Musik begann; Großmutter kam aus dem Gastzimmer; man rollte ihren weichen Sessel herein und sie setzte sich in die Saalecke zu einem alten, ordengeschmückten Herrn, der soeben vom Kartentisch aufgestanden war, und zu einer Dame. Da ich zur Mazurka keine Tänzerin hatte, stellte ich mich hinter die hohe Stuhllehne, lauschte der Unterhaltung und beobachtete die Tanzenden.
Der junge Mann, dem ich die Dame weggeschnappt, tanzte im ersten Paar. Er sprang, seine Dame an der Hand haltend, vom Stuhl auf, anstatt aber den »~pas de Basque~« zu machen, wie Mimi uns gelehrt, lief er einfach vorwärts, blieb in der Ecke stehen, stampfte mit den Hacken auf, spreizte die Beine, machte kehrt und lief hüpfend weiter.
Was macht der nur, dachte ich, das ist doch gar nicht so, wie Mimi es uns gezeigt hat; sie behauptet, die Mazurka würde schwebend auf den Fußspitzen mit kreisförmiger Beinbewegung getanzt -- nun ist es ganz anders. Da sind Iwin und Wolodja ebenfalls. Wenn er sich nur nicht blamiert, der Ärmste! Nein, wirklich gar nicht übel; er tanzt auch so. Großartig!
Die Mazurka ging zu Ende; einige ältere Herren und Damen verabschiedeten sich von Großmutter und fuhren fort. Diener trugen, den Tanzenden vorsichtig ausweichend, Geschirr in die Hinterzimmer. Großmutter war ersichtlich müde und sprach sehr gedehnt, gleichsam unlustig. Die Musikanten spielten zum dreißigstenmal träge dasselbe Motiv. In diesem Augenblick kam das große Mädchen, mit dem ich getanzt hatte, in Begleitung einer der zahllosen kleinen Fürstinnen und Sonjas auf mich zu; wohl um Großmutter zu gefallen, lächelte sie ihr zu und richtete folgende zartsinnige Frage an mich: »Rose oder Hortensie?«
»Ah, du bist hier, Freundchen!« wandte Großmutter sich zu mir um, »geh nur, geh.«
Nicht ohne Zittern und Zagen sagte ich: »Hortensie« und war noch nicht zur Besinnung gekommen, als schon eine kleine Hand im weißen Handschuh in der meinigen lag und Sonja fröhlich lächelnd auf ihren kleinen Zehenspitzen vorwärts tanzte ohne zu ahnen, daß ich mit meinen Füßen nichts anzufangen wußte.
Obgleich ich mir klar darüber war, daß das ~pas de Basque~ jetzt unangebracht, ungehörig sei und vielleicht unangenehme Folgen für mich haben könnte, wirkten die bekannten Mazurkaklänge auf mein Ohr, teilten sich den Nerven mit, die ihrerseits die Bewegung auf die Beine übertrugen, so daß diese letzteren unwillkürlich und zum Erstaunen aller Zuschauer die verhängnisvollen, gleitenden, kreisförmigen ~pas~ auf den Zehenspitzen beschrieben, die Mimi mir wahrscheinlich zum Schabernack beigebracht hatte.
Solange wir geradeaus tanzten, ging die Sache noch; als wir aber an die Biegung kamen, bemerkte ich, daß ich, beim Beibehalten des ~pas de Basque~, sicher vorwärts tanzen würde. Um das zu vermeiden, blieb ich stehen und wollte dieselben Beinbewegungen auf dem Fleck machen, die der junge Mann im ersten Paar und andere so hübsch ausführten.
In dem Augenblick, als ich die Beine spreizte und schon springen wollte, blickte Sonja, die schnell um mich herumlief, ernsthaft und neugierig auf meine Beine. Vielleicht wäre mein Sprung noch halbwegs gelungen, wenn Sonja nicht so genau zugesehen hätte. Sobald ich das aber bemerkte, verlor ich vollständig die Fassung, und statt des kühnen ~pas~, den ich beabsichtigt, wurde ich so verlegen, daß ich ohne jeden Takt, höchst komisch, und ganz unbeschreiblich auf der Stelle hüpfte. Dann blieb ich vollends stehen und sah mich um. Alle starrten mich an; einige neugierig, andere mitleidig, noch andere spöttisch. Großmutter blickte kaltblütig drein. Wolodja zwinkerte und machte mir Zeichen; Papa wurde rot, stand auf, trat zu mir und nahm mich bei der Hand.
»~Il ne fallait pas danser, si vous ne savez pas!~« raunte er mir ärgerlich ins Ohr, nahm Sonjas Arm und tanzte unter lautem Beifall der Zuschauer die Tour mit ihr nach alter Manier zu Ende.
Ich hatte nicht einmal den Mut, an meinen Platz zurückzukehren, verschwand im nächsten Zimmer und wälzte mich in stummer Verzweiflung auf einem Sofa. Dieser Übergang vom glücklichen zuversichtlichen Gemütszustand zum drückenden Bewußtsein des tiefen Falles war schrecklich. Wäre in diesem Augenblick die Möglichkeit gewesen und die Versuchung an mich herangetreten, mir das Leben zu nehmen, -- ich war so unglücklich, daß ich keine Minute gezögert hätte. Das schlimmste war, daß Sonja mich so fragend und neugierig-mitleidig angesehen hatte. Herrgott, wofür strafst du mich so hart, dachte ich. Jetzt ist alles verloren; alle verachten mich und werden mich stets verachten; mir sind alle Wege versperrt, zum Glück, zur Heiterkeit, Freundschaft, Liebe, Auszeichnung. Alles ist hin. Niemand liebt mich. Gut, jetzt will ich auch niemanden mehr lieben, alle haben sich über mein Unglück gefreut, jetzt will ich mich auch freuen, wenn ihnen etwas passiert!
Warum ist Papa rot geworden und hat mich an der Hand gefaßt? Warum hat Wolodja mir Zeichen gemacht, die alle sehen und die mir nicht mehr helfen konnten? Hätte er das nicht getan, würde niemand etwas bemerkt haben. Er hat es absichtlich getan, um mich zu blamieren; niemand, niemand hat mich hier lieb. Mama wäre sicherlich meinetwegen nicht errötet! ...
Und meine Phantasie folgte diesem Bilde weit, weit in die Ferne; ich dachte an Mama, an die Wiese vor dem Hause, die hohen Linden im Garten, den reinen Teich, über dem Schwalben hin und her schossen; an duftende Heudiemen, den blauen Himmel, an dem durchsichtige weiße Wolken standen; an einen stillen heiteren Abend, und viele andere, ruhigfreudige Erinnerungen hielten Einzug in mein aufgeregtes Gemüt.
25. Nach der Mazurka.
Die Mazurka war zu Ende. Wolodja, Iwins und der junge Fürst kamen in das Zimmer, in dem ich auf dem Sofa lag und riefen mich, als wenn nichts passiert wäre, nach oben; ich sollte meine Kräfte mit Etienne messen, der sehr prahlte und sagte, er würfe uns alle mit einem Finger um. Hätte jemand sich auch nur die leiseste Anspielung auf mein Mißgeschick erlaubt, so wäre ich rasend geworden und hätte ihnen Unannehmlichkeiten gesagt; da das aber nicht geschah, willigte ich ein, mit nach oben zu kommen, besonders da ich mich in Kraft- und Geschicklichkeitsübungen stets ausgezeichnet habe. Dieser Kampf, das Rennen, Toben und Geschrei zerstreute mich und ließ mich mein Unglück fast vergessen; nur bisweilen kam mir die Erinnerung; dann preßte ich die Zähne zusammen und schrie leicht auf, wie meistens bei sehr unangenehmer Erinnerung. Als wir zum Abendessen gerufen wurden, hatte ich meine misanthropischen Pläne schon vergessen und lief mit dem angenehmen Gefühl der Selbstzufriedenheit, die der Erfolg gebiert, nach unten. Mein Erfolg, ich darf sagen: mein Triumph, bestand darin, daß ich zweimal hintereinander den jungen Fürsten geworfen hatte, einmal derart, daß auf seiner Stirn eine sehr große und sehr lächerliche Beule zum Vorschein kam.
Beim Abendessen, als der Diener jedem von uns aus einer umwickelten Flasche Champagner eingoß, standen wir alle auf und gingen noch einmal zu Großmutter zum Gratulieren. Kaum war das geschehen, so ertönten aus dem Saal die Klänge des Großvatertanzes und überall wurden geräuschvoll die Stühle zurückgeschoben. Ich glaube, ich hätte es niemals riskiert, Sonja wieder aufzufordern, wenn nicht in dem Augenblick, als ich zögerte, Sonjas Mutter vorübergekommen wäre und zu uns beiden gesagt hätte: »Was steht ihr denn da; kommt doch.«
Sonja reichte mir den Arm, und wir liefen aus dem Saal.
Der Ringkampf, das Glas Champagner, die Nähe und Heiterkeit Sonjas ließen mich die unglückliche Mazurka ganz vergessen; ich fühlte nicht die geringste Verlegenheit mehr, war ausgelassen bis zur Tollheit.
Mit den Beinen machte ich die komischsten Dinge; ich ahmte die Gangart eines Pferdes nach, lief in kurzem Trab, hob stolz die Beine, blieb dann auf einer Stelle stehen und trampelte mit den Füßen wie ein Hammel, der über einen Hund böse ist. Dabei lachte ich aus vollem Herzen, ohne mich um den Eindruck zu kümmern, den meine ~pas~ auf die Zuschauer machten. Sonja lachte ebenfalls unaufhörlich; lachte, als wir uns Arm in Arm im Kreise drehten; kicherte, als ein Herr mit Schnurrbart und goldenem Ring am Daumen langsam die Beine hebend über ein Schnupftuch stieg, mit einem Ausdruck, als ob ihm das sehr schwer würde, und schüttelte sich vor Lachen, als ich, um meine Geschicklichkeit zu zeigen, fast bis zur Decke sprang. Dieses reizende helle Lachen, bei dem ihr Händchen wie ein Vöglein in meiner Hand zitterte, sowie der schnelle Übergang von der Verzweigung zur Heiterkeit machten mich ganz glücklich.
Als wir durch Großmutters Zimmer kamen, besah ich mich unwillkürlich in dem großen Trumeau in der Ecke. Mein Gesicht war schweißgebadet, das Haar zerzaust, die Borsten sträubten sich mehr als je -- trotzdem befriedigte mich der Gesamteindruck; die grauen, noch kleineren Augen als sonst glänzten derart, und der ganze Gesichtsausdruck war so lustig, unbekümmert und gut, gesund und frisch, daß ich mich noch niemals in so vorteilhaftem Licht gesehen hatte. Das rührte wahrscheinlich daher, daß ich mich beim Schauen in den Spiegel gewöhnlich bemühte, einen nachdenklichen und deswegen unnatürlichen dummen Ausdruck anzunehmen. Wäre ich nur immer so wie jetzt! dachte ich, dann könnte ich noch gefallen.
Als ich dann aber wieder auf das schöne Gesichtchen meiner Dame blickte, fand ich dort außer der Fröhlichkeit, Gesundheit und Sorglosigkeit, die mir in meinem Gesicht gefielen, so viel vornehme, zarte Schönheit, daß ich mich über mich selbst ärgerte; ich sah ein, wie dumm es war zu hoffen, die Aufmerksamkeit eines so herrlichen Geschöpfes jemals auf mich zu lenken.
Ich konnte nicht auf Erwiderung meiner Gefühle rechnen und wünschte sie gar nicht; meine Seele strömte auch so von Glück über. Für all meine unendliche Liebe, die vor keinem Opfer zurückschreckte, wünschte, forderte ich nichts: mir war auch so gut. Ich fühlte nur, wie mir das Blut zum Herzen strömte; daß dieses schlug wie eine Taube, daß ich etwas Sonderbares, Unverständliches wollte -- wahrscheinlich weinen.
Als wir auf dem Korridor am dunklen Verschlage unter der Treppe vorbeikamen, dachte ich: was wäre das für ein Glück, wenn man ein ganzes Jahrhundert lang mit ihr in diesem dunklen Verschlage leben könnte, so daß niemand etwas davon wüßte. Aber das ist nicht möglich, also hat es auch keinen Zweck, daran zu denken; sie geht gleich, und Gott weiß, wann wir uns wiedersehen ... vielleicht nie ...
Wir waren das letzte Paar; ich ging langsam und beschloß, ihr alles zu sagen, was ich empfand. Aber was? Und wie?
»Nicht wahr, heute war es nett?« begann ich mit leiser, zitternder Stimme und beschleunigte den Schritt, voll Schreck nicht so sehr über das, was ich gesagt hatte, als über das, was ich sagen wollte.
»Ja, sehr,« antwortete sie, mir das Köpfchen mit so gutem offenen Ausdruck zuwendend, daß meine Furcht verschwand.
»Besonders nach dem Abendessen; wenn Sie aber wüßten, wie leid es mir tut -- (›weh‹ wollte ich sagen, wagte es aber nicht), daß Sie gehen und wir uns nicht wiedersehen.«
»Warum nicht?« meinte sie, angelegentlich ihre Schuhspitzen betrachtend und mit einem Finger über den durchbrochenen Wandschirm fahrend, an dem wir vorüberkamen.
»Jeden Dienstag und Freitag um zwei Uhr fahre ich mit Mama auf dem Twerskoi Boulevard spazieren. Gehen Sie denn nicht aus?«
»Ich werde sicher um Erlaubnis bitten, und wenn man mich nicht läßt, laufe ich ohne Mütze fort. Den Weg weiß ich.«
Sonja lachte.
»Wissen Sie was?« sagte sie plötzlich, mit dem Fuß einen kleinen Apfel aus dem Wege schleudernd, »ich sage zu einigen Jungen, die zu uns kommen: ›du‹; wollen wir uns auch duzen? Willst du?« fügte sie hinzu und sah mir, das Köpfchen schüttelnd, gerade in die Augen.
In diesem Augenblick traten wir in den Saal, und es begann der zweite, lebhafte Teil des Großvatertanzes.
»Kom ... men Sie,« sagte ich, als die Musik und der Lärm meine Stimme übertönten.
»Komm, und nicht: kommen Sie,« verbesserte sie mich lächelnd.
Das »ie«, das sie möglichst derb auszusprechen suchte, erschien mir als der harmonischste Ton, den die menschliche Stimme hervorbringen kann. Ich war hingerissen.
Der »Großvater« war zu Ende; ich hatte nicht einen Satz mit »du« zustande gebracht, obgleich ich mir unaufhörlich den Kopf zerbrach und Wendungen ausgrübelte, in denen das Fürwort mehrmals vorkam. Es fehlte mir an Mut. »Willst du? Komm!« klang es in meinen Ohren und rief einen rauschähnlichen Zustand bei mir hervor: ich sah nichts als Sonja. Ich beobachtete, wie Frau Walachin sie musterte, ob sie vom Tanzen nicht zu sehr erhitzt sei und fahren könnte; wie sie sich kätzchengleich an ihre Mutter schmiegte; sah, wie ihre Locken zusammengenommen und hinter die Ohren gelegt wurden, so daß ein Teil der Stirn und die Schläfe frei wurde, die ich noch nicht gesehen hatte. Diese neuen Stellen schienen mir noch schöner als die bereits bekannten. Ich weiß noch, wie sie in ein großes wollenes Tuch so dicht eingewickelt wurde, daß, wenn sie nicht mit ihren Rosenfingern ein kleines Loch für den Mund freigemacht hätte, sie sicher erstickt wäre. Obgleich man hinter dem Tuch nur die Augen und die Nasenspitze sah, waren diese so lieb, daß ich mich von dem Anblick nicht trennen konnte. Als sie hinter ihrer Mutter die Treppe hinunterstieg, wandte sie sich schnell noch einmal um, nickte mit dem Kopf und dann sah ich sie nicht mehr.
Wolodja, Iwins, der junge Fürst, ich, wir alle waren in Sonja verliebt, standen auf der Treppe und warfen ihr Blicke nach. Wem sie eigentlich besonders zunickte, weiß ich nicht; damals war ich aber fest überzeugt, daß ich es sei.
Beim Abschied von Iwins sprach ich sehr frei, ungezwungen und sogar etwas kalt mit Serjoscha und drückte ihm die Hand.
Diese Veränderung in meinem Benehmen überraschte ihn wahrscheinlich unangenehm, denn er sah mich fragend und nicht gerade freundlich an. Wenn er begriff, daß sein Einfluß auf mich mit dem heutigen Abend sein Ende erreicht hatte, tat ihm das sicher leid, obgleich er sich bemühte, ganz gleichgültig zu erscheinen.
Zum erstenmal im Leben war ich treulos in der Liebe, und zum erstenmal empfand ich die Süßigkeit dieses Gefühls. Es war mir eine wahre Herzensstärkung, das überlebte Gefühl der Ergebenheit gegen ein frisches Liebesempfinden voll Heimlichkeit und Ungewißheit einzutauschen. Außerdem bedeutet mit einer Liebe aufhören und eine neue beginnen, doppelt lieben.
Als ich in den Saal zurückkehrte, sah ich niemanden; ich blickte alle Gäste an und suchte Sonja, obgleich ich wußte, daß sie fort sei, und ich sie unmöglich wiedersehen könnte.
26. Im Bett.
Karl Iwanowitsch war noch nicht da; wir legten uns schlafen.
Wie hatte ich, trotz seiner Gleichgültigkeit, Serjoscha Iwin so sehr lieben können? überlegte ich. Nein, er hatte meine Liebe nie verstanden, war sie nicht wert und wußte sie nicht zu schätzen. Sonja dagegen? Wie war die reizend! »Willst du; du mußt anfangen.« Ich sprang auf allen vieren hoch, stellte mir ihr reizendes Gesicht vor, bedeckte den Kopf mit der Bettdecke, stopfte sie auf allen Seiten zu, und als nirgends eine Öffnung mehr war, legte ich mich wieder hin und versank, im angenehmen Gefühl der Wärme, in süße Träume und Erinnerungen. Den Blick auf das Futter der Steppdecke gerichtet, sah ich Sonja so deutlich vor mir, wie eine Stunde vorher; ich sprach in Gedanken mit ihr, und diese Unterhaltung, die gar keinen Sinn hatte, verschaffte mir unbeschreiblichen Genuß, weil das: »du, dir, mit dir, dein« fortwährend darin vorkamen.
Diese Träume waren so klar und angenehm, daß ich vor süßer Erregung nicht einschlafen konnte; ich wollte jemandem mein Glück mitteilen. »Lieb--ling!« sagte ich fast laut, mich schnell auf die andere Seite drehend.
»Wolodja, schläfst du?«
»Nein,« erwiderte dieser schläfrig. »Was ist?«
»Ich bin verliebt, Wolodja, total verliebt in Sonja Walachin.«
»Na u--und?« meinte er gedehnt.
»Ach, Wolodja, du kannst dir nicht vorstellen wie mir ist; eben lag ich unter der Decke, und da hab ich sie so deutlich, so klar gesehen und mit ihr gesprochen -- einfach erstaunlich. Willst du glauben, so sehr ich mich schäme, aber ich möchte, Gott weiß warum, schrecklich gern weinen.«
Wolodja bewegte sich.
»Ich möchte nur eins,« fuhr ich fort, »nämlich: sie immer sehen ... weiter nichts. Bist du auch verliebt? Sag doch die Wahrheit, Wolodja.«
Sonderbar. Ich wünschte, daß alle in Sonja verliebt wären und alle es erzählten.
»Was geht dich das an,« meinte Wolodja, sich mit dem Gesicht zu mir wendend, »kann schon sein.«