Kindheit: Autobiographische Novelle

Part 8

Chapter 83,674 wordsPublic domain

Herr Forst war ein Deutscher, aber ganz anderen Schlages als Karl Iwanowitsch. Erstens sprach er gut Russisch, und mit schlechter deutscher Aussprache aber ziemlich richtig Französisch und stand im Ruf eines sehr gelehrten Herrn; zweitens war er hübsch gewachsen, trug einen blonden Schnurrbart, elegante Kleidung, eine große Rubinbusennadel und hellblaues Beinkleid mit Strippen. Überhaupt war er der sehr seltene und komische Typ eines jungen deutschen Elegants in Rußland. Man konnte merken, daß er in Gegenwart weiblicher Personen stets sehr viel Wert auf die Wirkung legte, die er auf sie ausübte; als anziehendstes Mittel in dieser Hinsicht erschienen ihm seine Waden und Schenkel, die er bei jeder Gelegenheit in Aktion setzte und an die sichtbarste Stelle brachte.

Sobald wir im Garten angelangt waren, begann das Rennen, Toben, Geschrei, die verschiedenen Spiele, die kaum erdacht sofort wieder verworfen wurden; es war herrlich. Ich war durch das Spiel und das beständige verliebte Beobachten Serjoschas so in Anspruch genommen, daß ich mich der Einzelheiten dieser Stunden nicht mehr genau erinnere. Ich weiß nur noch, daß Serjoscha einmal stolperte und in vollem Lauf mit dem Knie so heftig gegen einen Baum schlug, daß ich glaubte, das ganze Knie würde zerschmettert. Obgleich ich Gendarm und er Räuber war, konnte ich mich nicht halten, hinzulaufen und ihn zu fragen, ob er sich weh getan hätte. Er war darüber schrecklich wütend, ballte die Fäuste, stampfte mit dem Fuß auf und schrie mich mit einer Stimme, aus der man die schrecklichen Schmerzen deutlich heraushören konnte, an: »Was soll denn das? Jetzt spiele ich aber ganz sicher nicht mehr mit! Weshalb fängst du mich nicht, fängst mich nicht!« wiederholte er noch einmal, nach Wolodja und dem älteren Iwin schielend, die auf dem Weg hin und her hüpften und Reisende vorstellten. Dann kreischte er plötzlich auf und stürmte lachend hin, um sie zu fangen. Ich kann nicht sagen, wie dieser Heldenmut mich anzog; trotz der schrecklichen Schmerzen verzog Serjoscha keine Miene und vergaß keinen Augenblick das Spiel.

Vor dem Essen gesellte sich im Garten noch der kleine Grap zu uns.

Das war der Sohn eines armen Ausländers, der früher bei Großvater gelebt hatte und ihm für irgend etwas Dank schuldig war. Der kleine Grap war dreizehn Jahre alt, groß, mager, blaß, mit einem Vogelgesicht und sehr ärmlich gekleidet, dafür aber so stark pomadisiert, daß wir versicherten, an heißen Tagen schmölze die Pomade auf seinem Kopf und liefe die Jacke hinunter. Er trug ein dunkelgrünes Jackett mit einem riesigen Umlegekragen, der an ein Bettlaken erinnerte. Schwarze Höschen, aus denen er längst herausgewachsen war, bedeckten seine ungeputzten rauhen Stiefelschäfte und umspannten die dünnen Beinchen.

Der kleine Grap war ein dienstfertiger, stiller, guter Junge, mit dem man nur Mitleid haben konnte. Damals erschien er mir aber lächerlich, dumm und verachtungswürdig. Ich war fest überzeugt, daß nichts dabei sei, den armen Grap auszulachen, anzuspucken und sogar zu verprügeln; dazu war er ja geboren, um als Zielscheibe für unsere Frechheiten zu dienen. Nie kam mir in den Sinn, ihn zu bedauern.

Beim Mittagessen passierte nichts Besonderes, nur teilte Großmutter uns mit, daß abends viel Besuch kommen würde -- Damen, Musik, mit einem Worte: ein Ball.

Nach dem Essen war bis zur Ankunft der Gäste noch viel Zeit übrig, die wir möglichst gut auszunützen suchten: wir gingen nach oben und überboten uns gegenseitig in Kraft- und gymnastischen Übungen. Der kleine Grap schaute unseren Vorführungen mit blödem Lächeln zu, und als wir ihn aufforderten, doch auch etwas zu zeigen, lehnte er mit den Worten ab, er hätte keine Kräfte. Serjoscha zog die Jacke aus; sein Gesicht und die Augen glühten vor Erregung; er lachte ununterbrochen, ersann stets neue Scherze und war so lieb, daß man ihm unmöglich widerstehen konnte, vielmehr all seinen Streichen nachgeben mußte. Jetzt überlegte er einen Augenblick, blinzelte mit den Augen, schnalzte dann mit den Fingern und lief zum Bücherbord.

»Halt, meine Herrschaften, jetzt weiß ich was;« er nahm die beiden Lexika von Tatischtschew vom Bord und legte sie mitten ins Zimmer.

»Also, Leute,« er krempte seine Hemdärmel auf und maß uns alle mit einem kühnen Blick, »wer kann hierauf kopfstehen?« Und dabei führte er das Kunststück so schnell und geschickt aus, daß alle ihm Beifall zollten.

»Also, wer macht das?« fuhr er fort und wandte sich plötzlich an Grap. »Sie, Sascha?« meinte er ironisch und blinzelte uns dabei zu. »Wirklich, es ist gar nicht schwer, versuchen Sie nur.«

Grap weigerte sich schüchtern und wurde rot, als er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah.

»Nein, wirklich, warum will er gar nichts zeigen? Dieses Mädchen! Er muß unbedingt kopfstehen, unbedingt!«

Wir waren Feuer und Flamme für Serjoschas Einfall, traten auf den kleinen Grap zu, der sichtlich erschrak und blaß wurde und schrien: »Er muß auf den Kopf, auf den Kopf!« Dabei packten wir ihn an den Armen und zogen ihn zu den Wörterbüchern.

»Laßt mich, ich will selbst! Ihr zerreißt mir die Jacke!« schrie das unglückliche Opfer. Aber dieses Geschrei begeisterte uns nur noch mehr; wir vergingen vor Lachen; die graue Jacke krachte in allen Nähten. Wolodja und der ältere Iwin faßten ihn am Kopf und stellten diesen auf die Lexika. Sobald sie sagten: »los!« packten ich und Serjoscha den armen Jungen an den dünnen Beinen, mit denen er unbarmherzig strampelte, schoben die Hosen bis an die Knie in die Höhe und streckten die Beine mit lautem Gelächter aufwärts; der jüngere Iwin hielt den ganzen Rumpf im Gleichgewicht.

Dann, nach diesem lauten Gelächter verstummten wir plötzlich alle, und es wurde so still im Zimmer, daß man nur den schweren Atem des unglücklichen Grap hörte. Mir wurde recht unbehaglich zumute und ich wußte nicht recht, ob das alles wirklich komisch und lustig sei.

Serjoscha beugte sich über die Lexika und fragte in spöttischem Ton: »Das magst du wohl, mein Junge, was?«

»Weshalb quält ihr mich, was habe ich euch getan?« schrie Sascha plötzlich und schluchzte laut. Im selben Augenblick schlug er aus und traf mit dem Hacken Serjoschas Auge.

»Ach, dummer Heulfritze!« rief Serjoscha, die Zähne zusammenbeißend, bedeckte das Auge mit der Hand und stieß mit dem Fuß ein Wörterbuch unter Graps Kopf fort.

»Ihr seid gemeine Tyrannen!« brachte Grap schluchzend heraus und stieß mit dem Kopf auf den Fußboden.

Sobald wir merkten, daß nichts Lächerliches mehr dabei war, ließen wir ihn gleichzeitig los. Er schlug lang auf den Boden, die dünnen Beine klapperten wie Stelzen, er griff nach dem Hals, der beim Fall verrenkt war, stöhnte und weinte und rührte sich nicht.

Diese weinende lächerliche Gestalt mit bloßen Beinen und schmutzigen Stiefelschäften machte uns betroffen; wir schwiegen plötzlich und lächelten gezwungen.

»Altes Weib, Schwachmops!« Serjoscha trat an ihn heran, »versteht nicht einmal Spaß! ... Na, nu steh auf,« er berührte ihn mit dem Fuß.

»Ich sage dir, du bist ein frecher, ganz gemeiner Bengel!« preßte Grap wütend durch die Zähne und wandte sich ab.

»Was denn?! Erst schlägt er einen mit dem Hacken ins Auge und dann schimpft er noch!« schrie Serjoscha, nach einem Wörterbuch greifend. »Da hast du eins! und noch eins!« Er schlug den armen Jungen aus Leibeskräften mit dem Buch auf den Kopf. Grap dachte nicht daran, sich zu verteidigen, weil er wußte, daß niemand für ihn eintreten würde. »Mag sich zum Teufel scheren, wenn er keinen Scherz versteht; kommt nach unten, Leute,« meinte Serjoscha mit unnatürlichem Lächeln.

Trotz des bedeutenden Einflusses, den Serjoscha auf mich ausübte, konnte ich beim Anblick des armen Jungen, der auf der Erde lag und, das Gesicht im Wörterbuch, dermaßen weinte, daß es aussah, als würde er an den Krämpfen sterben, die seinen Körper durchzuckten -- konnte ich nicht anders, als Serjoscha vorwurfsvoll sagen: »Warum hast du das getan?«

»Das ist aber wirklich nett; kaum rührt man ihn an, so brüllt er schon los. Hab ich vielleicht geweint, als ich mir heute das Knie zerschlagen habe?!«

Das ist richtig, dachte ich. Wozu ihn bedauern! Alter Waschlappen! Serjoscha dagegen, das ist ein Junge! -- Und ich dachte nicht mehr an den armen Grap.

Ich wußte nicht, daß der Ärmste sicherlich nicht so sehr wegen der körperlichen Schmerzen als wegen der Kränkung, bei dem schrecklichen Gedanken geweint hatte, daß fünf Knaben, die ihm vielleicht gefielen, ihn ohne jeden Grund haßten und verprügelten. Damals verstand ich die ganze Grausamkeit und Unmenschlichkeit unseres Benehmens nicht; jetzt verstehe ich sie wohl, kann sie mir aber nicht erklären.

Ich glaube, Serjoscha war infolge eines falschen Ehrbegriffes so grausam, indem er seine Tapferkeit zeigen wollte; ich dagegen, weil es über meine Kräfte ging, ihm nicht alles nachzumachen. Der Hauptgrund war aber wohl folgender: Eine Eigentümlichkeit des Kindercharakters besteht darin, alle Begriffe zu verallgemeinern, sie auf eine gemeinsame Grundlage zurückzuführen. Dieses Bestreben rührt von der mangelhaften Entwicklung der geistigen Fähigkeiten her.

Ein Kind kann sich nicht vorstellen, daß etwas einerseits gut und anderseits schlecht sein kann. Die Eigenschaft eines Gegenstandes, die ihm zuerst auffällt, hält das Kind für das Wesen des Ganzen. Im Verkehr mit Menschen bildet sich ein Kind sein Urteil nach dem ersten äußeren Eindruck. Übt ein Gesicht auf das Kind einen lächerlichen Eindruck aus, so denkt es nicht an die guten Eigenschaften, die neben dieser lächerlichen Seite vorhanden sein können -- es hat sich bereits einen ungünstigen Begriff von den Gesamteigenschaften gebildet.

Dasselbe war mit mir in bezug auf den armen Grap der Fall. War er so lächerlich, so war er sicher ein schlechter Junge; war er aber ein schlechter Junge, so lohnte es sich nicht, darüber nachzudenken, ob er sich wohl fühlte oder nicht; folglich konnte man mit ihm machen was man wollte.

Wenn diese Reflexion mich auch nicht rechtfertigt, so mag sie doch als Beweis dafür dienen, daß ich meine Handlungsweise bereue und sie jetzt gern rechtfertigen möchte.

22. Die Gäste kommen.

Iwins fuhren nach Hause, um sich umzukleiden; um acht Uhr wollten sie wiederkommen.

In allen Zimmern eilten Leute mit weißen Halsbinden geschäftig und besorgt hin und her. Besonders lebhaft ging es im Eßzimmer zu, wo das Silberzeug und Kristall nach langer Verborgenheit ans Licht geholt und geputzt wurde. Im Saal roch es stark nach Terpentin; Filat stand mit umgebundener Schürze da, stieg, nachdem er ein Handtuch untergelegt, auf einen Stuhl, zündete die Lampen an, schraubte die Dochte hinauf und hinunter und setzte Lampenschirme verschiedener Form auf. Die große Stehlampe, der Dreifuß, die Wandlampen, die seit unvordenklichen Zeiten nicht mit frischen Spermazetlichten versehen waren -- alle wurden, wie im Saal, so in beiden Gastzimmern angezündet.

Die Wände, Decke, Parkett, Fries, Bilder im Gastzimmer waren von hellem Licht überflutet und hatten ein ungewöhnliches Aussehen -- so erschien mir denn alles neu. Sogar der Großvaterstuhl, die Batisttücher, Schachteln und Großmutter selbst, die verdrießlich war, weil das ganze Haus nach Terpentin roch -- sahen festtäglich aus.

Die Flurtür öffnete sich, es strömte kalt herein, dann kamen Leute in grauen Mänteln und mit sonderbaren Gegenständen unter dem Arm. Sie traten hinter den in einer Saalecke aufgestellten Wandschirm; von dort her ertönte Räuspern, Spuken; Schlösser knackten; kurze Baßstimmen: »Bitte Licht,« »Wessen Stimme ist das?« »Kolophonium,« »Gott bewahre!« Hierauf einige Pizzikato-Töne auf der Geige und endlich die ganzen schrecklichen Disharmonien eines stimmenden Orchesters: Quinten auf den Saiteninstrumenten, dumme Läufe und Triller auf Flöten, Waldhörnern usw.

Dieses Orchester war eine Überraschung des Fürsten Iwan Iwanowitsch.

Sobald ich einen Wagen rollen hörte, trat ich ans Fenster, legte die Hände gegen die Schläfen und Scheiben und suchte zu erkennen, ob die Leute zu uns zum Ball kämen. Aus der Dunkelheit, die alles vor dem Fenster einhüllte, erschien gegenüber allmählich ein längst bekannter Laden mit Laterne; schräg links ein weißes Haus mit zwei unten beleuchteten Fenstern und mitten auf der Straße eine Chaise mit zwei Insassen oder eine leere Equipage, die im Schritt heimkehrte. Aber jetzt kam bei uns ein Wagen vorgefahren, dem ich in der festen Überzeugung, es seien Iwins, die früher zu kommen versprochen hatten, entgegenlief.

Statt Iwins erschienen hinter der Bedientenhand, die den Wagen öffnete, zwei Personen weiblichen Geschlechts: eine große in blauem Mantel mit Zobelkragen, die andere -- klein, vollständig in ein langes schwarzes Tuch gewickelt, aus dem nur die kleinen Füße in Pelzstiefeln hervorguckten. Ohne meine Anwesenheit im Flur im geringsten zu beachten -- obgleich ich es für nötig gehalten hatte, ihnen eine Verbeugung zu machen -- trat die Kleine zur Größeren und blieb schweigend vor ihr stehen. Diese wickelte das große Tuch los, das den ganzen Kopf der Kleinen verhüllte, knöpfte ihren Mantel auf, und als der Diener diese Sachen in Verwahrung genommen und ihr die Pelzstiefel ausgezogen hatte, kam aus der Verhüllung ein wunderhübsches zwölfjähriges Mädchen in kurzem ausgeschnittenen Tüllkleide, in weißen Höschen und winzigen schwarzen Schuhen zum Vorschein. Den weißen Hals umschloß ein schwarzes Samtband; ihr ganzes Köpfchen war mit dunkelblonden Locken bedeckt, die vorn so gut zu dem hübschen Gesicht und hinten zu den nackten Schultern paßten, daß ich niemandem, selbst Karl Iwanowitsch nicht geglaubt hätte, diese Locken seien dadurch entstanden, daß man sie seit heute morgen mit Stückchen der »Moskauer Nachrichten« umwickelt und nachher mit einem heißen Eisen gebrannt hatte. Es sah vielmehr aus, als wäre sie mit diesem Lockenkopf geboren.

Ihre Augen waren sehr groß und vorstehend, zur Hälfte von den langbewimperten Lidern bedeckt. Diese Augen hatten einen ernsten, etwas traurigen Ausdruck. Die Lippen dagegen waren frisch, und ihre Form entsprach durchaus dem Ausdruck des Mundes.

Überhaupt war dieses Mädchen ein Wesen, von dem man kein Lächeln erwartet und dessen Lächeln infolgedessen um so bezaubernder wirkt.

Während die große Person, Madame Walachin, ihr im Wagen etwas kraus gewordenes Kleid zurechtstrich und die Kleine, ihre Tochter Sonja, sich mit augenscheinlichem Vergnügen im Spiegel betrachtete, schlüpfte ich, jetzt mit dem Wunsch, unbemerkt zu bleiben, in die Saaltür und ging drinnen nachdenklich auf und ab, als wüßte ich gar nicht, daß Gäste gekommen wären. Als die beiden den Saal halb durchschritten hatten, machte ich einen eleganten Kratzfuß und erklärte, Großmutter sei im Gastzimmer. Frau Walachin, die mir besonders wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Tochter sehr gefiel, nickte mir gnädigst zu.

Großmutter empfing die beiden sehr liebenswürdig; besonders schien sie sich über Sonjas Anblick zu freuen, die sie dicht zu sich heranrief. Sie strich ihr eine Locke zurecht und meinte, ihr Gesicht aufmerksam betrachtend: »~Quelle charmante enfant!~«

Sonja lächelte errötend und tat so lieb, daß ich ebenfalls vor Vergnügen und Verlegenheit errötete.

»Hoffentlich gefällt es dir bei mir, mein Kind,« sagte Großmutter und faßte sie unters Kinn. »Tanz und amüsiere dich, so gut du kannst. Da sind schon zwei Kavaliere,« wandte Großmutter sich an Frau Walachin und berührte mich mit der Hand. Diese Annäherung war mir sehr angenehm und ließ mich noch mehr erröten. Im Gefühl, daß meine Verlegenheit noch zunehmen könnte, und da ich auch das Rollen einer Equipage hörte, hielt ich es für angebracht, mich zu entfernen.

Im Flur traf ich die Fürstin Korpakow nebst Sohn und einer unendlichen Anzahl Töchter, einer geradezu unwahrscheinlichen, wenn man bedenkt, daß alle aus einem Schoß und einer Equipage gekommen waren. Alle Töchter glichen der Fürstin und waren häßlich; deswegen fesselte keine meine Aufmerksamkeit; ich bemerkte nur, daß alle blasse Gesichter und rötliches Haar hatten und beim Ablegen der Mäntel, Boas und Mützen durcheinander rannten, mit ihren dünnen Stimmen plapperten und lachten -- wahrscheinlich darüber, daß sie so viele waren.

Etienne war ein dreizehnjähriger, großer, fleischiger, schwitzender Knabe mit bereits »wissendem« Gesichtsausdruck, eingefallenen, blauumränderten Augen und riesigen Füßen und Händen; er war plump, seine Stimme wechselte, er schien aber sehr zufrieden mit sich und war genau so wie ein Junge, der mit Ruten gezüchtigt wird, meiner Auffassung nach sein kann. Die bläulichen Schatten unter den Augen schrieb ich infolge meiner Unerfahrenheit keinem anderen Grunde zu.

Wir standen uns ziemlich lange gegenüber und musterten uns aufmerksam, ohne ein Wort zu sprechen. Die vorübergehende Fürstin befreite uns aus dieser greulichen Lage, indem sie mich gleichzeitig all ihren Kindern vorstellte. Wir drückten uns die Hand, bewegten uns noch näher aneinander heran und wollten uns scheint's küssen; aber nach einem nochmaligen Betrachten überlegten wir es uns anders.

Als die Kleider sämtlicher Schwestern vorübergerauscht waren, begann ich, um etwas zu sagen: »Es war wohl etwas eng im Wagen?«

»Weiß nicht,« erwiderte Etienne. »Ich setze mich niemals in den Wagen. Da drinnen wird mir übel und schlecht; deswegen zwingt Mama mich nicht. Wenn wir abends ausfahren, sitze ich stets auf dem Bock. Da kann man alles sehen, und Philipp gibt mir bisweilen die Zügel, und die Peitsche nehme ich mir -- fein!« schloß er.

»Durchlaucht,« ein Diener trat in den Flur, »Philipp läßt fragen, wo die Peitsche wäre?«

»Wieso? Ich habe sie ihm doch gegeben!«

»Philipp sagt: nein.«

»Dann habe ich sie an die Laterne gehängt.«

»Philipp behauptet, sie wäre auch da nicht; sagen Sie schon lieber, daß Sie sie verloren haben,« der Diener wurde lebhafter, »nun kann Philipp mit seinem Gelde für Ihren Mutwillen aufkommen.«

Der Diener, dem Anschein nach ein rechtschaffener Mann, wenn auch mit einem Mopsgesicht, las offenbar seinem jungen Herrn nicht zum erstenmal den Text; dieser war gerade jetzt, bei unserer ersten Bekanntschaft, sehr erregt und schien die Sache nicht auf sich beruhen lassen zu wollen. Aus Zartgefühl ging ich, die Verlegenheit des jungen Fürsten bemerkend, beiseite, tat, als besähe ich das Schloß an der Tür und ließ die beiden sich aussprechen. Anders handelten die anwesenden Diener; sie rückten mit großem Vergnügen näher und blickten zustimmend auf den Diener, spöttisch auf den jungen Fürsten.

»Nun -- dann habe ich sie verloren!« sagte Etienne, weiteren Auseinandersetzungen aus dem Wege gehend in scharfem, weinerlichem Ton. »Werd' ihm schon bezahlen, was die Peitsche kostet. Lächerlich!« Er kam auf mich zu und zog mich ins Gastzimmer.

»Nein, erlauben Sie, Herr, womit wollen Sie denn bezahlen? Ich weiß, wie Sie das machen. Maria Wassiljewna bezahlen Sie schon seit acht Monaten zwanzig Kopeken; mir schulden Sie auch schon seit einem Jahr zwei Rubel fünfundzwanzig Kopeken; Petruschka ...«

»Willst du schweigen, frecher Kerl!« schrie der junge Herr, bleich vor Wut, »ich werde bestimmt alles melden.«

»Bestimmt alles melden!« wiederholte der Diener zum allgemeinen Gaudium spöttisch in grobem Baß. »Das ist nicht hübsch, Durchlaucht!« schloß er besonders eindrucksvoll und ging mit den Mänteln zur Garderobe.

»Das war recht,« sagte jemand von den Zuhörern, während wir, durch Schweigen unserer Verachtung Ausdruck gebend, uns zu Großmutter begaben.

Diese hatte eine besondere Gabe, durch Anwendung des »Du« und »Sie« in bestimmten Fällen und mit besonderer Betonung den Leuten ihre Meinung direkt ins Gesicht zu sagen. Weil sie diese Fürwörter gerade entgegengesetzt zu der allgemeinen Gewohnheit gebrauchte, bekamen sie in ihrem Munde eine ganz besondere Bedeutung. Ich bin überzeugt, daß sie sich Etienne beim ersten Anblick unter der Rute und mit allen unanständigen Einzelheiten vorstellte; sie empfing ihn sehr kalt und nannte ihn mit solchem Ausdruck der Verachtung und des Abscheus »Sie«, daß ich an seiner Stelle ganz fassungslos geworden wäre. Etienne war augenscheinlich von anderem Kaliber. Er beachtete weder die Art des Empfanges, noch Großmutters Person, sondern verbeugte sich vor der ganzen Gesellschaft nicht gerade geschickt, aber sehr ungezwungen, ging sogar zu Sonja und forderte sie zur Quadrille auf.

Sonja fesselte meine ganze Aufmerksamkeit. Ich hatte bemerkt, daß, wenn Wolodja, Etienne und ich uns im Saal am Fenster unterhielten, von wo aus wir Sonja sehen und sie mich sehen und hören konnte -- ich mit besonderem Vergnügen sprach; und wenn ich eine nach meiner Auffassung verständige oder komische Bemerkung tat, brachte ich sie lauter heraus und blickte dabei nach der Tür des Gastzimmers. Als wir aber vom Fenster fortgingen und an eine Stelle kamen, wo man uns vom Gastzimmer weder sehen noch hören konnte, schwieg ich und fand kein Vergnügen mehr an der Unterhaltung.

Gastzimmer und Saal füllten sich allmählich mit Gästen; unter ihnen waren, wie stets bei Kindergesellschaften, ein paar große Kinder, die diese Gelegenheit, sich zu amüsieren und zu tanzen, nicht vorübergehen lassen wollten, wenn auch nur, um -- anderen ein Vergnügen zu bereiten.

Als Iwins kamen, empfand ich statt der gewöhnlichen Freude bei Serjoschas Anblick eine Art Ärger, daß er Sonja sah und sich ihr zeigte.

23. Vor der Mazurka.

Als Iwins aus dem Gastzimmer zurückkamen, wo Serjoscha trotz seines angenehmen Äußeren den allgemeinen Tribut der Verlegenheit entrichtet hatte, faßte ich ihn am Ellbogen und forderte ihn auf, zum Tanz nach oben zu kommen.

»Los, los!« rief Etienne plump zutraulich, Serjoscha am Arm ziehend. »Hat euer Deutscher eine Pfeife?«

Obgleich mir die Gesellschaft des jungen Fürsten und sein freier Umgang mit Serjoscha durchaus nicht angenehm war, mißfiel mir noch mehr Serjoschas Anwesenheit im Gastzimmer.

»~Où allez vous, Mr. Serge; ne voyez vous pas, qu'on va danser?~« Herr Forst hielt uns auf. »Haben Sie Ihre Handschuhe?« fügte er hinzu.

»Gewiß; man muß Handschuhe anziehen,« Serjoscha holte ein paar neue Glacés hervor.

Und wir haben keine, dachte ich. Was soll man machen. Geschwind lief ich nach oben. Aber obgleich sämtliche Kommodenschiebladen durchgestöbert wurden, fand ich nur unsere grauen Winterhandschuhe, und einen einzelnen Glacé, der mir einmal viel zu weit war und dem obendrein der Mittelfinger fehlte -- wahrscheinlich hatte Karl Iwanowitsch ihn vor langer Zeit einmal für einen kranken Finger abgeschnitten. Ich wußte nicht, was ich anfangen sollte, zog den Rest des Handschuhs an, steckte den Mittelfinger durch das Loch und stand, den Finger auf und nieder bewegend und einen Tintenfleck aufmerksam betrachtend, sehr nachdenklich da.

Wenn jetzt Natalie Sawischna hier gewesen wäre, die hätte schon Handschuhe gefunden! Nach unten gehen konnte ich in diesem Aufzuge nicht, denn wenn man fragte, warum ich nicht tanzte -- was sollte ich erwidern? Hier bleiben konnte ich auch nicht, weil man mich finden würde. Also was tun? -- Ich rang verzweifelt die Hände. Ich war einfach verloren; schrecklich! -- sagte ich, stellte das Stearinlicht auf die offene Kommodenschieblade, senkte den Kopf auf die Brust und machte ein finsteres Gesicht.

Plötzlich ertönte unten Musik. Ich sprang unwillkürlich auf, rannte durch alle Zimmer und suchte Handschuhe: in Heften, unterm Globus, zwischen Stiefeln -- da aber keine da waren, blieb all mein Suchen umsonst.

Mit den Worten: »Was machst du denn hier?« kam Wolodja hereingelaufen, »engagiere schnell eine Dame; es geht gleich los.«

»Wolodja,« ich zeigte ihm meine vier Finger in dem Glacé und sagte mit einer fast verzweifelten Stimme, »Wolodja, du hast auch nicht daran gedacht, daß wir ...«

»Was denn?« fragte er ungeduldig.

»Wie können wir so! ...« erwiderte ich fast unter Tränen und hielt ihm meine Hand vors Gesicht.

»Ach Handschuhe,« meinte er ganz gleichgültig. »Nein, das geht nicht ... wir müssen Großmutter fragen; was die sagen wird.«