Kindheit: Autobiographische Novelle
Part 7
»Wünschen Durchlaucht zu empfangen?« sagte der Diener.
»Bitte.«
19. Die Fürstin Kornakowa.
»Ich lasse bitten,« sagte Großmutter, sich tiefer in den Sessel setzend.
Karl Iwanowitsch stand auf, strich mit der Hand seine Frackschöße glatt -- beim Hinsetzen und Aufstehen vergaß er das nie -- machte einen Kratzfuß und trat zu Großmutters Sessel.
»Sie erlauben mir, hochverehrte Frau Gräfin,« begann er, wie gewöhnlich, gedehnt und mit kläglicher Betonung, »den heutigen Tag bei meinem alten Freunde Schönheit zu verbringen, dessen Gattin, Madame Schönheit, Geburtstag feiert.«
Großmutter gab sofort ihre Einwilligung, bemerkte aber dabei, sie hätte ihn an ihrem eigenen Geburtstag lieber bei sich gesehn; indessen hätten die alten Freunde vor den neuen gerechterweise den Vorzug.
»Sie können gehen,« sagte Papa ziemlich kurz zu Karl Iwanowitsch, als dieser mit verlegenem Lächeln vor ihn hintrat. Und als er fort war, meinte Papa zu Großmutter: »Ich fürchte, er geht hier zugrunde.«
»Wieso?« fragte Großmutter, die eintretende Fürstin nicht bemerkend.
Zu meinem größten Kummer konnte Papa nicht mehr erläutern, wie Karl Iwanowitsch zugrunde gehen würde.
Die Fürstin war eine etwa fünfundvierzigjährige, kleine, schwächliche, hagere, gallige Dame mit trübgrauen, unangenehmen Augen, deren Ausdruck durchaus zu dem unnatürlich sanft lächelnden Mündchen paßte. Unter dem schwarzen Samthut mit Straußenfedern blickte hellrötliches Haar hervor. Brauen und Wimpern erschienen bei der ungesunden Gesichtsfarbe noch rötlicher. Trotzdem hatte ihr Auftreten infolge der ungezwungenen Bewegungen der winzigen Hände und der Hagerkeit in allen Zügen etwas Vornehmes und Energisches.
Die Fürstin sprach sehr viel; sie gehörte zu der Gattung von Leuten, die so reden, als wenn man ihnen widerspräche, obgleich niemand ein Wort äußert; bald erhöhte sie die Stimme, bald ließ sie sie sinken, begann plötzlich mit neuer Lebhaftigkeit zu sprechen und betrachtete dabei die Anwesenden, die an der Unterhaltung nicht teilnahmen, als suchte sie in diesen Blick neue Argumente zu legen.
Trotzdem die Fürstin Großmamas Hand küßte und sie unaufhörlich »~ma bonne tante~« nannte, bemerkte ich, daß Großmutter unzufrieden mit ihr war; als die Fürstin erzählte, weshalb Fürst Michael unmöglich zum Gratulieren hätte kommen können, obgleich er es sehr gern getan hätte, schob Großmutter eigentümlich die Augenbrauen zusammen, antwortete russisch auf die französische Rede der Fürstin und sagte ihre Worte ganz besonders in die Länge ziehend: »Ich bin Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit sehr verbunden, meine Liebe; und daß Fürst Michael nicht gekommen ist -- was soll man darüber reden! Ich weiß, daß er stets mit Arbeit überhäuft ist, und was für ein Vergnügen wäre es für ihn, bei einer alten Frau herumzusitzen.«
Und ohne der Fürstin Zeit zur Erwiderung zu lassen, fuhr sie fort: »Wie geht es Ihren Kinderchen, meine Liebe?«
»Gott sei Dank wachsen sie, lernen, machen dumme Streiche, ~ma tante~; besonders der Älteste, Etienne, wird ein solcher Bengel, daß mit ihm nicht mehr auszukommen ist. Dafür ist er ein kluger Bursche: ~un garçon qui promet~. Können Sie sich vorstellen, ~mon cousin~,« wandte sie sich direkt an Papa, weil Großmutter sich wahrscheinlich für die Kinder der Fürstin nicht im mindesten interessierte und mit ihren eigenen Enkeln glänzen wollte, jetzt langsam meine Verse aus der Schachtel nahm und das Blatt sorgfältig umblätterte. »Können Sie sich vorstellen, ~mon cousin~, was er neulich gemacht hat?« damit beugte sich die Fürstin zu Papa und erzählte ihm fast flüsternd etwas sehr lebhaft. Als die Erzählung beendet war, die ich nicht verstand, meinte sie, Papa direkt ins Gesicht blickend: »Ist das ein Junge, nicht wahr? Obgleich er einfach Prügel verdiente, ist der Einfall doch so klug und komisch, daß ich ihn nur ausgescholten habe, ~mon cousin~.«
Dann richtete die Fürstin den Blick auf Großmutter und fuhr fort, stumm zu lächeln.
»Schlagen Sie denn Ihre Kinder?« fragte Großmutter, immer noch mit meinem Gedicht in der Hand.
»Ach, ~ma bonne tante~,« erwiderte die Fürstin mit einem Blick auf Papa, »ich weiß nicht, wie Sie über diesen Gegenstand denken, aber erlauben Sie mir, hierin eigener Meinung zu sein. Wieviel habe ich nicht über Erziehung nachgedacht, gelesen, mir bei anderen Rat geholt -- schließlich hat die Erfahrung mich doch dahin gebracht, daß, um etwas aus den Kindern zu machen, Furcht notwendig ist. Habe ich nicht recht, ~mon cousin~?« wandte sie sich wieder an Papa. »Was aber, ~je vous demande un peu~, fürchten Kinder mehr als die Rute?«
Dabei blickte sie streng und fragend auf uns, und ich muß gestehen, mir wurde in diesem Augenblick recht ungemütlich.
»Was Sie auch sagen, ein Junge bis zum zwölften und selbst bis zum vierzehnten Jahr ist immer noch Kind. Anders mit den Mädchen.«
Welches Glück, daß ich nicht ihr Sohn bin, dachte ich.
»Das ist ja sehr schön, meine Liebe,« sagte Großmutter, meine Verse zusammenfaltend und wieder in die Schachtel legend, als hielte sie nach diesem die Fürstin nicht mehr für würdig, mein Erzeugnis zu hören. »Das ist alles sehr schön, aber sagen Sie mir bitte, wie Sie dann noch feines Empfinden von Ihren Kindern verlangen können und welcher Unterschied dann noch zwischen den Ihrigen und Bauerkindern besteht.«
Und, ihr Argument für unwiderleglich haltend, fügte Großmutter hinzu: »Übrigens kann hierüber jeder seine eigene Meinung haben.«
Die Fürstin lächelte gnädigst, um auszudrücken, daß sie diese sonderbaren Vorurteile bei einer Person, die viele so hochschätzten, nicht weiter übelnähme.
»Ach ja, machen Sie mich doch mit Ihren jungen Leuten bekannt, ~mon cousin~,« sagte sie mit einem Blick auf uns, freundlich lächelnd.
Wir standen auf, sahen die Fürstin gerade an und wußten nicht, was wir tun mußten, um zu zeigen, daß unsere Bekanntschaft geschlossen sei.
»Küßt der Fürstin die Hand,« sagte Großmutter.
»Habt eure alte Tante lieb,« sagte die Fürstin, Wolodja auf das Haar küssend. »Ich bin zwar keine nahe Verwandte, aber ich denke, es geht hier nach den freundschaftlichen Beziehungen und nicht nach dem Verwandtschaftsgrade,« wandte sie sich besonders an Großmama, die aber noch immer unzufrieden war und erwiderte: »Ach, meine Liebe, wer rechnet denn in unserer Zeit noch solche Verwandtschaft!«
»Das ist mein junger Weltmann,« deutete Papa auf Wolodja, »und dieser ein Philosoph, ein gelehrter Herr,« fügte er hinzu, während ich mir beim Küssen der kleinen dunklen Hand der Fürstin mit wunderbarer Deutlichkeit eine Rute in der Hand, und unter der Rute auf einer Bank den kleinen Etienne mit lautem Wehgeschrei: »Au, au, au! ich will's gewiß nicht wieder tun!« samt allem Zubehör vorstellte.
»Außerdem Poet; ~je vous prie de croire~,« fügte Papa hinzu.
»Welcher?« fragte die Fürstin, mich bei der Hand fassend.
»Dieser Struwwelpeter da,« sagte Papa mit vergnügtem Lächeln.
Brauche ich dem Leser, der sich meines neuen Moskauer Anzuges erinnert, zu sagen, wie diese Bemerkung mich kränkte?
Als ich bei dem Spiegel vorbeikam, hatte ich hineingeblickt. Mein Gesicht war rot wie Siegellack; auf der Nase, die noch breiter war als gewöhnlich, und auf der breiten Stirn standen dicke Schweißtropfen; der weiße Kragen lag schief auf dem zimtbraunen Frack; das pomadisierte Haar starrte nach oben; die grauen Augen blickten trübe drein; jeder mußte bemerken, daß ich mich bemühte, nachdenklich auszusehen, in Wirklichkeit aber ein häßlicher, zerstreuter Junge war.
Obgleich ich die sonderbarsten Vorstellungen von Schönheit hatte -- sogar Karl Iwanowitsch mit seiner riesigen Nase hielt ich für den schönsten Mann der Welt -- wußte ich sehr gut, daß ich häßlich sei, und darin irrte ich mich nicht.
Ich weiß noch sehr gut, wie man, als ich erst sechs Jahre alt war, beim Mittagessen über mein Äußeres sprach und wie Mama sich bemühte, in meinem Gesicht etwas Hübsches zu entdecken; sie meinte, ich hätte kluge Augen, ein angenehmes Lächeln usw., und wie sie schließlich den Einwendungen Papas und dem Augenschein nachgebend, eingestand, daß ich häßlich sei; wie sie nachher, als ich ihr gesegnete Mahlzeit wünschte, meine Wange streichelte und sagte: »Das mußt du dir merken, Nikolenka, daß dich wegen deines Gesichtes niemand lieben wird; deshalb mußt du dich bemühen, ein kluger und guter Junge zu werden.«
Dieses Vorfalls erinnere ich mich sehr gut, und die Worte gaben mir nicht nur die Überzeugung, daß ich niemals hübsch werden würde, sondern sie hatten auch Einfluß auf meine Richtung. Es kam vor, daß mich Verzweiflung ergriff; ich bildete mir ein, für einen Menschen mit so breiter Nase, so dicken Lippen und kleinen Augen gäbe es kein Glück auf Erden; ich betete zu Gott, ein Wunder zu tun und mich in einen hübschen Jungen zu verwandeln; -- alles was ich besaß und jemals besitzen würde, hätte ich für ein hübsches Gesicht hingegeben.
20. Fürst Iwan Iwanowitsch.
Als die Fürstin die Verse angehört und den Verfasser mit Lob überschüttet hatte, wurde Großmutter weicher, sprach Französisch mit ihr, sagte nicht mehr »Sie, meine Liebe« und bat sie, ihre Kinder zu schicken. Die Fürstin sagte zu und fuhr dann nach kurzem weiteren Verweilen fort.
An diesem Tage kamen so viele Gratulanten, daß der Hof den ganzen Vormittag nicht leer von Wagen wurde.
»~Bon jour, ma chère cousine~,« sagte einer der Gäste beim Eintritt ins Zimmer, Großmutter die Hand küssend.
Es war ein großer siebzigjähriger Herr in Uniform mit großen Epaulettes und einem weißen Orden auf der Brust. Sein Gesichtsausdruck war ruhig, offen. Die Ungezwungenheit und Schlichtheit seines Benehmens fielen mir auf.
Trotzdem auf dem Scheitel nur ein Halbkreis grauer Haare stehengeblieben war, und man an der Vertiefung der vom Schnurrbart nicht bedeckten Oberlippe deutlich das Fehlen der Zähne bemerkte, war sein Gesicht noch von bemerkenswerter Schönheit. Er war direkt auf Großmutter zugegangen, und obgleich ein großer Teil der Anwesenden bei seinem Erscheinen aufstand, begrüßte er die Gesellschaft erst, nachdem er Großmutter seinen Glückwunsch dargebracht hatte.
Fürst Iwan Iwanowitsch hatte dank seinem vornehmen Charakter, seiner ruhigen Tapferkeit, vorzüglicher Protektion und hervorragendem Glück schon in jungen Jahren eine jener glänzenden militärischen Karrieren gemacht, wie sie Ende vorigen Jahrhunderts möglich waren. Er blieb im Dienst und sein Ehrgeiz wurde sehr bald in einer Weise befriedigt, daß ihm in dieser Beziehung nichts zu wünschen übrigblieb. Seit der frühesten Jugend war sein Benehmen derart, als bereite er sich vor, eine glänzende Stellung in der Welt einzunehmen, die ihm später zuteil wurde. Aus diesem Grunde änderte er, obgleich auch in seinem glänzenden, tätigen, nützlichen und etwas prunkenden Leben Enttäuschungen, wie bei allen, nicht ausgeblieben waren, seinen Charakter und seine Denkart nie und erwarb sich infolgedessen die allgemeine Achtung nicht so sehr auf Grund seiner glänzenden Position, als seiner Konsequenz in allen Lebenslagen. Er war geistig durchaus nicht hervorragend, dank seiner Stellung aber, die ihm erlaubte, auf alle Widerwärtigkeiten des Lebens ruhig und sogar ein wenig verächtlich herabzusehen, war sein Gedankenkreis ein ziemlich weiter.
Da ihn alle suchten und umschmeichelten, er aber nicht immer alle Wünsche der anderen erfüllen konnte, war er trotz seines guten Herzens etwas kalt und spöttisch im Verkehr. Diese Kälte wurde aber durch die Leutseligkeit und ruhige Höflichkeit eines den allerhöchsten Kreisen angehörigen Mannes gemildert. Seine Bildung und Belesenheit ließen manches zu wünschen übrig; was man aber wissen mußte, hatte er stets bereit und verstand darüber hübsch und fesselnd zu reden.
Seine Unterhaltung war einfach; und diese Einfachheit verdeckte gleichzeitig seine Unkenntnis gewisser Dinge und stellte sein angenehmes Wesen und seine Toleranz in helles Licht. Ich glaube nicht, daß er den Lärm der großen Welt liebte, er war aber daran gewöhnt, und deswegen machte es nichts aus, ob er im Auslande oder in Moskau lebte -- er besuchte überall Bälle, wo er sich mit erlesenen Partnern an den Kartentisch setzte, und hatte seine bestimmten Empfangstage. Seine Autorität in gesellschaftlicher Beziehung war derart, daß, wenn er jemanden nicht empfing, das als ein Ereignis galt. Junge, hübsche Damen küßte er einfach auf Stirn und Wangen. Junge Leute, die er gern hatte, wurden von ihm geduzt, und mancher sehnte sich nach dieser Auszeichnung.
Großmutter war eine von den Personen, die er als ebenbürtig ansah und vor der er den gönnerhaften Ton unterließ, der ihm selbst schwer wurde. Solche Leute waren nur noch wenige am Leben, deswegen, und ferner, weil beide schon von kleinauf befreundet waren, schätzte er seine Beziehungen zu ihr und bewies ihr bei jeder Gelegenheit seine Liebe und Verehrung.
Ich konnte mich an dem Fürsten nicht satt sehen. Die Verehrung, die alle ihm bezeigten, die großen Epaulettes, die besondere Freude, die Großmutter bei seinem Anblick verriet, sowie der Umstand, daß er allein ungeniert mit ihr verkehrte und sie »~ma cousine~« nannte, flößten mir gleichen, ja vielleicht noch größeren Respekt vor ihm als vor Großmutter ein. Als man ihm mein Gedicht zeigte, rief er mich heran und sagte: »Wer kann's wissen, vielleicht wird das ein zweiter Dershawin,« und zwickte mich dabei so heftig in die Wange, daß ich nur deswegen nicht aufschrie, weil mir einfiel, daß es ja eine Liebkosung sein sollte.
Papa und Wolodja gingen hinaus; im Gastzimmer blieben nur der Fürst und Großmutter. Ich verstand den Sinn ihrer Unterhaltung nicht, weil fortwährend unbekannte Worte und Namen gebraucht wurden; trotzdem gefiel mir ihr Gespräch sehr; ich fand es schön, wie sich gehörte und hatte am Zuhören besonderes Vergnügen, weil Großmutter sich unterdessen gleichsam verjüngte; sie sprach viel, erzählte, lachte.
»Warum ist die liebe Natalie Nikolajewna nicht gekommen?« fragte Fürst Iwan Iwanowitsch plötzlich nach minutenlangem Schweigen.
»Ach, ~mon cher~,« Großmutter dämpfte ihre Stimme und legte die Hand auf seinen Uniformärmel, »ich will Ihnen sagen, was mich quält. Sie schreibt mir, ihr Gatte hätte ihr geraten zu kommen, es seien aber dieses Jahr fast gar keine Einkünfte zu verzeichnen, deswegen hätte sie von selbst verzichtet. Dann schreibt sie: ›Außerdem habe ich dieses Jahr keine Veranlassung, mit dem ganzen Hause nach Moskau überzusiedeln, ~chère maman~. Ljubotschka ist noch zu klein, und hinsichtlich der Knaben, die bei Dir wohnen, bin ich ruhiger als wenn sie hier wären.‹ Das ist ja alles recht schön,« fuhr Großmutter in einem Ton fort, der deutlich bewies, daß sie es gar nicht schön fand, »die Knaben hätten längst hierher gemußt, um etwas zu lernen und sich an die Welt zu gewöhnen -- denn welche Erziehung konnten sie auf dem Lande genießen? Der älteste ist schon dreizehn, der andere zwölf. Haben Sie schon bemerkt, ~mon cousin~,« meinte Großmutter achselzuckend, als ob sie sich über etwas wunderte, »sie sind ganz verwildert, verstehen nicht einmal, nett ins Zimmer zu treten.«
»Ich begreife nicht, ~ma cousine~,« erwiderte Fürst Iwan Iwanowitsch, »warum da fortwährend über schlechte Erträge und zerrüttete Vermögensverhältnisse geklagt wird. Er besitzt doch ein schönes Vermögen, und ihre Besitzung Chabarowka kenne ich wie mein Eigentum. Ein prächtiges Gut, das vorzügliche Einkünfte abwerfen muß.«
»Ich will Ihnen, mein wahrer Freund, sagen,« unterbrach Großmutter den Fürsten, »es kommt mir vor, als wenn das alles nur Ausreden sind, damit ›er‹ allein hier bleiben und ungeniert in seine Klubs fahren und Gott weiß was anstellen kann, ohne daß die Ärmste etwas ahnt. Sie wissen, was für ein Engel an Güte sie ist -- glaubt alles, was er ihr sagt. Er versichert, die Kinder müßten nach Moskau und sie müsse auf dem Lande bleiben -- und sie glaubt es. Wenn er ihr vorreden würde, die Kinder müßten Prügel haben, wie die der Fürstin Barbara Iljinitschna, würde sie wahrscheinlich auch das glauben,« meinte Großmutter, sich verächtlich auf ihrem Sessel umdrehend. »Ja, mein Freund,« fuhr Großmutter nach kurzem Schweigen fort, indem sie eins der beiden Batisttücher in die Hand nahm, um eine Träne abzuwischen, »ich denke oft, daß er sie weder zu schätzen weiß noch versteht, und trotz all ihrer Güte und Liebe zu ihm und dem Bemühen, ihren Kummer zu verbergen, weiß ich sehr gut, daß sie mit ihm nicht glücklich sein kann, und denken Sie an mein Wort, wenn er ...« -- Großmutter bedeckte ihr Gesicht mit dem Taschentuch.
»~O, ma bonne amie~,« rief der Fürst vorwurfsvoll, »ich sehe, Sie sind noch immer nicht vernünftiger geworden. Erblicken überall Gespenster und grämen sich darüber. Können Sie sich denn gar nicht bezwingen! Ich kenne ihn schon lange und weiß, daß er ein lieber, guter, aufmerksamer Gatte ist; besonders ein Edelmensch. ~Un parfait honnête homme~,« setzte Fürst Iwan Iwanowitsch zur Bestätigung seiner Gedanken hinzu.
Ich fürchtete, man könnte bemerken, daß ich gehört, was ich nicht zu wissen brauchte, und ging auf Zehenspitzen aus dem Zimmer.
Ich will nicht sagen, daß ich nicht verstand, wer der »er« war, dem Großmutter Vorwürfe machte und den der Fürst rechtfertigte. Worin aber die Schuld einer Person bestehen sollte, die, nach meiner Auffassung, niemals verurteilt werden konnte, das vermochte ich mir nicht zu erklären. Ich zweifelte sogar daran, ob ich diese Worte wirklich gehört und ob sie sich wirklich auf Papa bezögen. Beim Nachdenken hierüber tauchten in meinem Kopf so viel Vermutungen, Erinnerungen und Phantasien auf, daß ich durchaus keine Ordnung in meine Gedanken bringen konnte und wie stets in solchen Fällen, mich mit ganz anderen Dingen beschäftigte.
Das eine, was aus diesem Wirrwarr hervorging, war ein undeutliches Gefühl, das ich trotz aller Schrecken, die es mir einflößte, nicht loswerden konnte. Das war das Gefühl, mein Vater sei imstande, Schlechtes zu tun.
21. Iwins.
»Wolodja, Wolodja! Iwins, Iwins!« rief ich. Vom gegenüberliegenden Trottoir kamen, wie ich durchs Fenster sah, drei Knaben in blauen Pekeschen mit Biberkragen hinter einem jungen hübschen Erzieher auf unser Haus zu.
Bald nach unserer Ankunft in Moskau waren wir auf einem Spaziergange mit Papa diesen Iwins begegnet, die durch den Fürsten Iwan Iwanowitsch entfernt mit uns verwandt waren. Papa hatte uns bekannt gemacht.
Der zweite Iwin, Serjoscha, machte sofort starken Eindruck auf mich. Seine ungewöhnliche Schönheit überraschte und fesselte mich. Ich fühlte eine unbezwingliche Neigung zu ihm, vielleicht, weil sein Gesicht einen kühnen, etwas spöttischen Ausdruck zeigte; vielleicht, weil ich, mein Äußeres verachtend, an anderen den Vorzug der Schönheit übermäßig schätzte; vielleicht -- was ein sicheres Zeichen wahrer Liebe -- weil ich mir einbildete, er müsse sehr stolz sein und würde mich niemals lieben. So fürchtete ich ihn ebenso, wie ich ihn liebte. Es kam mir vor, daß zwischen ihm und mir nicht nur keine wechselseitigen Gefühle, sondern überhaupt nichts Gemeinsames, kein Vergleich bestehen könne; so hoch war meine Meinung von ihm.
Ihn sehen war für mich schon genügend, um glücklich zu sein, und eine Zeitlang waren all meine Seelenkräfte darauf gerichtet. Wenn ich sein hübsches Gesicht drei oder vier Tage nicht gesehen hatte, härmte ich mich und wurde bis zu Tränen traurig. All meine Träume betrafen ihn. Wenn ich schlafen ging, hatte ich den Wunsch, von ihm zu träumen; wenn ich die Augen schloß, sah ich ihn vor mir und liebkoste dieses Phantasiegebilde mit höchstem Genuß. Niemandem machte ich von diesem Gefühl Mitteilung, und das vermehrte seine Bedeutung und Stärke.
Als Serjoscha zum erstenmal mit mir sprach, war ich über dieses unerwartete Glück so betroffen, daß ich abwechselnd erblaßte und errötete, nicht sprechen konnte und, um meine Verlegenheit vor ihm zu verbergen, widernatürlich laut umherzutollen begann.
Vielleicht, weil meine unverwandten Blicke ihn langweilten oder verletzten, oder einfach, weil er keine Neigung zu mir fühlte, spielte und sprach er ersichtlich lieber mit Wolodja als mit mir. Trotzdem war ich zufrieden, wünschte nichts, forderte nichts von ihm und war bereit, ihm alles zu opfern.
Ein trauriger Gedanke, daß dieses schöne, reine Gefühl unbegrenzter Liebe und Ergebenheit unerwidert zugrunde ging. Ich hätte ihm gern alles gesagt, was ich auf dem Herzen hatte; eine sehr begründete Furcht aber, dieses Gefühl verspottet zu sehen, hielt mich davon ab. Ich suchte ihm in allem zu gleichen, seinen Charakter nachzuahmen, ganz gleichgültig zu erscheinen und mich ihm unterzuordnen. Er fühlte seine Macht über mich und übte sie unbewußt, aber tyrannisch bei unseren kindlichen Beziehungen aus.
Serjoscha war ein brauner, krausköpfiger, munterer Knabe mit dunkelblauen lebhaften Augen, etwas aufgeworfenem Näschen und sehr roten vollen Lippen, zwischen denen zuweilen die obere Zahnreihe etwas stark hervortrat. Er lächelte niemals, sondern brach entweder in sein lautes, hellklingendes, anziehendes Lachen aus, oder behielt seinen gewöhnlichen, ruhigernsten Ausdruck. Er hatte eine üble Angewohnheit: wenn er nachdenklich war, richtete er die Augen starr auf einen Punkt und blinzelte unaufhörlich, mit der Nase und den Augenbrauen zuckend. Alle fanden diese Angewohnheit sehr entstellend; mir aber schien sie so unaussprechlich lieb, daß ich unwillkürlich das gleiche tat; einige Tage nach unserer Bekanntschaft fragte Großmutter mich, ob mir die Augen weh täten, da ich mit ihnen klapperte wie eine Eule.
Wie mag es kommen, daß ich als Kind gern groß sein wollte und als Großer oft einem Kinde zu gleichen wünschte? Eine sonderbare Erscheinung, die ich nicht nur an mir und nicht nur bei diesen Wünschen beobachtet habe. Unerklärlich, aber trotzdem existierend, sehr zum Schaden des Menschengeschlechts. Wie oft hat dieser Wunsch, nicht mehr »klein« zu sein, bei meinem Verhältnis zu Serjoscha das überströmende Gefühl zurückgedämmt, Zärtlichkeit unterdrückt und auf diese Weise Heuchelei großgezogen. Ich wagte nicht nur nicht, ihn zu küssen (wonach ich heftiges Verlangen trug), ihn bei der Hand zu fassen, ihm zu sagen, wie ich mich freute, ihn zu sehen, sondern wagte ihn nicht einmal anders als Sergei und niemals Serjoscha zu nennen. Das war bei uns so hergebracht.
Jeder Ausdruck eines Gefühls bedeutete Kinderei und bewies, daß derjenige, der sich ihn erlaubte, noch ein Knabe war. Wir hatten die bitteren Erfahrungen noch nicht durchgemacht, die Erwachsene zur Vorsicht und Kälte in ihren Beziehungen veranlassen; wir beraubten uns des reinen Genusses feuriger Kinderliebe nur infolge des sonderbaren Wunsches, Große nachzuahmen.
Schon im Dienerzimmer traf ich Iwins, begrüßte sie und rannte spornstreichs, kaum meine Freude verbergend, zu Großmutter, um ihr mitzuteilen, daß Iwins ihr gratulieren wollten, als ob diese Nachricht sie vollends beglücken müsse. Dann folgte ich Serjoscha, ohne ein Auge von ihm abzuwenden, ins Gastzimmer und beobachtete jede seiner Bewegungen, als er Großmutter gratulierte.
Als Großmutter ihm sagte, er sei gewachsen und er darüber errötete, -- errötete ich noch mehr; als sie dem jungen Erzieher sagte: »Heute dürfen die Kinder zur Feier meines Geburtstages lauter dumme Streiche machen,« lachte er und ich ebenfalls.
Der hübsche Erzieher, Herr Forst, ging mit uns in den Garten, setzte sich auf die grüne Bank, legte ein Bein über das andere, stellte den Spazierstock mit Bronzeknopf dazwischen und zündete sich eine Zigarre an.