Kindheit: Autobiographische Novelle
Part 6
Ich blieb nach wie vor unbekümmert und ungeduldig; die zehn Sekunden, die wir bei geschlossenen Türen saßen, kamen mir wie eine Stunde vor. Endlich erhob sich alles, bekreuzigte sich und fing an, Abschied zu nehmen. Papa umarmte Mama und küßte sie mehrmals auf die Lippen. Das wiederholten beide so oft, daß es mir komisch vorkam, und ich dachte, wann das alles wohl ein Ende nehmen würde.
»Genug, mein Liebling,« sagte Papa, »wir trennen uns ja nicht auf immer.«
»Es ist aber doch schwer,« erwiderte Mama, wobei ihre Stimme vor Tränen zitterte.
Als ich diese Stimme hörte und Mamas Augen voll Tränen sah, vergaß ich alles, und die liebe Mutter tat mir so leid, und die Trennung wurde mir so schwer, daß ich bange den Augenblick erwartete, wo die Reihe des Abschiednehmens an mich kommen würde. Ich fühlte und begriff in dieser Minute, daß Mama, als sie Papa umarmte, sich schon von uns verabschiedet hatte.
Dann küßte und segnete sie Wolodja so häufig, daß ich im Glauben, jetzt ebenfalls an die Reihe zu kommen, mich schon mehrmals vordrängte. Aber Mama segnete ihn immer wieder und drückte ihn ans Herz.
Endlich umarmte auch ich Mama, schmiegte mich fest an sie und weinte helle Tränen, nur an meinen Kummer denkend.
Als wir zum Wagen gingen, drängte das lästige Gesinde zum Abschiednehmen ins Zimmer. Ihr »Bitte das Händchen«, die schallenden Küsse auf die Schulter und der Fettgeruch von den Köpfen ärgerten mich fast bis zur Erbitterung, wie das bei sensitiven Naturen vorkommt. Unter dem Einfluß dieses Gefühls küßte ich Natalie Sawischna, als sie ganz in Tränen von mir Abschied nahm, sehr kühl auf die Haube.
Wunderbar, daß ich alle Gesichter des Gesindes noch jetzt so deutlich vor mir sehe, daß ich sie mit den kleinsten Einzelheiten zeichnen könnte; Mamas Gesicht und Stellung dagegen ist mir vollständig entschwunden. Wahrscheinlich rührt das daher, daß ich mir während der ganzen Zeit nicht einmal das Herz faßte, sie anzusehen. Mir schien, daß, wenn ich das täte, ihr und mein Schmerz unerträglich werden würde.
Ich stürmte zuerst in den großen Wagen, um niemanden mehr zu sehen, und setzte mich auf den Rücksitz. Obgleich ich wegen des Verdecks des Wagens nichts sehen konnte, sagte mir mein Gefühl, daß Mama noch hier sei.
Soll ich sie noch einmal küssen oder nicht? Na, zum letztenmal, sagte ich zu mir selbst und beugte mich aus dem Wagen zur Treppe. Im selben Augenblick trat Mama mit dem gleichen Gedanken an die andere Wagenseite und rief mich beim Namen. Beim Hören ihrer Stimme wandte ich mich um, aber so schnell, daß wir mit den Köpfen zusammenstießen; sie lächelte schmerzlich und küßte mich fest, zum letztenmal.
Ich wagte sie erst anzusehen, als wir schon einige Schritte gefahren waren. Der Wind lüftete ihr blaues Tuch, das sie beim Hinaustreten um den Kopf geschlungen hatte. Jetzt senkte sie den Kopf, bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam hinein. Foka stützte sie.
Papa saß neben mir, Wolodja -- gegenüber. In seinen Augen war keine Spur einer Träne, aber er war blaß wie ein Taschentuch und schnitt bisweilen mit dem Munde schreckliche Grimassen. Ich wimmerte und schluchzte vor Tränen und dabei schnürte mir etwas die Kehle zusammen, daß ich zu ersticken fürchtete.
Papa sagte kein Wort und sah uns bisweilen teilnahmsvoll an; diese Teilnahme gefiel mir, und der Gedanke, daß meine Tränen Herz verrieten, machte mir Vergnügen und tröstete mich.
Ich setzte mich bequemer hin und betrachtete aufmerksam die nächsten Gegenstände vor meinen Augen -- das Hinterteil des Beipferdes auf meiner Seite. Ich sah, wie es mit dem Schweif wedelte, wie ein Bein das andere streifte, wie die Peitsche des Kutschers es berührte und wie es aus dem Trab in Galopp verfiel; sah, wie der Längsriemen und an diesem Längsriemen die Schnallen hin- und herrutschten -- sah so lange hin, bis sich das Geschirr an einigen Stellen mit Schaum bedeckte. Dann schaute ich in die Runde, auf die wogenden reifen Kornfelder, die dunkle Brache, auf der am Horizont ein Bauer mit Pflug und ein Pferd mit Füllen sichtbar wurden, und auf die Werstpfähle; blickte sogar auf den Kutschbock, um zu sehen, welcher Kutscher uns führe, und die Tränen in meinem Gesicht waren noch nicht getrocknet, als meine Gedanken schon weit von der Mutter schweiften, von der ich mich vielleicht für immer getrennt hatte.
Dennoch lenkte jede Erinnerung meine Gedanken zu ihr. Als wir zwanzig Werst gefahren waren, fiel mir ein, daß ich vor zwei Tagen im Garten einen kleinen Birkenpilz gefunden hatte. Ich hatte ihn nicht abgebrochen, sondern mit trockenen Blättern bedeckt, da ich warten wollte, bis er gewachsen wäre.
Jetzt fuhr ich fort und hatte ihn vergessen. Wer würde ihn pflücken? Vielleicht zertrat ihn der Gärtner, vielleicht fanden ihn Ljubotschka und Katja.
Dabei fiel mir ein, wie die beiden, besonders Ljubotschka, beim Abschied von uns geweint hatten.
Sie taten mir leid, und Natalie Sawischna ebenfalls, und die Birkenallee, und sogar die böse Mimi -- alle, alle! Und die arme Mama. Tränen traten wieder in meine Augen, aber nicht für lange.
17. Die Kindheit.
Glückliche, selige, unwiederbringliche Tage der Kindheit! Wie soll man die Erinnerung an euch nicht hegen und pflegen! Sie erhebt und erquickt meine Seele und bildet für mich die Quelle der besten Genüsse.
Man hat sich müde gelaufen und sitzt matt auf seinem hohen Kinderstuhl am Teetisch; es ist schon spät, die Tasse Milch mit Zucker ist längst geleert, Schlaf fällt auf die Augen, aber man rührt sich nicht von der Stelle -- sitzt da und hört und sieht.
Wie soll man nicht hören! Mama spricht mit jemandem, ihre Stimme klingt so lieb, so unbeschreiblich freundlich. Der bloße Klang sagt meinem Herzen so unendlich viel!
Mit schlafbeschwerten Augen blicke ich unverwandt in ihr Gesicht, und plötzlich kommt es mir vor, als würde sie ganz, ganz klein, ihr Gesicht nicht größer als ein Knopf, aber dabei sehe ich alles ganz deutlich, wie sie mich ansieht und lächelt. Ich habe es gern, daß sie so klein ist. Ich schließe die Augen noch mehr, und nun wird sie so klein, wie Jungen im Augapfel; aber dann bewege ich mich und das Zauberbild verschwindet. Ich mache die Augen kleiner, drehe mich hin und her, bemühe mich, das Bild wieder hervorzuzaubern, aber es ist umsonst. Ich stehe auf, schlage die Beine unter und lege mich bequem in den großen Lehnstuhl.
»Du schläfst wieder ein, Nikolas; solltest nach oben gehen,« sagt Mama.
»Ich will nicht schlafen,« erwidere ich, und undeutliche aber süße Träume erfüllen die Phantasie. Ein gesunder Kinderschlaf schließt die Augen, und eine Minute später ist man bewußtlos und schläft, bis man aufgeweckt wird.
Bisweilen fühlt man im Halbschlaf die Berührung einer zarten Hand; an der Berührung schon erkennt man sie und ergreift sie noch im Schlaf dicht vor dem Gesicht und preßt sie fest, fest gegen die Lippen.
Alle sind bereits fortgegangen; im Gastzimmer brennt nur noch ein Licht. Mama hat gesagt, sie würde mich wecken. Dann kommt sie, setzt sich auf den Lehnstuhl, auf dem ich schlafe, fährt mit ihrer wunderbar zarten Hand über mein Haar und flüstert mit der lieben bekannten Stimme dicht an meinem Ohr: »Steh auf, mein Liebling, es ist Zeit zu Bett zu gehen.« Kein gleichgültiger Blick stört sie, ungescheut gießt sie all ihre Zärtlichkeit und Liebe über mich aus.
Ich rühre mich nicht, presse aber ihre Hand noch stärker an meine Lippen.
»Steh doch auf, mein Engel!«
Mit der anderen Hand umfaßt sie meinen Hals, und ihre kleinen Finger bewegen sich und kitzeln mich.
Im Zimmer ist es still, halbdunkel; durch das Kitzeln und Erwachen sind meine Nerven erregt; Mama sitzt dicht neben mir, berührt mich, ich spüre ihren Duft und ihre Stimme. Das alles veranlaßt mich, aufzuspringen, meine Arme um ihren Hals zu schlingen, den Kopf gegen ihre Brust zu legen und atemlos zu rufen: »Ach liebe, liebe Mutter, wie habe ich dich lieb!«
Sie lächelt auf ihre traurige bezaubernde Art, nimmt meinen Kopf, küßt mich auf die Stirn, die Nase und die Augen und setzt mich auf ihren Schoß.
»Also du hast mich sehr lieb?« Sie schweigt einen Augenblick und sagt dann: »Hörst du, hab mich stets lieb und vergiß mich nicht. Wenn deine Mutter nicht mehr da ist, mußt du sie nie vergessen! Hörst du: nie, Nikolas.«
Und sie küßt mich noch zärtlicher.
»Hör auf, sag das nicht, liebste beste Mutter!« rufe ich, ihre Knie küssend, und dabei stürzen Tränen aus meinen Augen, Tränen der Liebe und des Entzückens.
Kommt man dann nach oben und steht in seinem wattierten Schlafrock vor dem Heiligenbild, welch wunderbares Gefühl empfindet man dann bei den Worten: »Lieber Gott, beschütze meine Eltern, Papa, Mama und Großmama, den Lehrer Karl Iwanowitsch, meinen Bruder Wolodja und meine Schwester Ljubotschka.«
Wenn ich diese Worte sprach, die meine Lippen zuerst der lieben Mutter nachstammelten, floß die Liebe zu Gott und den Eltern sonderbar in ein Gefühl zusammen. Ich wußte und fühlte, daß Gott groß, gerecht und gut sei; ich war überzeugt, daß all meine Bitten erfüllt, alle Vergehen bestraft würden, daß ich ihm für alles, alles dankbar sein müsse und daß er mich nie verlassen würde.
Kein Zweifel störte damals meine Ruhe.
Nach dem Gebet wickelte ich mich, leicht und fröhlich ums Herz, in meine Decke ein. Ein schöner Traum folgte dem anderen; aber was hatten sie zum Gegenstande? Flüchtige Dinge, dabei war ich erfüllt von Hoffnung auf helles Glück und reine Liebe. Dann fiel mir wohl Karl Iwanowitsch mit seinem traurigen Schicksal ein, der einzige Mensch, den ich für unglücklich hielt. Er tat mir so leid und ich empfand so viel Liebe für ihn, daß mir Tränen in die Augen traten und ich wünschte, Gott möge ihn glücklich machen und es mir ermöglichen, ihm meine Liebe zu zeigen -- ich wollte gern alles für ihn opfern. Dann stopfte ich mein liebstes Spielzeug, ein Häschen oder Hündchen aus Porzellan, in eine Ecke des Federkissens und freute mich, wie gut, warm und behaglich es dort liegen könne. Dann bat ich noch den lieben Gott, allen Glück und Zufriedenheit zu geben und morgen zum Spazierengehen schönes Wetter zu machen, legte mich auf die andere Seite, Gedanken und Träume vermischten sich, und ich schlief leise und sanft mit tränenfeuchtem Gesicht ein.
Werden sie je wiederkehren, die Frische, Sorglosigkeit und Glaubensstärke, die ich unbewußt in der Kindheit besaß? Welch schönere Zeit kann es geben, als die, in der die zwei höchsten Tugenden: unschuldige Heiterkeit und ein unendliches Bedürfnis zu lieben, die Haupttriebfedern im Leben waren. Wo sind die gläubigen Gebete geblieben? wo die schönste Gabe: reine Tränen der Rührung? Kam ein tröstender Engel geflogen, trocknete lächelnd diese Tränen und hauchte der reinen Phantasie des Kindes süße Träume ein? Hat das Leben wirklich so schwere Spuren in meinem Herzen hinterlassen, daß dieses Entzücken und diese Tränen auf ewig verschwunden und nur Erinnerungen geblieben sind?
18. Verse.
Am 8. September 1836, fast einen Monat nach unserer Ankunft in Moskau war Großmutters Geburtstag. Um zehn Uhr morgens saß ich im Moskauer Hause im Klassenzimmer an einem großen Tisch und schrieb; auf der anderen Tischseite machte der Zeichenlehrer die letzten Verbesserungen an einer Bleistiftzeichnung, die einen Türken im Turban darstellte. Wolodja stand mit ausgerecktem Halse auf den Zehenspitzen hinter ihm und blickte dem Lehrer über die Schulter. Dieser Kopf war Wolodjas erste Zeichnung, die heute an Großmutters Geburtstag mit folgender Inschrift auf dem Ärmel des Türken überreicht werden sollte: »Woldemar Irtenef, 8. Sept. 1836, Moscou.«
»Wollen Sie hier nicht noch etwas mehr Schatten hinbringen?« fragte Wolodja, auf den Hals des Türken deutend.
»Nein, das ist nicht nötig,« erwiderte der Zeichenlehrer, Bleistifte und Reisfeder in die Schieblade legend, »jetzt ist es gut; rühren Sie es nicht mehr an. Nun aber Sie, Nikolenka,« er erhob sich, den Türken weiter von der Seite betrachtend -- »verraten Sie uns doch endlich Ihr Geheimnis: was schenken Sie der Großmutter? Am besten wäre ebenfalls ein Kopf. Adieu, meine Herren.« Er nahm seinen Hut und verließ das Zimmer.
In diesem Augenblick war ich auch der Ansicht, daß ein Kopf besser sei als die Arbeit, mit der ich mich quälte. An dem Abend, als man uns mitteilte, wir sollten ein Geschenk zu Großmutters Geburtstag vorbereiten, kam mir der Gedanke, ihr bei dieser Gelegenheit ein Gedicht zu machen, und ich verfaßte sofort zwei gereimte Strophen in der Hoffnung, die übrigen ebensoleicht hinzufügen zu können. Meinen Plan vertraute ich niemandem an; alle Fragen beantwortete ich damit, ich würde sicher ein Geschenk darbringen, aber niemandem sagen, worin es bestände. Dann ging ich sogleich ans Werk.
Wider Erwarten stellte sich heraus, daß ich außer den beiden im ersten Feuereifer ersonnenen Strophen, trotz aller Anstrengung nichts Gescheites mehr zustande bringen konnte.
Um mir die Mühe zu erleichtern, nahm ich Zuflucht zu einer List. Ich las alle Verse, die mir in die Hände fielen; da die Auswahl aber nicht groß war und ich nirgends Glückwünsche fand, überzeugte mich die Lektüre von Puschkin, Dershawin und anderen noch mehr von meiner Ohnmacht und Talentlosigkeit. Dann kramte ich unter Karl Iwanowitschs Papieren, der, wie ich wußte, oft Gedichte verfaßte. Unter seinen Manuskripten fand ich ein Produkt, das wahrscheinlich seiner Feder entstammte. Hier ist es:
An Frl. L.
Denke mein: nahe, Denke mein: fern, Denke mein: immerdar, Denke mein: gern. Denke mein bis an das Grab, Wie ich so treu geliebt dich hab!
Petrowskoie, 12. Juni 1828. Karl Mauer.
Dieses mit großen runden Buchstaben auf dünnes Briefpapier geschriebene Gedicht gefiel mir wegen des rührenden Gefühls, von dem es durchdrungen ist. Ich las es einigemal durch und lernte es auswendig. Vorher, als ich mir die gedruckten Verse zum Muster genommen hatte, sah ich deutlich, daß meinen eigenen etwas mangelte und geriet darüber in Verzweiflung. Jetzt, mit dem Rückhalt dieser Verse, die ich nachzumachen suchte, ging die Sache weit leichter. Am Geburtstage war ein Glückwunsch aus zwölf Strophen fertig; am Tisch im Klassenzimmer schrieb ich ihn auf Velinpapier ab.
Schon waren zwei Bogen verdorben ... nicht, weil ich etwas ändern wollte -- die Verse schienen mir ausgezeichnet; aber von der dritten Zeile an kletterten die Versenden immer höher und höher, so daß man schon von weitem sah, wie schief das Gedicht war und daß es nichts taugte.
Obgleich die dritte Abschrift ebenso schief war wie die übrigen, beschloß ich, jetzt nichts mehr abzuschreiben. Dagegen machte mir ein ganz anderer Umstand Schwierigkeiten. In meinem Gedicht gratulierte ich zunächst der Großmutter zum Geburtstag, wünschte ihr viele, viele Jahre Gesundheit, dankte ihr dann für ihre Liebe und schloß, meine Gefühle beschreibend:
»So will ich dich auch stets erfreun, Du sollst wie meine Mutter sein.«
Die Sache war nicht übel, aber der letzte Vers gefiel mir nicht, er beleidigte direkt mein Ohr. »Wie meine Mutter« wiederholte ich für mich, »Du sollst wie meine Mutter sein --« es ging; ich wollte es doch aber lieber ändern. Wie einen anderen Schluß finden? Dein? Weih'n? Ich will dir alle Kräfte weih'n. Ach was, sagte ich mir, es geht schon. Immer noch besser als Karl Iwanowitschs Verse. So schrieb ich die letzte Strophe hin. Dann ging ich ins Schlafzimmer und deklamierte alles laut mit Gesten und sehr ausdrucksvoll.
Die ersten Strophen hatten gar kein Versmaß; aber dabei hielt ich mich nicht lange auf. Die letzte Zeile dagegen berührte mich immer stärker und unangenehmer. Ich setzte mich auf mein Bett und überlegte. Warum hatte ich geschrieben: »wie meine Mutter.« Warum sie erwähnen? Sie war doch nicht hier! Ich liebte und verehrte Großmutter, weil sie so respektgebietend war; aber das war doch nicht das! Warum, warum hatte ich die Worte geschrieben? Ich begriff es wohl undeutlich, fühlte aber dabei, daß, der Großmutter sagen, sie solle wie meine Mutter sein -- erstens falsch und zweitens überflüssig sei. Wozu ihr das sagen? Nein, es war nicht hübsch! Ich zerbrach mir den Kopf, wie ich die letzte Zeile ändern könnte; aber das ging nicht so einfach -- ich mußte dann die letzten vier Zeilen des Gedichts, die alle den gleichen Reim hatten, umdichten -- ein Drittel des ganzen Gedichtes. Vielleicht hätte ich auch das noch fertiggebracht; aber jetzt hörte ich, wie der Schneider mit meinem neuen Frack kam.
»Also mag es schon so bleiben,« sagte ich ärgerlich, schob die Verse unter das Kissen und lief, um den Moskauer Anzug anzuprobieren.
Er erwies sich als vorzüglich. Der zimtbraune Frack mit blanken Knöpfen lag prall am Körper an, nicht so auf Zuwachs berechnet, wie auf dem Lande für uns gearbeitet wurde; die schwarze, ebenfalls enge Hose umspannte wundervoll die Schenkel und fiel gefällig auf die Stiefel.
»Endlich richtige Hosen mit Strippen,« dachte ich, vor Freude außer mir und besah von allen Seiten meine Beine. Obgleich mir der neue Anzug eng und unbequem war, verheimlichte ich das vor allen und sagte im Gegenteil, er säße sehr bequem, und wenn er einen Mangel hätte, wäre es der, daß er etwas weit sei. Dann nahm ich eine Bürste und bearbeitete eine ganze Stunde lang meinen stark pomadisierten Kopf vor dem Spiegel. Aber wie sehr ich mich auch bemühte, die Borsten auf dem Scheitel glatt zu legen -- sie gehorchten nicht; sobald ich mit bürsten aufhörte, richteten sie sich auf, starrten nach allen Seiten und gaben meinem Gesicht einen lächerlichen Ausdruck.
Karl Iwanowitsch kleidete sich im Nebenzimmer an. Durch das Klassenzimmer wurde ihm ein blauer Frack und Wäsche gebracht. An der nach unten führenden Tür hörte man die Stimme von Großmutters Kleinmädchen; ich ging hinaus, um nachzusehen, was sie wünschte. Sie hielt ein steifgestärktes Oberhemd in der Hand und sagte, das sei für Karl Iwanowitsch; sie hätte die ganze Nacht nicht geschlafen, um es rechtzeitig fertigzubringen. Ich nahm ihr das Hemd ab und fragte, ob Großmutter schon aufgestanden sei.
»Gewiß doch! Hat schon längst Kaffee getrunken; der Protopop ist schon da. Wie nett Sie heute aussehen!« schloß sie lächelnd. Diese Bemerkung ging mir durch und durch und machte mich erröten; ich drehte mich auf einem Fuß um, hüpfte und schnalzte mit den Fingern, um ihr zu verstehen zu geben, daß sie noch gar nicht recht wisse, wie nett ich in Wirklichkeit sei.
Als ich Karl Iwanowitsch das Oberhemd brachte, hatte er es bereits nicht mehr nötig; er hatte ein anderes angezogen. Er stand gebückt vor dem kleinen Spiegel auf dem Tisch, hielt mit beiden Händen seine Halsbinde und probierte, ob sein rasiertes Kinn sich in der Binde hin und her bewegen könne.
Nachdem Karl Iwanowitsch unseren Anzug überall zurechtgezogen und Nikolas um den gleichen Dienst bei sich gebeten hatte, führte er uns zur Großmutter. Ich muß noch jetzt lachen, wenn ich daran denke, wie stark wir drei nach Pomade rochen, als wir die Treppe heruntergingen.
Karl Iwanowitsch trug eine selbstverfertigte Schachtel, Wolodja die Zeichnung, ich das Gedicht, das ich vor unserem Aufbruch unter dem Kissen hervorgeholt hatte. Jeder hatte den Spruch auf der Zunge, mit dem er sein Geschenk überreichen wollte.
In dem Augenblick, als Karl Iwanowitsch die Tür öffnete, legte der Priester sein Gewand an und das Gebet begann.
Großmutter war schon im Saal; auf eine Stuhllehne gestützt stand sie an der Wand und betete inbrünstig. Neben ihr stand Papa. Er wandte sich nach uns um und lächelte, als wir schnell unsere Geschenke auf dem Rücken versteckten und dicht an der Tür stehenblieben, um nicht bemerkt zu werden.
Die ganze Überraschung, auf die wir gerechnet hatten, war dahin.
Als nach Schluß des Gebets das Kreuz geküßt wurde, war ich unentschlossen, ob ich sogleich das Gedicht überreichen und Großmutter gratulieren sollte oder nachher. Das sofortige Überreichen war mir sehr unangenehm, weil ich bei der Vorbereitung auf diesen Augenblick nicht daran gedacht hatte, daß der Vorgang sich vor einem Publikum abspielen würde, das jetzt aus Papa und dem Protopopen bestand. Namentlich vor Papas Spott hatte ich Angst. Ich hielt mein Gedicht auf dem Rücken und stand so unbeschreiblich schüchtern und verlegen da.
Karl Iwanowitsch beglückwünschte Großmutter in den gewähltesten Ausdrücken, nahm die Schachtel aus der linken Hand in die rechte, händigte sie ihr ein und trat ein paar Schritte zurück, um Wolodja Platz zu machen. Großmutter schien von der Schachtel mit Goldrand entzückt und gab mit verbindlichem Lächeln ihrem Dank Ausdruck. Man merkte aber, daß sie die Schachtel nirgend hinzustellen wußte und wahrscheinlich aus diesem Grunde Papa bat, einmal zu sehen, wie erstaunlich kunstfertig sie gearbeitet sei.
Nachdem Papa seine Neugierde befriedigt hatte, übergab er die Schachtel dem Geistlichen, dem das Ding anscheinend sehr gefiel. Er wiegte den Kopf hin und her und blickte neugierig bald auf die Schachtel, bald auf den Meister, der solch schönen Gegenstand fertiggebracht hatte.
Wolodja überreichte seinen Türken mit dem Signum und erntete von allen Seiten das höchste Lob.
Jetzt war die Reihe an mir; mit einem Lächeln, das besagte: »Nun, mein Junge, jetzt kommst du,« wandte sich Großmutter an mich.
Wer jemals Schüchternheit empfunden hat, weiß, daß dieses Gefühl mit der Zeit zunimmt, während die Entschlossenheit umgekehrt nachläßt. Das heißt: Je länger die Schüchternheit dauert, um so unbezwinglicher wird sie und um so weniger Entschlossenheit bleibt übrig.
Die letzte Spur von Entschlossenheit verließ mich, als Karl Iwanowitsch und Wolodja ihre Gaben darbrachten; und jetzt, als ich fühlte, daß ich unbedingt hervortreten müsse, erreichte sie den Höhepunkt. Ich fühlte, wie mir das Blut vom Herzen unaufhaltsam zu Kopf schoß, wie mein Gesicht die Farbe wechselte und wie dicke Schweißtropfen auf Stirn und Nase traten. Die Ohren brannten, im ganzen Körper fühlte ich Zittern und kalten Schweiß; ich trat von einem Fuß auf den anderen, knüllte die verhängnisvolle Papierrolle in der schweißigen Hand zusammen und rührte mich nicht vom Fleck.
»Nun, Herr Poet, deklamieren Sie uns Ihre Verse vor,« sagte plötzlich Papa, der, ich weiß nicht wie, hinter mein Geheimnis gekommen war.
Da war nichts zu machen; mit zitternder Hand überreichte ich Großmutter das zerknüllte Papier, anstatt aber dabei meinen Glückwunsch zu sagen, stammelte ich unzusammenhängende Worte. Obgleich damit die Hauptsache getan war, konnte ich den Gedanken nicht fassen, daß sogleich in aller Gegenwart die Worte »wie meine Mutter« gelesen und meine Gemeinheit aller Welt offenbar würde.
Wie soll ich meine Qualen schildern, als Großmutter laut mein Gedicht vorzulesen begann, als sie es nicht entziffern konnte, in der Mitte steckenblieb und mit einem Lächeln, das mir spöttisch vorkam, Papa ansah, als sie die Worte nicht so betonte wie ich wollte, und schließlich, wegen ihrer schwachen Augen, Papa das Schriftstück gab und ihn bat, es ihr von Anfang an vorzulesen. Mir war, als täte sie das deswegen, weil sie keine Lust hatte, solch schlechte, schief geschriebene Verse zu lesen, die zeigten, wie schnell ich meine Matter vergessen hatte. Ich erwartete, daß man mir meine Verse um die Ohren schlagen und sagen würde »Nichtsnutziger Bengel, vergiß deine Mutter nicht, da hast du was!« Aber nichts dergleichen geschah; im Gegenteil, als alles vorgelesen war, sagte Großmutter: »~Charmant! merci, mon cher Nicolas!~« und küßte mich auf die Stirn.
Schachtel, Zeichnung und Gedicht wurden auf einen kleinen Tisch neben Großmutters Stuhl gelegt, neben die beiden Batisttücher und die Tabatiere mit Mamas Bild, von dem Großmutter sich niemals trennte.
»Die Fürstin Barbara Iljinitschna Kornakowa!« meldete einer der riesigen Diener, die hinten auf Großmutters Wagen fuhren.
Großmutter betrachtete nachdenklich das Bild auf der Schildpatdose und gab keine Antwort. Sie dachte in diesem Augenblick sicherlich an Mama, ihre Lieblingstochter und überlegte: Warum ist sie heute nicht bei mir? Was mag sie treiben?