Kindheit

Part 2

Chapter 21,007 wordsPublic domain

»Warum, warum habe ich das getan?« Unablässig fragte sich Jürgen, weshalb er seine guten Gefühle selbst hingerichtet hatte. Er saß wie ein Verunglückter in einer furchtbaren Blutlache, aus der sich zu erheben ihm unmöglich zu sein schien. Gleich eingesperrten Tieren versuchten seine guten Gefühle auszubrechen und sanken geschlagen in die endlose Tiefe seiner Seele zurück. So bewegte sich sein Körper selbsttätig nach Hause, ins Wohnzimmer.

»Erst lies mir aus der Zeitung vor. Dann gehst du an deine Schularbeiten.« Die Tante stickte weiter am Stramintischläufer: >An Gottes Segen ist alles gelegen<. Mit dem Schnabel hielt diese, von Rosengirlanden durchzogene Wortkette ein Papagei, der noch unfertig in der Mitte saß.

Der Satz -- im Reichstag sei wieder ein Antrag zur Einführung einer hohen Vermögenssteuer gestellt worden -- kam automatisch aus Jürgens Mund. >Ich allein habe zu Seidel gehalten, habe mit Herrn Philippi gesprochen. Jetzt darf er das Gymnasium weiter besuchen. Ich! Ich habe das veranlaßt. Hilfe! Ich!<

>Jawohl, Jürgen ist der Beste von euch allen. Hat zu mir gehalten. Der hat Mut. Hat mich gerettet. Ihr habt mich verraten.<

>Und ich? . . . Ich auch!< Jürgen sah die Tante irr an. »Wie schrecklich.«

»Was denn? Das ist doch einstweilen nur ein Antrag. Lies weiter. Zuerst die Todesanzeigen!«

»Man muß gut sein . . . So lange gut sein, bis man etwas Schlechtes gar nicht mehr zu tun vermag.«

»Merke dir das«, sagte die Tante und zog dem Papagei einen grünen Faden durch das Auge.

>Weshalb hat Herr Philippi mir nicht gesagt, daß er Seidel helfen werde? Dann wäre ich vielleicht nicht so furchtbar gemein gewesen . . . Jetzt ist alles verloren.<

Jürgen bemerkte nicht, daß die Tante vom Dienstmädchen gerufen wurde; er überschrie noch eine Weile seine qualvolle Ohnmacht mit den Worten: »Gott dem Allmächtigen hat es gefallen . . .«, blickte die Nadel an, die im Papageienauge steckte, den Faden, der lang und grün herunterhing, umklammerte in Gedanken mit beiden Händen ein Messer und drückte es langsam in seine Brust.

Entwurzelt taumelte er beim Unterricht mit, mußte schon nach einigen Wochen Leo Seidel weichen, der sich bald zum Primus in die Höhe arbeitete und, da er vorsichtig und schwer angreifbar strebte, von der ganzen Klasse gefürchtet wurde.

Nur das eine Ziel im Kopfe, sein Studium zu beenden, ertrug Seidel stoisch die Demütigungen der Armut und verachtete kein Mittel, wenn es ihm dazu verhalf, Klassenerster zu bleiben. Wer sein eigentlicher Retter war, erfuhr er nie. Auch dann nicht, als er sich vorübergehend mit der ganzen Klasse gegen Jürgen verband und von der Weltgeschichte sprach, die er bei sich zu Hause absolut nicht finden könne.

* * * * *

Als das Nervenfieber lebensgefährlich zu werden drohte, mußte der Hausarzt die Behandlung dem Spezialisten überlassen, dem es auch nicht gelang, mit Eisbeuteln Jürgens vergewaltigte Seele zu heilen: das Gespenst des Vaters zu vertreiben, die Macht der Professoren und der Tante zu brechen.

Erst nach Wochen war des Kranken Gefühlskathedrale wieder so weit in Ordnung, daß er eines Morgens beim Erwachen sich allen Eindrücken, bösen und guten, weich darbieten konnte.

Die Tante schob die auf dem Nachtkästchen stehenden Medizinflaschen zur Seite, schlug ihr Haushaltungsbuch auf, in das sie des toten Vaters »Letztwillige Verfügungen über Jürgen« geschrieben hatte, und begann das viele Seiten lange Erziehungsprogramm abzulesen.

Die Worte tropften glühend in den Ausgelieferten hinein.

». . . Und deshalb nehme ich mir das heilige Versprechen ab, den Sohn, Jürgen Kolbenreiher, nach dem Willen seines unvergessenen Vaters zu erziehen und ihn Subalternbeamter werden zu lassen, da er, nach meines seligen Bruders Meinung, die Fähigkeit zu etwas Größerem nicht hat . . . So ists, Jürgen, siehst du. Nun werde mir bald wieder gesund . . . Wenn du auch nicht so bist, wie du sein könntest, ich habe dich doch lieb.« Sie sah ihn freundlich an, streichelte seine nassen Haare und rief erschrocken: »Du hast ja wieder Fieber.«

Wangen und Augen glühten. Die rechte Gesichtshälfte lachte.

Die Ärzte wurden geholt. Eisbeutel aufgelegt. Der Rückfall war kurz und heftig.

Jürgen verließ das Bett als verschlossener Jüngling, dessen früherer Wille, sich durch die Wirrnisse der Jugend durchzufressen, unterbunden war. Die Tante äußerte oft ihre Zufriedenheit. Denn nur wenn sie ihn etwas fragte, antwortete er, je nach Wunsch »Ja« oder »Nein«. Niemals Nein, wenn ein Ja erwartet wurde.

Seine grenzenlose Nachgiebigkeit lieferte ihn allen, selbst viel jüngeren Schülern, aus. Körperlich wuchs er gleichsam über sich selbst hinaus, wurde sehr lang und stark.

Das Lernen für das bevorstehende Examen verschob er von Tag zu Tag, fuhr Schlittschuh, flußaufwärts.

Die eisbrechenden Schiffer schimpften ihm wütend nach, da hier das Schlittschuhlaufen äußerst lebensgefährlich war, der vielen, großen, quadratischen Wasserlöcher wegen.

In dem Gefühle, durch eine körperliche Kraftleistung, durch große Schnelligkeit seine seelische Gebundenheit lösen zu können, sauste Jürgen an den unverhofft sich auftuenden grünen Wasserlöchern vorbei, bis die Nacht ihn überraschte.

Schnurgerade führte die Landstraße zur Stadt zurück; der Fluß dagegen zog einen mächtigen Bogen, so daß Jürgen zu Fuß schneller nach Hause gekommen wäre, als auf dem Eise.

Der geheime Todeswunsch, der ihm das imaginäre Messer in die Hand gegeben hatte, veranlaßte ihn auch jetzt, blind in die Gefahr hineinzurennen.

Die Fischer waren schon lange nach Hanse gegangen. Jürgen stand dunkel in der unwirklichen Helligkeit, die das Eis ausstrahlte. Zehn Schritte von ihm entfernt war tiefschwarze Nacht. Das Eis knackte leise. Tierische Laute stieß Jürgen aus, während er als schwarzer rechter Winkel stadtwärts sauste.

War er knapp an einem Wasserloch vorbeigeglitten, dann klang sein wilder Schrei der Genugtuung in die Einsamkeit.

Näher der Stadt mehrten sich die Wasserlöcher, links und rechts von ihm, manchmal unerwartet dicht vor ihm.

Angespannt und stumm geworden, zog er seine Bogen um den Tod herum.

Blickte zur Stadt, die sich wie eine ferne Verheißung lichtglitzernd vor ihm auftat.

Und glitschte glatt ins weiche Wasserloch: unter die Eisdecke.

Der Vater, die Tante, die Professoren drückten und schoben ihn immer tiefer hinunter. >Eifrig und eigentlich gutmütig<, dachte Jürgen. >Das sollten sie aber nicht tun . . . Zum Steckenpferd müßten sie auch Luft geben . . . Haben aber selbst keine Luft.<

Hundert grüne Väter, wellig verzogen, schlingerten vom Grunde empor, um Jürgen herum. >Auch ertrunken? So oft ertrunken?< dachte er noch. >. . . Luft!<

Anmerkungen zur Transkription

Quelle: Insel-Almanach auf das Jahr 1919, Insel-Verlag Leipzig, 1919, S. 45-63.