Keltische Knochen/Gedelöcke: Erzählungen

Part 6

Chapter 63,630 wordsPublic domain

»Nicht ohne ein Wort zum Abschied, Herr Obrister!« rief der Famulus, das Schreiben seines Patrons hervorziehend. »Dieses ist für Euch, Herr von Knorpp, und mir auf die Seele gebunden. Leset und lasset mich Eurer Opinion, Eures Rates und Trostes genießen; es ist seine letzte Meinung also gewesen.«

Mit eilfertiger, ein wenig zitternder Hand hatte der Oberst nach dem wohlversiegelten Brief gegriffen, ihn mehrfach von jeder Seite beaugt und endlich erbrochen.

Da saß er am Tisch, die Skriptur auf Armeslänge von sich abhaltend, und das wechselnde Spiel der Muskeln auf seinem runzligen, zähen, verwetterten Ledergesicht war wohl eines feinen und gewandten holländischen Pinsels würdig. Betrübnis, Erstaunen, Zornigkeit und helle Wut zerrten in solcher blitzesschnellen Folge Stirn und Nase, Schnauzbart, Kinn, Backen und Mundwinkel durcheinander, daß der kummerbelastete Famulus ob des mirakulosen Anblicks betroffen Schritt für Schritt zurücktrat, und zuletzt, als der Kriegsmann mit einem wilden Fluch und einem donnernden Faustschlag auf den Tisch verkündete, daß dieses das Tollste und Heilloseste sei, was ihm seit dem Travendahler Frieden vorgekommen, -- wie von dem Faustschlag selber getroffen zusammenfuhr und schier in sich selber verschwand.

»Weiß Er, David Bleichfeld, was er mir hier schreibt?« schrie der Obrist und brüllte, als der Famulus den Kopf schüttelte: »Er wendet sich an mich und an Ihn, Davide, um sechs ungehobelte Bretter und ein stilles Loch in der Erde! Er weiß, was für schwarzes Gevögel ihm über dem Kopfe fliegt und herabstoßen will! Wir beide sollen ihn begraben, Monsieur, bei Nacht und Nebel, still und fein säuberlich, Monsieur. Er hat uns seinen armen stinkenden Leichnam vermacht, Meister David Bleichfeld. Seinem Hausdrachen trauet er nicht über die Gasse und noch viel weniger bis auf den Kirchhof, und was den ehrwürdigen Herrn Hieronymus Moekel anbetrifft, so -- -- Himmel und Hölle, bei allen Gruben, an denen ich je auf einem dänischen ^champ de bataille^ gestanden habe, Jens Pedersen Gedelöcke, es soll geschehen, wie du es wünschest, und sollte ich das Haus mit meinen Füsilieren im Sturm nehmen müssen!«

Auch der Famulus las nunmehro das Schreiben des Kurators und rief sodann: »O Herr Obrister, er hat recht, und Eile tut wahrlich not! Der Herr Oberprediger von Trinitatis ist freilich schon auf dem Wege, ein hochehrwürdiges Konsistorium ist bereits zusammenberufen, und was die Dunkelheit dieser Nacht gebiert, das wird am Morgen gar schön und propre daliegen --«

»Und übermorgen segeln wir auf alt Norge!« rief der Kriegsmann, den Dreimaster auf die Perücke stülpend; »Gewehr über! Marsch auf der ganzen Linie! O Jens, Jens, wie magst du von deiner Wolke herablachen, denn also hast du mich in deinem ganzen Leben noch nicht zum Narren gehalten; aber wer zuletzt lacht, -- ach Gott, es ist eine elende, nichtsnutzige Welt, marsch, Meister David, lasse Er die schwarzen Vögel nur zu Haufen fliegen; wir holen meinen Regimentsfeldscher Herrn Snorro Skalholt aus seinem Garnisonsspital; dann können wir ihnen die Volte zu drei schlagen, und, Monsieur David Bleichfeld, wann Er übermorgen mit mir und meinem Regiment an Bord des Själland gehen will, so soll Er mir hochwillkommen sein, und zu überlegen wär's!«

»Jawohl, zu überlegen wär's!« seufzte der Famulus; aber der Gedanke an das Testament des Kurators Gedelöcke, an die herrliche Bibliothek und die zweitausend dänischen Reichstaler legte sich ihm wie ein spanischer Reiter in den Weg; mit einem Ruck der Verzweiflung zog er den Hut in die Stirn, folgte unsicheren Schrittes dem Kriegsmann, welcher bereits die Treppe hinunterstapfte, und fand sich zwanzig Minuten später vor dem Spital der Kopenhagener Garnison unter dem Fenster des isländischen Doktors, welches der lange Oberst, auf den Zehen stehend mit dem Stockknopf grad erreichte.

»Wach ist er; aber Danziger Goldwasser ist auch ein liebliches Getränke,« sprach der Herr von Knorpp. »Da werden wir ihm doch wohl die Scheibe einschlagen müssen. Hallo, holla, da ist er!«

Auf das wiederholte Gepoch wurde mit einem grimmigen Getöse das Fenster in der Höhe aufgerissen, und, beleuchtet von einer flackernden Kerze, schob sich der dickste Kopf der dänischen Monarchie in die Nacht vor.

»Ist das nicht wie ein Nordlicht?« fragte der Oberst, seinen Ellenbogen dem Begleiter in die Seite stoßend. »Gut Freund, Meister Snorro Skalholt! Steige Er hernieder, Kamarado, man hat eine Arbeit für Ihn!«

»^Eheu, dux legionarius!^« schnarrte die Erscheinung im Fenster, das zerwühlte, flachsartige Haar zurechtschüttelnd. »Seid Ihr es, Herr von Knorpp? Was habet Ihr für Euern Gehorsamsten? Mit oder ohne Messer, Obrister?«

»Herunter mit dir, Island!« schrie der Kriegsmann. »Das weitere wird man dir schon auf dem Wege sagen!« Das Fenster schloß sich; der Doktor Snorro Skalholt trat in die Gasse und erfuhr, um was es sich handle. Fürderhin lachte er nur von Zeit zu Zeit grimmig in den Bart und rieb sich die Hände unter dem Mantel. Bereit, auch das Äußerste für ihre Pflicht zu nehmen, erreichten die drei Verbündeten das Haus des Kurators Jens Pedersen Gedelöcke.

V. Von dem isländischen Regimentsfeldscherer Herrn Snorro Skalholt und von Mynheer van der Tromp, weiland zu Leyden.

»Halt!« kommandierte wiederum der Obrist. »In keinem Scharmützel, in keinem Treffen bin ich mit einem solchen Gefühl im Magen in die Schlachtlinie gerückt, und Er, Skalholt, lasse Er das abscheuliche Gegrunz und Gelach; hätt' Er den Gedelöcke gekannt, wie wir, es würde Ihme auch schwüler ums Herz sein.«

»He, he, he, ich lache nicht über den Herrn Kurator, ^monsieur le colonel^; mich lächert Mynheer van der Tromp, den wir zu Leyden stahlen zur Ehre der Wissenschaft. Lasset mich sehen, -- Lemort, Hotton, Boerhave und ich teilten uns in ihn; -- ja, ja, die drei andern sind als große ^lumina^, als weltberühmte Lichter ausgegangen, und ich bin ein armer Feldscher worden; aber was hat der Mensch von aller Gloria, wann er tot ist? ^Barbati praecedant^, marschiere Er voran, Herr von Knorpp, doch trete Er leise auf: Mevrouw van der Tromp bot fünfhundert holländische Dukaten dem, so ihr ihres Eheliebsten Leib retourniere, und wir loffen schier an der Wand hinauf vor Ärger; denn wir hatten ihn allbereits verwürfelt und ausgeteilet, jeglichem nach seiner Fortun.«

»Das ist ja eine recht jokose Historia, Meister Snorro,« sprach der Oberst Benediktus. »Courage, Monsieur Bleichfeld!«

»Eine recht jokose Historia!« murmelte der Famulus und schoß in die halbgeöffnete Haustür, in welcher niemand ihm und seinen Begleitern entgegentrat.

»Niemand zu sehen und zu hören?« sagte der Obrister. »Wahrlich, das siehet öde und kalt aus. O Jens, Jens, du hast uns sonsten hier in anderer Weise salutieret! Haben sie denn alle Reißaus genommen? Brr, im Schwedenlager vor Frederikshall, Anno Achtzehn konnt's nicht kühler sein; -- o Gedelöcke, Gedelöcke, was ist aus deinem lustigen Quartier geworden!«

Nichts regte sich in dem großen weitläuftigen Hause. Auf einer Treppenstufe stand eine schwelende Küchenlampe, und dem Famulo schlugen die Knie aneinander vor innerlichem Frost, als er die Hand nach dieser Lampe ausstreckte, um den beiden Herren den Weg zu zeigen. Auch in dem obern Gestock rührte und regte sich nichts, außer den Mäusen hinter dem Wandgetäfel; die Tür des Sterbezimmers stand gleich der Haustür ein wenig geöffnet, doch brannte kein Licht in dem Gemache, und die kleine qualmende Flamme, welche David Bleichfeld auf Armeslänge zitternd vortrug, schien die Finsternis nur dichter und undurchdringlicher zu machen.

»Nun, Mann, da wir soweit sind, so rücket weiter,« sagte der Oberst, doch nicht mit der gewohnten rauhen Kommandostimme. »Die Toten beißen nicht, und den Lebendigen kann man die Zähne weisen; -- da!«

Der isländische Regimentsdoktor hatte den zaudernden Famulus durch einen jähen Stoß in das Gemach gedrängt; der Schein der Lampe fiel über das Bett des Kurators, und aus dem Lehnstuhl neben dem Bette erhob sich fauchend der Kater Mutz und sah mit grünleuchtenden, wilden Augen auf die Eintretenden. Unter dem weißen Laken, so man über den Leichnam geworfen hatte, guckte nur der rote Zipfel der Nachtmütze Gedelöckes hervor; der Lichtschein tanzte über dem Tische mit den Arzneigläsern, Schalen und Bechern; auf der spanischen Wand grinsten die bunten Chinesen wie phantastische Kobolde, und in dem kuriosen Gezweig schienen die kuriosen Vögel in dämonischer Lustigkeit mit den Flügeln zu schlagen. Schon aber hatte Herr Snorro Skalholt die Leinwand von dem Gesicht des Toten gezogen, und während die beiden andern noch in Betrübnis und Grauen bewegungslos standen, betastete er mit gierig-kundiger Hand den Leichnam, wandte sich um und sprach:

»Herr Obrister von Knorpp, der Mann spielt Euch sicher keinen Possen mehr.«

»Ich wüßte nichts, so mir schwerer einginge!« seufzte der Oberst. »O Jens, Jens, das gehet noch über die Mamsell Spegelmann im Garten zu Rosenborg, -- ah, bah, hab' ich damals meinen Willen gehabt, so sollst du jetzo den deinigen haben, Jens Pedersen Gedelöcke! Vorwärts im Schritt; -- gebet Euer Wort dazu, Ihr Herren!«

»Messieurs sind also fest entschlossen, mit hier vorliegendem Korpus ^per fas et nefas^ denen, so ein mehreres Recht daran haben möchten, die ^elatio^, will sagen, die Leichaustragung vor der Nase hinweg vorzunehmen?« fragte der Doktor Snorro, sich von der Inspektion des Leichnams aufrichtend.

»^Per fas et nefas^, es war seine Meinung, und es soll so geschehen!« rief schluchzend der Famulus, und der Oberst von Knorpp streifte stumm, mit grimmigem Ernst, die weiten Ärmelaufschläge zurück, zu jedem Anpacken mit Fäusten und Zähnen bereit.

»So ist mein Avis,« sagte der Regimentsfeldscher, »die Herren halten allhier gute Wacht mit Ober- und Untergewehr; ich aber bringe vom Spital die Vespillones, will sagen, meine Bahrträger. Da gehen wir dann mit dem Herrn Kurator fein still und sittsam die Treppe hinunter, machen an der Tür dem Haus unser Kompliment, und hab' ich ihn, will sagen, den Herrn Kuratorem, im Spital, so --«

Der Doktor brach ab und zeigte nur sein Gebiß; der Herr von Knorpp und Herr David Bleichfeld gaben nickend ihre Beistimmung kund, jedoch mit der geheimen Reservation einer kleinen Unterschiedlichkeit zwischen den allerletzten Schicksalen Mynheers van der Tromp und des Kurators Jens Pedersen Gedelöcke. Auf den Zehen schlich der Isländer aus dem Zimmer; der Obrister setzte sich zu Häupten des Lagers nieder, und der Famulus hielt Wacht an der Tür, nachdem er vorher noch eine Wachskerze, die er auf einem Nebentische fand, angezündet hatte. Schnurrend aber ging der Kater jetzo, nachdem er sich überzeugt hatte, daß Freunde seines toten Herren gekommen waren, von einem der beiden Männer zu dem andern und rieb knisternd sein Fell an ihren Schienbeinen und Waden, bis er plötzlich ganz ^improviso^ mit einem Satz dem Obristen auf das Knie sprang und gravitätisch daselbst seinen Posten behauptete. Hätte der Kurator sich aufrichten und einen Blick in das weite, dunkle Gemach, auf den rotröckigen Herrn Benedikt von Knorpp, den schwarzen, bleichgesichtigen, zähneklappernden David Bleichfeld und den Mutz werfen können, er würde dessen gewiß merkwürdiglich froh geworden sein.

Von Zeit zu Zeit unterbrach ein langes Geseufz, ein dumpferes Knurren und Brummen des Kriegsmannes die Stille der Nacht. Der Wind zischte vor den Fenstern, es rieselte der Ruß im Schornstein hernieder, einmal wurde draußen auf dem Gange eine Tür schnell geöffnet und noch schneller wieder zugeschlagen.

»Da lob' ich mir jeglichen Posten über jeder Flattermine,« murmelte der Obrister, und der Famulus lobte noch manche andere Dinge und Zustände, welche behaglicher waren, als dieses mitternächtliche Harren auf den isländischen Doktor Snorro Skalholt und seine Bahrträger. Endlich um zwölf Uhr weniger zehn Minuten legte der Herr von Knorpp die Hand ans Ohr, und David schlich zum Fenster und flüsterte:

»Da sind sie! der Himmel sei gepriesen!«

»Amen!« sprach der Obrist. Taktmäßige Schritte mehrerer Männer ertönten in der stillen Gasse und hielten vor dem Hause des weiland Kurators Gedelöcke an.

»Courage, Famulissime!« flüsterte der Herr von Knorpp. »Jetzo fasset einmal all Euern dänischen Heldenmut zusammen; denket an den ehrwürdigen Herrn Hieronymus Moekel und das hochehrwürdige königliche Konsistorium; nehmt das Licht und haltet es hoch, ich nehme den Kurator! Courage, Jens Pe -- wollte ich sagen David Bleichfeld! O Jens, Jens Pedersen Gedelöcke, ich hab' schon manch einen also aufgegriffen vom Feld, aber keinen mit mehr Ärgernis und Jammer als dich! Komm, Alter, es war doch ein ander Ding, als wir in Rosenborg-Have uns im Sonnenschein unsere Meinung und die Mamsell Spegelmann um die Köpfe schlugen!«

Er hatte während dieser Stoßseufzer das Leinentuch fest um den Leichnam geschlagen und erhob denselben nun mit einem wilden Ruck von dem Pfühle. Im höchsten Schrecken fuhr David Bleichfeld gegen die Wand, und zischend, mit emporgesträubtem Pelz, schoß der Kater auf und sah mit allen Zeichen des Entsetzens von einem hohen Eckschrank seinem toten Herrn nach.

»Horch, Island auf der Treppen! Hinaus, Monsieur, in des Satans Namen! -- Leuchtet vor, -- Courage!« rief der Obrist, keuchend unter seiner absonderlichen Last; der Famulus riß die Tür auf, und der Herr von Knorpp sprang mit dem Leichnam auf den Korridor hinaus. In demselben Momento aber wurde auch die Tür der Frau Mette am Ende des Ganges geöffnet, und eine Magd, ein Teebrett mit Tassen und Töpfen in den Händen tragend, trat herfür, um einen Augenblick versteinert die verwunderliche Gruppe anzustarren und mit dem nicht ungerechtfertigten gellenden Gekreisch: »Er holt ihn! er holt ihn! er hat ihn! Der Teufel! der böse Feind! der Teufel holt den Herrn! der Teufel holt den Herrn Kurator!« zu Boden zu stürzen. Auf sie und die Trümmer ihres Porzellans sank mit eben solchem Geschrei die herzugeeilte trauernde Wittib.

»Da haben wir's, Jens Gedelöcke, da hast du's! drin sind wir! Vorwärts, Monsieur Bleichfeld. Zehntausend finnische Nordlichter, wird das morgen einen Lärm geben in der Stadt Kopenhagen! Greift zu, Herr Snorro, und vorwärts im Galopp!«

»Ja, vorwärts im Galopp, das sagte Hermann Boerhave auch, als wir Mynheer van der Tromp durch die Hoftür zwängten,« murmelte der Isländer. »^De drommel^, das war im Jahr Neunundachtzig, Obrister!«

Der Famulus sagte nichts; denn zuletzt trug er doch am schwersten an dem Gewicht seines guten toten Patrons. Wie Frau und Magd im obern Stockwerk des Hauses, so schrien nun Knecht und Köchin im Erdgeschoß auf und stürzten im fernsten Winkel übereinander; aber vor der Tür warteten ein Gefreiter und vier Füsiliere mit der Spitalbahre: »Viktoria, heran ihr Leute!« rief der isländische Feldscher. »Packt auf und sehet euch nicht um; greift aus, Herr von Knorpp, greift aus, Monsieur Bleichfeld, in meinem Quartier mögen wir das weitere besprechen.«

Schnell nahmen die Träger die Bahre auf, und im eilenden Laufe wurde der Leib des Kurators Jens Pedersen Gedelöcke durch die Gassen geführet. Weit ausschreitend, eröffnete der Obriste Herr Benediktus von Knorpp den Zug, und der Famulus mit dem Isländer beschlossen ihn. Scheu wich zur Seite, wer dem gespenstischen Wesen begegnete, und mehr als ein guter Kopenhagener Bürger, an welchem das »Ding« vorübergefahren war, sprach nachhero mit absonderlicher Inbrunst sein Vaterunser und zog die Bettdecke hoch über die Nase hinauf. Am andern Morgen in der grauesten Frühe, vor Eröffnung der Festungstore, rasselte ein Fuhrmannswagen gegen das Ostertor heran, und ein tief in seinen Mantel gehüllter Mann wies dem wachthabenden Korporal den Passierzettel vor, worauf die Gitter ohne Anstand geöffnet wurden, und das Fuhrwerk ohngehindert seinen Weg durch die Osterbrogade fortsetzen durfte. Am Garnisonskirchhof hielt der Wagen abermals, drei Männer stiegen herab und trugen mit Hilfe des Fuhrknechts einen schlecht gezimmerten königlich dänischen Soldatensarg im tiefsten Schweigen durch den dichten Nebel über den Gottesacker zu einer Grube, an deren Rand der Totengräber mit seinem Gehilfen bereits wartete.

Im tiefsten Schweigen wurde der Sarg in die Erde hinabgesenkt; wie die drei Männer mit die Stricke gehalten hatten, so griffen sie auch mit zu den Schaufeln, und in kürzester Frist war die traurige Arbeit vollendet. Nachdem sich die Totengräber entfernt hatten, blieben die drei Leidträger allein an dem neuen Grabe; der Famulus des Herrn Kurators Jens Pedersen Gedelöcke, David Bleichfeld, schluchzte laut hinter dem vorgehaltenen Hute; der isländische Doktor Snorro Skalholt murmelte etwas von Mynheer van der Tromp, und der Obriste Herr Benediktus von Knorpp drückte mit einem Faustschlag den befiederten Dreimaster tief in die Stirn und sprach:

»So hast du denn wenigstens ein ehrlich Soldatengrab gekriegt, Jens, und Gott schenke dir und uns allen eine fröhliche Urständ! Wir haben unser Bestes getan, Messieurs, und für jetzt das Beste gewonnen; aber -- Bleichfelde, nehme Er Vernunft an; gehe Er morgen mit mir und meinen Füsilieren nach Norwegen. Bringe Er Seinen eigenen Leichnam in Sicherheit, Famule; gehe Er mit uns nach Friedrichshall; die Kommodité soll seit der schwedischen Berennung Anno Achtzehn mächtig zugenommen haben; ich geb' Ihm meine Parol, auf Fort Güldenlöwe soll Er sitzen wie in Abrahams Schoß, und wir wollen lachen über das Krächzen und Flügelschlagen jenseits des Wassers.«

»Seine, meine Bibliotheka!« seufzte der Famulus. »Die zwotausend Reichstaler lass' ich hinter mir wie einen Sack Nüsse; aber hat er Raum an Bord für ^Opera omnia^ Lutheri, Melanchthonis, Brentii, Walleri, Erasmi, Clerici, Calvini, Cocceii, Launoii ...«

»Hör Er auf, hör Er auf!« schrie der Obrist.

»Hat er Platz für des Cornelii a Lapide Bibelkommentare, sechszehn Folianten? Hat Er --«

Herr Benediktus von Knorpp hielt sich beide Ohren zu, und stiefelte eilig über die Gräber der Kirchhofspforte zu, und verdrießlich folgte ihm der isländische Doktor. Der arme Famulus stand allein an dem traurigen Grabe des Kurators Jens Pedersen Gedelöcke, schlug die Hände zusammen und rief:

»O mein guter Patron, mein Freund, mein Vater, was werden sie aus mir machen? Was soll ich ohne Ihn anfangen in dieser ärgerlichen giftigen Welt? O Herr Kurator, Herr Kurator!« Auf den Zaun des Garnisonfriedhofes aber legten sich zwei hagere, haarige, knochige Fäuste, eine lange, schwarze Gestalt hob sich auf den Zehen, und eine spitzige, gerötete Nase roch in den Nebel hinein.

»Ei, ei! so, so, Monsieur Bleichfeld,« sprach Meister Jesse Brägge, der Küster der Trinitatiskirche. »Solches wird man freilich ein Begräbnis Jojakims nennen! ^o profanatio^, was werden wir dazu sagen im hochwürdigsten Konsistorio! Hat man Ihn, Monsieur? Ei, ei, ei, das war freilich ein lieblich Werk und wird einen guten Geruch geben.«

VI. Von der Stadt Friedrichshall, der Feste Friedrichstein und dem dänischen Postschiff.

Im Norwegenschen Amt Smaalehnen, Stift Christiania, an der Mündung des Tistedal-Elfs in den Idefjord, Swinesund, liegt die Stadt Friedrichshall und daneben auf einem dreihundertundfünfzig Fuß hohen Felsen die in alle Zeiten berühmte und berüchtigte Feste Friedrichsstein mit ihren beiden Forts Oberberg und Güldenlöwe, vor welchem letztern, wie jedermann weiß, in der Nacht vom elften auf den zwölften Dezember 1718 der tapfere König Karolus, des Namens der Zwölfte, von einer Falkonetkugel durch den Kopf getroffen, das Leben ließ, und Schwedens Macht und Herrlichkeit ein jäh und schrecklich Ende nahm. Wir setzen den Fuß auf diesen hochtragischen Boden im Herbste des Jahres 1731, als Herr Benediktus von Knorpp Kommandante auf Friedrichsstein war, und noch sind nicht alle Spuren der schwedischen Belagerung in der öden, felsigen Umgebung verwischt. In diesen wenig bevölkerten, rauhen Gegenden hielt es schwer, selbst nur das Notwendigste wieder aufzurichten, und überall zeigten noch die Rudera verbrannter oder zerschossener Gehöfte, die zu Laufgräben und Schanzen aufgewühlte Erde, wie Bellona hier Hof gehalten hatte. Wie Trauerflor überzog das dunkle Gewölk den Himmel, mit klagendem Getön fuhr der Wind über Land und Sund: immer noch schwebte über den schwarzgrünen spiegelnden Wellen, dem düstern regungslosen Felsen und den Ruinen das Gespenst des gloriosen, wilden, nutzlosen Daseins, das hier in dieser Einöde, nach so gewaltigem Lärm und Leuchten in der Welt, in nichts versank; -- noch immer schien die königliche Leiche mit der blutigen Stirn unter den Mauern von Güldenlöwe zu liegen, und die frostige, graue Landschaft nur die Trauerdekoration des schwedischen Niederfalls zu sein.

Auf einer Bastion der Festung, von welcher aus man eine weite Aussicht über den Swinesund, die Stadt und die Berge hatte, stand an ein Wallgeschütz gelehnt der Kommandant, und neben ihm sein Regimentsdoktor Herr Snorro Skalholt der Isländer; während eine Schildwacht, ohngefähr zwanzig Schritte ab, mit geschulterter Muskete auf und nieder ging. Beide, der Gouverneur wie der Feldscherer, gähnten sehr, und dann sprach der Herr von Knorpp:

»Daß man am Abend, wann man die Nachtmütze über die Ohren ziehet, seine Kinnladen noch beieinander findet, ist doch ein Mirakul, Meister Snorro; und wann man hier vom Parapet herunterguckt, pfui Teufel, man möchte der ganzen zahmen, lumpigen, lausigen Welt auf den Kopf speien. Aus Wams und Hosen möchte man fahren vor Ungeduld! 's war doch eine andere Zeit, als vor dreizehn Jahren der tolle Karl sein Hauptquartier da drüben zu Tistedalen hatte.«

»Gebe Er Frieden, Kommandante; was hilft Ihm der Skandal und Lärmen? Die Jahre ziehen einem jeden zu seiner Zeit die Stiefeln aus,« sagte der Isländer. »Sollte doch vermeinen, Er hab' der wilden Wirtschaft genug gehabt in den dreißig Jahren, welche hindurch Er mich hinter sich fortschleppt! Man wird eben alt und kahl und -- ^plus le singe s'élève, plus il découvre^ -- Ihr wisset wohl, was. ^Sat, satis!^ was fehlet dem bescheidenen, friedlichen Sinn und Gemüt allhier auf dieser hochgelobten königlichen dänischen jungfräulichen Feste Friedrichsstein? Lasse Er mir und lasse Er ihm selber Ruhe, das Postschiff kommt heut auch von Christiania, und ich für mein Teil verlange nicht mehr von dem ^theatro mundi^ zu erfahren, als was es uns in seinem Neuigkeitensacke mitbringt.«

»Jawohl, das Postschiff, das ist auch solch ein leidig Labsal,« brummte der Oberst. »Was spinnen und haspeln sie anders, als ihre elende pragmatische Sanktion! Wann der richtige Tanz darob beginnt, Meister Snorro, werden wir zwei beide wohl still genug liegen. Na, wie ist's mit dem Schiffe, Mann?«

Diese letzte Frage galt der Schildwacht, welche salutierend den Kolben der Muskete auf den Boden stieß und prompt rapportierte:

»Lief vor einer Viertelstunde allbereits in den Fjord!«

»^Bon^,« sagte der Kommandant, »steiget hernieder, Doktor, ich glaub', wir haben für diesmal genug von diesem angenehmlichen ^point de vue^; man kennt die Kuriosität zur Genüge. Was gibt es, Korporal?«

Der aus dem Innern der Festung emporsteigende Unteroffizier richtete sich ordonnanzmäßig und griff an den Hut:

»Hab' dem Herrn Gouverneur zu vermelden, daß von der Stadt ein Subjektum sich heraufgeschleppt hat, so mit dem Boot von Christiania angelangt sein will, und am Tor in Ohnmächtigkeit verfallen ist. Sitzet miserabel jetzt in der Kommandantur, winselt nach dem Herrn Gouverneur, -- halten zu Gnaden, ein erbarmungswürdig Stück Menschheit, -- nennet sich Monsieur David Bleichfeld, und --«

Mit offenem Munde blickte der Korporal Peter Pomperson seinem Vorgesetzten und dem Doktor Skalholt nach.

»Bleichfeld?! Gedelöcke?!« hatte der Oberst geschrien, und schon hallten seine Schritte in dem nächsten bedeckten Wege, und der Isländer folgte ihm im Trabe auf den Fersen.