Keltische Knochen/Gedelöcke: Erzählungen
Part 5
In einem ziemlich großen, dunkelgrün ausgeschlagenen Gemach stand das Bett des Kurators, zu Häupten vor allem bösen Zugwind durch eine spanische Wand geschirmet, auf welcher allerlei chinesisches Volk Tee trank, auch in Gartenhäusern sich erlustierte oder mit großen Sonnenschirmen spazieren ging. Von dem Kurator selber erblickte man wenig mehr, als die mächtige Zipfelmütze, das rote, indische Tuch, mit welchem die Stirn umwunden war, und die blaue Nase, welche eine nicht geringe Ähnlichkeit mit der einer dänischen Bulldogge hatte, deren Konterfei dem Bett gegenüber an der Wand zu sehen war. Beim Eintritt der Gattin, des geistlichen Herrn und der beiden Ärzte erhob sich die Nase um ein weniges; der Famulus schob dem Kranken noch ein Kissen unter den Kopf, worauf die hohe Nachtmütze mit recht freundlichem Nicken den Besuch begrüßte, und der Kurator sprach:
»Ei guten Tag Messieurs; ich gratuliere mir zu dieser schönen Gesellschaft. Davide, setze Er Stühle; ^mon coeur^, frage, womit wir aufwarten können; ein Gläschen spanischen Weines wird eine Annehmlichkeit um diese Zeit des Tages sein, wie ich selber eine häufige Erfahrung davon habe.«
Der Doktor Primus räusperte sich mit einem würdigen Lächeln, und der Doktor Sekundus klärte seine Kehle auf dieselbe Weise, allein Herr Hieronymus sprach mit abwehrender Handbewegung:
»Wir danken dem Herrn Kuratori, doch gelüstet unserer Zunge nicht nach irdischem Wohlschmack. Diese zwo Herren führt ihr leiblicher und mich mein geistlicher Beruf hieher.«
»Ei, ei,« sagte Jens Pedersen Gedelöcke. »Ehrwürden verpflichtet mich immer mehr; doch -- was saget ^mon coeur^, meine Eheliebste? Welch einen Beruf wendet sie für?«
»O Jens!« rief die Frau Mette, »du weißt, daß es immerdar nur meine Liebe und meine Sorge für dein irdisch und ewig Heil ist, welche mich bei dir festhält!«
»Ei, ei, ei!« wiederholte der Kurator und setzte hinzu: »Davide, was stehet Er und gaffet! Sein Gesicht wird dummer von Tag zu Tage; -- lasse er den Hispanischen bringen, die Herren Doktores werden mir nicht den Trost in meinem Jammer versagen.«
»Man muß denen Patienten ihren Willen lassen, Herr Hieronymus,« sprach der Doktor Sekundus mit einem freundlichen Lächeln zum Pastor der Trinitatiskirche, und der Doktor Primus sah dem Famulo mit einem beifälligen Kopfneigen bis zur Türe nach. Dann, als der Wein gekommen war, ein jeglicher, -- selbst der Pfarrherr -- sein Spitzglas auf dem Knie hielt, und David Bleichfeld wiederum das Zimmer verlassen hatte, erhob sich der Kurator Gedelöcke auf den linken Ellenbogen, blickte im Kreise umher und verglich im Innersten die drei schwarzen Herren und die in ein trübes Grau gekleidete Gattin mit drei Raben und einer ältlichen Mantelkrähe, und sich selber in seinem Leiden mit einem podagristischen Mops, welcher sich bewußt war, was er im Leben genoß, und deshalb die Kondolenzvisite mit Geduld und Humor annehmen konnte. Mit großer Gewalt, Beredsamkeit und Salbung rückte Ehrn Hieronymus Moekel von der Trinitatiskirche dem wunderlichen Heiligen auf den Leib, und die Frau Mette begleitete jeglichen Angriff mit leisem Gewimmer und lautem Beifall; die beiden Ärzte aber hielten sich mehr passiv und an den Spanischen, bis sich der Kampf auf ein Terrain wälzte, das weniger Gelegenheit gab, sich zu kompromittieren. Was den Famulus David Bleichfeld anbetraf, so stund derselbe draußen vor der Türe, hatte seine lange dürre Gestalt rechtwinklig eingeklappt und wechselte mit dem Auge und dem Ohr vor dem Schlüsselloch und begleitete das Spiel im Innern des Gemaches außerhalb desselben mit den verwunderlichsten Grimassen, Gesten und den allerkuriosesten Paraphrasen, Noten und Zitaten. Da er ein recht gelehrter Mensch war und seinen Herrn liebte, so wollen wir uns mit dem begnügen, was er aus der Unterhaltung der andern abzog; sintemalen es auch wohl nicht lohnen würde, ein jedes Wort der Konversation dem eiligen, atemlosen Publiko von neuem vor die Nase zu rücken.
»Philister über dir, Simson!« murmelte der Horcher an der Wand. »Heißa, jetzt haben sie ihn zwischen den Kneifzangen, wie den Stürzebecher auf dem Markt zu Hamburg. Horch, da ist der Pfarrherr schon auf dem Wege gen Damaskon, und das Gleichnis vom schnaubenden Saulo passet wie die Faust aufs Auge. Drauf, ^pro libertate christiana^, gebt es ihm, Herr Kuratore. Ha, ha, an den Tod gläubet Ihr, sintemalen er alle Eure Vorfahren verschlucket hat? Ein hohes Konsistorium hätte es Euch nicht zugetraut, aber ein alter Heide und Ägyptier bleibt Ihr doch und nehmet Eure Gerippe auf Eure Gastmähler nur deshalb mit, um bei ihrem Anblick desto vergnügter das Leben zu genießen! Noch ein Gläschen Alikante, Herr Doktor Primus? Ist es keine ^ratio theologica^, daß man die, so in der christlichen Kirche christlich gelebet, auch in der Versammlung der Kirchen, welche der Tempel ist, ehrlich begrabe? O Gedelöcke, Gedelöcke, du willst nicht durch die Gewölbe und Steinplatten verdampfen und jeglicher frommen Nase zum Ärgernis und Leibesschaden werden?! O Gedelöcke, welch ein heidnischer Jud bist du, da es dir einerlei ist, ob die Auferweckung der Auferstehung vorgehe: ist es dir nicht bekannt, daß geschrieben stehet: ^resuscitatio est causa resurrectionis?^ -- Also um 9976 Meilen ist das Firmament jüngsthin eingesunken, Herr Doktor Sekundus? -- Das ist freilich ein erfreulich Zeichen des kommenden Jüngsten Gerichtes; aber Er ist doch ein heimlicher Jude, Herr Jens Pedersen Gedelöcke, und wird dahin fahren, wohin Ihn der Herr Hieronymus von der Dreifaltigkeit dirigieret. O, ruchlose Seele, ist die Hölle nicht so heiß, wie man sie machet? Gedelöcke, Gedelöcke, wie hast du den rechten Weg verfehlet mit deinem metaphorischen Feuer; -- wo Rauch ist, Apokalypse, vierzehntes Kapitel am zehnten und elften Vers -- da ist auch Flamme -- Lukas im sechzehnten Stück, Vers vierundzwanzig! Was soll's nunmehro mit unserm Meister Henrich Israel? O ha, anjetzo fangen wir an und ziehen erst die rechten Register. O Gedelöcke, o Herr Kuratore, jetzt geht's mit Ihme um die Ecke und kopfüber in den Pfuhl der Verdammnis; einen guten Stilum magst du schreiben, mit dem Mund magst du spitz und scharf auf den rechten Fleck zufahren; aber besser wär's dir doch gewesen, so du nicht der Gelehrten, Weltweisen und verführerischen Rabbinen Schriften studieret hättest, sondern bei der lautern Milch des Evangelii geblieben wärest! Das ist keine Sache für einen gläubigen Christen, daß er seinen Braten immerdar beim jüdischen Schlachter einkaufe; wer aber das Schwein und alles, was von ihm kommet, verachtet, der mag sich wahren, daß er nicht selber --«
Der Famulus schnellte im jachen Schreck zurück und in die Höhe; im Gemache seines Herrn hatte sich urplötzlich ein gewaltiger Tumult erhoben. Stühle wurden mit Gepolter zurückgeschoben; die Glocke des Kurators läutete gellend Sturm; die Stimme der Madame mischte sich schneidend in das dumpfe Gebrumm der Mediziner und den rollenden geistlichen Donner: Gedelöckes Stimme aber klang klar gleich einem Trompetenstoß durch die Schlacht:
»Davide! Davide! wo steckt Er? Davide, eile Er herbei; komme Er seinem geschlagenen Herrn zu Hilfe, Davide, Davide!«
Mit einem Sprunge stand der Gerufene im Krankenzimmer.
»Drauf, Davide,« schrie der Kurator. »Führe Er die Herren die Treppe hinunter, und sorge Er, daß niemand Schaden leide. Da -- da, bei Moses und allen großen und kleinen Propheten, bei der schönen Judith und dem grausamen Feldhauptmann Holofernes, beim Bel zu Babel, beim Drachen zu Babel, bei der keuschen Susanne im Bade, die Herren werden's verzeihen, daß ich ihnen nur meine Nachtmütze auf den Weg mitgebe.«
Herr Jens Pedersen Gedelöcke saß hochrot und tiefblau vor Ärger und Aufregung im Bett und ließ seinem Worte die Tat im nämlichen Moment folgen. In bedrohlichster Nähe flog die Zipfelmütze des Kranken an der Nase des Pastors vorüber, und Herr Hieronymus Moekel erhob die Hände, um den Himmel zum Zeugen dieser Verruchtheit aufzurufen, schüttelte den Staub von den Füßen und verließ das Haus des Kurators mit dem festen Entschluß, draußen noch einige Worte in dieser Angelegenheit zu reden. Die beiden Ärzte folgten dem Beispiele des geistlichen Herrn, nachdem noch der Doktor Sekundus in seiner Eigenschaft als Haus- und Leibarzt des Kurators versucht hatte, eine versöhnlichere Stellung ihm gegenüber einzunehmen. Die Frau Mette verschloß sich mit ihren Krämpfen und Konvulsionen in ihr Kämmerlein, und der heillose Sünder und Verächter jedes menschlichen und göttlichen Rechtes, Jens Pedersen Gedelöcke, ließ sich von seinem Famulus die Kissen zurechtschieben und sprach tiefaufatmend:
»Schenke Er Ihm auch ein Glas Spanischen ein, Davide, daß ich doch Einen anständlichen Menschen derer Gottesgabe genießen sehe. Tausend lappländische Donnerwetter!«
»Ihr zeitliches und ewigliches Heil und Wohlsein, Herr Kurator!« sprach der Famulus, mit tonloser Gravität das gefüllte Glas an die Lippen führend.
»Ich danke Ihm, Monsieur Bleichfeld,« sagte Gedelöcke. »Hoffentlich hat Er nach Seiner Gewohnheit an der Tür das Notwendige erhorchet; -- Herr Ludovikus hat keine bessere Komödie aufführen lassen, und Er hat's gratis gehabt, Davide. Ei, ei -- riechet Er noch den Schwefel? -- hat der Pfaff mir eingeheizt, wie der König Nebukadnezar den drei Männern im feurigen Ofen! Jetzt sage Er mir selber, Davide, bin ich ein Jud oder keiner? Ich will Ihm alles glauben.«
»Ich halte Ihn so wenig für einen Juden, Monsieur, als für den Verfertiger der Berleburger Bibel oder sonst einen Chiliasten!« sprach der Famulus mit Überzeugung. -- --
Der Regen fuhr in immer heftigeren Strömen hernieder; im Innern des Hauses des Kurators Gedelöcke vernahm man keinen Laut. Die Mägde und der Knecht kauerten verschüchtert um den Küchenherd, und Madame mit ihrem Töchterlein rührte sich nicht; -- auf den großen Sturm war das tiefste Schweigen gefolgt. Ein schwarzer Kater stieg wie der Geist des Hauses langsam vom Bodenraum herab, schritt über den Gang und kratzte oder klopfte vielmehr an der Türe des Kurators.
»Öffne Er dem Mutz, Davide,« sagte Herr Jens; »das Vieh wird auch kommen, um wegen der Emotion und des Tumultes zu kondolieren. Hierher, mein Kater, mein guter Kerl, ja, ja, es ist eine tugendsame und fromme Welt. Ja, ja, mein armer Mutz, die Totenkäuze waren da, und es stehet dahin, wie lange Er mir noch den Magen wird wärmen dürfen.«
Mit Geschnurr sprang der Schwarze auf das Bett seines Herrn, der ihm ganz zärtlich den Pelz streichelte, und als das Tier sich zum behaglichen Schlummer zusammengerollt hatte, plötzlich recht ernsthaft gegen seinen Famulus begann:
»Davide, es ist eine alte Geschichte und nicht viel Besonderes daran; aber Er weiß, was ich an Ihm getan habe; wie ich Ihn von der Gasse in mein Haus nahm, Ihn wärmte, kleidete und fütterte und Ihm seine Kollegia umsonsten verschaffte. Ich weiß auch, daß Er mir zugetan ist von ganzem Herzen, und Ihm ist's nicht unbekannt, welch ein Trost mir Seine längliche Figur und hohe Sapienz zu jeder Zeit gewesen ist. Zur Lustigkeit ist Er nie geneiget gewesen; also wird Er auch anjetzt wohl ein bedächtiges Wort mit Ihme reden lassen. Famule, es ist aus und zu Ende mit dem königlich dänischen Untertan Jens Pedersen Gedelöcke, und der Kurator überläßt der Welt Cura und Gaudium denen, so nach ihm kommen. Ihm, Davide, habe ich meine Bibliotheka und zweitausend Reichstaler vermacht. Madame und das Kind werden das Ihrige erhalten -- lasse Er das Heulen, Davide! der Meister Henrich Israel ist ja gar nichts gegen Ihn! -- meine Seele gebe ich dem, welcher sie dem Erdenkloß einblus; was den Erdenkloß selber aber anbetreffen mag, das ist in diesem mit meinem Handsiegel pitschierten Skriptum enthalten, und lege ich solches mit Vertrauen in Seine Hände, auf daß Er es, sobald der Kurator Gedelöcke, Sein alter Patron, abgelaufen ist, und Zeiger und Pendulum still stehen, an die richtige Adresse abliefert. Was darauf zu tun ist, das wird sich finden, und mag auch Er, Davide, Seine Stimme ^in consilio^ haben als ein treuer Diener und ein prudenter Kopf. Den Mutz vermache ich Ihm auch und weiß, daß Er fein lieblich mit ihm umgehen und sich keine Winterkappe aus seinem Pelz machen lassen wird. Nun gebe Er mir auch ein Glas Spanischen, einem jeglichem, so etwas dagegen zu sagen weiß, zum Trotz; -- ^pereat materia peccans cum titulo pleno!^ Lege Er mir die Kissen zurecht, und lasse Er mich ein Stündlein allein; wenn der Mensch es also kühl gegen den Magen heraufsteigen spüret, so hat er so mancherlei zu bedenken, daß ihm seine allerbesten Freunde zum Überfluß werden mögen.«
»Herr Kuratore,« sprach der Famulus; »ich liebe Ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele; Er ist mir mehr als ein Vater gewesen, und sein Vermächtnis rühret mich mehr als zu sagen ist. Ich verhoffe, daß ich Ihm noch lange Jahre mit Kopf und Hand und Herzen, mit der Feder und mit dem Maule zu Diensten sein darf; diesen Brief aber werde ich zur richtigen Stunde, wenn es nicht anders sein kann, an den Herrn Obristen von Knorpp abgeben, verlasse Er sich drauf.«
»^Optime!^« sprach Gedelöcke, das Gesicht der Wand zukehrend. »Es ist eine kuriose Welt; bestelle Er mein Kompliment an den Benediktus, Davide; das Regiment ist auf dem Marsch von Altona her.«
IV. Von dem Herrn Obristen Benediktus von Knorpp.
Von den soeben beschriebenen Stunden an flossen natürlich nunmehr alle die verschiedenen bedenklichen Gerüchte über den Kurator in der einen entsetzlichen Gewißheit von der grausamen, abscheulichen und verruchten Apostasie des Mannes zusammen, und mit schauderndem Wohlbehagen sah ihm die Stadt Kopenhagen in die Fenster. Nun kamen die absonderlichsten Histörchen zu Haufen hervor wie die Regenwürmer beim Laternenschein, und hundert Leute, welche den Kurator in ihrem Leben nicht gesehen hatten, erinnerten sich an Dinge und Worte aus jeder Epoche seines Daseins, die wohl geeignet waren, die allgemeine christliche Betrübnis zu begründen und zu steigern. Die Herren Doktores segneten ihren abtrünnigen Patienten nach jeglicher Krankenvisite; denn wenn auch ihre Kunst sie dann und wann im Stiche lassen mochte, Jens Pedersen Gedelöcke ging ihnen nimmer aus, und wie nützlich und annehmlich ein solcher stets frischer Gesprächsstoff sein mag, das weiß der wohl, so selber eines solchen in seinem Beruf bedürftig ist. Auch der ehrwürdige Hieronymus zog nach bestem Vermögen seinen Vorteil aus dem halsstarrigen rationalistischen Sünder und wußte ihn an jedem Sonntag in seiner Trinitatiskirche in einer andern und stets feurigeren Beleuchtung als abschreckend Exempel auf die Kanzel zu bringen, und fand nur einen Dorn an der Rose, nämlich den frommen Eifer der Kollegen, so den Kuratorem zu eigenem Gebrauch entlehnten, ohne das ^ius primae possessionis^ im geringsten zu achten. Was den Famulus David Bleichfeld anbetraf, so konnte derselbe nicht mehr über die Gasse gehen, ohne daß sich Mann und Weib an seinen Mantel oder Rockschoß hingen, um ihn mit Fragen, Kopfschütteln und guten Ratschlägen bis aufs äußerste zu torquieren.
Im Hause selber hockte Frau Mette im Sack und in der Aschen, hielt ihr Töchterlein zwischen den Knien, genoß wie die Stadt Kopenhagen den kitzelnden Schauder des unerhörten Zustandes und nahm dazwischen in zerknirschter Gehobenheit die wunderlichsten Kondolenzbesuche an. Es kamen Leute aus den höchsten wie aus den niedrigsten Ständen zu ihr: gottesfürchtige Kammerherrn und Hofdamen vom erleuchteten Hofstaat Seiner Majestät des Königs Christians des Sechsten; theologisierende Geheimeräte, mystische Schuster, wohlmeinende Bürgerfrauen, besonders aber viele Pastorenwitwen mit den gedruckten oder ungedruckten Predigten ihrer Seligen, also mehr als ein inspiriertes Waschweib. Die hohe und niedere Geistlichkeit hielt das Haus blockiert, wie der Türk den Russen Anno Eilf am Pruth; im Schoß der Universität summte und brummte es wie in einem Bienenkorb, der sich zum Ausschwärmen rüstet, und es war kein Teetopf, kein Bierkrug und keine Bettgardine, hinter welchen nicht das ^Pro^ und ^Contra^ in Sachen Gedelöcke mit Eifer abgewogen wurde.
Gedelöcke selber verbiß seine leiblichen Schmerzen hinter verriegelter Tür, ließ sich von seinem getreuen Famulo das Buch Koheleth, welches wir den »Prediger« Salomonis nennen, vorlesen, schlug noch einen Hauptsturm der Kopenhagener Prediger ab und machte am ersten Ostertage des durch ihn so denkwürdigen Jahres 1731 sein Wort wahr, und ging mit dem Gefühl, als ob ihm ein eiskalter Teller auf den Magen gedrücket werde, hinüber in eine bessere Welt, um vor einer andern Stelle als dem dänischen Oberkonsistorio und dem Kopenhagener Polizeimeister und obern und untern Publiko von seinem Leben, Taten und Meinungen Rechenschaft zu geben. Er ersoff, verstockt wie Pharao, elendig im Roten Meere seiner Sünden, wie der Pastor Hieronymus Moekel sagte. Er zeigte, daß er zur richtigen Zeit seinen Abtritt zu nehmen wußte, wie der Professor Ludwig Holberg mit einem noch vieles andere sagenden Achselzucken bemerkte. Er schlug sich dreimal an die Brust und rief: »Ich weiß, daß ein allmächtiger Gott ist!« und verschied -- wie Monsieur David Bleichfeld später auf dem Polizeiamt berichtete.
Nun weiß man aus der Geschichte, daß um die Stunde, da der großmächtige, grausame Tyrann und verruchte Königsmörder Olivier Cromwellius, so sich auch den Protektor von England heißen ließ, den Atem verhauchte, ein erschrecklich Unwetter sich erhob, welches viele Fensterscheiben und Schornsteine zerschlug, auch manchen Baum umwarf und sonst vielerlei betrübtes Unheil anrichtete: um die neunte Abendstunde des ersten Ostertages 1731, als der Kurator Gedelöcke seine Rechnung abschloß, entstand nur ein trockenes Wehen, das kaum den Staub und die Abfälle in den Gassen von Kopenhagen umherwirbelte, aber späterhin so gut wie das engelländische Sturmwetter zu den »Zeichen« gerechnet wurde. Es rasselte der Wind ein wenig an dem Fenster, als klopfe eine Hand an die Scheiben. »So lasse ich dich dem, welchem du angehören willst, Jens Pedersen Gedelöcke!« rief der Prediger von der Dreifaltigkeitskirche und entfernte sich mit seinem Küster Jesse Brägge; das Gesinde stürzte fort, die Frau verbarg sich mit dem Töchterlein in ihrem Gemache. Niemand harrte bei dem toten Manne aus, als sein Famulus und sein Kater, welcher letztere später natürlich ebenfalls zu den »Zeichen« gezählt wurde. Und als David Bleichfeld eine halbe Stunde nach dem Tode des Patrons in sein Kämmerlein hinaufstieg, um aus dem verborgensten Schubfach seines Schreibpultes das an den Herrn Obristen von Knorpp gerichtete Schreiben des Kurators hervorzunehmen, hielt der Kater die Leichenwache fürs erste ganz allein.
Mehr instinktartig und mechanisch, als in klarer Überlegung dessen, was geschehen müßte, richtete der Famulus den letzten Auftrag seines Herrn aus; aber selbst die Gewißheit, nur der letzten Grille des Verstorbenen Vorschub zu leisten, würde ihn auf seinem Wege nicht aufgehalten haben.
Er verließ das Haus und trug das versiegelte Papier in beiden Händen vor sich her durch die finstern Gassen. An einer Ecke traf er auf die ehrwürdigen Herren von der Trinitatis- und der Frauenkirche, welchen ein Diener mit der Laterne vorleuchtete. Sie hielten den Verstörten an und sprachen, indem sie eine längere Zeit hindurch an seiner Seite schritten, heftig und hitzig auf ihn ein, ohne daß er sie anfangs verstand. Als er aber allmählich ihre Meinung und die Wege, welche sie gingen, begriff, da schob er das Schreiben Gedelöckes hastig in die Brusttasche und knöpfte mit zitternden Fingern jeden Knopf darüber zu; noch hastiger nahm er sodann seinen Abschied von den zwei Pastören und beschleunigte seine Schritte dergestalt, daß er fast gänzlich außer Atem vor der Wohnung des Obristen Benediktus von Knorpp anlangte und vor übermächtiger Aufregung und Mangel an Luft kaum imstande war, daselbst Einlaß zu begehren und seinen Namen zu nennen.
Da stand er denn auf dem Hausflur und murmelte: »Ah, so ist es gemeint! so ist es -- o, ich konnte es mir denken! o, Jens Pedersen Gedelöcke! o, Herr Kurator! o, mein guter, guter Herr und Patron!« und aus dem obern Gestock des Hauses drang ein rauher kriegerischer Gesang herab, welcher sein erschüttert Gemüte auch wenig kräftigte und festigte. Nun führte ihn eine uralte, hexenartige Dienstmagd die Treppe hinauf; nun trat er aus der Kühle in die Hitze, nun stand er zwischen gepackten Soldatenkoffern in einem dichten Nebel von Tabaksqualm, und das Lied von der Schlacht bei Kiöge paßte fürtrefflich zu dem Manne, so in hohen schwedischen Stiefeln, mit der Tonpfeife im Munde zwischen dem Fenster und dem hohen Steinkrug auf dem Tische hin- und herschritt und jedesmal, wann er die Nase und den Schnauzbart in dem Kruge versenkte, wußte, was er tat.
»Der Herr Obrister sind heute mittag von Altona angelanget und gehen übermorgen mit dem Regiment nach Frederikshall,« hatte die Wirtschafterin auf der Treppe dem Famulo mitgeteilt, und der Herr Obrister kommandierten sich selber »Halt!« und »Front«, standen stocksteif vor dem Boten des Kurators Jens Pedersen Gedelöcke und schnarrten:
»^Bonsoir^, Monsieur Bleichfeld; ist Er's denn, oder ist Er's nicht? Bei allem, was lebet, wie siehet Er aus, Herr Studio! Ist Ihm der General Stenbock, der König Karl oder der Teufel selbst begegnet? Was bringet Er mir von Sich oder Seinem Herrn?«
»Der Herr Kurator lassen sich dem Herrn Obristen allergehorsamst rekommandieren; -- vor einer Stunde sind Sie sanft entschlafen.«
»Halt!« schrie der Kriegsmann, beide Hände wie Klauen dem zusammenknickenden Famulus auf die Schulter schlagend, und ihm die scharfe dünne Habichtnase so nahe als möglich unter die Augen rückend: »Ruhe im Glied! Was hat Er gesaget, Monsieur?«
Der Famulus wiederholte stotternd seine Nachricht, die hellen Tränen liefen ihm dabei jetzo über die hagern Backen, und der Kriegsmann ließ seine Schulterblätter frei, leerte im jähen Schrecken und Schmerz seinen Krug bis zum Grunde, setzte sich auf den nächsten Holzschemel und seufzte in tiefster Zerknirschung:
»O David Bleichfeld, das verdirbt mir mehr als diesen Abend! O Bleichfelde, mit diesem Wort hat Er mir mehr in der Hand zerbrochen, als diese tönerne Pfeife, und Famule -- holla -- ich kenne den Jens Pedersen -- und ich glaube Ihm noch nicht, Monsieur David! Er ist geschickt worden, mich anzulügen zum Willkommen, Kamerade -- sehe Er mir noch mal in die Augen.«
Noch einmal packte der Kriegsmann den Unglücksboten und sah ihm in das klägliche Gesicht. Als er ihn aber zum zweiten Male frei ließ, zweifelte er nicht länger, sondern seufzte:
»O Jens, Jens, du halsstarriger, widerborstiger, närrischer Bursch, so hast du mir denn den letzten Schabernack gespielt und bist vom Posten abgezogen, ohne Losung und Rapport zu hinterlassen. O du fahnenflüchtiger Bösewicht, die Hand hättest du wenigstens mir noch einmal drücken sollen! Monsieur Bleichfeld, ich sage Ihm, das hat mir nicht geschwanet, daß ich zu einem solchen Feste aus Holstein einrücken solle. O Jens, eine solche Freundschaft wie die unsrige ist nie erhöret worden, und nimmer haben zwo menschliche Kreaturen in solchem Hader, Ekel und Widerwillen miteinander gelebet, denn wir zwei beide! Monsieur Bleichfeld, seit wir uns vor unserer Väter Türen zu Helsingör um Ball und Kreisel die Köpfe blutig schlugen, seit wir in Rosenborg-Have Anno 1695 um die Mamsell Spegelmann einander in die Haare gerieten, sind wir wie zwo Zwillingsbrüder gewesen und haben kein Jahr verstreichen lassen, ohne uns gegenseitig aufs Eis zu führen, und nun ist er fortgegangen, Meister Bleichfeld, und hat seinen alten Kumpan allein im dänischen Dreck gelassen! Ich habe schon längst in Altona auf seine diesjährige Schnurre gewartet; aber solches geht doch über allen Spaß, -- ohne ein Aviso, -- ohne ein Wort zum Abschied --«