Keltische Knochen/Gedelöcke: Erzählungen

Part 4

Chapter 43,667 wordsPublic domain

Unter der Hinterpforte des Gasthauses stand Roderich von der Leine und sah, wie es schien, sehr aufgeregt in den Regen hinaus. Er hatte sich nach seinem Ausflug zum Waldbachstrub wieder ins karrierte Kostüm werfen müssen und erwartete mich mit prickelnder Ungeduld. Als er meiner ansichtig wurde, begann er, mit erhobenen Händen winkend, einen Tanz des Entzückens.

»Da sind Sie! da sind Sie endlich! O Freund, was für eine Geschichte! Herrlich! prachtvoll, o ich kann nicht mehr!« schrie er mir entgegen.

»Wo sind die beiden andern Herren?« fragte ich mit möglichster Gefaßtheit, doch der Dichter war zu aufgeregt, um einen klaren Bericht erstatten zu können; nur das verstand ich zu meinem Leidwesen, daß der Professor Steinbüchse aus Berlin bereits, »naß wie ein Kater und in einer alten Mütze des Wirts«, einen Einspänner gemietet habe und außer sich vor Wut nach der Gosaumühle abgefahren sei.

»O, wie haben sie sich noch gefaßt! O, was haben sie noch einander gesagt! O, wie sahen sie aus!« schrie Roderich, und ich schritt, von ihm gefolgt, in die Gaststube.

Da saß Zuckriegel! Ein Bild äußerster, menschlicher Wut und ohnmächtigster Empörung. Er hatte seinen Anzug nicht gewechselt, und nur um den kahlen Kopf einige bunte Taschentücher gewickelt. Als er mich erblickte, stieß er ein zischendes Geheul aus und umfaßte besagten Kopf mit beiden Händen; zähneknirschend, wutwimmernd spie er mir, sozusagen, die Fragen entgegen:

»Wissen Sie's? Haben Sie's gehört? Wissen Sie, wie's abgelaufen ist?«

»Nur im Umriß, Herr Prosektor.«

»O der Halunke, der Halunke, der niederträchtige Berliner Halunke! Ich sage Ihnen, wir wären durchgekommen; ich sage Ihnen, wir hätten das Unsrige davongetragen, ohne den Jammermann! Was tut er in seiner erbärmlichen Angst, als uns das nachsetzende ^pecus^ an einer Stelle etwas näher rückt? Meinen Schädel wirft er den Verfolgern vor, höchstwahrscheinlich, um sie aufzuhalten, und damit ich mich mit seinem rostigen Blechwerk desto sicherer rette. Wütend werfe ich natürlich auch das alberne Käsemesser mit demselben Recht zum Henker und heiße ihn im Rennen und in meiner Verzweiflung und Raserei einen Hornochsen oder dergleichen. Da schleudert die Bestie auch meine Armknochen und Rippen von sich und schreit: Hornochse? da! da! so mag denn alles zum Teufel gehen! Ich werfe ihm natürlich das andere alte Eisen an den Kopf, und hinter uns brüllen die Lümmel wie der Satan; denn sie scheinen zu wissen, daß sie nun alles wiederhaben, was wir mit so vieler Mühe aus ihrer verdammten Wildnis ihnen abgeholt hatten. Sie ließen uns laufen, und -- hier -- hier sitze ich, und meine Atzel ist auch zum Teufel. Herrgott, Herrgott, wenn es doch eine ewige Gerechtigkeit gäbe! ^Oleum et operam perdidi^, das Öl auf dem verruchten Wege nach dem Rudolfsturm und die Gelegenheit, den Berliner Ignoranten und Hasenfuß durchzuprügeln, eben jetzt. Den Tag vergesse ich nicht, und wenn ich tausend Jahre alt würde; -- wenn ein Objekt, auf das ich von Rechts wegen als tot Ansprüche hätte, mir unter dem Seziermesser, vor dem ersten Schnitt wieder aufleben würde, könnte ich keine blutigeren Tränen weinen. Ach, es gibt keine Gerechtigkeit -- keine Gerechtigkeit in der Welt!«

Der Prosektor Zuckriegel legte den Kopf auf das Buch vom Gaunertum, welches er bei seinem Ausmarsch zu den keltischen Grabstätten auf dem Tische hatte liegen lassen, und war von jetzt an für uns tot. Wir nahmen ihn wie ein Paket wieder mit nach Ischl, wo wir im schönsten Sonnenschein anlangten. Roderich von der Leine verfiel hier natürlich wieder dem schönen Geschlecht, und ich setzte die Fahrt nach Salzburg allein fort.

Auch Salzburg lag im schönsten Sonnenschein in seinem Kessel und brätelte; aber man hing soeben die Verlustlisten der ersten italienischen Gefechte an die Straßenecken, und das warf einen bösen Schatten über die reizende Stadt.

Ich hatte freilich keinen Verwandten oder Bekannten, für welchen ich zu sorgen brauchte, in der österreichischen Armee, aber es fiel mir auf die Seele, als ich die unheilvollen Reihen der Toten und Verwundeten überblickte, daß ich füglich ein Interesse an dem tapfern Jüngling aus Hallstadt, Seppel Schönrammer, nehmen könne. Es würde mir sehr leid getan haben, wenn ihn der Tod in der Blüte seiner Jahre dahingerafft hätte; glücklicherweise stand sein Name jedoch nur unter den Leichtverwundeten. Der junge Held hatte nur eine unbedeutende Kontusion von einem Schuß durch den Feldkessel in den Tornister bekommen. Er mußte sich also beim Eintritt dieses nicht allzu bedeutenden Unglücks bereits auf dem Rückzuge befunden haben.

Gedelöcke

I. Von der Stadt Kopenhagen und dem Kurator Herrn Jens Pedersen Gedelöcke.

Teilweise auf der Insel Seeland und teilweise auf der Insel Amager liegt, wie mancher Schuljunge, aber nicht jeder Gelehrte weiß, die Stadt Kopenhagen, die Hauptstadt des Königreichs Dänemark, wohl versehen mit Fortifikationes sowohl auf der Land- wie auf der Seeseite, eine feine und schöne Residenz, und seit uralten Zeiten durch mannigfache Handels- und sonstige Interessen mit Deutschland im, wenn auch nicht zärtlichen, so doch recht angenehmen und freundnachbarschaftlichen Verhältnis. In dieser Stadt lebte zu Ende des siebenzehnten und zu Anfang des achtzehnten Säkulums christlicher Zeitrechnung ein Mann des Namens Jens Pedersen Gedelöcke, und daß er ebendaselbst starb, ist uns insofern erfreulich, als uns das Faktum den Hauptstoff zu gegenwärtiger in Wahrheit ungeschminkter, unverbrämter, unbefranzter, kurz ungelogener Relation geliefert hat. Denn wäre er nicht gestorben, so hätte man ihn auch nicht begraben können, und wäre er nicht begraben worden, und zwar mehr als einmal, so wäre auch nicht Anno 1731 zu Cölln an der Spree die Historia von seinem »sonderbaren Glauben, Leben, erstaunenden Tode und merkwürdigen Begräbnis« zum erstenmal in Druck ausgegangen, und wir hätten dieselbe nicht im Jahre 1865 zu Stuttgart auf dem Trödelmarkt um neun Kreuzer »Furchtlos und trew« erstehen und zu eifrigem nächtlichen Studium nach Hause tragen können. Da wäre es uns denn auch ganz gewiß nicht beigefallen, anderer Skribenten Zeugnis und Meinung über den kuriosen Kasum einzuholen, um der Sache auf den Grund zu gehen, sintemalen es einen solchen Kasum gar nicht gegeben hätte. Und wenn uns somit viele und arge Mühe erspart worden wäre, so würde das liebe deutsche Publikum im ganzen und großen doch den meisten Schaden davongetragen haben, denn wahrlich kein Autor hätte ihm diesen Gedelöcke erfunden; der heutige lichte Tag, so über alle Maßen duldsam und ohne Vorurteile, würde es nicht gelitten haben.

Doch was stehen wir an der Tür? Jens Pedersen Gedelöcke führte während seines Lebens den Titel eines Kurators und wird also wohl auch einer gewesen sein, und daß er über andere Sorgen die für seinen Leib nicht außer acht ließ, ist über allen Zweifel erhaben, und wurde, solange er sich des Daseins erfreute, durch seine wohltuende Erscheinung verbürgt. Denn wenn er von Statur mehr klein als groß war, so schob er doch ein ungemein behaglich Bäuchlein vor sich her; und daß er nicht durch das Leben hastig und atemlos lief, oder mit Würdigkeit und Bedachtsamkeit langsam schritt, sondern es zierlich, ja gewissermaßen tänzelnd durchtrippelte, mußte ebenfalls für ein nicht zu verachtendes Zeichen innerlichster Satisfaktion genommen werden. Er trug, wie es sich für ihn ziemte, ein wohlanständiges, halbgelehrtes schwarzes Habit, eine wohlfrisierte, tadellose Perücke und den Hut unter dem Arm. Er legte sowohl im Gehen wie in der Konversation das rundliche Haupt ein wenig auf die rechte Schulter, und ein gewisses Blinzeln der kleinen, doch sehr hellen Augen ließ vermuten, daß er ^a priori^ wie ^a posteriori^ den Kreis seiner Erfahrungen wohl zu erweitern wisse, und das Fältchen in den Mundwinkeln deutete darauf hin, daß er seinen lieben Nachbarn, Freunden und Verwandten nicht alles kommuniziere, was er im Geiste bewege. Man wußte in der Stadt Kopenhagen, daß er mit dem königlichen Professor der Geschichte, Herrn Ludwig Holberg, in einem sehr lebhaften Verkehr stehe, und was dieses zu bedeuten hatte, das konnte jedermann sagen, der sich an dem großen Gelehrten und kurieusen Humoristen ergötzte oder ärgerte; denn des Mannes Neigung und Freundschaft waren nicht so leicht zu gewinnen, und es erhielten sie nur diejenigen, welche auch wieder etwas dagegen zu bieten hatten. Wenn aber sehr große Leute auf den Kreuzwegen wie Wegweiser stehen, damit alles vorüberwandelnde Hornvieh sich bequem und ohngehindert daran reiben könne, so gehörte Gedelöcke nicht zu den sehr großen Leuten, denn an ihm rieb sich niemand ungestraft, weder im Hause noch in der Gasse, und in der Kneipe gar nicht. Er hatte ein feines Erbteil Mutterwitz mit auf den Lebensweg bekommen und zahlte gern und mit großer Freigebigkeit einem jeglichen, der dessen zu begehren schien, davon aus, -- einerlei ob ein mehr oder weniger selbstbewußter Schädel aus dem Wehr-, Lehr- oder Nährstande in der gegnerischen Perücke steckte. Am liebsten hatte er's, wenn er einem Mitgliede der höhern oder auch niedern Geistlichkeit in solcher Art einen kleinen Überschuß über das antagonistische Guthaben auf den Tisch zählen konnte, und die Konsequenzen davon hatte er ebenfalls zu tragen.

Es verdichtete sich allmählich der Nebel um den Leuchter und das Licht seiner Existenz, und wenn die hüpfende Flamme dadurch vergrößert wurde, so erschien sie doch auch ungewisser, undeutlicher. Was anfangs nur die nächste Nachbarschaft sich kaum ins Ohr zu flüstern wagt, das schreien plötzlich die Ziegel von den Dächern, und der, welchem der Verdruß auf den Kopf fällt, wundert sich wohl gar noch darob. Die Gerüchte aber, so anfingen, über den Kurator in Umlauf zu geraten, waren im Anfange, ehe sie sich zu der letzten, bestimmten Berüchtigung zusammengezogen hatten, sehr verschieden und wechselnd in den Mäulern der Leute, je nach der Persönlichkeit, welche sich mit Herrn Jens Pedersen Gedelöcke im Widerspruch fand.

Die, welche sich sehr weise dünkten, sprachen von alchymistischen Narreteien, von den blanken Reichstalern, die auf der Suche nach dem Philosophenstein und ^Menstruum universale^ sich im Rauchfange des Kurators verflüchtigten, und zitierten mit bedächtlichem Kopfschütteln:

»O schädlich ^Acidum^, das Seelen ^corrodiret^! ^Sal sulphur^ und ^Mercur^ zur Höll' ^praecipitiret^! Er suchet ^Sol^ im Koth und ^Lunam^ in der Erden; Wie kann das ewig Licht ihm dort zu Theile werden?«

Die Giftigeren wollten wissen, er schlage seine Frau, Mette, geborene Niels, sei ein stinkender Geizteufel, welcher um desto ärger daheim die Zähne fletsche, je manierlicher und kompläsanter er in den Gassen einhertrete. Die Giftigsten aber hielten einander an den Rockknöpfen fest oder steckten über dem Kaffeetisch die Dormeusen zusammen und zischelten einander zu: Der Kurator Jens Pedersen Gedelöcke sei auch ein Zeichen, daß nicht nur dem dänischen Zion, sondern dem ganzen Universo die letzte und höchste Stunde nahe, ein Zeichen, wie die soeben von den Astronomis entdeckten Flecken am Sonnenball, so nach der Opinion aller frommen und nachdenklichen Leute ^ad prognostica propinqua^ des jüngsten Tages gehörten. Diese guten Nachbarn und lieben Freunde wußten ganz genau und erfuhren immer besser: der Kurator streife allgemach sein Christentum ab, wie die Schlange ihre Haut; er gehe zu seinem größten Seelenschaden nur noch mit den verstockten Juden, ihren Lehrern, Rabbinern und Büchern um, zum Tische des Herrn sei er schon seit Jahren nicht mehr gegangen, den Sonntag halte er nicht mehr heilig, wohl aber der Juden Sabbat, und vor dem Fleisch der Schweine habe er einen unchristlichen Ekel. Es waren bald nur wenige Leute in der guten Stadt Kopenhagen, welche nicht an sich oder andere die Frage stellten, ob dieses nicht unerhört sei, und ob nicht zum allgemeinen Salut und zur Abwendung von Gottes Zorn das hochlöbliche Polizeigericht sich der Sache anzunehmen habe?

Daß dieses dritte Gerücht den meisten Anklang und Widerhall in der Stadt fand, war nicht zu verwundern; die besten Freunde hielten dagegen nicht stand, und wäre auch wohl schon früher von oben her ein Einsehen getan, wenn solches bei Lebzeiten seiner königlichen Majestät Herrn Friedrichs des Vierten tunlich gewesen wäre. Dieser Monarch aber war zur Betrübnis aller gottseligen Leute nicht so leicht dazu zu bringen, in solchem Falle einen Spezialbefehl ergehen zu lassen; er war ein feiner, lustiger und polierter Herr, welcher seine Freude am Leben hatte, und jeglichen Untertan für das Heil seiner Seele selber sorgen ließ. Wie konnte er, der sogar das Privilegium für das erste dänische Nationaltheater gab und den »politischen Kannegießer« selbst darin belachte, welcher von seinen französischen Komödianten mit sehr merkwürdigem Gusto den Tartüffe des Monsieur Molière agieren ließ, -- dazu gebracht werden, einem Untertan ins Haus zu rücken, weil die Nachbarschaft behauptete: der Mann verrichte seine Andacht mit Gebärden, Neigungen des Hauptes und in einem leinenen Kragen, welche dem lutherischen christlichen Ritus und Zeremonial ein Greuel seien? Er tat's nicht, und der Kurator blieb in dem, was er tat, und dem, was er unterließ, insoweit unangefochten; aber es war ein Glück für ihn -- Herrn Jens Pedersen Gedelöcke, -- daß er, -- als königliche Majestät in dem Jahre 1730 das Zeitliche segnete, über jegliche Anfechtung sich ebenfalls schleunigst erhob. Herr Christianus des Namens der Sechste stieg auf den dänischen Thron, der »dänischen Komödie Leichenbegängnis« wurde aufgeführt; die dänische Welt veränderte in jeder Weise ihr Gesicht; doch das ist unsere Geschichte.

II. Von den Herren Doktores Primus ^et^ Sekundus, imgleichen der Frau Mette Gedelöcke und dem ehrwürdigen Herrn Hieronymus Moekel von der Trinitatiskirche.

Es war an einem Nachmittag im unfreundlichen Monat Februar des Jahres 1731, als zwei Ärzte, zu gleicher Zeit eilends herbeibeschieden, vor der Tür des Kurators anlangten und beim gegenseitigen Anblick die perückenbedeckten Häupter erhoben und jenes Lächeln erzwangen, welches so viel schwerer zu prästieren ist, als ein Fußtritt oder ein Faustschlag. Die Namen der beiden Herren sind unsern genauesten Nachforschungen entgangen; so wollen wir denn jenen, der in einer Sänfte durch die strömenden Regenfluten heranschwankte, den Doktor Primus, und jenen, welcher in seiner stattlichen Karosse eine halbe Minute später anlangte, den Doktor Sekundus nennen. Sie waren beide glänzende Lichter in ihrer Kunst und Wissenschaft, und es war eine Freude, ihren gelahrten Diskussionen zuzuhören, vorausgesetzt, daß der Hörer ihnen nicht selber die Zunge zu zeigen hatte. Wenn Herr Jens Pedersen Gedelöcke sie beide zu sich gebeten hatte, so konnte dies für ein Zeichen genommen werden, daß es freilich zum Schlimmsten und Letzten gekommen sei, denn er wußte sonst ziemlich genau, was er tat; es fand sich aber, daß sie nicht auf seine eigene Einladung kamen.

Die beiden gelehrten Herren begrüßten einander auf dem Hausflur des Kurators, wie es sich schickte, mit einem ^bonus dies, Collega!^ einem ^Serviteur!^ und ^quid agis?^ --, neigeten längere Zeit an der untersten Stufe der Treppe um den Vortritt die Häupter gegeneinander, hoben und senkten deprezierend die Achseln und schritten sodann in gleicher Linie nebeneinander aufwärts zum Zimmer des Patienten, vor dessen Türe sie Madame mit betrübtem Kompliment in Empfang nahm, und zwar mit dem Finger auf dem Munde, zum Zeichen, daß Fürsicht und Stillschweigen das erste sei, was sie von den Herren erbitte. Aus dem Krankenzimmer vernahm man einen merkwürdigen Gesang, und auf den Zehen schreitend führte die Frau Mette Gedelöcke die beiden Doktoren in ein Nebengemach, allwo sie zu ihrer nicht geringen Verwunderung den Pfarrherrn der Trinitatiskirche, Herrn Hieronymus Moekel, in tiefes kummervolles Nachsinnen und in einen sehr großen Armstuhl versunken, bereits vorfanden. Da geschah wiederum jenes würdige und zierliche Begrüßen, welches von dem achtzehnten Jahrhundert zu solcher Blüte und Vollkommenheit gebracht worden ist, dessen Wissenschaft und Ausübung aber im neunzehnten Säkulum leider verloren ging und im zwanzigsten vielleicht wiedergefunden wird. Die beiden hochpreislichen Fakultäten taten einander alle gebührenden Ehren an, während die hochbetrübte Hausfrau mit dem Nastuch vor den Augen dazu knixte und sich mit Wimmern und Geschluchz um die große Ehre und Hilfsbereitschaft, so ihr und ihrem Hause von den Herren erwiesen wurden, einmal über das andere bedankte. Erst als der Sitte und dem ^decoro^ in jeder Weise genug getan war, konnte, unter fortwährendem Horchen auf den fremdartigen Gesang hinter der Wand, die Konversation auf das Wichtigere geleitet werden, und der Doktor Primus tat dieses, indem er bemerkte:

»Brauche ich Madame leider kaum zu befragen, wie es dem Herrn Eheliebsten am heutigen Tage ergehe. Solches ist das rechte Wetter, die ^salia^ zu koagulieren, solches ist die Witterung derer Podagristen; aber der Herr Kollega werden mir beifallen, wenn ich Madame die Versicherung gebe, daß der Patienten Ungebärdigkeit nicht das Schlimmste ist, was der Medikus auf seinem Wege zu sehen und hören wünschet. Und Madame darf sich keine unnötigen Sorgen machen, des Herrn Kollegen Sekundi ^Tinctura solis^ wird auch heut schon das Acidum obtundieren; der Herr Ehegemahl befindet sich in guter Hand.«

»Die da sündigen, werden dem Arzt in die Hände fallen,« sprach der Herr Hieronymus, das Haupt mit drohender Betrübnis senkend, während die Doktoren schnell die Köpfe in die Höhe warfen, und der gelahrte Herr Sekundus die Gelegenheit nahm, mit einer neuen tiefen Reverenz sich bei Seiner Ehrwürden nach dem Verlauf des jüngsten Konsistorialessens und der darauf erfolgten Indigestion zu erkundigen, worauf Herr Hieronymus das Gespräch abermals näher zum Zweck führte:

»Messieurs belieben doch Platz zu behalten. Madame hat uns zu einer wichtigen Konsultation zusammenberufen in dieses Haus, allwo leider der Arzt des Leibes und der Arzt der unsterblichen Seele zu gleicher Zeit zu tun haben. Wahrlich, Madame hat als ein fromm christlich Eheweib gehandelt und ihre Bürde mit Tränen auf sich genommen. Dieses ist ein Haus worden, dessen Lieblichkeit zu übelm Geruch sich wandelte, ein Haus, dessen Tür belagert ist von unheiligen Geistern, so mit Zähnefletschen, Schweifringeln und Schlagen, mit verhaltenem Gebell und Geheul bei Tag und Nacht Einlaß begehren, löblicher Stadt und allem christlich lutherischen Volk zum Skandalum, zum allerschrecklichsten Ärgernis. Ja, die Herren wissen bereits, daß der böse Feind allbereits eingedrungen ist und neben dem Lager des Hausherrn sitzet und sich über ihn beuget und die Zähne mit Triumph blecket. Es klinget ein absonderlicher Sang in unser Ohr; aber Madame möge reden, und Messieurs mögen hören und uns sodann ihre treffliche Opinion mitteilen.«

»Ich bitte!« fiel der Doktor Primus vorerst dazwischen. »Es ist vor allem weitern die Frage zu stellen, ob wir hieher berufen seien als Medici oder als Theologi? Was saget der Herr Kollega?«

»Ich stimme dem Herrn Kollega bei und stelle mit ihm dieselbe Frage.«

»Messieurs,« rief der Pfarrherr mit großem Ernst, »wir sind hier in der dänischen Stadt Kopenhagen, allwo kein Inquisitionsgericht Sitzung hält über die Meinungen, doch weiß hochehrwürdiges königliches Konsistorium sich auch verpflichtet vor Gott und Seiner Majestät, unserm königlichen Herrn Christian dem Sechsten. Man spreche, wie man zu sprechen weiß; es wird an andern liegen, die Conclusiones zu ziehen.«

»Ihr Herren, ihr liebe Herren,« jammerte die Frau Mette, »in ganz Kopenhagen, auf ganz Seeland gibt's keine unglücklichere, geschlagenere Seele, denn meine. Sie weisen in der Kirche und in den Gassen mit den Fingern auf mich: >Sehet, da gehet das Weib des christlichen Juden!< -- ich weiß mir am Ende nicht mehr zu helfen, und kann's nur ertragen, weil mich der Herr Jesus Christus darzu erschaffen hat. Ich bin von lutherischen frommen Eltern allhier geboren, und mein Mann ist aus Helsingör und auch von christlichen Eltern geboren, solches ist ja von der Kanzel abgelesen bei unserer Trauung. Ich will auch in meinem lutherischen Glauben sterben; aber die Zungen der Leute bringen mich vor der Zeit um, und -- drinnen liegt er, und der Juden Vorsänger, Meister Henrich Israel, sitzet neben seinem Bett und muß ihm psalmodieren, und es wird von Tage zu Tage schlimmer, wie er mit seiner ewigen Seligkeit umgehet, und kein christlich Wort mehr annehmen will, und mit den Rabbinern und jüdischen Schriftgelehrten mehr Gemeinschaft pflegt als mit seinem ehrlichen Eheweibe, so ihm doch bei Tag und Nacht den Fuß in Wolle schlagen und des Herrn Doktors Sekundi preiswürdige Medikamente eingeben muß. Ich habe es getragen, getragen, getragen; aber es hat alles sein Ende, und so habe ich es zuletzt zum Herrn Hieronymus Moekel von Trinitatis getragen, und vor seiner Weisheit, Tugend und Gottesfürchtigkeit meine Last abgeleget --«

»Und Madame hat gar wohl daran getan,« fiel der Pfarrherr wieder ein; »und die Herren belieben wohl Achtung zu geben und auf jenen Gesang hinter der Wand mit Bedacht zu horchen. Wahrlich, es handelt sich hier darum, christliche Gemeinschaft der Heiligen und ein reines Evangelium vor einem großen und unersetzlichen Schaden und einem stinkenden Ärgernis zu bewahren. Messieurs haben den Herrn Kuratorem dem Leibe nach in allen frühern ^Morbis^ und Hinfälligkeiten behandelt; nunmehro aber handelt es sich um eines angesehenen und wohlbekannten Mannes besseres Teil, und die Herren mögen wohl in Obacht nehmen, daß ihr Wort gewogen wird vor einem hochwürdigen Konsistorio, vor königlicher Majestät erhabenem Thron und zuletzt droben mit der allerletzten Wagschale. So sprechen denn die Herren und sagen, ob der Kurator Herr Jens Pedersen Gedelöcke ^mentis compos^, bei gesunden Sinnen sei und ein verlorener, verruchter Sünder, einer so die Schafe lässet und sich zu den Böcken gesellet; -- oder ob ihn des Herrn Hand mit Wahnsinn geschlagen und nur das Irrenhaus mit einem Hirntollen abzurechnen habe?!«

»Herr Hieronymus und liebwerte Madame,« sprachen beide Doktoren mit bedächtigem Kopfneigen; »es ist unsere feste Überzeugung und Meinung, daß der Herr Jens Pedersen Gedelöcke nur am Podagra laborieret, und daß, wenn es, was der Himmel verhüten möge, zum Schlimmsten gehen sollte, viel mehr Expektanz vorhanden ist, die Krankheit steige ihm in den Magen, denn in den Kopf; als welchen letzteren es nach unserer Bekanntschaft in dieser erleuchteten Stadt Kopenhagen kaum einen zweiten gleich hellen gibt.«

»So ist dieses Haus auserlesen, für alle Zeiten im feurigen Lichte des Verderbens zu scheinen!« rief der geistliche Herr mit erhobenen Händen; »und von dem Manne hinter der Wand wird's heißen:

Die, so den großen Gott und seiner Botschaft spotten, Verschlingt der Schwefelpfuhl wie Kor- und Satans Rotten!

Es ist der Juden Vorsinger, Henrich Israel, so ihm jetzo seine Leibstücklein vorpfeifet, -- wahrlich ein Psalm für einen, so in der reinen Lehre geboren, erzogen und aufgewachsen ist. Wehe, wer wird ihm singen, wenn die Seele den körperlichen Leib verlassen hat? O Frau, Fraue, wahrlich ist Ihr ein schwer Schicksal auferlegt worden!«

Der ehrwürdige Herr redete sich in immer größere Emotion, die Frau Mette rang mit Wimmern und Winseln die Hände, und beide Doktoren hatten das Kinn auf den Stockknopf gestützt und starrten ins Graue. Da schwieg die Stimme Judäas, und still ward's auch im betrübten Konklave, als ein hager und gelb Gesicht sich in die leise geöffnete Tür schob und ein breiter Mund sich vernehmen ließ:

»Madame, der Herr Kurator wünscht die pläsierliche Kompanie, so allhier bei Ihr versammelt ist, auch bei sich zu bekomplimentieren!«

Sotane Visage eignete Herrn David Bleichfeld, dem Famulo des Herrn Pedersen Gedelöcke, und zog sich ebenso schnell zurück, als sie sich langsam vorgeschoben hatte.

III. Von dem Famulo Herrn David Bleichfeld.