Keltische Knochen/Gedelöcke: Erzählungen
Part 3
Diesseits der Wand horchten wir noch eine Weile, aber da das Sägen, Blasen und Raspeln immer regelmäßiger, wenn auch nicht melodischer wurde, so überließen auch wir uns dem balsamischen Schlaf. Roderich entschlief mit einem Ach der unsäglichsten Befriedigung. So war Zeus' Wille für heute vollendet; wie sich aber die Dinge am nächsten Morgen gestalten sollten, das lag ebenfalls auf dem Schoß des Wolkenversammlers. -- Warum regnete er uns fest am Hallstädter See? --
Ich hatte mir vorgenommen, früh wieder aufzuwachen, um beim ersten Erscheinen Zuckriegels und Steinbüchses zugegen zu sein und pflichtmäßig als höflicher und auch jüngerer Mann mich nach der Nachtruhe der beiden Herren zu erkundigen. Als ich aber die Augen aufschlug, merkte ich, daß auch ich meine moralischen Kräfte gleich den beiden Gelehrten ein wenig überschätzt hatte, und als ich halbbekleidet zum Fenster eilte, um mich auch durch den Augenschein zu überzeugen, daß der Regen noch nicht zu Ende sei, erblickte ich zu meinem höchsten Erstaunen unter zwei Regenschirmen vier graue Beine, welche einander entgegen vor dem Gartenpavillon auf- und abliefen. Und als der Wind zu gleicher Zeit aus den Regenschirmen zwei Tulpen bildete, da sah ich mit zweifelnder Verwunderung, daß sie es waren -- sie -- Zuckriegel und Professor Steinbüchse.
Der Dichter suchte höchstwahrscheinlich in seinem tiefen Morgenschlummer einen Reim auf Mensch; denn er stöhnte fürchterlich und griff ängstlich mit krampfhaftem Zucken der Hände auf der Bettdecke umher. Ich fühlte mich nicht berufen, ihm aus dem Dilemma zu helfen; in beflügelter Eile machte ich Toilette, um mich den beiden grauen Lustwandlern im Garten anzuschließen und zu erkunden, welch ein Geist diese Peripatetiker nach solcher stürmischen Nacht in solcher Weise neben- und gegeneinander am nebelverhangenen Ufer des Hallstädter Sees auf- und abführte.
Ich eilte die Treppe hinab, rief nach dem morgendlichen Kaffee, trat dann, ebenfalls unter aufgespanntem Regenschirm, in den Garten und schloß mich mit unbefangenster Miene den zwei Weltweisen an, um ihnen das, was ich ihnen freilich nicht geben konnte, zu bieten, nämlich einen guten Morgen.
Sie sahen verstört, übernächtig und verdrießlich genug aus: aber bewundern mußte sie jeder denkende Mensch; und ich, der ich für jedes geniale Sichfinden in die Stunde und ihre Verhältnisse einen feinen und freien Blick habe, ich fühlte plötzlich eine Achtung für sie, von welcher ich bis dahin keinen Begriff gehabt hatte.
Wie sank Roderichs von der Leine kleinliche, aber unversöhnliche Gereiztheit vor der wahrhaft großartigen Charakterentfaltung dieser beiden Männer der Wissenschaft auf ihr rechtes Maß herab! Zuckriegel und Steinbüchse hatten sich auch gegenseitig gereizt, hatten sich schöne Dinge gesagt; aber was war ihre Persönlichkeit gegenüber den hohen Zwecken ihres Daseins am Hallstädter See? Die gelehrten Leidenschaften, welche nächtlicherweise die Seelen der zwei streitbaren Helden so furchtbar gegeneinander empört hatten, lagen geduckt, so weit es möglich war, am Boden. Die spirituosen Wolken, welche das Gehirn der Kämpfer füllten, hatten sich bis auf einen leichten, schleierartigen Dunst verzogen; Zuckriegel war zu groß, die Brausche seiner Stirn an dem Professor zu rächen, und Steinbüchse aus Berlin war zu geistig-klar, um sich zu erinnern, daß er um Mitternacht ein »blödsinniger Esel« genannt worden sei. Von den Erinnerungen des letzten Tages und der vergangenen Nacht waren nur die vertraulichen Mitteilungen der behaglichen Abendstunden, als der Punsch noch nicht gewirkt hatte, übrig geblieben: Steinbüchse hatte Zuckriegel ins Ohr geflüstert, daß auch er gekommen sei, um auf dem Leichenacker des unbekannten Volkes am Rudolfsturm sich nach »etwas Brauchbarem umzusehen«, und im Fall man es nicht willig, billig oder gegen gute Worte ablassen werde, sich »seines gelehrten Rechtes« zu bedienen. Da nun des Professors Blick mehr auf bronzene Fibulae, Nadeln, Schwertgriffe und Pfeilspitzen gerichtet war, der Prosektor aber nur Knochen, Knochen, Knochen für seine Sammlung gebrauchen konnte, so kamen die beiden lüsternen Gemüter einander hier in keiner Weise ins Gehege. Sie hatten sich also über ihren dampfenden Gläsern innigst die Hände geschüttelt, und um einander die Jagd nicht zu verderben, gegenseitig geschworen, nur in Gemeinschaft darauf ausgehen zu wollen, und sich in allen Fährlichkeiten des Unternehmens mit Beredsamkeit, List, ja mit Gewalt gegenseitig beizustehen. Die Vorgänge der Nacht konnten an diesem Feldzugsplane nichts ändern, und so liefen die gelehrten Verschwörer nach eingenommenem Kaffee im Garten am See auf und ab, und sahen sich bei jedem neuen Vorüberstreifen mit finstern Blicken und Widerwillen, aber doch ohne Mordlust an.
Um neun Uhr wollte man aufbrechen zu diesem neuen Argonautenzug, Raub der Helena oder Raubzug ohne Umschweife. Es schlug eben acht, ich hatte also vollkommen Zeit, in Behaglichkeit ebenfalls Kaffee zu trinken und das Erwachen des Poeten zu erwarten.
Gegen halb neun Uhr erschien Roderich von der Leine, dieses Mal wieder in seinem weißen Kostüm. Jetzt hing der karrierte Anzug auf der Leine am Küchenherde, und wurde von vielen Gebirgsbewohnern, die in ebengenannter Küche sonst nichts zu suchen hatten, angestarrt, betastet und grinsend bewundert.
Die Begrüßung zwischen dem Dichter und den beiden andern Herren hatte ihre Reize für den aufmerksamen Beobachter; aber Zuckriegel hatte seine Galle und Bosheit in der Nacht so reichlich ausgeströmt, daß er am frühen Morgen verhältnismäßig matt war; seine Stimmung war ungefähr die einer Brillenschlange, welcher der fromme, aber schlaue Hindu einen Flanellappen vor die Zähne geworfen hat, und welche ihr Gift daran losgeworden ist. Als ich jedoch dem trefflichen Jüngling Hannovers meine Absicht, die beiden Gelehrten auf ihrem gefahrvollen, aber ruhmreichen Wege zu begleiten, mitteilte, da fuhr er, ohne der Zuckriegelschen Mildigkeit zu trauen, erschreckt vom Stuhle auf, warf ihn und den Milchtopf um, zog mich in einen Winkel und flüsterte:
»Ich bitte, ich beschwöre Sie! Was wollen Sie tun? Bleiben Sie bei mir, gehen Sie nicht mit diesen zwei seelenlosen Ungeheuern. Ich habe es mir überlegt, man kann Hallstadt nicht verlassen, ohne den Schleierfall, den Sprattenfall, den Waldbachstrub gesehen und einen entzückten Blick auf den Dachstein und das Karlseisfeld geworfen zu haben. Man würde uns auslachen, wenn wir ohne diese Erinnerung heimkehrten; -- ich flehe Sie an, rennen Sie nicht in Ihr Verderben, gehen Sie mit mir; ich habe Ihnen noch so vieles zu sagen, wir sympathisieren so vortrefflich miteinander. Auf dem Wege nach dem Rudolfsturm regnet es ebenso sehr wie im Echerntal, o kommen Sie mit mir!«
Wenn mich etwas dazu hätte bringen können, den glänzenden Fußstapfen des göttlichen Sängers zu folgen, so wäre es die letzte so unbeschreiblich wahre Bemerkung gewesen. Aber mein Entschluß stand fest; ich wollte mich lieber auf dem Wege nach den unbekannten Knochen als nach dem Waldbachstrub auswaschen lassen. Ich ziehe überhaupt der schönen Natur eine schöne Menschenseele weit vor, und um Zuckriegels und Steinbüchses Gesellschaft an diesem Morgen hätte ich alle landschaftlichen Herrlichkeiten des Salzkammergutes samt dem himmlichsten Sonnenscheine mit tausend Freuden fahren lassen, und alle Singvögel und frommen Tiere des Waldes gratis zugegeben.
Ich entzog mich also mit bedächtigem Hauptschütteln den umschlingenden Armen des Verfassers der Lebensblüten und sagte:
»Teuerster Freund, ich kann Sie nicht zwingen, uns zu folgen, aber ich wollte, ich könnte es. Wann wird Ihnen ein besserer Stoff zu einem Lustspiel wieder vor die Füße laufen?«
Roderich von der Leine stutzte, sah auf, sah auf mich, sah auf die beiden Gelehrten, welche eben in grimmiger Entschlossenheit ihre Reisetaschen packten und Platz für ihre Beute darin ließen; -- einen Augenblick glaubte ich, sein Schicksal an das unsrige gebunden zu haben; aber im nächsten Moment sank er wieder in sich zusammen und seufzte:
»Ich kann es nicht! Ich vermag es nicht! Ich kann _diesen_ Menschen nicht länger ertragen. Heute beim Erwachen nach dem Triumph der Nacht glaubte ich fest, daß es mir möglich sein würde; aber ich habe mich getäuscht; ich bin der Vogel, und er ist die Schlange, welche mich mit ihren giftigen Blicken verzaubert. Ich kann den Kerl nicht einmal mehr von hinten ansehen.«
Da ich sah, daß alle weitern Überredungsversuche vergeblich sein würden, überließ ich den nervenschwachen Dichter seinen einsamen Wegen und wandte mich zu den beiden wissenschaftlichen Abenteurern; ihre wahrhaft antike Ruhe erfüllte mich mit neuer Bewunderung.
Niemals hatten zwei determiniertere Strauchdiebe sich die Korbflaschen vom Hospes mit Rum füllen lassen, als diese beiden akademischen Raubgenossen. Leonidas in den Thermopylen, Curtius, als er in den Schlund sah, ehe er hinabsprang, und aus neuerer Zeit Blücher, als er auf dem Wege von Ligny nach Waterloo sagte: »Es ginge eigentlich nicht, aber es muß gehen!« mochten ähnlich geblickt haben wie Zuckriegel und Steinbüchse in diesem feierlichen Moment. Auch ich reichte meine Reiseflasche dem Wirte, und dann -- dann brachen wir im ahnungsgrauen Morgennebel und hartnäckigsten Platzregen todesmutig auf, und Roderich von der Leine sah uns fröstelnd in unwillkürlicher widerwilliger Bewunderung nach. Vielleicht war er in seiner Hinfälligkeit einen Augenblick lang sogar neidisch auf den gehaßten, aber stahlherzigen anatomischen Reisegegner.
Da Zuckriegel und Steinbüchse jetzt die ersten Schritte in die wunderlichen Gassen Hallstadts taten (sie hatten es bis jetzt nicht der Mühe wert gehalten, die Nase aus dem Gasthaus herauszustecken), so äußerten sie ebenfalls einiges Erstaunen über die Treppen, und Steinbüchse versicherte, so etwas kenne man gottlob in Berlin nicht. Im steilen Zickzack lief aber die Treppe von den letzten Häusern aus weiter den Berg hinan, bis sie nach einer Viertelstunde in einen ebenfalls im Zickzack laufenden dichtbeschatteten Fußweg überging. Der Pfad nach dem Rudolfsturm ist schwer zu verfehlen, selbst für zwei Gelehrte, deren Gedanken außerhalb ihres Pfades laufen.
Munter, aber stumm stampften Steinbüchse und Zuckriegel zu; unterhaltend war ihre Gesellschaft bis jetzt noch nicht. Beide hatten die Hüte so tief als möglich auf die Nasen herabgezogen, beide hatten die Regenschirme so dicht als möglich auf die Filzdeckel herabgezogen, beide taten nicht einen einzigen Fehltritt, obgleich der Weg sehr aufgeweicht und schlüpfrig vom Regen war. -- Beide sahen aber auch nichts von dem, was man durch die Lücken und Einschnitte in der triefenden Waldung erblicken konnte, nämlich den großartigsten Teil des Seekessels mit allen kochenden, wallenden Nebeln und Dünsten. Ihre Gedanken waren bei den Knochen und jeder überdachte bei sich die verschiedenen Strategeme großer Feldherren, die auch ausgezogen, um etwas »an sich zu nehmen« oder sich »ihres Rechtes zu bedienen«.
So eilte ich denn den beiden wundervollen Burschen von Zeit zu Zeit ein wenig voraus, um dann das Recht zu haben, an der passenden Stelle stehen zu bleiben und die sich immer mehr erweiternde Aussicht zu genießen. Wenn die beiden Regenschirme dann allmählich sich zu mir emporarbeiteten, stieg auch ich weiter. Plötzlich fiel auf halbem Weg, nicht des Menschenlebens, sondern des Saumpfades, mein Blick auf eine sehr nasse Bank, über welche eine, wie es schien, nicht neue Inschrift zum Lesen und Nachdenken aufforderte; -- die beiden Regenschirme waren wieder ganz in meiner Nähe, und ich stand und las:
»Hier hat gerast der hochlöbliche römische König Maximilian, als er gangen ist, die Salzperg zu besehen, den fünften Tag Januarii Anno Fünfzehnhundertundvier.«
»Wer hat hier gesessen? Wo hat wer gesessen? Wann hat wer hier gesessen?« schrie in demselben Augenblicke Professor Steinbüchse aus Berlin, tigerhaft heranspringend und mich ohne weitere Umstände beiseite schleudernd, ehe ich antworten konnte:
»Kaiser Maximilian der Erste, sonst auch der letzte Ritter von Anastasius Grün in Wien.«
Professor Steinbüchse überzeugte sich von der Wirklichkeit des Faktums, notierte die Inschrift in seinem Taschenbuch und setzte sich auf die nasse Bank, um auch diesen Eindruck an und in sich aufzunehmen. Zuckriegel aber schritt verachtungsvoll vorüber, ohne einen Blick auf die ewig denkwürdige historische Stelle zu werfen.
»Mir ganz einerlei, wer da gesessen hat, ob Sie, Kollege, oder der König Maximilianus; wenn ich nur meinen Schädel bekomme,« sagte er.
Diese Bemerkung trieb auch den Professor frisch wieder vorwärts, und nach einer halben Stunde weitern Kletterns erreichten wir den Rudolfsturm und damit den Schauplatz der größten Abenteuer.
An die Rippen pochte das Männerherz, als wir vor dem vom Kaiser Albrecht errichteten Gemäuer standen und die Glocke des jetzt darin hausenden königlich-kaiserlichen Salzinspektors zogen, um zuerst in das in dem Turm angelegte kleine Museum von aufgefundenen Altertümern, Ammoniten und sonstigen Merkwürdigkeiten eingelassen zu werden. Eine Maid beaufsichtigte uns dabei, und es interessierten mich vorzüglich in dieser Sammlung die keltischen oder urgermanischen Punschbowlen, welche mit vielem Geschick und Geschmack gearbeitet, aber leider sehr verrostet waren. Hier versuchten wir noch nicht zu stehlen, denn es wäre doch zu gewagt gewesen; aber Zuckriegel benutzte den Moment, in welchem die Aufmerksamkeit der Gebirgsmaid ganz von dem Vergnügen an dem über ein grün angelaufenes priapisches Scheusal in Entzücken geratenen Steinbüchse in Anspruch genommen war, um mich am Knopf zu fassen und mir zuzuzischeln:
»Mein Bester, von Ihnen allein hängt's jetzt ab, ob ich den Zweck meiner Reise erreichen soll. Jedenfalls wird uns dieses Frauenzimmer zu der Gräberstätte führen; -- Sie sind ein hübscher, gewandter Mensch -- merken Sie auf -- Sie sind mein Freund, Sie sind -- die Person guckt her! -- kurz, führen Sie sie ab -- halten Sie ihre Aufmerksamkeit nur einen kurzen Augenblick fest -- ich werde Ihnen ewig dankbar sein; -- das Mädchen ist gar nicht übel; lassen Sie sich einen Kuß, nur einen einzigen Kuß geben, wenn wir an den Knochen der Vorwelt stehen. Auf einen Kuß kann es Ihnen doch nicht ankommen, wenn es einen so erhabenen Zweck wie die Osteologie gilt.«
»Man sieht doch, daß Sie aus Ihrer Reiselektüre etwas gelernt haben; aber wollen Sie mich denn ohne alle Gewissensbisse Ihrem wissenschaftlichen Drange, Ihren wüsten Begierden opfern?« fragte ich vorwurfsvoll.
»Keineswegs, Verehrtester! Was riskieren Sie? Ich reiße mit meinem Schädel aus; Steinbüchse mag für sich selber sorgen, und es würde weder Sie noch mich kränken, wenn man ihn am Kragen nähme. Sie selber, Bester, kommen als unbeteiligter, harmloser Tourist unschuldig, kühl und langsam nach. Am Seeufer, beim Seeauer treffen wir wieder zusammen und feiern den Sieg, und zu allem übrigen schicke ich Ihnen auch gleich nach meiner Heimkehr meine Abhandlung über die Schädelbildung der ältesten, alten, neuen und neuesten Völkerstämme. Was sagen Sie _dazu_? Können Sie noch widerstehen?«
»Nein!« sagte ich. »Hier haben Sie meine Hand darauf; an mir soll's nicht liegen, wenn Sie Ihres Herzens Wunsch nicht durchsetzen. Lassen Sie uns denn gehen.«
»Nun, mein reizendes Kind,« sagte Zuckriegel kosend, indem er leise wie eine Blindschleiche zu der bergbewohnenden Schönen schlüpfte, »nun, mein Engel, diese angenehmen Kleinigkeiten haben wir jetzt zur Genüge betrachtet; wie wär's denn nunmehr mit den Gräbern, meine Rose an den Gräbern?«
Er wollte, um sich mehr einzuschmeicheln, der Holden die Wangen streicheln, doch sie wich böse vor seiner Prosektorhand zurück und suchte aus ihrer unter der Schürze hängenden Ledertasche einen verrosteten Schlüssel hervor, indem sie mit einem Trinkgelderblick uns aufforderte, ihr zu folgen.
»Eine wirklich allerliebste Türhüterin an der Pforte der Unterwelt, Herr Kollege!« sagte Zuckriegel sehr laut zu dem Gelehrten aus Berlin; aber Steinbüchse flüsterte nur:
»Jetzt gilt es! Versäumen Sie ja den günstigen Augenblick nicht. Können Sie laufen?«
»Mit meinem Schädel wie eine telegraphische Depesche.«
»Ich auch! Das übrige liegt in der Hand der Götter,« sagte Steinbüchse selbstbewußt, und durch Sumpf und Moos, tropfende Brombeerstauden und sonstige Hindernisse wanden wir uns dem Leichenacker zu.
Man hat eine eigentümliche Vorrichtung getroffen, um die aufgedeckten Gräber mit ihren Gerippen zu konservieren und sie dem neu- oder wißbegierigen Publikum gegen eine Gratifikation vorweisen zu können. Über das vorsichtig aufgegrabene und in seiner Lage unverrückt erhaltene Skelett ist ein hölzerner Kasten in die Erde gesenkt, ein sargähnlicher Kasten mit einer Klappe und einem großen Vorlegeschloß. Publikus versammelt sich um diesen Kasten, die Gebirgsmaid versucht längere Zeit vergeblich, den rostigen Schlüssel in das Schloß zu zwingen; endlich springt der Deckel auf, Publikus reckt den Hals, stellt sich auf die Zehen und gibt seine Befriedigung, sein Interesse, seinen Abscheu und selten sein Mitleid in Worten und Gesten kund. Publika kreischt natürlich auf, weil sie keine Gerippe sehen kann.
Diese armen toten Krieger, Weiber, Jünglinge und Jungfrauen! Es ist nicht angenehm, sich nach so vielen Jahrhunderten ruhigen, ungestörten Schlafes von einem so verzerrten, verkümmerten, närrischen Geschlecht wecken und angaffen lassen zu müssen. Wie wäre es, wenn plötzlich solch ein tausendjähriges zerfallendes Gebein sich rasselnd zusammenraffte, aufrichtete, den Schlaf aus den hohlen Augenhöhlen riebe und ärgerlich nach dem Bronzeschwert griffe, um unter die Hämorrhoidarier, die Krinolinen, Professoren und gähnenden Reisebummler zu fahren?
Das würde ein lustiges Laufen und Springen bergab werden; was würde das neunzehnte Jahrhundert alles verlieren auf dem Schlangenwege nach Hallstadt hinunter! Was würde der alte Kelte oder Germane alles aufraffen können an Brillen, falschen Locken, Schnupftabaksdosen, Sonnen- und Regenschirmen, Gummischuhen, Plaids, Lorgnetten! Hussah, was für eine Reiseerinnerung würde das sein, meine Herren und Damen, wenn man wieder sicher auf der Eisenbahn oder zu Hause säße und des vorweltlichen Spukes gedächte!
Aber ich schweife ab; ich habe ja auch noch von einem Bergunterlaufen und Springen zu erzählen, bei welchem ebenfalls mancherlei auf dem Wege verloren wurde, was der verfolgende Rächer der Toten von Rechts wegen für gute Beute erklärte. --
Das Mädchen vom Rudolfsturm kniete neben ihrem Kasten und mühte sich mit steigendem Verdruß an dem widerspenstigen Schloß.
Zuckriegel griff nach der Hand Steinbüchses, drückte sie bedeutsam und ermutigend, ließ sie fahren und flüsterte:
»Bruder! Kollege! Jetzt gilt's! Mut, Mut! Jeder greift nach dem, was er packen kann -- ohne Unterschied der Wissenschaft! Bruder, unten am Berg sortieren und teilen wir brüderlich!«
Mir rief er laut zu:
»^Memento! cedo tibi puellam!^« zu deutsch: »Achtung, mein Bester! führen Sie die Jungfrau abseits!« --
Mit einem Krach öffnete sich jetzt das Schloß; die Maid schlug den Deckel des Kastens zurück, mit gierig funkelnden Blicken schossen die zwei Gelehrten vor, -- da lag der Kelte oder Urgermane wohlerhalten, ruhig und behaglich auf der linken Seite, das Schwert zur Seite, auf der Brust eine grüne Spange, die einer plattgesessenen Sofasprungfeder ungeheuer ähnlich sah. Es war, als spiele ein schlaues Lächeln um das entblößte Gebiß des Skeletts, ein Ausdruck, wie: Komm und küß mich! und Zuckriegel hätte letzteres mit Wonne getan.
Nun aber geschah es wieder einmal, daß ein wohlerdachter, fein zurecht gelegter Angriffsplan von der Hast und Gewalt des Augenblicks über den Haufen geworfen wurde. Die Gier der beiden wissenschaftlichen Leichenräuber litt es nicht, daß ich meinem Versprechen, die Aufmerksamkeit der Jungfrau durch Liebenswürdigkeit zu fesseln, nachkommen konnte.
Mit einem Schrei, der aus dem Tierreich zu stammen schien, stürzten sich Zuckriegel und Steinbüchse auf den Kelten und griffen zu. Einen Schrei stieß aber auch das Mädchen vom Rudolfsturm aus:
»Hilfe! Räuber! Diebe! Heilige Jungfrau! Maria und Joseph! Maxerl! Herr Inspektor! Franzel! Hilfe um Gott und Jesu, s' gehet mit's G'ripp durch!«
Und aus dem Loche sprangen Steinbüchse und Zuckriegel, der erste nach des Geschickes Willen mit dem Schädel des Kelten in der einen Hand und mit zwei riesigen Armknochen und einem Rippenstück im andern Arm! der zweite hatte das Bronzeschwert, die Brustspange und verschiedene sonstige antiquarische Kleinigkeiten gegriffen. Über Moos, Gestein und Gestrüpp flogen sie, die Regenschirme zurücklassend und die Hüte verlierend. Ich sank, halb ohnmächtig vor Entzücken, auf den nächsten Baumstumpf.
Aber ringsumher regte es sich. Von allen Seiten strömten auf den Hilferuf der Jungfrau rüstige Nachkommen des fraglichen Kelten oder Germanen herzu, einige mit Äxten, andere mit mächtigen Knüppeln. Einige atemlose Worte der Maid genügten, um sie den Spuren der Räuber, deren flatternde Rockschöße eben in der Tiefe des Waldes verschwanden, nachzusenden. Fern verhallte der Lärm der Flucht und Verfolgung, und ich ließ mich, ohne Widerstand zu leisten, als verdächtigen Spießgesellen der Knochendiebe durch den Regen vor den erstaunten Salzinspektor führen.
Nicht leicht wurde es mir, meine Unschuld an dem unglaublichen Vorfall zu beweisen. Man sprach davon, mich in Eisen nach Salzburg transportieren lassen zu wollen; man sprach in immer höherem und schärferem Ton, doch ich hielt gut, blieb kühl und gelassen und verwies auf meine Papiere, welche mich als einen anständigen Menschen und harmlosen Touristen und keineswegs als einen Gelehrten oder Leichenräuber darstellten. Es wäre auch sehr merkwürdig gewesen, wenn sich vor der hohen sittlichen Entrüstung, die auch ich über den schändlichen Vorgang an den Tag legte, die Zorneswogen des verständigen Mannes und Beamten, der mich verhörte, nicht gesänftigt hätten. Auch die zurückgelassenen Regenschirme und Hüte, sowie das seidene Taschentuch Steinbüchses, welches von einem loyal gesinnten Dornstrauch festgehalten war, trösteten. »Verehrter Herr,« sagte ich, »Ihr antediluvianischer Leichenacker scheint sehr ausgedehnt zu sein; lassen Sie einen andern Urgermanen bloßlegen und Ihren Kasten mit Klappe, Schloß und Riegel darauf setzen. Was liegt Ihnen an dem _einen_ Kelten? Daß Sie durch ruhiges Nachsehen der Wissenschaft, der Osteologie und Altertumskunde vielleicht einen unendlichen Dienst leisten, muß Sie außerdem warm anmuten.«
»Wir wollen sehen, was die Leute zurückbringen,« sprach der Beamte. »Eher lasse ich Sie nicht los, Herr ...«
Ein rauhes Siegesgeschrei vor der Pforte des Rudolfsturmes unterbrach ihn; -- die Verfolger brachten _alles_ zurück, Schädel und Armknochen, Rippen, Schwert und Spangen, und außerdem die Perücke Zuckriegels und die Brille Steinbüchses. Steinbüchse und Zuckriegel selbst hatten sie laufen lassen.
»S' habet alles hinter sich g'worfen, und d' Atzel und d' Brill habet s' verloren!« jubelten die Unholde.
»So,« sprach der fröhlich lächelnde, sehr befriedigte Beamte, »jetzt wollen wir dem Abgeschiedenen das Seinige zurückerstatten, und dann, mein lieber Herr, bitte ich, meine gehorsamsten Empfehlungen an Ihre gelehrten Freunde zu bestellen. Die zurückgelassenen Gegenstände verbleiben natürlich den Leuten für ihre gehabte Mühe. Küß' die Hand und bitt' mir auf ein andermal die Ehr aus.«
Damit empfahl sich der Inspektor und ging, seinen Kelten wieder zusammenzuflicken. Ich ging auch und stieg langsam nach Hallstadt hinunter, mußte aber alle fünf Minuten stehen bleiben, um meiner inneren Heiterkeit Luft zu machen, und der Phantasie Freiheit zu lassen, sich das demnächstige Wiederfinden beim Seeauer auszumalen. --