Keltische Knochen/Gedelöcke: Erzählungen

Part 2

Chapter 23,539 wordsPublic domain

Ich habe im Wiener Prater einen Tausendkünstler gesehen, der ein lebendiges Kaninchen an den Hinterbeinen packte, es in der Mitte durchriß und dem erstaunten und begeisterten Publiko nunmehr in jeder Hand ein lustig zappelndes Tierchen präsentierte. Ein ganz ähnliches Experiment schien mit dem Prosektor Zuckriegel vorgenommen worden zu sein; -- er war zum zweitenmal in der Gaststube beim Seeauer vorhanden und -- zankte sich bereits aufs heftigste mit seinem Doppelgänger. Das Buch vom deutschen Gaunertum war verächtlich zu Boden geworfen, ebenso zwei von den Stühlen, auf welchen der nicht nur große, sondern auch lange Mann seine Mittagsruhe gehalten hatte. Mit ihren Brieftafeln in den Händen gestikulierten beide streitende, hagerne, lederfarbene, grau in grau kolorierte Gesellen aufeinander ein und suchten sich gegenseitig zu überschreien. Der Fremde dampfte, wie Zuckriegel gedampft hatte, -- ein Beweis, daß er vor noch nicht langer Zeit eingetroffen sein konnte.

»Um Gottes Willen, Herr Prosektor! meine Herren! meine Herren!« rief ich beschwörend, zwischen die beiden erhitzten Kämpfer springend. »Mäßigen Sie sich doch, Herr Zuckriegel! Was gibt es denn? was ist denn vorgefallen?«

»Und ich sage Ihnen, Sie irren sich durchgängig!« schrie Zuckriegel. »Ich widerlege Ihre Aufstellung Punkt für Punkt; -- -- wollen Sie mich endlich ruhig anhören?«

»Nein!« krächzte sein ihm so ähnliches Gegenpart. »Weshalb sollte ich Sie ruhig anhören, da Sie mich nicht aussprechen lassen wollen? Beharren Sie nur auf Ihrer Meinung; -- -- ich werde gegen Sie schreiben; ich werde der Welt Ihre Hypothesen vorlegen und in der rechten Beleuchtung zeigen.«

Zuckriegel schoß auf und nieder, wie der Kerl mit dem langen Halse im Puppenkasten. Sein Hals entwickelte eine grauenerregende Dehnbarkeit; er mußte jedenfalls aus einem elastischeren Stoffe als Gummielastikum bestehen. »Schreiben Sie, schmieren Sie! Ich werde Sie niederschreiben, ich werde Sie platt schreiben wie eine Bettwanze. Ich werde Ihren krassen Ignorantismus vor der Welt ausklopfen, daß die Motten herausfliegen sollen; ich werde --«

Ich faßte den empörten Reisegenossen um den Hals und schob ihn zurück; ich schob auch den nachrückenden grauen Fremdling zurück und hielt die beiden Streithähne mit meinem triefenden Regenschirm auseinander.

»Herr Prosektor,« sagte ich, »ich bitte jetzt höflichst, mir diesen Herrn vorzustellen -- Herr Prosektor, ich bitte Sie, sich zu beruhigen -- mein Herr, lassen Sie mich den Neutralen spielen, lassen Sie mich den Friedenskongreß eröffnen --«

»Ich bin Professor Steinbüchse aus Berlin,« sprach der Fremdling. »Professor der Altertumskunde Steinbüchse, auf einer wissenschaftlichen Reise zu den neuentdeckten Leichenfeldern am Hallstädter See im Salzkammergut begriffen.«

»Ah!« sagte ich, aber Zuckriegel schrie:

»Er behauptet, es seien keltische Knochen; jedes Kind sieht --«

»Ein Kind sieht hier germanisches Gebein,« schrie Steinbüchse, »aber jeder unver--«

»Halt, halt, halt, meine Herren!« schrie auch ich jetzt mit aller Kraft meiner Lungen. »Keinen neuen Friedensbruch! keine unnötigen Anzüglichkeiten! keine gelehrten Redeblumen! Bitte, Herr Professor, kommen Sie soeben von diesen fraglichen Knochen zurück?«

»Ich bin auf der Reise dorthin begriffen.«

»Also haben Sie eben diese Knochen noch gar nicht gesehen?«

»Nur durch das Medium der öffentlichen Blätter.«

»Und Sie sind auch noch gar nicht oben am Rudolfsturm gewesen, Herr Zuckriegel?«

»Bei diesem Wetter? Müßte doch ein Narr sein! Die Knochen schwimmen nicht fort, und ich kann warten. Lag ruhig auf dem Rücken und las den Avé-Lallemant, als ich überfallen wurde von diesem -- -- --«

Der Rest der Rede ging in einem undeutlichen Gemurmel verloren, ich glaube etwas von »böotischem Hochstapler« vernommen zu haben; heiser wie ein vermittelnder neutraler Gesandter auf einer Friedenskonferenz rief ich:

»Reichen Sie sich die Hände, meine hochverehrten Herren. Ohne Umstände -- seien Sie Brüder, wie Sie Kollegen sind. Die Wissenschaft schreitet am besten durch das heitere Bündnis aller Kräfte fort. Lassen Sie uns friedfertig zusammen zu Abend essen und morgen früh frisch, fromm, froh emporsteigen zu diesen geheimnisvollen Gebeinen, und den Streit an Ort und Stelle zum Austrag bringen.«

Durch mehrere verhängnisvolle Augenblicke sahen sich die beiden Gelehrten grimmig an; dann aber zeigte Steinbüchse, daß er noch nicht ganz dem Prosektor ähnlich sei; er erklärte sich bereit, Frieden und den Mund zu halten bis morgen früh; setzte jedoch hinzu, daß er morgen früh bei _jedem_ Wetter zum Rudolfsturm hinaufklettern werde.

Knurrend nahm Zuckriegel sein Gaunerbuch wieder vom Boden auf, zu einem weitern Zugeständnis in bezug auf diese so mühsam errichtete ^treuga Dei^ ließ er sich nicht herab. Daß der fromme Dichter in diesem Augenblick ins Zimmer hüpfte, trug mehr als alles übrige dazu bei, die Gemüter zur Ruhe zu bringen; der besänftigende Zauber der Poesie trat einmal wieder so recht klar zutage.

Roderich von der Leine war sehr naß, so naß, daß er sich am besten selbst auf die Leine zum Trocknen gehängt hätte. Aber er dachte nicht daran. Seine Sehorgane rollten in dem bekannten schönen Wahnsinn; auch er hielt seine Brieftasche in der Hand, und es tröpfelte aus ihr. Die Geburt war vollendet, der Verfasser der Lebensblüten hatte seine Linzer Erlebnisse unter dem Einfluß des erfrischenden Gestäubes des Hallstädter Mühlbachs in Reime gebracht; Zuckriegel stöhnte schwer.

Ich stellte den Professor Steinbüchse und den Dichter einander vor, und der Professor offenbarte eine neue Unähnlichkeit mit dem Prosektor; er war höflich, er war duldsam, ja er war sogar zuvorkommend gegen den Poeten und bat ihn herzlich, sich doch ja nicht durch seine Gegenwart abhalten zu lassen, sein Gedicht vorzutragen. Vielleicht war und tat er das alles nur, weil er die Grimassen, das Schnauben, Achselzucken, all die kläglichen Windungen Zuckriegels bemerkte und deutete.

»Ja, lesen Sie, tragen Sie vor,« sagte ich, nicht ohne den Spuren des Professors zu folgen.

»Würde es nicht besser sein, wenn Sie erst den Anzug wechselten?!« seufzte Zuckriegel. »Sie können sich leicht sehr arg erkälten, Herr Krautworst. Es wäre doch recht schade, wenn Sie durch jugendliche Unbesonnenheit sich selbst um-, und die Nachwelt um Ihre noch unerschaffenen unsterblichen Werke brächten.«

Da die weißen Gewänder noch immer naß in der Küche am Herde hingen, so hätte Rodrigo sich nur in das Kostüm Adams werfen können, wenn er den zärtlichen, besorglichen Ratschlägen Zuckriegels hätte Folge geben wollen. Die innere Aufregung hob ihn übrigens über alle rheumatischen, katarrhalischen Befürchtungen hinweg:

Den hohen Göttern war er eigen, Ihm durft nichts Irdisches sich nahn.

»Wollen Sie nicht wenigstens andere Strümpfe anziehen? ich würde sehr dazu raten. Junge Dichter sind so schon sehr zu Kongestionen nach dem Cerebralsystem geneigt,« sagte Zuckriegel in wahren Flötentönen.

Der Dichter schüttelte nur zerstreut das Haupt; er blätterte heftig in seinem Notizbuche.

»Nun denn, in drei Teufels Namen, so lassen Sie's laufen!« schnauzte Zuckriegel, zum Äußersten und um seine Kosten in Hinsicht auf die vorige Höflichkeit und Milde gebracht.

Roderich von der Leine wendete sich zu uns:

»Haben Sie bereits den Mühlbach gesehen, meine Herren?«

»Nein,« sagte ich, und auch Steinbüchse hatte noch nicht das Vergnügen gehabt.

»Sie müssen ihn sehen!« rief emphatisch der Poet. »Originell, -- romantisch im höchsten Grade. Da ist ein alter dunkler Bogen mit einer Nische und einem Bilde, einem Bilde des heiligen -- wenn ich nicht irre, des heiligen Sebastian drin; ich habe über zwei Stunden dort gestanden.«

»Den Mühlbach sah ich nicht; Sie aber sah ich, liebster Freund, wollte Sie jedoch nicht stören.«

Dankend neigte Roderich das Haupt gegen mich, dann aber fuhr er mit der Brieftafel ruckartig gegen die Nase und begann, anfangs schüchtern, dann aber immer mutiger, mit den bekannten Seitenblicken auf die Zuhörerschaft:

»Grau verschleiert schaun die Berge Auf die fremde Stadt herein, Unablässig rieselt's nieder, Und ich gähne kläglich drein.«

»Grade wie ich!« knurrte Zuckriegel, der die verdrießliche Nase wieder in seinen Avé-Lallemant gesteckt hatte.

»Gott, o Gott, ach woll es wenden, Gott, Erbarmen habe du! Sende mir in diesem Trübsal Einen deiner Engel zu!«

»Mir auch! ich bitte dringend!« seufzte Zuckriegel.

»Goldgelockt, mit blauen Augen, Schlank und weiß von Angesicht Laß ihn sein, um mich zu trösten; -- Flügel, -- Flügel braucht er nicht.«

»Ich aber könnte sie gebrauchen!« seufzte Zuckriegel.

»Von dem Dome summt die Glocke, Und die frommen Christen schleichen Durch den Schmutz der Stadt zur Messe; Gott, o Gott, laß dich erweichen!«

»Was solch ein Mensch doch alles verlangt. Selber kennt er kein Mitleid,« brummte Zuckriegel.

»Einen Engel send hernieder Oder einen Sonnenstrahl, Lasse mich nicht untergehen Hier in dieser Jammerqual!«

»Auch mich nicht; ich flehe inständigst darum!« sagte Zuckriegel; der Dichter aber machte uns darauf aufmerksam, daß sein Gedicht durch feine Einschnitte gegliedert sei, daß nunmehr eine neue Bilderreihe anhebe. Er fuhr fort:

»Bläulich ringelnd, sanft verwehend Schwindet der Zigarre Duft; Unablässig rieselt's nieder, Und ich schnappe wild nach Luft.«

Zuckriegel ächzte: »Ich nicht weniger.«

»Aus dem Fenster halben Leibes Häng' ich jetzt und hör' die Tropfen Drunten in der engen Gasse Auf die Regenschirme klopfen.«

Zuckriegel wußte ganz genau, auf was _er_ am liebsten klopfen würde.

»Und das Auge schläfrig müde, An dem Hause gegenüber, Von dem Keller bis zum Dache, Kriecht's hinauf und senkt sich wieder.«

Zuckriegels Auge kroch auch unheilverkündend an dem Poeten in die Höhe und senkte sich erst wieder, als jener weiter sprach:

»An des Metzgers Tür dem Hammel, Ausgeweidet, halbzerfetzt, Ach, wie gleicht ihm schauderhaftig Meine arme Seele jetzt!«

Zuckriegel brummte: »Ein schauderhaftiger Vers, sonst aber der einzige, der bis jetzt meine ganze Billigung hat.« Laut rief er: »Herr Krautworst, ich mache Ihnen mein Kompliment über Ihre Kenntnis des menschlichen Innern. Bitte, tragen Sie die letzten Reime noch einmal vor; -- wem glich Ihre arme Seele in jenem denkwürdigen Moment und Seelenzustande?«

»Abteilung drei!« sagte Roderich von der Leine, den Prosektor verachtend.

»Hinter hohen Spiegelscheiben In dem blanken Messingbauer Kreischt ein grüner Papageie Und erweckt mir neue Schauer.«

»Aber es scheint doch eine gute Schule gewesen zu sein!« akkompagnierte Zuckriegel.

»Eine Dam in rotem Sammet Füttert ihn mit Zuckerbrocken. ^Merci!^ kreischt er, klettert, flattert: -- Alle meine Pulse stocken;

Denn ein neues Bild ist er mir Aus dem wildbewegten Leben; Denn mit Flattern, Mercisagen Hab' auch ich mich abgegeben.«

Die Verachtung Zuckriegels stieg zu einem solchen Grade, daß er sie während der folgenden Verse nur noch durch Gesten, die nahe an Verrenkungen grenzten, auszudrücken vermochte.

»Und 'ne Dam in rotem Sammet Reicht' auch mir einst Süßigkeiten; ^Merci! merci!^ rasend werd' ich, Denk' ich heute jener Zeiten.

O du grüner Papagoye In dem blanken Silberringe, Häng dich auf an deiner Kette: Sauer werden süße Dinge.«

»Sehr!« seufzte Zuckriegel und fügte mit wahrhaft sezierenden Blicken hinzu: »Ja, wenn er sich nur hängen wollte!«

»Vierte Abteilung!« sagte der Dichter.

»Und von neuem schläfrig gähnend, Heb' ich jetzt die Augenlider; Hoch und höher schweift das Auge, Nah dem Dache haftet's wieder.

Nah dem Dache -- Gott, was seh' ich? Gott, o Gott, kann's möglich sein? In des Regens trostlos Plätschern Schießt ein Sonnenstrahl herein!

Nah dem Dach ein offen Fenster, Ganz von Bohnenblüt umwoben! Gott, o Gott, du hast gerettet! Dank dir, Dichtergott dort oben!«

»Meine Komplimente an ihn,« grunzte Zuckriegel, »aber er hätte etwas Besseres tun können.«

»Nah dem Dach ein offen Fenster, Und darin ein Engelsköpfchen, Blaue Augen, weiße Arme, Rosig Mündlein, goldne Zöpfchen!

Nah dem Dach der ganze Himmel; O wie fern dem Erdenschmutz! Nah dem Dach die ewge Wonne! Schöne Heilge, deinen Schutz,

Deinen süßen Schutz erfleh' ich, -- Nicht mit Winken -- kaum mit Blicken; Schöne Heilge, schöne Selge, Willst du nicht hernieder nicken?«

»Sie wäre doch rein verrückt, wenn sie dem Narren den Gefallen täte!« grunzte Zuckriegel, sich ganz in die Situation versetzend.

»Ach, sie hebt sich von dem Sitze; Elfenhaft, im Blütenkranz, Um den Mund ein Engellächeln Steht sie hold im Sonnenglanz.

Alle Teufel! Tod und Hölle! Gott, o Gott, was soll das wieder? Schönster Engel! Süße Heilige! Gott, sie läßt den Vorhang nieder.«

»Brava! Brava!« schrie Zuckriegel, grinsend in die Hände klatschend; doch mit einem triumphierenden Blick auf ihn sprach Roderich von der Leine:

»Abteilung fünf!« und der Prosektor versank wieder hinter dem deutschen Gaunertum.

»Unablässig rauscht's herunter, Und ich seufze klagend drein; Grau verschleiert sehn die Berge Auf die fremde Stadt herein.

Und das rote Reisehandbuch Greif' ich auf und sink' zurück Schwer und mit gelösten Gliedern In den Sessel, und der Blick

Sucht die Stelle, wo es lautet: >Linz ist eine schöne Stadt, Die schlecht Pflaster, einige Menschen Und auch ein Theater hat.<

Linz, o Linz am Donaustrande, Ewig, Linz, gedenk' ich dein; Deinem Ruhme und Theater Will ich diese Verse weihn.

Linz, o Linz am Donaustrande, Linz in Oberösterreich, Denk' ich deiner, wird das Auge Feucht, und wird das Herze weich.

Jener weiße, kleine Vorhang Vor dem Fenster nah dem Dach, -- Denk' ich sein, was wird da alles In dem dummen Herzen wach!

Alle Götter und Göttinnen Sind dem Dichter stets zur Seit, Geben ihm durch Blut und Flammen, Durch den Regen das Geleit.

Jenen weißen, kleinen Vorhang, Liebchen, Liebchen, laß ihn zu; In der holden Götterdämmrung, Liebchen, lieblicher bist du!«

Bedeutungsvoll klappte der Dichter seine feuchte Brieftasche zusammen, und es begab sich etwas, das einem Wunder glich. Zuckriegel warf das Buch vom deutschen Gaunertum zum zweitenmal auf den Boden, doch diesmal nicht im Zorn. Er erhob sich, schritt auf den Poeten los, drückte ihm mit verdächtiger Zärtlichkeit die Hand und sagte nun wiederum in seinem Flötenton:

»Herr Krautworst, ist dieses Poem wirklich von Ihnen? Haben Sie wirklich das selbst gemacht, Sie jugendlicher Heinrich Heine, oder wie der Mensch heißt?! In der Tat, wenn Ihre bis jetzt mir leider gänzlich unbekannten Kneipenblüt -- nein, Lebensblüten sämtlich aus ähnlichem Stoff zugeschnitten und verarbeitet sind, so bitte ich Sie höflichst, mir ein Freiexemplar derselben zu schicken. Hier ist meine genauere Adresse -- portofrei, wenn ich so frei sein darf, Sie darum zu ersuchen. Wenn später einmal die Rückenmarksdarre --«

»Herr,« schrie Roderich jetzt außer sich vor Zorn, »Herr, ich bin so frei, Sie zu ersuchen, mich ungeschoren zu lassen; Ihre Unverschämtheit überschreitet allmählich alle Grenzen!«

»Ruhig, ruhig, mein junger Freund,« lächelte Zuckriegel, »Sie haben freilich ein treffliches Gedicht hervorgebracht. Genial! Ein funkensprühendes kleines Meisterwerk! Unser Lob muß Ihnen sehr schmeichelhaft sein; aber ich bitte, sehen Sie nicht zu verachtend von der Höhe, auf welche unsere Bewunderung Sie erhebt. Ich weiß, daß dem ^furor poeticus^ etwas zu gut zu halten ist; in unserer Abteilung für Geistesabwesende hatten wir --«

Professor Steinbüchse und ich erkannten zu gleicher Zeit, daß es die höchste Zeit sei, einzuschreiten. Wir überhäuften den Dichter mit ernstgemeinten und eben so ernst ausgesprochenen Lobeserhebungen. Ich machte ihn außerdem noch darauf aufmerksam, wie der Poet im schönen kalten Egoismus die Menschen nur als einen Ton, der für ihn zum Kneten und Formen geschaffen sei, ansehen müsse. Ich überzeugte ihn, daß der Prosektor nur als »Stoff«, niemals als »beleidigen könnendes« Wesen für ihn Bedeutung und Inhalt haben könne; -- Roderich von der Leine maß seinen Wert an Zuckriegels Unwert, und in erträglicher Harmonie aßen wir vier für einander geschaffene Charaktere zu Nacht. Aber nach Tisch erhob sich eine ungeheuerliche Schwierigkeit.

Als wir uns nämlich nach unsern Schlafgemächern erkundigten, verkündigte der Hospes, daß er uns nur zwei Kammern zur Verfügung stellen könne, und daß die Herren sich drein finden müßten, zu zwei und zwei in einem Zimmer zu schlafen; die Betten aber seien ausgezeichnet und ließen nichts zu wünschen übrig; beide Kammern seien auch nur durch eine Wand voneinander getrennt und hätten beide die Aussicht auf den See.

»Worauf ich huste!« sagte Zuckriegel. »Herr Krautworst, wir beide schlafen zusammen, -- und am liebsten unter einer Decke. Wir haben uns noch nicht völlig gegeneinander ausgesprochen und werden nunmehr die angenehmste Gelegenheit dazu haben; ich pflege gewöhnlich erst gegen Morgen einzuschlummern.«

Roderich sah auf den Prosektor wie die böse Stiefmutter auf das Faß voll scharfer Nägel und Ottern, in welches sie gesteckt werden sollte. Entsetzen, Abscheu, Ekel und Angst malten sich in seinen weichen Zügen.

»Wir übernachten natürlich zusammen,« flüsterte ich ihm zu. »Sie sollen gerächt werden, wie Sie es nur wünschen können; Steinbüchse und Zuckriegel werden zusammengepackt.«

Der Dichter drückte mir gerührt unter dem Tische die Hand und verließ ihn -- nämlich den Tisch -- so eilig als möglich, um für mich und sich unter dem Vorleuchten des Wirtes Besitz von dem einen Schlafgemach zu ergreifen.

»Na, Professor, so müssen wir beide doch wohl zusammenkriechen, ich rieche es,« sagte Zuckriegel, einen hohnlächelnden Blick auf mich schießend. »Wir wollen aber die süßen Hoffnungen dieser beiden jungen Männer zuschanden machen; wir wollen den abgeschlossenen Waffenstillstand nicht brechen; schnarchen wollen wir.«

»Versteht sich,« sprach Steinbüchse, vollkommen von der Festigkeit seines Willens und Charakters überzeugt. »Ich denke einen guten Schlaf zu tun,« setzte er mit Wallensteinschem Glauben an die Sterne hinzu, und ich gestehe, daß ich mit Bedauern anfing, an den Vorsatz der zwei Gelehrten zu glauben.

Wir wünschten uns gegenseitig eine angenehme Nachtruhe, und als ich mein Schlafgemach erreichte, fand ich den Verfasser der Lebensblüten bereits behaglich in seinem Federbett eingekapselt. Nur sein mit einem roten seidenen Tuch umwickeltes unsterbliches Haupt sah aus dem Kissen hervor.

»Was beginnen sie? Sind sie zu Bett?« fragte er.

»Jeder hat noch ein Glas Punsch bestellt. Ich fürchte, die Nacht wird ruhiger vergehen, als wir hoffen.«

»Ich glaube an das Gegenteil; -- schlafen Sie wohl, liebster Freund; ich will Sie wecken, wenn's Zeit ist.«

»Meinen besten Dank im voraus. Gute Nacht!«

Dumpf hörte ich noch im ersten Schlummer den Dichter zitieren:

»^Quam iuvat immites ventos audire cubantem,^ ^Et dominam tenero detinuisse sinu;^« --

aber ich ruhte, »vom Geplätscher in den Schlaf gerauscht«, zu sicher, um die üppigen lateinischen Schulreminiszenzen Roderichs noch weiter zu verfolgen; der See und der Regen übten denselben beruhigenden Einfluß auf mich, wie der letztere einst auf den Elegiker Albius Tibullus.

Wie lange ich geschlafen hatte, weiß ich nicht; aber mir hatte schon längere Zeit geträumt wie dem Ritter Don Quixote, daß ich mich im Lager des Agramant befinde und gleich dem König Sobrino berufen sei, die ausgebrochene Verwirrung zu lösen, als ich plötzlich durch das Geflüster Roderichs von der Leine geweckt wurde:

»Liebster Freund! bester Freund! Sie haben sich! Sie liegen sich in den Haaren! Horchen Sie! Hören Sie! ah!«

Eben noch hörte ich Messer Ludovico Ariosto beim Schreiben seines rasenden Rolands lachen und sah ihn sich den dünnen Bart streichen; nun lag ich wieder beim Seeauer am Hallstädter See im warmen Bett, eine Stunde nach Mitternacht, hörte den Regen vor dem Fenster, sah beim trüben Schimmer des Nachtlichts den hannoveranischen Dichter aufrecht auf seinem Lager sitzen und vernahm hinter der dünnen Bretterwand der Kammer ein Kampfgetöse, das nur von dem Aufeinanderfahren der Geister Steinbüchses und Zuckriegels herrühren konnte.

Wie viele Gläser Punsch die beiden Trefflichen noch getrunken hatten, mußte die Rechnung des folgenden Tages ausweisen; jedenfalls hatten sie genug und warfen sich die Knochen der Kelten und Germanen in einer Weise an die Köpfe, welche den unbefangenen Lauscher ergötzten, aber den befangenen, wie Roderich von der Leine, aufs höchste entzücken mußte.

Ob die beiden Helden bereits im Zank die Kammer beschritten hatten, oder ob der gelehrte Zwist sich erst von den Betten aus angesponnen hatte, weiß ich nicht; Rodrigo behauptete das erstere; ich jedoch kann nicht recht daran glauben; denn Zuckriegel war nicht der Mann, der sich ruhig auf den Rücken legte, ehe er den Gegner darauf hingestreckt hatte, und Steinbüchse, wenn auch in andern Dingen etwas weicher, milder, menschlicher, gab dem anatomischen Vorschneider auf dem Felde der Wissenschaft an hartnäckiger Behauptung seiner Meinungen wenig oder nichts nach.

Jetzt fühlte ich mich nicht mehr berufen, als Vermittler einzuschreiten, sondern vergnügte mich königlich, und das Gesicht des Verfassers der Lebensblüten in der gedämpften Beleuchtung des Nachtlichtes war auch der Betrachtung wert.

Diesmal vernahmen die Horcher hinter der Wand nicht ihre eigene Schande; die beiden bepunschten Mitglieder der ^universitas litterarum^ sagten sich die entsetzlichsten Grobheiten mit wahrhaft klassischer Naivität. Je schwieriger es für sie wurde, sich gegenseitig zu überbieten, desto genialer wurden ihre Eräußerungen, und kein Wort des einen war zu hoch, daß nicht der andere ein noch höheres darauf setzte. Sie spuckten sich moralisch ins Gesicht, und ich bin überzeugt, daß Zuckriegel mehrmals nur um die Breite eines Haares von dem Schicksal, auf Jahrmärkten vor einem moritätlichen Orgelbilde abgesungen zu werden, entfernt war.

»Jetzt beißt er in den Bettpfosten! So wahr ich lebe, bester Freund, er beißt vor Wut in den Bettpfosten!« jauchzte der fromme Dichter in verhaltener Lust.

»Und der andere hat sich die Decke in den Mund gestopft. Wahrhaftig, lieber Freund, sie werden beide morgen am Gallenfieber krank liegen, wenn wir nicht mit dem Stiefelknecht an die Wand klopfen.«

»Um alles in der Welt nicht!« bat der Poet. »Stören Sie ihre Kreise nicht! Gallenfieber? Bah, sehen Sie nur in die Jahrbücher für Philologie, in ihre medizinischen Zeitschriften. Sie können viel vertragen, ohne Schaden an ihrer Gesundheit zu leiden. Hören Sie nur, da geht der Berliner wieder ins Zeug. So ist's recht! Faß ihn, Professor -- drauf! drauf! Hurrah, der Hieb saß! Das nenne ich ausgeschmiert!«

Ein Gepolter hinter der Wand folgte auf und unterbrach den Jubel des Dichters; auf das Gepolter erscholl ein dumpf dröhnender Fall, mit beiden Füßen fuhren Roderich und ich diesseits aus unseren Betten; denn nun schien es doch wieder Menschen- und Christenpflicht geworden zu sein, das Blutvergießen zu verhindern. Aber eine höhere Macht war bereits eingeschritten.

Wohl sang Professor Steinbüchse aus Berlin ^Io triumphe^; doch Prosektor Zuckriegel faßte ihn nicht mit seinem guten Gebiß an der Kehle. Wohl war Prosektor Zuckriegel vom Lager aufgesprungen, um den Gegner zu packen; doch der Geist besiegte den Geist, der wackere Anatom hatte viel zu viel Punsch getrunken; er maß den Boden seiner ganzen Länge nach und schnarchte wie ein Kind an der Brust seiner Mutter, nur etwas lauter.

Noch fünf Minuten gluckste der Professor triumphierend, dann entschlummerte auch er, alle Register seines Nasen-, Kehlkopf- und Gaumen-Systems ziehend. Nun hielten die beiden Würdigen doch das sich selber und mir gegebene Versprechen; sie schnarchten, allein erst nach dem Kampfe.