Kean: Schauspiel in fünf Akten nach Alexandre Dumas

Part 5

Chapter 53,713 wordsPublic domain

Ist mir von Irrsinn so mein Herz zerschleißt, das zuckt und brüllt, daß ich in Fremdem wühl? Ich Komödiant, ich Kean, Hanswurst, Idiot, Kamel geht ehr durch Nadelöhrn als ich durch dieses Spiel. Halunken, Publikum. Clowns, weh, ein Heringsbauch, schlägt höhnend eure Fratzen jetzt mein Schmerz. Wo nehm den Mut ich her, jetzt groß zu sein, wo ich wie eine Kröte hier mich wind und dort die Größe lächelnd auf mir bäumt? Für dieses Spiel bin ich zu sehr zerspellt, Hanswurst ich, Kean, nicht Romeo. Hanswurst. Wär ich jetzt groß, wie Feuer trieb dies Spiel. O Gott, mach jetzt mein Herz voll Einsamkeit, daß ich es trag und alles Gute sag. Hilf mir. Umsonst flamm ich nicht wie ein Wurm. Schon quillt mir Gift auf meines Herzens Schlag. Schon würgt mein Haß der Zunge guten Laut. Es frißt die Leidenschaft das Gute aus dem Herz. Erbärmlich ich. Hanswurst. Mein Kean, du Frosch. Is a long way to Tipperary -- -- flattert mirs so auf? Is a long way to go. Ich hin von Haß entstellt.

Halb verkrampft, tanzend, torkelnd, jetzt voll an die Rampe. Zu der nun mitten im Rang erleuchteten Loge Helènes, Koefelds, des Prinzen von Wales gerichtet.

Ich klag den Prinzen Wales des Irrsinns an, weil er Geheimnis hat, das in den Staub mich schmeißt. Erträgt ein Mensch so ruhigen Übermut? Schlägt Schicksal mir stets Größe ins Gesicht, die mich erniedert ... Aus der Lüge dieses Spiels pflück ich Sekunden. Hier ist mein Triumph. Hier rede ich. In die Manege, Monseigneur, hier auf die Knie. Tanzt vor den Affen nackt den Foxtrott Ihrer Laster. Guillotine Marsch. Zu meinem Fuß. Mein Herz lacht wie ein Wolf. Die Haselrutensehnsucht Ihrer Schenkel ist nicht schwach. Gekuscht im Winkel. Ab Monokel. Glasaug hol die Pest. Entschleiert das Geheimnis. Sansculotte. Größe keine Spur. Sagespäne, Glas statt Hoheit, werft die Puppe in die Eimer der Verachtung ohne Schmerz.

LORD MEVIL _in einer Loge, mitten im Publikum, der anderen Seite, erleuchtet_: Die Hundepeitsche ins Gesicht dem Schuft.

KEAN: Ach, Mevil -- Bursche, Wechselfälscher, Mäuschenjäger, Gladiator deiner Frechheit. Her den Stock.

LORD MEVIL: Verhaftet diesen Hund. Konstable. Ketten. Stellt vor den Prinz euch. Vor die Krone. Schießt. _Knallt nach der Bühne._

KEAN:

Schieß weiter, Fälscher. Abgeprallt die Tücke, kreid ich dich an die Ewigkeit, du Hure der Rechtsprechung im Parlament. Ich schlag den Leib mit Prügeln feist dir wie ein Frosch. Nur Monseigneur kann mehr geschwollen sein als du. Kean. Ich Hanswurst. Sacré. Mein Puls. Mein Herz.

Hinter ihm Menschen. Toller Foxtrott. Man beschwört ihn. Salomon kommt aus dem Souffleurkasten. Aus der Intendantenloge klettern Entsetzte auf die Bühne. Der Regisseur stürzt herbei. Kean faßt ihn, tanzt den Foxtrott des Orchesters mit ihm, irrsinnig.

Wales am Hund, das Herz in Quasten, Kean kaputt, Wales liquidiert ... _Fällt zusammen._

Der Regisseur geht langsam bis an die Rampe, schneidet mit dem erhobenen Arm haarscharf den Foxtrott ab.

REGISSEUR: Der Wahnsinn ist über Kean ausgebrochen. Die Billette zurück. Ich schließe. Verzeihung.

Ein Schrei aus der Loge der Wales und Koefeld.

REGISSEUR: Arbeiter. Chor. Die Bahre. Arzt. Den Arzt. _Bob hinkt herbei, stößt zweimal ins Horn._

BOB:

Ich hab dich mehr geliebt. Dreiviertelsmann. Du Stümper. Vielgeschrei. Du warfst mich auf, da schlug dich Undank lahm. Angriff blieb schlecht. In Großmut Dilettant. Stop. Hier der Rest: knockout.

Schluß des vierten Akts.

AKT FÜNF

Zimmer bei Kean. Zwei Ausgänge links. Ausgänge rechts. Aufmarschiert die vier Artisten: Viktor, Well, Gonsch, Kauka. Die Mitsäufer Tom, David, Bardolph. Salomon aus dem Nebenraum.

SZENE EINS

SALOMON: Man muß schon irrsinnig zu sein im Geruch stehn, damit die Menschen anständig werden. Hilfe für Gesunde erdenkt niemand. Überall steht der Verstand auf dem Kopf. Wär ich sonst Souffleur?

VIKTOR: Bob ist entschuldigt. Das Geld des Benefiz war zuviel. Er hing sich auf.

SALOMON: Splendid. Ein Narr nahm den gewöhnlichen Abgang.

GONSCH: Wir haben draußen abgelegt.

VIKTOR: Zehn Flaschen Pommard.

WELL: Zehn Flaschen Chambertain.

KAUKA: Fünf Flaschen Portwein.

GONSCH: Zwanzig Flaschen Sekt.

VIKTOR: Sieben Flaschen Haut Sauternes.

WELL: Zwanzig Flaschen Château Latour.

KAUKA: Zehn Flaschen Jules Bernin.

GONSCH: Eine kleine Tonne Whisky.

SALOMON: Das habt ihr gut hereingeschifft. Was soll der Herr damit?

TOM: Sechs Renntierschinken.

DAVID: Vierzig Kilo Honig.

BARDOLPH: Zehn große Hummer.

SALOMON: Das habt ihr gut hereingesetzt. Ihr Trockenen. Ob ihr vom Festen nicht aufs Nasse spekuliert?! Ihr Trinkerchen.

TOM: Wenn wir auch Hunde sind, saufen wir nicht aus Krankenkübeln. Was sagt der Arzt?

DAVID: Wenn mich Gott in schweinige Versuchungen auch führt, bewahrt er mich, aus dem Elend Vorteil zu ziehen. Wie gehts dem Herrn?

BARDOLPH: Wenn wir auch verdammt dickfellige Därme sind, kann nur ein Dünndarm wie du meinen, daß unsere nach Arznei lüstern sind. Wie stehts um die Gesundheit?

SALOMON: Den Arzt hat es bei der Diagnose durchs Bein gezuckt. Handfester Wahnsinn. Man hält Kean schwer ab, seine Hitzigkeit aus dem Hirn in die Fäuste laufen zu lassen. Schlimm. Ich rieche Attentate. Mein Hals fühlt sich schon wie ein Korkzieher stranguliert. Da ich sein Pfleger bin, muß ich bleiben.

DAVID: Er soll bei Gott das Bett nicht fiebrig verlassen. Gute Gesundheit.

TOM: Ruhe und Eisbeutel aufs Hirn. Beste Besserung.

BARDOLPH: Die Hände gefesselt. Meine Empfehlungen. _Alle drei exakt ab._

SALOMON: Der Herr ist in eine Krise gefahren, aus der er mit Donner und Blitz wohl nicht herauskommt, sondern wohl etwas sanfter. Es ist Zeit, aus den frühen Launen in den Sommer einzulaufen. Ich kann das Hinundherreißen nicht mit. Wenn ihr noch bleiben wollt, werdet ihr die Konstables als Hundemeute anrücken sehen. Ich melde euch.

KAUKA _hält ihn zurück_: Unnötig. Unsere Grüße genügen. Und das andere. Wir sind schon oft für andere gefangen worden. Bekam man die Hirsche nicht, nahm man die Hasen. Ein Feigling, wer sich unnötig in Gefahr begibt. _Alle vier exakt ab._

SALOMON: Hier sitze ich. Mönch sollte von der Mutter her ich werden. Man schlägt mich. Ich besorge die Geschäfte. Habe ich nicht mehr Hirn wie diese alle? Man tritt mich. Und ich fühle mich wohl. Sonderbarer Mensch ich. _Singt_: »Ach Gottsche, schenk mern Hambelmann, un e Kordel dezu, daß er zawwele kann.« Und doch reicht meine ganze Hirnhaut nicht aus, zu ahnen, wie dieser Tag ausgeht. Etwas Wichtiges muß fehlen bei mir. Au Backe! Aber was?

KEAN _kommt aus dem Nebenraum, geht durchs Zimmer, ohne Salomon zu beachten_.

SALOMON: Die Siegel sind entfernt. Die Schuld ausgelöst. Unbekannterweise.

KEAN: Das Gerücht von meinem Wahnsinn läuft weiter.

SALOMON: Ich fürchte nur, daß diejenigen, die es nachträglich glauben sollen, nicht von seiner Dauer zu überzeugen sind.

KEAN: Ich habe nicht das Gefühl, gestern ein vernunftbegabter Mensch gewesen zu sein, da ich es bis gestern wahrscheinlich überhaupt nicht war.

SALOMON: Dann muß Ihre Normalität ihren Geburtstag mit Prozessen, Kerkern, Verfahren beginnen.

KEAN: Kümmre dich um deinen Kopf. Man fällt nicht so heftig auf die Rampe, ohne daß man aus seinem Kostüm herausrutscht. Die Listen?

SALOMON: Sind aufgelegt. Die Einzeichnung der Krankenbesuche gemischt. Adel keiner. Bürger wenig. Viel kleine Leute.

KEAN: Keine Frau? ... Nein ... Ich bin doch wahnsinnig.

SALOMON: Der Wagen steht immer noch an der Ecke. Sie können noch jetzt fliehen. So gut wie vor zwei Stunden.

KEAN: Ich kann fliehen. Ich kann nicht fliehen. Ich bleibe da.

SALOMON: Seit Jahren der größte Skandal.

KEAN: Wüßtest du, wies in mir ausschaut, tätest du mir so keinen Pimpam erzählen.

SALOMON: Mit Monseigneur ist nicht mehr zu rechnen. Die letzte Barriere fällt. Laufen Sie zu dem Wagen.

KEAN: Wenn du eine Ahnung hättest, wie wenig ich mich etwas entziehen will und wie sehr ich auf etwas warte.

SALOMON: Wenn Sie auf die Gräfin warten, können Sie auch auf den Mond warten.

KEAN: Aber du weißt nicht, daß ich warte, um etwas gutzumachen.

KONSTABLE _kommt, überreicht ein Blatt_: Mein Papier. _Salutiert._

KEAN: Es ist keine Zeit darauf.

KONSTABLE: Es gibt keine Zeit für Verbrecher, sondern nur das Gesetz.

KEAN: So gibt es Zeit für das Gesetz. Kannst du ihm nicht eine halbe Stunde zuschieben?

KONSTABLE: Mein Papier verhaftet Sie auf der Stelle.

SALOMON: Aber das Abführen hat Zeit bis nach Besichtigung der Räume, Teller, Flaschen.

KONSTABLE: Bestechungsversuch. In deine Fresse zurück.

KEAN: Ich warte auf jemand. Steht der Zeiger auf Sieben-Groß, komme ich mit. Mein Ehrenwort. Vielleicht kommt gar niemand.

KONSTABLE: Die Verhaftung ist geschehen. Über den Transport gibt es keine Vorschrift. Also kommandiere ich diesen Fehler. Es hängt an mir. Ich habe selten swinging blow so in mein Herz gehen sehen wie Ihren. Knockout zum Kasperllachen. Sie sind mein Freund, Herr. Ich warte eine halbe Stunde, auf Ihr Ehrenwort. Das habe ich nunmehr beschlossen. Ich habe noch nie etwas zu beschließen gehabt. _Ab. Salomon mit ihm._

KEAN: Eine halbe Stunde. _Geht durchs Zimmer._ Dann ist es aus.

SALOMON _zurück_: Die ... Gräfin.

KEAN: Helène ...

SALOMON: Auf der Treppe.

KEAN: Rasch.

SALOMON: Da. _Verbeugt sich, hinaus._

SZENE ZWEI

KEAN: Helène.

DAISY _sich entschleiernd_: Ich.

KEAN: Was wollen Sie?

DAISY: Sie in eine Heilanstalt bringen, wenn Sie krank sind.

KEAN: Ich bin nicht krank.

DAISY: Dann will ich es bedauern, daß Sie es waren.

KEAN: Sie sind ärmer als ich.

DAISY: Irrtum. Seit gestern besitze ich mein Vermögen. Mein Vormund war ein Betrüger. Er ist entlarvt.

KEAN: Man darf Ihnen gute Verwendung wünschen.

DAISY: Ich habe alle Vorbereitungen getroffen.

KEAN: Sie reisen?

DAISY: Gezwungenermaßen.

KEAN: Glückwünsche zu dem Zustand, der mir verweigert ist.

DAISY: Ich verstehe Sie nicht.

KEAN: Ich bin verhaftet.

DAISY: Irrtum. Sie sind frei.

KEAN: Sie haben den Konstable draußen gesehen.

DAISY: Ist widerrufen. Der neue Entscheid.

KEAN: In Ihren Händen? Ausgefertigt?

DAISY _zögernd_: Von dem Staatsanwalt. Durch den Prinzen von Wales.

KEAN: Ich hasse ihn nicht mehr.

DAISY: Als Mittelmann gegen Mevil.

KEAN: Sie erröten.

DAISY: Der wollte nicht nachgeben. Der Appell des Prinzen war einflußlos.

KEAN: Was taten Sie?

DAISY: Ich komme, mich von Ihnen verabschieden.

KEAN: Was taten Sie?

DAISY: Ich trat ihm die Mitgift ab.

KEAN: Sie haben ihn geheiratet.

DAISY: Unnötig. Das Geld genügte.

KEAN: Die Hälfte Ihres Vermögens.

DAISY: Eine kleine Schuld der großen gegenüber, die mein Leben Ihnen schuldet.

KEAN: Und Sie reisen ...

DAISY: Um den Skandal zu verwischen. Lord Mevil zwang mich dazu. Ein Pakt mit Mevil.

KEAN: Ich erkenne für mich Ihre Handlungen nicht an.

DAISY: Damit werden Sie mich kompromittieren. Ich bin bereit.

KEAN: Sonderbar. Ich sagte Ihnen beim ersten Mal: Beweisen Sie mir, daß Sie etwas im Leben meistern, ich rede Ihnen dann zu, in meinen Beruf zu springen. Heute kann ich es, aber ich stehe beschämt vor Ihnen.

DAISY: Da ich England verlasse ...

KEAN: Sie haben ein anderes Aussehen bekommen. Ich habe Sie nicht so gekannt.

DAISY: Sie schulden mir nichts. Ich habe meine Ansicht in diesem Punkt des Berufs geändert. Ich gab meinen Plan auf.

KEAN: Sind Sie mutlos geworden?

DAISY: Ich war nie entschlossener.

KEAN: Opfer zu bringen, die nicht anzunehmen ich entschlossen bin. Weinen Sie nicht.

DAISY: Die Sie nicht von mir empfangen, sondern von der Vorsehung, die Ihre Absichten damit klärt und die darum keine Opfer sind.

KEAN: Gestern hätte ich das nicht verstanden. Heute ist es schon zu weit. Es schmerzt mich, das zu sehen, was Sie tun und äußern. Denn ich habe es versäumt.

DAISY: Ich habe nie daran gedacht, daß eine Handlung anders als zu der ihr bestimmten und richtigen Zeit kommen könne.

KEAN: Sie täuschen sich. Ich sah zum erstenmal, wie ungeheuer viel ein Herz vermag, indem es sich schrankenlos preisgibt. Aber ich sehe es zu spät.

DAISY: Ich verstehe Sie nicht.

KEAN: Weil Sie nicht wissen, welche Spanne mein Leben von gestern zu heute durchmessen hat. Weil ich aus Enttäuschungen und Eitelkeiten so tief abgestürzt heute hinaufblicke, kann ich nicht wagen, erkennen zu wollen, von wie hoch her Ihre Güte zu mir herunterkommt.

DAISY: Warum beschämen Sie in mir so sehr das, was ohne Absicht geschah?

KEAN: Hätte ich früher erkannt, als ich zwar falsch, aber immerhin auf der Höhe meines Lebens schweifte, welch unvergleichlicher Besitz mir nah war, wäre das eine große und erhabene Entdeckung gewesen. Ich wäre glücklich gewesen. Daß ich es jetzt erst sehe, wo ich verlassen, schutzbedürftig und niedrig bin, nimmt mir vor mir jedes Recht, es zu ergreifen. Ich weiß, was ich verliere, denn ich verliere alles. Aber ich kann mich dem nicht entziehen.

DAISY: Wenn ich nicht glaubte, trotzdem glücklich zu sein, müßte ich denken, daß ich verflucht bin.

KEAN: Gehen Sie. Reisen Sie. Und denken Sie, daß Sie einem Mann das größte Glück geschenkt haben, indem Sie ihn zum ersten Male die ganze Größe eines reinen Gefühls sehen ließen. Und vergessen Sie nicht, daß er, obwohl er zufriedener und klarer ist wie früher, aufs tiefste leidet und nur die eine Bemühung kennt, sich Ihrer würdig zu erweisen.

DAISY: Leben Sie wohl.

SALOMON: Die Gräfin. _Zieht die Tür hinter sich zu._

KEAN: Ich will sie jetzt nicht mehr sehen.

DAISY: Ich stehe, auch hierin, nicht im Wege. Lassen Sie sie eintreten. Ich bitte darum.

KEAN _zögernd, dann_: Warten Sie hier. _Öffnet Daisy das eine Seitenkabinet._

HELENE _eintretend, mit großer Bewegung sich entschleiernd, sie ist verkleidet_: Sie haben verloren. Die Einsätze zurück.

KEAN: Ich habe eine Torheit begangen, die ich aber in einem gewissen Sinne loben muß, so sehr es Sie kränken mußte.

HELENE: Nur Besessenes, was man verliert, kränkt. Der mißlungene Versuch platzt in die Luft.

KEAN: Was kann ich tun, Ihre Verzeihung zu erlangen?

HELENE: Unnötig von mir. Ich bin ohne Zorn. Ich ordne die Dinge exakt. Das Medaillon.

KEAN: Hier.

HELENE: Die Dose.

KEAN: Hier.

HELENE: Der Ring.

KEAN: Hier.

HELENE: Ohne Widerspruch. Gut. Die Partie ist ausgeglichen. Die Pfänder eingesammelt. Leben Sie wohl.

KEAN: Sie ziehen die Summen. Ich aber möchte Ihre Verzeihung erlangen ... dafür ...

HELENE: Die Trüks sind ausgespielt.

KEAN: Verzeihung ... dafür, ... daß ich Sie nie geliebt habe.

HELENE: Deshalb verloren Sie. Aus keinem anderen Grund. Glauben Sie zu anderem Zweck als der Erforschung dieser Sache willen hatte ich den Pakt abgeschlossen?

KEAN: Ich will Sie nicht kränken ...

HELENE: O, es war Größe schon um Sie, als ich Sie sah.

KEAN: Es war Eitelkeit.

HELENE: Gemischt. Mich reizte, zu was Ihr Wesen sich entschlösse. Sie kamen und plaidierten für die armselige Verfolgte und warfen mir in der gleichen Sekunde Ihre Leidenschaft ins Gesicht. Beides war echt. Ich setzte mich ein, es zu lösen. Meine Liebe. Ich habe alles an diese Frage gesetzt. Nicht ich verlor. Sie verloren. Ich riskierte nur alles.

KEAN: Ich habe gewonnen ...

HELENE: Vielleicht. Sicher nicht hier.

KEAN: Hier ward nur gesetzt. Nur gespielt. Pointiert. Nicht geopfert.

HELENE: Verstanden Sie das damals so gut? Habe ich das nicht? Habe ich nicht vielleicht Sie geopfert? Wissen Sie denn, ob ich Sie nicht dennoch mehr liebte, als Sie ahnen, und daß ich dieses Gefühl hingab dem, größere Klarheit zu erreichen. Mein Herz ist kein Mädchen und durch Enttäuschungen zu großer Art gegangen, einem Gatten an die Seite gegeben, der es weder an Höhe versteht noch an Tiefe und es durch Teilnahmlosigkeit täglich kränkt und beleidigt. Ich habe nach dieser Seite keinen Sinn für das Wort Pflicht, wo sie mir täglich gebrochen wird, aber ich habe nach der anderen Seite noch weniger Gefühl für das Uferlose. Was ist Leidenschaft am Ende? Ein Nichts. Muß man nicht kühl sein, je wilder man erlebt, distanzierter, je zerhackter man ist aus Leidenschaft? Sie haben das nie gewußt. Ich suchte Weisheit über dem Blut. Sie gaben, was ich verachte, Skandal. Ich suchte Opferung, bereit dann selbst zu jedem Opfer. Ich fand ein zerrissenes, unbeherrschtes Dasein. Ich habe keine Lust an bürgerlichen Sensationen. Ich ziehe es vor, meine Wege zu beherrschen. Ich kalkuliere mir das Schicksal.

KEAN: Ich habe verloren.

HELENE: Daß Sie es einsehen, beweist eine Erschütterung. Zeigt eine Erkenntnis. Also haben Sie dennoch gewonnen. Hier aber zu spät.

KEAN: Ich habe vor Ihnen vorhin etwas Kurioses erblickt, das Grenzenloseste, Gräfin: ein schlichtes, einfaches Herz.

HELENE: Erkenntnis marschiert auf vielen Wegen. Ich stellte das Wagespiel ein zwischen Ihrer überlegenen Güte, die ich ahnte, und Ihrer Zerrissenheit, die ich sah. Es schlug nicht zu mir aus. Aber es schlug aus. Traf es nach anderen hin, bedeutet es Bindung Ihrer Kräfte. Ich wünsche Glück. Ich bin neidlos. Zersplittern ist Unfug. Konzentration alles. Liebe nur ein Augenblick. Ein gebändigtes Herz hat keine Pause.

KEAN: Welche Schuld habe ich gegen Sie!

HELENE: Keine. Sie lieben Ihre Eitelkeit nicht mehr, die sich allein vielleicht verging.

KEAN: Habe ich so blind gelebt, nichts geschaut, alles versäumt?

HELENE: Kein sentimentales Schauspiel. Sie werden nun wohl, wenn Sie besser zu sehen verstehen, der Größe, die Sie auf der Rampe spielten, die des Menschen hinzufügen. Mein Spiel ist aus. Sie spielen mit andern.

KEAN: Und Sie?

HELENE: Meine Vorbereitungen sind gelegt.

KEAN: Sie entschieden sich ...

HELENE: Die Dinge entscheiden sich. Ich entscheide mich mit ihnen. Irrtum, daß irgendeine Entscheidung bei uns liegt. Man geht mit den Möglichkeiten und beherrscht sie, indem man in ihre Kurven nicht eingreift. Was heute ich liebe, ist in einem halben Jahr vielleicht taub. Verlangen Sie Garantien der Seele vom Leben? Ich nicht. Liebten Sie mich mit Holzbein, ich Sie ohne Magen? Unausdenkbar. Die Partie hatte zwei Seiten.

KEAN: Ich schied aus. Wales blieb.

HELENE: Der Fächer ist gedeckt. Die Endposten sind erreicht. Ich war nur Zuschauer. Was blieb, hatte recht. Das eine versagte. Das andere lächelte, als ich es ansah. Ich habe mich für die Macht entschieden.

KEAN: Welche Kühnheit. Soviel kann Erfolg bedeuten!

HELENE: So kommt von selbst zu mir, was ich brauche. Ohne Bemühung. Sie werden es schmerzlos sehen.

SALOMON _draußen_: Unmöglich. Ich verbiete. Ich hindere Sie.

KEAN _rasch die Tür des zweiten Kabinets öffnend_: Einen Augenblick. Hier. Eilen Sie.

HELENE _überlegen, betont_: Keine Angst um mich. Ich bin in guten Händen.

SALOMON _draußen_: Zurück. Achtung. Das haut. Schreit. _Tür auf. Graf Koefeld tritt ruhig ein._

SZENE DREI

KEAN: Ich hielt Sie für den Konstable.

GRAF KOEFELD: Es gibt drei Dinge, die auf meinem Inneren geschrieben stehn wie auf Bronze: Pflicht, Frauenehre, König.

KEAN: Ziehn Sie daraus ein Recht, bei mir einzubrechen?

GRAF KOEFELD: Kennen Sie diesen Fächer?

KEAN: Ich kenne fünf dieser Sorte, die Monseigneur verschenkte.

GRAF KOEFELD: Ich fand ihn in Ihrer Loge.

KEAN: Sie werden an die Adresse des Prinzen von Wales sich zu wenden haben, wenn Sie keine Entschuldigung hier anzubringen haben, daß Sie ihn bei mir raubten.

GRAF KOEFELD: Monseigeur. Welche Adresse. Danke. Verzeihung. Kontrollierbar. Jedoch ...

KEAN: Fassen Sie sich kurz.

GRAF KOEFELD: Meine Frau wird überwacht. In meinem Auftrag. Die Kontrolleure flitzen. Sie ist hier.

KEAN: Königliche Pflicht, Frauenehre mit Detektivs zu schützen.

GRAF KOEFELD: Schweigen Sie. Die Kontrolle ist hier am Ort möglich. Dieses Mal ist sie sicher. Ich werde Ihre Räume ansehn. Ist die Besichtigung frei?

KEAN: Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht.

GRAF KOEFELD: Sieben Schlachten. Eine Belagerung. Meine Auszeichnungen die höchsten. Herr, ist die Besichtigung frei?

KEAN: Nein.

GRAF KOEFELD: Dann akzeptieren Sie meine Forderung. Zehn Meter Abstand. Kugelwechsel bis zum Schluß. Ich schieße zuerst.

KEAN: Einen Narren weist man hinaus. Ich läute.

GRAF KOEFELD: Sie akzeptieren nicht?

KEAN: Bin ich verrückt?

GRAF KOEFELD: Ich erinnere Sie daran. Man wird Sie feig nennen.

KEAN: Kein Teufel glaubt das.

GRAF KOEFELD: Die Pflicht des Kavaliers, Ihres Verkehrs, Ihrer Männlichkeit. Waren Sie nie Soldat? Des Königs Rock, Herr. Ihre Ehre?

KEAN: Steht in meiner Brust.

GRAF KOEFELD: Wenn Sie die Beleidigung nicht sühnen und schießen, bin ich genötigt, mich zu erschießen. Ich hätte anderen Soldatentod gewünscht. Herr, ich bitte dringend, herzlich: nehmen Sie die Forderung an.

KEAN: Habe ich Sie denn gekränkt?

GRAF KOEFELD: Sie weigern die Besichtigung. Passage ist nicht frei. Dann bleibt nur ein Ausweg vorher. Ich schieße Sie zusammen. _Zielt._

KEAN: Gut.

GRAF KOEFELD: Verlassen Sie die Tür. Ich warne. Eins, zwei ... _Die Tür geht auf, Daisy heraus. Außer sich._

DAISY: Ich bin seine Geliebte. Gehen Sie, Herr.

KEAN: Was tun Sie?

GRAF KOEFELD _mit dem Rücken nach der Tür ab_: Verzeihung, Gnade, Gnädigste. Eine ungeahnte Bestürzung. Ich bin überrascht. Ich stehe, beschämt, in allem zur Verfügung.

KEAN: Ich zürne Ihnen nicht.

DAISY _Hände vor das Gesicht werfend_: Nun bleibt nur noch ein Weg. _Stürzt, fassungslos, nach dem Fenster._

KEAN _ihr nach_: Gott, Gott, halten Sie. Daisy, Daisy. _Faßt sie, trägt sie zurück._

DAISY: Warum haben Sie das getan?

KEAN: Du wolltest dich töten, Böse. Ich liebe dich doch. Ich liebe dich doch.

DAISY: Sie haben mich eben noch zurückgestoßen.

KEAN: Kann man so vielem widerstehen?

DAISY: Sie übereilen sich. Sie übereilen Ihr Herz.

KEAN: Nicht mehr. Was ist das Stückchen Stolz, das sich gegen dich wehrte, gegen dieses Maß an Stolz, das du ohne Bedenken verschwendest.

DAISY: Was habe ich denn getan?

KEAN: Daß ich dein Herz an meine Brust schlagen höre. Ich bin zu Haus. Das ist alles.

DAISY: Was hast du an mir?

KEAN: Ich muß offen sein, um mein Leben zu erzählen. Ich habe nach einer Jugend, von der ich nicht reden will, die Möglichkeit gehabt, alles zu besitzen, was gelobt wird. Ich lebte wie ein Herr und nahm gläubig alles, was Glück zu sein schien. Ich habe an Frauen kein geringes Teil meines Lebens gehängt und in guten Schlössern übernachtet und Fische in Parks gefangen und mit den besten Leuten meiner Rasse Verkehr gehabt. Ich habe dies nur für einen Teil des Lebens gehalten und nicht zu hoch geschätzt und habe in Kaschemmen geschlafen und keines niederen Menschen Los nicht auch geteilt. Es kam mir zu, daß ich glaubte, das Leben zu kennen, denn ich war wohl tapfer und auch feig, das wußte ich, sondern auch klug und töricht. Ich befahl und richtete sowohl, als ich unterwarf mich und wurde geschmäht. So konnte nicht fehlen, daß ich mir dachte, daß ich das Leben kenne und es auch umspanne, ja ich hätte vielleicht gedacht in manchen Minuten, daß ich weiser sei als viele, ohne dabei zu denken, daß ich Hochmut treibe. Aber ich habe sicher nie gewußt, was an Glück das Dasein zu geben vermöge, denn ich habe die Gelegenheit, daß es der Probe nicht gewachsen ist. Es mußte das Seltsame sich ereignen, daß mir das Ganze leblos aus der Hand fällt, und daß ich, von der Reinheit der Absichten eines Menschen erschüttert, von solchen Schlägen getroffen dastehe, daß alles um mich herum wie unter Gewittern fällt.

DAISY: Ich habe nichts Besonderes getan.

KEAN: Als du kamst und mir sagtest, an mir wärest du aufgerichtet und vertrauend auf die Wahrheit geworden, irrtest du. Das Umgekehrte hat das Recht. Nicht du an mir, sondern ich an dir, ich ward an soviel Hingabe erst sehend und gläubig.

DAISY: Willst du dieser Frau nicht die Tür öffnen, damit du nicht mehr die Unwahrheit zu sagen brauchst, wenn nach ihr gefragt wird?

KEAN: Glaubst du nicht, es sei edelmütiger, durch Lüge zu retten, statt mit der Wahrheit zu vernichten?