Kean: Schauspiel in fünf Akten nach Alexandre Dumas
Part 3
KEAN: Ich warte.
PRINZ VON WALES: Um die Ecke flitzte Mevils Wagen. Seine Leute halten mein Pferd. Unterschätzen Sie den Mann nicht. Er brüllt seine Pläne zusammen. Es gewittert um ihn. Ich sende Ihre Sachen zurück. _Ab._
KEAN: Ich danke Monseigneur. Salomon, _er reißt Daisy heraus_: Die Dame über die Leiter. Durch das Treppenfenster. In den Garten. Über die Themse weg. Niemand soll sie sehen.
Schluß des zweiten Akts.
AKT DREI
Hafenbar, ordinär, aber phantastisch. Links und rechts wie Badekabinen Séparés, mit hellen Vorhängen verschlossen. Hinten zwei Ausgänge. Zwischen ihnen in der Wand in der Art der Café-Biards hufeisenförmige Bar, in der der Wirt steht. Viele Eingänge durch die Séparés. Eine Mausefalle von Raum.
SZENE EINS
HERR _mit Maske, zum Buffet_: Eine Dame kommt heute mittag, groß, elegant, schwarz. Sofort in das beste Zimmer. Gut bewacht.
WIRT: Ich kenne Sie nicht.
HERR _hebt die Maske_.
WIRT _steif vor Ehrerbietung_: Sieben Damen, wenn Sie wollen, Mylord.
HERR: Respekt, du Schwein. Es ist eine Dame. Verschaff mir ein Boot. Schaluppe.
STEUERMANN _auf des Wirts Pfiff_: Zehn Knoten die Stunde. _Zwei Apachen bleiben hinter ihm stehn._
HERR: Unauffällig? Zu jeder Fahrt und Zeit bereit? Verschwiegen? Bist du kühn, riskant? Preis?
STEUERMANN: Ich fahre Euch damit bei Regen ins Parlament, Mylord. Ihr könnt wie von einem Karussell eine knorzige Rede gegen die Wuchrer halten darin.
HERR: Eine Kabine wird sofort eingerichtet. Die Sachen sind im Wagen. Abends wird Abfahrtspermiß geholt. Ist es weit? Ich fahr dich hin. _Beide ab, Apachen geduckt hinterher._
KEAN: _In exotischer Matrosentracht, mehr Apache als Matrose, stößt mit den abrückenden Apachen zusammen._ Hände weg.
APACHE: Sie werden eine Hochzeit in deinem Gesicht machen. _Ab._
WIRT: Die ersten zwei Séparés für Ihre Gesellschaft.
KEAN: Was hast du angemacht? Nichts von Katze, Hund, Ratte, Laus?
WIRT: Oliven, Hering frisch, Steinbutt, Hammelbuckel, Chester mit Himbeer. Züngelt nicht das Spritzeln der Butter ins Ohr? Treten Sie in die Küche. _Kean hinein._
DAISY _stürmisch herein_: Ein Zimmer ist bestellt für mich. Führen Sie mich hinauf. Eilen Sie. Ich erwarte einen Herrn. Voran. Rasch.
WIRT: Ich führe Sie selbst. _Ab mit ihr._
KEAN _zurückkommend_: Der Fisch tropft besser ab als die Gäste herein. _Seitentür zwischen Séparés geht auf mit Riny und sieben Artisten, die fast faschinghaft gekleidet sind._ Riny, du Affe, hierher.
RINY: _Vorstellend._ Die Menagerie ... Well, der die Eisengewichte stemmte ...
KEAN: Du fandest mich über einem Zaun einmal, der meinen Hals wie eine Gabel würgte ... _Küßt ihn_.
RINY: Gonsch ... der mit dem Hintern die Pauke schlägt, während er Feuer frißt ...
KEAN: Wir sind bei Perth zusammen über den Fluß geschwommen, um einen Konstable zu verhauen, und fanden einen Esel, der sich haarte. _Küßt ihn._
RINY: Kauka, der auf dem Seil ...
KEAN: ... einmal seinen schlechten Charakter nicht durch den Mund, sondern die Nieren blies ... du Ferkel. _Küßt ihn._
RINY: Pepi, eine Neuigkeit.
KEAN: Akzeptiert.
RINY: Der Froschesser Viktor mit den Kaninchen ...
KEAN: Ich fand dich zuerst auf der Landstraße unter einem Pflaumenbaum, wie ein Gaul krischst du, der Teufel habe dich, aber es hatte dich eine Kolik. _Küßt ihn. Die zwei Apachen kehren zurück, schleichen an verschiedene Séparés, pfeifen zwischen den Zähnen, es schleichen zwei kleine Kokotten zu ihnen._
KEAN: Wo ist Bob?
RINY: Im Bett. _Kean schaut erstaunt. Die Artisten »im Bett«._
KEAN _zu Riny_: Da will ich mit dir sein. Warum Bob?
RINY: Sein Weib, prrr, ging vor mit dem Täufling, den Pastor zu suchen, der immer betrunken ist. Dumme Gans, sagte zu mir Bob, weil auf der Treppe ich ihm über die Schulter sprang, hol meine Trompete. Wozu, frage ich. Für Kean. Ich lache einen Ast. Dumme Hure, schreit er, hol das Horn. Du hast es auf dem Kopf, sag ich. Da macht er seinen Spaß, tritt nach mir. Er ist nicht eleganter als ich, also kriegt die Luft den Tritt, ich pirouettiere und er schreit mit allen Katzen um die Wette.
KEAN: Aus Luft? Ich habe ihn nur im Alkohol schreien hören.
RINY: Er hatte zu stark getreten, der Schwung warf ihn wie im Schlagfluß um. Seine Seite war knallrot wie sein Kopf.
BOB _hinkend, seine Trompete blasend, herein_: Wo ist der Affe?
KEAN _tief gebückt_: Hier, Meister.
BOB: Die Ohren? _Faßt daran._
KEAN: Ihr werdet das andre Bein brechen.
BOB: Als du vor sieben Jahren entliefst, hatte ich ein Pfund Verlust. Willst du sie gutwillig geben. Nein? Sprich. Rede.
KEAN: Gutwillig.
BOB: Willst du um Verzeihung bitten?
KEAN: Indem ich Euch heut abend eine Benefizvorstellung gebe.
BOB: Gnade dir Gott. Hättest du einen Schwanz, ich hätt ihn dir hochgezogen. _Zu Riny_: Halt das Maul.
RINY: Du wolltest ein Hornsolo blasen. Ich wollte nur helfen, dir auf dem Kopf stehen.
KEAN: Mein Lehrer ist mit Respekt zu grüßen.
BOB: Willst du mir sofort schriftlich geben, daß du mir ein Benefiz hältst?
KEAN: Den Brief ans Theater. _Schreibt gegen die Wand, alle umdrängen ihn._
APACHE _zu seiner Midinette_: Nimm ihm die Trompete. Der Hund stieß mich ins Rohfleisch. _Die Midinette schleicht hinüber._ Rache in seine Visage.
ANDRER APACHE: Wie weit liefst du dem Wagen des Mevil nach?
APACHE: Bis ich Sand schluckte. Müssen am Abend genauer aufpassen und die Falle für ihn exakter am Hafen legen.
ANDRER APACHE: Rupfen Mevil im Dunkeln das Huhn schon warm aus dem Schoß. Wirds teuer zahlen, Mylord. Eine schöne Falle!
APACHE: Hat mal auf dich gesetzt, zwanzig Pfund beim Mätch.
ANDRER APACHE: Hab ich dankbar zu sein, daß ich aus des Niggers Maul Zahnsalat hieb? Nein, er. Werde ihm das Lösegeld erhöhen. Very well. _Die Midinette greift die Trompete, zurück damit, Bob heult auf._ Zuerst aber diesen Hund veraasen.
APACHE _setzt an, bläst. Zwei Heerlager einander gegenüber_: Das Blech furzt wie ein Bauerngaul.
KEAN: Was an dem Mundstück hängt, muß wissen, was es ist.
APACHE: Du sprichst so glatt, als hätt dich ein Walfisch ausgekotzt, weil du ihm zu stinkig. Wenn du Arme wie Zunge hast, kann man eine schöne Blindschleiche zertreten.
ANDRER APACHE: Gib mir Mädchenfleisch, neben dir, für das Blech. Dann hat deine Nase von mir Schonzeit.
KEAN: Willst du nicht den blauen Perpendikel über deinem Aug dazugeben, er fällt dir sonst in die Blutsuppe, die dein Riecher sich anrührt, wenn ich in die Nähe niese.
APACHE: Merde alors. Rotznase, Spüllumpenzuckler, Saligot.
KEAN _zieht den Rock aus_: Ein guter Tag, Bob. Ich will mehr als durch das Benefiz meine Freundschaft beweisen.
APACHE _zum andern_: Drei Medaillen in Montmartre. Zwei in Edinburgh, Sieger über Tommy Burns. Wieviel Zähne wettest du? Sieben? Neun? Das Mädchen als Zugabe? Ein blasses Biest.
WIRT: Konstable.
KONSTABLE: Ich präsidiere die Boxkämpfe meines Viertels. Seile! Pflöcke! Den Ring!
Man schlägt in der Mitte ein durch zwei Taue oben und unten umschnürtes Viereck um vier Pflöcke auf. Die Boxer mit nackten Oberkörpern stehn in den diametralen Ecken, werden von zwei Kampfrichtern massiert und abgewaschen. Blitzschnell.
KONSTABLE _setzt sich auf einen Rücklingsstuhl mit dem Rücken gegen das Publikum vor einen kleinen Tisch_: Ich Time-keeper. Wieviel Runden?
APACHE: Zehn.
KONSTABLE: Zehn.
KEAN: Zehn.
KONSTABLE: Schiedsrichter?
WELL: Ich.
KONSTABLE: Ring frei.
Konstable schellt. Schiedsrichter: Pfeife. Boxer umzischen sich, kommen in Umklammerung, Pfeife, Schiedsrichter: »trennen« -- »break away«. Pfeife. Weiter. Apache schlägt Kean unterm Gürtel. Pfeife. »Saustoß«. Pfeife. Weiter. Am Seil. Pfeife. »Break away«. Konstable schellt. »Time«. Pause. Die Gegner auf Stühlen zurückgelegt in ihren Ecken werden massiert, abgewaschen, bekommen mit nassen Tüchern Luft in die zurückgeworfenen Köpfe geweht. Schelle. »Ring frei«. Pfeife. Weiter. Pfeife. »Foul blow ... unfair blow«. Pfeife. »Break away«. Schiedsrichter stürzt stets trennend mit erhobenen Armen zwischen den Kämpfenden, sich Umspringenden, durch. Pfeife. »Break away«. Pfeife. Weiter. Pfeife. »Foul«. Apache knirscht eine Fratze. Pfeife. Weiter. Schelle. Konstabler. »Time«. Pause wieder. Abreiben. Massieren. Luft wedeln. Schelle. »Ring frei«. Pfeife. Weiter. Pfeife. »Clinch«. Pfeife. Weiter. Pfeife. »Break away«. Pfeife. »Break away«. Pfeife. Weiter. Kean schlägt den Apachen in die Herzgrube, er fällt zusammen. Schiedsrichter, Uhr in der Hand, zählt: »one ... two ... three ... four ... five ... six ... seven ... eight ... nine ... out«. Pfeife. »Knock out«. Schelle. Apache wird rausgeschleift, Ring abgebrochen.
KONSTABLE _die Hände Kean schüttelnd_: Solar plexus blow. All right, Splendid.
KEAN: Mittelmäßig.
KONSTABLE: No splendid. Double ... ah ... splendid. Swinging blow ... splendid. All right.
BOB: Schülerarbeit. Einfältig. Hättest ihn im ersten Gang knock out machen müssen.
KONSTABLE: Swinging blow. Splendid. All right.
RINY: Ich hielt den Daumen.
KEAN: Ich werd dir bald was anderes halten.
BOB: Zweiter Gang. Miserabel. Finte kindisch. Parade schlecht. Nachstoß zum Heulen. Wer ist der Narr: splendid?
RINY: Das dreizehnte Ei. _Frau mit Baby, Pfarrer, Gefolge kommen. Bob setzt sich mit der Trompete, hinkend, an die Spitze, zur anderen Seite hinaus._
KEAN _zum Wirt_: Lad die Weiber ein, daß sie für ihr gefallenes Pferd andres Fleisch kriegen.
WIRT: Die Taufe im Nebensaal. Ich werde umdecken, wenn Sie alle Puffs dazu laden.
KEAN: Warum bist du neidisch auf das, dem du dich besser dünkst?
RINY _kurz zurückeilend_: Denkst du an den Wagen, Kean?
KEAN: Ich denke, Riny. _Riny ab._ Halo ... halo ... _Rufend zum Wirt_: Einen Boten für den Brief. Theater Drury-Lane. _Gibt ihm den Brief._
WIRT _in die Küche_: Den Sekt aus meinem eigenen Zimmer. Keinen gepantschten hier.
SZENE ZWEI
DAISY: Endlich. Ihre Stimme. Ich wartete nicht im Zimmer. Konnte nicht bleiben. Hielt mich an der Klinke. Sie gab nach.
KEAN: Mein Erstaunen -- verzeihen Sie -- ist nicht geringer als mein Entsetzen.
DAISY _erstarrt_: Unmöglich. Gott kann so grausam nicht sein.
KEAN: Ein Lokal für Verbrecher und Hafendirnen.
DAISY: Ich habe nicht gezögert, zu kommen.
KEAN: Aber Sie wagen, mir eine Erklärung zu geben, die keine ist.
DAISY: Ich kam auf Ihren Brief.
KEAN: Wer ist hier irrsinnig geworden?
DAISY: Sie bestellten mich hierher. Sie schrieben mir: Kommen Sie; Sie wohnen unsicher. Ich kann Sie nicht holen, ich bin bewacht. Es gab für mich nur einen Gedanken: zu folgen.
KEAN: Der Brief.
DAISY: Hier.
KEAN: Sie sehen, welche Seite meines Namens man für kreditwürdig hält. Tod, Hölle, Heilige. Man hat meine Schrift gefälscht und meinen Namen ausgenutzt.
DAISY: Ich habe nur an die rechte Seite Ihres Wesens gedacht. So mußte ich kommen.
KEAN: Sie waren daran, Ihrem Lieblingsteufel ins Boudoir zu laufen.
DAISY: Ich habe Sie nicht gesucht und finde Sie auch in dieser Gefahr durch die Schickung.
KEAN: Sie schlagen besser dem schönen Zufall ein Stück Nase ab, um ihm dankbar zu sein, statt ihn aufzubauschen.
DAISY: Ich hatte Sie nie gesucht. Als ich zum erstenmal im Theater Sie sah, änderten Sie schon nicht nur meinen Weg. Sie retteten mein Leben.
KEAN: Haben Sie keine anderen Entscheidungen wie immer den Tod?
DAISY: Nicht für mich. Ich kam aus dem Kloster, sprach nicht, hörte nicht, sah nicht. Man gab mir Bäder und Ärzte. Durch eine List lockte man mich ins Theater, ich hörte Romeo, Hamlet, der Tiefsinn riß auf in mir.
KEAN: Konstable.
DAISY: Sie werden keine Gewalt ausführen.
KEAN: Sie haben an Edmond Kean appelliert, als Sie zu mir kamen.
DAISY: An Ihre Güte.
KEAN: Ich habe eine Verpflichtung gegen das Unrecht übernommen, die auch Ihr Einspruch nicht erledigt.
DAISY: Wenn ich Sie bitte, nichts zu unternehmen gegen den Mann, der mich hierher bestellte, tu ichs, weil ich die Absicht habe, ihm zu folgen.
KEAN: Dem Entführer ...
DAISY: Ich habe eine Mission. Was kümmert mich alles andere?
KEAN: ... vor dem Sie heut früh noch sterben wollten.
DAISY: Ich werde mich an ihn gewöhnen lernen.
KEAN: Sie sind wahnsinnig.
DAISY: Es wird leicht sein, denn ich weiß, warum ich es tue.
KEAN: Sie opfern sich.
DAISY: Ich tue, was ich vorhabe, mit Liebe und Bedacht.
KEAN: Für eine Mädchenträumerei, eine ideale Hysterie, einen tragischen Irrsinn.
DAISY: Als ich Ihr Haus verließ, wußte ich, es gab nur eins für mich: irgend etwas zu suchen, was Ihr Leben auch nur im Geringsten fester gestalten könnte. Ich will nichts von Ihnen. Aber ich erbitte die Freiheit, zu tun, was ich muß.
KEAN: Sie glauben, es sei etwas wert, eine der Beschwerlichkeiten, die einen Tag mir durchschwirren, wegzunehmen, indem Sie das Leben einsetzen? Sie schwärmen, Kind.
DAISY: Ich hätte gedacht, meine Dankesschuld höher abtragen zu können. Aber die Gewißheit dieser Kleinigkeit schon wird mich leicht das wagen lassen, was mir entgegensteht. Es hat keine Schrecken mehr.
KEAN: Konstable! _Zu Daisy_: Kommen Sie. Ich befehle es Ihnen.
DAISY: Wenn Sie mich zwingen, muß ich folgen. Und daran glauben.
KEAN: Konstable!! _Erscheint._ Ich führe diese Dame in ihr Zimmer. Sie bleiben davor, und wenn Skelette angeritten kommen. Ich bin Kean.
KONSTABLE: Der Boxer?
KEAN: Der Schauspieler. _Konstable steht stramm._
DAISY: Nun wollte ich für Sie etwas tun, wieder tun Sie es für mich. Wie belastet mich Gott, daß Sie mich sogar dazu zwingen. Was kann ich tun, um auch dies zurückzugeben?
KEAN: Zum Teufel mit der Güte, mit der Sie mich bombardieren. Ich kann nichts anfangen damit. Gehen Sie. Wir werden eine Jagd heute noch haben. _Öffnet die Tür. Daisy voran, dann er, dann der Konstable._
SZENE DREI
SALOMON _von einer, Wirt von anderer Seite_: Kean?
WIRT: Sofort zurück.
SALOMON _mit Journal_: Weißt du, daß die Zeitungsschreiber schlimmere Idioten sind als Zapfkellner?
WIRT: Hein?
SALOMON: Weißt du, warum die Zapfkellner kleinere Idioten sind wie die Zeitungsschreiber?
WIRT: Hein?
SALOMON: Weil sie mit giftigem Schaum, die Kellner mit gutem betrügen. Kann ein Mann, dem ein andrer ein Weib ausspannte, gut über den andern reden?
WIRT: Nein.
SALOMON: Doch, du Nashorn, du Idiot. Das muß er, wenn er ein anständiger Mensch ist. Dieses Wurm aber windet sich und schreibt, Kean sei ein wildes Aas gewesen und hätte in einem Zirkus als Pavian brüllen sollen.
WIRT: Es wird ein Zoologe gewesen sein.
SALOMON: Weil Kean ihm Hörner aufgesetzt hat. O yes. Kann ein Mann, dem ein andrer viel Geld gibt, vom Konkurrenten dieses Mannes gut reden?
WIRT: Nein, Sir.
SALOMON: Was ... Sir ...? Doch er muß gut reden, du Kannibale, du Biertrompete. Diese Zuckerstange lutscht sich ab, Kean habe mondscheinhaft wie eine Jungfrau im Monatlichen gesäuselt. _Singt_: Ach Gottsche, schenk mern Hambelmann, un e Kordel dezu, daß er zawwele kann. _Artisten mit Pfarrer, Amme, Taufzug, Bob an der Spitze mit Trompete, zurück. Parademarsch. Stellen sich in einer Reihe auf._
GONSCH: Ich will ihm zeigen, daß ich noch Feuer fresse wie ein Tapir.
KEAN _zurückkommend_: Salomon! Gut. Geh beizeit.
VIKTOR: Ich will ihm zeigen, wie meine Frösche und Kaninchen sich paaren. O lala. O lala.
KEAN _zu Salomon_: Am Gang. In die Garderobeloge. Sie kommt in Schwarz. Mit einem Schleier. Die Türen müssen auf sein. Weiter ist nichts nötig. Kontrollier!
WELL: Ich will ihm zeigen, daß ich das ganze Lokal auf die Nase stemme.
KEAN: Ich will Riny tanzen sehn. Erste Programmnummer. Ein Tisch. Rasch.
Die Artisten: »hip hip hurrä«. Riny auf dem Tisch rechts. Jemand singt, die anderen mit scharfem, raschem Händeklatschen während des Tanzes; alle oval um den Tisch rechts. Trommel.
A me me gusta un harenque porque es muy dulce por dentro con la garotin con la garotan con la vera vera vera lan ... A me me gusta un harenque potque es muy dulce por dentro con la garotin con la garotan con la vera vera vera lan.
Während Riny, Kopf zurück, wild tanzt, öffnet sich links durch zwei weit auseinanderfliegende Vorhänge das vorderste Séparé. Eine Anzahl uniform gekleideter Apachen mit Weibern, hell geschminkt, sitzen um einen Tisch, pfeifen auf den Fingern, schieben blitzschnell beim Fallen des Vorhangs den Tisch vor, daß er parallel zu dem der Artisten steht, eine Apachin springt rauf, tanzt, Riny zu übertrumpfen, wüster. Apachen im Oval drum herum, die Artisten rasen rascher mit dem Händeklatschen, die Apachen stampfen den Takt ihres Liedes mit den Füßen. Ihr Lied, frecher:
Elle avait un petit cadenaz, elle avait un petit cadenaz, et pour que ça se ne voie pas, elle a mis là dessous une chemise à vingt sous, elle avait un petit cadenaz, cadenaz, cadenaz, cadenaz.
Jede Partei feuert ihre Tänzerin an, der Rhythmus überschlägt sich. Es wird ein Jazz. Die Artisten hämmern mit Deckeln und Tamburinen, die Apachen schießen mit Revolvern. Die Körper bis zur Schulter tanzen wie Schlangen. Die Schultern und Köpfe, Zigaretten im Mund, bleiben völlig unbewegt. Apachen wechseln plötzlich zu Riny hinüber. Da schießt die Apachin wütend darüber mitten im Tanz Riny über den Haufen. Dann wirft sie sich sofort heulend auf Riny, wird beiseite geworfen. In einem Séparé geht eine Weile noch Musik und Gesang weiter.
WIRT: Konstable.
KEAN: Arzt.
RINY: Kean.
KEAN: Ein dünnes Loch, Kind. Heilt in acht Tagen. Auch dir ein Benefiz.
RINY: Vom grünen Wagen.
KEAN: Das wird der fabelhafteste Sommer, den du sahst ... Arzt! zum Teufel ... Verdreh die Augen nicht. Hör. Gehorche. Ich befehle.
RINY: Kean. _Stirbt über den Tisch._
ARZT _erscheint_: Tot. Herzspitze. Herzbeutel. Blutung nach innen. Thorax. All right.
KONSTABLE: Wo ist das Vieh?
KEAN: Zurück an Ihren Posten. Auf der Stelle. Verflucht, zurück. Ich befehle es. Kean.
KONSTABLE: Das Gesetz ...
KEAN: Schützt zuerst das Leben. Marschier. _Konstable marschiert ab, Artisten mit Riny in eines der Séparés, Kean den Revolver in der Hand._
BOB: Spiel nicht Hamlet, Stümper.
KEAN: Wiesen, Gärten, Flüsse. Meine besten Träume.
BOB: Wärst nicht mit ihr gefahren. Hast damit gespielt. Hattest als Junge sieben Mücken im Hirn, fingst keine. Bist Dreiviertelmann geblieben. Willst, tust nicht. Solar plexus blow war nicht splendid, war Saustoß, Konstable ist besoffen. Selbst Boxen kannst du nicht.
KEAN: Du tadelst mich recht, Meister, du kennst mich allein.
BOB: Hast sieben Köpfe, verlierst sechs, findest mit dem siebenten nicht zurecht. Solltest unter meine Fuchtel.
KEAN _zur Apachin, die unterm Tuch hervorkriecht_: Durchs Fenster Kanaille.
BOB: Schlag sie tot. _Apachin ab._
KEAN: Warum soll sie sterben? Armes Tier, stachelgewickelt, ausgestoßen, arm wie wir. Der Tod fliegt mir vor die Füße, wenn ich bei euch ausruhe.
BOB: Geh über das Bündel weg, mein Sohn.
KEAN: Ich bin nicht glücklich, Meister.
BOB: Man hat dir eine Laune erschlagen. Erlaub dir andre. Ich hab dich mehr als die andern geliebt. Durchschau den Humbug Tod. Ist nichts hinter der Knallerbse. Du hast die falsche Bange. Mit sechzehn Jahren warst du schon schwach begabt, fielst beim Seiltanz in die Nesseln. Dein Hochschlag ist miserabel. Lern Boxen.
KEAN: Die Welt soll Gott auf dem Zinken verkrachen, wenn ich mir die Laune verderben lasse, Meister. Zumal ich noch bedeutsame Pläne heute habe, Bob, die mich anziehn. Meister. Hättest du das gedacht früher? Paß auf. Soll ich ... mit meinen ... Freunden ... im Dreck nicht ... gut ... zusammen sein. _Tanzt, schreiend._ Kauka, ich will dich Frösche essen sehen ... is a long way to Tipperary ... _Die Artisten kommen, steif, gespenstisch, geometrisch, stellen sich in einer Reihe auf_ ... Well, deine Nieren sollen rasseln ... Viktor, die zahmen Kaninchen werden Löcher in die Wände brüllen müssen ... Is a long way to Tipperary ... is a long way to go ...! _Mann in Maske erscheint, stößt an den torkelnden Kean._
SZENE VIER
HERR _in Maske_: Weg, Walfischkeeper.
KEAN: Is a long way to Tipperary ...
HERR: Fünf Schilling, gehst du weg. Hilf mir.
KEAN: Atout auf deine Nase, wenn du pokern willst. Nimm erst die Fratze ab.
HERR _hebt den Stock_: Auf deinen Buckel eine Fratze, Teerschwein.
KEAN _torkelnd_: Auf deine Fratze einen Buckel. Knock out.
HERR _um ihn herum zur Tür nach innen, Kean davorschnellend_: Auf die Seite. Hand weg.
KEAN: Maske ab.
HERR: Ein Irrer.
KEAN: Gutwillig?
HERR: Wirt, Diener, zehn Pfund.
KEAN: Zwecklos. Maske ab. _Reißt sie weg._ Lord Mevil.
MEVIL: Gauner, Stromer, du büßt mir die Falle.
KEAN _mit vollem, großem Organ, weltmännischer Haltung_: Wer dreht die Schuldurteile um? Wer büßt? Ich, Lord Mevil?
MEVIL: Kean! Verdammt. Unterschätzt. _Stampft auf. Dreht rasch hinaus._
KEAN: Wenn Sie das Zimmer verlassen, eh ich meine Aufgabe hier erfüllt habe, schieß ich Sie zusammen.
MEVIL: Du ... schießt ... Bursche ...
KEAN: Hat der fliehende Mädchenräuber andres zu erwarten?
MEVIL: Rückwärtsschuß von dem, welchem kein Hund Satisfaktion gibt.
KEAN: Zu edel noch dem Feigling, der meinen Namen mißbraucht, hinter der Maske sich verbirgt, für seine zerfressenen Rippen.
MEVIL: Unmöglich, mich zu beleidigen. Genug. Was willst du, Komödiant? Geld? Pferde? Wagen? Enfin? Seiltänzer! Herbei, Wirt, Matrosen.
KEAN: Der Seiltänzer hat eine Absicht mit Ihnen. Er will ihm nichts nehmen, er will ihm etwas geben.
MEVIL: Stockprügel zurück für dein Geschenk.
KEAN: Schluß. Tun Sie den Mund, ungebeten, noch einmal auf, laß ich Sie über den Tisch legen und auf hier usuelle Art behandeln. _Winkt._ Neben ihn! _Zwei der Artisten mit aufgekrempelten Ärmeln, Fäuste in den Hüften, neben Mevil._
WELL: Ein adliges Kotelett.
KEAN _ruhig_: Ich bin kein Richter. Mich geht es nichts an, daß Sie Wechsel fälschten, Männer kränken, Frauen mit Geldsäcken rauben, selbst meinen Namen pfuschen und schänden. Mich geht es irgendwie nichts an, aber ich bedaure Sie in Ihrer Maske. Sie sind nie ohne Maske ausgegangen. Das ist ein schweres Versäumnis.
MEVIL: Was habe ich versäumt?
KEAN: Sahen Sie Gehenkte zwischen den Schornsteinen die Zunge blecken? Heizer an Öfen, Kondukteure beim Schwung über verfaulte Brücken, Zerquetschte zwischen Eisenbahnpuffern? Wer, verdammt, die Keucherei eines Dockarbeiters gesehen, weiß, wie elend sein Existieren ist, wer die Absynthsäufer in der Gosse röcheln hörte, weiß, wie abscheulich dieses verfluchte Dasein ist, wer die entsetzliche Stumpfheit der Auslader kennt, weiß, wie melancholisch das Leben ist. Man verachtet dann nicht mehr. Man bestaunt. Das haben Sie nicht gesehen.
MEVIL: Dahin soll ich gehn?
KEAN: Kenne ich nicht vom Bordell bis zu Monseigneur die Welt! Hätte ich die Anmaßung, Ihnen sonst Ratschläge zu geben, der Sie länger und besser aus dem Vollen lebten wie ich. Bin ich ein idealistischer? Ein Stümper bin ich, ein Komödiant, ein bißchen Mensch. Habe ich mich je gesträubt gegen etwas, was mir die Welt entgegenwarf, etwas verschmäht: einen Frauenbauch voll Wildheit, irgendeinen Luxus, eine Segelfahrt, ein Gelage, ein Diner mit Krammetsvögeln und Tanzweibern? Nie. Alles nahm ich. Aber ich habe nicht das Gefühl: hier fängt Welt an. Hier hört Welt auf. Wie wäre ich aufgeschmissen und was für ein kleiner Snob. Ich vergesse nicht, wo ich herstamme. Sie aber müßten es vergessen. Ich marschiere von unten nach oben. Sie sind nicht von oben nach unten marschiert. Das ist Ihr Fehler. Ich messe das verdammte Dasein nicht zwischen Laster und Parfum mit den Zentimetern, sondern mit der Riesenspanne aus dem Hafen bis nach Buckingham.
MEVIL: Das soll ich tun?
KEAN: Eine Anleitung zum Leben für Sie. Grotesk. Welche Situation. Lieben Sie die W. C. und die Kokotten, Ihre Damen und die Säue, dann kommen Sie aus der Schaukel und spüren Boden. Anleitung zur Kühnheit. Das Leben breitet sich aus, wird wilder. Man kennt die Gefahren und bewundert die Abgründe, schließt sich nicht ein, sondern macht eine Offensive hinein. Man versteht dann mehr. Anleitung zur Bewunderung.
MEVIL: Sie wünschen es?