Kean: Schauspiel in fünf Akten nach Alexandre Dumas
Part 2
SALOMON: Nein. _Kean mit einer Geste ins Nebenzimmer. Durch den Eingang ein Jüngling._ Halt. Woher? Wen suchen Sie?
JÜNGLING: Kean.
SALOMON: Den sucht jedermann. Hast du nicht vielleicht einen Busen über deinen Männerhosen? Mit welcher Legitimation?
JÜNGLING: Der, daß ich frage, wollen Sie, daß ich auf dem Seil oder den Fingerspitzen einmarschiere? _Schlägt ein Rad._
SALOMON: Welche Truppe?
JÜNGLING: Truppe Bob.
SALOMON _erschrocken_: Truppe Bob. Wird Kean erfreut sein oder geärgert? Sieht er heut seine Vergangenheit verliebt oder verächtlich? junger Mann, wenn Sie Mut haben, bleiben Sie, wenn Sie ängstlich sind, verschwinden Sie.
JÜNGLING: Ich habe Aufträge und bleibe.
SALOMON: Dann ist zweierlei zu bedenken. Kommt er und sieht die Kerle, saufen sie bis zum Abend. Scheinbar wird aber eine Frau erwartet. Ich weiß nicht, welche. Am besten jagt man die Bande weg. Wie es kommt, ich werde das Falsche getan haben. Schicksal. _Singt_: Ach Gottsche, schenk mern Hambelmann, un e Kordel dezu, daß er zawwele kann.
JÜNGLING _öffnet ein Fenster, dämmrighell_: Wirf sie in die Themse.
SALOMON: Wassertod wäre die grausamste Exekution. Du hast Humor. Ich liebe nicht Affairen mit den Konstablen. Wir haben genug. Dafür gibt es einen andern Stil. _Weckt mit einem Hammer Tom._
TOM: Caramba, Sennor. Die Faust in Ihre Gurgel.
SALOMON: Ich werde Euch eine Sache an den Hintern henken, an der Ihr kein Werft schleppt, bis Ihr verreckt.
TOM: Ich trete dir in den Bauch, daß der Hund in deinem Wanst zu bellen anfängt.
SALOMON: Du Bauchredner deiner Trübseligkeit, er würde vor Vergnügen zu lachen anheben, weil er dich für einen Hirsch hält, obwohl du in Wahrheit nur eine Sau bist, die den faulsten Huren die Männer zutreibt.
TOM: Dafür sollst du dreimal gespien verdammt sein, daß du solche Lügen erfindest. Ich bin sowenig ein Hirsch wie du ein Hund, denn du stinkst schon zu verwest, du Aas.
SALOMON: Wegen der Hörner, du Klauenbiest.
TOM: Dann hast du deshalb gelacht in deinen Wanst, weil deine Augen vor Besoffenheit so verklebt sind, daß du gar nichts siehst.
SALOMON: Weil vor einer halben Stunde ein Rotrockweib auf einem Kahn vorbeipaddelte, heraufgrinste und eine Harmonika erbärmlich schaukelte.
TOM: Wenn das um zehn war, ist es jetzt halb elf.
SALOMON: Aber wenn du bis in die Ewigkeit hinein meckerst, kriegst du den Wettlauf mit der halben Stunde nicht wieder herein, und wenn dein Rüssel sich zu einer Kilometerschnauze auswächst, denn damals waren hier vier und nun sind drei.
TOM: Dann schlag ich dem Kean den Stirnknochen auf und schlitze die rote Sau von unten bis oben, wenn ich sie erwische. Dann kannst du betteln, alter schlottriger Darm. _Geht dröhnend ab._
JÜNGLING: Hast du ihm nicht gefährlich eingeheizt?
SALOMON: Sein Hirn ist so feig, wie sein Maul vor Unflätigkeit groß. Es ist schon so ausgefranst, daß es bald die Ohren erreicht hat und sie abfrißt auf seinem Weg um den Kopf.
JÜNGLING: Wie das Zeug hinausgeht, ist gut. Aber wie kam das Zeug herein?
SALOMON: Kean wollte eingeschlossen sein und ausruhn. Aber er hat seine verdammten Launen.
JÜNGLING: Ihr schloßt ein.
SALOMON: Er holte sich Gesindel durchs Fenster. Achtzehn Flaschen dann auf vier Mann. Wie leicht Hoch und Niedrig sich einigen, ahnt man nicht. _Weckt David._
DAVID _fällt aufs Knie_: So will ich Gott den milden Herren beim Aufgang jedes Gestirns loben, daß er mich einfältige und fleischliche Kreatur über Nacht auf dieser Erde wohlgefällig erhielt.
SALOMON: Fromme Wanze. David!
DAVID _abwesend_: Eins, zwei, drei, vier, fünf. Anwesend. David anwesend.
SALOMON: Amen. Willst du eine Heldentat vollbringen?
DAVID: Ich habe keine Neigung nach dem Tod. Wenn der Herr zwar mich ausersehen, so sage ich: Ich bin bereit.
SALOMON: Du hast Kean dreiundachtzigmal geschworen, daß du alles ihm opfern willst. Vergißt du deine sanfte Grimasse, wenn die Flaschen wie leere Kinderhälse rülpsen?
DAVID: Warum beschämst du mich falsch? Weißt du nicht, daß, wenn Kean will, ich folge mit verbundenen Augen.
SALOMON: Vor einer halben Stunde, als Kean am Fenster stand, fiel ein Kind in die Themse und Kean sagte ...
DAVID: Was sagte Kean?
SALOMON: David ...
DAVID: Er erinnerte sich meiner Armseligkeit.
SALOMON: ... David ist der einzige, der es retten könnte ...
DAVID: Hei, ein gütiger Gedanke von Kean, Herr.
SALOMON: Denn er ist, sagte Kean, der einzige, der mit Salbung so geölt ist, daß ihm Wasser nicht schadet, er schwimmt wie mit Schwimmfüßen auf heiligen Sprüchen stundenlang.
DAVID: Es war sein Wunsch? Du sagst mir es jetzt erst. Nach welcher Seite floß das Kind?
SALOMON: Stromaufwärts wie alle Kinder. Hinauf. Hinauf. Es schrie nicht mal.
DAVID: Welch ein Glück, Salomon. Du bist weiser wie Sancho Pansa und Hamlet. Kean wird zufrieden sein mit dem schwachen Theologen. Welches Glück. Sagt Kean: Gehe -- so geh ich. Bleibe, so bleib ich. Er sagte: Gehe. So geh ich. _Ab._
SALOMON: Der heißeste Topf. Wird mit Wasser gelöscht. _Weckt Bardolph._ Meine Gratulation. Meinen Glückwunsch.
BARDOLPH _in einem Löwenfell, brüllt, bläst sich auf_.
SALOMON: Welche Haltung!
BARDOLPH: Du gratulierst mir.
SALOMON: Dieselbe Haltung, in der du Kean erledigtest.
BARDOLPH: Ich gab es ihm.
SALOMON: Allzutrefflich. Nie hörte man solches Geschrei. Ohnmächtig rutschte Kean seine Stimme in den Magen. Er spie.
BARDOLPH: Ich hätte ihn gern erwürgt, wenn er auf der Bühne alle Applause einsteckte, als seien es Äpfel. Wer war es aber, der dem Publikum den Eisschreck in die Blase gejagt? Wir müssen auch einmal an die Rampe, der Tag des Sieges hat auch für uns seinen Sonnenaufgang. Glaubst du, ich werde nun Hamlet spielen? Er verzichtet?
SALOMON: Nein.
BARDOLPH: Warum?
SALOMON: Kean läßt sich den Magen auspumpen. Er schwor, dich totzusaufen, damit du ihm nicht gefährlich wirst.
BARDOLPH: Dann ists im Sinne der Menschheit, wenn ich meine Stimme erhalte. Gehe ich, bin ich der Sieger. Bleibe ich, spielt mir das Schicksal einen Streich. Seien wir klug, Bardolph.
SALOMON: Wenn dich der Sieg Aug in Aug nicht reizt. Mit diesem Brustkasten, solchen Muskeln.
BARDOLPH: Roheit. Ich will in einer höheren Arena nunmehr meine Nüsse knacken.
SALOMON: Halleluja. David wartet. Mann, vergiß dein Fell nicht, deine Stimme könnte drin stecken.
BARDOLPH: Roheit. _Stelzt mit Ringerpose ab. Jüngling ihn verhöhnend hinterher._
SZENE ZWEI
KEAN _in fabelbaftem Bademantel_: Meinen Kragen, mein Frühstück. Ist Rotwein da? Wo sind die anderen?
SALOMON: Sie haben sich eilig verabschiedet.
KEAN: Du läßt meine Gäste laufen, schaß dich in deinen Souffleurkasten. Man läßt meine Gäste nicht ohne Frühstück laufen. Ist Rotwein da?
SALOMON: Jamaika-Rum.
KEAN: Pest. _Schreiend._ Was ist das für einer?
SALOMON: Ich drehe die Dusche im Badezimmer ab. _Ab._
KEAN: Was bist du für einer?
JÜNGLING: Artist.
KEAN: Welches Engagement verschafft mir die ... Zufälligkeit?
JÜNGLING: Auf dem Seil, auf den Händen. Die Truppe Bob erinnert sich an Kean.
KEAN: Sapristi. Du bist ein Neuling. Ich kenne dich nicht. Welche Zeit ist es? Mach die Läden auf. _Ganz hell._ Beweis dein Handwerk. _Jüngling schlägt ein Rad._ Was willst du?
JÜNGLING: Soll ich über den Fenstergurt laufen?
KEAN: Wie geht es Bob?
JÜNGLING: Seine Frau legte ihm das dreizehnte Ei, rötlich, gesund, mit O-Füßen, es wird Clown. Den Mittag wird es getauft. Bob verplatzt an seiner Trompete vor Wonne. Sein Herz ist zerbrochen, seit Kean ihn verließ.
KEAN: Well?
JÜNGLING: Macht den Niagarasprung mit drei Säbeln.
KEAN: Riny?
JÜNGLING: Damned. Die schwarze Maus liegt in allen Betten. Verdorren soll ich.
KEAN _reißt ihm die blonde Perücke ab_: Ich war der erste, der dich hatte. Ich habe dich sofort erkannt, Riny. Setz dich her. Küß mich.
RINY: Warum machst du ein zorniges Gesicht?
KEAN: Weil, wenn ich dich sehe, ich mein Leben leid werde.
RINY: Du kannst mich schlagen.
KEAN: Du verstehst mich nicht. Die Strecke, seit du das erstemal bei mir lagst, bis heut ist zu lang für dein Hirn. Hör, hast du mich spielen sehen, hast du gedacht, daß es eine Sache sei, mein Spiel, meine Rolle, meine Stimme, wie ich gehe, wie die Leute schreien, klatschen?
RINY: Ich habe es gedacht.
KEAN: Hast du gesehen, mit wem ich im Wagen fuhr -- seid Ihr so lang schon hier --, wie ich angezogen bin, wie ich esse, lebe, wohne? Hast du gedacht, daß ich zufrieden, glücklich sei, daß meine Position, Geld, Ansehn Dinge sind, in denen sich leben läßt?
RINY: Ich habe es gedacht.
KEAN: Dann hast du einen idiotischen Unsinn zusammengedacht. Dies Leben ist zum Kotzen elend. Ich tauschte sofort mit dir. Iß Austern, ich aus dem Sack. Gute Zeit war, als wir auf dem Planwagen von London nach Essex zogen.
RINY: Ich habe eine Frage.
KEAN: Was willst du? Was will man, wenn man zu mir kommt? Karriere. Empfehlung. Verkuppelung. Dummes Tier. Du weißt nicht, wie gut es dir ging. Pfui Teufel!
RINY: Meine Mutter muß vor der Geburt meinen Verstand mit dem Stock versohlt haben. Ich verstehe dich nicht.
KEAN: Das gefällt mir. Besser in Lappen Berge sehn wie als Hure schlemmen. Ich beneide dich um den Himmel voll Freiheit. Wiesen, Dörfer, Flüsse, -- habe ich das nicht einmal gesehen? Man zündet Feuer an, wann man will. Man zieht in kleine Städte mit Trompeten, nachts still hinaus. Rechts oder links fahren ... wie man will. Ich habe meine Jugend gelebt. Verdammt, es war schön. Könnte ich das noch einmal durchmachen, ich platzte. Das sind so Träume. Was willst du eigentlich?
RINY: Ich wollte nachsehn, ob du nicht so verrückt geworden seist, daß du den Mittag an der Taufe von Bobs dreizehntem Ei mitmachen könntest.
KEAN: Warte! Eine Sekunde. Wenn ich von Tom einen Anzug liehe und einen Wagen kaufte, würden die Mäuse, der Regen, die Kälte, die ja nicht so arg sind wie Neid und Gemeinheit und Lügerei, dich anziehn oder abstoßen? Vielleicht kommt mir einmal der Plan. Was weiß man von seinen Plänen?
RINY: Ich ziehe es dann vor, Kean auf seinen Landkonzerten zu begleiten.
KEAN: Süßer Affe. Küß mich. Ich sag dirs, wenns mir so ist. Bob grüßt du, den Mittag komm ich zur Taufe. Hast du Geld? Wo feiert ihr?
RINY: Bei Patt. Ich marschiere. Dein Diener sagt, du erwartest eine Frau. Ich lasse Patt herrichten.
KEAN: Der Teufel soll den kneifen, der lügt, ich erwarte eine Frau. Vergiß das Geld nicht. Geh jetzt. Vergiß das andere nicht.
RINY: Du könntest sagen ebensogut, ich solle meinen Kopf nicht vergessen. _Ab._
KEAN: Salomon! _Erscheint._ Wer wird erwartet?
SALOMON: Kann ich erwarten, besser zu wissen wie Sie, welche Erwartungen Sie haben?
KEAN: Du hast dem Seiltänzer von einer Frau gesprochen, die ich erwarte.
SALOMON: Ich habe erwartet, daß er eine Frau sei, deshalb habe ich vielleicht die Erwartung einer Frau ausgesprochen.
KEAN: Ich werde dich auf Warten dressieren. Du gehst jetzt gleich in die Straße und vor das Haus, das dieses Bild zeigt und diese Adresse, und wartest, bis die Dame herauskommt. Oder du fragst nach ihr, indem du etwas zu verkaufen vorgibst. Du merkst dir die Dame und ihren Gang so, daß du sie auch in Verkleidungen erkennst. Dann kommst du zurück.
SALOMON: Den Gang will ich gerne sparen. Die Dame kenne ich.
KEAN: Woher?
SALOMON: Als ich Sie gestern suchte, frug ich bei Monseigneur und hörte, daß Sie dort frühstücken. Ich bin nicht faul und gehe dahin, aber es war ein Irrtum. Da sah ich die Dame.
KEAN: Warum hast du mich gesucht?
SALOMON: Eine Dame war hier und bat mich, Ihnen zu sagen, daß sie wiederkomme.
KEAN: Also wird doch eine Frau erwartet. Warum schleichst du auf Umwegen immer ans Ziel, du Serpentine?
SALOMON: Ich fand Sie nicht mehr, und wenn die Dame sagt, sie erwarte morgen Sie zu sprechen, so wird sie doch nicht erwartet, sondern sie hat selbst nur Erwartungen.
KEAN: Laß den Unfug, mit dem du deine Vergeßlichkeit groß machen willst. Du meldest den Mittag dich bei mir auf dem Artistenfest. Du bist dann zeitig im Theater und auf alles gespannt. Am Büro öffnest du die separate Tür. Du läßt die Gräfin Koefeld, auch wenn sie verschleiert ist, in meine Loge durch den Gang und die Wandtür führen. Vor der Vorstellung. Wenn dir mein Lachen lieb ist. Wenn sie nicht kommt, werde ich verrückt.
SZENE DREI
DIENER _mit Karte_: Die Dame wird erwartet.
KEAN: Daisy Miller.
SALOMON: Ich warte nicht länger. _Im Abgehen._ Es ist der Name der Dame, die erwartet, erwartet zu werden. _Singt_: Ach Gottsche, schenk mern Hambelmann, un e Kordel dezu, daß er zawwele kann.
KEAN: Herein die Dame. Mein Frack. _Springt hinter eine Portiere, wo er sich, sichtbar dem Parkett, aber nicht der Eintretenden, fertig umzieht mit Hilfe des Dieners, der zu ihm kommt, nachdem er Daisy hereingeführt. Daisy bleibt mitten stehen, sieht sich um._ Sie haben mich verfehlt, verzeihen Sie; durch die unentschuldbare Haltung meines Dieners erfuhr ich zu spät ... Sie sind Daisy Miller?
DAISY: Ich kann nicht widersprechen. Doch ich wünschte, es nicht zu sein.
KEAN: Dann könnte Ihr Wunsch nur sein, Lady Mevil zu sein.
DAISY: Dem widerspricht meine Handlung.
KEAN: Die werden verfolgt?
DAISY: Als ich auf die Straße trat, war ich verstoßen, Waise, vermögenslos.
KEAN _herauskommend im Frack_: Ich sehe keine Verzweifelte. Nur Anmut.
DAISY: Ich nahm Ihren Namen mit.
KEAN: Den schlechtesten Kredit.
DAISY: Es wog mir den Mut auf, den Tod nicht diesem Gespräch vorzuziehen.
KEAN: Kommen Sie zu Ihren Wünschen.
DAISY: Da ich ein Leben ohne Glück geführt habe, bin ich auf seine Änderung bedacht. Ich war im Kloster bis vor Wochen erzogen. Ich löste, als ich die Enge meiner mir aufgeredeten Entschlüsse erkannte, die Verlobung mit Mevil. Ich verließ eine Stunde vor der Vermählung das Haus meines Vormunds. Ich komme zu Ihnen, weil ich Ihren Beruf ergreifen will.
KEAN: Ich habe keine Verantwortung für Ihr Leben.
DAISY: In Drury-Lane dachte ich: wenn ein Mensch sich in so vielen anderen verkörpern kann und ihre Leidenschaft und ihr Herz mit so strenger Wahrhaftigkeit von sich zu geben vermag, muß es ein zuverlässiger Mensch sein. Wären Sie groß und mächtig nur, hätten Sie mich nie gesehen.
KEAN: Was habe ich mit meinen Rollen zu tun? Sie kennen mich nicht.
DAISY: Wer mein Herz zu solchen Tränen gerührt hat, kann nichts anderes als mein Vertrauen verdienen.
KEAN: Ihr Vertrauen belastet mich. Ich lehne es ab. Was wollen Sie?
DAISY: Ich sah Sie spielen. Das änderte mein Leben ...
KEAN: Chüt ... chüt ...
DAISY: Das hat mich zu meinen Entschlüssen tapfer gemacht. Denn wenn ein Mensch vermag, sich in anderen so sehr zu erschöpfen und darin zu leben, ist das der einzige Weg aus der Enge in die Freiheit.
KEAN: Kein Weg für Sie.
DAISY: Ich fühle den Drang zu keinem andern. Im Traum, am Tag kamen die Stimmen, die Bewegungen der Frauen aus den Stücken, in denen ich Sie sah, und verbinden sich mit mir. Ich ahme sie nach und bin voll Freude. Helfen Sie mir, so werde ich die einzige Hilfe haben, deren ich bedarf.
KEAN: Ich verweigere sie.
DAISY: Dann werde ich den Tod leicht zu nehmen wissen in der Gewißheit, daß dies der bessere Ausweg für mich ist, den Sie beschlossen haben, um mich, zu Schwache und Unwichtige, anderem Schicksal zu entziehen.
KEAN: Ihre Drohung ist groß. Diese Belastung von mir ist schon Irrsinn. Sie verdienen die grausamste Antwort.
DAISY: Ich kann nichts anderes von Ihnen erwarten wie die Wahrheit.
KEAN: Setzen wir Ihr Talent voraus. Haben Sie das Leben bedacht?
DAISY: Ich kenne es nicht.
KEAN: Bleiben wir bei den sichtbaren Dingen. Fünf Monate Anfangsstudium ist das Minimum für ein Genie. Sie debütieren. Mit auffallendem Erfolg. Ich nehme die phantastisch-günstigsten Fälle. Man bietet Ihnen eine Jahressumme, die die Hälfte dessen deckt, was Sie für seidene Strümpfe brauchen.
DAISY: Das Vermögen, das ich seit meiner Flucht nicht mehr besitze, war durch meiner Vorfahren äußersten Fleiß erworben. Ich bin gewohnt, zu entsagen.
KEAN: Zu hungern. Schlechte Romantik. Gut. Aber ... die Kleider, die Ringe, die Pelze, die Reiher, den Samt?
DAISY: Ich werde sparen.
KEAN: Womit? Die Zeit ist grausamer als das Leben. Sechs Jahre braucht eine Venus, um unvergleichlich zu sein. Sie werden vorher Ihr einziges wichtiges und letztes Kapital angreifen und verzehren müssen.
DAISY: Ich habe keines.
KEAN: Sie haben eines. Daß Sie sehr schön sind, ist gut und ist schlecht. Sie werden Ihre Liebhaber haben.
DAISY _läßt ihren Schleier fallen_.
KEAN: Daß Sie unvergleichlich hohe Beine haben, wird Ihnen ebenso unvergleichlich schaden. Daß Ihr Haar reich und Ihr schmaler Busen köstlich ist, wird Signal zu dem Wettlauf der Vielzuvielen werden. Daß Sie in Notlage sind und vom Schicksal arm bestimmt durch Ihren tragischen Entschluß, wird Sie vor die bitterste Entscheidung zwingen, ob Sie sich, ob Sie Ihr Ziel erreichen wollen. Geben Sie sich selbst aber in das Furioso der Preise, die darauf geboten werden, um auf der anderen Seite Ihrer Sehnsucht Ihr Ziel zu erreichen, so haben Sie alles eingesetzt, um vielleicht nichts zu erreichen. Dann ist Ihr Herz verdorben, und Ihre Beine sind verbraucht von den Männern, und Ihre Brust hat keine Frische mehr, und Ihr Herz ist elend.
Beweisen Sie, daß Sie robust genug sind, die heulende Furie der Kunst auch durch das Dasein so entsetzlicher Perspektiven mit gleicher Kraft wie Ihre Sehnsucht danach zu tragen. Dann rede ich Ihnen erst zu.
Haben Sie im günstigsten Fall Männer, die Ihnen geben und nicht fordern, die Sie lieben und die Sie nicht kaufen, bricht die Kloake der Angriffe in anderen Höllenstürzen los. Affenhafte haarige kleine Schreiber, krähende Regisseure, geschwollene Intendanten werden Sie tadeln, schmähen, fordern, zurückstellen, verfolgen mit einer Systematik, von deren Gründlichkeit Sie sich keine Vorstellung geben. Und wenn Sie, von grellen Reflektoren bis in Ihr intimstes Boudoir jeweils beleuchtet, ausgeschrien und entkleidet, gejagte Hindin, atemlos von der Jagd, verzweifelt einem der Jäger sich geben, hat der andere Schwarm schon sein Halali begonnen. Sie entweichen nicht. Haben Sie das Leben bedacht? Gestehen Sie, daß Sie die Barriere unterschätzten, die es vor Ihre Absicht legt. Ihre Knochen sind sehr zart, aber Ihr Herz ist groß. Ihre Beine sind zu schön für solche Exkursionen.
Beweisen Sie mir, daß die Zartheit Ihres Lebens so stählern und hart ist, um unbeschmutzt und unzerschlagen aus dem herauszukommen, und ich rede Ihnen zu.
DAISY: Ich kann Sie nicht bitten, zu schweigen.
KEAN: Sonst hätten Sie das Recht, mich später zu verfluchen.
DAISY: Jeder Ausgang kann nur Dank für Ihre Güte sein.
KEAN: Sie werden die Arme nach der Gerechtigkeit ausstrecken, aber Sie werden ein Schwein umarmen.
DAISY: Was müssen Sie gelitten haben.
KEAN: Ich?
DAISY: Nichts von alledem kann an Ihnen vorübergehn.
KEAN: Ich bin ein Mann.
DAISY: Ich bedaure Sie. Daß eine gerechte Sache soviel kostet ist teuflisch.
KEAN: Was kümmert mich der Kleinkram? Habe ich nicht eine Leistung in der Hand wie wenige im Jahrhundert? Kümmern mich die Schreiber, Spione, Paraden des Schmutzes? Oh. Wissen Sie, daß ich ein gutgewachsener Mann bin und zu lachen weiß? Wer kann an mich heran? O, das ist alles nichts, wo die tragische Lüge unserer Berufung uns immer viel tiefer sekündlich verhöhnt.
DAISY: Wer solche Tränen geweckt, solche Leidenschaften gelöst und solche Liebe gerufen hat, kann nur glücklich sein.
KEAN: Ich zöge es auch vor, lieber als Publikum vor meinen Talenten zu grinsen, statt die teuflische Meute selbst im Bauch zu haben. Bin ich denn nicht auch alles das, was ich spiele, und reißt es mein Leben nicht in sechs Teile auseinander? Seltsame Späße reißen mein Dasein ein; sapristi, wenn Sie die Späße kennten, die durch einen Tag meines Verstandes durchrollen! Ich will auf dem Rücken liegen und Wolken ansehn immerzu, Gnädige, am Wasser über Bergzacken hin. So bin ich einer. Ich will ein Heer kommandieren, so bin ich in einer Stunde. Ich will einen Mord begehen zum Mittag, so bin ich einer. Ich will im grünen Wagen hinausfahren durch Feuer und Dörfer und Kinder hinter mir her haben, die meinen Namen schreien, so bin ich einer später. Das alles drängt und stößt durch meine Brust und wechselt einander ab wie die Schildwachen, straff und mit Gewalt, gespannt und auf Letztes bereit. Ahnen Sie, an welchen Abgründen ein Tag vorbeiführt? Vermögen Sie zu verstehen, welche Höllen neben welchen Seligkeiten liegen? Und doch im Grunde bin ich nichts, was bin ich? Werde ich Wolken ansehn, werde ich Soldaten haben, welche Späße, Gnädigste, werde ich niemals mit dem grünen Wagen fahren? Ich werde keine von den Späßen leben, die mir ins Hirn gerollt sind. Es bleibt nur der fahle Schatten, der abends von Applaus umbellt ist, wenn er die Lüge dieser oder jener Existenz heruntergespielt hat. Es bleibt die Übelkeit, in Wahrheit nichts gelebt zu haben und sich und anderen für Stunden ein Betrug gewesen zu sein. Bleibt eine Tat, eine Handlung, etwas mehr als drei Tage Geschrei, wenn ich diese Sümpfe mit den seligen vertausche? Und wen soll ich gerührt, wen erschüttert, wen, mein Gott, für sein Leben gezeichnet sehen, wenn nach dem Abklatschen des Vorhangs und dem Erlöschen der Lichter ich alle Menschen die Gesichter wechseln und mit gewohnten Fratzen in den Karneval ihrer Erbärmlichkeit zurückkehren sehe?
DAISY: Wer mit solcher Kraft in einer Hölle steht, muß ein gerechter Mensch sein. Warum haben Sie die Hölle sonst nicht verlassen?
KEAN: Weil ich sie liebe.
DAISY: Trotzdem sie zerreißt?
KEAN: Fragt eine Leidenschaft nach Gefahr?
DAISY: Sie leiden. Aber Sie wissen nicht, warum.
KEAN: Drehen Sie die Lanze herum? Reden Sie mir plötzlich zu? Was soll dieser Ton?
DAISY: Ich habe eine seltsame Erkenntnis gemacht.
KEAN: Ihr Entschluß?
DAISY: Richtet sich nach Ihrer Äußerung.
KEAN: Kehren Sie zurück.
DAISY: Ich werde dort bedenken, was Sie gesagt haben.
KEAN: Denken Sie nicht nur. Entschließen Sie sich.
DAISY: Vielleicht werden Sie meinen Entschluß so nötig haben wie ich den Ihren.
KEAN: Was planen Sie?
DAISY: Nichts, als daß ich von jetzt ab weiß, daß ich eine neue Mission habe.
KEAN: Gehen Sie zurück, und beweisen Sie mir, daß Sie, ohne das Wichtigste zu verlieren, das Leben nicht zu ertragen, sondern zu beherrschen verstehen. Zeigen Sie mir an einer Bagatelle, an einem Spaß, an einem Nichts, daß Sie die Kräfte und die Elastizität einer stählernen Seele haben. Und ich rate Ihnen zu.
DAISY: Ich wohne Richmond Street Vierundachtzig. Bei einer Amme.
KEAN: Ich werde Mittel finden, Ihnen Unterkommen zu sichern.
DAISY: Ich danke Ihnen, denn ich weiß, daß ich selbst Ihre Grausamkeit ertragen könnte. Weil ich Sie gesehen und besser verstanden habe als Sie sich.
SZENE VIER
DIENER _blitzschnell den Kopf hereinsteckend_: Prinz von Wales. _Kean reißt Daisy an eine Fensterportiere und wirft die darüber, bleibt selbst beschattet. Knapp hinter dem Ruf des Dieners kommt der Prinz._
PRINZ VON WALES _zum Diener_: Ich bin durchnäßt. Vom Gaul und Regen. Mein Pferd wartet. Leihen Sie mir einen Mantel.
DIENER: Hier.
PRINZ VON WALES: Equipieren Sie mich möglichst. Handschuhe.
DIENER: Hier.
PRINZ VON WALES: Einen Shawl.
DIENER: Hier.
PRINZ VON WALES: Einen Melonhut.
DIENER: Hier.
PRINZ VON WALES _zu Kean_: Sie sind da? Um diese Zeit? Erstaunlich.
KEAN: Treten Sie nicht an das Fenster.
PRINZ VON WALES _mit der Gerte_: Zwei Füße!
KEAN: Es wäre ein Unglück.
PRINZ VON WALES _mit der Gerte_: Da?
KEAN: Für mich. Weil ich Monseigneur hindern müßte.
PRINZ VON WALES: Ihre Sorge um mich hat Pech, weil sie immer eine Sorge um Sie töten will. Sie täten sich keinen Gefallen, denn Sie machten einen Mund stumm eines Grundes halber, wegen dem er vom Pferd stieg, um ihn zu stärken. Sie haben das Unglück, das Übele nicht zu sehen, wenn Sie auf Anständiges aus sind. Sie sind ein guter Mensch, Kean.
KEAN _mit abwehrender Bewegung_: Ein Vorwurf.
PRINZ VON WALES: Eine Anerkennung, wo das Meskine so leicht ist. Wägen Sie das aneinander ab, wissen Sie, warum ich kam, obwohl ich nicht naß bin, und da es mit meinem Pferd zusammenhängt.