Katastrophen: Neue Novellen

Part 8

Chapter 81,571 wordsPublic domain

Die Nacht umgab sie wie ein Traum. Gleich finsteren Mächten blickten sie auf die kristallhelle Welt. Auf den Feldern lag weißes Licht wie Nebel. So herrlich war's, daß sie verstummten und nicht einmal sagen konnten: »Es ist herrlich!«

Etwa zwei Stunden ging's bergauf, bald durch kahle Schläge, bald durch Wald. Die Bäume trugen silberne Gewänder, rauschten und sangen feine Mondscheinlieder. Von Ferne hörte man einzelne Hirsche orgeln. Es war eine weihevolle Brunftnacht. Aus bläulichen Schatten brachen Mondstrahlen gleich Hochzeitsfackeln hervor, oder ein Strauch stand lichtübergossen wie ein brennender Busch.

»Hörst du da drüben unter der Mauer?« fragte der Jagdherr flüsternd seinen Gast. »Das ist ein alter Herr. Da auch einer.«

Der Wald belebte sich. Man glaubte in einem Urwald zu sein, hoch, hoch über der Erde, weit, weit von der Welt. Das Fremdartige war anheimelnd, das Unbestimmte beruhigend. Unten war das Leben geblieben; in voller Freiheit, sehnsuchtsvoll harrte man des kommenden Momentes.

Rudolf atmete tief. Sein Fuß versank in Goldgras wie in weiche Schleierfäden. Tief aus der Mulde erhob sich eine Fichte in Bergeshöhe. Dann wieder wogte ein Meer von Baumkronen zu seinen Füßen. Mitunter hörte er ein Bächlein rieseln. Überall rann und rauschte es.

»Meiner Seel', ich bin so aufgeregt,« flüsterte er. »Die Geschichte wird spannend.« Der weiche Alpenboden, die dünne, würzige Luft, die gespensterhaften Wetterlärchen, vom Sturm zerzaust und zerrissen, und der immer lauter werdende Brunftruf des Hirsches ergriffen ihn.

»Das ist ein Kampfruf!« rief er. Es packte ihn wie Fieber. So muß es dem Soldaten beim ersten Schlachtruf sein.

»Sind wir schon da, Pachmayer?« hieß es. »Wir müssen ja schon da sein.«

»Verschnaufen wir uns,« meinte dieser, »indessen wird besseres Schußlicht. Da unten rechts melden sich zwei. Der eine muß ein starker sein. Hat der einen Baß!«

»Also _den_, Pachmayer,« befahl der Jagdherr, »den werden Sie mit Jörg vom Hundschupfen aus riegeln. Am besten, ich setze dich am Mangankogel an,« wandte er sich an den Pirschgenossen, »und ich stelle mich zweihundert Schritte tiefer an den Wechsel.« Die nötigen Direktionen waren somit gegeben; er wartete nur noch mit seiner Flasche auf: »Da hast du Cognac! Mach' einen tüchtigen Schluck! Es wird kalt, sobald der Morgen anbricht. Wettermantel hast du? Jörg, die Wettermäntel her!«

»Herrgott, wenn er mir nur kommt!« flüsterte Rudolf angstvoll. »Und wenn ich nur nicht zu sehr aufgeregt sein werde!«

»Beherrsche dich! Nur Ruhe! Ruhe! Wenn er dir kommt, kommt er dir vertraut. Laß dir Zeit! Der Wind ist gut. Waidmannsheil!«

»Waidmannsheil!«

Der Offizier stand auf seinem Posten. Dämmerungsschatten legten sich auf den Wald. Tiefe Stille herrschte. Dort bewegte sich ein Zweig, hier fiel ein Blatt. Noch war nicht volles Schußlicht. Horch, ein Laut! Nein, es war Täuschung. Ihm schlug das Herz im Leibe. Wird er mir kommen? Werde ich nicht zu sehr aufgeregt sein? ängstigte er sich, als hinge von dieser Frage Tod und Leben ab. Er zitterte und bebte, hätte sein Leben hingegeben für einen schönen Schuß. Noch nie hatte er so mit Leib und Seele gelebt.

Da vernahm er ein Geräusch, wie wenn dürre Äste brechen. Nun kam etwas, diesmal gewiß; bei Gott, die Loser eines Tieres wurden sichtbar! Mit leisem Tritt, vorsichtig nach allen Richtungen sichernd, trat es in die freieren Stauden. Noch ein Stück, ein zweites Tier, sie fingen Wind, ob es auch geheuer, und im Hintergrund -- o heiliger Hubertus! -- der Hirsch, das Haupt hoch in fortwährender Bewegung.

Nur jetzt Ruhe! dachte der Schütze. Seine Pulse flogen, die Kniee schlotterten ihm, mit zitternder Hand drückte er die Büchse an die Wange. Die Gesellschaft trat näher. Alles stand auf dem Spiel. Ruhe, Ruhe, ums Himmels willen! Zwischen den Stauden erblickte er die große rote Flanke des Hirsches. Gleich einer Scheibe stand er vor ihm -- da drückte er los.

Bum! In wilder Flucht, krachend durch die Büsche thalwärts war das Wild verschwunden. Es war eine gewaltige Flucht. Welch ein gutes Schußzeichen!

Dennoch begann nun erst die Qual: War ich auch ruhig genug? Er zitterte noch an allen Gliedern. Reue und Ungeduld verzehrten ihn. Eine Art Verzweiflung erfaßte ihn und ein jäher, glühender Ehrgeiz. Wenn er nur diesen Hirsch, diesen seinen ersten gut hinaufgeschossen hätte!

»Hup! hup! Darf man gratulieren, Herr Oberlieutenant?« fragte, herbeieilend, der Förster. »Starker Hirsch! Zwölfender! Kapital! War gut drauf, ein wenig aufgeregt, doch gut gezeichnet.« Ihn schüttelte es noch am ganzen Körper. »Hier ist der Anschuß. Ausreißer damisch gut. Der hat 'was kriegt! Doch keine Nadel, kein Schweiß -- macht nichts!«

Auch der Jäger war zur Stelle, den Schweißhund auf die Fährte zu legen. Lux fiel sie gut an, stand förmlich auf den Hinterpfoten. Wie er sich in die Riemen legte!

»Geht sehr gut, ausgezeichnet, Herr Oberlieutenant!« versicherte Pachmayer, doch vollends sieghaft ertönte sein Ruf: »Schweiß! Lichter! Lungenschuß! Gratuliere!«

»Wirklich, wir kriegen den Hirsch?« jauchzte der Glückspilz und Held. »Das macht mich kolossal glücklich!« Toll vor Glück und Seligkeit flog er dem herbeieilenden Bruder an den Hals. Er war ganz Dankbarkeit, ganz Rührung, wie über ein großes, unverdientes Glück, das ausreichte fürs ganze Leben. Siegesbewußtsein durchströmte seine Brust. Erst in seiner Freude sah man, was für ein ganzer Mann er war. Hurra! Er war wie verrückt. Es war der größte Moment seines Lebens, als Pachmayer aus der Entfernung von etwa hundert Schritten ein Triumphgeschrei erhob: »Juch huh! Juch huh! Der Hirsch liegt! Kernschuß mitten aufs Blatt!«

Die Brüder eilten zur Stelle. Da lag der König der Wälder, alle Vier von sich gestreckt. Die Krone schmückte sein Haupt, so lag er sterbend zu Füßen des Schützen.

Dem war, als sollte er das Haupt entblößen. Jubelnden Herzens hielt er im stillen eine Leichenrede. Da liegst du, Gott sei Lob und Dank! Herrlicher Riese, ich brauch' mich nicht zu schämen vor dir, ich machte dir den Garaus. Es kostete mich meine ganze Selbstbeherrschung. Wie mußte ich mich zusammennehmen! Herrgott, was war das für ein Moment! Er stählte meine Sehnen und gab meinen Knochen Mark. Nun fühle ich Selbstvertrauen genug für hundert Jahre. Stirb ruhig, du hast meine ganze Schneid entfacht!

Er war wie herausgerissen aus sich selber. Mut, Kraft und Ehrgeiz waren in ihm zum Leben erwacht und wollten sich ihres Daseins freuen. Plötzlich war er gereift. Er hatte sich entdeckt. Wie brannte er, um es mit dem Leben aufzunehmen!

»Mein Waidmannsheil soll mir auch Glück in der Liebe bringen!« sagte er zum Bruder, als er schied. Und vier Wochen später meldete ein Telegramm:

»Habe mich mit Ida Steinhausen verlobt.

Dein glücklicher Rudolf.«

Von _Juliane Déry_ sind ferner erschienen im Verlag von #Adolf Bonz & Comp.# in #Stuttgart#:

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#Aus der großen Ebene.# Neue Kulturbilder aus Halb-Asien. 2 Bände. Gr. 8°. Geh. M. 10.--, eleg. geb. M. 12.60.

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#Die Schatten.# Erzählung. 2. Aufl. Gr. 8°. Geh. M. 6.--, eleg. geb. M. 7.20.

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[ Hinweise zur Transkription

Eine Seite mit Verlagswerbung am Buchanfang wurde zu der übrigen Verlagswerbung am Buchende gestellt. Der Schmutztitel wurde entfernt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Darstellung abweichender Schriftarten (römische Zahlen wurden nicht markiert): _gesperrt_, ~kursiv~, =Antiqua=, #fett#.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Seite 30: "," eingefügt (»Warum nicht gar!« leugnete Karl, »ich habe Gott)

Seite 32: "," eingefügt (Überzeugt, mit diesem Vergnügungszug schnurstracks)

Seite 35: "sie" geändert in "Sie" (Weil Sie Gott nicht fassen.)

Seite 70: "«" eingefügt (»Freilich!« rief Muck.)

Seite 90: "entflammmter" geändert in "entflammter" (in edlem Weltschmerz entflammter Wilder)

Seite 98: "sie" geändert in "Sie" (Denn stellen Sie sich vor, mein Kind käme zur Welt)

Seite 105: "fürchen" geändert in "fürchten" (»So brauchen Sie ja das Gericht nicht zu fürchten!«)

Seite 119: "Stipen-pendien" geändert in "Stipendien" (das Adler um Stipendien sollte betrogen haben)

Seite 130: "»=Revue rose=«" geändert in "›=Revue rose=‹" (Tod und Leben der ›=Revue rose=‹!«)

Seite 142: "«" eingefügt (weckt mich keine Kanone auf um zwei.«)

Seite 145: "," eingefügt (»Nun, mehr kann kein vernünftiger Mensch verlangen!«)

Seite 151: "»" eingefügt (»Juch huh! Juch huh! Der Hirsch liegt!) ]