Katastrophen: Neue Novellen

Part 7

Chapter 73,657 wordsPublic domain

Um neun Uhr wurde das Gericht wieder aufgenommen. Nun herrschte eine matte Stimmung. Einer verließ sich auf den andern und alles auf die Verurteilung. Auch Adler war es satt, seine Unschuld zu beteuern. Der Ausgang seines Prozesses, daran er nicht hatte denken können, ohne zu fürchten, den Verstand zu verlieren, dünkte ihm plötzlich eine Lappalie.

Mit der Abspannung kehrte auch Kälte ein. Der Irkutsker ging ungeduldig auf und ab. Auch andere verließen ihre Plätze und hauchten sich auf die erstarrten Finger. Mitternacht rückte heran. Die Richter zogen sich in das Wohnzimmer des Cafetiers zur Beratung zurück. Adler ging hinaus auf die Straße. Man war schon halb eingenickt, als jene wieder erschienen, das Urteil zu verkünden. Es fand ein gleichgültiges Auditorium.

»Haben wir positive Beweise für die Schuld des Angeklagten?« begann Pokuroff. »Nein, nein und nein! Dennoch müssen wir Herrn Adler tadeln,« und diese Worte waren ein Beweis für die mutige, gewandte Selbstverteidigung Adlers, da ihn ja der Redner von früher her nicht kannte, »daß ein so hochbegabter junger Mann, wie er, die Unvorsichtigkeit beging, mit einem Sedlin Umgang zu pflegen, dessen Name nicht nur im revolutionären Lager, sondern auch bei der Gegenpartei verpönt und verachtet ist.«

Laurent lief zu Adler hinaus, der frierend an der Straßenecke stand und die Kunde seiner Freisprechung mit gekränktem Lächeln hinnahm. Kaum konnte er sich aufrecht halten. Laurent und den gleichfalls herbeigeeilten Klein unter den Arm nehmend, führte er sie in ein nahes Caféhaus. Er war bei Geld und bewirtete sie mit Grog. So saßen sie beim heißen Trunk guter Dinge beisammen. Zärtlich blickte Adler bald den einen, bald den andern an oder starrte träumerisch ins Blaue. In seiner Freude sah man erst, wie vergrämt der Arme war. Entzückt über sein Abenteuer, das gottlob einen Abschluß gefunden, machte Laurent Klein Komplimente, sich in der Affaire tadellos benommen zu haben, als mitten in die herrliche Stimmung Adler wie ein Donner hineinfuhr:

»Aber jetzt muß Federscher das Duell annehmen! Das bleibt ihm nicht geschenkt! =Je vais le battre comme une canaille!= Sie sind mein Zeuge, Herr Laurent!«

IV.

»Ich will nichts mit Duellen zu schaffen haben!« wehrte sich Laurent. Er hatte ein Buch geschrieben gegen den Zweikampf, ein gutes Buch sogar, einen wahren Herzensschrei, mit frechem Mut die Feigheit begangen, einem Beleidigten Genugthuung zu versagen, in seiner öffentlichen Rechtfertigung die Frage aufwerfend: »Was ist tapferer, sich mit geladenem Revolver zu verteidigen oder mit ungeladenem?« und Caillé, dem gefürchteten Publizisten, den Freundschaftsdienst, sein Zeuge zu sein, rundweg abgeschlagen. Dieser Duellhaß war sozusagen die einzige Empfindung seines Lebens. »Was wollen Sie denn noch?« fuhr er Adler an. Wie verwünschte er ihn mitsamt seiner ganzen Sippe! »Sind Sie nicht ein frischgewaschener Ehrenmann? Haben Sie es nicht aus Pokuroffs Munde? Und verbietet dem Russen sein junges Evangelium nicht aufs strengste den Zweikampf?«

Nie und nimmer! dachte er und rief schließlich, um die Sache ein für allemal abzuthun: »Daß ich Ihr Zeuge bin mit dem größten Vergnügen, versteht sich von selbst. Aber nicht hier! Die Polizei, drei Monate Gefängnis -- ich danke! Es muß also in Belgien sein! Warum sollte es nicht in Belgien sein? Zwar die Reise für Sie selbst, Ihre beiden Zeugen und den Arzt, dann die Anschaffung der Pistolen -- eine verteufelt kostspielige Sache solch ein Duell! Wenn ich wenigstens in der Lage wäre, Ihnen auszuhelfen -- verfluchtes Geld!«

Ein neuer Tanz begann. In Lumpen gehüllt, keinen Sou in der Tasche, dachte Adler Tag und Nacht an das Duell. Er aß nicht, er schlief nicht, er wusch sich nicht, es war ihm zur fixen Idee geworden, er war tausendmal unglücklicher wie vor seiner Freisprechung. Die Rachsucht verlieh seinen Zügen einen edlen, leidenden Ausdruck. Wiederum lief er Laurent das Haus ein, lehrte ihn Thee auf russische Manier zubereiten, nützte seinen Parfümvorrat oder saß da, den Kopf auf beide Hände gestützt, und knirschte in seinem improvisierten Französisch mit einem Gesichtsausdruck, daß es einen Stein erbarmt hätte: »=Je veux le battre comme une canaille!=«

Laurent wußte nicht, wo ihm der Kopf stand. Die »=Revue rose=« machte Miene einzugehen.

Nachts heimkehrend hörte er einmal die Hausbesorgerin aus ihrer Loge rufen:

»Der Herr Russe war wieder da,« sagte sie höhnisch -- Hunde und Hausmeister können schlechtgekleidete Leute nun einmal nicht leiden -- »Sechsmal hat er nach Ihnen gefragt.«

»Sagen Sie ihm morgen, ich sei verreist,« beauftragte sie Laurent. »Und wenn ein Herr Ponthier nach mir fragt: ich sei daheim und harre seiner.«

Er steckte in einer fürchterlichen Haut. Die »=Revue rose=« war eingegangen. Herr Ponthier allein, der reiche Spekulant, konnte sie von den Toten erwecken. Von Laurents Unterredung mit ihm, die morgen stattfinden sollte, hing alles ab. Bis übermorgen konnte der vorsichtige Philister sich die Sache überlegen. Wie sagte er? »Wenn ich mich zu dem Unternehmen entschließe, was noch lange keine abgemachte Sache ist --« ach nein, leider Gottes! -- »so geschieht es nur aus speziellem Vertrauen zu Ihnen. Denn daß Sie z. B. von Thorheiten, wie Duellen, ein entschiedener Gegner sind --« Diese gute Meinung sollte Laurent zugute kommen.

Gegen Morgen schlief er endlich ein, als ihn ein lautes Pochen an der Thür erweckte. Adler stürzte mit dem Freudenruf ins Zimmer:

»Auf nach Erquelin! Um 7 Uhr fährt der Zug! Heute wird duelliert!«

Erscheint mir der Mensch sogar im Traum. Will mir's verbitten! dachte Laurent und drehte sich auf die andere Seite. Zerschlagen und übernächtig, wie er war, und ein Langschläfer, der er sein lebenlang gewesen, wollte er schlafen.

»Auf! auf!« drängte jener. »Es ist höchste Zeit! Klein wartet unten.« -- »Gleich!« rief er ihm hinunter, indem er das Fenster aufriß, daß ein eisiger Luftstrom durchs Zimmer strich. »Hol' einen Wagen! Gleich macht sich Herr Laurent fertig!«

Laurent erwachte. Welch ein Erwachen! Es war der schrecklichste Moment seines Lebens. Doch eine letzte Hoffnung zuckte in ihm auf.

»Unsinn!« rief er. »Sie haben ja kein Geld!«

»Warum nicht gar!« rief Adler. Er und kein Geld! Der Irkutsker hatte ihm Kredit eröffnet. Und im Ton eines Gentlemans von Metier rief er ungeduldig, als wäre er dabei aufgewachsen:

»Sind Sie mein Zeuge, ja oder nein?«

»Schlafen will ich!«

»Sind wir Männer, ja oder nein?«

»Es ist zu kalt! Es ist zu früh!«

»Entweder thun Sie Ihre Pflicht als Zeuge oder -- bei Gott, wenn ich Sie fordere, müssen Sie mir vor die Klinge!«

Immer besser!

»Ich will Ihr Zeuge sein!« stöhnte der Unglückliche. »Ihr Gegner, alles, was Sie wollen, aber aufstehen -- nie und nimmer!«

Da riß Adler die Decke von ihm. Der Wütende hatte gut schreien: »Mörder! Elender!« Jener half ihm in die Beinkleider.

»Daß Sie sich nur nicht erkälten!« rief er besorgt. »Schlüpfen Sie schnell in die Pantoffel -- so! Diese Hundekälte! Bei Gott, das Wasser im Waschbecken ist eingefroren! So verflucht kalt war's nicht seit Menschengedenken!« Und er begoß ihn mit eiskaltem Wasser, rieb ihm das Gesicht mit dem Handtuch wund und zwang ihn in Weste und Rock.

»Herrgott! -- und Ponthier! Meine Unterredung mit Ponthier!« rief Laurent verzweiflungsvoll.

»Sie schreiben ihm einfach ab!«

»Meine Existenz steht auf dem Spiele! Tod und Leben der ›=Revue rose=‹!«

Aber schon hing ihm Adler den Winterrock um, drückte ihm den Hut auf den Kopf und zog ihn gegen die Thür.

»Wenn Sie glauben,« rief Laurent, »daß ich in Pantoffeln bis nach Belgien reise, irren Sie sich gewaltig!«

Richtig, die Stiefel! sie mußten vor der Thüre stehen. Doch statt der Stiefel stand Klein vor der Thür mit einer grünkarrierten Reisedecke und drängte zum Aufbruch.

»Wo sind schnell ein paar andere Stiefel?« rief Adler. »Sie müssen ja ein zweites Paar haben!«

»Aber ich hab' kein zweites Paar!« rief Laurent froh und ohne zu übertreiben. Was thun? Flugs holte Adler ein paar funkelnagelneue Lackschuhe aus dem Schrank. Laurent weinte vor Wut. Seine reizenden Soiréeschuhe, die ein Heidengeld kosteten und ihn so furchtbar drückten! Es half nichts, sie zogen sie ihm an und schleppten ihn die Treppe hinunter. Unten stand der Wagen und vor ihrer Loge die Concierge in unbeschreiblichem Morgenkleid, ein Bild des Ingrimms.

»Madame,« hauchte Laurent. »Sagen Sie Herrn Ponthier --«

»Nichts da! Sie telegraphieren ihm aus Erquelin!« rief Adler, hob ihn in den Wagen und hielt ihn auf der ganzen Fahrt nach dem Nordbahnhof am Rockschoß, damit er nicht Reißaus nähme. Laurent, der bemerkte, kein Flanellleibchen anzuhaben, ballte die Fäuste. Ein letztesmal fragte er, der Mensch hofft ja im Tode noch:

»Haben Sie auch wirklich Geld?«

»Und ob!« jauchzte Adler, als hätte ihm der Irkutsker alles Gold Sibiriens geliehen.

Vor dem Bahnhof standen schon Federscher, Zedekoff und Goltschmann mit roten Nasen, sie mit Rufen und Gesten zur Eile antreibend.

»Schnell! schnell! Erstes Läuten!«

Adler rannte an den Schalter, die Billette zu lösen, kam aber ohne dieselben zurück, wankend, schreckensbleich.

»Das Geld -- reicht -- nicht,« stammelte er. Zugleich erscholl die Glocke -- zweites Läuten!

Laurent und Zedekoff mußten in der Zugluft stehen, während die vier Familienrat hielten. Wer hätte sie für Gegner und Zeugen gehalten? Sie schienen ganz brüderliche Sorge für einander. Doch unwillkürlich veränderte sich ihre Miene, als sie an jene herantraten, um ihnen für ihre Freundlichkeit zu danken. Sie wollten mit je einem Zeugen vorlieb nehmen. Damit sprengten sie an den Schalter und mit emporgehaltenen Billetten zur Perronthür hinaus, Adler voran, Klein mit seiner grünkarrierten Reisedecke als Hinterster. Soeben ertönte das dritte Läuten. Laurent sah sie abdampfen. --

Tags darauf kam Adler zu ihm gerannt, um ihm brühheiß zu erzählen, wie sie einen Tag und eine Nacht im Eisenbahnwagen gerüttelt worden, wie sie unter dem Gejohle der Bauern, die ihnen mit Heugabeln gefolgt waren, unter kniehohen Schnee nach dem Kampfplatz waten mußten, und wie die Schüsse glücklich fehlgegangen, und die Gegner einander versöhnt in die Arme gesunken waren, halbtot vor Hunger und Strapazen. Er lachte, war wieder der Alte -- ein neues Leben konnte beginnen.

Der erste Hirsch.

Lieber Rudolf! Gratuliere zum Avancement! Also hat die Vermehrung der Armee die Sache doch beschleunigt? Freut mich herzlich! Wir wollen eins drauf trinken. Drum schau, daß du herkommst und deinen Urlaub diesmal im Oktober nimmst. Aussichten auf das Geröhr sehr günstig. Garantiere, dich zum Schuß zu bringen. Sollst auch endlich erfahren, was Waidmannsfreuden sind. Opfere also Gasbeleuchtung, Tanzmusik und schöne Weiber und komm zu mir in die Berge!

Mit treuem Gruß

Dein Bruder.«

Die Antwort war eine Zusage gewesen. Soeben brauste der Zug, mit dem R. eintreffen sollte, auf der kleinen Bahnstation heran. »Da bin ich!« rief es, und ein etwas hagerer Oberlieutenant mit tadellosem Schnurrbart und eleganter Taille stürzte aus dem Coupé in die Arme des älteren Bruders.

Dieser war ein wetterfester Landwirt. Kleine Ohren, dicker Hals, geschorener Kopf, mächtiger Bart -- eine joviale Erscheinung.

»Grüß dich Gott! Das ist schön, daß du kommst! Das will ich dir hoch anrechnen. Ich weiß, du bringst ein Opfer!«

»Unsinn!« schnarrte der Offizier. »Manöver waren anstrengend heuer, bin froh, bei dir auszulenzen.«

»Es soll dich nicht gereuen!« rief jener verheißungsvoll.

Der Kutscher besorgte das Gepäck. Nackte Kniee, Gemsbart am Hut waren seine Livree. Man bestieg das Steirerwägelchen.

»Vorwärts, Loisl!« befahl sein Herr. »Wir fahren in unseren Graben.« Thaleinwärts lag sein kleines Gut, das er vor Jahr und Tag gekauft, sein Bruder aber nun erst betreten sollte. Es war ein Prachttag, der da zur Neige ging. Ein glühender Himmel lag über dem herbstlichen Thal. Bunte Bäume, wehendes Laub und hoch droben der Wald -- dem Auge bot sich eine schöne Landschaft in ihrem schönsten Moment.

Doch Rudolf schien das Gespann mehr zu interessieren.

»Diese kleinen, gedrungenen Gebirgspferde! Das sind Haflinger, nicht wahr?«

»Freilich! Die Kerle klettern wie Gemsen, laufen wie Hunde und sind genügsam wie Esel.«

Bei jeder Biegung wechselte das Bild, eines folgte dem anderen, eines schöner wie das andere.

»Schau den lichten Riesen dort,« sagte der Gutsherr, »das ist der Hochschwab.«

»So, so!« Das war der ganze Enthusiasmus des jungen Offiziers, doch um so lebhafter erkundigte er sich: »Hast du Nachbarschaft? Junge Damen? Verkehrst du viel? Oder hausest du nur mit deinen Hirschen?«

»Wir haben reizende Almerinnen,« lautete die Auskunft, »in der Regel zwischen vierzig und sechzig und appetitlich wie das Alpenvieh.«

Rudolf dankte schönstens.

»Mit Eroberungen schaut es also schlecht aus,« meinte er.

»Ach was!« tröstete der Bruder. »Schau dich lieber um!«

Doch Berge, Fabriken, Köhlereien, Bach und Mühlen existierten nun einmal nicht für den Offizier.

»Wenig guter Wald,« bemerkte er.

»Leider Gottes!« seufzte der Gutsherr. »Aber die Bauern wirtschaften nicht anders, bis der letzte Baum weg ist. Bei mir schaut es schon besser aus. Ich lass' den Wald schön anwachsen und habe meine Freude dran, und das Wild hat seinen Einstand.«

»Apropos,« unterbrach ihn Rudolf, »hast du einen guten Tropfen im Keller?«

»Außer Sorge! Du trinkst mich nicht trocken. Schau die Sägemühle!«

Wie sie sich im Abendrot schön ausnahm! Auf dünnen Pfosten stand das Dach, Baumstämme und Bretter lagen durcheinander, und zwischen ihnen hob und senkte sich die eintönig rastlose Säge. Eine Hühnerschar schwadronierte zwischen den Bretterhaufen.

»Ja, selbst ein unwohnlich Holzgerüst kann entzücken, wenn es eine Sägemühle ist inmitten dunkler Berge!« meinte der Gutsherr.

Nun kam das Dorf, die Dorfkirche mit dem Wetterhahn, das Pfarrhaus, die Schule. »Vierklassig,« bemerkte er. Hunde bellten, Kinder liefen auseinander, das Hühnervolk machte sich aus dem Staub. Der Gast wurde ungeduldig.

»Sind wir bald am Ziel?«

»Sobald wir um die Ecke biegen. So, da siehst du schon meine Keusche.«

Wilder Wein deckte die Mauer, die Fenster blinkten. Es gab auch eine Seitenfaçade. Das Gitterthor stand weit auf.

»Aber das ist ja ein wahres Schloß!«

»Nein!« rief der Gutsherr, »nur eine Jagdhütte!«

Seine Hunde kamen auf ihn zugesprungen; er präsentierte sie:

»Dieser Dackel -- kusch dich, Bergmann! -- ist ein famoser Brakirer und hier der Lux --«

»Schweißhund, was?«

»Ja, ausgezeichneter Kerl. Verbellt tot -- ein ganzer Professor. Guten Abend, Pachmayer, da bring' ich unseren Jagdgast!«

Pachmayer war Förster und Verwalter zugleich, ein treuer Diener, wohlgenährt, mit rotem Gesicht, rötlichem Bart, ein braver Kerl Rot in Rot. Er sah ganz dumm aus vor Freude.

»Also, wie steht's, Herr Verwalter? Gute Aussichten?« fragte Rudolf.

»Alles in schönster Ordnung, Herr Oberlieutenant!« lautete der Rapport. »Die Hirsche röhren, daß es hallt, sind in der größten Hitze. Wetter prachtvoll. Vollmond. Barometer steht ausgezeichnet.«

»Famos! famos! Aber komm' ich auch zum Schuß?«

»Mehr als einmal. Wir haben sechs sichere.«

Doch der Hausherr drängte zur Einkehr.

»Halten wir uns nicht auf. Komm jetzt, komm! Das alles wird bei Tisch erledigt. Sie, Pachmayer, sind unser Gast!«

In der Wohnstube bot er dem Bruder ein Gläschen Cognac als Willkommtrunk.

»Prost!« Nun aber wünschte dieser in sein Quartier geführt zu werden.

»Aha, du willst dich schön machen!« lachte der Landwirt. In der That, geschniegelt und gebügelt erschien Rudolf wieder, mit =Eau de Cologne= besprengt und in behaglichster Stimmung.

»Wie geschmackvoll du eingerichtet bist!« staunte er. »Was ist denn das für ein Holz mit den schwarzen Asteln?«

»Zirbel, mein Lieber,« explicierte der Hausherr, nicht minder vergnügt. Es sah aber auch traulich aus in seinen vier Wänden: Die Büchsen im Glasschrank, der mächtige Tisch, der Kachelofen und der mit Fuchsfellen bedeckte, großmächtige Divan.

»Kolossal schneidig!« versicherte der Gast. »Wenn Küche ebenso gut, dann freut es mich, denn ich habe einen Höllenhunger! -- Wie, schon geheizt?«

Das war ihm recht. Er warf sich auf die Ofenbank und besah sich die Jagdtrophäen.

»Ach, der schöne Auerhahn! Prachtexemplar! Selbst geschossen?«

»Natürlich, wie alles, was du siehst.«

»Wunderbare Exemplare! Und alles auf deinem Revier erlegt? Alle Achtung! Nun aber zu Tisch!«

»Gleich, gleich,« hieß es vom Büchsenschrank her. »Willst du dir nicht eine Kugelbüchse aussuchen?«

»Nachher, nachher.«

»Frau Pachmayer, ist das Essen schon fertig?« fragte laut rufend der Hausherr, doch dann wieder zu dem Gast gewendet: »Doppelbüchse oder einfachen Stutzen?«

Es klopfte.

»Herein, Pachmayer!« Die Gesellschaft war vollzählig, man setzte sich zu Tisch. Rudolf hatte schon auf einem der Korbsessel Platz genommen.

»Das ist ja der reine heizbare Badestuhl,« lachte er.

»Aber komod, mein Lieber,« versicherte der Hausherr. »Wir brauchen das. Nach unseren Strapazen --«

»Sei so gut!« wehrte sich Rudolf. »Mute nur meinen Gliedern nicht zu viel zu. Ich bin noch nicht trainiert.«

Frau Pachmayer brachte das Essen.

»Wie, Forellen!« freute er sich. »Ausgezeichnet! Glaubte immer, du lebst wie ein Spartaner.« Auch der Wein mundete ihm. »Dieser Südsteirer schmeckt wie Mosel,« versicherte er.

Die Kartoffeln konnten nicht besser sein. Das Perlhuhn war delikat. Pachmayer aß bescheiden, doch mit großer Geschicklichkeit. Die Hunde nahmen teil am Mahl. Es war ein gemütliches kleines Souper. Im Ofen prasselte das Feuer, ein Nachtfalter umschwirrte die Lampe, und draußen lag träumend die blaue Nacht.

»Richtig, Rudolf,« begann der Hausherr, »du hast angenehme Reise gehabt?«

»Ausgezeichnete! Erst allein gewesen und tüchtig geschlafen, dann Gesellschaft gehabt: alte Dame mit junger Begleiterin. Sehr gut amüsiert.«

»So bist du also gar nicht müde? Das ist schön!«

Pachmayer schien etwas auf dem Herzen zu haben.

»Es ist eine starke Zumutung,« meinte er, »aber wenn der Herr Oberlieutenant wirklich nicht müde ist --«

»Was haben Sie vor, Pachmayer?« fragten die Herren.

»Ich meine nur,« fuhr er fort, »das Wetter ist so prachtvoll, es wäre schade, es zu verschlafen, und wir könnten morgen zeitlich früh aufstehen.«

Doch Rudolf war auf der Hut.

»Was heißen Sie zeitlich früh?« fragte er mißtrauisch und hielt sich an seinen Schnurrbartenden wie an einer Stütze.

»Um zwei Uhr müssen wir aufbrechen,« sagte Pachmayer.

»Oho! Erlauben Sie --!« fuhr Rudolf auf.

Doch der Hausherr war gleich dabei. Die Sterne blickten zum Fenster herein. Es war eine leuchtende Nacht. Der Mond schien wie eine bleiche Sonne.

»Das ist eine Idee, Pachmayer!« rief er. »Solche Nächte giebt's nicht alle Tage!«

»Nein, nein, was fällt dir ein?« protestierte Rudolf. »Warum nicht gar! Wenn ich um elf Uhr schlafen geh', weckt mich keine Kanone auf um zwei.«

Die Uhr meldete elf.

»So gehen wir gar nicht schlafen!« rief der Jagdherr entschlossen. »Es wird nicht das erstemal sein, daß du eine Nacht dem Vergnügen opferst. Treffen Sie Anstalten, Pachmayer!«

Die Hunde auf den Dielen waren eingeschlafen. Bergmann stieß abgehackte Laute aus im Traum. Die Brüder saßen bei einer Flasche Wein. Seine kurze Pfeife schmauchend, erzählte der Jagdherr von Wald und Wild. Jede Pürsch war für ihn ein neues Abenteuer, jeder Schuß eine schöne Erinnerung. Waldluft schien plötzlich die Stube zu erfüllen.

Doch der Offizier kannte dieses Parfüm noch nicht. »Nun, ich bin neugierig, ich bin neugierig,« murmelte er ohne allzugroße Erwartungen.

»Du wirst schon sehen,« meinte der andere. »Ich weiß nicht, ob du Sinn für so 'was hast,« bemerkte er auch mitunter, indem er manches lustige Jägerstücklein zum besten gab. Wie sich der Fuchs im Eisen fing, der Rehbock auf den Ruf sprang, der Marder in die Holzfalle ging, fremde jagende Hunde in das jenseitige Jagdgefild befördert wurden -- und so fort.

Sein verwittertes Gesicht blühte auf bei dem Geständnis: »Der Wald ist meine Welt! Der Wald ist auch eine Welt! Eine Welt ist mein!« Wie gern hätte er dem Bruder ein Stück davon zustecken mögen. Ihn dauerte plötzlich der flotte Offizier. Das Leben besteht nicht aus Liebhabereien, das Leben ist eine große Leidenschaft! dachte er, und wie er ihn vor sich sah, so sehnig und blühend, konnte er sich nicht enthalten, auszurufen: »Schad' um dich!«

»Es ist gar nicht schad' um mich!« behauptete Rudolf.

»Kann sein!« gab jener zu. »Hast umsonst gerade Glieder, bist doch nur ein Krüppel, kennst nicht die Begeisterung!« Es giebt Momente, wo man mehr fühlt, denkt und spricht, als man verantworten kann, und es lag so etwas in der Luft. Man ist selbst wie verwandelt und geneigt, auch seinen Nächsten zu ersuchen: Verwandle dich, ich bitte dich darum!

Er hatte an einer Wunde gerührt.

»Begeisterung!« lachte Rudolf bitter. »Da verlangst du zu viel!« Und nun brach er los mit Klagen und Selbstanklagen. Wie der lange Frieden einen jungen Offizier, wie ihn, schlaff mache. Könne da von einem großen Gedanken, von höherem Streben die Rede sein? Dürfe sich die Thatkraft rühren? Ginge sie nicht vielmehr zu Grunde?

»Was bedarf es auch der Thatkraft? Höchstens so vieler Schneidigkeit, als bei Paraden nötig ist! Glaubst du, daß ich kein Bedürfnis fühle nach etwas Mehr?« rief er zornig. »Aber ich bitte dich! Wie käme man dazu bei der knappen Gage, dem bißchen Revenue, gerade genug, um ohne große Schulden standesgemäß zu existieren.«

»Nun, mehr kann kein vernünftiger Mensch verlangen!« tröstete der Bruder, der es gar nicht so gemeint hatte. »Bist ja noch ledig. An was brauchst du zu denken?«

»Das ist's ja eben! Man darf an nichts denken!« rief Rudolf klagend und sah tiefunglücklich drein, wie zum Beweis, daß ein Offizier auch nur ein Mensch sei.

»Also daher bläst der Wind! Verliebt also und ohne Aussichten! Das ist bös!«

»Es ist eine aufrichtige Neigung,« beichtete Rudolf, »ich spreche nur ungern davon. Lassen wir das! Keine Sentimentalitäten!«

Doch jener ließ nicht ab.

»Laß hören, wer ist die Glückliche?«

Schließlich gestand er: »Dir kann ich's ja sagen. Es ist die reizende, vielumworbene Nichte von Excellenz Steinhausen.«

»So, so! Nun und sie?«

»Sie!« Es war nur ein Laut, doch deutlich genug, um den Bruder zu überzeugen, daß es mit der Aufrichtigkeit der Liebe seine Richtigkeit habe. »Ich glaube, ihr nicht gleichgiltig zu sein. Das einzige Hindernis sind die Eltern, vielleicht auch nicht. Aber ich will mich keinem Refüs aussetzen, drum schlag' ich mir die Sache lieber aus dem Kopf.«

»Dir ist nicht zu helfen!« rief jener aufgebracht. »Wie kann man nur so wenig Selbstbewußtsein haben! Lieber verzichten, nur nicht wagen. Bist du nicht ein tüchtiger Kerl, der Carriere machen wird? Und wo bleibt denn die alles besiegende Liebe?«

Doch Rudolf schien sich nicht aufraffen zu können.

»Mich macht man nicht anders. Kein Wort mehr davon! Gehen wir! Ich höre schon deinen Verwalter Allarm blasen!«

»Ja, mach' dich fertig, schnell, schnell!« rief der Jagdherr wie elektrisiert. »Doch um die Braut mußt du freien, dafür steh' ich dir!«

»Gut, gut. Leih' mir lieber ein paar feste Stiefel. Mit meinem Schuhwerk wird's kaum gehen.«

»Für alles gesorgt! So 'was! Aber du mußt mir anders werden, mein Lieber! Teufel, du wirst mir ein ganzer Kerl oder -- Wo ist mein Triton? Fast hätt' ich meinen Triton vergessen.«

»Was ist denn das für ein Instrument?«

»Hirschruf, mein Lieber. Ich markiere einen schwachen Hirsch und der starke soll mir kommen.«

Trotz allen Herzenskummers mußte Rudolf lachen.

»Famose Einrichtung! Sollte Verbreitung finden! Ha! ha! ha!«

Noch ein Glas starken Thee geschlürft, Lodenrock, Bergstiefel angelegt, die Kugelbüchse umgehängt, den Bergstock ergriffen und hinaus ging's ins Freie.