Part 6
»Sie müssen sich mit Federscher schlagen!« Aber Sie werden sich nicht mit ihm schlagen! Das wäre! =Je connais mes braves!= fügte er im stillen hinzu und, seiner Sache gewiß, wiederholte er ganz Feuer und Flamme: »Sie müssen sich mit ihm schlagen!«
Es galt eine Komödie, nichts weiter, nur eine heilsame Herausforderung. Ein Blick auf Adler, der ihn unschuldig anstarrte, überzeugte ihn, daß der Coup zu wagen sei.
»Aber, Herr Adler, ich weiß ja, daß Sie sich noch nie duelliert haben und sich nie duellieren werden!« suchte er ihn und sich selbst zu beruhigen. »Gerade wie Sie es wissen, daß ich noch nie Zeuge gestanden habe und auch nie und nimmer Zeuge stehen werde. Davon ist gar keine Rede!« Wie mußte er über seinen Einfall lachen, diese beiden treuherzigen Hasenfüße zum Duell verleiten zu wollen, sei's auch nur zum Schein. Doch wußte er, daß das ritterliche Auftreten seines Schützlings eine ungeheure Wirkung bei seinen Gegnern hervorrufen, sie einschüchtern und entwaffnen würde, und daß es nur eines einzigen Krakehlers bedurfte, ein tausendköpfiges Heer von Feiglingen in die Flucht zu jagen. Auf die Feigheit baute er, drum hatte er Mut.
»Kennen Sie außer mir noch jemand, der bereit wäre, Ihnen Zeuge zu stehen?«
»Jawohl, Klein.«
»Wohlan, so bringen Sie Herrn Klein zu mir. Wir gehen in Ihrem Namen zu Federscher!« Als er erfuhr, daß dieser und Adler vor den Thoren der =École de médecine= sich bereits geohrfeigt hatten, schrie er vor Vergnügen: »Ich werde ihn fordern, und er wird sich weigern. Er wird sagen: »Ich weigere mich, weil --« »Wenn Sie sich weigern, dann --« werd' ich sagen. »Das Ehrengericht!« wird er schreien. »Kein Ehrengericht!« werd' ich schreien. »Ja! ja!« -- »Nein, nein!« »Das werd' ich sehen!« »Das wollen wir sehen!« -- Das weitere würde sich selbst ergeben, wenn erst nur die Präliminarien eines Duells Wunder thaten, und letzteres nie zustande kam.
Mit feierlicher Miene lauschte Adler, als erneuerte sich in ihm der ganze Mensch. Wie er für sein Leben zittert! dachte Laurent. »Mut!« lachte er, »nur zum Spaß gilt's tapfer, ungestraft gilt's heldenmütig zu sein!« Noch nie hatte es ihm solches Vergnügen gemacht, jemanden beizustehen. Die Ehrenkomödie aufführen zum Experiment! Flausen machen zum Beweis, daß alles Flause war! »Eine Welt ist gegen Sie, damit wollen wir schon fertig werden. =Sapristi!=«
Adler fiel ihm um den Hals und wollte gar nicht fortgehen vor lauter Dankbarkeit. Laurent mußte ihn förmlich hinauswerfen. Morgens lag er noch in den Federn, als jener in Begleitung Kleins wieder erschien. Doch hatte man sich nichts mehr zu sagen und konnte ans Frühstück gehen. Adler in der Stimmung des Geretteten und ganz Beflissenheit holte für Laurents Geld Wurstzeug herbei, während dieser über dem Kaminfeuer kernweiche Eier zu kochen bemüht war. Nur ließ der Unglückliche die schönen Eier in die Flammen sinken. Natürlich gabs ein furchtbares Gelächter. Die Russen lachten! Man hatte es aber auch gut unter den Fittichen dieses Franzosen, der alle Nichtfranzosen glaubte in die Tasche stecken zu können, mit ihnen aber so interessiert liebenswürdig verfuhr, wie mit seltenen Tierarten. Endlich machte er Toilette, steckte sich -- man höre! -- das blaue Bändchen des Palmenordens*) ins Knopfloch und begab sich Arm in Arm mit Klein zu Federscher.
*) =Les palmes d'officier de l'Académie=, eine Auszeichnung, leicht zu erringen, selbst von Schullehrern.
Die Wohnungspracht desselben war verblüffend. Die zusammengeklaubten Möbel sahen ordentlich glücklich aus, wie von zärtlicher Hand gestreichelt; das Schlafzimmer mit seinem Himmelbett aus lichtblauem Kattun war wie das eines Mädchens. Inmitten dieser Herrlichkeiten befand sich Adlers Gegner, ein brustkranker Mensch. Laurent hatte aus seiner Feder eine Übersetzung Tolstois mit wahrem Vergnügen gelesen. Sie alle waren ja begabte, vortreffliche Leute, und was sich unter ihnen abspielte, war nur eine Hetzjagd, der wahnsinnig wollüstige Durst nach Blut, nach Bruderblut, der wunderbar grauenvolle Genuß, sich ins eigene Fleisch zu schneiden. Oder waren sie im Rechte und übten eine Strafgewalt aus in der persönlichen Rache?
Federscher empfing die beiden sehr verblüfft. Man sah ihm an, daß er aufgestachelt worden war, nur aus Rücksicht für seine künftigen Verwandten als Kläger auftrat und um nicht selbst der Schwager eines verdächtigen Menschen zu werden, daß ihm die Sache längst keinen Spaß mehr machte, doch daß er entschlossen war, sie als seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit zu Ende zu führen. Übrigens geschah, was Laurent vorausgesagt: Mit einem Mann, dessen Ehre in Frage stand, wolle er sich nie und nimmer schlagen.
»Mein Herr!« rief Laurent großartig, »so lang Herr Adler nicht gerichtet ist, bleibt er ein Ehrenmann, und ich bin sein Zeuge!«
»Ich schlage mich nicht mit ihm.«
Wenn schon, denn schon! dachte jener, über seinen Scharfblick selig und von dem guten Gang der Dinge kühn gemacht, und fuhr mit so gewaltig edler Energie fort, daß ihm selbst feierlich zu Mute wurde, und daß Klein immer nachdenklicher dreinsah und Federscher immer betroffener.
»Noch ist Herr Adler ein Ehrenmann! Ist er gerichtet, will ich ihm selbst ausweichen schon tausend Schritte weit!« rief er, indem er sich den Kopf zerbrach, wem Federscher mit seiner flachen Stirne, der langgezogenen Nasenpartie und dem zurücktretenden Kinn nur so frappant ähnlich sähe. »Mein Herr! wenn Sie sich weigern, die Waffen reden zu lassen, wird Ihnen Herr Adler, in dessen Namen ich zu sprechen die Ehre habe, ins Gesicht schlagen und ins Gesicht speien, wo und wann er Ihnen begegnet!«
»Bedaure, aber ich muß auf dem Gericht bestehen!«
»Sei's!« rief Laurent auf einen Einfall hin, für den er Adlers Dank allerdings verdiente. »Warten wir das Gericht ab! Allein wir verwerfen den Urteilsspruch abtrünniger Kameraden! Nur Männer wie Pokuroff sollen hier Richter sein!«
So wurde der kameradschaftliche Streit zu einem Rechtsfall im großen Stile und die öffentliche Stimme Richterin darüber. Allein während Laurent mit diesem Ansinnen seinen Schützling vor dem dichten Haufen der Feinde deckte und ihn vorderhand ihrer Wut entriß, hatte er ihn nicht mehr im Auge als die andern. Verfolgter und Verfolger standen plötzlich seinem Herzen gleich nah, das höhere menschliche Interesse trieb ihn an, ihm war nur noch um die Wahrheit zu thun: Ich will wissen, was in euch steckt, meinetwillen geschehe strengste Untersuchung!
Tags darauf stellten sich Federschers Zeugen bei ihm ein: Zedekoff, ein verschlafener, unglücklicher Patriot, und Goltschmann, der aus einem Turgenjew'schen Roman entsprungene Held. Laurent war aufs freudigste überrascht, zu sehen, wie das schöne Wachsbild plötzlich Leben bekam. Das blaue Ordensband wiederum und mehr als je im Knopfloch, begab er sich mit den beiden und mit Klein, den sie in einem Gasthaus aufgespürt hatten, zum Oberst Pokuroff.
Eine alte Dame öffnete und ließ sie mit mißtrauischer Miene ein. Nur Laurent gab seine Karte ab: =Jacques Laurent, Directeur de la Revue Rose=. Vor vierzehn Tagen war diese Zeitschrift ins Leben getreten. Ökonomische Schriften in allen Sprachen füllten Pokuroffs kleinen Salon. Ein Werk, »Zivilisation« betitelt, das den Oberst zum Autor hatte, deckte in vielen unaufgeschnittenen Exemplaren Kanapee und Armstühle. Auf dem Kamin, darin kein Feuer brannte, stand eine schön eingerahmte Photographie des Fürsten Krapotkin.
Pokuroff mit seinem ehrwürdig struppigen Bart und dem schußgeraden Blick sah halb wie ein Pope, halb wie ein Krieger aus, der orthodoxe Russe, wie er leibte und lebte. Selbst in der Verbannung schien er ein Stück Heimat mit sich zu tragen.
Bescheiden nahm Laurent das Wort, den überlegenen Fremden als Weltmann und Franzosen behandelnd. Er fühlte, dieser Mann war ernst zu nehmen, »=discutable=« und besserer Streiter wert. Als wäre er nie vor dem Antlitz eines Größeren gestanden, jubelte es in ihm: Welch ein gottgesalbter Richter! Was ihm das Herz abquält und zur Verzweiflung treibt, ist einzig und allein sein Gerechtigkeitsgefühl!
Jener ließ ihn ausreden. Der Fall war ihm schon bekannt, man hatte ihm darüber eingehend berichtet.
»Ich habe sehr schlechte Auskünfte über Herrn Adler,« sagte er. »Er ist bei seinen Landsleuten übel angeschrieben. Seine Sache kann nicht schlechter stehen. Trotzdem bin ich bereit, die Angelegenheit zu prüfen und im Verein mit anderen darüber ein Urteil zu fällen.«
Ganz Zuvorkommenheit erging sich nun Laurent in Lobsprüchen über die russische Litteratur, ihre Meisterwerke als fremdartig preisend, eigentümlich und bizarr. Voll Begeisterung hauchte er: »=C'est étonnant! c'est étonnant!=«
»Wieso eigentümlich, fremdartig und bizarr?« fragte der Russe. Auch an der Politik wurde gerührt.
»Wir sind nicht Nihilisten, wir sind Sozialisten,« sagte er und hätte die Welt zerreißen mögen, die ihr Glück mit Füßen trat. Daß er besser war als sie, sie aber stärker als er, schien beider Unglück. Diese Weltunordnung muß ein Ende nehmen! rief es in ihm.
Er brauchte kein Vaterland und keinen Gott. Sein Herz war groß wie die ganze Welt. Er nannte sich keinen Heiland, er nannte sich einen Aufgeklärten. Er dünkte sich ein König und schrie nach Gleichheit, um lauter Könige um sich zu sehen, damit jede Erdscholle, darauf ein Mensch lebte und strebte, zum Throne würde.
Riese im Ameisenstaat! dachte Laurent. Mit Seufzen und Klagen erobert man nicht die Welt. Genie muß man haben und, um ihr Befreier zu werden, die Verschlagenheit von tausend Tyrannen!
Ihm selbst waren die Menschen der geringste Kummer, doch wenn er jetzt etwas wie Antipathie gegen sie empfand, so hatten das seine russischen Freunde auf dem Gewissen. Was zu viel war, war zu viel. Sie fielen über seinen Schützling her und fraßen ihn auf. Erst hieß es: »Es ist unmöglich, daß Adler ein Schurke ist!« Dann: »Kann sein, daß er einer ist.« Bis schließlich nur eine Stimme herrschte: »Er muß es sein! wir wollen es! Das ist er uns schuldig!«
Klein machte der Handel alt und grau. Er sah seine Brüder mit den Augen der Welt -- sein Herz verblutete schier. Sie richtig zu beurteilen und so sinnlos zu lieben -- wie konnte das einer auch aushalten?
»Seinen Glauben abschwören ist für die Katze,« jammerte er. »Seine Juden abschütteln gilt's -- wer das könnte!«
Die lammherzigen Bursche hatten Mut gegen ihresgleichen -- was kümmerten sie fremde Rassen? -- und waren erbarmungslos wie blutgierige Wölfe. »Schweigt! schweigt!« bat Klein. »Wir wissen, was wir reden!« brüllten sie. »Eben darum!« flehte jener. So oder so, überspannte Köpfe waren sie alle, und die Sucht, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, schien Familienzug bei ihnen.
Das gehetzte Wild hatte nichts zu hoffen, als auf ein Gericht, darin alle, alle gegen ihn zeugen würden. Dennoch verzehrte ihn die Ungeduld. »Haben Sie Nachricht von Pokuroff?« war seine erste Frage, wenn er bei Laurent Zuflucht zu suchen kam. Er konnte es nicht erwarten. »Noch immer keine Nachricht!« und er verzweifelte.
Der reckenhafte Mann brach zusammen unter der Wucht der Verachtung. Die Gratismahlzeiten bei seinem künftigen Schwiegervater hatten auch aufgehört. Um mit den Seinen nicht brotlos zu werden, mußte ihm dieser seine Thür verschließen, machte aber dadurch brillante Geschäfte. Es wimmelte von Gästen bei ihm. Die Russen krochen aus ihren Löchern. Es ging in den Kampf, zwar nur gegen einen armseligen Kameraden, gleichviel, es war ein ewiges Fest oder vielmehr ein Rüsten zum Fest -- alle gegen einen!
Daß sich Adler nicht erhängte, blieb Laurent unbegreiflich. War's nicht genug für ihn, aus Rußland vertrieben zu sein? Doch was ist dir Rußland gegen Trebatschs Restaurant? dachte dieser, das ist dein Mekka, eine Klatschstunde bei Goltschmann für dich Lebenszweck, die Schar deiner Kläger die ganze Welt. Und drücken dir diese hergelaufenen Bursche das Kainszeichen auf, vergebens machen dich dann alle Nationen der Welt zum Ehrenbürger, die Selbstachtung lernst du nimmermehr!
Als ob einer, den man mit Kot bewirft, sich nicht mehr zu waschen brauchte, verwahrloste er sich auf die rücksichtsloseste Art, sprach in weinerlichem Tone, warf die herzgewinnende Jugendlichkeit ab wie lästiges Zeug, bekam plumpe, verschlagene Züge -- der arme Teufel und der unedle Mensch waren fertig.
Aber das Herz seiner Braut blieb ihm doch treu. »Da sieht man, was Liebe ist. Mascha stand wieder am Fenster und nickte mir zu. Sie sieht elend aus,« sagte er oft wehmütig. »Nun erkennen Sie sie auf den ersten Blick. O, meine Braut ist zu erkennen!«
III.
Im Café Koch in der Rue de la Glacière fand das Gericht statt, in dieser schmutzigen Spelunke, deren Spezialität es war, schmutzig zu sein, wo man aber für fünf Sous etwas Warmes zu essen bekam. Wo käme ein armer Student hin ohne solche Spelunken?
Die Versammlung war auf drei Uhr anberaumt. Kopf an Kopf saßen die Kläger, sie erdrückten einander schier. Hier ballte sich eine Faust, dort grinste hämisch eine Fratze, hier blitzte ein finsterer Blick auf, dort erscholl Hohngelächter. Selbst der stumpfste Geselle hatte das Mordfieber und war schon erhitzt und freudetrunken -- alle gegen einen!
Adler war wie verwandelt. Er sah blühend aus. Mit lauter Stimme gab er Laurent über die fremden Gesichter Bescheid, in nachsichtsvoller, anerkennender Laune -- o er ließ auf seine Feinde nichts kommen! »Wen meinen Sie? Ja so! Aha!« und er erhob sich, sah in die Runde, starrte ihnen wohlgefällig ins Gesicht, mit hochwogender Brust -- ihn erfaßte das Glücksgefühl des Tollkopfs in Lebensgefahr. Das heiße Leben in jedem Blutstropfen und mit dem einen Fuß im Jenseits -- so groß ist also die Welt! Er war von Sinnen und hatte tausend Sinne und zu allem Kraft, nur nicht für die Angst und für die Reue.
Schlag drei Uhr erschien Pokuroff in Begleitung eines Mitgliedes der =Société secrète=. Alles erhob sich. Wie Schulknaben standen sie da. An einem bereitgehaltenen Kaffeetisch nahm der Oberst Platz neben dem mitgebrachten Herrn, einem ungemütlichen Glatzkopf. Als machte er eine unliebsame Bekanntschaft, mit der er lieber verschont geblieben wäre, verzog er sein abgelecktes Gesicht -- er machte kein Hehl aus seinen Gefühlen und schien ein gar vorurteilsfroher, strenger Richter zu sein. Ein dritter Richter hatte sich verspätet, ein blonder junger Mann, der sehr geziert that, bald geniert, bald amüsiert und mit der Miene eines wißbegierigen Kindes die beiden andern immer etwas zu fragen hatte.
Obenan saßen die Richter, rechts von ihnen Laurent, Klein und ein dritter Zeuge des Angeklagten, ein aus Irkutsk hergereister junger Mann, den dieser, Gott weiß wo, aufgetrieben hatte. Links saß Federscher mit seinen Zeugen. Adler, der mit einem wacklichen Rohrstuhl als Anklagebank vorlieb nehmen mußte, schloß den Kreis. Halbwüchsige Bursche und Familienväter, die wie halbwüchsige Bursche aussahen, füllten den Saal. Hagere Rotbärte und dicke Krausköpfe saßen rauchend da und spuckten wie aus Ekel vor ihrem schlechten Tabak. Ein kleiner Kerl mit der Physiognomie eines zu hohen Ehren gekommenen Gassenjungen machte die Honneurs. Auch einige Studentinnen waren erschienen, sehr häßliche Mädchen, die man wieder fortschickte, woher sie gekommen waren. Ein lichtes Jesusgesicht wandelte im Gewühl. Ein korpulenter Bursche mit Tieraugen lauerte auf den Moment des Überfalls. Ein flachnasiger Russe, in jedem Zug ein Charakter, stand ungeduldig auf seinem Posten.
Pokuroff ergriff das Wort. Es klang wie ein Kommando. »Man muß wissen, mit wem man lebt,« sagte er. »Drum wollen wir untersuchen, ob die schweren Anklagen gegen Herrn Adler begründet, und wir berechtigt sind, über ihn den Stab zu brechen.«
Hierauf erhob sich der Irkutsker, ein reiches Muttersöhnchen, dem man ansah, daß er diesen Kreisen fern stand und fern stehen wollte, daß er mit seiner Bürgschaft nur ein gegebenes Versprechen einlöste und daß er überhaupt nur zu seinem Vergnügen nach Paris gekommen war.
Adler sei sein Schulkamerad gewesen, begann er, er habe ihn immer für einen anständigen Menschen gehalten, seine Ehrenhaftigkeit genugsam erprobt und könne den Beschuldigungen nie und nimmer Glauben schenken.
Mehr tot als lebendig stammelte Klein: »Adler ist nicht besser und nicht schlechter als alle andern --« doch ließ man ihn nicht ausreden, Laurent gar nicht zu Wort kommen, der Russe mit dem Charakterkopf trat vor die Schranken.
Seine grobe Kleidung, sein bäuerisches Wesen, alles an ihm zeugte von schadenfrohem Mut, und selbst seine starken Backenknochen schienen ein Abzeichen des müde gehetzten Rebellen. Nach einer kurzen Erklärung an Pokuroff wandte er sich zornglühend an Adler. Schmerz und Wut zersprengten ihm schier die Brust. Sein Freund sei bei seiner Rückkehr in die Heimat verhaftet worden infolge einer Denunziation Adlers. Der Name Sedlin -- so hieß dessen Gönner, der Botschaftskanzler -- kehrte immer in seinen Klagen wieder. Er tobte nicht, er weinte und schrie, als müßte ihm das Herz brechen: »Verräter!«
Adler sprang auf. Wie ihm das Herz aufzuckte in Verzweiflung und Bosheit! Die ihn ausgehungert hatten und zum äußersten getrieben, um sich an seiner Wut zu weiden, kamen auf ihre Kosten. Wie ein befreiter Riese stand er da. Mit erhobener Faust schien er jenem das Wort buchstäblich ins Gesicht zu schleudern, und gleich einem wilden Triumphgeschrei entrang es sich seiner Brust: »Lüge! Lüge! Lüge!«
Erschrocken brachte Federscher seine Klage vor. Seine Katzenaugen blickten scheu, sein Schnauzbart sträubte sich -- nun wußte Laurent, wem er so sprechend ähnlich sah, einem Löwen, einem sanften, entarteten, verächtlichen Löwen.
Ein schmieriges Individuum, das Adler um Stipendien sollte betrogen haben, ergriff das Wort. Lichtblond, blauäugig, mit erfrorener Nase und krummen Beinen -- seine Erscheinung war so jämmerlich als belustigend, zumal aber seine Art, das Russische zu radebrechen, wobei er weder die Richter noch den Angeklagten, sondern die anderen anblickte, sie als seine Zeugen und Aufstachler anzurufen.
Adlers Antwort war ein Leugnen. Er selbst sprach ein vortreffliches Russisch. Jedes Wort aus seinem Munde klang einleuchtend und verblüffend, wie eben die Rede eines gescheiten Menschen. In diesem Moment war er Russe, Russe mit Leib und Seele. Sein scharfgeschnittenes Gesicht schien zwar mit der slavischen Mundart in Widerspruch zu stehen, woran er sich aber blutwenig kehrte. Er wuchs mit jeder patriotischen Phrase, mit jeder volkstümlichen Wendung und freute sich am Scheine dessen, wonach sein Innerstes sehnsuchtsvoll drängte: Europäer zu sein, sei's Russe, was immer, zur Gegenwart zu gehören, nur nicht zu einem toten Volke.
Als brauchte er nur ein Wort zu sagen, um sie alle zu vernichten, stand er lächelnd da und hielt an sich. Von gekränkter Ehre war nicht die Spur an ihm, sein Gewissen schien unantastbar wie ein gesalbter König. Seine massive Schönheit, sein geschmeidiges Temperament, die spöttische Art, wie er seine Lumpen trug, alles an ihm schien zu frohlocken: Ich bin der Stärkere! Edle Wehmut im Antlitz gestand er, welch ein phänomenaler Mensch er sei, brach jedoch ab, als spräche er eine unliebsame Prophezeiung. Immer vertraulicher, immer vorwurfsvoller klangen seine Worte, ganz in der Art, wie gute Kameraden einander herunterkanzeln, und allen auf einmal ins Gesicht blickend, schloß er mit dem Fragezeichen: »Seid ihr ein Volk -- was?«
Ein Schrei der Entrüstung gellte durch den Saal. Selbst die Richter fuhren auf. Man war zu starr gewesen, um ihn nicht ausreden zu lassen, nun aber hatte man bloß den einen Gedanken, den Frechling niederzustrecken. Man sah nichts als Teufelsgesichter. Das Jesusgesicht wirkte geradezu schaudererregend mit seinem Aufwand von Gift und Galle. Der mit den Tieraugen that einen Satz auf Adler, als könnte er sich von dem tödlichen Streich nicht enthalten. »Was wollen Sie?« herrschte ihn Pokuroff an, und um der Sache ein Ende zu machen, hieß er ihn mit seiner Klage hervorrücken.
Er schrie um Geld, um Verkürzung und Schaden mit einem Blick voll Haß, voll Haß! Er hätte Adler zerfleischen mögen. Seine unglaublich dichten, unglaublich schwarzen Haare sträubten sich. Wütend klagte er über Hunger, und sein dicker Körper erbebte, sprach von Weib und Kindern, und sein Zorn steigerte sich bis zur Raserei. »Brot oder Blut!« stand auf seiner Stirne. Er machte einen widerlichen Eindruck, aber den Eindruck, daß er recht habe, daß der Hunger recht habe.
Adler zahlte Schimpf mit Schimpf, Pokuroff mußte ihn zurechtweisen. Mehrere Stimmen wurden zugleich laut, die Hälse reckten sich, die Augen blitzten, man steckte die Köpfe zusammen oder schrie von einer Ecke in die andere. Die Richter waren vergessen, man fühlte sich ganz unter sich. Die Anklagen regneten, der Name Sedlin ertönte aus heiseren Kehlen. Der mit den Tieraugen sprach in alles drein und kam, wovon auch die Rede war, mit Ziffern und Zahlen. In einem Moment unwillkürlicher Stille stieß das Jesusgesicht einen Fluch aus. »Spion! Dieb!« erscholl es von allen Seiten, und wiederum der Name Sedlin. Es war kein Tribunal mehr, sondern ein Zanken, Streiten, Sich-in-den-Haaren-liegen. Das Tiergesicht, Kleins gramvolle Züge, das Mondgesicht Zedekoffs, Federschers unlöwenhaftes Löwengesicht, Goltschmanns ideale Züge -- ihre Gesichter hatten eine große Familienähnlichkeit. Wie leibliche Brüder erschienen diese Bettler, indem sie, in glühendem Patriotismus nach Brot schreiend, über einen Bettler herfielen, weil er mehr erbettelt hatte als sie. Der jugendliche Richter lächelte verlegen, der Strenge triumphierend.
Der Rächer seines Freundes, der auf Spionage klagte, drängte auf die Verurteilung. Pokuroff forderte neue Beweise. Der Kleine mit dem Gassenbubengesicht hielt eine Ansprache. Adler schwankte, ob er ihm nicht einen Sessel an den Kopf werfen sollte. Ein schmerzlicher Ausdruck legte sich auf seine Züge, als Goltschmann sich erhob, um wider ihn zu zeugen. Der mit der erfrorenen Nase bekam Mut und schrie immer unverschämter. Das Jesusgesicht hatte eine Schar um sich und hetzte. Die Schwüle, der Dunst im Saale wurde unerträglich. Der junge Richter fächelte sich mit dem Taschentuch, der Strenge flüsterte Pokuroff etwas ins Ohr. Einige Hungrige hatten sich fortgeschlichen. Soeben that Zedekoff den gähnenden Mund auf, um auch als Kläger seine Pflicht zu thun, als Pokuroff sich erhob und erklärte, daß es Essenszeit sei, und die Beratung nach Tisch wieder aufgenommen werde.
Adler ging mit dem Irkutsker. Die Schreier zerstreuten sich nicht sobald. Laurent, der sich Pokuroff und dessen Assistenz angeschlossen hatte, sah wie betäubt um sich auf der tosenden Straße, sich fragend, ob Paris wohl eine Ahnung hätte von den Völkerschaften, die es beherbergte, und von den Revolutionen, die sich in seinen Spelunken abspielten.
Im russischen Gasthaus, wohin sie sich begeben hatten, lief Trebatsch wie ein Wahnsinniger hin und her. Nun hatte er eine dicke, rosige und eine blasse, magere Tochter, da ließ es sich auch besser kommandieren. Bei der berühmten Gerstensuppe unterhielten sich Pokuroff und Laurent von Dostojewski und dessen Stellung zum Nihilismus. Von dem Zwiespalt, in dem der Dichter die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte, sprach dieser in traurig vorwurfsfreiem Tone, wie man etwa von einer Gehirnentzündung spricht, seinen Abfall bestritt er als Lüge. »Er konnte uns nicht aus seinem Herzen reißen,« behauptete er, »wir haben ihn als den Unsrigen begraben.«
Am Tisch nebenan dinierten die beiden andern Richter. Der Strenge mit Würde und Appetit, der Jugendliche mit zimperlicher Neugierde, indem er nicht müde wurde von einer russischen Fürstin zu sprechen. =La princesse= her, =la princesse= hin, und das Wort wurde zum Begriff des Erhabensten, wenn er es mit sehnsüchtigen Lippen aussprach, voll Feuer und Ehrfurcht. »Sie giebt Lektionen?« fragte der andere. »Nicht doch,« war die Antwort. »=Elle fait la lecture.=«