Katastrophen: Neue Novellen

Part 4

Chapter 43,946 wordsPublic domain

Herbstzeitlosen bedeckten das Feld mit stillen, lauen Farben. Ein kühler Hauch entstieg der Erde. Er schlürfte ihn ein mit tierischer Gier, mit der Gier von Menschen, die den Kalk von den Mauern kratzen, weil ihr Körper weiß: das brauche ich! Wollüstig wühlte er im Erdreich, daß die schwarze, feuchte Erde sich ihm in die Poren drang, als wollte der Staub zum Fleische werden. Doch der Wurm, der über seine Hand kroch, nahm schnell Reißaus wie aus Ekel vor allem Lebendigen. Wer sich in Erde einhüllen dürfte! dachte Muck. Doch dazu wirds auch noch kommen. Schade, daß ich dann tot sein muß! Ihn erfaßte Müdigkeit und Sehnsucht, und eine Stimme tönte aus der Tiefe -- was war dagegen Nixengesang? --: Komm in meinen Schoß, armer Mann, bist du nicht mein Kind?

Kopfüber hätte er sich ins Grab stürzen mögen, aber da kam ein Platzregen herniedergeprasselt. Heute war ja Kirchtag, da mußte er dabei sein. Das brachte Muck auf andere Gedanken: Mein neuer Hut! Und die Schweine! Schöne Geschichte das!

Mit seinem Stock trieb er sie heim. Die alten Schweine brummten in würdigem Baß:

»Würd' ich das geahnet haben, Mantel hätt' ich umgenommen.«

Und die Jungen grunzten fein und hell:

»Auch ich! auch ich! auch ich!«

Aus war's mit der Lustbarkeit. Die Tanzenden stoben auseinander. Man rannte in den Regen hinaus. Die Buben mit Freudengejohle, die ausgezogenen Stiefel schwenkend, die Weiber mit über den Kopf geschlagenen Röcken. Sie lachten, kreischten und liefen, was sie laufen konnten. Der Regen war ihnen in die Beine gefahren, alles wollte naß werden. Als man heimkam, hatte es richtig aufgehört.

Doch wurde es Abend, und die Natur lag noch in Thränen aufgelöst. Muck aber wollte sich die Kleider am Leibe trocknen. In der Küche ging alles aus und ein. Dort setzte er sich hinter den Herd. Man brauchte nicht erst zu sterben, um ein warmes Plätzchen zu haben. So gemütlich war's in dieser Allerweltsküche, dem Bereich der Verwalterin. Das Feuer prasselte, Kaninchen huschten über die Fliesen, es duftete nach frischem Holz und Rauch, das Hühnervolk verlief sich her, und die Kinder machten Spektakel. Doch währte die Freude nicht lang. »Fort mit euch!« schrie die Verwalterin. Vorbei war's mit dem Sonntag, vorbei auch mit der Vornehmheit, sie war wie eine Wetterhexe. »Hinaus!« und jagte die ganze Gesellschaft auseinander. Die Hühner flogen auf, die Kinder weinten, und sie schrie: »Still, still, der Herr ist da!« Umsonst versuchte dieser, der Scene ein Ende zu machen: »Aber Frau Stephani« -- Sie that sich noch etwas zu gute drauf, als wäre es eine Huldigung für ihn. Nun, er bedankte sich. Das Trommelfell sprang ihm schier entzwei vor all dem Gekreische, Geweine und Gekrächze -- es war ein Hochgenuß!

Im Hof kommandierte der Verwalter und schrie mit den Leuten herum. Er nannte die Kuhmagd »Kuh«, den Ochsenknecht »Ochs« und nicht etwa aus Verwechslung. Dachte sich auch Muck im Stillen: Ich jage dich ja doch zum Teufel, er imponierte ihm. Wer so anschaffen könnte! dachte er. Es war eine Freude, ihm zuzuhören, wie er z. B. dem Jäger Ordre gab: »Sepp! Anstalten treffen für die Pirsch!« Daß der Wald mir gehört und nicht dir, was weiter? dachte Muck, ich hab' die Sorgen, du das Vergnügen.

Ja, er hatte einen großen Herrn in seinem Dienst, und das war das Malheur. Zwar ihm gegenüber war er der Respekt selber, wahrscheinlich um ihm weiß zu machen: Wenn ich auch befehle, drum bleibst du doch der Herr!

So kam er wieder mit der Frage, ob für das Gesinde ein Ochs geschlagen werden sollte.

»Schon wieder ein Ochs?« platzte Muck heraus. »Alles in euren Magen?« und vor lauter Ärger ging er hungrig zu Bett.

Sie schlachten mein Vieh und stellen mein Wild! dachte er voll Empörung. Ihm war, als sollte er den Ochsen von Knecht aus dem Ochsenstall, die Kuh von Magd aus dem Kuhstall, den Hund von Verwalter vom Hofe jagen, um sein eigener Knecht, sein eigener Herr zu sein.

»Heda, Stephani!« Er wollte nicht nur Gutsherr heißen, sondern auch den Gutsherrn spielen. War denn das eine gar so große Kunst?

»Sie, Stephani!« befahl er und zitterte nur so vor Anstrengung, »diesmal geh' ich mit auf die Pirsch!«

Es wurde ihm sauer, um 3 Uhr früh aufzustehen, aber er wollte auch einmal ein Vergnügen haben. In gelber Dämmerung lag das Thal. Die Pirschgesellschaft begann schon den Aufstieg zu nehmen, als Sepp plötzlich ausrief: »O Salami! Der Herr hat sein G'wirr vergessen!«

Mit dem Stock in der Hand wollte Johann Muck auf die Pirsch.

Als man eine Büchse herbeigeschafft und sie ihm umgehängt hatte, verging ihm alle Jagdlust. Er konnte keiner Fliege etwas zu Leide thun, und nun galt es, Hirsche über den Haufen zu schießen, wie er sich das nämlich so vorstellte. Aber entweder hat der Mensch Waldungen oder er hat keine, räsonnierte er und kletterte drauf los, daß ihm der Atem ausging. Jeden Moment blieb er keuchend stehen und wäre am liebsten umgekehrt. Wie schreckte er zurück! Ihm wurde angst und bange. Er fühlte: nun geht's in eine neue Welt!

Vom Himmel umgeben stand er an einem Abhang. Hie und da blinkte ein Stern wie ein Licht aus einem fremden, nächtlichen Dorf, von dem der Wanderer nicht wußte, woher es kam, wohin es führte, nur daß es ein Licht war, und das war genug.

In Schweiß gebadet erreichte er die Höhe. Es war seine größte Reise. So weit vom Leben war er noch nie gewesen. War sein Besitz so groß, daß er bis ans Zauberland stieß? Wo bin ich? dachte er, als er sich vom Hochwald umgeben sah mit seiner Stille, die melodischer war wie Musik, mit seinem Atem, der ihn wie eine unsichtbare Kraft umrauschte, und mit seiner Dunkelheit, die mit ihren weichen Fittigen alles umhüllte wie ein guter Geist.

Er bebte. Die Angst vor dem Schönen, die Furcht vor der Freiheit erfaßte seine Seele, die bisher in Gefangenschaft gelebt. Nur kein Erlebnis, um Gotteswillen! dachte er. Gieb dem Verhungernden Speise, und er stirbt am ersten Bissen. Als ihn der Verwalter am Wechsel ansetzte mit der Versicherung: »Der Hirsch kommt Ihnen, verlassen Sie sich drauf!« rief er zitternd: »Jesus, Maria und Joseph!«

Bewußtlos fand ihn dann jener, wie zermalmt von einem großen, großen Eindrucke, viel zu groß für einen Menschen. »Was ist passiert?« fragte er. In einer Art Furcht vor dem Erwachen faßte ihn Muck am Arm. Jede Fiber in ihm redete, sein Mund kam gar nicht zu Worte.

»Der Hirsch!« stammelte er endlich, »der Hirsch!« und erzählte, wie er vor Kälte und Müdigkeit eingeschlafen sei und sich dann, jäh erwachend, ihm gegenüber gesehen habe, einem Riesen von Anmut und Majestät. Welche Überraschung! Welche Lage! Wie habe er am ganzen Leibe gezittert! Die Büchse habe er fortgeworfen. »Ich hab' mich gefürchtet,« gestand er, als sei seine Furcht eine Furcht gewesen, derer sich kein Mann zu schämen brauchte. Sein Gesicht strahlte. Wie war ihm beim bloßen Gedanken daran, wie ihm gewesen!

»So 'was hab' ich noch nicht erlebt!« versicherte er. »Nein! nein ...«

Seine Seele wuchs und wuchs. Nun hatte das Schönste, Größte darin Platz. Aber mit dieser Seele im Leibe zurückzumüssen in das kleine Getriebe der Großstadt, in den engen Laden, wo es keinen Hochwald gab, keinen Sturm, keinen Sonnenstrahl. Wie er anfangs in der neuen Welt der Alte geblieben, so wurde er in der alten Welt ein Neuer. »Gott«, seufzte er, »ich bin aus meiner Sphäre herausgekommen. Gott, wie komm' ich in meine Sphäre wieder hinein? ...«

»Verkauf das Gut!« riet ihm Mayer, und der wußte, was er sprach. Dem redete niemand 'was ein oder aus. Man brauchte nur seinen Kopf zu sehen, diesen Koloß. Die glänzende Haut spannte nur über der massiven Schläfe. Sein Hirn war eine feste Burg, gar schwer zu erstürmen, doch drang ein Gedanke einmal hinein, saß er auch für ewig fest -- es gab keinen größeren Dickkopf. »Verkauf das Gut! Verkauf das Gut!«

Als wären die Käufer vor der Thür gestanden! Auch wollte Muck ausharren. Nur abwarten, es wird schon gehen! vertröstete er sich. In der That schrieb ihm der Verwalter, die neue Kuh sei ein Prachtexemplar, das Schwein habe Junge geworfen und sonstige freudige Familiennachrichten noch mehr. Der Himmel war wieder voller Baßgeigen, und der Freund kam ihm gerade recht mit seinem: »Verkauf dein Gut!«

»Aus dir spricht der Neid!« rief er. Aber er wollte ja beneidet werden, er hatte das nötig wie einen Bissen Brot. »Komm!« sagte er. »Schau dir mein Gut an und dann rede!« Und er führte ihn hinaus. Wie wollte er mit seiner Habe paradieren!

Daß doch alles schief gehen mußte!

Er hatte hinaustelegraphiert: »Wagen zur Bahn schicken, gutes Nachtmahl bereiten, seltener Gast.«

Doch statt der Kalesche stand ein schweres Fuhrwerk vor der Station. Muck war wüthend.

»Aber Flurl,« schrie er den Knecht an, »mit was für einem Kraxen kommst du denn daher?«

»Ja, gnä' Herr, der Wagen ist gebrochen.«

Wie zwei Ballons saßen die beiden auf dem Leiterwagen. Der beutelte sie so zusammen, daß Mayer schließlich vorzog, zu Fuß zu gehen.

»Das ist ja 'was für uns korpulente Leute,« meinte er. »Freilich, du hast das nicht nötig. Ein Gut haben ist die beste Abmagerungskur.«

Unterwegs fragte er:

»Wem gehört das schöne Schloß?«

»Dem Ritter von Klein.«

»Und die Eisenwerke?«

»Dem Grafen Hardenberg.« Aber die Auskunft lautete so verstimmt.

»Auf deine Nachbarn bist du nicht gut zu sprechen,« meinte Mayer. Nach dem Grund fragte er gar nicht. Das lag ja auf der Hand. »Sind wir schon da?«

»Freilich!« rief Muck.

Wie der Bach zu rauschen begann, wie die Berge sich reckten! Man mochte glauben, das seien Berge und Bäume wie andere Berge und Bäume -- warum nicht gar! Das war seine Scholle! Zwar hafteten Lasten drauf, gleichviel, vierhundert Joch Erdboden waren sein, und ebensoviel Joch Himmel waren gratis. Am liebsten hätte er die Welt assekuriert. Nur jetzt sollte sie nicht untergehen!

»Nun, Mayer, machst Augen, was?« Er hätte es ihm auch nicht anders geraten. War er ja doch selbst überrascht. Herbst lag wieder auf der Gegend, so farbenprächtig hatte er sie noch nie gesehen. Das war ein Rot, ein Gelb und ein Braun wie Gold und Purpur. »Mayer, ist das nicht schön, sag'! Du verstehst ja nichts, ich weiß es, aber ein jeder Dummkopf muß doch sagen: Das ist schön!«

Die Sonne saß auf einer Bergspitze, um jählings zu versinken hinter roten Flammen. Dieser Sonnenuntergang war sein! Glückstrahlend rief er:

»Grüß' dich Gott auf meinem Grund und Boden!« Ja, ich will dich auf Händen tragen, dachte er, dir das Beste vorsetzen, was ich hab', nur beneide mich!

Aber nicht einmal das kann man von seinen Freunden haben.

Wenn er z. B., auf die Felder zeigend, rief:

»Das sind meine Felder!« fragte Mayer:

»Wie war denn die Ernte?«

Oder wenn er frohlockte:

»Schau meine Obstbäume!« bemerkte jener:

»Heuer war kein Obstjahr, was? -- Gehört der schöne Wald da dir?«

»Nein, der daneben.«

»Aber der ist ja ganz abgeforstet.«

»Wird schon anwachsen!«

»Jawohl, in hundert Jahren!«

Und als Muck diese Worte überhörend, rief:

»Eine prachtvolle Gegend, was?« wollte jener vollends wissen:

»Wie hoch kommt dich jährlich die Bestreitung des Guts?«

Aber Muck wollte an nichts denken. Es gab ja soviel Dinge, um sich daran zu betäuben.

»Hörst du den Bach?« rief er. »Das musiziert dir wie ein aufgezogenes Spielalbum.« Doch Mayer erkundigte sich wieder:

»Ist die Mühle einträglich?«

Der Müller schuldete den Pacht.

»Schau, das Wirtshaus!« sagte Muck ablenkend. Es war ein Neubau, ein Heidengeld steckte drin, wenn er aber trotzdem schimpfte, so geschah es nur aus einer Art Bescheidenheit.

»Richtig, es soll ja einen guten Apfelwein bei euch geben,« sagte Mayer. »Also das ist das Wirtshaus? Gar nicht übel!« Ja, das Wirtshaus gefiel ihm. Gottlob, daß ihm doch etwas gefiel. »Saperlot!« rief er.

Muck wußte ihm dafür Dank.

»Du mein einziger Freund!« sagte er gerührt. »Bist mir treu geblieben im Unglück, will sagen im Glück« -- manchmal wußte er selbst nicht recht, war er unglücklich oder glücklich -- »Aber wir wollen auch zusammenhalten!«

Er mußte stolz sein können, um glücklich zu sein und indem er einerseits sagte: »Das ist mein Wald, mein Bach, meine Mühle,« dachte er andererseits: Und das ist mein Freund, der Hausbesitzer Mayer.

»Ah!« rief dieser überrascht. Da lag ein Haus mit grünen Fensterläden, mit Hof und Garten davor, hart an der Straße, nah am Bach, ein buntes Beieinander -- »Das also ist dein Haus?«

»Freilich! Das heißt -- es ist doch?« Muck schien sein Haus nicht mehr zu erkennen. Ihm fehlte etwas. Hatte nicht ein Baum davor gestanden?

»Ja, sagen Sie mir, Stephani,« fragte er den Verwalter, der, sein Jüngstes auf dem Arm, aus der Thüre trat: »Wo ist denn nur der Apfelbaum?«

Dieser deutete auf den Rain jenseits des Baches.

»Aber wie in aller Welt kommt der Baum dorthin?«

Er hatte ihn umsetzen lassen, ganz einfach. So etwas! Gleich gab es Ärger, kaum daß man die Schwelle betrat. Hundskerl von Verwalter! Wie er nur die Honneurs machte, ihn umherführte in seinem Eigentum. Und schöne Dinge mußte er erfahren. Die jungen Schweine waren in den Mutterleib zurückgekehrt, das Mutterschwein hatte sie gefressen, die neue Kuh war krank, das Heu mißraten. So geh' ich langsam zu Grunde und muß dafür noch Steuer entrichten! dachte er.

Doch verschluckte er seinen Ärger, damit der Gast nichts merke, das hätte er nicht um alles wollen aus purer Eitelkeit, Gott bewahre! Aber wo steckte nur der Gast? Vor dem Haus saß er auf der Bank, um sich auszuschnaufen. Warum nicht gar! Und Hof und Ställe? Er hatte ja Hof und Ställe noch nicht gesehen. Es half nichts, er mußte das edle Mutterschwein bewundern, die kranke Kuh und die Perlhühner. Aber wo waren diese nur?

»Sie, Stephani, wo sind unsere Perlhühner?« fragte Muck.

»Die Perlhühner? He, Poldl, Lini, Hansl!« wandte sich dieser an die Kinder, die sich da herumtrieben. »Wo sind die Perlhühner?«

»Mutter!« riefen die Kinder ins Haus hinein. »Wo sind die Perlhühner? Der Vater fragt, wo die Perlhühner sind.«

»Wo sollen denn die Perlhühner sein?« gab die Verwalterin zurück, indem sie mit dem Kochlöffel in der Thür erschien. »Stasi! Wo sind die Perlhühner?« schrie sie die Magd an, die, am Brunnen stehend, ihre breite Rückansicht darbot. »Ich frag', wo die Perlhühner sind.«

»Die Perlhühner?« brummte Stasi, »die Perlhühner?«

Da sollte der Blitz dreinschlagen! Muck mußte an sich halten, der Stock in seiner Hand schien unruhig zu werden, zumal als die Verwalterin aufschrie:

»Jesus! Jetzt ist mir der Braten verbrannt!«

Schöne Aussichten für den Gast! Muck war außer sich. So gern hätte er ihm imponiert mit seinen Gottesgaben! Wieder mußte er an seine Witwe denken, d. h. an die von ihm verschmähte Witwe, der das gewiß nicht passiert wäre.

Ganz bitter schmeckte der Schweinsbraten. Nein, die Verwalterin hatte sich nicht ausgezeichnet. Aber mit Rücksicht auf ihren Mann, der am Mahle teilnahm, ließ Muck nichts verlauten. Hingegen fühlte sich dieser verpflichtet, aufzubegehren, so daß es den Anschein hatte, als wäre man bei ihm zu Gast.

Wenn wenigstens der Apfelwein besser geraten wäre! Aber Mayer hatte recht, es war der reine Essig. Diese Blamage! Nun dafür schmeckten die Kartoffeln. Sie waren aus eigener Ernte. Ausgezeichnet schmeckten sie; als sich Stephani auch schon beeilte, mitzuteilen, daß die Knollen aufgezehrt waren und neue beschafft werden mußten. Der Mensch gönnte einem keinen ruhigen Moment! Auch gingen Muck die Perlhühner im Kopf herum. --

»Warum machst du so ein trübseliges Gesicht?« fragte Mayer und auf ein Bild zeigend, das über dem Sofa hing: »Wer ist der lächelnde Patron?«

»Mein seliger Onkel,« sagte Muck, »Gott, gieb ihm a Ruh'!«

Er selbst hatte das nötiger. Zum letztenmal hatte er sich aufgerafft zur Freude. Er war zu Ende mit seinen Kräften. Das Gut wuchs ihm schon zum Halse heraus. Und doch als ihn Mayer wieder beschwor:

»Verkauf's! Schau, daß du's los wirst!« fuhr er wild auf, als ginge es ihm ans Leben. Er konnte das Wort nicht hören, es machte ihn rabiat.

»Das werdet Ihr nicht erleben!« brach er los. »Mein Gut geb' ich nicht her! Schneidet es aus der Erde heraus, wenn Ihr könnt!«

»Aber ich will ja nur dein Gutes, Kreuzdonnerwetter!« schrie Mayer, »dein Onkel ist zu Grund gegangen, und du wirst zu Grunde gehen wie noch viele andere nach dir, denn auf einem Gut müssen erst so und soviele zu Grunde gehen, wenn es Segen bringen soll!«

»Du wirst zu Grunde gehen! Du wirst zu Grunde gehen!« ahmte ihn Muck wütend nach. Umsonst versicherte ihm Mayer:

»Aber ich will dich ja nicht beleidigen!«

»Was hab' ich gethan, daß du mich nicht beleidigen willst?« rief Muck schmerzlich und zu guter letzt wurde er noch grob. Aber Mayer sagte nichts.

»Was sagst du?« rief Muck. Mayer hatte, wie gesagt, nichts gesagt, Muck aber schrie: »Was? ich bin ein Dummkopf? Das ist eine Infamie! Das brauchst du mir doch nicht zu sagen!«

Soviel Verstand hatte er noch, um zu wissen, daß er ein Dummkopf war. Wozu einem noch vorhalten:

»Willst du ganz an den Bettelstab kommen?« Da mußte man doch zornig werden.

»Freilich möchtest du das, mein lieber Freund, ich weiß es!«

»Ich sollte das wünschen, ich?« rief Mayer weinend. »Siehst du denn nicht, wie leid du mir thust?«

Das war zu viel! Muck geriet außer Rand und Band.

»Geh,« schrie er. »Geh!« Und als Mayer gehen wollte: »Du gehst? Du gehst?«

»Ja, ich gehe,« sagte Mayer und ging.

Wie verfluchte Muck alle Freunde, alle Menschen, die ganze Welt! Und wie ihm das allen Lebensmut wiedergab! Ich werde nicht zu Grunde gehen, nein, meine lieben Freunde, dachte er, daraus wird nichts! und schrie:

»Die Wirtschaftsbücher her!«

Aber die Haare standen ihm zu Berge, als er Einblick genommen. Der Schweiß rann ihm von der Stirne. Und doch war alles in schönster Ordnung. Ja, es war klar: er _war_ zu Grund gegangen! Um Mitternacht saß er noch über die Bücher gebeugt, als sich die Gespenster einfanden: die Schulden. Er war der Verzweiflung nah. Das hätte er doch nicht gedacht. O die Schande! Er wußte, der Morgen würde kommen, aber die Gespenster würden bleiben und sich gleich Furien an seine Fersen heften. Händeringend betete er:

»Gott, bin ich denn ein Schuft? Gott, sag' Nein!«

Allein Gott sagte nicht Nein.

Wie um vor sich selbst zu fliehen, floh er in die Nacht hinaus.

Leuchtende Wolken beschienen das Thal. Der Mond glich einer matten Feuerwolke. Still schwebte er über den Bergen. Wie durchgeistigt standen sie da, ein jeder für sich eine Größe und zum Himmel gehörig, wie der Himmel zur Erde, da lag sie, wie ein Stück von ihm.

Muck faßte sich am Kopf. Wie eine Erscheinung lag vor ihm die Gegend. Ein großes Schweigen sprach aus ihr. Sie wußte nichts von Schweinezucht und Wirtschaftsnöten. Wie fühlte er sich vollends als ein armer Teufel, dem die Erde so wenig gehörte, wie das Leben. Wo war sein Gut hin? Es war wie versunken. Vor ihm lag nur ein Stück überirdisch schöne Erde.

Im Grase liegend fand ihn der Morgen. Die Gicht steckte ihm in allen Gliedern. Ja, auch die Gicht hatte er sich auf seinem Gut geholt.

Unter Glockengeläute erhob er sich. Es läutete zur Frühmesse. Der Mensch muß eine Zuflucht haben, und so ging er in die Kirche, in dieses Spital für kranke Herzen.

Es war ein nüchternes Kirchlein. Ein Bauerssohn von Priester stand am Altar. Wie der Diener, so der Herr. Hier wohnte nicht der ehrwürdige, großartige Gott, der in mittelalterlichen Palästen wohnt, dessen Geist unter Ornamenten und Spitzbögen schwebt, der einen Hofstaat hält von Bischöfen und Prälaten, nein, ein bäuerischer Gott, ein armer Mann von einem Gott, der Gott aus seiner Kindheit. Es war lange her, daß sie sich gesehen. Er glaubte eine Stimme zu hören: »Wie du dich verändert hast, Johann!« Und du dich erst, lieber Gott! dachte er. »Wie groß du geworden bist!« -- Und du so klein! -- --

Eigentlich hatte er große Momente auf seinem Gut erlebt: den Freund verloren und seinen Gott. Aber alles holt der Teufel!

Nur eins war ihm geblieben: sein Stock.

Und den brauchte er!

Heimkehrend sah er ein Wägelein daherrattern. Flurl saß auf dem Kutschbock. Er hatte einen Kropf, das war seinem Herrn nichts Neues mehr, dennoch mußte er sich bei seinem Anblick stets sagen: Er hat einen Kropf.

»Wohin? wohin?« hielt er ihn an.

»Zur Bahn.«

Nun erst bemerkte er den toten Rehbock, der steif im Wagen lag.

»Und der Rehbock?«

»Wird an den Wildprethändler expediert,« und Flurl ratterte davon, um den Zug nicht zu versäumen. Muck sah ihm nach.

Famos! dachte er, und ich beklag' mich noch, daß der Wald nichts einträgt!

Es war ganz früh. So früh hatte er noch nie den Hof betreten. Reges Treiben herrschte dort. Schon von ferne sah er Milch aufladen und die in nasse Tücher eingewickelte Butter. Gar so schlechte Leute hab' ich doch nicht! meinte er, und der Verwalter scheint auch nicht so untüchtig zu sein. Eigenhändig hob er einen Korb auf den Wagen, der, wie Muck entnehmen konnte, mit Eier gefüllt war. Er bekam ordentlich Respekt vor sich. Eierhandel treib' ich auch! Das wußte ich gar nicht, dachte er, aber wie kommt es, daß im Wirtschaftsbuch nichts von alledem steht, oder nur in kleinen, ganz selten auftretenden Posten?

Er lief ins Haus, schlug die Bücher auf, um sich zu überzeugen. Dann rief er nach dem Verwalter.

»Sie, Stephani,« sagte er, »wissen Sie, daß Sie ein Dieb sind?«

»Das nehmen Sie zurück!« rief dieser entrüstet.

»Was?« schrie Muck. »Na, warte!«

Knüttel aus dem Sack!

Er haute ihn durch, daß es eine Freude war. Das Stöcklein, froh, seinem Berufe leben zu können, machte lustige Sprünge. »Mich bestehlen! ruinieren!« tobte Muck, »aber ich will auch 'was davon haben!« Er traktierte ihn so, daß er sich zu wehren vergaß und, sich nur die schmerzenden Stellen haltend, rief:

»Das nehmen Sie zurück! Das nehmen Sie zurück!«

Aber einmal im Zug wollte Muck alles krumm- und kleinschlagen. »Ich war ein Dummkopf, und das sollt Ihr mir büßen!« schrie er, indem er mit dem Stock zwischen die Knechte fuhr. »Glaubt Ihr, ich lass' mich von hinten und von vorn betrügen? Von hinten meinetwegen, doch von vorn nicht!« Wo es einen Rücken gab, gab's Schläge. Nun erst erschien ihm das Leben wieder schön. Klips klaps! Klips klaps! Das Stöcklein schrie vor Freude, seine Stunde war gekommen -- höchste Zeit! Sogar die Kühe und Schweine bekamen ihren Teil. Er behandelte sie wie Menschen. »Ich will auch 'was davon haben! ich will auch 'was davon haben!« Ein Huhn schlug er tot, mit einem Hieb. Ja, das Leben war schön, eine Pracht. Dennoch seufzte er:

»Ich möcht' ein bißchen sterben!«

Sofort wollte er sich im Teich ertränken. Im eigenen Teich sich ertränken können! Es ging nichts darüber, wohlhabend zu sein. Um sich aber vollends einen guten Tag zu machen, wollte er sich lieber aufhängen. Aber wo? Im Garten, im Wald oder am Rain an seinem geliebten Apfelbaum? Die Wahl that ihm weh, als ein Brief eintraf mit einer Neuigkeit, die ihm alle Lust zum Leben wiedergab. Wenn er seinen Verpflichtungen bis dann und dann nicht nachkomme, schrieb der Advokat, käme sein Gut unter den Hammer. Das Gut, das er mit seinem Blut gedüngt!

»Da muß ich dabei sein!« rief er.

Und er war dabei.

Es war Winter. Über die Felder strich der Wind. Die Bäume waren die reinen Skelette. Krähen saßen auf den Telegraphendrähten, und diese glänzten in der Sonne wie Stricke aus Brillanten. Hie und da guckte aus dem Schnee ein Stück nackte Erde hervor, es sah aus, als trüge sie zerrissene Kleider.

Im Haus war die Versteigerung. Es prasselte im Kachelofen, doch war die Stube nicht zu durchheizen. Man behielt die Pelze an, der Auktionator hatte sogar die Mütze auf. Er stieß mit dem Kopf an das Bild des Onkels, daß der Nagel sich lockerte, an dem dasselbe hing. Unter den Kauflustigen befand sich auch Frau Bradl in einer mit Bisam verbrämten Jacke.

Doch Muck sah sie kaum. Alle Liebe war beim Teufel. Sein großer Kummer kurierte ihn von allen andern Kummern dieser Welt.