Katastrophen: Neue Novellen

Part 3

Chapter 33,822 wordsPublic domain

Umsonst, sein Herz war angefressen; was Gram und Angst begonnen, das Glück vollendete es. Im Glück ereilte ihn die Wut. Denn wie bald konnte seine Stunde schlagen!

Hilfeflehend klammerte er sich an das Lichtbild der Geliebten: »Rette mich! Ist das deine ganze Liebe?« ...

Schon sah er sich verloren. Ja, ihm war, als erhöbe sich das Meer und wollte ihm ans Leben. Also jetzt? jetzt? ... Es packte ihn wie Wahnsinn. »Mörder!« schrie er und stürzte dem Feinde entgegen ...

Zurück! Zurück! warnten die Wellen. Doch der Rasende stürmte vorwärts, seinen Angreifer zu fassen. Sie schleuderten ihn ans Land: Wir kämpfen nur mit Männern, Wahnsinnige sind vor uns gefeit! Er brauchte nur Grund zu fassen, und Luft und Leben waren wieder sein. Doch um sich seiner Haut zu wehren, warf er sich wieder ins Wellengewühl. Ein fürchterlicher Kampf begann. Er glaubte mit Gott zu ringen. »Wer ist der Stärkere, das wollen wir sehen!« Wild schlug er drein, als wollte er das Meer zermalmen. »Ich will nicht sterben, nie und nimmer!« schrie er und ertrank.

Die Erbschaft.

Als junger Bursch ging Johann Muck nach Wien, sein Glück zu suchen. Auf Schusters Rappen und in der Glühhitze des Sommers. Wie lechzte er danach, im Schatten auszuruhen, als sich ein Wald vor ihm auftürmte, Baum an Baum, ein Riesendickicht.

»Wo gehts da in den Wald hinein?« fragte er einen Bauer, der des Weges kam.

»Dumme Frage«, war die Antwort, »der Wald steht einem überall offen.«

»Ach ja,« seufzte Johann Muck, »auch die Welt steht mir offen, aber ich weiß doch nicht aus, nicht ein.« Und er warf sich am Waldrand nieder, halbtot vor Müdigkeit. Zwei Tage war er unterwegs gewesen, ohne nur einen Wanderstab zu haben. Nun hob er einen gebrochenen Ast auf und begann ihn zuzuschnitzen, wobei er nicht aufhörte zu seufzen.

Der arme Teufel stand da ohne Arbeit, ohne Geld. Nichts hatte er als ein rechtschaffenes Herz. Zwar einen reichen Onkel hatte er auch, der aber von ihm nichts wollte, der Geizhals! Auf seinem schönen Gute hausend beklagte sich der Knauser und that, als ob man ihm noch etwas schenken sollte. Es galt denn ohne den filzigen Alten fertig zu werden, aber wie?

Von Kindesbeinen auf hatte er sich allein durchbringen müssen, denn seine Mutter war eine böhmische Köchin gewesen, und seinen Vater kannte man nicht. Arbeiten und nichts lernen! hatte seine Schicksalsparole gelautet. Wenn er wenigstens eine Profession gehabt hätte! Aber nichts konnte er, als höchstens Stöcke machen. Da schwang er sein Fabrikat, einen festen, elastischen Stock. Gut, so will ich Stöcke machen, dachte er, aber dich, meinen ersten, behalte ich zum eigenen Gebrauch!

Zehn Jahre später war er Inhaber einer Stockfabrik. Am Diamantengrund hatte er sich etabliert, das Geschäft florierte. Nicht umsonst hatte er sich abgerackert. Gestützt auf seine Stöcke sah er dem Leben froh ins Gesicht. Wer hätte gedacht, daß er so groß dastehen würde ohne einen Kreuzer Schulden. Der Zündhölzchenfabrikant Mayer, ein Hausbesitzer, war sein Freund. So weit hatte er es gebracht. Und aus eigener Kraft! Kein Wunder, daß er in die Breite ging. Ja, er konnte sich sehen lassen mit seinem stattlichen Bauch, je einen Büschel Bart auf den glänzenden Wangen und den bewußten Stock stets in der Hand. Der war sein stiller Kompagnon.

Es war eine Passion zu leben! Nur das verflixte Herz! Frau Bradl hatte es ihm angethan, die blühende Witwe eines reichen Cafetiers. Es gab keine feschere, herzigere Frau! Also eine Hoffnung mehr im Leben, ein Grund mehr, Gott zu danken. Das konnte er in jeder Beziehung, denn wenn man so dastand, wie er -- Nun brauchte er nicht mehr den Schmuzian vom reichen Onkel, und zum Beweis, daß er ihm nichts nachtrug, machte er ihm einen prächtigen Stock zum Geschenk.

Doch da kam er gut an bei dem alten Griesgram. Der empfindliche Herr betrachtete den Stock als Symbol und schrieb dem Spender einen Brief voll Gift und Galle. Dieser bekam Dinge zu lesen, daß ihm Hören und Sehen verging, aber auch die Geduld. O der Giftzahn! Aber alles brauchte sich der Mensch nicht gefallen zu lassen. Na warte! Er mußte ihm seine Meinung sagen. Übrigens schrieb er ganz höflich: »Verzeihen Sie, lieber Onkel, ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, aber Sie sind ein Esel.«

Das war zu viel für den Wüterich. Er barst schier vor Zorn. Die Todfeindschaft war besiegelt. Das bleibt dir nicht geschenkt, Herr Neffe! dachte er. Alles Böse hätte er ihm anthun mögen. Darin war er groß. Ja, er sollte an ihn denken! Denn als er bald darauf als ein verhältnismäßig armer Mann starb, hieß es in seinem Testament:

»Mein Gut vermach' ich meinem lieben Neffen Johann Muck.«

Dieser verkaufte Stöcke und tauschte mit keinem König, als man ihm die Trauer- resp. Freudenbotschaft überbrachte: »Ihr Onkel ist tot, und Sie sind Gutsbesitzer.« Fast wäre er vor Freude gestorben, doch hielt er sich zurück.

»Mein armer Onkel!« klagte er vielmehr. »Das Gut gehört mir? Ist er sanft entschlafen? Welch' ein Glück! Wann wird er denn begraben? Das freut mich herzlich! Wie viel Joch beträgt es?«

Langsam faßte er sich. Sein Glück konnte er noch immer nicht fassen. Er freute sich, als hätte er sich sein Leben lang zu freuen. Umsonst versuchte er an der Bahre zu jammern:

»Hab' Dank! O daß du gestorben bist!« es klang wie ein Jubelruf: »O hab' Dank, daß du gestorben bist!«

Ist denn die Freude eine gar so anstrengende geistige Arbeit? Fast wäre er närrisch geworden. Aber es war auch keine Kleinigkeit. Er war froh gewesen, daß er lebte, und nun das Glück! Er war froh und zufrieden gewesen und nun das großmächtige Glück, das Glück aus heiterem Himmel! Kein Wunder, wenn man da gefühlvoll wird.

»Begraben Sie ihn gut, Hochwürden,« bat er gerührt den Geistlichen. Wie weinte er! Vollends am Grabe -- wie weinte der lachende Erbe:

»Mein armer, armer Onkel!«

Zu seinen Lebzeiten hatte er nie anders von ihm gesprochen, als: »mein reicher Onkel« und kein gutes Haar an ihm gelassen. Aber die Toten haben es gut. Nun sagte er: »Mein armer Onkel« und hob ihn in den Himmel. »Mein armer Onkel! Gott, gieb ihm a Ruh'!« eine Redensart, die er offenbar von seiner Mutter hatte, die, wie gesagt, eine böhmische Köchin gewesen.

Nun aber kaltes Blut bewahrt! Und Courage! Und sich ins Glück gestürzt über Hals und Kopf!

Sein Geschäft hatte für ihn ausgelebt. Man bricht mit der Vergangenheit beim Erstehen eines neuen Glücks, da giebts keinen Pardon, nicht mit der schönsten Vergangenheit. Das Gut war seine Hoffnung, ihm galt seine Pietät. Verschleudern wollte er sein blühendes Geschäft. Zum Glück fand sich kein Abnehmer sogleich. Wie würde es ihm vollends ergangen sein mitsamt seinem Gut!

»Schade, daß es verwahrlost ist,« hieß es bei der Erbschaftsübergabe.

»Verwahrlost?« staunte er, »aber das steht ja nicht im Testament!«

Aber als er an einem Maitag an Ort und Stelle fuhr, um Besitz von seinem Besitz zu ergreifen, und nachdem er an der Bahnstation gefragt hatte, wo Himmelshof lag, sein Gut, seine Welt, und auf dem Weg dahin immer wieder gefragt hatte: »Wo liegt Himmelshof?« bis man ihm die Auskunft gegeben: »Na, vor Ihrer Nase!« wäre er vor Entzücken fast in die Kniee gesunken.

Das wollte ein verwahrlostes Stück Erde sein, dieses Paradies? Mit dem Blumenmeer von Feldern, den Blumensträußen von Bäumen, der kristallnen Luft voll Duft und Schmetterlingen? Luftig, gewaltig erhoben sich die Berge, ihr Atem berührte das Thal. Und was war das für ein Himmel! Wie schien dort oben die Sonne und streute Strahlen hernieder wie Gold. Auf goldiger Erde, unter goldigem Himmel stand das Haus. Das Thor war aufgethan. Juchhe! Ihm war, als hätte er eine Welt, als hätte er die Welt entdeckt. Was hatte er gewußt, daß es eine Erde gab, einen Himmel und einen Himmel auf Erden?

Und diesen schönen Fleck Erde hatte der Onkel wie die Pest geflohen, davon schließlich nichts hören wollen, so daß die Felder in schlechten Pächtershänden waren und die Waldungen verwildert. Aber man richtet sich eben ein, daß man alles selbst bewirtschaftet; hat man aber keinen blauen Dunst davon, so nimmt man sich einen tüchtigen Verwalter.

Muck nahm sich einen Verwalter, einen zu Grunde gegangenen Gutsbesitzer. Der mußte doch zu wirtschaften verstehen. Es war ein gar unternehmender Herr mit hochfliegenden Plänen, die vorläufig freilich nur in Anschaffungen bestanden. »In eine ordentliche Wirtschaft gehört dies, in eine ordentliche Wirtschaft gehört das --« und dabei hatte er eine Art, sich den langen Bart zu streichen, daß ihm Muck recht gab und Geld -- Geld ohne Ende. Entweder man hat ein Gut oder man hat keins, rechtfertigte er sich vor sich selbst. Wagte er aber doch zu seufzen, so hieß es: »Das ist bloß der Anfang!« Doch der Anfang nahm kein Ende, hingegen seine Barschaft, denn Steuern mußten ja auch entrichtet werden. Gleich stellte sich der Staat ein mit der Rechnung: Ein Gut erben kostet so und so viel. Was nur das Bauen verschlang! Vom Viehkauf gar nicht zu reden. O mit deiner ordentlichen Wirtschaft! dachte Muck, bin ich denn ein Millionär? Hätte er wenigstens mehr davon verstanden! Schade, daß das Gut kein Zinshaus ist! bedauerte er oft, freute sich aber doch, daß das Gut ein Gut war. Machte es ihm auch Kummer und Sorgen, so war es doch sein Glück! Seine Sparkasse, dahin sein letzter Kreuzer spazierte, sein Stolz, für das er sich gern zu Grund richtete, von dessen Gnaden er nicht leben wollte.

In der That stand im nächsten Frühjahr ein schönes Haus da -- er hatte sich kein neues gebaut, weil das zu hoch gekommen wäre, nur das alte umbauen lassen, was freilich so hoch gekommen war, wie ein neues -- und Ställe und Scheunen lagen daneben. Wohl waren diese noch leer, doch auf den Feldern blühte die Saat. Ja, nun hieß es ernten, die Zinsen einheimsen. Was setzte er für Hoffnungen auf sein Gut, wie hatte er seine Freude dran!

Sonntags wenn er vor seinem Hause stand -- wie dufteten die Nelken und Rosen! So schön hatten sie die ganze Woche nicht geduftet. Auf den Dächern girrten die Tauben, und im Hof trieben sich still die Hühner umher, der Hahn hochbeinig, den Schnabel in der Luft, die Henne gesetzt und bekümmert. Zwischen ihnen stolzierte der Verwalter mit einer Miene so sicher und gelangweilt und strich sich den wehenden Bart. Der Hahn hatte etwas Männliches und der Verwalter etwas Hahnenartiges -- eigentlich konnte ihn Muck nicht recht leiden. Er war eine militärisch vornehme Erscheinung und stand mit der Mutter Natur auf Du und Du -- man kam sich neben ihm vor wie Parvenü. Kinder liefen einem zwischen den Beinen, lauter Sprößlinge von ihm. All die Mäuler mußte er füttern. Ja, hier war er Herr, das fühlte selbst Schnapsl. Wie er ihm schön that, wie er ihn verwöhnte! Es gab keinen spaßigeren Dackel. Dick wie eine Walze, mit geringeltem Schweif -- es war kein echter, nur ein »imitierter«, wie sein Herr ihn neckte. Der Kopf war groß wie von einem Flußpferd, dabei war er munter und verspielt wie ein Kind. Der liebte ihn auch nicht wenig. Endlich ein Hund, den er liebte. Er hatte noch nie einen besessen. Wie kann man Hunde fremder Leute lieben? Ihm war, als hätte er auch die Welt noch nie geliebt. Wie kann man die Welt fremder Leute lieben? Doch sich sagen können: Das ist mein Haus, mein Hund, das sind meine Schweine, meine Kühe!

Auch bei ihnen kehrte er ein und fand sie bei ihrem Tagewerk. Selbst an einem Sonntag rasteten sie nicht. Für die Kuh hatte er eine ganz spezielle Verehrung. Wie prächtig sie das frische Gras zum Dünger verarbeitete! An dem starren Körper hob und senkte sich der dünne, rege Schweif, es war wie eine Riesenmaschine.

Hie und da gingen Leute vorbei und grüßten mit trägem Respekt. Der neue Gutsherr erfreute sich keiner Beliebtheit. Dafür sorgten schon die gekündigten Pächter, die ihn ausrichteten. Ach ja, die Bauern! Bellend lief Schnapsl auf die Straße und bellte noch, wenn die Leute schon längst vorbei passiert waren. »Kusch dich, Schnapsl!« Aber er bellte beim bloßen Gedanken dran, daß es jemand gewagt. Er war ganz nervös und wollte seinen Spaß haben auch an einem Sonntag. Wie gern hätte er Händel angefangen! Doch mit wem? Heute durften die Kinder ihre Hosen nicht zerreißen. So lange zu ruhen! Man war ganz erschöpft, und der Tag nahm kein Ende. Wie wurde es eintönig im Hof! Man sah nichts als Hühner, Gänse und Tauben. Wer bemerkte sie an Wochentagen? Der Knecht lag vor der Stallthüre wie krank. Sechs Tage arbeiten und am siebenten vor Langeweile sterben -- war das nicht zu viel verlangt vom lieben Gott und christlich? Das Haus stand noch am selben Fleck, und der Garten wurde immer kleiner. Man hatte die Rosenstöcke gezählt und man hatte die Hühner gezählt. Man wußte alles auswendig, und der Sonntag schien hundert Jahre alt mit seinen Rosen, Hühnern und Tauben, als man einen hohen Flügelschlag vernahm. Ein Laut aus höheren Regionen. Die Luft erbebte, ein Adler kreiste über Haus und Hof. Alles schauerte zusammen, fühlte sich geschmeichelt -- welch ein Sonntag!

Und welch ein Sonntag war das für Muck, als die schöne Witwe, seine alte Flamme, ihn in die Versuchung brachte, oder vielmehr ihr Schwager, der pensionierte Hauptmann Bradl. -- Das war so:

Muck stand wieder vor seinem Haus. Wenn er drin war, sah er es nicht und er wollte es immer vor Augen haben. Wie sich eine Frau unter Rosen schön ausnimmt! dachte er, die Verwalterin im Garten erblickend. In ihrem Sonntagsnachmittagsausgehkleid sah sie gar sanft und vornehm aus und putzte ihren Kindern die Nasen. Die ganze Naturgeschichte spielte sich ab vor seinen Augen, nur er hatte gar keine Rolle drin. Plötzlich hätte er auch Weib und Kinder haben mögen. Sein Hof war eine Arche Noah, darin alles gepaart war bis auf ihn. Daß ihm Frau Bradl einen Korb gegeben! Er hatte ihr nämlich einmal durch die Blume einen Heiratsantrag gemacht, aber sie war halt zu reich gewesen für ihn. Leider! Alleinsein ist doch kein Geschäft! dachte er, wo nimmt man schnell Weib und Kinder her? als der Hauptmann in den Hof trat.

»Meiner Seel und Gott, der Herr Hauptmann!«

Er war's mit seinem Kaiserbart und der eleganten Tournüre. »Der Herr Hauptmann! Welche Ehre!«

Der aber rief mit dröhnender Stimme:

»Gratuliere! gratuliere! Na, hören Sie, Sie haben ein Glück, Herr Muck, daß es schon nimmer schön ist.«

Muck erschrak nicht wenig.

»Ja, denken Sie sich nur, was Ihnen passiert ist,« lachte der joviale Herr, »ein Schatz ist gefunden worden auf Ihrem Grund und Boden. Natürlich gehört er Ihnen. Wollen Sie ihn nicht beheben?«

»Ein Schatz?«

»Da ist er!« Und lachend zeigte der Spaßvogel auf seine Schwägerin, die errötend und siegesbewußt hinter dem Zaun stand, ganz erhitzt von der Sonnenglut. Wie war sie hübsch, zum Dreinbeißen! An jeder Hand führte sie einen Buben, ja, Familie hatte sie auch, und man wäre gleich zum Fertigen gekommen. Doch statt das Glück beim Schopf zu fassen und mit tausend Händen danach zu greifen, dachte Muck abgeschreckt: Jetzt bin ich ihr gut genug, weil ich ein Gut hab', natürlich! und lachte nur bescheiden über den freundlichen Scherz. Doch that sie, als wüßte sie von nichts, und wollte gleich um ein Häuschen weiter. Verwandte von ihr wohnten in der Nähe. Sie war aus der Gegend -- dieser Zufall! Nein, nicht um alle Welt wäre sie eingekehrt. Erst nach vielem Zureden ließ sie sich herbei, den Hof zu besichtigen. Sie schien etwas von der Landwirtschaft zu verstehen und machte Bemerkungen, wie:

»Recht schön, aber -- Schade nur --« so daß Muck beleidigt auffuhr:

»Was aber? Was schade nur?«

»Gehen Sie!« lachte sie. »Haben Sie vielleicht kein Kreuz mit Ihrem Gut?«

»Freilich!« gab er zu.

Freilich gehört es nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens, beim Jahresabschluß eine Ziffer zu sehen, daß es einem schwindelte, aber nicht bei den Einnahmen, nein, bei den Ausgaben. Einnahmen! Das existierte überhaupt nicht. Ein Gut ist keine Melkkuh, sondern ein Säugling, der trinken will aus tausend Brüsten. Freilich gehört es nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens, mit offenem Säckel dazustehen. Das Stockgeschäft konnte nicht alles bestreiten. Es versagte einfach: Bis hieher und nicht weiter! Aber das Gut wollte leben. Ein kostspieliges Vergnügen das, ein Gut zu besitzen. »Gott, wie hab' ich das verdient?« seufzte er und konnte vor Sorgen nicht mehr schlafen, vor blutigen Sorgen! Der vielfachste Familienvater hatte es besser. Woher nur das viele Geld nehmen? Alles eins, wenn er es nur auftrieb, galt es auch, es aus der Erde zu kratzen. Na, ich leg' mein Geld gut an, dachte er, so gut, daß ich es nimmer angreifen kann.

Freilich hatte er die Butter umsonst. Umsonst? Du lieber Gott! »Was kostet Sie die Butter?« fragte er seine Kunden. »Neunzig Kreuzer das Pfund«, hieß es. Weiß Gott, dachte er, mich kostet es die Tausende und die Tausende!

Sein Gut war eben ein Land, wo Milch und Honig nur in geringer Quantität floß. Eine Kuh gäbe täglich nur vier Liter Milch, berichtete ihm erst neulich der Verwalter. Verdammtes Vieh! Es wurde gewartet wie eine Prinzessin und gab doch nicht mehr wie vier Liter pro Tag!

Ach ja, die Berichte! Schöne Neuigkeiten das! Der Ochsenstall müsse vergrößert werden, hieß es z. B., der Jäger habe gekündigt und sich bei den Leuten beklagt, zu wenig zu essen zu bekommen, die Dachrinne sei beschädigt, und Schnapsl hingeworden am Gift, das man den Füchsen gestreut -- sein Schnapsl!

Und da staunten noch die Leute und fragten: »Was treiben Sie? Sie werden ja ganz grau?«

Sogar Hypothek hatte er aufnehmen müssen, sein Gut verpfänden!

Doch die Ernte sollte alles wieder einbringen.

Ei jawohl!

Tags vorher -- die Lerche badete zum letztenmal in der goldigen Kornflut -- zogen Wolken heran, ein ganzes Regiment. Auf dunklen Rossen kamen sie durch die Luft geflogen. Sie umschlangen sich mit rabenschwarzen Armen, und nun begann das Bombardement. Der Gutsherr zitterte, doch nicht für sein Leben. Das war ihm früher erlaubt gewesen. »Mein Haus!« jammerte er, »meine Ställe, meine Bäume!« Wie hätte er sie mit dem Leibe schützen mögen! Die Blitze zuckten wie tanzende Feuerstrahlen -- welch herrliches Schauspiel! Doch hatte er andere Sorgen: Wenn es einschlüge! Es donnerte und dröhnte, als bräche der Himmel in Scherben. Krach! es hatte eingeschlagen! Großer Gott! Nun prasselte es hernieder, ein Wasserfall aus Himmelshöhe, der fürchterlichste Niagara. Hätte er doch einen Schirm halten können über Wald und Feld! Allmächtiger Gott! Er schmeichelte Gott, kam ihm grob, als ein kalter Kugelregen herabrieselte, das schwere Geschütz. Barmherziger Gott, und die Felder! Und der Assekuranztermin, der neulich abgelaufen und noch nicht erneuert worden war! Es war um wahnsinnig zu werden! Aber da lachte der Himmel, als sei nur alles Spaß gewesen. Dem Gutsherrn war nicht zum Lachen. Rasend vor Angst stürzte er hinaus:

»Wo, wo hat es eingeschlagen?«

»Auf dem Nachbargut.«

»Welch ein Glück!«

Aber man kam nicht aus der Aufregung heraus und hatte keine Ruhe. Weder vor dem lieben Gott, der die Ernte zerstörte, noch vor den bösen Buben, die die jungen Bäume beschädigten. Die Kerle fraßen ihm alles grüne Obst weg. Hätten sie nicht warten können, bis es reif geworden? Aber das war noch gar nichts. Ärger als die Obstdiebe waren die Holzdiebe, die Wilddiebe und die Tagediebe!

Die Frau fehlte an allen Ecken und Enden. Wie hätte er sich den Kopf abreißen mögen, Frau Bradl verschmäht zu haben, eine so tüchtige Frau, die abgesehen davon, daß er bis über die Ohren verliebt in sie war, für eine Gutsfrau wie geschaffen schien. Die würde Ordnung gehalten, den Knechten und Mägden auf die Finger gesehen haben, und das Vieh wäre nicht ewig krank geworden.

Jeden Moment gab es einen Patienten. Wenn er den Verwalter zur Verantwortung zog, indem er ihm zaghaft vorhielt: »Aber lieber Herr Stephani« -- dann strich sich dieser den Bart so unschuldig und sanguinisch -- es war um aus der Haut zu fahren! Welch eine Mißwirtschaft! In Geschäft und Werkstatt wußte er schon Ordnung zu machen, da nahm er sich kein Blatt vor den Mund, doch hier traute er sich nichts zu sagen aus Furcht, daß ihn jener anfuhr: Was verstehst du Stockfabrikant! Er konnte doch nicht überall sein, mußte ja beim Geschäft bleiben und arbeiten, arbeiten, daß ihm der Buckel krachte. Für wen? Für den Herrn Verwalter, die Knechte und Mägde, das Gesindel -- Wie verwünschte er sein Gut in den tiefsten Grund der Hölle! Es schied ihn auch von seinen Freunden.

»Ein Gut erben, auch eine Idee!« spottete der Galanteriewarenhändler Fuchs, und der Hotelier Nagel erklärte ihn einfach für übergeschnappt. Freund Mayer konnte ihm nur das eine raten: »Verkauf dein Gut!« Um den kleinsten Haupttreffer hätten sie ihn eher beneidet. Er wurde lächerlich in ihren Augen. Armer Muck!

Nein, mit dem Gute wollte es durchaus nicht gehen. Zwar verlor er noch nicht alle Hoffnung, und die Zukunft erschien trostreich, aber bis dahin -- Eine Freude oder ich vergehe! dachte er eines Tags und fuhr zu sich hinaus.

Es war gerade Kirchtag. Heissa! Es ging her wie im ewigen Leben. Bis vor der Wirtshausthür stand das Volk, so überfüllt war der Tanzsaal. Der Dudelsack brummte so rührend gemütvoll wie ein lebendiger Bauch, und die Burschen waren so fröhlich und die Dirnen so schön. So schön kann man nur einmal im Jahre sein, so fröhlich nie mehr wieder. Selbst der Dorftrottel freute sich, so viel Verstand hatte er noch.

»O ihr Glücklichen!« rief Muck laut aus. Doch ein Betrunkener meinte: »Glücklich? Geh weiter! Lustig sind wir, das ist mehr wert! Gescheit sein, Kinder!« Sie trieben's wie toll.

Was hieß lustig sein? Wenn man sich die Köpfe einschlug. Die Fäuste begannen ihr Werk, die Messer wurden gezückt. Wie das anheimelte! Nur scheinbar trennte man die Kampfhähne. »Loslassen! loslassen!« was so viel hieß, als: Nur zu! faßt euch! Bravo! Zumal als man Blut rinnen sah -- wie die Alten die Hälse reckten -- o Jugenderinnerung! -- wie die Jugend gierige Mienen machte und etwas wie von einem großen Moment verspürte, ja, wie selbst die so arg Zugerichteten Stolz empfanden, die Helden des Tages! Allerseits Freude und Zufriedenheit, als man plötzlich des Gutsherrn gewahr wurde. Man schämte, ärgerte sich -- was wollte der Störenfried? Konnte man sich nicht einmal friedlich unterhalten? »Hier ist kein Platz für Herrenleute!« riefen die Frechsten, und Muck machte, daß er fortkam.

So hab' ich mich denn unmöglich gemacht bei allen Menschenklassen? dachte er bitter. Soll ich unter Schweine gehen? ...

Auf dem Stoppelfeld grasten sie, und wie man plötzlich ein Kunstwerk entdeckt, daran man stets achtlos vorbeigegangen, sah er sie und sah, wie die alten Schweine etwas Tyrannisches an sich hatten, aber wie den Jungen die Unschuld aus den Äuglein blickte, gleich Idealisten, die im Sumpfe waten, weil dem Reinen alles rein ist. So sahen also die Schweine aus? Wie eine Wurst mit Augen und Ohren, mit Schnauze und Schweif. Das Tier in seiner einfachsten Form. Ein zweijähriges Kind konnte sie zeichnen. Und diese blasse Farblosigkeit, die roten Äuglein! Die reinen Albinos. Wie sie nur grunzten! Was giebts? Was beliebt? dachte Muck, aber die Chinesen würde ich ja auch nicht verstehen, sind die Chinesen trotzdem nicht Menschen? und blieb bei den Schweinen.

Er kam sich so verlassen vor! Sein Herz war voll tausend Ängsten. Wehmütig dachte er an die schöne Zeit, da er noch kein Gut besessen ...