Part 2
Ein Wort des Tadels, des Zuspruchs hätte ihn wieder aufgerichtet, allein so recht als ein abgespannter, im Schlummer gestörter Greis sagte jener, sich und alle Welt beklagend:
»Gewiß sollte man sich bereit halten. Die Alten müssen, die Jungen können. Glauben Sie mir, je eher desto besser!« und solche Redensarten mehr, die für Karl ebenso viele Behauptungen waren: Du mußt aus der Welt! Friede deiner Asche! In seinem Hirn sauste es, und er hatte nicht übel Lust, sich an dem Alten zu rächen. Ich muß doch noch bei Kräften sein, ich kann ja noch morden! beruhigte er sich. Dieses Eulennest in Brand stecken, mir eine Kugel durch den Kopf jagen! Was alles könnt' ich nicht? Ängstlich horchte er auf, als müßte es eine Stimme von außen bekräftigen, daß er allerdings sein eigener Herr und Gebieter war, sich keineswegs ein solch jähes, unwürdiges Ende mußte gefallen lassen und in Erbitterung gegen seine Angehörigen, schuldbeladen gegen den Freund, in der Fremde umkommen wie ein Hund.
Auf dem Nachttisch lag staubbedeckt eine alte Bibel. Seine Schwester pflegte die Bibel um ihr Schicksal zu befragen. Was hatte sie stets für ein drollig banges Gesicht gemacht bei der Frage: Werd' ich bald heiraten? bis die Antwort auf Ja gelautet hatte, und sie unter die Haube gekommen war. Glühend vor Erregung griff er nach dem Buch, schlug es auf und las die Stelle, wo es heißt: »Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.«
»Ich will nicht!« schrie er und warf das heilige Buch zu Boden.
Er war zu markig, zu willensstark, um den Atem auszuhauchen. Was war der Tod? Wenn man im Meer ertrank, oder wenn einen der Blitz erschlug. Wohlan, er wollte das Meer meiden, sich nicht ins Gewitter begeben und sterben, wann's ihm beliebte!
Mit wüstem Kopf streifte er andern Morgens am Strand umher. Er sah den brennenden Felsengrund der Insel, den englischen Dreimaster, der zum Einkauf von Hummern nachts eingelaufen war, die schöne, in Luft und Meer getauchte Landschaft, indem er sich zweifelnd fragte: Ist das Schauspiel vor meinen Augen nicht bloß Einbildung? Ich war nicht und werde nicht sein, bin ich denn?
Unweit vom Ufer stieg Guillot am Bord des »Druid« umher, bemüht, das Regenwasser aus dem Schiffsraum zu entfernen. Heute noch sollte Karl mit ihm nach Concarnot fahren, um dort bei der großen Wettsegelfahrt den ersten Preis davonzutragen.
»Ich will mich waschen,« versprach Guillot freudig, »und mein Matrosengewand anziehen. Sie sollen mit mir Staat machen!«
»Ich fahre nicht!« rief Karl. Jener warf den Kübel hin, sprang mit seinen nackten Beinen in das niedrig stehende Meer und watete zu Karl, um ihm den Bauernspruch ins Gesicht zu sagen:
»Es scheint, Sie wollen sterben? Nur im Tod verändert der Mensch seinen Charakter.«
»Hunde!« knirschte Karl, der sich von der ganzen Menschheit angegriffen sah, und packte den Vorwitzigen beim Kragen. Der kannte derlei schlechte Späße; er hatte früher beim Herrn Coëtlogon gedient.
»Na, Sie profitieren ja bei uns!« meinte er.
»Hast recht,« meinte Karl. Ich muß das Gift los und wieder der Alte werden! dachte er verzweiflungsvoll. Instinktgemäß verlangte er nach Frauengesellschaft, nach müßigem Geplauder, und so spannte er denn Carabine vor das Gefährte, um Frau Cosmao einen Besuch abzustatten.
Sein Weg führte an der »großen Mühle« vorbei. Der Müller und sein Sohn hatten vor Jahr und Tag mit ihren Nachbarinnen, Mutter und Tochter, Hochzeit gemacht und führten in der einzigen Stube der Mühle gemeinsamen Haushalt. Das Mühlrad ruhte jetzt, und vor der Thür lag der junge Müller, das aufgedunsene Gesicht der Sonne zugekehrt, starr und leblos im Staub. Karl hielt ihn für tot. Ihn schauderte. Gab es etwas Widerwärtigeres, als eine Leiche? Wilder Schmerz erfaßte ihn, die schöne Erde so geschändet zu sehen, er hätte sich niederwerfen und bitterlich weinen mögen. Da trat die junge Müllerin aus dem Haus, ein blühendes Geschöpf von kaum sechzehn Jahren mit gerader Nase und strahlenden, weitgeschlitzten Augen. Sie drückte ihren Säugling an sich, und als ob sich ihr Elend von selbst verstünde, sagte sie einfach, fast würdevoll:
»Das ist mein Mann, er ist betrunken, der schlechte, schlechte Geselle!«
»Ha, ha, ha!« Karl lachte auf, und in der Überzeugung, daß der Mensch nicht wert war, daß er lebte, nahm er für den Tod Partei und lobte ihn in gönnerhafter Weise: Du hältst die Jugend heilig, Meister aller Meister! Ja, der bist du, Tod, doch ich bin auch etwas: ein Mann, ein leichtes Blut, ein Unkraut, das nicht verdirbt!
In heiterster Laune kam er bei Frau Cosmao an. Vor nicht langer Zeit hatte diese ein kleines Bauerngut um einen Spottpreis gekauft, drauf ein Schlößchen bauen lassen und Haus und Garten mit dem schönen Namen Kergazon bedacht, dem Land und Leute, ja selbst die Post, Rechnung tragen mußten. In ihrem Salon hing eine Sparbüchse mit der Inschrift: »Heiliger Joseph, zahle meine Schulden.« Sie war schrecklich angezogen, aber noch frisch, eine gesunde Brünette und Witwe war sie auch. Gern ging Karl auf ihre mutwilligen Scherze ein, er allein sei der Mann, ihr Sohn und Gatten zu ersetzen.
»Sie haben viel von meinem Sohn,« versicherte sie lebhaft, »er war in Ihrem Alter und das Leben selbst, wie Sie.«
»Und ob er mir ähnlich war!« rief er, als er das Bild des stattlichen Schiffsfähnrichs zu sehen bekam. »Sogar die zusammengewachsenen Brauen hatte er mit mir gemein.«
»Was ein Zeichen frühen Todes sein soll,« fiel sie ein. »Sollten Sie glauben: Wie gestern schrieb er mir um Geld, ich antwortete ihm wie heute: Aber mein Sohn, man muß doch auch an die Zukunft denken! Und wie morgen war er tot. Er durchtanzte die Nacht, that einen Trunk, und aus war's.«
Da stand der Teufel wieder an die Wand gemalt! Vollends die Besorgnisse der liebenswürdigen Frau, mit denen sie ihm in den Ohren lag:
»Was ist Ihnen? Sie müssen krank sein! Schicken Sie doch nach dem Arzt. Wir haben hier miserable Ärzte. -- Wollen Sie nicht unseren Friedhof sehen?«
Auf ihren Wanderungen durch das Dorf waren sie hingeraten. Feierlich trat sie an ein reichbepflanztes Grab und die Palmenblätter liebkosend, flüsterte sie zärtlich: »Mein Sohn! mein Sohn!«
Er faßte sich am Kopf. Starr lagen die Gräber da. Voll Schauder gewahrte er die Ruhe über ihnen. Wie geht's, Herr Schiffsfähnrich? höhnte er. Sieh, deine Mutter weint gerührt und hat ein hohes Kreuz aufrichten lassen, damit die Leute schon von weitem sehen, wo ihr Herzblatt fault! ...
»Sie können recht haben, Madame,« sagte er gepreßt. »Auch unser Freund prophezeit mir ein baldiges Ende.«
»Der Unglückliche!« rief sie schreckensbleich, »er hat es auch meinem Sohn geweissagt!«
Dummes Geschöpf, alte Närrin! dachte er und machte, daß er fortkam. Jugendneider! Verruchter Hellseher! fluchte er. Ihm war heiß und kalt, und als hätte der Himmel ein Loch bekommen, verspürte er einen scharfen Luftzug auf Erden. Wie waren in ihm alle Lebensgeister aufgeschreckt, als er wieder die Mühle passierte.
Der junge Müller hatte seinen Rausch ausgeschlafen und lud nun schwere Säcke auf einen hochrädrigen Karren.
»Was würdest du dazu sagen,« redete ihn Karl an, »wenn du in einer Stunde sterben müßtest?«
»Ich werde nicht in einer Stunde sterben.«
»Wie kannst du das wissen, du Narr?«
Schmunzelnd zeigte der Bursche seine flache Hand.
»Ist Ihnen eine längere Lebenslinie schon vorgekommen?«
»Seid ihr doch kundige Leute hier zu Lande!« spottete Karl, doch hochklopfenden Herzens beugte er sich herab und hielt die offene Rechte hin. Ein Blick darauf genügte dem Kenner.
»Mitten in der ersten Hälfte durchschnitten,« sagte dieser.
»Das stimmt!« rief Karl, dankte für die Auskunft und hieb auf Carabine los, daß das alte Rößlein junge Beine bekam.
Sein einziges Gefühl war: mich bringt Ihr nicht in Verzweiflung! Euer Gefasel geht mir bei einem Ohr herein, beim andern hinaus. Die Natur weiß nichts von eurer Hexenweisheit! Jener Felsen bei Benodet, an dem mein Boot hängen blieb, wollte mich vor Gefahr bewahren, und obwohl ich ihr doch in die Arme rannte, wurde mir kein Haar gekrümmt! ... In der Ferne sah er das Meer erglänzen. Ihm schlug das Herz vor trotziger Freude. Seine Pulse flogen. Der Wille zu leben erfaßte ihn wie Fieber. Wie das Meer lockte! Wie der Himmel strahlte und die Luft berauschte! Er war wieder ganz Vertrauen, Sehnsucht.
Endlich daheim, eilte er an den Strand, hißte auf dem ersten besten Boot die Segel auf und fuhr ins Meer hinaus. Was war das wieder für ein Meer! Was waren das wieder für Farben! Wie schweres Gold rollte die Sonne nieder, netzte sich und tauchte in die Wellen. Je tiefer sie versank, umsomehr wuchs und glühte sie. In der Ferne bewegte ein Segelboot anmutig seine weißen Wipfel, hüllte damit die Sonne ein und schwamm dann sieghaft weiter. Noch einmal erhob sie ihr strahlendes Haupt. Bleib! verweile! bat Karl. Allein die Sonne schied.
Da erfaßte ihn die Angst. Zum erstenmal in seinem Leben. Ja, der Waghals zitterte vor dem Meer jetzt, da es wie ein schlafendes Kind sanft zu seinen Füßen lag. Kein Lufthauch regte sich, wie angewurzelt stand das Schiff, dem Sinnverwirrten war es aber, als ob ihn tausend Wasserarme emporhielten, schaukelten, mit ihm ihr Spiel trieben, um Rache an ihm zu nehmen. Jetzt unterzugehen war sein Schicksal, er fühlte es; doch wollte er seinem Schicksal entrinnen. Fort! Fort! Er pfiff nach Seemannsart, den Wind herbeizulocken, vergebens. Ihm war zum Ersticken, einem Schwindel nahe, ergriff er die Ruder, um uferwärts zu streben. Mit schweißbedeckter Stirne erreichte er die Insel, die näher als die Küste lag, und drängte sich dort durch alle die Männer, Weiber, Kinder und Gänse nach dem Gäßchen, an dessen Ende das Kirchlein mit dem sternförmigen First sich erhob. Aufgebracht, rechthaberisch trat er ein. Weihrauchduft und Fischgeruch strömten ihm entgegen. Eine Öllampe glimmte am Altar. Wie gebannt näherte er sich der Flamme.
»Erbarme Dich, Gott, ich will nicht sterben!« betete er. »Bin ja gesund wie ein Stein, gemacht wie für hundert Jahre, und das Leben gefällt mir. Ich kann es nicht im besten Zuge lassen, ich will es auskosten bis zum letzten Tropfen!«
Doch vergebens harrte er auf ein Zeichen der Gnade, vergebens rang er nach dem Gefühl der Berechtigung, zu sein. Da vernahm er ein Geräusch. Eine alte Nonne mit großer, weißer Flügelhaube hantierte da mit Besen und Federwisch. Die umgestürzten Betstühle steckten die Beine von sich, Staubwolken flogen auf, und wie in einer Stube bei gründlicher Reinigung, so irdisch und hausbacken sah es in dem Kirchlein aus. Den Tod im Herzen, floh er.
Fort! dachte er: Fort aus diesem verfluchten Land, wo es zu sterben gilt! »Ich muß fort!« erklärte er dem Alten daheim. »Augenblicklich muß ich fort!«
»Weil Sie sich einen Wahnsinn in den Kopf gesetzt haben!« zürnte dieser, »weil Sie eine Höllenangst vor dem Sterben haben!«
»Warum nicht gar!« leugnete Karl, »ich habe Gott geschaut,« sagte er bitter, »mit ihm gesprochen, wie ich jetzt mit Ihnen spreche und mich den Teufel um den Tod geschert. Warum denn einem ins Gesicht sagen: Ihre Stunden sind gezählt. Ich vertrage so 'was nicht!«
Da riß dem Alten die Geduld. So rasch ihn die Füße trugen, hinkte er ins Nebenzimmer, die Karten herbeizuholen, zog nach langem Suchen drei hervor und hielt dieselben eine nach der anderen Karl vor die Nase, indem er in grobem Ton zu verstehen gab, daß diese und keine anderen den Tod bedeuteten. Hoch und teuer schwor er, sie seien ihm damals gar nicht in die Hand geraten und er habe ihn nur zum besten gehabt: »Schimpf und Schande für einen Mann!« knirschte er und warf schließlich die Karten auf den Tisch, daß sie bunt durcheinander flogen. Voll Scham und Widerwillen, in höchster Ratlosigkeit, wühlte Karl in denselben und behielt drei in der Hand: jene, welche den Tod bedeuteten. Da stand er nun wie ein Gerichteter, für den es keine Begnadigung gab. Zerknirscht sah der Alte drein, als wollte er sagen: Vergieb, daß der Ruf dir gilt und nicht mir!
»Da ist nichts zu machen,« meinte Karl, nur noch von der Sorge erfaßt, mit Anstand aus der Welt zu gehen. Vor allem wollte er an seine Leute daheim und an den gekränkten Freund ein Wort des Abschieds richten; doch zerriß er seinen Brief an jene und unterließ auch diesem zu schreiben, indem er meinte: Ich war undankbar, du verdenkst es mir, so sind wir quitt! Hingegen beeilte er sich, seinen letzten Willen aufzusetzen, besann sich aber, daß er ein armer Teufel war, und machte nur ein Verzeichnis seiner Schulden. Er war ganz Ordnungssinn, die Wichtigkeit des Moments hielt ihn außer Atem, er wäre einer Heldenthat fähig gewesen. Doch wie demütigte ihn der Gedanke, man könnte seinem frühen Grab übliches Mitleid weihen. Ein Grab haben! er glaubte rasend zu werden. Wie er weinte und tobte! Er hätte die Welt zerreißen mögen. Doch erfaßte ihn ein heftiges Verlangen, schnell noch jemand zu lieben. Da fiel ihm Herr Laland in Paris ein. Den Gelehrten wiedersehen und geborgen sein erschien ihm eins. So schnürte er denn sein Ränzchen und machte sich bei Tagesanbruch auf. Ohne Abschied, das Herz voll bitterem Groll.
Atemlos erreichte er die Station, den Zug und dankte Gott. Ihm war, als erwachte er aus einem Wahnsinn. Er schlug die Hände zusammen über seine Thorheit. Still jubelnd fuhr er durch das sonnige Land, wie durch sein rechtmäßiges Erbe, daraus ihn keine Macht der Erde verdrängen konnte. Er mußte an sich halten, um den guten Bretagnern, die mit ihm im Coupé saßen, nicht lachend um den Hals zu fallen.
Erst als an allen Stationen hunderte und hunderte von Passanten herbeigeströmt kamen, bemerkte er, in einen Vergnügungszug geraten zu sein, was weiter? Doch es erschreckte ihn. Er zitterte. Was war aus ihm geworden? Überzeugt, mit diesem Vergnügungszug schnurstracks in den Himmel zu fahren, dachte er: Schon beim ersten Schritt ereilt mich das Verhängnis! Tausendmal wäre er ausgestiegen, doch schämte er sich und war auch kampfesmüde. Es mußte ja sein. Es gab kein Entrinnen! Da half kein Gott! Das Rollen der Räder tönte ihm gleich Choralgesang in den Ohren. An Leib und Seele zerschlagen traf er bei Herrn Laland ein.
»Nun kann ich Sie nicht brauchen! Ich arbeite!« lautete der Empfang. »Wie, im Hochsommer kehren Sie zurück und mit solchen hohlen Wangen? Zurück ans Meer mit Ihnen, nach Berck, dort finden Sie meine Schwägerin mit Familie. Sie kennen sie doch? Und meine Nichte Andrée kennen Sie doch auch? Ich stecke bis über den Hals in einer Abhandlung über die Lebenskraft der Menschen und Wirbeltiere -- stören Sie mich nicht!«
Sofort kündigte er der Schwägerin an, daß sein Schützling einige Zeit in Berck verbringen werde, worauf ein freundliches Willkommen als Antwort erfolgt war. Ich werde im Meer bei Berck umkommen, sagte sich Karl und fragte den berühmten Mann:
»Also handelt Ihr neues Werk von der Lebensstärke bei Mensch und Tier, offenbar wie sich diese in Krankheitsfällen, Hungersnot und in Gefahren bekundet. Wohlan, was halten Sie von jemand, dem von Freunden, Traumbildern und allerlei Zeichen sein nahes Ende verkündet worden ist?«
»Lassen Sie mich mit solchen Narrenspossen!« rief der Gelehrte entrüstet. »Hirnverbranntes Zeug! Altweibergefasel!«
»Vielleicht doch nicht!« sagte Karl feierlich, und es klang fast wie ein Wunsch. Gebrochen und gefaßt zugleich sagte er sich: Umso besser! Mag denn alles zum Teufel fahren!
Auf jener kurzen Fahrt nach Berck besann er sich erst, daß er jede Stunde seines Lebens bemitleidenswert gewesen. Gleich einer fürchterlichen Anklage rief er im Geiste den Seinen zu: Ich liebe euch nicht! Er verdammte den Freund, weil er sich keine ungebührliche Behandlung hatte gefallen lassen, machte es den Frauen zum Vorwurf, aus ihm keinen Mustermenschen gemacht zu haben, und verzweifelte bei dem Gedanken, daß ihm das wunderthätige Feuerbad einer großen Liebe versagt geblieben war. Dazu seine Aussichtslosigkeit nach jeder Richtung! Am liebsten hätte er sich aus dem Waggon gestürzt, um Tod und Leben los zu werden.
III.
Das Meer ergoß sich in den Himmel. Himmel und Meer waren eins, und das Fischerboot am Horizont bewegte selig seine Schwingen, als wäre es im Himmel drin.
»Sie sind nicht intelligent,« sagte Andrée zu Karl, der vor ihr im Sande lag.
»Wieso?«
»Weil Sie Gott nicht fassen. Sie haben ja keinen Gott.«
»Wie kann ein junger, unerfahrener Mensch einen Gott haben?« meinte er. Vorläufig glaubte er nur an Engel. Den schönsten hatte er vor sich. Ihr dunkles Auge verführte, ihr frischer Mund plauderte unschuldig, und ihre feine Nase schien zu sagen: Gieb acht, denn ich bin klug! Er war berauscht, ganz Bewunderung und Mitleid.
Was wird dereinst aus dir werden? dachte er voll Angst und Schrecken, aus deinem Lächeln? deiner Stimme? deiner süßen Natur? Sie aber meinte:
»Kommen Sie, Croquet spielen« und lief zu Toto und Bébé, ihren Brüdern. Frau Espinas spielte mit. Sie schien die Schwester ihrer Kinder zu sein.
Hart am Ufer stand ihr Haus, im norwegischen Stile erbaut. Dort wurde gemalt, musiziert, gedichtet. Der Vater war tot. »Ein Glück für mich, daß er mein Vater war,« sagte von ihm Andrée, »denn sonst hätt' ich ihn tödlich geliebt!« Sie waren wohlhabend, fromm, genußsüchtig, und alles bot ihnen Genuß. Beim geringfügigsten Gespräch gaben sie sich zärtliche, drollige Namen. Wie liebte Karl seine neuen Freunde! Schon seit einem Monat weilte er in ihrer Nähe. Ihm war, als wäre er ewig dagewesen. Er war wie im Paradies, er war unter glücklichen Menschen. Hätte ihm nur der Schrei des Totenvogels nicht in die Ohren gegällt! Ach, nichts vermochte ihn zu übertäuben, keine Belustigung, keine Freude, so viele es deren auch gab. Was waren das für Zeiten!
Wenn man z. B. auf Krabbenfang ging -- wie war das schön! Meilenweit lag nichts als verlassener Meeresgrund, fern schweifte das Meer. Wo hörte es auf? Wo fing der Himmel an? Es gab weder Himmel noch Meer, nichts als Luft, lichtdurchtränkte, goldige Luft, es regnete Sonnenstrahlen. Oder man wandelte nach dem nahen Hain, um im Schatten dürftiger Bäumchen Urwäldler zu spielen. Man nannte sich wie die Wilden. Toto, ein prächtiger Knabe, machte den Häuptling und sagte zu Karl und Andrée: »Ihr seid Bruder und Schwester und müßt zusammen hausen.« Und Abends konstatierte Karl: heute bin ich wieder nicht gestorben. Gottlob! Das Leben war doch schön! Es gab nichts Schöneres als das Leben und nichts Lustigeres als ihre Ausflüge auf Eselsrücken in großen Kavalkaden: die Mäntel flogen im Winde, doch kam man nicht vorwärts vor Lachen, und weil die Tiere nicht fortzubewegen waren. Dann der Abend, wo es so pechschwarz auf dem Strande war. Im Grab ist's noch dunkler, dachte Karl, und von fern Stimmen vernehmend, rief er fröhlich:
»Hoho!«
Und eine weibliche Stimme hallte zurück: »Hoho!«
Worauf sich das Gespräch entspann: »Guten Abend, Madame, ich hab' doch die Ehre, mit Frau Durand zu sprechen?«
»Ganz recht, mein Herr.«
»Ich bin entzückt, Sie nicht zu sehen.«
»Das Vergnügen ist ganz meinerseits« u. s. w. und am anderen Tag stellte sich heraus, daß die nächtliche Schöne keine andere als Andrée gewesen. Wie er da lachte! Er lachte und dachte: Lange währt's ja doch nicht!
Ja, er konnte noch lachen. Am Jahrmarktstag bei der großen Vorstellung im Zirkus kugelte er sich. Es war aber auch zum Totlachen. Die Öllampen rochen so schlecht, und der Zirkusdirektor ersuchte die Herrschaften, tüchtig zu applaudieren. Eine Ziege war das einzige Pferd, das sich produzierte, doch damit hatte es auch seine Schwierigkeiten, und ungehalten rief der Direktor: »Applaudieren! applaudieren! Ohne Applaus giebt's keine Kunst!« Und unter losbrechendem Beifallssturm produzierte sich das Zieglein, produzierte sich in jeder Beziehung!
Und ihre wilde Jagd über die Dünen! Hügelauf gings, hügelab. Ein Zug Möwen folgte ihnen, und Blanche, Andrées prüdes Cousinchen, fiel, den Kopf nach unten, die Beine nach oben, wo die übrige Gesellschaft sich befand. Allein Karl dachte: Alles Lüge, es giebt einen unfreiwilligen Tod.
An hellen Abenden, wenn die Dünen gleich Schneehügeln traumhaft dalagen, Strand und Meer silberweiß erglänzte, und Frau Espinas in seliger Verzweiflung ausrief: »Das ist zu schön! das kann kein Mensch aushalten!« oder wenn die Schwärmerin ihn sonst auch zu Hilfe rief, um in Bewunderung zu schwelgen, indem sie zum Beispiel sagte: »Sehen Sie nur das Hälmchen im Sand, ich bitte Sie! Und dort die Dünenkette, sehen Sie doch!« Wie drehte sie ihm das Messer in der Wunde! Die Natur, vor der sein Herz im Staube gelegen hatte, erschien ihm verächtlich, doch wie man an einer Verlorenen hängt, hing er an ihr voll Gram über die eigene Treue. Einmal auf dürrer Heide um sich blickend, geriet er selbst in Ekstase: Ein Stück Land und ein Stück Himmel darüber, es gab nichts Schöneres auf der Welt! Doch Schmerz und Bitterkeit übermannten ihn: Bin ich verurteilt? Muß ich ins Grab steigen? Seine heimatlose Seele klammerte sich an die Erde, um als ihr Richter und Märtyrer im Pfuhl ihrer Schande zu wühlen.
Am Namensfest der Mutter gab es ein Feuerwerk im Garten. Die Raketen blitzten auf und rieselten hernieder in blauen, grünen und roten Feuertropfen. Andrée hielt ihr Brüderchen empor, ihr Gesicht strahlte lichtübergossen, und sie fragte ihren Liebling:
»Ist das nicht schön? Ist das nicht wunderbar?«
Was wird aus dir werden, was wird aus dir werden? dachte Karl gemartert.
Morgens beim Erwachen betastete er sich, um zu sehen, ob er noch am Leben war. Ja, er war noch warm, er glühte! ...
Auf dem Marktplatz raste unter Musikgebraus ein Riesenringelspiel im Kreise dahin. Zum Spaß bestiegen sie manchmal die hölzernen Rosse. Wie im Winde ritt Karl, sein Roß schien Flügel zu haben, er jagte durch die Lüfte, doch im fliegenden Gewand schwebte vor ihm Andrée wie das Glück, wie ein Traum, wie etwas Unerreichbares! ...
Zur Flutzeit badete Alt und Jung. In ihrem roten Schwimmkleid entstieg sie, eine kleine Schaumgeborene, den Fluten. Er sah die Muttergottesbrüstchen, die herrliche Rückenlinie, den zarten, rosigen Fuß, ihre zierliche, himmlische Schönheit --
Dem Gott, der dich schuf, glaube ich alles! dachte er überwältigt, es muß ein Jenseits geben! Deinetwillen! Ich glaube es, glaub' es wenigstens, zu glauben! Gott, ich glaub' an Dich! Was willst Du noch mehr?
Und es war eine glühende Mondscheinnacht. Wie in lichten Rauch gehüllt lag der Himmel, unter jeder Wolke glimmte es, das Meer war entzündet, die Wellen hatten Feuerränder. Andrée, Karl und die anderen ergingen sich am Strand. Wohin sie den Fuß setzten, schlugen Funken empor, ein jedes Sandkörnchen erglänzte, als wäre die Welt in Brand gesteckt, stand alles in Feuer und Flammen. In Karl brannte es lichterloh. Da fragte ihn Andrée, was sein Herz bedrückte.
»Es ist die Furcht,« rief er kühn, »sterben zu müssen, eh' ich Sie zur Frau gewann!«
»Davor bewahr' uns Gott!« entfuhr es ihren Lippen.
Ein Jubelschrei war sein Dankgebet. In später Nachteinsamkeit irrte er noch berauscht am Ufer umher. Erbebe, Erde, ein Liebender schreitet über dich hin! Glühe, Himmel, Meer erschauere, ein großes Glück kehrt ein in die Welt! Reuig, gerührt hätte er sich Gott, wie einem Vater, in die Arme werfen mögen, als ein Klagelaut die Luft durchschwirrte.
Es wird wohl eine Möwe sein, dachte er: Hier giebt's keine Totenvögel. Tausend neue Kräfte überkamen ihn, die ihn zum Leben bestimmten und drängten, seiner Bestimmung zu leben. Er dünkte sich ein gar gewaltiger Herr, es war keine Ader in ihm, die nicht königlich gewesen wäre ... Da plötzlich durchzuckte es ihn:
Vielleicht sterbe ich an meinem Hochzeitstag! ...
Doch mußte er lachen. Der Tod hatte kein Recht mehr über ihn. Die Seele war ja unverwüstlich, und jede Faser in ihm war Seele, Liebe, jauchzendes Verlangen!
Glitzernd rauschte die Flut heran, purpurn brannte es in der Höhe. In ihm, um ihn Leben, Feuer, Erdenglut. Nur sein Schattenbild zitterte häßlich wie ein dunkler Fleck auf all der Pracht.
Kann man nie allein sein, Tod? dachte er; kann man nicht einmal in Ruhe an sein Mädchen denken? ...