Part 1
Katastrophen.
Neue Novellen
von
Juliane Déry.
Stuttgart. Verlag von Adolf Bonz & Comp. 1895.
Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.
Inhalt.
Seite
Der angekündigte Tod 1
Die Erbschaft 43
Rußland in Paris 87
Der erste Hirsch 133
Der angekündigte Tod.
I.
Zur hundertjährigen Jubelfeier der französischen Revolution rüstete auch Karl Faber, ein junger österreichischer Dichter, zur Reise nach Paris. Die unverstandene erste Jugendzeit war gottlob vorbei; als ein weiser Genußmensch wollte er sich an das üppige Mahl des Lebens setzen. Er hatte einen gewaltigen Appetit, einen wahren Heißhunger -- Tischlein deck dich! Tischlein deck dich!
Doch da fuhr der Teufel in ihn: nicht bloß daß er es mit seinem ehrlichsten Freund, einem einflußreichen Mann, gründlich verdarb, er zerschlug sich auch mit seinen Angehörigen. Einerseits beschämt, andererseits gekränkt, wollte er sich endlich auf die Reise machen, als der Wagen, der ihn zu Bahn fuhr, mit den Rädern in der Luft auf den Pflasterstein zu liegen kam. Karl, der mit einem Beinbruch davon gekommen war, mußte seine Abfahrt von Tag zu Tag verschieben, sich vom Frühling allerlei Verlockungen ins Ohr flüstern lassen und bei offenen Thüren wie ein Gefangener brüten: Leben, bist du so? Ziehst mit der einen Hand zurück, was du mit der andern reichst, willst nur Herzweh machen, narren? Mürrisch verzichtete er auf die Freuden der Seinestadt, und sobald er wieder auf den Beinen war, machte er sich nach dem bretagnischen Küstendorf Loctudy auf, wo ein weitläufiger Schwager von ihm auf einsamer Scholle saß. Das Meer sollte den Lustreisenden schadlos halten. Paris wollte er nicht mehr sehen. Zum Glück mußte die Fahrt dort gar nicht unterbrochen werden. Hurtig, Kutscher, zum Anschluß! Allein der Zug brauste Karl vor der Nase ab. Dieser fluchte, kratzte sich hinterm Ohr, suchte aber dann, um die Zeit bis zum Abgang des nächsten Zuges tot zu schlagen, den Gelehrten Laland auf, der ihn schon längst mit offenen Armen erwartete. Er fand ihn bei Tisch im Kreis fröhlicher Gäste.
»Ein Glück,« rief der väterliche Freund, »daß Sie sich das Bein und nicht den Hals gebrochen haben!«
»Keine Furcht. Ich stehe in Teufels Schutz!«
»Der Teufel ist die Jugend!« lachte der Gelehrte; doch als Karl vom Weiterreisen sprach, verging ihm die gute Laune.
»Der Lebensdrang stürmt in Ihnen, weiß nicht, wo hinaus, und macht Sie toll!« schalt er, denn er kannte ihn nur allzu gut vom Vaterhause her. »Was suchen Sie im Mai am Meeresstrand? Hier ist Ihr Platz! Der muß kein Herz im Leibe und keinen Verstand im Kopfe haben, der es über sich bringt, Paris links liegen zu lassen!«
Alle empörten sich gegen den jungen Barbaren, alle wollten ihn in ihrer Mitte behalten. Frau Espinas, eine Schwägerin des Hausherrn, rief in ihrem Groll:
»Ich wollte, Sie wären mein Sohn, dann würde ich Ihnen die Grillen schon austreiben!«
Auch Fräulein Andrée, die jugendliche Tochter der Dame, eine feine Brünette von gleichsam geheiligtem Liebreiz, suchte mit ihren aufstrahlenden, ahnungsvollen Augen dem Ausreißer ins Gewissen zu reden. Weiß Gott, dir zu Liebe bliebe ich gern, dachte Karl -- doch nein!
»Der Zufall hat mir bereits einen Streich gespielt, ich darf ihn mir nicht über den Kopf wachsen lassen,« entschied er und fuhr richtig weiter.
Unterwegs riß ihn ein höllisches Gerüttel aus dem Schlaf, und zugleich fühlte er sich wie von wuchtiger Hand zu Boden geschleudert. Stockfinstere Nacht umgab ihn, der Nachhall von Donner und Brausen dröhnte in seinem Hirne, und aus einer Ecke stöhnte sein Reisegefährte, ein hochstämmiger Abbé aus Guimper: »Ich sterbe, so 'was ist mir noch nicht vorgekommen!« Karl lauschte, ob es Rettung galt oder Verderben, gleichviel, er war nicht verzweifelt, nur aufgeregt, besonders aber ungeduldig. Endlich blitzte ein Licht auf, ein Bahnbeamter trat mit einer Laterne an das zertrümmerte Fenster und sagte in unwirschem Ton: »Bitte, sich zu beruhigen, es ist bloß eine Zugsentgleisung.«
Sollt' ich mir diese Reise vielleicht doch aus dem Kopf schlagen? überlegte Karl. Unsinn! widersprach er sich sofort: das wäre, als wenn man nicht einmal seinen Willen haben könnte; und war nicht eher froh, bis er in einem neu herbeigeschafften Zug seines Weges weiter fuhr.
Auf der Endstation erwartete ihn das Gefährte des Gastfreundes. Eine alterslahme Stute von kleiner Rasse bildete des Gespann; Guillot, der Knecht, ein untersetzter Bursche mit den Zügen eines Helden und dem Blick eines zahmen Tiers, nannte sie Carabine, »mein Engel, mein Liebchen!« und zerbrach auf der kurzen Fahrt den Peitschenstiel auf ihrem Rücken. Fichten mit gekrümmten Stämmen und buschigen Kronen umgeben Herrn Briacs Haus, zwischen ihrem Laub schimmerte das Meer, und die Luft war voll würzigen Salzes. Da kam auch schon der Hausherr zum Vorschein, ein herrlicher Greis, muskelstark, sturmfest, nur etwas schwach auf den Füßen. Gyp, sein weißer Hühnerhund, hinterdrein.
»Willkommen!« rief der Alte erst höflich wie einer, der sich in sein Schicksal fügt; doch der ins Haus geschneite Verwandte mit seinem kühnen, fröhlichen Gesicht, als könnte er die ganze Welt in seine Tasche stecken, gefiel ihm, und aufatmend wiederholte er: »Willkommen!«
Statt Einkehr zu halten, zog ihn Karl nach der nahen Bucht, die, von Fichten umrandet, wie ein tiefblauer See in der Sonne lag. Kleine und große Schlösser, darunter ein flammrotes mit Türmen und Zinnen, schmückten das Ufer. Er hatte sich das Meer in allen seinen Gestalten ausgemalt, nur nicht so anmutig, und hatte im Geiste alle seine Stimmen vernommen; aber Aug' in Aug' mit ihm schwieg es. Enttäuscht, voll Ungeduld starrte er es an und wollte alle Eindrücke auf einmal empfangen. Vor ihm lagen mehrere Boote vor Anker von geschmeidigem Bau, mit dünnen Masten, ähnlich den Segelbooten, auf denen er die heimatlichen Seen oft befahren. Da sah man die »Caprice«, den »Druid«, die »rote Fliege«, eine stattliche kleine Flotte, der Stolz des Hausherrn.
»Nun, wie geht's daheim?« erkundigte sich dieser.
»So, so!« sagte Karl. Ihn verlangte, schnell eine Fahrt zu wagen. Zu seinen Füßen schwamm ein kleines Floß, er sprang darauf, stemmte das Ruder auf den seichten Grund und lenkte gegen die Boote.
»Ich will nur sehen, ob ich etwas tauge!« rief er, indem er sich an Bord des »Druid« schwang. Guillot sprang zu seinen Diensten herbei, der aufs Angenehmste überraschte Alte klatschte ihm Beifall zu, und so löste er die Stricke, lüftete die Segel, zog den Anker ein und stach in See.
Ein guter Wind war gleich zur Stelle, halb schwimmend, halb fliegend ging es vorwärts an der Insel Tudy vorbei in den Ozean hinaus. Das Fahrzeug begann zu schwanken, Delphine schlugen in der Ferne Räder, und unter den buhlerischen Wellen lag die unbekannte Welt. Entzückt atmete er die Luft, die noch nicht geatmet worden war, und jauchzte:
»Wie schön bist du, Ozean! Der harte Rücken der Erde behagt mir nimmer. Du bist gewaltig und hingebend, ich liebe solche Naturen. Selbst in deinen Armen noch sehn' ich mich nach dir!«
Um ein Glücksgefühl reicher, setzte er sich an jenem Strande fest und blickte mit trunkenen Augen in die Welt. Vor ihm lag England, Amerika, und als wäre er in aller Herren Ländern erwartet, um königlich empfangen zu werden, rief er der Ferne zu: »Auch dir werde ich die Ehre erweisen, doch erst will ich hier schalten und walten!« Gleich einer dienenden Gottheit schien ihn das Meer einzuladen: Komm, du sollst meine Wunder sehn! Demütig bat das Ufer: Bleib! Und in andachtsvollen Momenten hörte er den Himmel fragen: Soll ich meine Thore öffnen?
Er schien nur noch der Begeisterung fähig. Wie bewunderte er den Alten, der geduldig seine Jahre zählte, sich von früh bis Abend abmühte, seine Schiffe in guten Stand zu setzen, Netze und Stiefel für den eigenen Gebrauch zu verfertigen, und der auch seinen Sarg schon zurechtgezimmert hatte. Wie köstlich mundeten ihm die frischgebackenen Sardinen, zubereitet von Guillot, dem Knecht, Kammerdiener und Koch in einer Person. Still und herrlich lebte es sich in dem alten Haus ohne Hausfrau mit seinem Drunter und Drüber. Stand auch im Gewächshaus alter Trödel, und stieß auch der Pferdestall an die Gemächer, so war doch selbst der Stall von Rosen umblüht, und unter dem morschen Balkon girrten Tauben.
Das kniehohe Farrenkraut auf den steinigen Feldern sah er für einen üppigen Garten an, und die Kohlmeise, die im Feigenbusch unter seinen Fenstern sang, für einen Künstler, ein Genie. Von Zufriedenheit überwältigt, wollte er hier sein bestes Buch schreiben, eine philosophische Abhandlung über das Glück der Kreaturen, und weil er sich in Geldverlegenheit befand, kündigte er das kaum begonnene Werk auch schon seinem Verleger an. Mit Papier und Stift versehen, schiffte er in der Bucht umher, durchstreifte die bald felsigen, bald sanften, muschelbestreuten Ufer oder harrte dort, den Himmel über seinem Haupt und zu seinen Füßen, im Sand ruhend, der Flut. Bereitwillig stürzten die Wellen herbei: Wir kommen! warte! weich nicht von der Stelle! Allein er dachte: So ist's nicht gemeint, schöne Nixe, damit hat's noch gute Weile, und brachte sich in Sicherheit.
Nur die Arbeit wollte ihm nicht gelingen, die Gegenwart erfüllte sein Herz, die Einbildungskraft erschlaffte, und mit den inneren Stürmen verstummte auch das Talent. Das Glück macht mich dumm. Kann man dem Glück etwas verargen? dachte er. Doch als der Verleger zur Antwort gab, er müßte sein neues Buch ablehnen, weil sein altes keinen geschäftlichen Erfolg erzielt, bekam er vom Glück eine andere Meinung: Freund, Familie, Erwerb -- alles war dahin! Ihm blieb nichts als das nackte Leben und der tolle Mut. Warum sich eine Laune versagen? Und über Hals und Kopf stürzte er sich in ein wildes Seemannsleben.
Er zählte nicht auf den Morgen, sein Treiben gefiel ihm, drum nur zu! nur zu! Auf dem schnellsten, unsichersten Fahrzeug versuchte er Wind und Wetter. Wenn die Wogen aufwärts strebten, die Wolken herabsanken und der Sturm beide vereinte, that er die Sinne auf, als gälte es, zu genießen. Im Kampfe gegen die Elemente stand er allein, ein Individuum, selbst ein Element. Wüte, Ozean, erhitz' mir das Blut! Welch ein Ozean! Welch ein Himmel! War das ihr wahres Gesicht? Oben zuckte der Feuertod, unten harrte der nasse Tod, ein ganzes Heer von Toden erstand auf zur Feier der herrlichsten Naturerscheinung.
Lachend schlug er sein Leben in die Schanze, kämpfte darum wie um seine Ehre, und selbst ein jähzorniger Patron, sah er der Verwüstung achtungsvoll zu. Die Klippen bei Lesconil waren vollends gefahrvoll. Wohlan, auf nach der Felsenküste Lesconils! Die Fischer von L'ile Tudy wurden seine Genossen, Tage und Nächte verbrachte er mit ihnen auf dem Fischfang und schlief nie getroster, als am Bord ihrer Barke. Nur daß nachts einmal der Sturm losbrach und trotz seiner und seiner Kameraden mannhaften Verteidigung das Boot umschlug. Karl hatte einen Schiffsjungen erfaßt, dessen erste Seefahrt das war, und hielt ihn mit sich über Wasser, indem er sich gleich den anderen am Schiffsbein festklammerte -- stunden- und stundenlang. Das Meer hatte sich ausgetobt, der Morgen brach an. Hoffnungslos, doch erwartungsvoll starrten die Schiffbrüchigen in den öden Raum. Ihre Hände zitterten nicht, sie tauschten mit einander kein Wort, keinen Blick, und selbst der Knabe in Karls Armen zeigte Mannesmut. Wie erschien diesem plötzlich das träge, genußsüchtige Treiben seiner Landsleute daheim nichtssagend und närrisch! Endlich hatten die Lootsen von Beg-Mell Hilfe herbeigeschafft. Doch war das nicht sein einziges Abenteuer.
Als er von Benodet, wohin er auf der »roten Fliege«, einem morschen Boot, gesegelt war, wieder aufbrechen wollte, machte ihn ein dortiger Schiffskapitän auf das aufsteigende Gewölk aufmerksam. Soeben hatte dieser beim heißen Grog den Untergang dreier stark bemannter Fischerboote bei St. Malo berichtet und riet ihm eindringlich, über Nacht zu bleiben. Doch redete er tauben Ohren. »Ich liebe die Bequemlichkeit!« rief Karl und stieß wohlgemut ab.
Doch bevor er die Bucht verließ, blieb sein Boot an einer Klippe hängen. Umsonst versuchte er, es flott zu machen. Der Felsen schien ihn mit aller Gewalt zurückhalten zu wollen. Warum nicht gar! Er warf den Anker aus, kletterte über die von der Ebbe bloßgelegten Felsen ans Ufer und holte einen Matrosen herbei, mit dessen Hilfe es ihm endlich gelang, ins Fahrwasser zu kommen. Es hätte ihm können teuer zu stehen kommen!
Auf hoher See ereilte ihn das Wetter. Das Boot tanzte, der Mast bog sich und krachte. Karl verlor die Steuerung, und der Sturm entriß die durchtränkten Taue seinen unsicheren Händen. Zum erstenmal verließ ihn seine Seemannsweisheit, und der betrunkene Matrose bot ihm schlechten Beistand. Bei einem Haar wären sie umgekommen, als plötzlich der Wind das Schiff erfaßte und, gutmütig keifend, es nach Benodet zurücktrieb. Schon strahlte der Leuchtturm in die Finsternis. Auf der Landungsbrücke stand der Schiffskapitän.
»Ich hab' schon das Kreuz über Sie gemacht!« lautete sein Gruß. »Sie hatten zu viel Segel. Was wagen Sie sich auf die See, wenn Sie nichts vom Handwerk verstehen?«
Doch Karl kannte keine Gewissensbisse. Eine junge englische Malerin, deren Bekanntschaft er beim Schein des St. Petrifeuers im Kreise einer Bauersfamilie gemacht hatte, bat er um ein Stelldichein in Pen-Mark auf der »Felsenplatte der Opfer«, wo laut Inschrift Frau Goëllec mit ihren beiden Töchtern von einer Welle lautlos, spurlos weggeschwemmt worden war vor den Augen des Gatten und Vaters, des Präfekten von Finistère. Selbst unter diesem bleiernen Himmel, wo die Felsenriffe in Gestalt von reißenden Tigern und Löwen in die Höhe ragten, angesichts dieses bösen Meeres und des steinigen, mit faulem Tang bedeckten Strandes, wo Geister zerschellter Schiffe und ertrunkener Seelen zu wehklagen schienen, und wo selbst die Rettungsboje und der Leuchtturm, wahre Sehenswürdigkeiten in ihrer Art, den Eindruck drohender Verwüstung erhöhten, verlor Karl seinen Humor nicht. Er war ein Naturanbeter; sorglos sein hieß bei ihm fromm sein, und da seine hübsche Begleiterin etwas eingeschüchtert schien, predigte er ihr Moral:
»Seien wir zärtlich, seien wir tapfer! Es gilt, das Leben zu nützen und sterben zu wissen. Alles zu seiner Zeit!«
II.
Eines Abends saß Karl, um auch seiner Pflicht als Gast zu genügen, mit dem Alten daheim beim Kartenspiel. Aus der Bucht strahlte der rote Mond zu den offenen Fenstern empor, hier und da zog eine Barbe glänzende Streifen in die sprühenden Wellen, und zwischen dem bläulichen Himmel und der bläulichen Erde schien alle Luft zu glühen. Raben kreisten wie am helllichten Tag krächzend in den Fichtenkronen. Bravo, Natur, bravo! dachte Karl. Indessen erzählte der Alte von seiner früheren Laufbahn als Zolleinnehmer und Züge aus seinem Einsiedlerleben. Neidisch streifte sein Blick die blühende Gestalt des Gastes, als wollte er sagen: Dir gehört die Welt! In einer Anwandlung frohen Selbstgefühls warf dieser die Karten hin und rief:
»Sie sind ein Hexenmeister, heißt es weit und breit und können wahrsagen. Frisch, lassen Sie mich die Zukunft wissen!«
»Verlangen Sie das nicht. Ich bin ein Unglücksprophet, und meine Prophezeiungen pflegen sich zu erfüllen,« warnte der Alte. Doch als Karl unter stürmischem Lachen auf seinem Einfall bestand, mischte er die Karten, ließ abheben, zählte, ordnete, verglich sie und versank in tiefes Nachsinnen, wie in Geisterbeschwörung. Mit seinem silberweißen Bart und dem frischen Antlitz sah er aus wie der liebe Gott.
»Ich sag' ja, das heißt die Hölle versuchen!« rief er zusammenschauernd. »Nichts mehr davon! Gehen Sie schlafen und träumen Sie süß, heute ist ja Vollmond, da träumt man die Wahrheit.«
Ein lustiges Lied aus der Heimat summend, ging Karl zur Ruhe, um bald in einen kräftigen Schlaf zu fallen. Plötzlich vernahm er einen ohrzerreißenden Schrei. Ein Käuzchen, groß wie ein Mensch, kam herangetrippelt, nach Art alter Mütterchen mit einem Umhängtuch bekleidet, bewegte wie diese rührig seine dünnen Beine, wackelte mit dem hohläugigen Kopf und ließ noch einmal seinen abscheulichen Lockruf ertönen und noch einmal. Karl fuhr auf. In den grauenden Tag erscholl der laute Ruf seines Namens.
»Was giebt's? wer ruft?« fragte er.
»Wenn Sie den Sardinenfang mitmachen wollen,« rief Guillot von unten, »die Fischer auf der Insel schiffen sich ein, es ist die höchste Zeit.«
»Ich komme!« rief Karl, fuhr rasch in die Kleider und ruderte zu den Harrenden.
Nach zwei Tagen kehrte er wieder, um einem ländlichen Fest beizuwohnen, das Herr Coëtlogon, der Besitzer des roten Schlosses, seinen Nachbarn gab. Karl, der alles, nur kein Grillenfänger war und sich besonders aus Träumen nichts machte, tanzte mit den Bauerndirnen die Gavotte, als wäre er dabei aufgewachsen. Die pausbackigen Schönen mit den stillen Duldermienen waren keine leichte Bürde. Bei Tafel, wo man zufällig zu Dreizehn saß, und wo dieselben Gerichte aufgetragen wurden wie kürzlich beim Diner des Herrn Quinot, des Nachbars und Wetteiferers Herrn Coëtlogons, unterhielt man sich lebhaft über die Fragen: Wie teuer der Hausherr seine Kredenz bezahlt? Ob Frau Cosmao ihre Baumschule verkaufen wollte? Und über die Beschaffenheit eines Seegelbootes, das jüngst in Guimper versteigert worden war.
Doch Karl brachte das Gespräch in würzigeren Fluß, machte dem Fräulein Coëtlogon auf Tod und Leben den Hof, desgleichen Fräulein Quinot, ließ sich von Frau Cosmao auszeichnen und ging in lauter Scherz und Freude auf. Tags darauf war Sonntag, und auf dem Kirchplatz gab's einen großen Preiswettlauf in Säcken. So oft die Bauernburschen, Prachtgestalten mit ihren spanischen Beinkleidern und dem goldgestickten Brustlatze, in Säcke krochen und wie lebende Säcke mit Menschenköpfen fortkollerten, bis sie sich überschlugen und der Länge nach hinfielen, lachte er wie ein Riese; der Strand hatte noch nie ein so inniges Lachen vernommen.
Doch ein trüber Morgen folgte jenem Sonntag, und während er mit dem Frühesten ins Meer hinausfuhr, um die am Abend ausgeworfenen Netze einzuziehen, besann er sich, daß ihm nachts von den Seinen geträumt, von Zwist und Hader, und daß er feierlich ausgerufen habe: Ich werde Eure Schwelle nie mehr übertreten!
Und wie an etwas Zusammenhängendes dachte er plötzlich an das entsetzte Gesicht, das der Alte beim Kartenaufschlagen gemacht, und wie diesem vor Schrecken das Wort auf den Lippen erstarrt war. Warum? Dichter Nebel deckte das Meer. Zum erstenmal wollte er den Fischfang allein einheimsen. Lange suchte er nach dem Ankerflott. Den Fuß auf die Spitze des schaukelnden Kahns gestellt, beugte er sich vor, den schweren Stein emporzuziehen. Ein Ausgleiten, die leiseste Bewegung, und er stürzte in die Tiefe. Was hatte in den Karten gestanden? Der Nachen füllte sich mit triefenden Tauen, Tang und Moos, daß er sich beugte, und das Brett, worauf sein Fuß stand, wurde naß und glatt. So zog er Netz für Netz ein, die außer einem roten Knurrfisch nichts als Meerspinnen und Krabben enthielten, und kehrte heim mit seinem armseligen Fang. Besorgt harrte der Alte am Ufer.
»Was Sie aus den Karten gelesen, war mein baldiger Tod?« fragte Karl.
»Ja,« lautete die Antwort.
»Ausgezeichnet!« lachte Karl. Die liebenswürdigste Stimmung überkam ihn scheinbar, und als hätte er jenen vollends ins Herz geschlossen, wich er ihm nicht von der Seite und wurde nicht satt, von der Zukunft zu reden. Nächstes Jahr wolle er ins Gebirge, aber im zweitnächsten Sommer wiederkommen, vielleicht in Begleitung seiner jungen Frau, wenn er das Heiraten nicht lieber werde sein lassen, um mit freien Schwingen seinem Ziele zuzustreben, das er bestimmt erreichen werde kraft des Gesetzes, laut dessen die Alten den Jungen weichen mußten. Gespannt beobachtete er dabei die Miene des Alten und war ihm in tiefster Seele gram.
Kürzlich war ihm der Einfall gekommen, die »rote Fliege« frisch zu überstreichen, er war eigens zu Wagen nach Pont l'Abbé gefahren, um Zinnober zu kaufen, und die Arbeit hatte ihn sehr interessiert. Doch nun wollte er nichts mehr davon wissen, indem er dachte: Ich seh' nicht ein, warum ich dieses Gerümpel vor meinem Ende noch in neuen Stand setzen soll. Als der junge Coëtlogon ihn zu einer Segelpartie für den nächsten Tag einzuladen kam, antwortete er überlegend: »Ja, ich weiß nicht, ob ich morgen noch am Leben sein werde, aber ich will trachten. --« Das Meer lockte ihn nicht mehr. Was hör' ich? Du willst mich verschlingen? So! so! dachte er. Lebhaft stellte er sich vor, wie ihn Carabine auf der nächsten Fahrt auf einen Steinhaufen hinschleudern, oder wie ihm die schwarze Zwergkuh, die im Farrenkraut vor dem Hause graste, einen Stoß in den Leib versetzen würde, machte sich mit dem Gedanken vertraut, daß sein Leben von der Laune einer elenden Schindmähre oder einer zahmen Kuh abhing, wunderte sich nur, daß die Bäume so ruhig dastanden, statt über ihn zu fallen und ihm den Kopf zu zerschmettern, und wenn er bei Tisch den Zweifel hegte, daß Guillot, der Schmutzfink, die kupfernen Töpfe vor dem Gebrauch gereinigt hatte, beeinträchtigte die Aussicht, vergiftet zu werden, seinen Appetit durchaus nicht.
»Daß der Teufel einem doch immer ein Ei in die Wirtschaft legt!« klagte einmal der Alte. »Louis Carjou liegt im Sterben. Es nützt nichts, ich muß ins Dorf zu ihm, eh' er den Geist aufgiebt, sonst nimmt er's mir übel!«
»Da halt' ich mit!« rief Karl. Trotz der Mittagsglut drang er darauf, aufzubrechen. »Ich will mir das ansehn!« murmelte er unterwegs. Schon hörte er im Geiste Louis Carjou ein Wehgeschrei erheben, die Nachbarn umringten ihn, nun fuhr er im Bette auf, ihn erfaßte die Verzweiflung: »Der Tod! Zu Hilfe, zu Hilfe!« Die Weiber beteten und weinten, den Männern war feierlich zu Mute, und ein Schulknabe rief gelehrt: »Du mußt atmen, Vater Carjou, atmen, atmen!« ... Karl hatte aus den Trümmern eines abgebrannten Theaters Hunderte von Leichen hinaustragen sehen, er war erschüttert, nicht erstaunt gewesen, Verwandte und Bekannte von ihm waren gestorben, warum nicht? Hatte er sich doch selbst dem Tod, einem Abenteuer so gut wie einem andern, willig in die Arme werfen wollen, aber jetzt hatte er über ihn nachgedacht, ihn gewissermaßen entdeckt: er bäumte sich auf, es ging ihm nicht in den Kopf, und er verachtete sich und alle, die da sterben mußten.
Der Alte erriet seine Gedanken und bemerkte schuldbewußt: »Carjou ist ein hoher Siebziger. So ein Bauer, der jahraus jahrein kein Fleisch sieht, stirbt hin wie eine Fliege. Wenn man alt und schwach ist, soll Gott einen vor Krankheiten bewahren.«
Endlich erreichten sie Carjous Haus. Kinder spielten vor der Thür, ein paar junge Schweine mit rosigen Mäulern und Ohren sprangen im Flur auf und davon, allein die Stube mit den messingbeschlagenen Eichschränken und den schrankartigen Betten war leer.
»He, Carjou! Carjou!« rief der Alte und fragte die herbeigeeilte Bäuerin, wo der Sterbende denn steckte.
»Nicht zu Hause,« sagte das Weib. »Der Großvater arbeitet auf dem Kartoffelfeld.«
Und um mich sollte es geschehen sein! dachte Karl. Ihn floh der Schlaf. Zum Teufel mit den Gedanken! dachte er eines Nachts, und um die Geister zu bannen, suchte er, so wie er aus dem Bette stieg, den Alten in seiner Stube auf. Der erschrak nicht wenig.
»Bei Gott, ich glaubte ein Phantom zu sehen,« stammelte er.
Man hält mich schon für ein Gespenst, die Sache macht sich! meinte Karl und ballte die Fäuste. Also von der Bretagne ging es ins Totenreich? Jener Bahnunfall wäre nichts als die Mahnung gewesen: Geh nicht ans Meer, dort gähnt dein Grab!
Da erblickte er sich im Spiegel. Das Licht in seiner Hand beschien seine Züge. Sie waren bleich und fahl. Ich zieh' einen Wahnsinn in mir groß, bring' mich selbst ins Grab, und da beklag' ich mich noch! brauste er im stillen auf und sagte selbstbespöttelnd und um den Alten zu versuchen:
»Ich will mein Testament machen. Wer weiß, was einem zustoßen kann! Nicht wahr?«