Kasperle auf Reisen: Eine lustige Geschichte

Part 9

Chapter 93,872 wordsPublic domain

Mit einem Satz war Kasperle aus dem Bett heraus. Eine furchtbare Angst ergriff ihn. Menschen waren im Schloß! Wenn ihn die nun erwischten! Ein paar Augenblicke wußte er vor Entsetzen gar nicht, was er tun sollte; doch da fiel ihm die Kammer hinter dem Bilde ein. Flugs schlug er auf den Knopf, die Türe rauschte leise auf, Kasperle nahm seine Sachen und die Wurst und witschte in die Kammer. Es war die höchste Zeit, denn draußen dröhnten schon schwere Schritte über den Flur, und kaum hatte sich die Bildtüre geschlossen, als der Förster und seine Frau das Zimmer betraten. Kasperle vernahm einen lauten Schrei, die Försterin hatte das zerwühlte Bett erblickt. »Matthias, Matthias,« rief sie, »es ist wahrhaftig jemand im Schloß gewesen! O du meine Güte, und in des Herrn Herzogs Bett hat er gelegen! Wenn das unser gnädiger Herr wüßte!«

Der Förster brummte und knurrte, Kasperle hörte ihn sagen, es müßte gerade ein Gespenst gewesen sein, von einem lebendigen Menschen hätte er doch etwas merken müssen, auch seien ja alle Türen verschlossen gewesen. »Matthias, die kleine Pforte war ja auf!« schrie die Försterin. »Weißt du, von der der Schlüssel verloren gegangen ist. Jemine, jemine, wenn etwas gestohlen worden ist!«

Die Försterin weinte und klagte, der Förster knurrte und brummte, und Kasperle hörte ihn sagen, daß er die kleine Pforte verriegeln wolle.

»Nein, nein,« rief seine Frau, »unser großes Vorlegeschloß tu dran, das hält besser!«

Kasperle erschrak. Wenn der Förster die Türe mit einem Schloß verschloß, dann konnte er nicht hinaus und --. Da sagte die Försterin: »Und morgen kommt der Herr Herzog schon. Spute dich, Matthias, damit wir fertig werden!«

Alle guten Geister! Morgen wollte der Herzog kommen, und geschlossen sollte werden. Wie sollte er denn da zum Michele kommen? Kasperle dachte: Ich klettere in der Nacht unten zu einem Fenster hinaus und schlafe im Walde. Damit tröstete er sich über diesen Tag hinweg. Den mußte er freilich in dem Kämmerlein verbringen, denn der Förster und seine Frau wirtschafteten immerzu im Schloß herum, und er wagte es nicht, sein Versteck zu verlassen. Doch als es dunkelte, wurde es still im Schloß, er hörte noch Türen klappen, dann schwieg alles, und endlich wagte er es, die Bildtüre zu öffnen. Er nahm seine Wurst unter den Arm, die er schon halb aufgegessen hatte, und schlich sich leise durch des Herzogs Schlafzimmer, drückte an der Tür die Klinke nieder und -- merkte, er war eingeschlossen.

Von außen war das Zimmer verschlossen, und als Kasperle versuchte, das Fenster zu öffnen, sah er erst, daß dies vergittert war. Er konnte nicht hinaus, er war gefangen. Kasperle stöhnte, seufzte und weinte und rannte verzweifelt im Zimmer hin und her; es half ihm alles nichts, er konnte nicht hinaus. Zuletzt kroch er wütend in des Herzogs Bett, das mit feinem schneeweißem Linnen überzogen war. Und heulend wühlte sich Kasperle in die Kissen, und er schlief in dieser Nacht nicht wie ein Säcklein, sondern wachte immer und immer wieder auf. Am Morgen vernahm er lauten Lärm: Hörnerblasen, Wagenrollen, Hufschlag und Stimmengewirr. Und als er erschrocken aufsprang und hinausspähte, sah er draußen einen ganzen Zug Reiter ankommen, ein paar Wagen dabei; der Herzog hatte die Fahrt zu seinem Jagdschloß in den frühesten Morgenstunden gemacht, weil es ein heißer Tag zu werden drohte.

Das war der Herzog, sein Feind. O jemine! Kasperle sah ihn aus dem Wagen steigen, und da entwischte er flink in sein Versteck. Er zitterte vor Angst, und ganz verdattert und bedrückt hockte er auf der Geldkiste nieder. Wie sollte er nun entfliehen?

Im Schloß wurde es laut. Kasperle vernahm Schritte, und dann hörte er auch, wie in des Herzogs Schlafzimmer die Türe aufgeschlossen wurde und ein lautes, erschrockenes Rufen ertönte. Himmel, das Bett! Daran hatte das dumme Kasperle gar nicht gedacht.

In seinem Versteck konnte er genau alle Stimmen unterscheiden. Jemand schalt heftig, das war der Herzog, und dann weinte jemand, das war die Försterin. Sie schwor, das Zimmer sei ganz in Ordnung und verschlossen gewesen; es müsse gerade ein Gespenst im Schlosse sein. Und sie beschrieb, wie gestern so viele Türen offen gestanden haben und auch das Bett zerwühlt gewesen sei. Nur ein Gespenst habe das anrichten können. Von den verschwundenen Würsten sagte sie nichts, das hatte noch niemand gemerkt, auch von dem offenen Pförtlein schwieg sie, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte.

Als die Försterin immerzu rief: »Ein Gespenst, ein Gespenst muß im Schlosse sein!« bekam es Kasperle mit dem Lachen. Er hielt sich selbst die Hand vor den Mund, um nicht laut hinauszuplatzen. Weil er aber irgend etwas tun mußte, um seiner Lustigkeit Luft zu machen, schlenkerte er das linke Bein hin und her; er traf dabei einen der silbernen Becher, und der rasselte mit großem Getöse zu Boden.

Nebenan erhob sich ein lautes Geschrei. Der Herzog rief: »Was war das, was war das?« und die Försterin antwortete schluchzend: »Das Gespenst, das Gespenst!«

»Es muß alles genau untersucht werden,« befahl der Herzog. »Auch soll das Schloß ringsum bewacht werden. Schnell, schnell, sucht alle Räume ab!«

Dem Kasperle schlug das Herz. Er hörte, wie sich das laute Rufen weiter im Schlosse fortsetzte, und er hörte auch, wie nebenan jemand sagte, der Leibarzt müsse kommen, der Herzog sei vor Schreck krank geworden. O heiliger Bimbam! Wenn der Herzog krank war, legte er sich vielleicht ins Bett, und das Kasperle war noch mehr gefangen.

Und wirklich, der Herzog legte sich auch ins Bett. Er war nämlich an diesem Tag zu früh aufgestanden, das war seine schlimmste Krankheit. Während der Leibarzt kam und der Kammerdiener allerlei gute Dinge herbeibrachte für den Herzog, saß nebenan Kasperle trübselig auf der Geldkiste. Er kaute an der Wurst herum, die schmeckte ihm gar nicht mehr, denn er war durstig geworden und sehnte sich nach dem schönen Quellwasser, das er mit Michele zusammen getrunken hatte. Dazu wurde es allmählich dunkel in dem Kämmerchen, das winzige runde Fenster mit dem dichten Grün davor ließ wenig Licht ein. Auch ging draußen der Tag zu Ende, und zuletzt umgab Kasperle nachtschwarze Dunkelheit. Doch auf einmal kam ein feiner, schmaler Lichtstreif in die Kammer, und Kasperle sah zu seinem Erstaunen an der Wand ein rundes, helles Loch. Er rutschte vorsichtig von seiner Kiste herunter, tappte sich zu dem Loch hin und sah nun zu seinem großen Erstaunen durch die kleine Öffnung gerade in des Herzogs Schlafzimmer hinein. An der Stelle hing innen in des Herzogs Zimmer das Bild eines Urahnen. In seinem Schwertknauf war das kleine Guckloch, und es sah niemand im Zimmer Kasperles glitzernde Äuglein neugierig hereinspähen. Der Herzog lag im Bett, der Leibarzt saß daneben, dabei noch zwei Herren. In dem einen erkannte Kasperle gleich den Grafen, Rosemaries Vater. Sie sprachen von der seltsamen Unordnung, die in dem Schlosse geherrscht hatte; der Herzog erzählte davon dem Grafen, der erst später gekommen war. Kasperle spitzte arg seine Ohren, und dabei drückte er sich fester an die Wand. Da rief drinnen der Herzog: »Was raschelt da so?«

Kasperle fuhr erschrocken zurück, verlor dabei das Gleichgewicht und purzelte mit ungeheurem Getöse von der Kiste herab. O jemine, gab das wieder einen Aufstand! »Es ist nebenan,« rief der Herzog, »in dem Saal, schnell, schnell, man muß nachsehen!«

Da rannte und lief alles, was Beine hatte, in den großen Speisesaal, der an des Herzogs Zimmer grenzte. Die Wände des Schlosses waren ungeheuer dick, und es kam niemand auf den Gedanken, hinter den riesigen Schränken, die im Speisesaal standen, könnte die Mauer ganz dünn sein. Die Schränke wurden abgesucht, Geschirr stand darin, Wäsche lag in den Fächern, von einem raschelnden, purzelnden Gespenst war aber nichts zu sehen. Von der schmalen Kammer zwischen den Wänden ahnte niemand etwas.

Dem armen Herzog war es vor Schreck ganz übel geworden. Als Kasperle endlich wagte, wieder durch das Löchlein zu schauen, sah er den Herzog Kamillentee trinken. Und gerade hörte er den Kammerdiener sagen: »Wenn das Gespenst nur nicht das Kasperle ist!«

»Wer, was, das Kasperle? Wie kommst du darauf?« Der Herzog richtete sich erschrocken auf und machte solche böse Kulleraugen, daß Kasperle sich flink zusammenduckte.

»Ja,« sagte drüben der Diener, »ein Landjäger hat erzählt, sie hätten vor einiger Zeit das Kasperle beinahe in Waldrast gefangen, doch sei es da wieder auf unglaubliche Weise entwischt. Und nirgends ist das Kasperle seitdem gesehen worden. Waldrast ist nahe, da ist es doch möglich, daß sich der kleine Kobold hier versteckt hat.«

»Ja, ja,« rief der Graf aufgeregt, »so wird es sein! Sicher steckt dieser Unhold hier irgendwo im Schloß.«

Aber der Herzog meinte doch, dies sei nicht gut möglich, beinahe möchte er an ein Gespenst glauben.

»Mit Verlaub,« sagte da der Haushofmeister, der eben eingetreten war, »ein Gespenst frißt doch nicht die Räucherkammer beinahe leer! So etwas habe ich noch nie von einem Gespenst gehört.«

Da riefen alle, nein, das hätten sie auch noch nicht gehört, und so etwas wäre dem Kasperle schon eher zuzutrauen. Und als der Haushofmeister nun erzählte, wie viele Würste in der Räucherkammer fehlten, da befahl der Herzog streng: »Man muß suchen, auf dem Boden, in den Kellern, überall, auch in den Schornsteinen, und wer das Kasperle findet, dem gebe ich einen hohen Orden. Er wird auch Graf, wenn er das nämlich nicht schon ist. Das Kasperle, den Unhold, will ich aber streng bestrafen, wehe ihm!«

Sie redeten alle so viel durcheinander, wo wohl der kleine Unhold stecken könnte, daß niemand den tiefen Seufzer vernahm, den Kasperle ausstieß. Ach, es war schon schlimm! Er war gefangen, wurde verfolgt, und wer weiß, wie übel es ihm erging, wenn er entdeckt wurde! Als alle drinnen in des Herzogs Zimmer laut redeten, legte sich Kasperle müde auf den Fußboden nieder, vielleicht konnte er seine Angst verschlafen. Und Kasperle schlief wirklich ein, und im Schloß schliefen nach und nach auch alle ein. Sie hatten sich müde gesucht, und schließlich sagten sie: »Es ist sicher ein Gespenst, ja, und Gespenster findet man nicht.«

Selbst der Herzog war eingeschlafen in seinem schönen Bett, um das Kasperle ihn sehr beneidete. Der Kleine wachte aber mitten in der Nacht auf, der Mond schien ihm gerade auf das Gesicht. Ganz wunderlich war es. Hinter dem runden Fensterloch stand noch schief, aber glänzend der Mond und erleuchtete die winzige Kammer. Ach, dachte Kasperle, wäre ich doch jetzt auf der Waldwiese! Und weil er sich sehr arm und verlassen vorkam, seufzte er recht tief und vernehmlich.

»Johann,« schrie nebenan der Herzog, »hörst du, es hat geseufzt!«

»Jawohl, es hat geseufzt,« antwortete der Diener verschlafen. »Es ist doch ein Gespenst!«

Das kam Kasperle spaßig vor, daß er nun wieder ein Gespenst sein sollte. Er seufzte noch einmal und noch einmal, und da schrie drinnen der Herzog, man solle flink alles ableuchten, um zu sehen, was da seufze. Flugs schwieg Kasperle wieder, weil aufs neue das halbe Schloß lebendig wurde. Diener kamen, der Haushofmeister kam, Kammerherren rannten herbei, und alle lauschten auf das Seufzen. Aber Kasperle war muckstill, da wurde es auch drüben still, alle gingen wieder zu Bett.

Der Herzog war gerade wieder eingeschlafen, als das Geseufze wieder anfing. »Das Gespenst seufzt wieder!« Der Herzog schrie, der Diener schrie, und wieder rannten alle herbei, horchten und hörten doch nichts. Kasperle zappelte vor Vergnügen, und bums! klirrte und dröhnte die alte Kiste, an die er gestoßen war.

»Das Gespenst, das Gespenst!« Nebenan redeten viele Stimmen durcheinander, und Kasperle verhielt sich nun ganz still, denn auf einmal sagte jemand, man müsse die Wände morgen abklopfen; vielleicht sei einmal jemand eingemauert worden, und der geistere nun herum.

»Das ist recht,« antwortete der Herzog, »man soll morgen gleich den Hofbaumeister holen.«

O weh! Da verging dem Kasperle wieder der Übermut. Wenn der Hofbaumeister die Wände abklopfte, fand er sicher die geheime Türe, und man entdeckte ihn, das Kasperle. Er wurde muckstill, und nichts störte fortan den Herzog mehr. Dabei schlief Kasperle nicht einmal. Der dachte an die Flucht, und er beschloß, morgen doch die Treppe hinabzusteigen, vielleicht fand er da einen Ausgang.

Als die Sonne aufging und Licht durch das grüne Fensterloch in das Kämmerchen floß, rüstete sich Kasperle zur Flucht. Seinen letzten Wurstzipfel nahm er mit und den Geldsack aus der Truhe. Das raschelte und klirrte wieder, und der arme Herzog nebenan erwachte von dem Geräusch. Weil dann aber alles still blieb, dachte er, er habe geträumt. Er klingelte nach seiner Morgenschokolade. Das hörte Kasperle noch, als er das schmale Trepplein in die Tiefe hinabstieg. Ach lieber Himmel, er hätte auch lieber Schokolade getrunken, als in die Finsternis zu steigen! Er tastete sich den schmalen Gang entlang, in den die Treppe mündete; feucht und kühl war es, und ein paarmal huschte etwas vor dem erschrockenen Kasperle vorbei, es mochten Ratten sein. Kasperle ächzte vor Angst, dumpf dröhnte das Echo wieder, und in der Küche ließ just in dem Augenblick die Köchin des Herzogs die Morgenschokolade fallen. »O du meine Güte,« schrie sie, »nun geistert es hier auch, hört nur!«

Alle Küchenjungen und Küchenmägde hatten das Geächze vernommen, denn Kasperle war gerade unter der Küche hinweg gewandert. Endlos schien der Gang zu sein, er ging weiter und weiter, aber auf einmal sah Kasperle es in der Ferne hell werden. Nun rannte er, so schnell er mit dem Geldsäcklein vorwärts kam, plötzlich sah er dicht vor sich dichtes, dichtes Gebüsch. Er kroch hindurch, da stand er im Wald, und nicht weit davon lag das Schloß. Kasperle wollte weiterrennen, denn er dachte an die Wächter, die das Schloß bewachten, doch da hüpfte und sprang es um ihn herum, und neben ihm schrie Michele: »Endlich kommst du, endlich!«

Kasperle hielt nicht an. Er packte Micheles Hand und zog ihn mit fort, die Geißen folgten, und erst als alle weit drinnen im Walde waren, begann Kasperle seine Abenteuer zu erzählen. »Da,« sagte er stolz und hielt Michele den Geldbeutel hin, »den habe ich dir mitgebracht.«

Aber Michele griff nicht nach dem Beutel. Der sah den Freund tief erschrocken an. »Kasperle,« sagte er leise, »das Geld gehört dem Herzog; das -- das -- ist -- gestohlen!«

»Nä!« Kasperle riß seine Augen weit auf. »Ich hab's doch gefunden!«

»Aber das Schloß gehört dem Herzog, und alles, was drin ist, gehört dem Herzog!« Michele war blutarm, und er wäre himmelgern lieber ein Geigenspieler statt ein Knechtlein geworden, und doch rührte er den Beutel nicht an. »Du mußt das Geld zurücktragen,« sagte er, »es gehört dir nicht. Weißt du, schon die Würste zu nehmen war arg böse.« Und Kasperle mochte sagen, was er wollte, Michele blieb dabei.

Da schaute das Kasperle seinen Freund nachdenklich an und flüsterte leise: »Du bist gut.« Er ließ den Kopf hängen, denn er schämte sich, daß er nur ein unnützes Kasperle war; er wäre auch gern so ein braver kleiner Menschenjunge wie das Michele gewesen. Und so schrecklich es ihm war, noch einmal durch den langen, langen, finstern Gang zu gehen, er sagte doch, er wolle es tun.

»Gleich,« riet Michele, »ehe der Hofbaumeister die Türe findet.« Er kramte aus seiner Tasche ein Stückchen Licht und eine Schachtel Streichhölzer heraus; auf den Besitz war er sehr stolz, aber für den Freund gab er die Herrlichkeiten hin.

Und Kasperle kroch wirklich durch das Gebüsch in den unterirdischen Gang hinein. Innen zündete er das Lichtlein an, da war es gar nicht so schlimm, er kam bis zur Treppe, und da -- wurde das Kasperle wieder unnütz. Er schleuderte nämlich den Geldsack heftig gegen die Türe, der Herzog sollte noch einmal tüchtig erschrecken. Doch was war das, -- die Türe ging auf! Das schwere Säcklein hatte die geheime Feder getroffen.

Ein lautes Schreien erscholl, und Kasperle rannte Hals über Kopf die Treppe hinab, in den Gang hinein. Das Licht ging ihm aus, er wagte gar nicht, es wieder anzuzünden. Er rannte und rannte, endlich wurde es hell, er kroch durch das Gebüsch. Unweit davon weidete Michele seine Geißen. »Ausreißen!« rief Kasperle, »ausreißen!«

Michele ahnte, es war etwas Schlimmes geschehen. Er trieb seine Herde an, und die armen Geißen mußten wieder laufen, daß ihnen Hören und Sehen verging. Erst als sie an dem Ort angelangt waren, an dem die Freunde sich zuerst getroffen hatten, hielt Michele an. Kasperle sank ganz atemlos zu Boden, Michele brachte ihm Wasser, gab ihm Brot, und erst dann konnte der kleine Schelm erzählen, was geschehen war. Er blickte dabei Michele verlegen an. Was würde der sagen?

Doch Michele war eben auch ein Bube mit Freude an unnützen Streichen. Er lachte und meinte, der Herzog habe sich gewiß über das Geldsäcklein gefreut, und nun wüßten sie auf dem Schloß doch, wo die geheime Schatzkammer sei. »Aber nun hast du keinen Unterschlupf,« fügte er traurig hinzu. »Hier zwischen den Felsen ist zwar eine kleine Höhle, aber lange drin hausen kannst du nicht. Und -- und« -- Michele tat einen ganz tiefen Seufzer -- »was machst du, wenn ich nicht mehr komme?«

Kasperle riß erschrocken seine Augen und seinen Mund weit auf. Michele wollte nicht mehr kommen! Ja warum denn nicht? Da erzählte ihm der Kamerad, in den nächsten Tagen zögen sie mit allen Rindern und Geißen aus dem Dorf für ein paar Wochen auf eine hochgelegene Bergwiese; da müsse er mit, um alle Tage die Milch hinabzufahren.

»Ich geh' mit,« schrie Kasperle, denn das Hausen auf der Bergwiese schien ihm lustig zu sein.

Doch Michele schüttelte betrübt den Kopf. »Es geht nicht,« sagte er ernsthaft, »du mußt weiterwandern; hier finden sie dich. Bei uns ist auch schon ein Landjäger gewesen, um nach dir zu suchen.«

Kasperle ließ bedrückt den Kopf hängen. Ach, das Weiterwandern machte ihm keinen Spaß mehr, und am liebsten wäre er in das Waldhaus zurückgekehrt! Doch wo war das? Er wußte den Weg zurück nicht mehr, zuviel war er kreuz und quer gelaufen, und Michele wußte es auch nicht. Der gab aber verständigen Rat. Am letzten Tag wollte er Kasperle ein großes Brot herauftragen, der dafür seine Batzen gab, die die Schulmeisterin ihm geschenkt hatte. Dann sollte der Kleine immer oben auf dem Bergrücken weiterwandern und ein paar Tage alle Dörfer meiden, bis er in das Fürstentum S. gelangt sei. Dort, meinte Michele, könnte ihn der Herzog wohl nicht fangen lassen. »Wenn du an einen blaugelben Grenzpfahl kommst,« sagte Michele, »dann bist du an der Grenze.«

Kasperle versprach, sich alles zu merken, auch fortan sehr vernünftig zu sein. Er tat auch, wie Michele ihm geraten, kroch in die Felsenspalte, als der Freund mit seinen Geißen heimwärtszog, und drin schlief er die Nacht besser als im Gespensterkämmerlein.

Dreizehntes Kapitel

Der bunte Garten

Das Geldsäcklein, das Kasperle so heftig an die Türe geschleudert hatte, war dem Herzog gerade auf den Magen gefallen. Platsch, da lag es, platsch, da lag auch die Schokolade, und der Herzog schrie, als hätte er das vom Kasperle gelernt. »Das Gespenst, das Gespenst!« brüllte er, und wieder rannte, wer das Schreien hörte, herbei, und alle starrten in die schmale Kammer hinein, und keiner traute sich recht hineinzugehen. Vielleicht saß das boshafte Gespenst noch irgendwo in der Ecke. Endlich kamen etliche Kammerherren, auch Rosemaries Vater; die untersuchten das Kämmerlein, sahen die Schatzkiste, sahen auch die Treppe und stiegen in den dunklen Gang hinab. Auf dem Flur drängten sich die Küchenmägde zusammen und jammerten: »Das Gespenst wird uns alle totmachen!«

Der arme Herzog lag ganz käseweiß in seinem Bette, und der Leibarzt gab ihm Magentropfen und sagte, Kamillentee würde wieder helfen. Ehe der Herzog aber noch Kamillentee getrunken hatte, kamen die Kammerherren zurück; einer hielt einen Wurstzipfel in der Hand und sagte: »Den muß das Gespenst verloren haben. Und da Gespenster doch keine Würste essen, muß es schon jemand Lebendiges gewesen sein.«

»Das Kasperle war's,« rief der Herzog. »Ich glaube auch, ich habe es gesehen, als die Türe aufging.«

Der Graf meinte auch, es könnte wohl Kasperle gewesen sein, denn ein Einbrecher hätte nicht mit dem Geldsack Fangeball gespielt, sondern den lieber mitgenommen.

»Die ganze Gegend muß abgesucht werden,« befahl der Herzog, »irgendwo muß doch der kleine Kobold zu finden sein!«

Als Michele an diesem Abend seine Herde heimtrieb, ging er dicht am Schloß vorbei. Er traf auch eine Küchenmagd, und als er die ein bißchen dies und das fragte, da erzählte ihm die flugs alles, was geschehen war. Dem Michele wurde das Herz schwer, und er konnte in der Nacht gar nicht ordentlich schlafen vor lauter Angst um Kasperle. Er trieb am andern Morgen seine Herde so früh aus, daß die Bauersfrauen schalten, es sei noch bald nachtschlafene Zeit. Als Michele am Schloß vorbeikam, sah das auch noch ganz verschlafen aus; an der Stelle aber, wo der geheime Gang in den Wald lief, stand ein Wächter. Der blickte grimmig drein und schrie Michele zu: »Nimm heute deine Geißen in acht, Bub, nachher wird der Wald von Jägern und Hunden abgesucht.«

Ei, da rannte das Michele, und die armen Geißen konnten nicht genug hopsen und springen. Michele trieb sie zu immer größerer Eile an, und der Wächter lachte hinter ihm her. Hätte der nur geahnt, zu wem das Michele eilte! Der fand Kasperle noch in seiner Felsspalte sitzen, und aufgeregt erzählte er ihm die neue Gefahr. »Bleib da drinnen,« sagte er, »ich pflanze flink einen Busch davor, da sieht dich niemand.«

Und Michele tat, wie er gesagt hatte. Er grub einen Busch aus, pflanzte den vor die kleine Höhle und machte das so geschickt, daß wirklich der Eingang verdeckt wurde. Kasperle saß innen, Michele außen. So schwätzten sie zusammen.

Die Mittagsstunde kam, es blieb ganz still im Walde, und gerade sagte Kasperle, nun wolle er ein bißchen herauskommen, als aus der Ferne her lautes Rufen und Hundegebell erklang. Da schlugen den beiden Kameraden die Herzen arg, denn näher und näher kam der Lärm. Und auf einmal trat der brummige Matthias mit zwei andern Jägern aus dem Walde heraus. Als der Förster Michele so ruhig seine Geißen weiden sah, rief er nur hinauf: »Ist hier jemand vorbeigekommen?«

»Nä, niemand!« schrie Michele, und er dachte mit heimlichem Lachen vergnügt bei sich: Nun sage ich es doch richtig; wer innen sitzt, ist doch nicht vorbeigegangen!

Die Jäger zogen weiter. Einer der Hunde freilich kam angesprungen, der roch am Boden des Kasperles Spur. Doch Michele fing jämmerlich an zu schreien: »Meine Geißen, meine Geißen!« Da lockte Matthias den Hund zu sich, und Kasperle blieb unangefochten in seiner Felsspalte sitzen.

Danach wurde die Ruhe nicht mehr gestört, und wieder zog Michele mit seinen Geißen heim, und Kasperle blieb einsam zurück. Er dachte voll Sehnsucht an des Herzogs seidenes Bett; da hatte er schon weicher drin gelegen!

Und wieder brach ein heller, schöner Tag an. Das war aber ein Abschiedstag. Michele kam mit dem Brot, zum letztenmal trieb er heute die Geißen aus. Ganz trübselig hockten die beiden Freunde zusammen, und als das Michele scheiden mußte, da fing Kasperle bitterlich zu weinen an.

Der Freund versuchte ihn zu trösten, aber Kasperle heulte wie ein kleiner Gießbach, und zuletzt heulte Michele mit. Das einsame, verlassene Kasperle tat ihm bitter leid, und am liebsten wäre er mit ihm in die weite Welt gelaufen. Zuletzt aber mußten sie doch scheiden. Kasperle blieb allein in seinem Felsenloch sitzen, und Michele trieb trübselig seine Geißen heim. Er ließ den Kopf hängen, rannte unterwegs beinahe etliche Bäume um und ebenso das Schloß, wenigstens stieß er fest mit der Nase daran, und ein Wächter rüffelte ihn grob darum. Der schrie auch: »He, hier treibt sich ja ein fremder Bube herum!« und es war gut, daß der brummige Matthias den kleinen Geißenhirten kannte. So entkam der und wurde nicht weiter nach dem Kasperle gefragt.