Kasperle auf Reisen: Eine lustige Geschichte
Part 7
Ach du lieber Himmel, heulte das Kasperle! Auf der Mädelbank hob ein leises Weinen an, eine nach der andern weinte, dann schluchzte einer auf der Bubenbank, erst heulten alle Kleinen, dann fielen die Großen ein, und nach ein paar Minuten weinte und schluchzte die ganze Schule mit Kasperle. Herr Habermus schüttelte erstaunt den Kopf. So etwas war ihm doch noch nie vorgekommen, daß alle heulten, weil einer gestraft wurde. Er wollte streng sein und nicht darauf achten, aber merkwürdig, Kasperles Weinen und das klägliche Echo rührten ihn sehr, er sagte endlich ganz freundlich: »Nun hört aber auf, Kinder, und du, Kasper, komm wieder an deinen Platz. Seid jetzt endlich stille!«
Flink trocknete Kasperle seine Tränen, er flitzte aus der Ecke heraus, und auf einmal begannen alle Kinder zu lachen, selbst Herr Habermus lächelte ein wenig. Er seufzte aber auch und dachte: Ach je, was wird es heute noch geben!
Kasperle wollte nun sehr artig sein, und er war es auch. Aber er gab wieder blitzdumme Antworten, und wenn er nur seinen Mund auftat, lachten wieder die andern Kinder, und in der Schulstube gab es wieder Lärm und Unruhe. Und nachher hallte die Dorfstraße wider vom jauchzenden Lachen der Kinder, und von den Müttern sagten etliche: »Den Buben hätte der Schullehrer nicht aufnehmen sollen. Ein Schlimmer ist's, ein arger Unnützling!«
Die Base Mummeline hatte nämlich im Dorf allerlei herumgeredet, wie schlimm der kleine Gast im Lehrerhause sei. Kein gutes Härchen hatte sie an dem armen Kasperle gelassen, und manche glaubten ihr alles, manche die Hälfte. Ein wenig scheel sahen ihn die Erwachsenen alle an.
Und dann fingen auf einmal alle Kinder an zu kaspern. Dummheiten hatten auch sonst die Waldraster Kinder genug gemacht, aber solche Hanswurstsprünge, ein solches Gesichterschneiden war sonst nicht Mode gewesen. Da fing zum Beispiel Fritze Schrumps bei Tisch an zu zappeln, hielt die Beine in die Luft und überschlug sich samt seinem Stuhl. Seine Mutter dachte, er hätte Bauchschmerzen, aber sein Vater gab ihm eins auf den Hosenboden, darüber vergaß er das Kaspern. Am Abend aber kam Frau Bimmelmann, die nächste Nachbarin, gelaufen und flehte, Frau Schrumps möchte mitkommen, ihr Peter habe die Krämpfe, er schneide fürchterliche Gesichter. Und auf der Gasse trafen sie Fistelmeyers alte Muhme Trine, die jammerte, bei ihnen sei der Heine übergeschnappt, sie wolle vom Schullehrer einen Tee holen.
»Was auf den Hosenboden,« schrie Vater Schrumps, »das wird schon helfen!«
Das Mittel von Vater Schrumps erwies sich in diesen Tagen als äußerst heilsam; und bald bekamen es die Waldraster Väter und Mütter heraus: ihre Buben und Mädel, aber besonders die unnützen Buben, wollten alle kaspern, wie des Schullehrers kleiner Schützling tat.
Das gab viel Ärger und Geschelte im Dorf, und der arme Herr Habermus bekam manches ungute Wort zu hören. Die Base Mummeline schürte noch das Feuer. Im Lehrerhaus selbst gab es alle Tage Lärm, immer hatte Kasper dies und das getan, so sagte wenigstens die Muhme. Und dabei wollte Kasperle wirklich brav sein, weil es ihm nämlich in Waldrast sehr gut gefiel. Er ging furchtbar gern in die Schule, und das Spielen mit seinen Kameraden machte ihm besonders Vergnügen, über das Geschrei der Base Mummeline wunderte er sich sehr; er fand es nur spaßig, wenn sie über den Scheuereimer purzelte, oder wenn alle Hühner in ihrer Stube herumgackerten, weil Kasperle sie hineingetrieben hatte. Auch brauchte die Base nicht so mörderlich zu schreien, weil sechs dicke Kröten in ihrem Bette saßen und allerlei Getier, Käfer und Tausendfüßler in ihrem Strickkorb herumkrabbelten oder gar ein Regenwurm sich in ihrer Kaffeetasse wand. Das war doch alles nur Spaß! Und über das Räubergesicht brauchte die Base auch nicht so zu erschrecken. So meinte wenigstens Kasperle, und seine Kameraden stimmten ihm zu.
Doch die Base zeterte und schrie. Herr Habermus schalt, Frau Habermus schalt, aber beide hatten dabei den unnützen kleinen Schelm von Herzen lieb. Der Schullehrer bekam es auch nicht fertig zu sagen: »Kasper, geh' wieder in die weite Welt.« Dazu tat ihm der in seiner Verlassenheit zu leid.
So ging ein Tag nach dem andern hin, und Kasperle blieb in Waldrast. Die Dorfbuben lernten das Kaspern immer besser, und der gute Herr Habermus plagte sich weidlich mit den Kindern ab, und daheim hörte er auch noch die Base Mummeline den ganzen Tag schelten. Er war daher sehr froh, als die eines Tages sagte: »Ich geh' morgen in die Stadt.«
Es war eine große Sache, wenn in Waldrast jemand in die Stadt ging. Der mußte dann viele Stunden abwärts steigen und zurück wieder lange, lange den Berg hinaufsteigen. Wenn darum jemand sagte: »Ich geh' in die Stadt,« dann kamen gleich die Nachbarn und hatten diesen und jenen Wunsch, wollten allerlei gekauft haben und sagten auch: »Paß gut auf, was es Neues in der Welt gibt!« In jenen Tagen stiegen die Briefboten noch nicht täglich in das entfernteste Dorf, und in Waldrast empfing höchstens einmal im Jahr irgend jemand einen Brief. In das Schulhaus kamen darum auch noch am gleichen Mittag etliche Nachbarinnen, eine wollte Gewürz, die andere Nähnadeln, die dritte einen Kupfertopf besorgt haben; so ging es weiter, und zuletzt hatte die Base Mummeline einen langen Zettel, auf dem alle Wünsche verzeichnet standen.
»Das wird zuviel zu tragen,« sagte die Lehrersfrau; »Base, da tust du dir Schaden. Nimm den Kasper mit, der kann dir helfen.«
Ei du lieber Himmel, zeterte da die Base los! Mit dem schlimmen Buben sollte sie gehen! Na, da würde sie sicher vor Ärger unterwegs sterben, behauptete sie; der Kasper sollte ihr nur fern bleiben. Und die Base Mummeline rüstete ihren Korb, und Kasper blieb daheim. Der war arg froh darüber. Ja, schlimm genug, als er die Base in aller Morgenfrühe aufstehen hörte, schaute er ihr vom Fenster aus vergnügt nach, zog ihr eine lange Nase und schnitt, als sie sich noch einmal umdrehte, sein allerbösestes Räubergesicht.
Meine Güte, erschrak die Base! Sie kollerte fast mit ihrem Korb den Berg hinab, so rannte sie davon, und erst als Waldrast schon ein Stück hinter ihr lag, wagte sie es, aufzuatmen. »Na, warte du!« Sie drohte mit der Faust dorthin, wo das Schulhaus lag, und dann wanderte sie bergab und dachte dabei: Könnte ich nur den Kasper aus Waldrast vertreiben! Die Base Mummeline ging auf einsamen Wegen durch tiefen Wald, über grüne Wiesen, an Felsen entlang bergab nach der fernen Stadt. In Waldrast aber kasperten die Buben an diesem Tage schlimmer als je, und das Kasperle war purzelvergnügt. Beim Mittagessen schalt keine Base, er hörte kein böses Wort, ja die Frau Schullehrerin lachte ein paarmal herzhaft über seine drolligen Gesichter. Der Schullehrer sah auch freundlich drein und Kasperle dachte: Wenn die Base doch nie wiederkäme!
Aber die Base Mummeline dachte gar nicht ans Fortbleiben. Die erlebte in der Stadt eine höchst seltsame Geschichte, und sie stieg am nächsten Tag, als sie alles eingekauft hatte, so schnell es nur ging, wieder nach Waldrast hinauf. Zu später Nachmittagsstunde kam sie im Dorfe an. Die Lehrersfrau war mit Lenchen und Lorchen bei der Pate Schönlein, der Lehrer saß in seiner Stube und arbeitete, und Kasperle wollte gerade aus dem Hause gehen zu seinen Kameraden, als er die Base daherkommen sah. Die sah ihn nicht, sie schritt aus, als hätte sie eine Schlacht gewonnen, und Kasperle schlüpfte ein wenig erschrocken in die Wohnstube. Als er draußen den Schritt der Base vernahm, da kroch er flink in einen dunklen Winkel am Ofen, die Hölle genannt. Warum er das tat, wußte der kleine Schelm selbst nicht genau. Der Gedanke an die lange Nase und das Räubergesicht bedrückte ihn etwas, und dann war die Base dahergekommen, als trüge sie den schönsten Rohrstock im Korb. Ein paar Minuten später tönte auch ihre Stimme durch das Haus, und der Lehrer kam eiligst aus seinem Zimmer heraus. Der Base erste Frage war: »Wo ist Kasper?«
Kasperle in der Hölle erschrak, und ganz leise schob er ein paar Holzscheite vor, damit ihn die Base nicht sehen sollte. Indem kam die Lehrerin zurück, sie begrüßte die Base, als wäre die von einer langen, langen Reise heimgekehrt. Aber die Base fragte auch sie flink: »Wo ist Kasper?«
»Ach, die Buben spielen alle am Bach, da wird er wohl dabei sein,« meinte die Frau. Sie hatte Kasperle erlaubt, zu seinen Gefährten zu gehen.
Doch die Base begann erst sich im Zimmer umzusehen; sie guckte unter das Sofa, schloß den großen Schrank auf und sah auch in die Hölle hinein. Da lagen die Holzscheite vorne dran, und die Base sah Kasperle nicht. »Er ist nicht da,« rief sie; »nun will ich euch erzählen, wer eigentlich der Kasper ist, na, ihr werdet staunen!«
Alle guten Geister, ja, da staunten Schullehrers wirklich, als die Base zu erzählen anfing! Und dem Kasperle im Ofenwinkel wurde es wind und weh, denn was hörte er? Seine ganze Geschichte erzählte die Base! Da war unten in der Stadt ein Kasperlemann gewesen, der hatte ein geschnitztes hölzernes Kasperle gezeigt und laut verkündet: »Wenn ihr einen findet, der so aussieht, dann fangt ihn; der Herzog von S. gibt dafür eine hohe Belohnung.« Und dann hatte er erzählt, daß Kasperle ein urechtes lebendiges Kasperle sei, und was der alles auf dem Schlosse angerichtet habe. »Seht ihr,« schrie die Base Mummeline, »ich hab' es immer gesagt: mit dem Buben ist's nicht richtig. Es ist gut, wenn er gefangen und fest eingesperrt wird. So will es der Herzog.«
Da seufzte der Schullehrer, und seine liebe Frau sagte mitleidig: »Armer kleiner Kerl!«
Dem Kasperle im Ofenwinkel liefen die Tränen über die Backen. Am liebsten wäre er vorgelaufen und hätte sich an die gute Frau angeschmiegt. Ach gewiß, die Schullehrersleute gaben ihn nicht her! Aber da sagte die Base Mummeline wieder laut und hart: »Der Kasperlemann kommt mir gleich nach; er bringt noch einige Landjäger mit, sie wollen das Kasperle gleich mitnehmen. Ich hab' es nämlich gesagt, wo der Popanz steckt, und da, den schönen Goldgulden hab' ich gleich bekommen. Ei, nun freue ich mich, daß der heillose Schelm aus dem Hause kommt und eingesperrt wird! Wir müssen nur sorgen, daß er nicht gar noch vorher ausreißt. Na, die Landjäger werden schon aufpassen!«
Und wieder sagte die gute Lehrersfrau: »Armes, armes Kasperle!« und ihr Mann seufzte mitleidig. Die Base aber stand auf, sagte, nun wolle sie flink ihren Korb auspacken und dann aufpassen, wann Kasperle heimkomme. Der Schullehrer möge aber zum Schulzen gehen, damit der wisse, warum die Landjäger kämen. Das tat der Schullehrer auch. Er und die Base verließen die Stube, nur die Lehrerin blieb darin zurück.
Kasperle in seinem Ofenwinkel zitterte vor Angst. Ach, wenn er nur fliehen könnte, dachte er, irgendwo sich verstecken, bis der Kasperlemann und die Landjäger wieder fort waren! Aber dazu mußte er zuerst aus der Stube heraus, denn in die Hölle würden die Verfolger sicher schauen. Die Lehrersfrau saß still am Tisch, so mild, so gütig sah sie drein, daß Kasperle dachte: Sie verrät mich nicht. Und plötzlich kam er schnell aus seinem Loch hervor, und die Frau am Tisch schrak zusammen. »Kasper,« rief sie, »da bist du ja! Hast du alles gehört?«
Kasperle nickte traurig. Er kam leise näher, umschlang die gute Frau und sah sie flehend an. »Ausreißen!« bettelte er. »Ausreißen!«
»Ja, ja.« Die Frau Lehrerin nickte. »Ich kann mir's schon denken, daß du gern ausreißen möchtest, du armer kleiner Schelm, du!« Und sacht streichelte sie das Kasperle. Sie sann ein paar Minuten nach, dann nahm sie vom Tisch ein großes Stück Brot, steckte dem Kleinen die Taschen voll, gab ihm noch ein paar Batzen und sagte schnell: »Versuche dein Heil! Geh hinten zur Küchentüre hinaus! Mein guter Mann wird mir's schon verzeihen, daß ich dir geholfen habe.«
Sie gab dem Kasperle noch einen Kuß und ließ ihn in die Küche witschen. Von dort aus führte eine Türe in den Garten; neben dem lag der Kirchhof, und wie Kasperle so hastig davonrannte, sah er, daß die Kirchtüre aufstand. Ich verstecke mich auf dem Turm, dachte er, und husch, war er schon drinnen. Es war aber auch die höchste Zeit, denn vom Schulhause her erklang Base Mummelines Stimme: »Sie kommen!«
Sie kamen wirklich. Der Kasperlemann voran, drei Landjäger hintendrein, und die Dorfleute, die sie kommen sahen, rannten eilig herbei. Was war geschehen? Warum kamen die Landjäger in ihr friedliches Dorf? Sie fragten es alle ganz erschrocken, und es gab ein lautes Hinundhergerede, bis die Base etlichen sagte, Kasper werde geholt, ob sie den nicht gesehen hätten.
»Die Buben spielen am Bach,« rief jemand, und gleich liefen ein paar hin, um dort das Kasperle zu fangen, denn die Base tat, als wäre der kleine Schelm ein schlimmer, schlimmer Bösewicht.
Aber wo war denn Kasperle?
Die Buben hatten ihn nicht gesehen, der Schulze hatte ihn nicht gesehen, der Schullehrer wußte nichts von ihm; niemand hatte das Kasperle gesehen. »Er ist ausgerissen!« riefen die Base und der Kasperlemann. »Wir suchen,« sagten die Landjäger. »Platz da, erst suchen wir das Haus ab.« »Alle müssen suchen helfen,« schrie der Schulze. »Na, das wäre doch eine Schande, wenn einer aus Waldrast ausreißen könnte, den unser Herzog fangen will! Vorwärts, alle müssen suchen!«
Und alle suchten. Kasperles Schulgefährten suchten am eifrigsten, und jeder dachte bei sich: Wenn ich ihn finde, lasse ich ihn ausreißen. Nur die Frau Schullehrerin suchte nicht, und niemand fragte sie. Still brachte sie Lenchen und Lorchen ins Bett, und als die bitterlich um ihren lieben Kasper weinten, tröstete sie die Kleinen und sagte linde: »Es wird ihm schon nichts geschehen!«
Die Bauern und Landjäger suchten in allen Häusern, Scheunen und Ställen, aber vergeblich, Kasperle war nicht zu finden. Endlich sagte einer: »Nun müssen wir noch in der Kirche nachsehen.«
»Sie ist ja verschlossen,« sagte ein anderer, »und die Fenster sind auch alle zu.«
Der alte Küster hatte nämlich inzwischen die Kirche verschlossen, und weil er alt und müde war, kümmerte er sich nicht um den Lärm im Dorf. Er saß in seinem Lehnstuhl und schlief, und die Landjäger gingen alle um die Kirche herum und sagten: »Darin kann er nicht sein, er ist sicher ausgerissen.« Aber wohin? War er in den Wald geflohen, saß er oben in den Bergeinöden? Auf dem Weg zur Stadt hätten sie ihn doch alle sehen müssen!
»Morgen früh wird die ganze Gegend abgesucht. Alles, was Beine hat, muß mitlaufen,« sagte der Schulze. »Na, die Schande, wenn der Kasper entwischt wäre!«
»Ja, gleich bei Tagesanbruch wird gesucht,« riefen alle, »und heute muß das Dorf bewacht werden; keine Katze darf hinaus und das Kasperle erst recht nicht.«
Und im Schulhaus sagte die Base Mummeline: »Ich bin zwar rechtschaffen müde, aber ins Bett gehe ich nicht. Ich wette, der Kasper geistert im Hause herum, und ich erwische ihn doch!«
Elftes Kapitel
Abenteuer über Abenteuer
Allmählich wurde es stiller und stiller im Dorf. Kasperle hörte drinnen im Kirchturmwinkel den Lärm verklingen, und nun wagte er sich erst einmal recht umzuschauen, wo er eigentlich war. Er saß in einer dunklen Vorkammer, eine Treppe neben ihm führte zum Turmaufgang, und von oben strömte noch ein matter Lichtschimmer herab.
Gerade dachte Kasperle, es wäre gut, bis hinauf zu steigen, als jemand draußen sagte: »Aber morgen müssen wir doch einmal in der Kirche nachsehen.« Es waren die zwei Landjäger. Sie gingen vorbei, um mitten auf der Dorfstraße Wache zu halten. Da kletterte innen Kasperle angsterfüllt die ganz schmale, steile Treppe zum Turm hinauf. Er dachte: Dort oben suchen sie vielleicht nicht.
Im Turm der Waldraster Kirche wohnten seit vielen, vielen Jahren Eulen. Eine alte Eulenurgroßmutter, die gerade zur Zeit lebte, erzählte, schon ihre Urgroßmutter habe erzählt, daß ihrer Urgroßmutter Urgroßmutter im Turm gewohnt habe. Niemand störte je die Eulen. Wenn unten die Waldraster Buben den Strick zogen, um die Glocke zu läuten, immer die brävsten durften das tun, dann huschelten sich die Eulen nur tiefer in ihre Nester hinein. Die Glockenklänge waren ihnen vertraut, und wenn die Glocke auf- und abschwang, dann freuten sie sich nur. Nie stieg jemand in den Turm hinauf, denn die Treppe war morsch und das Hinaufklettern gefährlich.
Davon wußte Kasperle nichts. Er stieg immer höher, und die Eulen, die sich gerade ihren Tagesschlaf aus den Augen rieben, sahen erstaunt auf den kleinen, sonderbaren Kerl, der da die Treppe heraufkam. Sie erschraken sehr. Die alte Urgroßmutter schrie heiser: »Nehmt euch in acht, der hat es auf die Kleinen, die Nestlinge abgesehen!« Da schrien alle Eulen; unheimlich klang es, und alle schwirrten empor. Und auf einmal flatterte und rauschte es Kasperle um den Kopf, und er sah in viele funkelnde, böse Eulenaugen. Er erschrak ganz fürchterlich. Eine ganz unbeschreibliche Angst vor diesen fremden, unheimlichen Vögeln ergriff ihn, und er wollte die Treppe eiligst wieder hinabsteigen. Doch er trat fehl und fiel, die Eulen kreischten laut, und das purzelnde Kasperle erfaßte in seiner Angst den Glockenstrick, der ihm vor der Nase herumbaumelte.
»Bum, bum, bum!« tönte es dumpf.
Nun erschraken auch die Eulen, denn Glockenklänge um diese Zeit waren ihnen ganz ungewohnt. Sie flatterten immer aufgeregter hin und her, Kasperle klammerte sich fester an den Strick, und die Glocke geriet ins Schwingen. »Bum, bum, bum, bimbam, bimbam!« Die Glocke begann lauter und lauter zu rufen. Kasperle wollte den Strick loslassen, aber die Glocke schwang heftiger hin und her, die Eulen flatterten wild und Kasperle hing am Strick und flog hin und her, flog zum Turmfenster hinaus, er konnte seine Füße nicht mehr auf den Boden setzen.
»Bum, bum, bum! Bimbam, bimbam!« Über das schlafende Dorf rauschten die Glockenklänge. Die Hunde begannen zu bellen, die Menschen fuhren erschrocken in ihren Betten empor. Die Glocke läutete, was war das? Der Schneidermeister Pimperling sprang zuerst auf die Dorfstraße hinaus. »Feuer!« schrie er, »Feuer! Feuer!«
Der Ruf fand Widerhall. Aus den Häusern stürzten die Leute, und alle schrien sie: »Feuer! Feuer!« Und alle sahen sie sich um, wo es denn eigentlich brennen könnte. »Die Wassereimer her, die Wassereimer her!« schrie der Schulze, denn eine Feuerspritze gab es damals noch nicht in Waldrast. Und alles lief und rannte, um Wassereimer zu holen, und einer fragte den andern, wo denn das Feuer sei, bis einer auf den Gedanken kam, das müßte doch der wissen, der die Glocke läutet. Ja, wer läutet sie denn?
Dem Kasperle aber im Glockenstuhl war es himmelangst geworden. Er hielt sich schließlich verzweifelt am Gebälk fest, ließ den Strick fahren und sauste nun etwas unsanft die Treppe hinab. Auf halber Höhe blieb der zuletzt liegen. Ganz verdattert von dem Geschehenen war er, und als er von draußen, von der Dorfstraße her, Lärm hereindringen hörte, wußte er erst gar nicht, was der bedeuten sollte, bis es dem dummen Kasperle endlich einfiel: die Glockentöne hatten alle aus dem Schlafe geweckt. Er hörte »Feuer! Feuer!« schreien, er hörte lautes Rufen und Fragen vor der Kirchentüre, und da -- Kasperle kugelte gleich die ganze Treppe hinab, jemand hatte draußen laut gerufen: »Ich wette, das ist der Kasper gewesen, der hat sich in der Kirche versteckt.« Es war die Base Mummeline, die das rief.
»Die Türe ist aber verschlossen!« rief jemand anders.
»Man muß den Küster holen, er muß aufschließen,« verlangten ein paar Stimmen. »Flink, holt ihn!«
»Bim -- bam, bim -- bam!« Das Läuten oben wurde schwächer, aber Kasperle hörte noch immer die Eulen oben kreischen und flattern. Wohin sollte er fliehen? Auf dem Turm waren die Eulen, die hackten ihm wohl gar die Augen aus; unten standen die Dorfleute, wehe wenn die ihn erwischten! Er hörte jemand rufen: »Da kommt der Küster, nun aufgepaßt, jetzt müssen wir den Kasper fangen!«
Es war wieder die Base Mummeline, die so rief, und das Kasperle sah sich ganz verzagt um. Wohin sollte er denn nur fliehen? Da sah er plötzlich neben sich eine lange Stange stehen, und -- ein ganz unnützer Gedanke kam dem Kasperle.
Der Schlüssel knirschte im Schloß, die Türe ging auf. »Uje, ist's hier aber dunkel! Holt flink ein paar Laternen!« rief jemand. Und dann gab es einen Plumps, ein lauter Schrei erklang, die Base Mummeline war über die Stange gefallen, die Kasperle quer vor die Türe hielt.
»Au, Donnerwetter!« Da lag der dicke Schulze.
»Himmel, Hagel, was ist das!« Der eine Landjäger fiel dem Schulzen nach, und der Schneidermeister Pimperling quiekte: »Potz Hosenknopf und Ellenmaß, hier spukt's!«
»Ich werde totgedrückt!« kreischte die Base Mummeline.
»Laternen her, Laternen her!« Einer nach dem andern fiel in den Vorraum hinein, und in diesem allgemeinen Gepurzele, in dem lauten Lärm gelang es Kasperle, sich sacht an der Wand hin ins Freie hinauszuschleichen. Er drückte sich ganz eng an die Mauer an und wutschte um den Turm herum, und er war gerade auf der andern Seite angelangt, als etliche Leute mit Laternen daherkamen. Das ganze Dorf versammelte sich am Turm, mit den Laternen wurden die hingepurzelten Leute beleuchtet, und alle riefen: »Das ist ein Streich von Kasper.«
»Man muß den ganzen Turm absuchen,« sagte der Schulze, der sich stöhnend aufgerichtet hatte, und die Base kreischte: »Der darf uns nicht entwischen, dieser heillose Bösewicht!«
Der Schneidermeister Pimperling, der sehr klein, dünn und mutig war, erbot sich, auf den Turm zu steigen. Er nahm einen alten Nachtwächterspieß und eine Laterne und kletterte vorsichtig die Treppe hinauf. Er schaute dabei in jede Mauerritze, unter jede Treppenstufe, ob sich das Kasperle da nicht versteckt hätte, und unterdessen suchten unten etliche den Vorraum, die Kirche, alles ab, -- kein Kasperle war zu finden.
Die Eulen erschraken, als das Licht in ihre Wohnstuben drang. Das blendete sie, und sie versteckten sich scheu. Die Glocke zitterte noch hin und her, aber soviel der Meister Pimperling auch herumleuchtete, Kasperle fand er nicht.
Unten sagte der Kasperlemann: »Wir müssen ihn finden, er muß doch da sein!« Und er erzählte von der hohen Belohnung, die der Herzog geben wollte, und alle suchten noch eifriger, alle sagten: »Er muß doch da sein! Wer soll sonst die Glocke geläutet haben?«
Inzwischen rannte Kasperle sehr eilfertig dem Walde zu. Weil alle nach der Kirche liefen, bewachte keiner die Wege, die nach auswärts führten, und Kasperle gelangte ungesehen in den Wald. Er schlug nicht den Weg ein, der zur Stadt hinabführte, sondern lief seitwärts; dort wußte er, dehnte sich der Wald viele, viele Stunden weit aus. Durch diesen Wald hindurch führte der Weg in ein anderes, fremdes Tal, in das die Leute aus Waldrast nie gingen. In der tiefen Dunkelheit verlor Kasperle nun bald den Weg; er mußte wieder mühsam über Steine klettern und fiel über Wurzeln und umgestürzte Bäume, und als er so ein paar Stunden dahingelaufen war, sank er todmüde zu Boden. Er schlief auch gleich ein, und als er erwachte, sah er die Sonne durch das Gezweig uralter, hoher Tannen glitzern. Soweit er blicken konnte, war dichter Wald um ihn her, und ganz still war es.
Kasperle setzte sich auf einen moosbewachsenen Stein und sah sich traurig um. Nun war er wieder mutterseelenallein in der weiten, weiten Welt, nun hatte er keine freundlichen Pflegeeltern mehr und keine lustigen Kameraden. Er dachte an das Waldhaus; ach, wäre er doch dort geblieben und nicht fortgelaufen! Dort war doch seine Heimat. Er wäre gern zurückgekehrt, aber wie sollte er den Weg finden? Er mußte dann doch an dem Schloß vorbei, in dem die liebliche Rosemarie wohnte! Aber dort kannten ihn alle, man würde ihn fangen und ins Gefängnis setzen. Kasperle hatte davor eine ganz schreckliche Angst. Der Herzog und die Base Mummeline, das waren seine Feinde, und als er nur an sie dachte, sprang er gleich auf und lief weiter durch den Wald. Er wanderte und wanderte, viele Stunden lang, der Wald nahm kein Ende; ganz undurchdringlich schien er zu sein.