Kasperle auf Reisen: Eine lustige Geschichte

Part 2

Chapter 23,773 wordsPublic domain

»Gibst du dein Wort, kleines Kasperle?« Liebetraut hielt des Kleinen Hand fest, und der nickte wieder und beteuerte: »Ich reiße nicht aus, aber -- ich will auch nicht mehr in den Schrank.«

»I bewahre, da kommst du nicht mehr hinein!« sagte Meister Friedolin. Der hatte nämlich sein Schnitzmesser genommen und begann der Puppe, die er schnitzte, Kasperles Gesicht zu geben, wie der flehend zu Liebetraut emporsah. Hei, wie das ging! So flink war das Schnitzen noch nie gegangen. Der Meister dachte bei sich: Ei, nun sollen Meister Friedolins Kasperlepuppen erst recht auf Messen und Märkten gefallen!

Das Kasperle aber rieb sich jetzt den letzten Schlaf aus den Augen, und je mehr es sich umsah, desto besser gefiel es ihm wieder im Waldhaus. Da schoß es plötzlich vor Freude einen Purzelbaum, hopp! hoch über Mutter Annettchen hinweg. Und ehe die kleine Frau noch wußte, wie ihr geschah, saß das Kasperle schon auf ihrem Wandbrett und begann mit den schönen blanken Zinntellern Fangeball zu spielen.

»Warte, du Irrwisch!« schalt Mutter Annettchen, und dann tat sie einen Seufzer. »I, da haben wir ja einen rechten Kobold im Haus!«

Ein Kobold war nun Kasperle gerade nicht, aber ein unnützer Schelm war er. Das merkten die Waldhausleute gleich am ersten Tag. Das polterte, klirrte und krachte nur so im kleinen Haus, mal saß Kasperle oben, mal unten. Er kroch in alle Ecken, und fand er ein Stück vom uralten Hausrat, erhob er ein großes Geschrei. Viel zu erzählen, wie es damals gewesen war, wußte er freilich nicht, das hatte er alles verschlafen. Nur die Sachen erkannte er wieder und die Namen wußte er noch. Frau Annettchen nannte er immer Madame Erdmute. Der gefiel das gar nicht. Ihr war das Kasperle überhaupt etwas gar zu wild, und sie war froh, als es Zeit war, schlafen zu gehen. Sie mahnte: »Ins Bett, ins Bett! Abends Licht verbrennen und morgens die Sonne unnütz scheinen lassen, ist Verschwendung. Flink, ins Bett!«

Da erhob Kasperle ein großes Geschrei. »Ich will nicht schlafen gehen, ich will nicht schlafen gehen! Ich habe doch fast neunzig Jahre geschlafen und bin nicht mehr müde.«

»Potzwetter, das muß ich sagen, neunzig Jahre, da sollte einer wirklich ausgeschlafen haben!« sagte der Meister. »Kasperle mag aufbleiben.«

»Allein aufbleiben? I du meine Güte, der möchte eine nette Wirtschaft anrichten! Das geht nicht,« meinte Mutter Annettchen.

»Ich will mit aufbleiben, ich nähe gleich seinen Kittel fertig.« Liebetraut war schon dabei, für Kasperle ein neues Röcklein zu nähen.

Erst sah Mutter Annettchen etwas bedenklich drein, das Aufbleiben mochte ihr nicht recht gefallen. Aber Meister Friedolin meinte, so schlimm wäre das nicht, und ein ordentlicher Kittel täte Kasperle wirklich not.

So durfte denn Liebetraut aufbleiben. Die Pflegeeltern gingen zu Bett, und das zappelige Kasperle versprach, es würde stille sein und nicht Tische, Stühle und Schränke und sonst allerlei umwerfen. Es setzte sich in eine Sofaecke und schaute ganz brav zu, wie Liebetraut nähte. »Mach' einen Kittel, wie ihn kleine Menschenjungen tragen,« bettelte er.

»Warum denn?« Liebetraut sah den Kleinen erstaunt an. Da schlitzte der ein wenig die Augen zu und brummelte: »Es brauchen doch nicht alle zu sehen, daß ich ein Kasperle bin!«

»O Kasperle,« rief Liebetraut, »ich merke es schon, du denkst ans Ausreißen! Das wird also nichts. Du bekommst einen richtigen bunten Kasperlekittel. Da, die grasgrünen, feuerroten und himmelblauen Flecke kommen alle darauf.«

Kasperle brummte und schmollte ein bißchen, als aber Liebetraut mahnte: »Denk' an dein Versprechen!« da hing er die Nase und wurde still. Er sah gleich ganz tiefbetrübt aus, und Liebetraut sagte mitleidig: »Erzähle mir was, Kasperle!«

»Erzähle du mir was, Liebetraut!« rief Kasperle. »Ach bitte, bitte, bitte, Kasperle hört schrecklich gern Geschichten!«

»Na, dann paß' auf!« sagte Liebetraut, und sie begann feine, liebe Geschichten zu erzählen, vom Wald, von Blumen, Bäumen, von schelmischen Waldgeistlein und lieben, lustigen Menschenkindern. Sie erzählte und erzählte, und wenn sie einmal etwas innehielt, gleich schrie Kasperle: »Mehr, mehr!«

Aber dann merkte Liebetraut auf einmal, daß Kasperle ganz still war. Da ließ sie ihre Arbeit sinken, blickte auf und sah -- Kasperle war eingeschlafen. Sie lachte leise vor sich hin. Na, dachte sie, wenn einer neunzig Jahre geschlafen hat und kann dann noch nicht eine Nacht wachen, das ist schon ein kleiner Faulpelz! Sie selbst nähte emsig weiter, merkte es gar nicht, daß draußen der helle Tag heraufzog, und gerade als sie den letzten Stich tat, öffnete sich die Türe und Mutter Annettchen trat ein. »Aber Mädchen,« rief diese, »die Lampe ist ja ganz niedergebrannt und --«

»Kasperle ist eingeschlafen,« sagte Liebetraut, sie hob das fertige Kittelchen hoch, »und ich bin fertig.«

»Gott sei Dank, daß der kleine Irrwisch doch noch schlafen kann!« Mutter Annettchen lachte. »Ich hatte schon Angst,« redete sie weiter, »er würde nun neunzig Jahre keine Nacht mehr schlafen mögen. Wir hätten ihn dann wirklich in den Schrank sperren müssen.«

»Ich will nicht in den Schrank gesperrt werden,« schrie Kasperle erschrocken. Der war bei den letzten Worten aufgewacht. Und vor Schrecken schoß er gleich einen Purzelbaum über den Tisch hinweg. Hops, bums! Da purzelte er dem Meister Friedolin, der eben aus der Schlafkammer kam, an den Magen, und der gute Meister rief erschrocken: »Uff! Na, man merkt, daß ein Kasperle im Hause ist!«

Drittes Kapitel

Was am Waldsee geschah

Eine ganze Woche war das Kasperle schon im Waldhaus, und es hatte schon mehr dumme Streiche gemacht als zehn Buben in einem Jahr.

Lieber Himmel, was richtete der kleine Kerl alles an! Immer saß er irgendwo, wo er nicht sitzen sollte. Einmal kletterte er in den Geschirrschrank, einmal fiel er in der Vorratskammer in die Milch, dann wieder zog er das Ofenloch auf, und eine Rußwolke flog durch die Stube, oder er brachte Frau Annettchens Näharbeit auseinander, daß die Flicken überallhin verstreut wurden. Manchmal drohte Meister Friedolin: »Warte, ich stecke dich in den Schrank!« Aber wenn Kasperle dann so jämmerlich weinte und greinte, tat es dem Meister immer wieder leid.

Am wenigsten schalt Liebetraut auf Kasperle; dabei hatte ihr der unnütze kleine Strick schon manchen Schabernack gespielt. Freilich war er danach immer wieder zutraulich und umschmeichelte Liebetraut, da konnte ihm die nicht böse sein. Sie redete auch immer wieder den Pflegeeltern zu, und Meister Friedolin und Mutter Annettchen hatten doch wieder ihren Spaß an dem unnützen Schelm.

Das Waldhäuschen war klein, und Kasperle ging es wie einst vor bald hundert Jahren: es wurde ihm langweilig darin. Und weil er allein nicht in den Wald gehen durfte, bekam er erst recht Sehnsucht danach. Er dachte mehr und mehr, wie schön es doch wäre, wenn er einmal wieder die weite Welt durchstreifen könnte.

Liebetraut merkte wohl Kasperles Sehnsucht, und sie mahnte an jedem Tag: »Denk' an dein Versprechen!« Da nickte Kasperle und seufzte dazu und dachte bei sich: Es wäre ganz gut, wenn man ein Versprechen ins Wasser werfen oder es im Ofen verbrennen könnte, damit es weg wäre.

Einmal, an einem besonders schönen Frühlingstag, ging Liebetraut nach Schönau. Sie hatte allerlei einzuholen, denn das Pfingstfest stand dicht vor der Tür. Frau Annettchen kramte und wirtschaftete im Häuschen herum, alles sollte zu dem Feste blitzsauber sein; dabei war ihr das Kasperle recht im Wege, denn das wuselte wie ein Irrwisch durch die Stuben. Mal war es da, mal war es dort, einmal warf es den Scheuereimer um, dann fuhr es mit dem Besenstiel durch eine Fensterscheibe, und Frau Annettchen wurde recht böse auf den Unnützling. Schließlich rief sie ärgerlich: »Geh zum Meister!«

Das ließ sich Kasperle nicht zweimal sagen. Er lief flugs hinaus und suchte hinter dem Hause Meister Friedolin auf. Der stand dort und strich seine neuen Kasperlepuppen an. In Reih' und Glied waren die auf Holzpfählen aufgestellt, eine sah drolliger aus als die andere, denn Meister Friedolin hatte sie alle nach dem kleinen lebendigen Kasperle geschnitzt.

»Heio,« schrie Kasperle, »das bin ich!« Und flink tippte er die erste Puppe an die Nase, da blieb sein Fingerlein kleben, weil die Farbe noch naß war.

»Ungeschick, du!« schalt Meister Friedolin ungeduldiger als sonst. »Marsch, geh, du hast hier nichts zu suchen!«

Da lief Kasperle tiefbetrübt davon. Er lief wieder in das Haus hinein, er lief wieder hinaus und dachte bei sich: Wenn sie mich wegschicken, dann gehe ich; dann gilt auch mein Versprechen Liebetraut gegenüber nicht. Und ganz eilfertig rannte er ein Stück in den Wald hinein. Das gefiel ihm gar gut. Die Vögel sangen und zwitscherten in den Bäumen; die rauschten leise, und unten am Boden blühten feine, zarte Waldblumen. Kasperle stapfte lustig davon. Ein Weg war da, über den glitzerte die Sonne, ein anderer verlor sich im tiefen Schatten. Einen Augenblick überlegte Kasperle, welchen Weg er gehen sollte. Er schlug schließlich den Schattenweg ein und kam dabei bald an einen kleinen Waldsee. Der war von Wasserlilien umstanden, und in ihm badeten zu Kasperles größtem Erstaunen ein paar Buben. Die platschten höchst vergnügt im kühlen Wasser herum, und Kasperle wäre am liebsten mit hineingestiegen, doch fürchtete er sich etwas vor dem Wasser und vor den Buben. Darum schlich er nur vorsichtig an dem Rande entlang, und dabei entdeckte er die Sachen, die die Buben ausgezogen hatten. Heio, dachte er, das ist fein! Jetzt werf' ich meinen Kasperlekittel fort und zieh' Jacke und Hose von den Buben an, dann laufe ich in die weite Welt. In seiner Freude vergaß er ganz und gar sein Liebetraut gegebenes Versprechen. Er kroch hinter einen Busch, zog sich ein Paar Höslein und eine blaue Jacke heran und schlüpfte hinein. Die Büblein, denen die Sachen gehörten, mußten ebenso groß wie Kasperle sein, denn dem paßte beides wie angegossen. Er hatte einen ungeheuren Spaß an der Geschichte, und als er fertig war, warf er sich in das Gras und quiekte vor Vergnügen.

Wenn die Buben im Weiher nicht selbst so gelärmt hätten, dann hätten sie Kasperles Lachen hören müssen. Aber die spritzten sich, tauchten auf und tauchten unter und merkten nichts von allem, was am Ufer geschah. Sie sahen nicht, wie auf einmal ein Bube durch den Wald lief; erst eine Weile später, als sie aus dem Wasser stiegen, merkten sie, was geschehen war. Da suchte der Fritz seine Hosen und fand sie nicht, und als Peterle in sein Jäcklein schlüpfen wollte, ja, da konnte er viel danach ausblicken, nirgends war es zu finden. Nur der Christophel hatte seine Sachen beisammen, und da blähte der sich auf wie ein Fröschlein und schalt die beiden liederlich. »Sucht nur!« schrie er. »Wer weiß, wo ihr alles hingeworfen habt! Ich hab' mein Zeug ordentlich beisammen.«

Das ging nun Fritz und Peterle doch über den Spaß. Sie meinten nun nicht anders, als der Christophel habe ihnen die Sachen versteckt, und für einen solchen Schabernack, dachten sie, muß einer Prügel haben. Und eins, zwei, drei fielen sie über den Christophel her. Doch der war nicht faul und wehrte sich tapfer. Plumps, pardauz! lagen sie auf einmal alle drei im Grase und rauften sich. Sie schrien dabei, daß die Vögel beinahe vor Schreck von den Bäumen fielen und eine besonders dicke Froschmadame im Weiher ohnmächtig wurde. Da erhoben die Frösche zornig ihre Stimmen, und wer weiß, was nicht noch alles geschehen wäre, wenn nicht der Herr Förster, der durch den Wald ging, den Lärm gehört hätte. Der war flink zur Stelle; er sah die raufenden Buben und besann sich nicht lange, wie da Frieden zu stiften sei. Hopp! stand der Fritz auf den Beinen, und klatsch! hatte er einen Katzenkopf, und ehe Peterle und Christophel sich noch recht besonnen hatten, war es ihnen genau so gegangen. Erschrocken blieben alle drei steif und kerzengerade vor dem Förster stehen und vergaßen das Ausreißen.

»Na, warum habt ihr euch denn gehauen?« fragte der Förster schmunzelnd. »Es ist euch wohl nicht warm genug?«

Ei potztausend, warm war es den dreien schon, trotz dem langen Bade vorher! und jedem brannte ein Bäcklein hochrot, denn der Förster hatte eine feste Hand. Dessen rascher Ärger aber war schnell verraucht, er sah die drei Schelme lachend an, und die fanden den Mut, ihm ihr Mißgeschick zu erzählen. Fritz und Peterle verklagten Christophel, der verteidigte sich heftig, und beinahe wären die drei Freunde sich wieder in die Haare gefahren. Aber der Förster runzelte bedenklich die Stirn, er packte Christophel fest an den Schultern und fragte: »Hast du Jacke und Hosen versteckt?«

»Nein!« Christophel sah mit seinen himmelblauen Augen den Förster treuherzig an, und der wußte da gleich, der Bube hatte die Wahrheit gesagt. Aber wo waren die Sachen? Etwa gestohlen, hier in seinem Walde, den er zu behüten hatte? Dem Förster schien das ganz unmöglich zu sein, er brummelte: »Vielleicht habt ihr die Sachen gar nicht angehabt?«

»Aber meins waren doch Hosen!« rief Fritz entrüstet.

Na freilich, ohne Hosen konnte jemand nicht gut von Schönau bis in den Wald laufen, der Förster sah das ein. Doch unnütze Buben konnten wohl ihren Kameraden den Streich gespielt haben, darum sagte er: »Lauft nur flink heim; es wird euch irgend so ein unnützer Bengel aus Spaß die Sachen genommen haben.«

»Aber ohne Hosen kann ich nicht heim!« schrie das Fritzle, diesmal sehr kläglich.

War das eine verzwickte Geschichte! Der Förster sann nach. In seinem Hause waren drei Buben groß geworden, sie waren jetzt schon in die Welt hinausgezogen, aber seine Frau bewahrte wohl etliche Bubensachen auf. An seinem Haus nach Schönau vorbei war es zwar ein Umweg, aber bis zu ihm ging es durch den Wald; da konnte einer schon mal ohne Höslein laufen. Höchstens lachten die Vögel und die Bäume über das sonderbare Menschenkind. Der Förster hieß also die Buben ihm folgen, Fritzle ohne Hosen, Peterle ohne Jacke, und Christophel ging zum Trost mit.

Die Frau Försterin sah zwar recht erstaunt drein über die Gäste, die da ihr Mann anbrachte. Sie hatte aber ein gutes, mitleidiges Herz und hatte auch wirklich von ihren nun schon groß gewordenen Buben allerlei Sachen da. Die holte sie vor, und es fanden sich richtig Höslein für das Fritzle und für Peterle eine Jacke. Weil die Jacke blanke Knöpfe hatte und an den Hosen ein Paar grün und rot gestickte Träger hingen, waren beide mit dem Tausch wohl zufrieden, und Christophel bedauerte es beinahe, daß er alle seine eigenen Sachen noch hatte. Die gute Försterin sagte nämlich: »Wenn sich Hosen und Jacke nicht finden, dann mögt ihr in Gottes Namen diese behalten!«

Die Buben schieden vergnügt vom Försterhaus, sie kamen sich mit ihrem Abenteuer höchst wichtig vor, und als sie in der Nähe von Schönau Liebetraut trafen, erzählten sie der, was ihnen begegnet sei. Und Liebetraut sagte wie der Förster: »Da haben euch ein paar einen Schabernack gespielt; ein paar rechte Taugenichtse müssen es gewesen sein.«

Nun gab es in Schönau schon etliche Buben, denen so ein Streich zuzutrauen war, und Fritz, Peterle und Christophel setzten auch gleich beim ersten Dorfhaus sehr vorwurfsvolle Mienen auf, und sie erzählten jedem, der es nur hören wollte, was ihnen geschehen war. Da sagte wohl einer, der Jaköble vom Müller könnte es gewesen sein, ein anderer riet auf den tollen Hans, und die drei Buben waren noch nicht lange daheim, da ging schon ein Geklatsch und Getratsch durch das Dorf, das arg war. Zuletzt freilich konnten alle Buben beweisen, wo sie gewesen waren, und Fritz, Peterle und Christophel hätten beinahe von ihren entrüsteten Kameraden Haue gekriegt. Doch söhnten sie sich wieder miteinander aus, weil sie lieber alle zusammen über die sonderbare Geschichte schwätzten. Ganz Schönau regte sich darüber auf, wer es gewesen sein könnte.

Auch Liebetraut dachte auf ihrem Heimweg an die seltsame Begebenheit, und wie sie so durch den stillen Wald schritt, schaute sie sich unwillkürlich um, als könnte sie die verlorenen Sachen der beiden Buben erspähen. Dabei sah sie auf einmal im Gebüsch etwas hängen, wie ein großer, bunter Lappen sah es aus. Und da Liebetraut nicht furchtsam war, ging sie beherzt näher, und wie sie so dicht an den Büschen stand, rief sie laut: »Kasperle, aber Kasperle, was machst du hier?«

Doch es kam keine Antwort, und nun erst sah Liebetraut: es war nur Kasperles Kittel, der da zwischen den Büschen hing. Der Wind blähte ihn ein wenig auf, darum schien es, als stecke noch das Kasperle drin. Doch von dem war weit und breit keine Spur zu erblicken. Liebetraut fielen die Buben ein, die um Hose und Jacke geklagt hatten, und ein ganz schlimmer Verdacht stieg in ihr auf. Wenn Kasperle ausgerissen war? Sie nahm hastig den Kittel vom Strauche und rannte, so schnell sie nur konnte, dem Waldhäuschen zu. Sie riß dort die Tür auf, stürmte in die Stube und rief ihrer Mutter zu: »Wo ist Kasperle?«

»Draußen beim Vater,« antwortete Frau Annettchen, die eben das Abendessen richtete.

Da rannte Liebetraut zu Meister Friedolin. Der strich just seine letzte Kasperlepuppe an und sah ganz erstaunt drein, als Liebetraut nach Kasperle fragte. »Der ist doch drin, ist doch wieder ins Haus gelaufen!«

Doch Kasperle war nicht drin, er war auch nicht draußen. Liebetraut suchte das ganze Haus ab, sie guckte in alle Winkel und Ecken, öffnete alle Kästen und Schränke und rief zärtlich den Namen des kleinen Schelms. Doch der gab keine Antwort, er war und blieb verschwunden. Liebetraut rannte in den Wald hinaus, Meister Friedolin folgte ihr, sie suchten und riefen, doch kein Kasperle war zu finden. Die Sonne war schon längst untergegangen, die Vögel schliefen bereits in ihren Nestern, da tönten immer noch die rufenden Stimmen durch den Wald: »Kasperle, Kasperle, komm doch wieder!«

Der Mond kam herauf, er warf silbernen Schein auf das Waldhäuschen, und als er so hineinblickte, sah er drinnen drei Menschen traurig am Tisch sitzen, und alle drei klagten betrübt: »Unser Kasperle ist ausgerissen!« Sie dachten nicht mehr an die vielen Dummheiten, die der unnütze kleine Schelm gemacht hatte, sie dachten nur daran, daß sie ihn liebgehabt hatten. Liebetraut hielt die Hände vor das Gesicht, sie weinte bitterlich um ihren schlimmen kleinen Kameraden. »Ach Kasperle, Kasperle,« klagte sie, »warum hast du uns nur verlassen! Und wie wird es dir in der Welt ergehen!«

Viertes Kapitel

In Protzendorf beim Bauer Strohkopf

Wo aber war das Kasperle hingelaufen?

Das war in Fritzles Hosen und Peterles Jacke vergnügt in den Wald gerannt, froh über seine neue Freiheit. In seiner Freude vergaß der Strick alles Gute, was er im Waldhäuschen gehabt hatte, und er beschloß, in die weite Welt zu wandern. Und weil er wußte, daß auf den Straßen, die nach Schönau und Lindendorf führen, manchmal Menschen daherkamen, die im Waldhaus einsprachen, rannte er den Weg nach Protzendorf entlang. Der wurde von den Bewohnern der anderen Dörfer gern vermieden, und Kasperle traf auch wirklich an diesem schönen, sonnigen Tag keinen Menschen darauf. Vor Freude über das Gelingen seiner Flucht begann er auf dem Wege Purzelbäume zu schlagen. Wie eine Kugel fast rollte er die Straße entlang, und beinahe wäre er so nach Protzendorf hineingepurzelt. Doch da lag ein großer Stein auf dem Wege; an dem stieß sich Kasperle, es krachte ordentlich, und ein Weilchen blieb der kleine Kerl erschrocken liegen. Doch der Stein sagte nichts, es kam auch niemand, da rappelte sich Kasperle auf und sah sich um. Vor ihm, ein wenig tiefer im Tale, lag Protzendorf. Stattlich und wohlhäbig sah es aus, aus den Essen stieg Rauch empor, denn die Protzendorfer Bäuerinnen buken alle miteinander Pfingstkuchen.

Kasperle reckte seine große Nase in die Luft und schnupperte. Hm, das roch fein! Und gleich fühlte er auch ein gewaltiges Rumpeln in seinem Mäglein, und er sperrte seinen übergroßen Mund auf wie ein junger Rabe seinen Schnabel. Doch es fiel keiner Protzendorfer Bäuerin ein, etwa zu kommen und dem Kasperle frischen Kuchen zu bringen. Das gab es nicht. Kasperle seufzte zwar sehr, schließlich aber stand er doch auf, reckte und streckte sich und trabte dann ins Dorf hinein.

Der dicke Bauer Matthias Strohkopf, der reichste Mann von Protzendorf, hatte an diesem Tage früh Feierabend gemacht. Er tat das oft, denn er war so faul, daß selbst die Protzendorfer, die alle ein bißchen träge waren, ihn den »faulen Matthias« nannten. Der Bauer saß vor seiner Haustüre, neben sich auf einem Tisch hatte er sein Vesperbrot stehen. Er stopfte gerade ein Butterbrot in den Mund, und dazu blickte er auf einen Teller mit frischen Kuchen, den seine Frau ihm just gebracht hatte.

Da kam Kasperle anspaziert. Der sah den dicken Bauer und den frischen Kuchen, und da der Kuchen ihm wohlgefiel, besann er sich nicht lange, lief herzu und steckte eins, zwei, drei! ein Stück in den Mund und noch eins, und ehe der Bauer Strohkopf sich von seinem Erstaunen erholt hatte, war der halbe Teller leergegessen.

Potztausend noch mal! So etwas war dem Bauer sein Leben lang noch nicht widerfahren. »Du Frechdachs!« schrie er, hob seine dicke Hand und wollte Kasperle schlagen. Doch der nicht faul, tat einen Sprung über Tisch und Bauer hinweg und blieb ein paar Schritte entfernt auf der Erde sitzen. »Ich hatt' so argen Hunger!« klagte er, und dabei schnitt er ein so jämmerliches verschmitztes Gesicht, daß »der faule Matthias« trotz seinem Ärger lachen mußte. So einen wunderfitzigen, schnurrigen kleinen Kerl hatte er noch nie gesehen. »Woher kommst du denn?« schrie er ihn an.

Da rutschte Kasperle auf Fritzles Hosenboden ein Stückchen näher und klagte: »Von weit, weit, weit her! Bin ein armes, verlassenes Büble, hab' niemand mehr auf der weiten Welt.«

Und so kläglich sah dabei das schlimme Kasperle drein, daß der dicke Bauer ganz gerührt wurde. Er brummte zwar: »Das ist noch kein Grund, um andern den Kuchen wegzufressen,« aber er winkte doch mit der Hand, Kasperle solle näherkommen.

Der kleine Strick kam auch heran. Er ließ die Nase hängen, als könnte er nie ein Wässerlein trüben. Doch wie seine kleinen schwarzen Spatzenaugen glitzerten und funkelten, das sah der Bauer Strohkopf nicht. Der sagte gnädig: »Du bist zwar sehr frech vornhin gewesen, doch will ich's dir nicht nachtragen. Ich brauche gerade einen Gänsejungen, dazu will ich dich meinetwegen nehmen. Gelt, das hättest du dir nicht träumen lassen, daß der reiche Strohkopf dich aufnimmt?«

Da sperrte Kasperle nun wirklich seinen Mund wie ein Scheunentor auf, denn was ein Gänsejunge war, das wußte er nicht. Er sagte nicht ja und nicht nein, und der dicke Bauer fragte auch nicht weiter. Der dachte, wenn einer als Gänsejunge zum Strohkopf kommt, der kann froh sein. Potzhundert noch mal, das ist eine Ehre! -- Und weil gerade sein Großknecht Florian aus dem Hause kam, rief er dem zu: »Florian, wir haben einen neuen Gänsejungen. Da, nimm ihn mit!«

Der gute Florian nun tat seinen Mund eigentlich nur zum Essen auf. Er dachte auch: Mit einem Gänsejungen macht man nicht viel Umstände. Und schwipp, schwapp! packte er Kasperle beim Genick und zog ihn mit sich. Er zerrte ihn zum Gänsestall, tat den auf, brummte: »Da!« schob Kasperle hinein und schloß die Türe hinter ihm zu. Die müssen sich erst befreunden, dachte Florian; bis zum Nachtessen ist dazu Zeit.