Kasperle auf Reisen: Eine lustige Geschichte

Part 10

Chapter 103,874 wordsPublic domain

Kasperle hockte traurig in seiner Höhle. Schlafen mochte er gar nicht, und als der Mond aufging, der nun schon ziemlich voll und rund war, da rüstete sich Kasperle, weiter in die Welt hinein zu wandern. Er buckelte das Rucksäcklein auf, das Michele ihm noch von sich gegeben hatte, und in dem das Brot steckte, nahm einen Stock, den ihm der Freund geschnitten, und wanderte in die stille Nacht hinaus.

Der Mond goß helle silberne Lichtströme auf Kasperles Weg. Ganz einsam war der, nur einmal sah der kleine Schelm ein Dorf in der Ferne liegen. Da dachte er an Micheles gute Lehren und machte einen weiten Bogen darum herum. Als es Tag wurde, suchte er sich tief im Wald einen verborgenen Platz, da lag er und schlief, bis der Abend dämmerte, dann stand er auf und wanderte weiter.

Fünf Nächte lang wanderte das Kasperle so einsam dahin, und sein Brot hatte er bis auf ein Schnitzchen aufgegessen. Endlich erblickte er in der Morgenfrühe einen Grenzpfahl, und in der Ebene, unten im Tal, sah er eine größere Stadt liegen. Er schlief nur ein paar Stunden an diesem Tage, zur Mittagszeit aß er seinen letzten Brotschnitz, und dann stieg er ins Tal hinab. Doch die Stadt war ferner, als er gedacht hatte, und die Sonne hatte sich schon ihr schönes rotes Abendkleid angezogen, als Kasperle endlich an einem der Stadttore anlangte. Um die Stadt herum lief nämlich noch eine uralte Mauer. Die hatte Tore und Türme, und von den kleinen Turmfenstern herab hingen rote Hängenelken, und Geranium blühte daran.

Kasperle sah aber gar nicht, wie hübsch das war, der erblickte etwas viel viel Schöneres. An der Stadtmauer außen lag ein großer Garten, in dem tausendfältig bunte Sommerblumen blühten. Da säumten die schönen Malven die Wege, golden leuchteten Beete voll gelber Ringelblumen; Rittersporn und Eisenhut, Braut im Haar und Hiobstränen, alles blühte dicht nebeneinander. Gelbe Rosen, rote Nelken hingen von der alten Stadtmauer herab, und Kasperle staunte die bunte Pracht an und dachte, der Festsaal im Herzogsschloß sei nicht halb so schön als dieser Garten. Zwischen den Beeten ging ein alter, weißbärtiger Mann herum, der begoß sorgsam Pflanze um Pflanze. Er bückte sich, hob die Gießkanne auf, goß sie leer und füllte sie wieder an einem Brünnlein. Es sah aber so aus, als würde ihm dies alles recht schwer. Und wie er gerade wieder eine Gießkanne füllen wollte, stand auf einmal Kasperle neben ihm. Der nahm die Kanne, -- schwipp, schwapp, begann er mit einem großen Geplantsche zu gießen. Dazu lachte er über das ganze Gesicht, und der alte Gärtner lachte mit. Dem gefiel der kleine Helfer, der einfach über den Zaun gestiegen war, ganz gut. Er setzte sich auf eine Bank, und Kasperle goß den Garten; er meinte, eine vergnüglichere Arbeit habe er noch nie getan. Es gefiel ihm sehr gut in dem bunten Garten, in dem ein kleines, ganz grün überwachsenes Haus stand. Und als Kasperle fertig war, setzte er sich auf die Bank neben den alten Gärtner, blinkerte den zutraulich an und fragte: »Darf ich bei dir bleiben?«

Der Alte lachte. »Du bist ja ein schnurriger Bube!« sagte er. »Wer bist du denn? Woher kommst du? Wie heißt du?«

Kasperle seufzte tief. Bei dem alten Mann ging es ihm wie beim Michele, er konnte seine Lügengeschichten nicht erzählen, er schämte sich. Betrübt ließ er den Kopf hängen, und der alte Gärtner fragte ernst, doch voll Güte: »Du bist wohl ausgerissen, Kleiner?«

Wieder seufzte Kasperle, aber sagen konnte er nicht, wer er war; er hatte zu große Angst vor den Menschen bekommen. Da nahm der Alte ihn sacht an der Hand, führte ihn in das kleine Haus und sagte freundlich: »Bleibe nur bei mir in meinem Garten! Morgen sagst du mir wohl, wer du bist.«

Und Kasperle blieb. Sie aßen zusammen Abendbrot, und der alte Gärtner erzählte von seinen Blumen, wie die wuchsen und blühten, und Kasperle wurde nicht müde zuzuhören. Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen, und der Alte sagte zu Kasperle, er solle schlafen gehen; er zeigte ihm auch eine kleine Kammer, darin stand ein Bett. Das dünkte dem Kasperle herrlich weich nach den vielen Nächten, die er im Walde auf dem Boden geschlafen hatte. Durch das offene Fenster strömte der Duft der vielen, vielen Blumen in die Kammer, und wie Kasperle so lag, hub es auf einmal an zu klingen und zu tönen, eine wundersame Musik war es, und Kasperle wurde darüber hellwach. Er hatte noch nie etwas Schöneres gehört als diese feine, sanfte Musik. Ganz seltsam ergriff die ihn, und er mußte weinen. Dicke, dicke Tränen liefen dem Kasperle über das Gesicht, er dachte an seine Verlassenheit, und eine große Sehnsucht nach dem Waldhaus erfaßte ihn wieder. Immer lieblicher, zarter wurde das Klingen, und zuletzt schlief Kasperle darüber ein.

Er schlief sanft bis zum hellen Morgen, bis ihn der alte Gärtner weckte. »Komm,« sagte der, »jetzt wollen wir wieder in den Garten gehen und gießen, damit die Blumen am Tage nicht durstig werden; es wird ein heißer Tag heute werden.«

Kasperle sprang vergnügt auf, und vergnügt goß er die Blumen. Manche brauchten viel Wasser, manche hatten nur wenig Durst. Der alte Gärtner sagte ihm das alles, er nannte ihm auch die Blumen. Und dann mußte Kasperle Beeren pflücken, die reif an den Büschen hingen. Er durfte auch davon essen, die andern mußte er aber in kleine Körbe tun, die gar zierlich mit Blättern ausgelegt waren. Der Alte selbst pflückte Frühbirnen von einem Baum.

Beide waren sie noch eifrig bei der Arbeit, als etliche Frauen und Kinder kamen. Die kauften das Obst und wollten auch Blumen, sie verlangten Salat und allerlei Gemüse für die Küche. »Ei, Ihr habt Euch ja einen Lehrburschen zugelegt!« sagte die eine der Frauen, die Kasperle erblickte. Die Kinder aber starrten den kleinen Gärtnerburschen erstaunt an, und der, dem dies Angestaune gar nicht recht war, schnitt ihnen blitzschnell sein Räubergesicht.

Kreischend liefen die Kinder erst ein Stück weg, doch sie kamen gleich wieder und bettelten: »Mach's noch mal!«

Da mußte Kasperle lachen und schnitt die lustigsten Gesichter. Die Kinder jauchzten laut, und der alte Gärtner und die Frauen sahen erstaunt hin. »Ihr habt aber einen putzigen Lehrburschen, Meister Helmer!« sagten die Frauen. »Wo habt Ihr denn den her?«

Der alte Gärtner schwieg. Kasperle kam ihm gar sonderbar vor, und als die Frauen und die Kinder endlich wieder gegangen waren, fragte er seinen kleinen Gast: »Ei du, was bist du denn für ein Schelm? Sage doch, wo hast du deine Grimassen gelernt?«

Da sah ihn Kasperle treuherzig an und erzählte ihm nun, wer er sei. Aber darüber wurde der Alte bitterböse: »Schäme dich,« rief er, »einem alten Mann solche Lügengeschichten zu erzählen! Ein Kasperle willst du sein? Ei, mein Lebtag habe ich noch nicht gehört, daß ein Kasperle etwas anderes als eine Holzpuppe ist! Pfui, ist das häßlich, so zu lügen!«

Kasperle stand ganz verdattert da, er wußte gar nicht, wie er es dem erzürnten Gärtner erklären sollte, daß er wirklich ein Kasperle sei.

Indem tat sich die Gartentüre auf, und ein feiner junger Mann trat herein. Der schaute verwundert den Alten an und sagte: »Was habt ihr denn, Meister Helmer? Ich habe Euch doch noch nie so schelten hören.«

»Ach, Sie sind's, Herr Severin!« rief der Gärtner. »Nun hört einmal, was mir dieser Schelm, den ich gestern aus lauter Mitleid aufgenommen habe, für Lügengeschichten aufbindet!« Er erzählte ärgerlich, was Kasperle ihm eben gesagt hatte, und Herr Severin blickte dabei das Kasperle ernsthaft mit seinen schönen, dunklen Augen an. Dann schüttelte er sacht ein wenig den Kopf. »Er hat nicht gelogen, Meister Helmer,« sagte er, »es ist wirklich ein echtes, lebendiges Kasperle. Es gibt nur ganz wenige Kasperles in der Welt, und mein Lehrer, der ein hochweiser Herr war, hat mir einmal erzählt, irgendwo im Atlantischen Ozean liege eine winzige Insel, auf der die wunderschönsten Blumen blühen; dies sei die Heimat der Kasperles. Blieben sie dort, dann würden sie freilich sehr alt, aber sonst würden sie leben und sterben wie wir Menschen. Verließ aber ein Kasperle die Insel, dann könne er wohl Jahre schlafen, aber nicht sterben, er müsse immer ein kleines, törichtes Kasperle bleiben und jedes Kind müsse über ihn lachen.«

Als Kasperle diese Geschichte hörte, wurde es ihm plötzlich ganz wind und weh zumute. Er fing bitterlich an zu weinen. Wo seine Heimat lag, hatte er vergessen, er wußte gar nichts mehr; alles hatte er verschlafen, aber wie ein Traum war ihm der Gedanke an den blühenden Garten. Da sagte der fremde schöne Mann mitleidig: »Du armes verlaufenes kleines Kasperle, du!« Das klang beinahe wie gestern die Musik und tröstete Kasperle wundersam. Ganz leicht und froh wurde er wieder, als ihn der Fremde linde streichelte.

Meister Helmer schüttelte zwar noch immer den Kopf, die Kasperlegeschichte kam ihm zu sonderbar vor, aber sein kleiner Gast mußte noch einmal erzählen, was er alles erlebt hatte. Und Kasperle erzählte, und seine Zuhörer lachten und sahen mitleidig drein, und dann sagte Herr Severin: »In einiger Zeit reise ich fort, dann will ich suchen, das Waldhaus zu finden, denn das ist nun doch deine Heimat, kleines Kasperle.«

»Und bis dahin bleibst du bei mir,« sagte Meister Helmer. »Ich will wohl achtgeben, daß dir nichts geschieht.«

Da war Kasperle vergnügt wie zuvor, und als Meister Helmer sagte: »Geh, pflücke für Herrn Severin einen Strauß,« da lief er eilig im Garten hin und her und pflückte einen ganz kunterbunten lustigen Strauß. Der Gärtner und Herr Severin lachten, als sie ihn sahen, und Herr Severin sagte, dies sei ein so fröhlicher Strauß, wie er noch nie einen gehabt habe. Dann ging er. Er wohnte dicht an dem schönen Garten in einem der alten Stadtmauertürme, und Meister Helmer sagte zu Kasperle, Herr Severin sei ein gar großer Künstler. Wenn er ein Instrument spiele, bekomme es eine Seele. Und von weit her, aus fernen Landen, werde oft nach ihm geschickt, er solle kommen, damit etwa eine Orgel auch eine Seele bekäme.

Das verstand Kasperle nicht recht, aber er wußte nun, daß es Herr Severin gewesen war, der gestern Abend so schön gespielt hatte. Er freute sich schon darauf, die liebliche Musik wieder zu hören. Und wirklich schwebten am Abend die sanften Töne wieder über den blühenden Garten. Die Blumen dufteten, und Kasperle saß lange neben dem alten Gärtner vor dem Hause und hatte alle Angst verloren, es könne ihm jemand etwas Böses antun.

Am nächsten Morgen sagte Meister Helmer: »Kasperle, heute ist Sonnabend, da kommen viele Leute und kaufen Sonntagssträuße. Geh, binde welche, binde sie so bunt und lustig wie gestern den für Herrn Severin.«

Das war eine Lust! Kasperle fing eilends an Blumen zu schneiden, und er band sie so bunt überecks zusammen, daß Meister Helmer lachen mußte, als so Strauß neben Strauß im Brunnenbecken lag. Und wie der Gärtner lachten auch die Leute, die kamen, um Sonntagssträuße zu kaufen. Selbst eine ganz griesgrämige alte Muhme lachte über das ganze Gesicht, als ihr Meister Helmer einen Strauß gab. »So einen Strauß hab' ich noch nie gesehen,« rief sie; »ei, da muß man ja lachen, ob man will oder nicht!«

Immer mehr Menschen kamen, alle wollten sie bunte Kasperlesträuße haben, und alle lachten sie über den drolligen Gärtnerburschen, der wie ein Hase im Garten herumhüpfte. Er band Sträuße um Sträuße, endlich sagte der Gärtner, nun sei es genug, sonst blieben keine Blumen mehr übrig. Aber staunend sah er, wie geschickt Kasperle die Blumen gepflückt hatte; es schien, als fehlten gar keine. Da lobte er seinen kleinen Helfer, und als am Abend Herr Severin kam, erzählte er ihm, wie brav Kasperle sei.

Ja, brav war das Kasperle schon, daneben aber doch ein unnützer Schelm! Ein Kasperle muß eben kaspern, und Kinder müssen lachen, wenn sie ein Kasperle sehen. Das ist einmal so! Die Kinder der Nachbarschaft hatten es bald heraus, was Kasperle für ein Schelm war. Die sagten es andern Kindern, und schon nach etlichen Tagen gab es ein großes Gelaufe zu Meister Helmers Garten. Die Kinder standen am Zaun und warteten, und wenn Kasperle in den Garten kam, ertönte gleich ein großes Jubelgeschrei. Dann schnitt Kasperle sein Räubergesicht, schaute wie ein dummer August drein oder machte gar eine Teufelsgrimasse. Meister Helmer mußte dann wohl auch lachen, aber als Herr Severin das einmal sah, warnte er: »Kasperle, Kasperle, du verrätst dich noch!«

Und schon am nächsten Tage wurde es dem Kasperle himmelangst. Ein paar Buben riefen, ihm nämlich zu: »Kasper, kommst du übermorgen mit auf den Jahrmarkt? Da ist ein Kasperlemann, der kann es sicher nicht so fein wie du!«

Kasperle vergaß vor Schreck alles Gesichterschneiden. Wenn das der Kasperlemann war, der ihn überall suchte! Ganz kläglich erzählte er Meister Helmer vom Jahrmarkt; da versprach der ihm, er wolle nachschauen gehen.

Am nächsten Tage gab es viel zu tun, und merkwürdigerweise kamen gar keine Kinder. Kasperle half fleißig, er hopste und sprang vom Garten ins Haus, war mal da, mal dort, und gerade war er wieder drin, als Herr Severin in den Garten kam. Der trug einen großen, schwarzen Kasten auf dem Rücken, ging rasch in das Haus hinein und rief Meister Helmer zu, er möchte ihm flink nachkommen. Innen im Hausflur erwischte er Kasperle, hielt den fest und zog ihn mit in die Stube. Dort setzte Herr Severin seinen Kasten hin, öffnete ihn und sagte: »Flink, flink, Kasperle, geh dahinein!«

Kasperle gehorchte, und klapp! schlug der Deckel hinter ihm zu, und Herr Severin setzte sich auf den Kasten und begann fein und lieblich auf seiner Geige zu spielen. Doch er kam nicht weit. Mit ungeheurem Geschrei rannten viele Kinder in das Haus hinein, ihnen folgte der Kasperlemann und ein paar Wächter, und alle brüllten sie: »Wo ist das Kasperle, wo ist das Kasperle. Wir wollen Kasperle fangen, der Herzog verlangt Kasperle. Wo ist es, wo ist es?«

Ein paar Buben aber tuschelten leise Meister Helmer zu: »Wir helfen ihm, daß er ausreißen kann.«

Meister Helmer schaute sich verdutzt um. »Kasperle war eben hier,« murmelte er, und Herr Severin nickte und sagte auch: »Er war eben hier.« Dabei spielte er aber ruhig weiter und erzählte: »Meister Helmer, ich verreise; da, ich habe schon meinen Koffer gepackt. Morgen ganz früh reise ich mit der ersten Post.«

»Das ist ja ganz gleichgültig, ob Sie reisen oder nicht,« schrie der Kasperlemann grob; »das Kasperle müssen wir finden, es muß hier sein!«

»Wir suchen das Haus ab,« riefen die Wächter streng und sahen Herrn Severin drohend an. Der nickte freundlich: »Ja, das tun Sie nur! Vergessen Sie aber den Garten nicht!«

»Zuletzt war er ja im Garten,« sagte Meister Helmer, der das wirklich glaubte. Bei sich dachte er: Hoffentlich hat er schon ausreißen können! Da rasten Kasperlemann, Wächter, Kinder, alle in den Garten. Herr Severin nahm seinen Kasten auf den Rücken, seine Geige unter den Arm und sagte, Meister Helmer solle ihn heute abend doch noch einmal besuchen; dann ging er leise singend aus dem Haus, durchschritt den Garten, und niemand hielt ihn auf.

Alle suchten und suchten, der Kasperlemann kletterte selbst auf die Stadtmauer und überzeugte sich, ob Kasperle wohl da hätte ausreißen können. Und dann liefen Kasperlemann, Wächter und Kinder in das Haus hinein, kein Winkel blieb undurchsucht. Sie schauten sogar ins Salzfaß, in Meister Helmers Kaffeetopf, Kasperle war nirgends zu sehen. Der Kasperlemann schrie und klagte: »Er ist uns entwischt, weil wir alle ins Haus gerannt sind. O wie dumm, dumm, dumm!«

»Wir werden ihn schon fangen!« trösteten die Wächter. »Ah bah, papperlapapp, ein Kasperle kriegen wir schon!«

Und dann fragten sie den guten Meister Helmer. Der mußte erzählen, wie Kasperle zu ihm gekommen war, und was er getan und gesagt hatte. Dazwischen schrie der Kasperlemann: »Entwischt, entwischt, dumm, dumm, dumm!« und die Wächter riefen: »Ah bah, papperlapapp, den fangen wir schon!« Ein paar Buben aber brüllten plötzlich laut: »Ausgerissen, hurra, ausgerissen, hurra!« Und dann rannten sie auf die Straße und erfüllten die mit ihrem Gelärme. Sie erzählten es jedem, der es hören wollte, der Kasperlemann habe seine Bude aufgestellt für den Jahrmarkt morgen, und dabei habe er ein Kasperle gezeigt, das ganz genau so ausgesehen habe wie der kleine Gärtnerjunge, und er habe dabei gefragt: »Habt ihr schon so einen flinken Kasper gesehen?« Da hätten sie gerufen: »Meister Helmers Lehrbursche sieht gerade so aus!« Ja, und so sei es gekommen. Und dann brüllten sie wieder die Straße entlang: »Ausgerissen, hurra! Fein, fein, fein, ausgerissen!«

Der Kasperlemann aber ärgerte sich schwefelgelb. Je mehr die Buben brüllten, desto zorniger wurde er. »Morgen hätte ich Graf sein können,« schrie er, »wenn dies blitzdumme, vermaledeite Kasperle nicht wieder ausgerissen wäre. Dumm, dumm, dumm!«

Vierzehntes Kapitel

Die Reise mit Herrn Severin

Herr Severin hatte inzwischen still den schwarzen Kasten in sein Turmzimmer hinaufgetragen, und oben hatte er Kasperle herausgelassen. Ganz verstriezelt sah der sich um, und Herr Severin hatte ein wenig gelacht und gesagt: »Kasperle, du kleiner dummer Schelm, diesmal wärst du beinahe erwischt worden!«

Ach ja, wirklich beinahe! Kasperle schlug das Herz laut, wenn er an das Gelärme dachte, das sich um ihn herum erhoben hatte.

Nach einer Stunde kam Meister Helmer. Der freute sich herzhaft, als er Kasperle unversehrt wiedersah, und er hätte ihn gern wieder zu sich genommen, aber er stimmte doch Herrn Severin zu, als der sagte: »Kasperle muß fort. Morgen reise ich und nehme ihn mit im schwarzen Kasten. Und nun, Kasperle, spitze deine Ohren: es geht zurück ins Waldhaus. Ich weiß nun, wo es liegt, aber --«

Kasperle hatte gerade vor Freude einen Purzelbaum schlagen wollen, als dies »Aber« ihn zurückhielt. Ein wenig ängstlich sah er Herrn Severin an, und der sagte ernsthaft: »Ja aber, Kasperle, du mußt arg vernünftig sein, denn wir kommen an allerlei Orte, wo man dich kennt. In Waldrast soll ich nach der Orgel schauen, und -- auf Schloß Hirschsprung erwartet mich der Herzog. Da mußt du dann immer im Kasten bleiben und darfst keine dummen Streiche machen. Wirst du das können?«

Kasperle seufzte schwer, doch dann versicherte er treuherzig, er wolle ganz ungeheuer folgsam sein. Ja, und dabei glitzerten seine Äuglein schon wieder sehr lustig, denn der Gedanke, so ungesehen ins Herzogsschloß und nach Waldrast zu kommen, machte ihm großen Spaß. Viel lieber hätte er freilich Rosemarie und das Michele wiedergesehen, und als er an diesem Abend noch mit Herrn Severin zusammensaß, erzählte er dem viel von den beiden, und der sagte: »Nun, wer weiß, vielleicht sehen wir sie noch. Auf einer Reise trifft man oft wunderlich mit den Menschen zusammen!«

Am nächsten Morgen, noch war die Sonne nicht recht aufgegangen, mußte Kasperle in den schwarzen Kasten steigen. Ein wenig eng ging es drin zu, denn Herrn Severins Werkzeug und allerlei mußten auch noch hinein, und Herr Severin meinte, schwer sei das Kasperle schon, als er den Kasten aufhob. Dann ging es hinaus. Im bunten Garten stand Meister Helmer, und da ringsum kein Mensch zu sehen war, durfte Kasperle noch einmal aussteigen und noch einmal flink durch die Gänge laufen. Wie schön war doch der Garten! Kasperle wurde das Herz schwer, als es an das Scheiden von Meister Helmer und seinen vielen Blumen ging. Doch Herr Severin trieb zum Aufbruch, gleich würde die Post vorbeikommen. Und Kasperle kroch wieder in seinen Kasten, und da kam schon mit Traratrara die gelbe Postkutsche angefahren. Der schwarze Kasten wurde oben aufgestellt. Herr Severin stieg in den Wagen, und heidi! fort ging die Reise.

»Lieb Städtchen, ade! Scheiden tut weh,« blies der Postillion, und rissel, rassel fuhr der Wagen ins Land hinein.

Mittags kamen sie an ein Gasthaus, da hielt der Wagen. Die Gäste stiegen aus, und Herr Severin sagte, er müßte ein Zimmer haben und allein essen, dies halte er immer so. Potzhundert, dachte der Wirt, das ist aber ein Vornehmer! Und er ließ Herrn Severin das Essen in einem besonderen Zimmer auftragen. Da spazierte dann Kasperle aus seinem Kasten heraus, schmauste mit, und nachher wunderte sich der Wirt über den gewaltigen Appetit, den der vornehme Herr gehabt hatte.

Und weiter ging die Fahrt, immer weiter. Endlich kam ein Wirtshaus mit einem feuerroten Ochsen im Wirtshausschild. Da stieg Herr Severin aus und sagte dem Postillion Lebewohl. Der meinte, nun müsse der Herr sich aber gewaltig schleppen, denn Waldrast liege hoch in den Bergen, und der schwarze Kasten sei arg schwer.

»Wird nicht so schlimm sein,« meinte Herr Severin und schritt am roten Ochsen vorbei auf schmalem Wiesenweg in den Wald hinein. Innen öffnete er den Kasten, und Kasperle durfte nun neben ihm herspazieren. Sie paßten beide freilich sehr auf, ob jemand käme, aber niemand begegnete ihnen auf dem Weg. Herr Severin spielte auf seiner Geige, Kasperle hielt tapfer Schritt, und nach etlichen Stunden kroch er wieder in den schwarzen Kasten, denn die Turmspitze von Waldrast wurde sichtbar.

Kasperle zog in Waldrast ein. Niemand sah ihn, er aber sah durch sein Guckloch allerlei, zuerst die Base Mummeline, die auf der Straße stand und auf ein paar Buben schalt. Und dann sah Kasperle das liebe Schulhaus, er sah Herrn Habermus, der kam, den fremden Künstler zu begrüßen. Kasperle hörte die gute, freundliche Stimme reden, und der Kasten wurde ihm drückend eng. Ganz bitter schwer war es ihm, daß er niemand guten Tag sagen durfte, und als Herr Severin etwas später im Wirtshaus den Kasten öffnete, fand er Kasperle klitschnaß von Tränen.

Herr Severin tröstete gut und linde; er zeigte Kasperle, daß sie dicht neben dem Schulhaus wohnten. Von seinem Fenster aus konnte Kasperle denen drüben in die Stuben sehen, und gerade wollte er das tun, als die Base Mummeline ans Fenster trat. Hei, fuhr da Kasperle zurück! Ganz böse sah er gleich aus, und Herr Severin hob warnend den Finger: »Kasperle, Kasperle, mache keinen dummen Streich!«

Kasperle wollte das bestimmt nicht. Wenn nur die Base Mummeline nicht gewesen wäre! Aber allemal, wenn er ans Fenster trat, immer erschien sie drüben. Kasperle kam gar nicht dazu, die Schullehrerin und ihre Kinder zu sehen, und er hatte doch so große Sehnsucht nach ihnen.

Ja, als er einmal gerade wieder um die Ecke schauen wollte, öffnete drüben die Base die Türe, und sie kam tripp trapp ins Wirtshaus herüber. Die Wirtin war ihre gute Freundin, und Kasperle wußte auch, die war genau so neugierig wie die Base selbst. Er rutschte flink in den Kasten, und nach einem Weilchen kamen auch richtig die beiden Frauen in das Zimmer. Die Base Mummeline sah sich neugierig darin um, und Kasperle hörte sie sagen: »Er hat alles in dem schwarzen Kasten.«

»Den machen wir auf,« tuschelte die Wirtin, und schon fingerten die beiden Frauen an dem Kasten herum. Nun wußte Kasperle wohl, so leicht bekam den niemand auf, aber ungemütlich war es ihm doch; er dachte: Ich verjage sie. Er steckte den Kopf in sein Rucksäcklein und blies und brummte plötzlich hinein, ganz schauerlich klang es, und die beiden Frauen fielen beinahe um vor Schreck. »Uhuhuuuh!« tönte es, und die Base Mummeline jammerte: »Er hat den Teufel drin!«

Aber die Wirtin war beherzter. »Das muß ich sehen,« sagte sie und ging wieder auf den Kasten zu, aber noch war sie nicht dran, als die Türe aufgerissen wurde und Herr Severin ins Zimmer kam. Der hatte schon unten das Uhuhuuuh vernommen. Die beiden Neugierigen erschraken arg, doch die Base Mummeline faßte sich schnell und rief ganz streng: »Ihr habt einen Teufel im Kasten.«

»Ei, nur einen, der es auf Neugierige abgesehen hat!« sagte Herr Severin lachend. »Nehmt euch in acht, manchmal fährt er auch mit einem lauten Knall heraus.«