Part 7
Der Herzog pflegte siebenmal am Tag zu essen, und dazwischen schleckte er immer Schokolade. Da aß er dann zu Mittag immer nur ganz wenig, und seine Hofleute aßen sich meist hinterher satt, weil sie am Tisch zu kurz kamen. Denn der Herzog ärgerte sich, wenn einer mehr als er selbst aß. Nur die Prinzessin Gundolfine pflegte tüchtig zu schmausen. Und nun fraß das Kasperle wie ein kleiner Werwolf. Nach der Suppe streckte er seinen Teller aus und schrie: »Nochmal!«
»Genug,« rief der Herzog ärgerlich, »es gibt nur einmal.«
Hei, dachte Kasperle, wenn es so ist, muß ich mich dazu halten! Und beim zweiten Gang lud er sich den Teller voll; wie ein Berg türmte er alles auf, und der Diener, der herumreichte, hatte Mühe sein Lachen zu verbergen. Nun konnte das Kasperle essen!
Der Herzog sagte nichts, er sah nur ein paarmal streng hin, und der Kammerherr, neben dem Kasperle saß, schubste ihn und flüsterte leise: »Nimm nicht so viel!«
Kasperle erschrak, und beim nächsten Gang nahm er nur bescheiden ein winziges Stückchen. Aber dann kam die süße Speise, und da war es um Kasperle geschehen. Den halben Pudding lud er sich auf den Teller, und der Herzog bekam ganz große, runde Augen vor Schreck. »Kasperle,« rief er, »das ist unbescheiden.«
Kasperle versank erschrocken mit seiner großen Nase in dem Puddingberg. Ein leises Lachen erklang ringsum, der Herzog aber rief streng: »Kasperle soll aufstehen, den Pudding darf er nicht essen!«
Das war bitter. Kasperle verzog sein Gesicht, er wollte heulen, aber sein Freund Veit hielt ihm einfach den Mund zu. Er hob ihn auf, führte ihn aus dem Saal, und draußen flüsterte er ihm zu: »Sei still, ich bringe dir deinen Pudding!«
Ein anderer Diener, der nicht bei Tische aufwartete und der mürrisch und unfreundlich war, nahm Kasperle, führte ihn in den Turm, schloß brummig die Türe zu, und da saß Kasperle allein und gefangen. Er dachte wieder an das Waldhaus, an das traurige Marlenchen und den Pudding. Das war zuviel für ihn, und er brach in ein jämmerliches Geheule aus.
Er weinte lange, bis er draußen Schritte hörte. Es war der alte Haushofmeister, der selbst kam, ihm seinen Pudding brachte und ihn gutherzig tröstete. »Kasperle,« sagte er, als der schon wieder purzelvergnügt zu schmausen begann, »wenn du mir fest versprichst, keine Dummheiten zu machen und nur dann aus dem Turm zu wutschen, wenn es gar niemand merken kann, will ich dir etwas verraten. Ich muß nämlich den Schlüssel dem Herzog geben; du sollst nur herausgelassen werden, wenn der Herzog von dir unterhalten sein will, sonst sollst du immer, immer im Turm stecken. Doch der Turm hat noch ein Türchen, von dem aus du die Treppe hinablaufen kannst. Der Turm ist nämlich noch von dem alten Schloß.«
»Wie im Waldschloß,« rief Kasperle vergnügt, und flink schlug er dem Bild eines würdigen Herren auf den Magen, weil er dachte, das Türlein sei dahinter.
Aber der Herr blieb steif und feierlich an der Wand hängen und der alte Haushofmeister lachte. »So flink findest du das nicht,« sagte er, »und erst mußt du mir dein Wort geben, keine Dummheiten zu machen.«
Das gab ihm Kasperle. Freilich, der gute Haushofmeister wußte nicht, daß Kasperle für die harmlosesten Dinge ansah, was man sonst schon große, unnütze Streiche nennt.
»Nun paß also auf!« Der Haushofmeister schloß den Schrank auf, verschwand drinnen und -- kam auf einmal ganz vergnügt durch die Türe von außen wieder in die kleine Stube hereinspaziert.
Das war doch merkwürdig! Hops! sprang Kasperle auch in den Schrank, der Haushofmeister schloß von außen zu, und da saß Kasperle im Schrank. Er klopfte, drückte, aber nirgends war ein Spalt. Es wurde ihm himmelangst und er schrie flehend: »Rauslassen, rauslassen!«
Der Haushofmeister schloß lachend die Türe wieder auf. »Siehst du, kleines Kasperle,« sagte er, »so rasch findest du hier nicht die geheimen Wege, um herumzugeistern. Aber nun paß einmal auf!« Und er drehte an einem Kleiderhaken, da schob sich die Wand auseinander und Kasperle stand unversehens draußen auf dem Treppengang.
Das war fein! Vergnügt witschte er wieder in das Zimmer, wieder in den Schrank hinein, war draußen, war drinnen, und als er es dreimal gemacht hatte, sagte der Haushofmeister: »So, nun ist's genug, nun bleibe jetzt nur drinnen! Jetzt kannst du ein bißchen zum Fenster hinaussehen.«
»Ach, ich möchte raus!« bettelte Kasperle, »ich möchte zum traurigen Marlenchen.« Da hielt ihm der Haushofmeister erschrocken den Mund zu. »Schweig!« sagte er, »davon dürfen der Herzog und der Oberhofmeister nichts hören, auch die Prinzessin Gundolfine nicht, sonst geht es uns übel.«
Kasperle riß weit Mund und Augen auf. Was war denn das für eine geheimnisvolle Geschichte mit dem traurigen Marlenchen? Doch ehe er fragen konnte, erzählte sie ihm der Haushofmeister selbst. Der setzte sich an das kleine vergitterte Fenster und begann: »Der Vater des traurigen Marlenchens besitzt ein kleines Schloß; vom Bächlein aus, an dem Marlenchen immer sitzt, geht man dorthin etwa eine halbe Stunde. Da, schau, dort siehst du es in der Ferne liegen.« Er zeigte auf ein Schloß, das sich aus Bäumen heraushob. »Bei unserm Herzog war der Herr von Lindeneck, so heißt er und auch das Schlößchen, Jägermeister. Seine schöne junge Frau ist früh gestorben, und das Marlenchen ist sein einziges Kind. Einmal, die Prinzessin Gundolfine -- Himmel, Kasperle, was ist denn?«
Kasperle hatte bei der Erwähnung der Prinzessin gleich sein bitterböses Räubergesicht gemacht, und der Haushofmeister sah ihn ganz erschrocken an. Als ihm Kasperle aber sagte, dies sei, weil er von der Prinzessin gesprochen habe, lachte er und brummelte: »Ja, die ist auch schlimm! --Na also,« fuhr er fort, »die Prinzessin Gundolfine war da und der Herzog jagte in dem Walde, der an den Park stößt. Es war ein heißer Tag, und der Herzog kam und kühlte sich einmal die Hände im Bach. Dabei zog er einen kostbaren Ring ab und legte ihn auf einen großen, flachen Stein. Der Platz ist unter einer riesengroßen, alten Ulme; dort wirst du heute das traurige Marlenchen getroffen haben.«
Kasperle nickte eifrig. »Auf dem Baum ganz oben ist ein Vogelnest,« sagte er.
»So, so!« Der Haushofmeister hörte kaum darauf, er erzählte weiter: »Wie sich der Herzog gewaschen hatte, kam ein Jägerbursche und rief, ein großer Raubvogel sitze im Wald auf dem Baum, es scheine fast ein Adler zu sein. Der habe sich gewiß aus dem hohen Gebirge verflogen.
>Den muß ich schießen, aber allein,< rief der Herzog. Er vergaß seinen Ring und eilte davon und der Hofjägermeister blieb am Bach sitzen. Der wußte, der Herzog hatte es nicht gern, wenn er mit ging, weil er viel, viel besser schießen konnte. Und unser Herzog mag's nicht leiden, wenn einer etwas besser kann als er. Der Herr von Lindeneck blieb also am Bach sitzen, sah dessen Wellchen hüpfen und springen, er sah die Libellen tanzen und dachte dabei nicht an des Herzogs Ring. Plötzlich hörte er in der Ferne lautes Rufen und Schüsse und dann kam der Herzog zurück und er stand auf und ging ihm entgegen.
>Es war wirklich ein verflogener Adler,< rief der Herzog ärgerlich, >aber mein Schuß ging fehl. Das ist nur davon gekommen, daß ich meinen Glücksring nicht angesteckt hatte!<
Und rasch ging der Herzog auf den großen Stein zu, auf den er vorher den Ring niedergelegt hatte, doch der Ring war weg. >Haben Sie meinen Ring aufgehoben?< fragte der Herzog den Hofjägermeister. >Geben Sie mir ihn rasch!<
Der Herr von Lindeneck erschrak. Er hatte gar nicht an den Ring gedacht und er sagte etwas verwirrt: >Er muß doch dort liegen!<«
Der alte Haushofmeister seufzte. »Ich bin nicht dabei gewesen, aber der Veit, der ein guter Bursche ist, war dabei, und der hat gesagt, Marlenchens Vater sei nur etwas erschrocken gewesen, keine Maus hätte denken können, er habe ein schlechtes Gewissen. Doch die Prinzessin Gundolfine, die den Herrn von Lindeneck nicht leiden konnte, und die dazu kam, hat gleich gerufen: >Sie sehen ja so verlegen aus! Ei, ei, Sie haben wohl den Ring in der Tasche verwahrt?<
Das war sehr böse und der Herzog war zuerst auch ärgerlich über die häßlichen Worte der Prinzessin, aber als sich der Ring nicht fand, wurde er immer verstimmter und die Prinzessin tuschelte ihm immer zu: >Der Herr von Lindeneck mag doch mal seine Taschen weisen!< und da hat er zuletzt das von seinem Hofjägermeister verlangt.
Der ist totenbleich geworden, hat gleich alle seine Taschen aufgerissen, doch der Ring hat sich nicht gefunden. Die Prinzessin aber hat gerufen: >Er wird schon wissen, wo er ihn versteckt hat!<
Darüber ist der Hofjägermeister so zornig geworden, daß er beinahe die Prinzessin geschlagen hätte. Es hat einen großen Streit gegeben. Der Herzog war auch böse auf die Prinzessin, und endlich ist der Herr von Lindeneck in den Schloßhof gegangen, hat sein Pferd bestiegen und ist davongeritten.
Dem Herzog war es nicht recht, und gewiß wäre auch alles gut geworden, aber an dem Ring hing ein alter Aberglaube. Wer ihn trägt, bleibt immer gesund, wer ihn verliert, muß bald sterben. Wie nun alle eilig in das Schloß gegangen sind, hat sich der Herzog eine Beule am Türpfosten gestoßen, und da hat er gemeint, er müßte gleich sterben. Er hat gejammert: >Mein Ring, mein Ring!< und die Prinzessin hat wieder gerufen: >Der ist gestohlen!<
Oh, die Prinzessin Gundolfine ist schon eine bitterböse Frau!«
»Ja,« rief Kasperle dazwischen, und er nickte höchst lebhaft und schnitt gleich wieder sein Räubergesicht.
Diesmal erschrak der Haushofmeister nicht, er nickte nur. »Ja, ja, du hast recht, das Gesicht verdient sie, kleiner Kasper. Sie hat schwere Sünde getan, hat die arme kleine Marlene angeschrien: >Dein Vater ist ein Dieb, er hat gestohlen!<
Das Kind ist so totenbleich geworden, wir haben alle gedacht, es sterbe, und die schöne Gräfin Rosemarie hat es in den Armen gehalten und hat geweint und geklagt. Man hat nach dem Leibarzt gerufen, aber da ist das Marlenchen plötzlich aufgesprungen und ist davongelaufen, ehe es noch jemand halten konnte.
Die Gräfin Rosemarie ist ihm nachgerannt, aber erst am Schloß Lindeneck hat sie die Kleine eingeholt. Doch da hat der Herr von Lindeneck sein Kind an die Hand genommen, ist im Schloß verschwunden, und seitdem darf dort kein Fremder mehr die Schwelle übertreten.
Aus dem Marlenchen, das ein liebes, lustiges Dinglein war, ist das traurige Marlenchen geworden. Es sitzt oft am Bach an dem Platz, an dem der Ring verloren gegangen ist, und sucht und sucht; ich glaube, es ist kein Kiesel im Bach, den das Marlenchen nicht schon umgedreht hat. Davon weiß der Herzog nichts und ihr Vater auch nicht. Der Herzog meidet seit dem Tage den Platz, er geht nie mehr nach jener Seite des Parkes, und der Herr von Lindeneck wandert nur abends durch seinen Wald; er läßt sich vor niemand mehr sehen. Der Graf von Singerlingen hat schon oft an dem Schloßtor gestanden und Einlaß begehrt; man hat ihn nicht eingelassen, und dabei war er des Hofjägermeisters bester Freund.«
Der Haushofmeister schwieg, und Kasperle sah ihn erwartungsvoll an. Endlich fragte er: »Wer hat denn den Ring?«
»Ach lieber Himmel, du blitzdummes Kasperle!« rief der alte Herr. »Wenn das jemand wüßte, dann wäre doch alles gut! Nur weil sich der Ring nicht gefunden hat, denkt der arme Herr von Lindeneck, alle Leute halten ihn auch für einen Dieb, wie es die Prinzessin tut. Dabei denkt das kein Mensch; wer weiß, wohin der Ring geraten ist! Vielleicht hat ihn gar eine von den großen Forellen verschluckt. Ach, es ist ein Jammer! So ein lieber Herr war der Jägermeister, und das arme Marlenchen war ein rechtes Sonnenkind, und nun ist es immer blaß und traurig.«
Plötzlich fiel dem Haushofmeister etwas ein. »Kasperle,« sagte er, »du könntest versuchen, das Marlenchen aufzuheitern. Jetzt im Sommer, um die Zeit, da unser Herzog regiert, sitzt die Kleine tagaus, tagein am Bach; da könntest du ihr etwas vorkaspern, vielleicht lernt das traurige Marlenchen das Lachen wieder.«
»Ich geh gleich hin,« schrie Kasperle und wutschte flink in den Schrank hinein, aber sein Beschützer hielt ihn noch am Hosenzipfel fest. »Jetzt nicht, Kasperle, jetzt ist das Marlenchen nicht da. Jetzt bleibe du nur hier, denn wenn der Herzog von seinem Mittagsschlaf erwacht und du bist nicht da, dann gibt es großen Spektakel. Morgen früh darfst du an den Bach. Sieh, hier habe ich eine Pfeife; wenn ich dreimal auf der pfeife, dann mußt du zurückkommen. Du darfst aber auch niemand außer Veit etwas sagen, nur der und der Gärtner noch wissen es, daß das traurige Marlenchen dort alle Tage nach dem verlorenen Ringe sucht.«
»Ich helf' suchen,« sagte Kasperle. »Paß auf, ich finde den Ring!«
»Ach Unsinn, den findet niemand mehr!«
»Doch, ich hab' mal geträumt, ich hätt'n Ring gefunden.«
»Wo denn? Wann denn?«
Da sperrte Kasperle den Mund weit auf und murmelte kleinlaut: »Ja, das weiß ich nicht mehr!«
»O Kasperle!« Der alte Haushofmeister streichelte das dumme, unnütze Kasperle und er versprach ihm, nachher sollte Kasperle auch Milch und Kuchen bekommen, wenn er brav wäre.
Das Bravsein gelobte Kasperle feierlich. Und er kletterte auch ganz still auf das Fensterbrett, als der Haushofmeister gegangen war, und schaute hinaus. Nicht weit vom Schloß lag eine mauerumrankte kleine Stadt, rechts kamen Wiesen und Wälder und auf einer Anhöhe lag Schloß Lindeneck.
Kasperle guckte sich beinahe die Augen aus dem Kopf, und da sah er in der Ferne wieder ein Schloß liegen. Es war gut, daß just Veit in das Turmstübchen kam, denn sonst wäre Kasperle wohl vor Neugier noch aus dem Fenster gepurzelt. Veit sagte auch, das erste Schloß sei Lindeneck, das zweite dort in der Ferne aber Weidbronnen, dort wohne oft der Graf von Singerlingen.
So nah wohnte der! Kasperles Augen glitzerten vor Freude und er sagte plötzlich: »Wenn er mich zum Teufel schickt, dann geh' ich dahin.«
»Wer soll dich denn zum Teufel schicken?«
»Na, der Herzog.«
Veit lachte. »So etwas sagt der nicht, dazu ist er viel zu fein. Aber horch, Kasperle, es wird einmal gepfiffen; das heißt, du sollst zum Herzog kommen. Nun sei aber brav und benimm dich gut!«
Kasperle versprach es, und dann ging er an Veits Hand bis an des Herzogs Nachmittagswohnzimmer. Veit machte die Türe auf, Kasperle übersah die Schwelle und platsch, lag er, so kurz er war, im Zimmer, und der Herzog ließ vor Schreck seine Tasse fallen. Er schalt heftig und Kasperle stand da wie ein begossenes Pudelchen. Veit aber dachte: Das nennt er nun sich gut benehmen! O mein armes, dummes Kasperle, wie wird es dir hier ergehen!
Zehntes Kapitel
Eine neue Freundin
Gut ging es dem armen Kasperle nicht auf Burg Himmelhoch. Erst sollte er mit dem Herzog Kaffee trinken, da versank er wieder mit seiner großen Nase in der Kaffeetasse, was der Herzog sehr, sehr unschicklich fand. Dann mußte Kasperle mit spazierenfahren und wie ein kleiner Diener hinten aufsitzen. Kasperle fand das sehr lustig, und allemal, wenn jemand vorbeikam, lachte er und schnitt Gesichter. Die Leute lachten, oder sie erschraken furchtbar und liefen davon. Erst wußte der Herzog gar nicht, was das bedeuten sollte, bis ihm Kasperle einfiel, er drehte sich um, und just da machte Kasperle ein Gesicht wie die Prinzessin Gundolfine, und ein paar Kinder am Wege kreischten laut.
Das war doch zu toll! Der Herzog nahm seinen Stock und schlug Kasperle auf den Rücken. Potzwetter, tat das weh!
Und nicht einmal heulen durfte Kasperle, der Herzog drohte, er würde noch mehr Schläge bekommen. Dazu befahl der Herzog: »Schneller fahren!« und der Wagen sauste dahin, Kasperle hatte Mühe, nicht runterzufallen; ganz verdutzt war er, als sie wieder vor dem Schlosse anhielten.
Abends mußte Kasperle dann dem Herzog etwas vorkaspern. Weil er aber vor lauter Angst zum Abendessen nicht recht gegessen hatte, fing plötzlich sein Magen an erschrecklich zu knurren. Der Herzog, der eben noch gelacht hatte, zog gleich wieder ein verdrießliches Gesicht und sagte, das sei sehr, sehr unschicklich. Magenknurren sei bei Hofe verboten.
»Aber im Waldhaus nicht.« Das wollte Kasperle ganz, ganz leise sagen, aber seine Stimme rutschte ihm aus, und so hörte es der Herzog. Da bekam Kasperle Schläge, nichts zu essen, wurde ins Bett geschickt und eingeschlossen. Müde, hungrig weinte er sich in den Schlaf. Ach, es war doch schwer, eines grilligen Herzogs Diener zu sein!
Als Kasperle aufwachte, dämmerte draußen erst der Morgen, und hinter der kleinen Stadt glühte der Himmel im Frührot. Kasperle schaute zum Fenster, er sah auch hinüber nach Schloß Lindeneck und das traurige Marlenchen fiel ihm ein. Und weil Kasperle ein gutherziger kleiner Kerl war, dachte er sich gleich aus, wie er das Marlenchen unterhalten wollte. Und damit er recht schöne Gesichter schneiden konnte und Purzelbäume schlagen, fing er an, das zu üben, und gerade wie er mitten drin war, kam Veit ins Turmstübchen.
Der lachte vergnügt. »O Kasperle,« sagte er, »was bist du für ein schnurriger Kauz! Nun komm nur her und frühstücke! Der Haushofmeister läßt dir sagen, du sollst dich erst ordentlich satt essen, damit du nachher beim Herzog nicht wieder wie ein kleiner Vielfraß zulangst. Du sollst nämlich mit dem Herzog frühstücken.«
Schön war diese Aussicht gerade nicht. Kasperle seufzte schwer, aber dann befolgte er den guten Rat des Haushofmeisters. Er aß sich so plumpsatt, daß er sich kaum noch rühren konnte. So wohl gerüstet ging er zum Frühstück des Herzogs.
»Mach' eine schöne Verbeugung!« hatte Veit ihm geraten. Das wollte Kasperle auch tun. Er verbeugte sich tief, weil er aber so vollgegessen war, platzten ihm unversehens seine Hosenknöpflein, und das fand der Herzog nun wieder sehr, sehr unschicklich.
Kasperle mußte das Zimmer verlassen, und die Hausverwalterin Babette nähte ihm erst die Knöpflein wieder an. Das war eine gutmütige Frau, die ihren Spaß an Kasperle hatte. Sie versprach ihm auch, sie wolle ihm einen neuen Kittel nähen, einen von himmelblauer Seide.
»Lieber grün,« bettelte Kasperle.
»Meinetwegen auch grün, aber warum denn?«
Doch das sagte Kasperle nicht. Er dachte bei sich: Wenn ich ein grünes Wämslein habe und durch den Wald laufe, sieht man mich nicht. Ein ganz kleines bißchen dachte der Schelm nämlich ans Ausreißen. Wer weiß, der Herzog sagte doch einmal etwas vom Teufel!
Jetzt freilich mußte er zum Herzog zurückgehen. Der war eigentlich kein böser Mann, nur seit er seinen Ring verloren hatte, war er noch grilliger als früher geworden. Unrecht tun wollte er niemand, aber weil ihn nie jemand ob seiner üblen Launen gescholten hatte, dachte er, diese seien gar nicht schlimm. In der Nacht hatte er an Kasperle gedacht, und der kleine Kerl hatte ihm sehr leid getan. Er sann nach: Kasperle war doch noch nie an einem Hofe gewesen, wie konnte er wissen, wie man sich da benehmen mußte! Morgen bin ich recht gut gegen ihn, hatte sich der Herzog vorgenommen, darum hatte er Kasperle auch zum Frühstück eingeladen.
Wenn aber Hosenknöpflein abplatzen, ist es dumm. Kasperle kam ganz scheu mit den angenähten Knöpfles wieder herein, und zu seiner Verwunderung sagte der Herzog freundlich: »Nun komm nur und frühstücke!«
Und weil der Herzog freundlich sein wollte, legte er Kasperle selbst auf: Brötchen mit Schinken darauf, ein großes Stück Kuchen dazu, und er ermahnte: »Nun iß nur, du bekommst mehr!«
Ja, wie kann aber ein Kasperle essen, wenn es so plumpsatt ist, daß ihm die Hosenknöpfles abspringen!
Kasperle kaute und kaute, würgte, schluckte, -- es ging nicht mehr.
»Iß doch, trink' doch!« mahnte der Herzog. »Du bekommst noch mehr.«
Da seufzte Kasperle so tief, als säße er unten im Turmverlies. Und weil er sich gar nicht zu helfen wußte, das Schinkenbrot durchaus nicht mehr in seinen Magen hineinwollte, fing er an, bitterlich zu weinen. Dicke, dicke Tränen kullerten in seine Schokoladentasse hinein, und der Herzog fühlte tiefes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Zum erstenmal brummte er ihn nicht an, sondern sagte freundlich: »Geh in den Park, Kasperle, springe herum, damit du mittags wieder hungrig bist.«
Kasperle war heilfroh, daß er hinausdurfte. Er schoß die Treppe hinab wie eine Kugel, und kaum war er im Park, da rannte er, so schnell er konnte, an das Bächlein bei der uralten großen Ulme.
Und wirklich saß das traurige Marlenchen dort, es drehte die Kieselsteine im Wasser um und suchte den verlorenen Ring.
»Da bin ich!« Plitsch, platsch, schoß Kasperle in den Bach hinein und Marlenchen sank vor Schreck wieder totenblaß am Ufer hin.
Und Kasperle hatte doch gedacht, sie würde über seinen Purzelbaum lachen! Ach, hier war alles anders wie im Waldhaus! Kasperle legte sich neben das blasse Marlenchen ins Gras und fing wieder bitterlich zu weinen an.
»Warum weinst du denn?« fragte da auf einmal ein feines Stimmchen.
»Weil ich -- alles verkehrt mache.« Kasperle schluchzte erbärmlich, und da vergaß das traurige Marlenchen ihr eigenes bitteres Herzeleid. Es richtete sich auf, fuhr mit dem Zeigefingerlein sachte über Kasperles Gesicht und fragte: »Warum bist du denn hier?«
»Weil ich's versprochen habe.« Und Kasperle fing an, dem kleinen Mädchen vom Waldhaus zu erzählen, von Michele und von Rosemarie.
»Du bist gut, weil du der schönen Rosemarie und deinem Michele geholfen hast,« sagte Marlenchen da. Sie legte ihre kleine, weiße Hand in Kasperles derbe, braune Patsche, und so saßen die beiden unglücklichen Kameraden an dem Bächlein und Kasperle mußte immer mehr und mehr vom Waldhaus erzählen. Ein paarmal huschte es wohl wie ein Scheinchen über Marlenchens trauriges Gesicht, aber sie lachte noch nicht.
Kasperle merkte es zum erstenmal: einen wirklich traurigen Menschen bringt auch ein Kasperle nicht so leicht zum Lachen.
Ein wenig froher sah Marlenchen aber doch aus, als in der Ferne des Haushofmeister Pfeife ertönte und Kasperle Abschied nahm. Sie sagten beide zusammen: »Morgen,« schüttelten sich die Hände, und wieder ging ein ganz feiner, heller Schein über das Gesicht des traurigen Marlenchens; so wie manchmal an ganz grauen Tagen die Sonne ein wenig hinter den Wolken schimmert, war es.
Dies machte Kasperle sehr froh. Er hopste und sprang dem Schlosse zu, lief mit Gepolter hinein, und der Haushofmeister hielt ihn noch zur rechten Zeit am Hosenzipfel fest. »Du,« sagte der, »jetzt schling nicht so bei Tisch, es sind noch Gäste da. Wirst du nicht satt, bekommst du nachher noch etwas. Also fein still und brav sein!«
Das nahm sich Kasperle zu Herzen. Er aß wenig, saß auch ganz still und bescheiden am Tischende. Alles ging gut, nur -- ein Kasperle ist eben ein Kasperle. Da saß am Tisch ein fremder Graf, der hatte eine seltsame Gewohnheit. Jedesmal wenn er einen Bissen verschluckte, kniff er die Augen zu und nickte mit dem Kopf. Ein Weilchen sah Kasperle das an. Aber weil er nun eben ein echtes Kasperle war, verzog er unwillkürlich sein Gesicht, nickte, kniff die Augen zu, und es sah so pudelnärrisch aus, daß ein Hofjunker, der ohnehin noch lieber lachte als ernst war, plötzlich leise vor sich hin kicherte.
Wenn aber jemand lachte, dann war es um Kasperle geschehen. Er kniff wieder die Augen zusammen, nickte wieder, und zwei junge Hofdamen kicherten vor sich hin. Ein Kammerherr lachte, der alte, dicke Oberstallmeister aber, der so etwas wie das Kasperle noch nicht gesehen hatte, lachte unversehens laut auf. Es dröhnte nur so, und da lachte es da und lachte dort, nur etliche Herren und Damen und der Herzog dazu saßen steif und ernsthaft da, über ein Kasperle lacht nur, wer sich im Herzen einen Rest des alten Kinderfrohsinns bewahrt hat. Menschen mit reinen, guten Herzen lachen leicht; die Hochmütigen, Stolzen, Harten haben in ihrem Leben das reine, frohe Lachen verlernt.
Der Herzog August Erasmus hätte wohl mitgelacht, ja es zuckte einmal um seinen Mund, aber er war so schrecklich eingebildet auf seinen Herzogstitel, da hielt er das Lachen nicht für würdevoll. Er sah streng zu Kasperle hin, und der erschrak über den bösen Blick und tauchte vor Schreck die Nase in seinen Kompotteller. Es spritzte hoch auf.