Part 6
»Meine Haube, meine Haube, du abscheuliches Kasperle!« Die Prinzessin stürzte sich wieder auf Kasperle, und der Pächter drehte sich vor Schreck mit dem rund um.
Doch da gebot der Herzog streng: »Ruhe! Jetzt soll erst einmal Kasperle erzählen, was eigentlich geschehen ist. Niemand darf ihn anrühren.«
Kasperle schluchzte, erst konnte er gar nicht sprechen, aber dann erzählte er doch, wie er die Diebe gehört habe, die des Herzogs Orden und der Prinzessin Staatskleider hätten rauben wollen. »Da habe ich mir flink eine Haube aufgesetzt und habe ein Gesicht wie die da gemacht,« schloß Kasperle und deutete mit dem Fingerlein auf die Prinzessin, »weil -- weil sich vor der alle graulen.«
»Hach, ist das frech!« Die Prinzessin wollte in Ohnmacht fallen, aber sie sah auf einmal, wie alle lächelten; selbst der Herzog schmunzelte, als nun der Pächter erzählte, die Diebe, der Kasperlemann und ein früherer Diener Klaus, seien noch ganz verdattert vor Schreck, sie meinten wirklich, die Prinzessin habe selbst im Gepäckwagen gesessen.
»Er muß Haue haben!« Die Prinzessin war wirklich zornig.
»Nein,« sagte der Herzog, »Kasperle hat sehr mutig gehandelt. Sei doch froh, daß deine Staatskleider nicht geraubt sind!«
»Aber meine Haube!«
»Nun, der einen Haube ist ja nichts geschehen!« Der Herzog war ärgerlich. Er befahl, man solle Kasperle nun in ein Bett legen, damit er sich ausschlafen könne, er habe sich so mutig benommen, und er wäre ihm sehr, sehr dankbar. Und er nickte dem Kasperle freundlich zu, und alle nickten auch freundlich, nur die Prinzessin sah bitterböse aus, und dem Kasperle war das Herz recht schwer, als er daran dachte, daß er zwischen den Hauben und Hüten der Prinzessin gelegen hatte. O weh, das würde morgen eine böse Überraschung geben!
Der Diener Veit, der Kasperle in ein Zimmer führte, war ein gutherziger Bursche; er merkte wohl, daß etwas Kasperle bedrückte, und freundlich fragte er: »Was fehlt dir denn?«
Stöhnend vertraute ihm Kasperle an, wo er im Gepäckwagen gelegen hatte.
Veit lachte. »Ja, warum stecken sie dich auch da hinein!« sagte er. »Aber sei getrost, ich schließe den Koffer noch, und morgen wird er abgeladen. Da merkt die Prinzessin erst auf ihrem Schloß, daß du zwischen ihren Hauben gesessen hast. Warum sperren sie dich auch da ein! Wenn einer im Dunkeln in etwas fällt, kann er nichts dafür.«
Das tröstete Kasperle sehr. Er reckte und streckte sich in seinem Bett aus, und er kam sich schließlich selbst wie ein kleiner Held vor.
Kasperle schlief vergnügt bis zum Morgen, er schmauste vergnügt sein Frühstück, und dann durfte er dem Herzog guten Morgen sagen. Der schenkte ihm zur Belohnung für seine Tapferkeit gestern eine große Tüte Zuckerwerk und sagte, nachher, wenn er sich von der Prinzessin, die nur noch zwei Stunden weit mitfahre, getrennt habe, solle er in den Wagen zu ihm kommen. Er dürfe auch noch um etwas bitten, er solle sich nur recht überlegen, um was; nur um seine Freiheit dürfe er nicht bitten.
Das war ein ganz vergnüglicher Morgenanfang. Trotzdem man so etwas in eines Herzogs Gegenwart eigentlich nicht tut, steckte Kasperle doch gleich seine große Nase in die Zuckertüte.
Da seufzte und stöhnte es vor der Türe; die tat sich auf, und herein wurden der Kasperlemann und Klaus geführt. Der Herzog sah sie streng an. »Ihr bekommt schwere Strafe,« sagte er; »ihr müßt viele Jahre im Gefängnis sitzen.«
»Gnade, Gnade!« Der Kasperlemann weinte und Klaus weinte, sie knieten alle beide vor dem Herzog nieder und flehten immerzu, er möchte ihnen verzeihen, sie würden auch nie, nie wieder so etwas Schlimmes tun. »Die Kinder sind immer mit ihren Pfennigen davongelaufen, darum bin ich in große Not gekommen,« sagte der Kasperlemann. »Und dann dachte ich, bei der Hochzeit der Gräfin Rosemarie würde ich spielen dürfen; man hat mich aber gar nicht recht vorgelassen.«
»Ach, und meine Kinder sind krank!« jammerte Klaus. »Ach bitte, guter, lieber Herr Herzog, seid mir doch gnädig!«
»Nichts da, eingesperrt werdet ihr und viele, viele Jahre lang!« brummte der Herzog unwirsch.
Kasperle dachte: Er ist doch nicht gut. Schlimm waren ja die beiden, aber da sie nun so baten und ihre Tat so bereuten, sollte der Herzog doch nicht so streng sein. Und plötzlich fiel Kasperle etwas ein. Er hob seine Nase aus der Zuckertüte heraus, schluckte rasch noch ein Stück hinab, schnitt dabei ein so furchtbares Gesicht, daß der Kasperlemann dachte: O weh, jetzt klagt mich Kasperle auch noch an!
Der aber sagte: »Herr Herzog, du hast mir was versprochen; jetzt weiß ich, was ich mir wünsche.«
»Gewiß noch eine Zuckertüte, deine ist bald leer,« sagte der Herzog. »Kasperle, du wirst noch Bauchweh bekommen!«
»Nä,« rief Kasperle vergnügt. Er deutete mit dem Fingerlein auf die beiden Diebe. »Gib die frei, Herr Herzog!« bettelte er.
»Was, Kasperle, du bittest für den Kasperlemann?« rief der Herzog erstaunt. »Der hat dich doch immerzu verfolgt!«
»Ach!« Kasperle stopfte einen Schokoladekringel in den Mund, kaute mit vollen Backen und schnatterte vergnügt: »>Man muß vergessen und vergeben können,< hat immer Liebetraut gesagt; ich bin nicht mehr böse, nä.«
Der Herzog schämte sich ordentlich ein bißchen über seine Härte. »Na, meinetwegen,« brummelte er, »die beiden mögen frei sein, frei, weil Kasperle darum gebeten hat. Aber weißt du auch, Kasperle, daß du nun keine Bitte mehr frei hast?«
Kasperle grinste vergnügt und steckte ein großes rotes Zuckerherz in den Mund; schluck, schluck, da war es hinunter.
»Aber Kasperle, du bist ein Vielfraß!« rief der Herzog erschrocken.
»So 'n bißchen,« rief Kasperle und schwenkte die riesengroße Zuckertüte hin und her. Und plötzlich schrie er laut: »Hurra, sie sind frei, frei, frei!« Er brüllte so entsetzlich, daß der Herzog sich die Ohren zuhielt. »Geht, geht hinaus!« rief er, »und, Kasperle, iß du lieber weiter von deiner Zuckertüte, als so mörderlich zu schrein.«
Der Kasperlemann und Klaus dankten dem Herzog nochmals, und als sie hinausgingen, flüsterten sie beide: »Kasperle, die Guttat vergessen wir dir unser Lebenlang nicht!«
Kasperle aber fraß vergnügt weiter aus seiner Zuckertüte, vergnügt kletterte er dann zu seinem neuen Freund Veit in einen Wagen, und der erzählte ihm: »Kasperle, die Hüte und Hauben der Prinzessin sehen aber arg wüst aus! Na, das wird ein Geschimpfe geben! Gut, daß wir es nicht hören. Du bist doch aber ein rechter Schelm!« -- Hü, hott! Los ging die Reise, die Landstraße entlang, dann kam ein Waldweg, ein Fluß, und als sie über dessen Brücke kamen, standen da etliche Reisewagen; die Prinzessin Gundolfine stieg hier aus.
Kasperle sah, wie das Gepäck ausgeladen wurde, er sah auch die riesengroße Hutschachtel, und er sah, wie die Prinzessin sie mißtrauisch musterte. »Der Deckel ist aufgewesen,« rief sie, »der sieht kaputt aus.«
»Ach, Unsinn!« brummte der Herzog. »Bringt Kasperle in meinen Wagen! Und dann weiter, ich habe keine Zeit mehr.«
Kasperle huschte flink in des Herzogs Wagen, die Pferde zogen an, und just in dem Augenblick sah Kasperle, wie die Prinzessin in ihre Hutschachtel hineinschaute. Die kreischte laut auf, denn innen war nur ein zerdrücktes Gewühl und Durcheinander, und mitten auf dem besten Sonntagshut, der ganz verbogen war, lag noch eine angebissene Butterschnitte.
Die Prinzessin rang die Hände und drohte wütend den davonrollenden Wagen nach. Der Herzog sah es nicht, aber Kasperle sah es, und er brach in ein so unbändiges Lachen aus, daß selbst der grillige Herzog mitlachen mußte. Er mußte sich zuletzt den Bauch halten vor Lachen, und er dachte: Es ist doch gut, daß ich das Kasperle habe, das wird mir sicher immer meine böse Laune vertreiben.
Achtes Kapitel
Die erste Nacht auf Burg Himmelhoch
Da saß nun Kasperle in des Herzogs Wagen und reiste nach Burg Himmelhoch. Dort wohnte der Herzog immer den Sommer über. Der Weg ging stetig aufwärts, und auf einmal tauchte auf luftiger Höhe ein großes, helles Schloß auf; seine Fenster glänzten in der Nachmittagssonne und bunte Fahnen flatterten von seinen Türmen herab.
Kasperle vergaß in diesem Augenblick sogar seine Sehnsucht nach dem Waldhaus, so gut gefiel ihm das Schloß. Er steckte seinen Kopf zum Wagenfenster hinaus, weit, immer weiter, und der Herzog wollte gerade sagen: »Kasperle, fall nicht heraus!« Da lag Kasperle schon. Pardauz! mitten zwischen ein Trüpplein Kinder fiel er, die sich neugierig aufgestellt hatten, um den Herzog zu sehen.
Erschrocken stoben die auseinander, aber kaum hatten sie in das putzige Kasperlegesicht geblickt, da kamen sie alle zurück und erhoben einen ungeheuren Lärm. Der Herzog dachte nicht anders, als Kasperle habe sich wer weiß was gebrochen; daß ein Kasperle sehr viel hinpurzeln kann, ohne sich Schaden zu tun, ahnte er nicht. Er rief aufgeregt: »Kasperle ist verunglückt, helft, helft!« Und der Wagen hielt, Diener sprangen herzu. Das Kasperle aber stand putzmunter auf, schüttelte sich und schnitt so blitzdumme Gesichter, daß die Kinder vor Lachen beinahe auseinander platzten.
Dies ärgerte den Herzog August Erasmus sehr. Er konnte solches Gelärme nicht leiden. Auch wollte er, Kasperle sollte ihm allein etwas vorkaspern; er war der Herr, Kasperle sein Diener. »Steig ein!« befahl er streng, und vor seinem bösen Gesicht entflohen die Kinder scheu. Ganz ängstlich sahen sie dem Wagen nach, aber da auf einmal steckte wieder Kasperle den Kopf zum Fenster heraus, grinste, schnitt erst sein Räubergesicht, sah dann wie die Prinzessin Gundolfine aus, und jäh ertönte wieder das jauchzende Lachen der Kinder.
Da nahm der Herzog seinen Stock und gab Kasperle eins auf die Nase. Es krachte ordentlich, und Kasperle sank in die Wagenecke und brach wieder in sein beliebtes Heulen aus. Doch da hatte er kein Glück damit bei dem Herzog. Der liebte alles, was laut war, nicht, und er hieb einfach mit seinem Stock auf Kasperle ein, bis er muckstill war. Nur ganz, ganz leise heulte er vor sich hin, seine Nase, sein Rücken, alles tat ihm weh, und die schöne Burg, der sie nun nahe waren, gefiel ihm gar nicht mehr.
Der Herzog war ein grilliger Herr. Kasperles Geheule hatte ihm seine Laune gründlich verdorben, und er gab Befehl, den armen Schelm in eine vergitterte Kammer zu sperren. Die lag im Erdgeschoß und stammte noch aus der Zeit, da das erste Schloß auf dem Platze gestanden hatte. Das war einmal niedergebrannt und in einer Zeit, da die Menschen das Heitere, Helle liebten, neu aufgebaut worden.
Die Kammern unten waren düster und kühl, und das arme Kasperle hätte es recht schlimm gehabt, wenn nicht der Diener Veit gewesen wäre. Der sorgte für den kleinen Burschen, brachte ihm ein Bett in die Kammer und Essen genug. Und dann kam er zu ihm, ein anderer folgte, und als oben der Herzog verdrießlich in seinem Bette lag und der Haushofmeister in seinem Zimmer Tee trank, saßen in Kasperles Kammer ein paar Diener und Kammermädchen, und der Kleine hockte auf dem Tisch und kasperte ihnen etwas vor. War das lustig!
Das Lachen dröhnte durch den kleinen Raum und tönte zu dem Fensterchen hinaus; über dem, im ersten Stock, aber hatte der Herzog sein Zimmer. Der lag da satt und mißmutig; er hatte gerade die Augen geschlossen, als von unten herauf das Lachen ertönte.
Was war denn das? Der Herzog richtete sich auf und lauschte. Es lachte und lachte. Das war doch zu toll! Wütend riß er an seiner Klingel, und sein erster Kammerdiener fiel beinahe in das Zimmer. Das Klingeln aber hatten sie unten auch gehört. Just in dem Augenblick, als oben der Herzog zornig fragte: »Wer lacht so?« rief unten Veit: »Flink, Kasperle, ins Bett und alle raus, der Herzog hat uns gehört!«
Husch, husch, flitzten alle aus der Kammer. Veit drehte den Schlüssel um und Kasperle kroch in sein Bett.
Oben rief der Kammerdiener den Haushofmeister; der hörte des Herzogs Klage, und er lief selbst, so schnell er konnte, hinab und schloß Kasperles Kammer auf. Muckstill war es innen, nur aus Kasperles Bett tönte lautes Geschnarche.
Der Haushofmeister schüttelte den Kopf. Der Herzog hat geträumt, dachte er und stieg wieder die Treppe hinauf. »Kasperle schläft,« meldete er oben.
»Unsinn, er hat gelacht! Man bringe ihn her!« befahl der Herzog.
Da ging der Haushofmeister mit dem Kammerdiener hinab. Unten riefen sie: »Kasperle, du sollst zum Herzog kommen.«
Kasperle, der Schelm, regte und rührte sich nicht, er schnarchte wie eine Eule. Schließlich nahm ihn der Kammerdiener auf den Arm, und da rekelte sich Kasperle und tat, als könne er gar nicht die Augen aufmachen, und oben in des Herzogs Zimmer riß er seinen Mund, so weit er konnte, auf und gähnte erschrecklich. »Uah, uah!« Und dabei dehnte er sich, und schnipp, bekam der Haushofmeister Kasperles Bein mitten ins Gesicht.
»Kasperle,« rief der Herzog zornig, »was tust du da?«
»Ich schlaaafe!«
»Du hast gelacht!«
Kasperle machte plötzlich sein bitterböses Räubergesicht, und der Herzog sank erschrocken in seine Kissen zurück. »Tragt ihn fort, schließt ihn ein, und der Schlüssel soll hier an meinem Bett liegen!« rief der Herzog ärgerlich. »Das ist ja ein ganz schlimmer Geselle!«
Da trug der Kammerdiener Kasperle in seine Kammer zurück, warf ihn ins Bett, schloß zu, und wutsch, saß Kasperle aufrecht da. Er war kein bißchen müde, sondern hatte die größte Lust, ein dummes Streichlein zu machen. Er wartete ein Weilchen, bis alles still draußen auf den Gängen war, dann zündete er sich eine Kerze an. Veit hatte ihm ein Feuerzeug und Kerzen in einen Winkel gestellt. Und mit seinem Licht leuchtete Kasperle die ganze Kammer ab. Er dachte: Hoho, vielleicht finde ich ein geheimes Gänglein wie einstmals im Waldschloß des Herzogs. Aber soviel er auch klopfte und suchte, einen Ausschlupf fand er nicht. Nur ein winziges Türchen war da, das führte in den Schornstein. Gerade über seinem Bett war das.
Der Herzog August Erasmus war gerade eingeschlafen, als plötzlich ein furchtbar dumpfes Getöse ihn weckte. Erschrocken richtete er sich auf. Was war das?
»Huhuhu!« klagte, stöhnte, ächzte es, und der Herzog riß zitternd an seiner Klingel.
Wieder stürzte der Kammerdiener herbei, der Haushofmeister kam, und beide lauschten schreckensbleich den unheimlichen Tönen.
»Kasperle, sicher, das ist Kasperle!« ächzte der Herzog, und der Haushofmeister rannte die Treppen hinab, schloß die Kammer auf und -- da lag Kasperle und schlief ganz fest.
Der Haushofmeister lief wieder hinaus und sagte: »Er ist's nicht, er schläft!«
»Doch, er war's,« rief der Herzog. »Hört nur, jetzt ist es still geworden!«
Es war wirklich still geworden, denn Kasperle hatte nun doch Angst bekommen. Er ließ das Ächzen und Stöhnen sein, und als der Haushofmeister und der Kammerdiener wieder in seine Kammer kamen, da schlief er nun wirklich ganz fest.
Oben sagten die beiden: »Er ist's nicht gewesen.«
»Doch, er war's, und morgen soll er seine Strafe haben,« rief der Herzog. »Jetzt will ich schlafen.«
Das wollten alle Leute im Schloß. Bald herrschte die allertiefste Stille, nichts rührte und regte sich.
In Kasperles Kammer aber flog ein kleiner Kauz; der flatterte Kasperle um die Nase herum, und davon wachte er auf. Er schrie aber nicht so erschrecklich wie die Prinzessin Gundolfine, sondern griff zu und fing den Kauz. Hach, dachte er, der kann auch durch den Schornstein zurückfliegen, hinaus kommt der schon! Und flink tat er das Türlein auf und steckte den armen Kauz hinein. Mochte er sich selber weiterhelfen.
Na, so sehr gemütlich fand der das nicht, durch einen Schornstein zu fliegen. Er fing also an zu schrein, und wieder fuhr der Herzog erschrocken in seinem Bett empor. Das schrie und rauschte und flatterte, und der Herzog kroch unter sein Deckbett und schrie um Hilfe.
Da wurde es wieder lebendig im Schloß, wieder rannte der Haushofmeister hinab und fand Kasperle schlafend. Diesmal nahm er Kasperle einfach beim Wickel und trug ihn in des Herzogs Zimmer. »Da ist er,« rief er, »er schläft wieder.«
»Er ist es nicht,« rief der Kammerdiener, »es schreit noch immer.«
Ja, es schrie noch immer, denn der arme kleine Kauz fand nicht so schnell zum Schornstein hinaus.
»Uaah, uaah!« gähnte Kasperle. Den hatte der Haushofmeister auf den Boden gelegt, denn er hatte keine Lust, wieder Kasperles Fuß in sein Gesicht zu bekommen.
»Er ist es wirklich nicht,« rief der Herzog zitternd. Der Kauz flog jetzt gerade durch den Schornstein seines Zimmers und er klagte laut.
»Das ist ein Gespenst,« flüsterte der Kammerdiener.
»Rissel, rassel,« schnarchte Kasperle am Boden.
Noch einmal klagte der Kauz in der Esse wie ein kleines Kind, dann war alles still; der Kauz hatte hinausgefunden. Kasperle schnarchte am Boden und der Herzog sagte seufzend: »Weckt ihn, er soll mir etwas vorkaspern!«
Ja, Kasperle wecken, wenn er tat, als schliefe er, war ein schweres Ding! Aber endlich bequemte sich Kasperle doch, riß seine Augen weit auf und fragte: »Was soll ich?«
»Hast du vergessen, daß du mich unterhalten willst, wenn ich verdrießlich bin?« fragte der Herzog brummig.
»Nä!« Kasperle grinste, und dann fing er an Purzelbäume zu schlagen. Eins, zwei, drei, klirrrr! ging der große Pfeilerspiegel in Scherben, weitherum spritzten die Glasstücke, und der Herzog rief erschrocken: »Aufhören, aufhören!«
Da saß das Kasperle schon mitten auf seinem Bett, steckte sich sein eigenes Bein in den Mund und schickte sich an, auf dem Herzog und dem Bett herumzukollern.
»Um Himmels willen, nehmt ihn weg, sperrt ihn ein! Aber nicht unten in die Kammer, irgendwo, wo er nicht ausreißen kann,« rief der Herzog. »Ganz schlecht soll er es haben.«
Der Haushofmeister, der bald umfiel vor Müdigkeit, nahm das Kasperle, zerrte es mit sich fort, und draußen sagte er: »Kasperle, wenn du mir versprichst, ganz brav zu sein, kannst du auf meinem Sofa schlafen; sonst mußt du unten in eine dunkle Kammer gehen.«
»Will brav sein,« rief Kasperle erschrocken.
»Still, still!« mahnte der alte Haushofmeister, dem der arme kleine Schelm trotz des Nasenstübers leid tat, »damit es der Herr Herzog nicht hört, sonst geht es uns beiden übel.«
Und er nahm Kasperle mit in seine Stube. Kasperle durfte sich auf ein weiches, rotes Sammetsofa legen und ungestört schlafen, und der alte Haushofmeister dachte, als Kasperle flink einschlief: Armer kleiner Bursch, wie wird es dir hier noch ergehen! Unserm Herzog es recht zu machen, wenn er schlechte Laune hat, ist ein übles Ding.
Und dann legte er sich selbst in sein Bett, und nach ein paar Minuten schliefen alle im Schloß. Nur der Herzog nicht, der war putzmunter vor lauter Aufregung geworden. Er drehte sich rechtsum, linksum, lag auf dem Rücken, lag auf dem Bauch, drehte das Kopfkissen um, einschlafen konnte er nicht.
»Daran ist nur Kasperle schuld,« brummte er; »ich werde einen Käfig machen lassen und ihn hineinstecken. Warte nur, Kasperle, zum Teufel schicke ich dich nicht, aber schlimm soll es dir ergehen, wenn du weiter so unnütz bist.«
Neuntes Kapitel
Das traurige Marlenchen
Ausgeruht und purzelvergnügt flitzte Kasperle am nächsten Morgen in den Park, der das Schloß umgab. Der Haushofmeister hatte ihm ein gutes Frühstück gegeben, da war er satt, und der Herzog hatte ihn nicht rufen lassen, das gefiel ihm gut. Was der Herzog für bitterböse Gedanken hatte, ahnte er nicht.
Der Herzog wieder dachte, das Kasperle sei eingesperrt, also mochte es eingesperrt bleiben. Doch der Haushofmeister war ein milder alter Mann und nicht sehr für das Einsperren. Der hatte nur gefragt: »Kasperle, läufst du auch nicht fort?« Und da hatte Kasperle ihn traurig angesehen und von seinem Versprechen erzählt, und der Haushofmeister merkte, das brach Kasperle nicht. Also durfte der kleine Kerl im Garten herumspazieren.
Der war schön und weit; erst kamen Blumenbeete und Rasenflächen, dann ein kleines Wäldchen, durch das ein Bächlein rann. Vergißmeinnicht und Butterblumen blühten an seinem Rande und glänzende Kiesel lagen auf seinem Grunde. Flinke Forellen schwammen manchmal rasch vorbei und schimmernde Libellen tanzten über dem Wasser hin.
Das Bächlein gefiel Kasperle gut. Er hörte es rauschen, lief dem Tone nach und sah dann das silberklare Wasser. Da dachte Kasperle gerade an hineinpatschen und Darinspielen, als er ein kleines Mädchen am Rande sitzen sah. Es war ein feines, schönes Kind, wie das Schneewittchen im Märchen, nur die Wänglein waren nicht rot wie Blut, sondern auch weiß wie frischgefallener Schnee.
»Hollahe!« schrie Kasperle vergnügt. Der dachte: Das ist eine feine kleine Spielgenossin.
Das Kind fuhr erschrocken zusammen, tat einen Seufzer und sank blaß und still ins Gras.
Kasperle war arg erschrocken. Es sah wirklich aus, als ob die Kleine tot wäre. Ganz sachte ging er näher und betrachtete das zarte Gesichtchen. Da öffnete das Kind die großen, dunklen Augen und sah ihn traurig an. Dem Kasperle tat das Herz weh, so traurig war der Blick. Er blieb ganz still stehen, ließ die Nase hängen und wagte kaum sich zu rühren.
Ein Weilchen war es ganz still, bis auf einmal eine leise, traurige Stimme fragte: »Wer bist du denn?«
Kasperle sah die Kleine scheu an und antwortete: »Kasperle. Aber du, bist du eine Prinzessin?«
»Nein,« antwortete die Kleine, »ich bin nur das traurige Marlenchen.«
»Warum bist du denn traurig?« Kasperle schnitt die fürchterlichsten Gesichter vor lauter Mitleid. Sonst lachten alle Kinder darüber, das traurige Marlenchen aber beugte sich über den Bach, und ihre Tränen tropften in das Wasser. »Ich muß immer weinen,« klagte sie.
»Warum mußte denn das?« Kasperle weinte ja auch oft und recht tüchtig, er konnte aber nicht begreifen, daß jemand immerzu weinen muß.
»Um meinen Vater weine ich,« flüsterte das traurige Marlenchen.
Ob der wohl tot war? Kasperle wagte nicht zu fragen, er setzte sich nur still neben die Kleine, und eine Weile war nur das Plätschern des Baches und das Rauschen der Bäume zu hören. Plötzlich aber rief ferne eine Stimme: »Kasperle, Kasperle!«
Der sprang auf. Der Haushofmeister hatte gesagt: »Wenn du gerufen wirst, komme sofort, sonst sperrt dich der Herzog wirklich ein.« Kasperle schrie nur noch: »Ich komme wieder,« und dann rannte er in solchen Bocksprüngen dem Hause zu, daß ihm das traurige Marlenchen ganz verwundert nachsah.
Im Schloß kam Veit schon Kasperle entgegen. »Schnell, schnell, du sollst zum Herzog kommen, aber schlage nicht wieder Purzelbäume!«
Der Herzog saß in einem schönen, großen Zimmer und war verdrießlich. Das war er beinahe alle Tage, vielleicht weil er es zu gut hatte im Leben. Er gähnte und sah Kasperle streng an: »Wo warst du?«
»Im Garten,« stammelte Kasperle und er wollte gerade sagen: Ich habe das traurige Marlenchen gesehen, als ihm der Haushofmeister zuflüsterte: »Still!«
Klapp! machte Kasperle seinen Mund zu. Er stand da und schaute mit seinen glitzernden Äuglein den Herzog erstaunt an; nein, sah der brummig aus! Auf einmal fragte der Herzog: »Kannst du wirklich aussehen wie meine Base Gundolfine?«
Kasperle verzog flink sein Gesicht, ganz wunderlich war es, wie er das konnte, und plötzlich schaute er wirklich beinahe wie die Base Gundolfine drein.
Der Herzog lachte ein wenig und befahl: »Schneide noch mehr Gesichter!« Da schnitt Kasperle Gesicht um Gesicht und der Herzog dachte: Ein spaßiger Kerl ist's schon.
Er war nachher auch ganz gnädig und sagte, Kasperle solle eine Stube im Turm bekommen. Die hatte auch vergitterte Fenster, und dann durfte Kasperle an des Herzogs Tafel Mittag essen.
Jemine, das war aber eine Geschichte! Daheim im Waldhaus hatte selbst die schöne Frau Liebetraut, die doch dem Kasperle so vieles nachsah, über des kleinen Burschen flinkes Essen gescholten. Aber an des Herzogs Tafel war man so etwas nicht gewöhnt. Schluck, schluck, da war der Teller leer, und was für Portionen lud sich der Kleine auf!