Karlsschüler und Dichter: Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend
Part 9
Streicher versuchte wie immer zu trösten; aber Schiller blieb gedrückt, und da am nächsten Tage die dreißig Gulden von Streichers Mutter eintrafen, machte dieser selbst den Vorschlag, einen stillen Ort nahe bei Mannheim aufzusuchen, wo man billig lebe, den Mannheimer Freunden nahe sei und wo Schiller in Ruhe den »Fiesko« umarbeiten könne. Der Dichter war mit allem einverstanden, und schon am anderen Morgen fuhren die Freunde mit dem Marktschiffe den Main entlang nach Mainz, wo sie beim nächsten Morgensonnenschein den Main in den Rhein münden sahen und weiter wanderten gegen Worms. In Nierstein stärkten sie sich an einem Glase alten Weins, und am Abend um neun Uhr zogen sie in der alten Lutherstadt Worms ein. Hier fanden sie einen Brief von Meyer, der ihnen das kleine Städtchen Oggersheim zum Aufenthalt empfahl, und so ließen sich denn auch die Freunde in dem Gasthause zum »Viehhof« nieder, doch hatte Schiller seinen Namen ~Dr.~ Ritter in ~Dr.~ Schmidt vertauscht, um etwaige Nachspürungen zu täuschen. Mannheimer Freunde hatten sie dort empfangen, und Meyer suchte Dalbergs Ablehnung in einem freundlicheren Lichte erscheinen zu lassen.
Trotzdem war die Freude am »Fiesko« dem Dichter verdorben, und er mußte sich beinahe zwingen, an die verlangte Umarbeitung zu gehen; viel lieber saß er über dem neu geplanten Werke, der »Luise Millerin« oder wie es später nach Ifflands Vorschlage hieß: »Kabale und Liebe«.
Was war in jenen Tagen der brave Streicher wert! An den langen trüben Herbstabenden wußte er durch sein Klavierspiel oft die Stimmung des Freundes zu erheitern und, wie David bei Saul, die schlimmen Geister zu bannen; er ermunterte ihn zum Schaffen mit seiner Kunst. Oft wenn der Mondenschimmer den kleinen Raum mild erhellte, saß er an seinem Instrument und ließ seine ganze warme, herrliche Seele ausströmen in milden, erhebenden Klängen, so daß Schiller oft sich erhob, hin und her wanderte, das entzückte Antlitz dem freundlichen Himmelsgestirn zugewendet, und dann wieder selbst schaffensfreudiger an seine Arbeit ging. Solche Stunden taten ihm freilich auch not; denn im allgemeinen war der Aufenthalt in Oggersheim nicht angenehm, zumal in den unfreundlichen Herbsttagen und in einem Hause, dessen Friede oft genug gestört wurde durch die polternde Stimme des Wirtes, der seiner Familie gegenüber oft genug den Tyrannen hervorkehrte.
Da war es für den Dichter geradezu Bedürfnis, sich ab und zu nach Mannheim zu schleichen und dort im Hause Meyers oder Schwans, wo immer einige verschwiegene Freunde sich zusammenfanden, einige Stunden zu verleben. Freilich wagte er mit Streicher nur bei eingebrochener Dämmerung sich in die Stadt zu begeben, in welcher sie, da man die Festungstore zeitig schloß, genötigt waren zu übernachten.
Indes war der »Fiesko« doch in der neuen Fassung fertiggestellt und an Dalberg übersendet worden, der keine Ahnung hatte, daß ihm der Dichter so nahe sei, weil Schillers Korrespondenz durch Meyer vermittelt wurde. Mit leicht begreiflicher Spannung sah der Dichter der Entscheidung des Intendanten entgegen, und da diese länger, als er gehofft hatte, auf sich warten ließ, wollte er Herrn von Dalberg wenigstens um sein Urteil als Dramaturg über das Werk bitten.
Er schrieb deshalb einen Brief, und am Abend des 16. November wanderten die beiden Freunde, in ihre Mäntel gehüllt, wieder nach Mannheim, um das Schreiben bei Meyer abzuliefern. Sie wurden bei diesem in unverkennbarer Aufregung und Angst empfangen und erfuhren, daß ein württembergischer Offizier hier gewesen sei und sich nach Schiller erkundigt habe. Wohl hatte man erklärt, daß man nicht imstande sei, über diesen Auskunft zu geben; aber unbehaglich blieb die Sache doch, und auch die Freunde wurden besorgt. Als man noch über den Vorfall redete, klang die Haustürglocke, und Frau Meyer, welche in der ersten Bestürzung fürchtete, der unangenehme Besuch könnte zurückkehren, ja Schiller vielleicht beim Eintritt in das Haus bemerkt haben, drängte die beiden Freunde in ein etwas abgelegenes Kabinett, das sie sorgfältig hinter ihnen abschloß.
Aber die Furcht war unnötig gewesen; es war ein guter Bekannter des Hauses, der freilich auch seinerseits berichtete, daß der württembergische Offizier in der Stadt genaue Erkundigungen wegen Schiller eingezogen hatte.
Es war ein recht unbehaglicher Abend. Bei dem traulichen Lampenschimmer saßen sie beisammen, und da noch einige befreundete Herren und Damen kamen, brachten auch sie die Kunde von dem Offizier, und nun schien es hier allen ebenso bedenklich, wenn die Freunde in Mannheim übernachteten, wie wenn sie nach Oggersheim zurückkehrten. In dieser Not und Verlegenheit schaffte eine der Damen, Madame Curioni, Rat. Sie hatte die Aufsicht über das jetzt unbewohnte Palais des Prinzen von Baden und erklärte, die Freunde daselbst unterbringen und unter Umständen auch so lange verbergen zu wollen, als es nötig erscheinen könnte, und mit Dank nahmen diese das Anerbieten an. Im Dunkel der Nacht gingen sie mit Madame Curioni durch die Gassen nach dem stillen Palaste, und bald sahen sie sich in geradezu fürstlichen Gemächern untergebracht mit dem beruhigenden Bewußtsein, daß sie an diesem Orte niemand suchen und noch weniger verfolgen würde.
Als die Sonne durch die hohen Fenster hereinlachte, erhob sich Schiller mit einem Gefühle des Behagens. Im Morgenschimmer sieht er erst die ganze Pracht des Raumes, in dem er sich befindet, und nachdem er sich angekleidet, und der treue Streicher ausgegangen war, um Erkundigungen einzuziehen, schritt er langsam an den Wänden hin und besah die trefflichen Gemälde und die Kunstgegenstände und vergaß darüber die trübe und sorgenvolle Gegenwart.
Nach einiger Zeit kam der treue, unermüdliche Streicher zurück mit guter Kunde. Der württembergische Offizier war bereits am vorigen Abend abgereist, ohne mit dem Kommandanten von Mannheim gesprochen zu haben. Die Sorgen waren unnötig gewesen; ja später erfuhr Schiller sogar, daß es einer seiner Stuttgarter Freunde gewesen war, der ihn hatte aufsuchen wollen.
Nun begaben sich die beiden Freunde wieder zu Meyer, der sich, ebenso wie seine Frau, herzlich freute, daß diese trübe Wolke vorübergegangen war, der aber auch nicht verhehlen mochte, daß möglicherweise die Nachforschung nach dem Dichter fortgesetzt und derselbe zuletzt doch gefährdet werden könnte. Das wackere, wohlwollende Ehepaar glaubte deshalb dem Dichter raten zu sollen, daß dieser sich ein mehr verstecktes und gesichertes Asyl suche, und in diesem Augenblicke schwebte Schiller die Einladung der Frau von Wolzogen vor, und deren kleines Besitztum Bauerbach erschien ihm wie der rettende Hafen. Er beschloß, sogleich an sie zu schreiben.
Mit Streicher ging er nun nach Oggersheim zurück. Im »Viehhof« kam ihnen der unhöfliche Wirt entgegen, der sie kaum grüßte und sie darauf aufmerksam machte, daß er seit vierzehn Tagen für sie angekreidet habe und daß auf seiner Tafel schier kein weiterer Platz sei; auch würde nach seiner Meinung das Anwachsen der Rechnung nicht dazu beitragen, die Zahlung leichter zu leisten.
Schiller wurde unmutig und suchte den Mann zu beruhigen mit dem Hinweis, daß er bei Heller und Pfennig bezahlt werden würde. Schweigend stieg er mit dem Freunde die Treppe hinan nach ihrem unfreundlichen, kalten Zimmer, und dort sank er verstimmt und kleinmütig auf einem Stuhle nieder.
»Andreas, wie ist's? Kannst du noch aushelfen?« fragte er Streicher. Der aber sah ihn traurig an und erwiderte: »Ich habe nichts mehr und kann auch nicht daran denken, jetzt von meiner Mutter etwas zu erbitten; denn sie könnte mir nichts geben, und das Herz mag ich ihr nicht schwer machen.«
»Oh, du guter, lieber Freund! Und alles hast du mir und meinetwillen geopfert! Wie kann ich dir jemals genug danken? -- Und was soll ich tun, um unserer Not abzuhelfen?«
Plötzlich, während Streicher den Aufgeregten zu beruhigen bemüht war, zog er seine silberne Uhr aus der Tasche: »Hier! -- Was brauche ich sie! -- Mich drängen ja nicht die Stunden, und was brauche ich zu sehen, wie träge oder wie schnell die Zeit geht? Das fühle ich ohnedies -- hier, Andreas, tu' mir die Liebe und verkaufe das Ding!«
»Für dich will ich's tun, für mich nicht --; aber ein anderes will ich dir vorschlagen: Laß uns auseinandergehen! Ich kann dir jetzt nichts mehr sein, dir nicht helfen und zehre nur deine kargen Mittel mit dir auf. Bleibe du in Oggersheim, bis Frau von Wolzogen dir geantwortet hat; ich aber will nach Mannheim ziehen und hoffe, durch Musikunterricht meinen Lebensunterhalt zu gewinnen.«
Schiller fühlte, wie ihm die Tränen in die Augen traten. »Andreas, wenn ich das jemals vergesse! -- Du hast mir deine Zukunft geopfert; statt nach Hamburg zu Bach bist du mit mir in die Verbannung gezogen, -- statt dem Ruhme nachzustreben, hast du Entbehrungen auf dich genommen.«
»Aber für dich und mit dir! Das wiegt alles auf. Sprich nicht weiter davon; mir war es ein Glück, dich begleiten zu dürfen, und es wäre mir noch ein größeres Glück gewesen, dich hier schon dein hohes Ziel erreichen zu sehen. Aber du wirst es erreichen, und dann wird auch mein bescheidener Name nicht ganz vergessen sein.«
Innig drückte Schiller des Freundes Hand, und am nächsten Tage zog dieser hinein nach der Stadt. Dem einsamen Dichter aber gingen die Tage noch langsamer und träger, und beinahe jeden Abend zog es ihn hinein nach Mannheim, um Streicher wenigstens zu sehen. Als er -- es war gegen Ende November und die Flocken wirbelten um ihn -- den Regisseur Meyer wieder aufsuchte, empfing ihn dieser mit seltsamem, trübem Ernste.
»Schiller, lieber Freund, ich habe keine gute Nachricht für Sie!«
»Was ist's? -- Von Herrn von Dalberg?«
»Ja«, erwiderte kurz der Regisseur und überreichte dem Dichter ein Päckchen. Schiller öffnete, er hielt die Handschrift seines »Fiesko« in der Rechten und hätte nicht erst nötig gehabt, den beigefügten Brief zu lesen, in welchem der Intendant bedauerte, das Stück auch in seiner neuen Fassung nicht zur Aufführung annehmen zu können. Ein unsägliches Gefühl der Bitterkeit erfaßte den Dichter: Zwei Monate hatte er gearbeitet, seine kargen Mittel hatte er aufgebraucht, und nun erfuhr er nicht einmal, weshalb sein Werk abgelehnt wurde; er mochte es wohl ahnen, daß es nicht so sehr dieses selbst war, als der Umstand, daß der Intendant es nicht mit dem württembergischen Hofe verderben mochte, was dies Ergebnis herbeigeführt hatte.
Einige Augenblicke stand er bleich und fassungslos; als aber Meyer ihm tröstlich und freundlich zuzusprechen begann -- denn ihn jammerte des trefflichen und begabten Mannes --, da richtete er sich auf und sagte mit ruhigem, würdevollem Ernst: »Nun, dann beklage ich nur das eine, daß ich nicht schon von Frankfurt aus nach Meiningen gereist bin.«
Seines Bleibens konnte nun nicht länger sein; nur eines quälte ihn: Er wußte nicht, woher er die Mittel zur Weiterreise, ja zur völligen Bezahlung seines Wirtes und zur Beschaffung von dringend nötigen Winterkleidern nehmen sollte. Von Meyer oder anderen Stuttgarter Freunden zu borgen, dazu war er zu stolz. Da dachte er an den Buchhändler Schwan und beschloß, diesem den »Fiesko« zum Verlage anzubieten.
Der Hofkammerrat empfing ihn in seinem schön ausgestatteten und behaglich durchwärmten Arbeitsgemach mit einer gewissen herablassenden Freundlichkeit. Er hörte den Antrag des Dichters ruhig an, dann kniff er, wie klug und überlegend, die Augen zusammen, strich einigemal nachsinnend über die Stirn und sprach: »Ihre Dichtung ist jedenfalls vortrefflich, lieber Freund; wenigstens hat Iffland das versichert, und Iffland hat ein Urteil trotz dem Herrn von Dalberg. Ich nehme Ihr Anerbieten gern an, aber muß bemerken, daß ich nicht mehr als einen Louisdor für den Druckbogen zahlen kann.«
Als Schiller unmutig die Brauen zusammenzog, fuhr er fort: »Ja, ich tue damit noch ein Übriges; denn sehen Sie, sobald Ihr Werk heraus ist, kommt der Nachdruck; ein Dutzend Buchhändler zieht seine Vorteile aus Ihrem Werke, und mir bleibt nichts, als was ich etwa aus dem ersten Verkauf ziehe. Sie sehen, ich kann nicht anders.«
Schiller willigte ein; er erhielt von Schwan einen entsprechenden Vorschuß, zahlte damit seinem unangenehmen Wirt, beschaffte sich, was er für den Winter nötig hatte, und nun war er so weit, daß er den Staub von Mannheim von den Füßen schütteln konnte.
Frau von Wolzogen hatte ihre Einladung in der freundlichsten Weise wiederholt, und so gedachte er am letzten November sich auf den Weg nach Meiningen, beziehentlich nach Bauerbach, zu machen. Da er sich nicht in Mannheim zeigen konnte und mochte, wollte er in Worms den Postwagen besteigen.
Eben als er in seinem unfreundlichen Gemache in Oggersheim damit beschäftigt war, sein geringes Hab und Gut in einen Mantelsack zu packen, kamen Meyer, Streicher und einige Mannheimer Freunde, um ihm das Geleite zu geben. Schiller ließ eine Flasche Wein bringen, und noch einmal saßen sie zusammen um den Tisch und suchten Schiller Mut einzusprechen für die Zukunft. Er sah ernst und ruhig drein und sprach: »Seid unbesorgt! Eine vernichtete Hoffnung ist noch kein vernichtetes Leben, und in meiner Seele lebt die feste Zuversicht auf meine Kraft und damit auch auf eine bessere Zukunft. Was kann mir mehr geschehen? Ich habe keine Heimat, ich habe keinen Besitz, mein »Fiesko« ist als unbrauchbar erklärt, und doch, ihr Freunde, ich spreche mit Karl Moor: Die Qual erlahme an meinem Stolz. Als ~Dr.~ Ritter gehe ich von euch -- und unter diesem Namen denke ich in Bauerbach mich zu verbergen und zu vergraben, um als Friedrich Schiller wieder aufzuerstehen!«
»Auf deine Zukunft!« rief begeistert Streicher, und die Gläser klangen zusammen; Schiller aber warf nach dem letzten Trunk das seine gegen die Wand, daß es in kleine Splitter zerschellte, und sagte: »Scherben bedeuten Glück! Wohlan, -- mit diesem Glase zerbreche ich meine Vergangenheit, nun hebt ein neues Leben an. -- Auf, nach Bauerbach!«
Er ergriff seinen Mantelsack, schweigend folgten ihm die Freunde, und bald rollte der Wagen durch den kalten Wintertag mit knirschenden Rädern hin gegen Worms. Im Posthause ward abgestiegen. Es war Abend geworden, und da sie eben sich zum Imbiß setzten, erzählte ihnen der geschwätzige Posthalter, daß in seinem Saale heute von einer umherziehenden Gesellschaft das Stück »Ariadne auf Naxos« aufgeführt würde. Das konnte über die Wehmut der Abschiedsstunden einigermaßen hinweghelfen, und die Freunde gingen denn gemeinsam, um dem Schauspiel beizuwohnen.
Bei demselben war alles erbärmlich, und das Schicksal der verlassenen Ariadne reizte zur Heiterkeit, um so mehr, als Theseus auf einem Schiffe davongefahren war, an dessen Bord zwei Kanonen gemalt waren, und als man gar nicht im Zweifel sein konnte, daß der grollende Donner des Gewitters, das Ariadne von dem Felsen schleudert, hervorgebracht war durch einen Sack mit Kartoffeln, welche in ein Blechgefäß geschüttet wurden.
Lustige Bemerkungen gingen hin und her, nur Schiller saß still, in sich versunken. Er hörte wohl ebensowenig die Worte des Melodramas, als die Witze seiner Gefährten; seine Blicke waren in die Vergangenheit gerichtet und in die Zukunft, der er entgegenging. Er dachte wohl auch daran, wie man seine »Räuber« in ähnlicher Weise da und dort aufführen mochte, und wie man sich vielleicht bei dem gewaltigen Pathos Karl Moors, das mit der Szenerie nicht im Einklang stand, belustigen mochte, und eine trübe Bitterkeit wollte ihn erfassen. Aber mannhaft zwang er dies Gefühl nieder, doch war er froh, als die Aufführung zu Ende war.
Noch ein Stündchen saßen die Freunde beisammen und tranken den Abschied in einem Glase Liebfrauenmilch, -- dann hieß es auseinandergehen. Die Mannheimer wollten noch in der Nacht nach der Heimat zurück, und nun ging es an ein Umarmen und Küssen. Meyer und andere sprachen viel und gezwungen heiter, nur Streicher war ernst und stumm. Er hatte dem Freunde am meisten an Liebe getan und fühlte am herbsten seinen Verlust. Schiller mochte von einem gleichen Empfinden beseelt sein, und so standen die beiden Menschen, sahen sich lange und tief in die Augen, drückten sich die Hände, aber über die Lippen kam kein Wort, -- jeder wußte, daß er das Bild des andern im Herzen mit sich fortnehme.
Durch die Winternacht fuhren die einen nach Mannheim zurück, der andere, Einsame, hinein in die fremde Welt. Er hatte eine Reise von etwa sechzig Stunden vor sich, in bitterer Kälte, ohne besonders warme Kleidung, und verfügte nur über geringe Mittel; aber der starke Geist war ungebeugt und ließ sich nicht niederdrücken durch leibliche Mühsale.
Glücklich, wenn auch tüchtig durchfroren, langte er in Meiningen an und suchte zunächst den herzoglichen Bibliothekar Reinwald auf, an welchen Frau von Wolzogen ihn empfohlen hatte. Er fand einen trefflichen, herzlichen Menschen, der ihn aufnahm wie einen lieben, alten Bekannten, und Schiller ward es wohl zumute bei dem Gedanken, daß ihm hier ein gütiges Geschick vielleicht einen Ersatz für seinen Streicher geschickt habe. In gehobener Stimmung, mit freudiger Zuversicht brach er am Spätnachmittage aus Meiningen auf, um seine Reise nach Bauerbach fortzusetzen. Die Dunkelheit war hereingebrochen, als er daselbst ankam und aus den zerstreuten Hütten die Lichter schimmern sah, die ihre Grüße ihm entgegenwinkten, und nicht lange währte es, so hielt er vor dem schlichten Hause, das Frau von Wolzogen gehörte.
Der Gutsverwalter Vogt empfing ihn freundlich; in der wohldurchgewärmten Stube erwartete ihn ein ländlich kräftiges Mahl, und mit unendlichem Behagen sah er sich in dem Raume um, der jetzt seine Wohnung sein sollte. Der Tisch mit seinem gedrehten Fuß, der alte Lehnstuhl am Fenster, die Bilder von Fürstlichkeiten in geschwärzten Rahmen an der Wand, die kleinen Fenster, die niedrige Decke, der mächtige Kachelofen -- alles heimelte ihn an, und er schlief den Schlaf des Gerechten in der ersten Nacht.
Beim Morgensonnenschimmer aber trat er an sein Fenster und sah hinaus. Er sah in den tiefverschneiten Obstgarten, auf die schneebedeckten Hütten des Dorfes, auf die ferner sich hinziehenden weißblinkenden Höhen, von denen dunkel sich die Ruinen eines verfallenen Bergschlosses abhoben, und es war ihm, als sei er in einer fremden, verzauberten Welt. Alles war tiefstille, nur Krähen kreischten um den baufälligen Kirchturm; jetzt aber begann ein Glöcklein durch die Morgenfrühe zu läuten. Das ging mit reinen, klaren Schlägen durch das Tal, über dem sich ein tiefblauer Himmel wölbte, und den einsamen Dichter überkam eine wundersame Rührung. Fern der Welt, herausgehoben über die Welt stand er da, frei von allen Fesseln, erfüllt von der Kraft des Genius, und er segnete das Asyl, das er gefunden, und segnete die edle Frau, die es ihm geboten, und seine Seele hob sich mit den schwingenden Tönen des Dorfglöckleins empor und fühlte aufs neue den Hauch kommender Unsterblichkeit.
Fußnoten
[1] Der Lehrer des Französischen
[2] Manille ist ein Kartenspiel, das Schiller gern mit seinen Freunden spielte; er nannte wohl auch den Kreis derselben gelegentlich mit dieser Bezeichnung.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Korrekturen:
S. 56: Scharfenstein → Scharffenstein rief {Scharffenstein}. »Vivat!«