Karlsschüler und Dichter: Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend
Part 8
Dann schritt er durch die stillen Gassen. Da und dort begegnete er einem verschlafenen Wächter, sonst war alles in Ruhe. Die Luft ging kühl, daß ihn fröstelte, aber sie versprach einen schönen Morgen, und er wünschte, daß ihm die Sonne glückverheißend aufgehe.
Schiller schlief wenig in dieser letzten Nacht, die er in Stuttgart verlebte. Schon um sechs Uhr weckte Kronenbitter ihn auf, und er machte sich fertig, um seiner Pflicht gemäß, nachdem er sein einfaches Frühmahl genossen, nach dem Lazarett zu gehen. Sorglicher als sonst verkehrte er mit seinen Kranken, als müßte er jedem derselben noch etwas Liebes tun, und um die achte Stunde kehrte er in seine Wohnung zurück. Hier begann er noch zusammenzutragen, was er als Letztes mitzunehmen gedachte, und besonders Bücher waren es, die er nur ungern zurückließ. Wie er noch unter diesen herumsuchte, fiel ihm ein Bändchen Oden von Klopstock in die Hand. Er schlug es auf, und der Zufall wollte, daß er auf eine Ode stieß, die ihn allezeit ganz besonders gefesselt hatte. Er vergaß die Zeit und seine eigene Absicht; in einen Stuhl gelehnt, stützte er das Haupt in die Hand, und seine Seele trank voll Begeisterung die Worte des Dichters des »Messias«, die ihn mächtig erregten. Er zog ein Blatt Papier heran, ergriff die Feder und begann nun selbst, gleichwie eine Antwort auf Klopstocks Poesie, eine Gegenode zu dichten. Mit den Fingern skandierte er den Rhythmus auf der Tischplatte, murmelte die Verse vor sich hin, und dann flog die Feder. Was kümmerte ihn der fortschreitende Zeiger der Uhr!
Da schlug draußen dröhnend die zehnte Stunde, und mit dem ersten Schlage trat der pünktliche Streicher ein. Er schaute verwundert den Freund an, der auch jetzt sich noch nicht zu besinnen schien, was er heute vorhatte, und sagte: »Friedrich -- es ist zehn Uhr --, die letzten Vorbereitungen müssen getroffen werden; wir müssen eilen, wenn wir nichts versäumen und vergessen wollen.«
»Ach was, Andreas -- ~omnia mea mecum porto~ (ich trage alles meinige bei mir) -- ich bin erst noch bei dem göttlichen Klopstock zu Gast gewesen und habe ihm auch ein Gegengeschenk geboten -- das mußt du anhören.«
Er begann die Ode Klopstocks vorzutragen und im Anschluß daran seine eigene. Streicher, der voll Ungeduld sich in einen Sitz geworfen hatte und unruhig darauf hin und her gerückt war, wurde unwillkürlich ruhiger, ihn fesselte auch in dieser Stunde die Macht der Gedanken, die Kraft der Worte, die einherrauschten wie ein entfesselter Strom, und er konnte seine Bewunderung dem Genius nicht versagen, der selbst in solchen Stunden sich zu erheben vermochte. Nun aber begann er doch aufs neue zu drängen; er fragte nach hundert Kleinigkeiten und erinnerte noch an das und jenes, was Schiller wohl vergessen hätte, und endlich schärfte er dem Freunde dringend ein, sich um neun Uhr abends pünktlich in seiner Wohnung einzufinden.
Er selbst nahm dann noch manches sogleich mit sich, um es in dem Koffer unterzubringen, der für Schiller bei ihm bereit stand; aber er kam nachmittags noch einmal, um sich zu überzeugen, daß auch nichts vergessen worden sei.
Langsam gingen die Stunden; endlich sank die Dämmerung nieder in die Gassen der Residenz, die heute stiller war als gewöhnlich, da alle Welt hinausgeströmt war nach der Solitüde, um die großartige Beleuchtung derselben zu sehen. Da kam Schiller bei Streicher an -- es hatte eben neun Uhr geschlagen von den Türmen. Unter seinem Rocke trug er zwei Pistolen. Beide waren nicht viel wert, die eine hatte zwar einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein, an der anderen war das Schloß zerbrochen, und Streicher mußte unwillkürlich lächeln, als er diese Waffen sah, deren erste in den Koffer gelegt wurde, während man die zweite mit in den Wagen nahm. Dieser, ein großes, schwerfälliges Fuhrwerk, stand vor der Tür bereit, und man verlud darauf die beiden Koffer, sowie Streichers kleines Klavier. Schiller legte nun seine bürgerliche Kleidung an, für die er noch zuletzt ein artiges Sümmchen ausgelegt hatte, so daß ihm an Barschaft nur dreiundzwanzig Gulden blieben, während sein Freund über achtundzwanzig Gulden verfügte.
Nun kam der Abschied von Streichers Mutter. Der Dichter kostete noch einmal die Wehmut desselben durch und dachte an seine Lieben auf der Solitüde, dann bestiegen beide das ungefüge Gefährt, die Pferde zogen an, und fort ging es im langsamen Trott durch die stillen, menschenleeren, dunkeln Gassen. Es war zehn Uhr abends geworden.
Als sie zum Eßlinger Tore kamen, pochten ihnen die Herzen. Der Wachtposten rief sie an: »Werda? Halt! -- Unteroffizier heraus!« Der Gerufene kam, und Schiller lehnte sich tiefer in den Wagen zurück, während Streicher die geforderten Auskünfte erteilte. Auf die Fragen nach den Namen nannte er den seines Freundes als ~Dr.~ Ritter, seinen eigenen als ~Dr.~ Wolf; als Reiseziel gab er Eßlingen an. Der Unteroffizier notierte alles gewissenhaft, rief dann sein »Passiert!« und nun öffnete sich das Tor. Jetzt erst lehnte sich auch Schiller einen Augenblick aus dem Wagen und sah hinüber nach den offenen Fenstern der Wachtstube. Es brannte kein Licht in derselben; aber er glaubte doch die Umrisse des kommandierenden Wachtoffiziers zu erkennen und sandte im stillen dem braven Scharffenstein seinen Dank und Gruß zu.
Durch den Torbogen polterte der Wagen hinaus in die Nacht; aber die beiden Reisenden waren noch so ergriffen, daß sie beinahe kein Wort wechselten, während sie um die schweigende Residenz herumfuhren, um die gegen Ludwigsburg führende Straße zu erreichen. Nun stieg dieselbe bergan, und auf der Höhe sahen beide noch einmal zurück; dann versank die Stadt hinter ihnen, wie der Weg sich senkte, und jetzt erst, einer instinktmäßigen Bewegung folgend, reichten sie sich die Hände und sprachen ihre Freude aus, daß alles soweit geglückt war.
Nach etwa zweistündiger Fahrt sahen sie zur Linken den Himmel gerötet wie von Feuerschein. Sie erschraken anfangs; aber da sie weiterfuhren, erblickten sie mit einem Male das Lustschloß Solitüde, das in einer wundersamen Beleuchtung von seiner Höhe niederstrahlte. Die Luft war so rein, daß sie das herrliche Schauspiel völlig genießen konnten. Alle Linien der Gebäude traten deutlich und scharf hervor aus dem Dunkel der Nacht, und Schiller erkannte die Wohnung seiner Eltern. Er wußte, daß dort mitten in dem Festgewühl zwei Herzen um ihn bangten und seiner dachten, und während sein Gefährte stumm das prächtige Schauspiel genoß, sagte er wehmütig vor sich hin: »O, meine Mutter!«
Streicher hatte Mühe, die trübe Stimmung zu bannen; aber das Gefühl der erlangten Freiheit tat mehr, als Worte vermocht hätten. In dem Orte Enzweihingen stiegen die Reisenden aus, um ein wenig zu rasten. Sie bestellten sich einen Kaffee, und während sie so in der matt erhellten, dumpfigen Wirtsstube saßen, in nächtlicher Einsamkeit, zog Schiller ein Papier hervor.
»Sieh, was mich hier auf meiner Fahrt begleitet«, sagte er, -- »das Vermächtnis Schubarts, das Gedicht, das er mir in die Hand drückte, als ich ihn auf dem Asperg sah. Ich hab's bewahrt wie ein Heiligtum, nun aber sollst du es mitgenießen, Genosse meiner Leiden und meiner Erhebung.«
Und nun las er mit seinem schwäbischen Pathos die gewaltige Dichtung »Die Fürstengruft«, und verwundert blickte Streicher zu dem Freunde auf, den die Poesie alles vergessen ließ, was ihn bedrängte, und der in der Enge einer elenden Wirtsstube sich in diesen Augenblicken hinausgehoben fühlte in eine andere Welt.
Am anderen Tage morgens acht Uhr passierten die Reisenden die blauweißen Grenzpfähle von Kurpfalz, und nun erst war ihnen, als sei alles gewonnen. An diesem Tage wurde in Schwetzingen übernachtet, und endlich am Morgen des 19. September rollte der Wagen ohne jeden Anstand durch das Tor von Mannheim.
Durch Not und Drang zum Asyl
Es war einige Tage später. Im Hause des Regisseurs Meyer hatte sich eine Unzahl Schauspieler zusammengefunden, und Schiller wollte ihnen seinen »Fiesko« vorlesen. Bis jetzt war der Dichter noch voll Mut und Vertrauen. Meyer hatte ihn freundlich aufgenommen, ihm und Streicher eine bescheidene, aber saubere Wohnung besorgt, und wenn auch Frau Meyer bei ihrer Rückkehr aus Stuttgart mancherlei zu berichten wußte von den Gerüchten, die dort wegen Schillers Flucht und einer Verfolgung seitens des Herzogs umgingen, der Dichter glaubte Karl Eugen besser zu kennen und hatte sogar den Mut gehabt, an denselben zu schreiben, um unter günstigen Bedingungen von ihm die Erlaubnis zur Heimkehr zu erbitten.
Es war etwa vier Uhr nachmittags. Um den runden, freundlich gedeckten Tisch, der mit einigen Erfrischungen besetzt war, saßen neben Schiller und Streicher Meyer und seine Frau, Boek, Iffland, Beil, Frank und einige andere der bekanntesten Mannheimer Künstler und sahen mit großen Erwartungen dem neuen Werke des Dichters der »Räuber« entgegen.
Schiller begann mit seinem wenig angenehmen Organ die Vorlesung, und da er den ersten Akt zu Ende gelesen, legte er das Manuskript einen Augenblick beiseite und sah im Kreise umher. Aber umsonst erwartete er ein Zeichen des Beifalls. Man sprach über das Gehörte, aber auch über ganz andere Dinge, gewöhnlichen Tagesklatsch, und mit einem Gefühl der Verstimmung, das auch in den Zügen des treuen Streicher sich wiederspiegelte, begann er mit dem zweiten Akt. Auch nach diesem aber kam kein Wort des Lobes oder der Anerkennung aus dem Munde der Zuhörer. Frau Meyer reichte Erfrischungen herum, das Gespräch wurde lebhafter, man ging hin und her, und zuletzt machte Frank den Vorschlag, man wolle in den Garten gehen und Bolzen schießen. Beil hatte sich bereits entfernt, andere gingen jetzt ebenfalls, und nach einer Viertelstunde saßen außer den beiden Freunden nur der Hausherr und die Hausfrau sowie Iffland an dem Tische.
Der Dichter fühlte eine Kälte in seinem Herzen und ein großes Unbehagen; aber er konnte sich nicht überzeugt halten, daß sein neuestes Werk schuld sei. Frau Meyer zog ihn in ein Gespräch ziemlich gleichgültiger Art, und man merkte es der braven Frau an, wie unbehaglich ihr selbst in dieser Stunde zumute war. Streicher war erbittert auf die Schauspieler, die nach seiner Meinung wahrhaft Großes nicht zu schätzen wußten, die von kleinlichem Neide gegen Schiller erfüllt sein müßten, und er beschloß, das nicht ruhig hinzunehmen. Als Meyer sich erhob, folgte er ihm ins Vorgemach, dort aber nahm ihn der Regisseur selbst unter den Arm und zog ihn in ein Nebenzimmer. Dort fragte er: »Sagen Sie mir ganz aufrichtig: Wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die ›Räuber‹ geschrieben hat?«
Streicher stand starr und verdutzt bei dieser Frage. »Zuverlässig; wie vermögen Sie daran zu zweifeln?«
»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer das Stück geschrieben und es nur unter seinem Namen herausgegeben hat? Oder hat ihm jemand anderes daran geholfen?«
»Ich kenne Schiller schon lange und will mit meinem Leben dafür bürgen, daß er die ›Räuber‹ ganz allein geschrieben hat. Aber warum fragen Sie mich das alles?«
»Weil der ›Fiesko‹ das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die ›Räuber‹ geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.«
Streicher war entsetzt, er suchte des Freundes Werk nach Kräften zu verteidigen und wies vor allem darauf hin, daß Meyer dasselbe erst vollständig kennen müsse. Dieser aber erwiderte: »Als alter und erfahrener Schauspieler darf ich mir doch wohl erlauben, schon aus einzelnen Szenen einen Schluß auf das Ganze zu machen, und darum kann ich nur sagen: Wenn Schiller wirklich die ›Räuber‹ und den ›Fiesko‹ geschrieben hat, so hat er seine ganze Kraft an dem ersten Stücke erschöpft und kann nun nichts mehr, als erbärmliches, schwulstiges und unsinniges Zeug hervorbringen.«
Streicher schwieg, und tief niedergedrückt kehrte er mit Meyer zu den anderen zurück. Es war ein trübes Beisammensein; von dem ›Fiesko‹ sprach niemand, und mit Mühe ward eine Unterhaltung geführt, bis Schiller mit seinem Freunde aufbrach. Da tat es Meyer leid um den Dichter, und mit einer Regung der Höflichkeit bat er ihn, ihm sein Manuskript über Nacht zu lassen, damit er den Ausgang des Stückes kennen lerne.
Trübe Wolken zogen am herbstlichen Himmel hin, und trübe waren auch die beiden, die jetzt schweigsam durch die Gassen von Mannheim hinschritten. In ihrer Wohnung angelangt, warf Schiller seine Kopfbedeckung beiseite, trat an das Fenster und preßte die heiße Stirn an die Scheiben. Streicher, von Mitleid erfaßt, stellte sich zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter. Da wendete sich der Dichter um und sah ihm voll ins Auge: »Ja, du bist gut und treu, Andreas! -- die andern alle sind falsch und gehässig und neidisch --, oder sie sind zu dumm, um wirklich Großes zu begreifen. Ich seh's kommen, -- der ›Fiesko‹ wird verworfen wie ein wertloser Lappen, und was wird dann mit mir? -- Bin ich denn wirklich ein Dichter, oder darf ich's nicht mehr glauben? -- Nun, dann will ich Komödiant werden, das Deklamieren versteh' ich wohl wie irgendeiner.«
Streicher dachte an die verunglückte Aufführung des »Clavigo« in der Karlsschule; aber er widersprach nicht. »Werde ruhig, Freund, und sieh die Dinge nicht zu schlimm an; noch hat Dalberg nicht gesprochen, und er hat Verständnis für echtes Gold der Dichtung. -- Zum Schauspieler werden bleibt noch immer Zeit; aber deiner Familie wegen wirst du auch das noch einmal überlegen. Heute nichts mehr, -- du bist zu aufgeregt.«
Er führte langsam Schiller zu einem Sitze und setzte sich selbst an sein Klavier. Er begann leise, weich und innig zu spielen, wie man wohl ein krankes Kind in Schlummer singt, und die milden Töne, die ruhigen Weisen begannen den Dichter zu besänftigen. Als Streicher schloß, drückte er mit stummem Danke ihm die Hand und begab sich zur Ruhe.
Der junge Musiker stand zeitig auf; er kleidete sich geräuschlos an, und mit einem wehmütigen Blick auf den schlafenden Freund, verließ er das Gemach. Er hatte keine Ruhe, ihn drohten die engen Mauern zu ersticken. In tiefen Zügen atmete er draußen die frische Morgenluft, und sobald es ihm nur irgend erlaubt schien, begab er sich in die Wohnung Meyers. Dieser kam ihm in sichtlicher Aufregung entgegen und rief: »Sie haben recht, ›Fiesko‹ ist ein Meisterstück und weit besser bearbeitet als die ›Räuber‹. Aber wissen Sie auch, was schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache und die verwünschte Art, wie er alles deklamiert. Er sagt alles in dem nämlichen hochtrabenden Ton her, ob es heißt: ›Er macht die Tür zu‹, oder ob es eine Hauptstelle des Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den Ausschuß kommen, da wollen wir es vorlesen und alles in Bewegung setzen, um es bald auf das Theater zu bringen.«
Streicher war es, als ob eine Bergeslast von ihm genommen sei, und ohne Aufenthalt eilte er zu dem Freunde. Dieser hatte sich eben erst erhoben, seine Stimmung aber war trübe.
»Meyer ist entzückt vom ›Fiesko‹,« rief der Musikus, »es muß auf die Bühne kommen, und dann ist ja die Wendung da, auf die wir hoffen; denn von der Bühne muß das Werk seine Schuldigkeit tun.«
Schiller umarmte den Freund, und während er bereits wieder heitere Luftschlösser baute, machte er sich rasch fertig, um selbst zu Meyer zu gehen und aus dessen Munde die Bestätigung der frohen Kunde zu vernehmen. Da ward ihm, eben da er die Wohnung verlassen wollte, ein Schreiben gebracht aus Stuttgart. Es war von dem Intendanten von Seeger und enthielt die Antwort auf Schillers Brief an den Herzog. Sie lautete wohlwollend und gnädig und enthielt die Aufforderung zur Rückkehr und Zusicherung der Verzeihung. Aber, was Schiller zumeist erhofft und erbeten hatte, die Zurücknahme der harten Verbote, suchte er vergebens in den Zeilen, und sein Entschluß war gefaßt: die Brücke mit Stuttgart mußte für immer abgebrochen werden, von dort war nichts zu hoffen, -- seine Hoffnung blieb Mannheim und der »Fiesko«.
Meyer floß über von Anerkennung seines Werkes, und er wie seine Frau bemühten sich, dem Dichter den vorhergegangenen Abend vergessen zu machen. Frau Meyer aber kam dabei wieder auf ihre Wahrnehmungen und Beobachtungen in Stuttgart zurück, und mit der Ängstlichkeit der besorgten Frau riet sie Schiller, für einige Zeit, wenigstens bis zur Wiederkehr Dalbergs und dessen Entscheidung über den »Fiesko« Mannheim zu verlassen und sich in etwas mehr gesicherter Ferne von Herzog Karl Eugen zu halten, dem es doch einfallen könnte, von der befreundeten kurpfälzischen Regierung die Auslieferung seines desertierten Regimentsmedikus zu verlangen. Diese Befürchtung hegte auch Meyer, und da außerdem der Aufenthalt für die beschränkten Mittel der beiden Freunde in Mannheim zu kostspielig war, beschlossen sie, sich gegen Frankfurt am Main zu wenden und in einem Vorort der alten freien Reichsstadt sich bis auf weiteres vor dem Württemberger Herzog zu verbergen.
Die Freunde -- denn der treue Streicher wollte seinen Genossen nicht verlassen -- hielten Übersicht über ihre sehr zusammengeschrumpften Geldbestände und fanden, daß sie bei aller Sparsamkeit höchstens noch zehn bis zwölf Tage aushalten konnten. Sie wollten darum zu Fuß ihre Reise antreten, und Streicher wollte sich überdies von seiner Mutter ein Sümmchen von dreißig Gulden erbitten.
Nachdem sie von Herrn und Frau Meyer warmen Abschied genommen, wanderten sie selbander über Darmstadt, wo sie Nachtrast gehalten hatten, ihrem neuen Ziele entgegen. Aber die Aufregung der letzten Zeit, wohl auch die Entbehrungen, die man notgedrungen sich auferlegte, machten, daß Schiller auf dem Wege bedenklich ermüdete, und der Kirschengeist, den er zur Erregung seiner Nerven nahm, war wenig geeignet, ihn zu kräftigen. So konnte die herrliche Gegend, die an Naturschönheiten so reiche Bergstraße, fast gar nicht genossen werden. Nicht allzu fern mehr von Frankfurt, in einem Wäldchen, brach der Dichter endlich zusammen und fiel in einen tiefen Schlaf. Auf einem Baumstumpf in seiner Nähe saß Streicher und sah mit wehmutsvoller Teilnahme nach dem bleichen Gesicht, den verhärmten Zügen. So vergingen zwei Stunden.
Da ward ein Schritt vernehmbar auf dem nahen Fußpfade, und aus dem Gebüsch trat ein Offizier in hellblauer Uniform mit gelben Aufschlägen. Er stutzte, als er die beiden jungen Männer sah, und auch Streicher ward es einigermaßen unbehaglich, dann kam er näher, indem er die Freunde anhaltend fixierte: »Oh, hier ruht man sich aus!« rief er ziemlich laut. »Wer sind die Herren?«
»Reisende«, erwiderte kurz und wenig höflich der junge Musikus, und in diesem Augenblicke erwachte auch Schiller. Einen Moment sah er verwirrt umher, dann aber schaute er fest und durchdringend den Offizier an, der wohl daran gedacht haben mochte, die beiden anwerben zu können, nun aber zur Erkenntnis kam, daß er sich geirrt hatte. Er entfernte sich ohne Gruß; Schiller aber erhob sich und erklärte dem angenehm überraschten Freunde, daß er sich kräftig genug fühle, um den Weg fortsetzen zu können.
Sie beschleunigten nun einigermaßen die Schritte, und wie sie aus dem Wäldchen heraustraten, sahen sie die alte freie Reichsstadt im Abendschimmer vor sich liegen mit ihren Mauern und Türmen. Als die Dämmerung einsank, hatten sie dieselbe erreicht, und in der Vorstadt Sachsenhausen, der Mainbrücke gegenüber, nahmen sie bei einem Wirte Wohnung.
Um anderen Tage schon schrieb Schiller an Dalberg, legte ihm seine Lage vor und bat, ihm auf den »Fiesko« einen Vorschuß zu gewähren. Jetzt erst wurde dem Dichter wieder freier und wohler um das Herz, und in Begleitung des treuen Freundes streifte er über die Mainbrücke hinüber und wanderte durch die alte, merkwürdige Stadt mit ihren reichen geschichtlichen Erinnerungen, mit ihren interessanten Bauwerken, mit ihrem regen Verkehr. Das war doch noch anders als Stuttgart und Mannheim, und das Neue drängte sich immer wieder in reicher Fülle vor das Auge.
Die Läden der Buchhändler lockten ihn besonders, und er konnte nicht der Versuchung widerstehen, in einen derselben einzutreten und sich zu erkundigen, ob das berüchtigte Schauspiel »Die Räuber« guten Absatz finde. Der Buchhändler bestätigte dies nicht nur, sondern stimmte auch aus freien Stücken eine so warme Lobeshymne auf das Werk und seinen Verfasser an, daß das Gesicht Schillers freudig aufleuchtete und er zuletzt dem überraschten Manne sagte: »Nun, es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß der Dichter vor Ihnen steht.«
Verwundert und verdutzt starrte ihn der Buchhändler an; aber wenn er vielleicht auch einen gelinden Zweifel in die Wahrheit dieser Angabe setzte, er überbot sich doch jetzt erst recht im Lobe des Werkes, und als Schiller mit Streicher den Laden verlassen hatte, drückte er innig die Hand des Freundes und sagte: »Andreas, das entschädigt mich für vieles. Mein Name geht nicht mehr verloren, und ich nehme den ersten Erfolg zum guten Zeichen für die weiteren.«
»Das darfst du, und wie die Sonne durch trübe Wolken, so wird auch dein Stern durch die jetzige Bedrängnis siegreich sich hindurchdrängen.«
Als ein glücklicher Mensch wanderte der Dichter weiter, und die ganze Welt schien ihn wieder mit anderen Augen anzusehen. Als sie am Abend nach Sachsenhausen zurückgingen, blieb er auf der Mainbrücke stehen und sah hinein in den vom Abendlicht beschienenen Strom, der die Bläue des Himmels wiederspiegelte, und auf die bewegten, fleißigen Menschen und die dahingleitenden Fahrzeuge.
»Die Erde ist doch schön, und Mensch zu sein eine Freude«, sprach er im Weitergehen. In seiner Wohnung aber begann er hin und her zu wandern, sinnend und schaffend; nur ab und zu setzte er sich an den Tisch und schrieb. Streicher hatte in einem stillen Winkel Platz genommen und beobachtete ihn, ohne ihn zu fragen oder zu stören. Endlich nahm Schiller selbst das Wort: »Mich faßt ein wunderlicher Drang zu schaffen, Andreas. Der Gedanke an ein bürgerliches Trauerspiel schwebt mir schon seit einigen Tagen vor, heute fängt es an Gestalt zu gewinnen. Ich sehe alles werden vor meinem Geiste, das Haus eines armen Stadtmusikus mit seinem schönen, schlichten Kinde, den Sohn des vornehmen Präsidenten, der es liebt, den Gegensatz der bürgerlichen und der adligen Sphäre ... oh, welche Fülle lebensvoller Züge läßt sich hier anbringen. ›Luise Millerin‹ soll die Heldin heißen und das Stück selber ...«
Er erzählte dem Freunde von den Einzelheiten des Planes, und es war tief in der Nacht, als sie beide einschliefen.
Auf diesen angenehmen Tag folgte ein trüber, als sie von der Post die Briefe holten, die für ~Dr.~ Ritter angekommen waren. Sie waren zum Teil von Stuttgarter Freunden, voll von Besorgnissen und Warnungen, zum Teil von Mannheimer Bekannten; aber am meisten Interesse hatte ein Schreiben Dalbergs. Schiller öffnete es erst, als sie daheim in ihrer Wohnung waren. Er stand am Fenster und las, und gespannt beobachtete ihn Streicher. Da sah dieser, wie des Freundes Züge sich verfärbten, wie die Hand mit dem Briefe niedersank und der Blick des Dichters durch das Fenster hinausstarrte wie in eine öde, trostlose Weite. Er eilte zu ihm und faßte seine Hand. Schiller wendete sich und reichte ihm stumm den Brief, und der junge Musikus las, daß Dalberg keinen Vorschuß geben wolle, weil der »Fiesko« in der vorliegenden Form für die Bühne unbrauchbar sei.