Karlsschüler und Dichter: Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend

Part 6

Chapter 63,709 wordsPublic domain

Schiller nahm das Schreiben und las es, während die andern schweigend und neugierig ihn betrachteten. Um seine Lippen zuckte es mehrmals wie ein Lächeln, bis er das Papier weglegte und sagte: »Kinder, die Zeit treibt wunderliche Blasen in Menschenköpfen. Da leistet sich einer die Fortsetzung der famosen Spiegelberggeschichte. Ein ~Dr.~ Amstein in Chur teilt mir mit, daß er in dem ›Sammler‹ eine Anklageschrift veröffentlicht habe unter dem schönen Titel ›Apologie für Bünden gegen die Beschuldigung eines auswärtigen Komödienschreibers‹, und daß er mir anbei das Schriftstück, das mich als einen böswilligen Verleumder eines Staates hinstellt, übersende; gleichzeitig aber verlangt er von mir eine öffentliche Ehrenerklärung für Graubünden. Wer noch etwas Dümmeres vorbringen kann, erhält von mir einen Taler.«

»Laß doch den kostbaren ›Sammler‹ sehen!« rief Petersen, und gleichgültig warf Schiller ihm das Päckchen hin. Der andere öffnete und hatte bald genug den Artikel gefunden.

»Soll ich's zum Vortrag bringen oder wollen wir zuerst Schillern den Genuß allein lassen?«

»Mir schmeckt alles besser in Gesellschaft -- also vorwärts mit der Sudelei. Zuvor noch einen Schoppen Roten!« rief dieser.

Der »Rote« kam und die Vorlesung begann, nicht ohne durch witzige und manchmal auch derbe Zwischenrufe unterbrochen zu werden, bis Schiller endlich auf den Tisch klopfte: »Ich dächte, wir hätten genug von dem Gewäsche; 's ist, als ob jemand einem Wasser in den Wein gösse -- brr! Was einem so hingeworfenen Worte für eine Wichtigkeit gegeben werden kann! Strebertum und kein Ende! Der Kerl will eine Fehde mit mir, um auch sein Stückchen Berühmtheit zu haben!«

»Und was denkst du zu tun?« fragte Reichenbach.

Anstatt der Antwort nahm Schiller den empfangenen Brief, drehte ihn langsam zusammen, näherte ihn dem Lichte, und wie er aufflammte, zündete er daran seine ausgegangene Pfeife an, warf das Papier dann zu Boden und trat die Flamme mit dem Fuße aus.

»So, -- dem Dinge wär' sein Recht geschehen -- und nun ein anderes Kapitel!« sagte er ruhig, und bald war das Gespräch zu andern Dingen gelangt. -- --

Wenige Tage später war es, daß Herzog Karl Eugen im Schloßgarten zu Ludwigsburg lustwandelte. Es war ein schöner Aprilmorgen, die Sonne leuchtete auf dem grünen Rasen, und die Amseln sangen. Der Fürst war begleitet von dem Garteninspektor _Walter_, einem Manne, dessen ganzer Erscheinung man Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, gemischt mit kriecherischem Wesen, anmerkte. Karl Eugen war wohlgelaunt und hatte manch freundliches Wort der Anerkennung über die Gartenanlagen gesprochen, das Walter mit strahlendem Gesichte und gebeugtem Rücken entgegennahm. Nun fragte der Fürst leutselig: »Weiß Er sonst etwas Neues zu berichten?«

»Etwas Neues wohl, aber nichts Angenehmes.«

»Hm -- will Er mir den schönen Morgen verderben? -- Was ist's?«

»Es betrifft das Theaterstück ›Die Räuber‹ von dem Regimentsmedikus Schiller.«

Das Gesicht des Herzogs verfinsterte sich, während ein lauernder Blick Walters dasselbe streifte. Der Garteninspektor, der in Schillers Vater einen schlimmen Konkurrenten in der Gunst seines Herrn sah, war kein Freund der Schillerschen Familie und benutzte die Gelegenheit, seiner kleinlichen Gesinnung eine Genugtuung zu bieten, als Karl Eugen frug: »Was ist's wieder damit? -- Diese Komödie spukt ja, wie es scheint, jetzt überall, und Schiller hätte Besseres tun können, als sie zu schreiben. Hat jemand Ärgernis daran genommen?«

»Durchlaucht, ich möchte nicht als Angeber erscheinen.«

»Ach, halt Er's Maul! -- Nachdem er einmal soviel gesagt hat, muß das andere auch heraus. Was weiß Er?«

»Durchlaucht geruhen vielleicht zu wissen, daß ich die Ehre habe, korrespondierendes Mitglied der Bündner ökonomischen Gesellschaft zu sein, und darum pflege ich das Hauptblatt von Graubünden, den ›Sammler‹, zu lesen. Darin steht ein Artikel eines ~Dr.~ Amstein, der Schiller der Ehrenbeleidigung und Verleumdung Graubündens bezichtet, begangen durch einen Ausdruck in den ›Räubern‹, daß Graubünden das Athen der heutigen Gauner sei. Amstein verlangt von Schiller eine öffentliche Ehrenerklärung!«

Das Gesicht des Herzogs färbte sich von zorniger Röte. »Hat Er den ~articulum~ zur Hand? -- Das möcht' ich wohl lesen.«

»Ich habe zufällig die betreffende Nummer bei mir.«

»Wirklich -- zufällig?« fragte Karl Eugen boshaft, indem ein durchdringender Blick den zusammenknickenden Mann streifte und er aus dessen Hand das Papier in Empfang nahm. Er entfernte sich mit demselben raschen Schrittes, während Walter erst nach einiger Zeit sich aus seiner gebückten Stellung erhob und mit hämischem Lächeln ihm nachblickte. Nicht lange darauf hörte man das Rasseln eines Wagens -- der Herzog fuhr gegen Stuttgart.

Um Nachmittag des nächsten Tages wurde Schiller nach dem Schlosse Hohenheim zu seinem Landesherrn befohlen. Kronenbitter hatte ihm seine Uniform ganz besonders gesäubert und den Zopf, sowie die Ohrenröllchen mit größter Genauigkeit gedreht, und so stelzte der Regimentsmedikus zur bestimmten Stunde nach dem Schlosse, ungewiß, was der Herzog von ihm verlangen würde, aber mit der Seelenruhe eines Philosophen; denn im Grunde war ihm Karl Eugen immer ein gnädiger Herr gewesen, und er versah sich deshalb keiner Unannehmlichkeit.

Dieser aber empfing ihn mit finsterem Gesicht. »Da hat Er sich und mir wieder eine saubere Suppe eingerührt mit seiner verfl... Komödie! -- Kennt Er den Artikel?« Der Herzog reichte ihm die Nummer des »Sammler« mit Amsteins Aufsatz.

»Zu Befehl, Durchlaucht!«

»Und was gedenkt Er zu tun?«

»Nichts, Durchlaucht; denn der Wisch ist keine Antwort wert, und die Ehre einer literarischen Fehde tue ich seinem Verfasser nicht an.«

Karl Eugen schaute den Sprecher groß an: »Auf Reputation hält Er, das gefällt mir; aber das schafft die Geschichte nicht aus der Welt. Wie, zum Donnerwetter, kommt Er denn zu seiner Äußerung über Graubünden?«

»Halten zu Gnaden, Durchlaucht, die Äußerung ist ja nicht meine persönliche Meinung, also gar keine Behauptung, die erst eine Widerlegung braucht, sondern sie wird von einem Räuber so hingeworfen und noch dazu von dem schlechtesten Burschen der ganzen Bande, und nur ein Dummkopf kann sich darüber mokieren. Auch ist's wohl eine Volkssage, was mir dabei vorgeschwebt hat.«

»Aber bedenkt Er denn nicht, wie unangenehm mir die ganze Sache ist? In der Graubündner Republik ist man uns in Württemberg ohnehin nicht gewogen und erzählt von uns die schlechtesten Dinge. Und nun kommt da ein Württembergischer Regimentsmedikus und bohrt in das Wespennest. Vergißt Er denn, daß er Eleve der Karlsschule war, und daß man mit Fingern auf die Akademie zeigen und mich selber verlästern wird, daß ich nicht besser Zucht zu halten verstehe in derselben. Wer zum Teufel heißt Ihn denn überhaupt Komödien schreiben?«

»Der innere Drang, Serenissime --!«

»Ach was -- schwätze Er nicht! Er hat keinen anderen Drang aufkommen zu lassen als den für seine medizinische Wissenschaft. Ich will nicht, daß das Ausland eine wenn auch nur scheinbare Berechtigung findet zu öffentlichen Anklagen. Die ganze Poeterei ist zwecklos, und Er kann keinen Hund damit vom Ofen locken. Es gefällt mir auch nicht, daß Er seine Komödie im Ausland hat aufführen lassen; Er hat wohl viel Beifall, wie ich höre, aber auch anständigen und braven Leuten viel Ärgernis gegeben.«

»Das mögen beschränkte Naturen sein, die nicht den hohen Flug des Dichters und seine tiefere Absicht begreifen -- --«

»Maul gehalten!« donnerte der Herzog, der sich immer mehr in Erregung und Zorn hineinredete. »Ich will mich nicht weiter mit Ihm darüber auseinandersetzen, -- ich sage Ihm nur das, daß es Ihm von Stund' ab verboten ist, etwas anderes als medizinische Schriften drucken zu lassen, und daß Er sich nicht unterstehe, irgendeine weitere Verbindung mit dem Auslande zu unterhalten.«

Schiller fühlte, wie ein heißer Schmerz ihm die Seele zusammenzog; dies Verbot hieß seinen Geist in Fesseln legen und ihn zum Sklaven machen; es brach seine schönsten Hoffnungen, und mit bebenden Lippen wagte er zu sagen: »Halten zu Gnaden, Durchlaucht, -- das ist so viel, als dem Vogel das Fliegen und Singen, dem Fische das Schwimmen zu verbieten. Die Poesie ist meine Lebensluft, und wenn ich ihr entsagen muß, geht es mir ans Leben!«

»Das ist Firlefanz -- weibische Einbildung! Selbstzucht muß Er üben, das hab' ich Ihm schon vordem gesagt, und darum wiederhole ich Ihm: Bei Strafe der Kassation schreibt Er mir keine Komödien mehr!«

Der Herzog wandte sich ab, Schiller war entlassen, und langsam ging er die Treppe hinab. Aber da er vor dem Schloßtor stand, streckte er seine hohe Gestalt und atmete tief, als wolle er die Luft der Freiheit einsaugen, und seine Lippen murmelten: »~Frangor, non flector~ -- lieber gebrochen, als gebogen werden!«

Dann ging er mit weitausgreifenden Schritten durch die Gassen der Hauptstadt und wandte sich nach dem »Ochsen«. Dort traf er die Freunde beim Kegeln, und sie sahen einigermaßen verwundert auf, als sie ihn in der steifen Paradeuniform kommen sahen.

»Was feierst du denn heute für einen Festtag?« fragte der eine.

»Ich komme von Serenissimus.«

»Nun, wozu kann man dir gratulieren?«

»Wenn du's tun willst, Petersen, Durchlaucht geruhten, mir den Kopf zu waschen.«

Das Kegelspiel kam ins Stocken, alle drängten sich an Schiller.

»Ja, nun seid ihr neugierig wie die Elstern, und ich hätte beinahe Lust, euch in eurer Neugier schmoren zu lassen; aber ich bin nicht grausam: Serenissimus hat mir Kassation in Aussicht gestellt, wenn ich noch eine Komödie schreibe.«

Auf allen Gesichtern stand lebhafte Teilnahme, und im ersten Augenblick fand keiner ein geeignetes Wort. Endlich trat Streicher heran, reichte dem Freunde die Hand und fragte: »Und wie willst du's damit halten?«

»Sei ruhig, Andreas, ich werde Komödien schreiben, und wenn mir's gehen sollte wie dem armen Schubart; mich schreckt nicht der Hohenasperg. Aber nun, Freunde, laßt euch die Gemütlichkeit nicht stören, -- wir sind noch nicht so weit, trotz dem Herzog von Württemberg. -- -- Kann ich hier mit von der Partie sein?«

Bald rollten die Kugeln aufs neue, und Schiller beteiligte sich ohne Erregung, ja beinahe mit Heiterkeit an dem Spiele, bis die vorgeschrittene Zeit zur Heimkehr mahnte. Mit Streicher ging er durch die stillen, von spärlichem Lampenschimmer nur matt erhellten Gassen. Anfangs waren beide schweigend, endlich sprach der junge Musiker, indem er den Gedankenfaden, der ihn still bewegte, anscheinend laut weiterspann: »Da gibt's nur eins, Freund, du mußt fliehen.«

Schiller blieb stehen. »Ist das nicht wundersam, wie unsere Gedanken in diesem Augenblick sich begegnen? Eben habe auch ich an die Flucht gedacht. Mannheim ist meine Zuflucht, der Intendant von Dalberg will mir wohl, -- im schlimmsten Falle glaub' ich's wagen zu können.«

»Warum willst du erst warten, bis der schlimmste Fall eintritt? Und was nennst du den schlimmsten Fall? Des Herzogs Hand ist manchmal rasch und kräftig, und hat dich erst der Hohenasperg, so ist's mit dem Entrinnen vorbei.«

»So schlimm ist's noch nicht, -- -- auch würden mir die Mittel fehlen zur Flucht.«

»Was mein ist, ist auch dein. Hast du vergessen, daß ich dich einst bat, mir den Vorzug zu lassen, wenn du einen Freundesdienst brauchst? -- Mein kleiner Besitz, meine ganze Person, sie stehen dir zur Verfügung, -- nur versäume die rechte Stunde nicht.«

»Ich danke dir, Andreas, und will dir's nicht vergessen. Wir wollen den Gedanken im Auge behalten, und ist's soweit, dann komm' ich zu dir.«

Sie standen vor der Wohnung Schillers, drückten sich noch einmal warm die Hände, und dann schieden sie. Der Schritt Streichers verhallte in der stillen Gasse; der Dichter selbst aber ging noch eine Weile unruhig in dem engen, dumpfigen Gemache auf und nieder. Kapf, sein Stubengenosse, war nicht daheim, nichts störte ihn in seinen Gedanken, und die waren nicht bei Herzog Karl Eugen, auch nicht mehr bei seiner Flucht, sondern bei dem neuen Werke, dem »Fiesko«. Die ganze Welt versank dem schaffenden Geiste, den keine Drohung, kein Zwang hindern konnte, die Schwingen auszubreiten und sich zu erheben über die engen Schranken der Alltagswelt. -- --

Der Mai war ins Land gekommen und hatte seinen Blütenschimmer weithin ausgestreut. Im herzoglichen Lustgarten unter den leuchtenden Bäumen spazierte Schiller mit Frau von Wolzogen und Frau Laura Vischer. Die beiden waren erfüllt von wärmster Teilnahme für ihn und für sein Schicksal, und beide hatten den Glauben, daß er zu Großem bestimmt sei. Frau von Wolzogen hatte durch Bekannte in Mannheim den Erfolg der »Räuber« schildern hören, und es erfaßte sie geradezu eine Sehnsucht, das Stück selbst zu sehen. Das war es, was sie nun aussprach, und Frau Vischer stimmte ihr lebhaft bei.

»Was den Genuß freilich noch mehr erhöhen würde, wäre, es mit Schiller zusammen zu sehen,« sagte die Hauptmannswitwe, und das Wort fiel wie ein zündender Funke in die Seele des Dichters. Nur zu gern hätte er selbst sein Werk noch einmal auf den Brettern geschaut, aber er hatte den Gedanken daran niedergekämpft; jetzt aber, in den Maitagen, in welchen das Herz zu kühnerem Wagen geneigt und von sonnigen Hoffnungen mehr erfüllt ist, kam er wieder.

»Ja, wenn ich es wagen dürfte! -- Wie gerne ginge ich mit Ihnen, meine Freundinnen, nach meinem Eldorado, wie wollte ich doppelt genießen in Ihrem Genusse, und den Eindruck meines Werkes sich widerspiegeln sehen in zwei so lieben Seelen --; aber Sie wissen, über mir hängt ein Damoklesschwert ...«

»Wissen Sie auch, daß Durchlaucht demnächst auf einige Zeit verreist?« fragte Frau von Wolzogen, und Schiller horchte hoch auf.

»Wenn das ist, wäre viel gewonnen ... Und die Fahrt nach Mannheim hätte für mich vielleicht den Vorteil, mir meinen ferneren Weg zu ebnen, ich könnte mit Herrn von Dalberg persönlich verhandeln ... Wohl, ich will's zum guten Zeichen nehmen, daß Sie mich begleiten wollen! Seien Sie mir die schützenden Genien, meine Freundinnen! Ich will es wagen!«

Er reichte den beiden die Hände, die sie herzlich erfaßten, und langsam schritten alle drei weiter.

In den nächsten Tagen verreiste der Herzog wirklich. Sogleich schrieb Schiller einen Brief an Dalberg, in welchem er ihm sein Verlangen vortrug, sein Stück noch einmal zu sehen, und er wolle die Abwesenheit seines Landesherrn benutzen, um mit einigen Damen, welche begierig seien, die »Räuber« auf der Mannheimer Bühne an sich vorübergehen zu lassen, dahin zu kommen.

Der Intendant kam bereitwillig seinem Wunsche wegen der Aufführung entgegen, und nachdem Schiller sich bei seinem Vorgesetzten, dem Leibmedikus Elwert, hatte krank melden lassen, sich außerdem aber bei dem Obersten von Rau, der ihm wohlwollend war, einen Urlaub erwirkt hatte gegen das Versprechen, ihn bei einer etwaigen Entdeckung aus dem Spiele zu lassen, fuhr an einem schönen Maiennachmittag ein viersitziger Wagen, in welchem der Dichter mit seinen beiden Freundinnen saß, zum Tor von Stuttgart hinaus.

Es war eine herrliche Fahrt durch das frühlingsschöne Württemberger Land; freundliche, kleine Städte, friedliche Dörfer waren hineingebettet zwischen Wald und Anger, und fernher blaute die Kette der Vogesen. Die Seele des Dichters nahm einen freieren Flug; der Mund strömte ihm über, und die Teilnehmer der Fahrt freuten sich seiner lebhaften, warmen Beredsamkeit und wurden selbst angenehm erregt. Es waren schöne Stunden!

Schönere noch waren es, als sie nebeneinander in der Loge des Theaters saßen und nun am Auge vorüberziehen, am Ohre vorüberrauschen ließen, was Schiller geschaffen. Der Eindruck des Werkes war bei den Frauen ein tiefer, und in aufwallendem Enthusiasmus wollte Frau Vischer die Hand des Dichters küssen, die so Herrliches geschrieben hatte, während auch Frau von Wolzogen, der älteren Dame, die Wangen brannten und die Augen leuchteten. Sie sprach tiefbewegt: »Schiller, ich danke Ihnen für diese erhebenden Stunden und will sie nie vergessen. Was müßten Sie erst schaffen mit dem vollen Fluge des Geistes, wenn dies Werk in den Fesseln entstand! Schiller, wenn Sie einmal eine Zufluchtstätte brauchen, erinnern Sie sich, daß ich im Meiningschen ein kleines, stilles Asyl habe im Dorfe Bauerbach; das biete ich Ihnen an als Zufluchtsort, wenn Sie nicht wissen, wohin Sie sich wenden sollen, und es soll mir zur Freude gereichen, wenn dies schlichte Fleckchen Erde die Weihe Ihres Genius erhält.«

»Ich danke Ihnen, verehrte Frau, und vielleicht früher, als Sie meinen, kann die Stunde kommen, da ich Gebrauch machen muß von Ihrer Güte.«

»Sie sind zu jeder Zeit willkommen!«

Dies Gespräch erfüllte den Dichter mit Ruhe und Zuversicht, und in solcher Stimmung erbat er sich eine Besprechung mit dem Freiherrn von Dalberg, um diesem seine Not in der Heimat zu klagen und ihm sein Schicksal ans Herz zu legen. Der Intendant empfing ihn freundlich und zuvorkommend und hörte ihn scheinbar mit ruhiger Teilnahme an, da er von der Verfügung des Herzogs Karl Eugen berichtete und von dem Drange seines Herzens. Schiller sprach warm und herzlich, wie zu einem Freunde, denn ihn ermunterte der wohlwollende Blick des andern. Er schloß: »Ich lege mein Geschick vertrauensvoll in Ihre Hände, und ich weiß nicht, an wen ich mich besser wenden könnte. Sie haben mir den Weg des Ruhms geöffnet und mir ein großes Ziel gezeigt; ziehen Sie Ihre Hände nicht von mir ab, damit meine heiße Seele nicht erstarren muß unter einem kalten und verhaßten Zwange. Ihre Großmut und Ihr Scharfblick werden die Stelle finden, die ich auszufüllen vermag im Dienste der Kunst, der -- das fühle ich -- mein Leben gehört.«

Dalberg war bewegt. Er reichte Schiller die Hand und erwiderte: »Was ich tun kann für Sie, will ich gern tun. Die Art, Sie hier in Mannheim zu employieren, dürfte keine Schwierigkeiten bieten, wenn wir Sie nur erst einmal aus dem Württembergischen herüber hätten. So glatt wird das mit Ihrer Durchlaucht nicht gehen, der uns einen seiner Karlsschüler und wohlbestallten Regimentsmedikus nicht ohne weiteres überlassen wird. Hier heißt es in Geduld abwarten und nicht den Mut verlieren. Ich behalte Ihre Sache im Auge.«

Schiller ging, aber er war nicht befriedigt. Das waren halbe Zusicherungen, und er brauchte -- das fühlte er -- eine rasche, rettende Tat. Mit einiger Verstimmung bestieg er wieder den Wagen, um gegen Stuttgart zurückzufahren. Er war einsilbig, so sehr auch die Freunde sich bemühten, ihn aufzuheitern, und da er an das Tor der Residenz herankam, sagte er niedergeschlagen: »Da geht's wieder zurück in den Käfig. Es ist, als ob mir der Gedanke auf alle Glieder geschlagen wäre, und mein Körper ist wie Blei, meine Pulse brennen -- ich glaube, ich habe Fieber.«

Besorgt sahen die Freunde ihn an und sahen in ein unnatürlich gerötetes Gesicht und flimmernde Augen. Am andern Morgen mußte er zu Bette bleiben, und der treue Streicher, welcher gekommen war, um sich von dem Mannheimer Aufenthalte berichten zu lassen, war erschrocken und entsetzt, als er ihn umarmte. Er fühlte selbst ein Frösteln und ein Unbehagen, doch setzte er sich an das Lager des kranken Freundes, der nun mit etwas matter Stimme, aber doch lebhaft erzählte, daß er im Grunde so gut wie nichts erreicht habe, und daß die auf Dalberg gesetzten Hoffnungen wohl trügerische seien.

Streicher tröstete und beruhigte: »Wenn er nur eine Stellung hat für dich, -- aus Württemberg wollen wir schon fortkommen, dafür laß mich mit sorgen. Die Flucht bleibt dir noch immer, und bist du erst über die Grenze, so wird das weitere sich wohl finden. Den Kopf hoch, Freund!«

»Das kann ich heute nicht, Andreas!« sagte Schiller mit einem Anfluge von Scherz und lächelnd, »der Kopf ist mir zu schwer.«

Die beiden Freunde trennten sich; Streicher aber fühlte, da er auf die Straße kam, einen dumpfen Schmerz im Kopfe, ein Brennen in den Augen, und es war ihm kein Zweifel, daß er den Keim einer Erkrankung von dem Freunde mit fortgenommen hatte. Daheim mußte er auch sich zu Bette legen, und die Mutter geriet in nicht geringe Besorgnis um den einzigen Sohn. Dieser selbst aber lebte in seinen Gedanken bei Schiller und tat sich selbst immer wieder das Gelöbnis, ihn nicht zu verlassen und in der Stunde der Not ihm getreulich zur Seite zu stehen.

Nach etwa vierzehn Tagen hatten beide Freunde sich wieder erholt, und da sie zum erstenmal sich begegneten und umarmten, wiederholte Streicher sein Gelöbnis. Solche Treue aber tat Schiller ungemein wohl, und bald genug sollte er sie auch brauchen.

Auf der Flucht

Frau von Wolzogen wie Frau Vischer standen noch lange unter der Nachwirkung des Eindrucks der »Räuber«. Das Herz war ihnen voll davon, daß sie Zeugen des Triumphes des geliebten Dichters sein und in seiner Gegenwart sein Werk genießen konnten, und es ist begreiflich, daß ihnen auch der Mund davon überging. Zunächst erzählten sie von der Aufführung im engsten Bekanntenkreise, und erst als ihnen die Mitteilung entschlüpft war, daß sie mit Schiller zusammen in Mannheim gewesen, wurden sie der Gefahr sich bewußt, in welche sie mit ihrer Redseligkeit den Dichter bringen konnten, und versuchten, ihren Freunden Schweigen darüber aufzuerlegen.

Aber unter dem Siegel der Verschwiegenheit ging die Kunde doch still immer weiter, und so kam es, daß auch der General Auge davon erfuhr. Der alte Soldat aber hielt es für seine Pflicht, auch den Herzog davon zu verständigen, und berichtete peinlich genau mit allen Einzelheiten, die ihm selber zu Ohren gekommen waren. Karl Eugen geriet in Zorn; So hatte dieser Regimentsmedikus gewagt, seinem strengen Befehle zum Trotz ins Ausland zu gehen -- das durfte nicht ungestraft bleiben!

Schiller erhielt sofort Ordre, vor ihm zu erscheinen. Er ahnte nichts Gutes bei der Kunde, um so mehr, als ihm zugleich die höchste Eile anbefohlen war, so daß er sich kaum Zeit nehmen konnte, sich in seine Paradeuniform zu werfen. So rasch als möglich begab er sich nach dem Schlosse Hohenheim und wurde sogleich nach dem Garten gewiesen, wo der Herzog ihn erwartet zu haben schien. Dieser schien zunächst freundlich und huldvoll, daß Schiller fast irre an ihm wurde; er schritt mit ihm in den schattigen Alleen hin, machte ihn auf besondere Schönheiten der Anlagen aufmerksam und redete von ganz gleichgültigen Dingen. Plötzlich blieb er stehen, richtete sich hoch auf und indem er seinen Begleiter durchdringend anschaute, sagte er: »Er ist in Mannheim gewesen! Ich weiß alles! Ich sage, Sein Oberster weiß darum.«

Schiller stand im ersten Augenblick verblüfft und fühlte, wie ihm das Blut aus den Wangen wich; dann nahm er eine stramme militärische Stellung ein und erwiderte: »Durchlaucht, ich bitte untertänigst um Verzeihung -- ja, ich war in Mannheim, aber Oberst von Rau hat keine Schuld dabei; ich bin ohne Urlaub gegangen und hatte mich krank gemeldet.«

»Ihn soll doch gleich ein Blitz in den Boden wettern! Er ist ja ein ganz verlogenes Subjekt, ein ungehorsamer Windhund, mit dem ich Ernst machen muß. -- Wie kommt Er denn dazu, meinem bestimmten Befehle sich zu widersetzen? -- Meint Er, mein Wohlwollen für Ihn habe keine Grenzen?«

»Darauf habe ich allerdings gesündigt -- halten zu Gnaden, Durchlaucht! Es war zu verlockend, in guter Gesellschaft noch einmal mein Stück sehen zu können, und da Serenissimus abwesend waren und ich nicht persönlich um die Gnade eines Urlaubs bitten konnte -- --«

»So ist Er einfach mit einem Paar Weibsleuten durchgebrannt. Ist das Subordination? Ist das Achtung vor seinem Landesherrn? Und den Rau werde ich mir auch zur Rechenschaft ziehen -- --«

»Ich bitte untertänigst, Durchlaucht -- Oberst von Rau hat von einem Urlaub nichts wissen wollen -- ich wäre ein Schurke, wenn ich anderes behauptete --«

»Mag sein, ich will's vom Rau glauben; -- aber das vergrößert nur seine eigene Schuld. Himmelelement, wohin soll's denn kommen, wenn schon ein simpler Medikus glaubt, unsere Befehle mit Füßen treten zu dürfen -- --«