Karlsschüler und Dichter: Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend
Part 5
»Das ist ein Werk, von dem die Zukunft noch reden wird; es ist mit einer flammenden Feder geschrieben und wird einen Feuerbrand in die Welt werfen.«
»Sie haben ja eine Rezension der ›Räuber‹ geschrieben; wollen Sie dieselbe nicht dem Herrn Doktor vorlesen?« fragte jetzt Rieger, und Schubart erhob sich rasch, um die Handschrift zu holen.
Er begann zu lesen, und dabei vergaß er alles, was ihm widerfahren war; man merkte, sein Lob kam aus dem Herzen. Seine Stimme hatte den alten, vollen Klang, den man vordem an ihr bewundert hatte, und der ganze Aufsatz zeigte die Spannkraft und Geistesschärfe, die dem Verfasser vordem eigen gewesen war. Schiller fühlte sich tief bewegt und atmete schwer, als der Vorleser zu Ende war. Es trat eine Pause ein, die niemand unterbrach, denn alle Anwesenden waren seltsam ergriffen. Schubart hatte das Haupt gesenkt; jetzt hob er es wieder.
»Nur einen Wunsch hätte ich, -- dem Dichter, der das geschrieben hat, einmal ins Auge sehen zu können.«
Da legte Rieger ihm die Hand auf die Schulter: »Ihr Wunsch ist erfüllt -- er steht vor Ihnen.«
Da sprang Schubart auf, tat einen tiefen Atemzug, und mit leuchtenden Augen und einem Aufjauchzen in der Stimme sagte er: »Sie sind's -- der Dichter der ›Räuber‹?«
Dann umarmte er ihn, küßte ihn heftig auf die Wangen, und Schiller fühlte, wie auf sein Gesicht Tränen niedertropften, Tränen der Freude. Er hat diese Stunde niemals vergessen können.
Als er nach einiger Zeit sich entfernte, trat ihm im Korridor Schubart noch einmal entgegen und gab ihm eine Papierrolle. »Nehmen Sie das als Erinnerung an diese Stunden und an einen Unglücklichen, dem Sie ein Glück gebracht, dessen er stets eingedenk bleiben wird.«
Schiller schlug das Papier auseinander; es enthielt ein Gedicht, betitelt: »Die Fürstengruft«. Mit einem innigen Händedruck dankte er und schied, und dieser Tag war kein verlorener in seinem Leben.
Sein Abglanz leuchtete ihm noch nach in die elende Junggesellenstube in Stuttgart, wohin er zurückkehrte. Am Abend war er heimgekommen und hatte die Tür verschlossen gefunden. Nun hätte er beim Hauswirt den Schlüssel holen oder auf seinen Stubengenossen Kapf warten, oder auch in den »Ochsen« gehen können, wo er gewiß Bekannte traf, -- nichts von alledem; er nahm nach seiner Gewohnheit eine Prise Tabak, und dann trat er mit kräftigem Fuße die Tür ein; er hatte das zwingende Bedürfnis, die Kraft, die er heute in sich fühlte, in irgendeiner Weise äußern zu können.
Er trat ein und zündete seine Kerze an, dann las er zum andernmal Schubarts »Fürstengruft«, und noch lange schritt er erregt in dem kleinen Raume auf und nieder. Endlich trat er wieder an den Tisch, und jetzt fiel ihm hier erst ein Brief auf, der mit einem großen Siegel verschlossen war. Verwundert nahm er ihn in die Hand und las die Adresse -- es war die seine --, dann betrachtete er das Siegel und las die Umschrift: »Intendanz des Hoftheaters in Mannheim«.
Mit einem kräftigen Ruck hatte er den Brief geöffnet, war an das Licht herangetreten und las nun beinahe atemlos, während seine Augen sich zu vergrößern schienen. Jetzt warf er das Schriftstück auf den Tisch und begann lustig um denselben zu tanzen und laut zu singen.
Da öffnete sich die Tür; in ihrem Rahmen stand eine junge, nicht unschöne Frau mit blondem Haar und blauen Augen, und sah ihm verwundert zu, indes sie die Hände ineinander faltete. Es war Schillers Hauswirtin, eine verwitwete Hauptmann Vischer, die ihm freundlich zugetan war. Endlich findet sie Worte: »Aber, um des Himmels willen, sind Sie toll geworden, oder was ist's?«
Nun erst sah sie der Regimentsmedikus; mit einem Sprunge war er bei ihr, umfaßte sie, gab ihr einen regelrechten und herzhaften Kuß und wirbelte sie mit sich im Tanze um den großen Eichentisch, dann rief er: »Laura, ich bin glücklich -- ich bin unendlich glücklich -- da lesen Sie, lesen Sie!«
Er führte die rascher Atmende, die sich seinen Armen entwand, zum Tische und reichte ihr das Schreiben, das auch sie mit einer unverkennbaren Hast durchflog, dann gab sie, indem sie es fallen ließ, ihm beide Hände und rief: »Herzlichen Glückwunsch! Das ist der wahre Anfang zum Ruhme -- nun kann es nicht mehr fehlen! Vorwärts, mein Adler, vorwärts, empor zur Sonnenhöhe!«
»Ja, zur Sonnenhöhe, Laura!« sagte Schiller und hob die Augen voll Begeisterung empor, dann erfaßte er wieder den Brief. »Und nun muß ich in den ›Ochsen‹ und muß auch der ganzen Manille noch die Sensationsnachricht bringen -- die Kerls werden Gesichter machen. Gute Nacht!«
Und hinaus war er, während Frau Vischer lächelnd und mit leisem Kopfschütteln ihm nachsah; ein wunderlicher Mensch war er, aber auch ein außergewöhnlicher, und manches mußte ihm verziehen werden, auch die in einer Kraftanwandlung eingebrochene Tür.
Schiller aber eilte nach der Hauptstetterstraße in den »Ochsen«, wo er gewöhnlich mit seinen Freunden zusammenkam bei einem Schoppen Wein oder Bier. Die Wirtsstube war leer, nur in einer Ecke fand er Petersen, Reichenbach und Streicher und grüßte sie mit erregtem Gruße, dann warf er seinen Brief auf den Tisch. Petersen ergriff ihn und las:
»_Dem Herrn Regimentsmedikus usw._
Durch den Buchhändler und Hofkammerrat Schwan habe ich Kenntnis von Ihrer Tragödie ›Die Räuber‹. Das Werk ist von packender Kraft nach Inhalt und Sprache, wie unsere Zeit kaum ein zweites hervorgebracht hat, und wird bei einigen Änderungen auf der Bühne von großer Wirkung sein. Es wird mir eine Freude sein, unter der Voraussetzung einer bühnengerechten Fassung einzelner Szenen, dasselbe auf der Mannheimer Bühne dem deutschen Publikum zuerst vorzuführen und eventuell die neue Bearbeitung in den Verlag der Hofbühne zu nehmen. Ich sehe Ihrer Gegenäußerung gern entgegen und bin mit Vergnügen geneigt, mit Ihnen in nähere Verhandlung über diese Sache zu treten.
Ihr wohlgeneigter
_Heribert von Dalberg_.«
Sechs Hände streckten sich dem Dichter entgegen zu herzlichem Drucke; Streicher konnte sich's nicht versagen, ihn zu umarmen.
»Nun ist die Sache im rechten Fahrwasser!« rief Petersen. »Glück zu! Aber der Festtag muß gebührend gefeiert werden.«
»Wie sich's geziemt!« sagte Schiller. -- »Heda, holla, bringt vier Maß Burgunder auf meine Rechnung!«
Der Wein kam, kräftig klangen die Becher, und bis in die Nacht hinein feierten die Freunde das frohe Ereignis.
»Die Räuber« in Mannheim
An einem Sonntagmorgen -- es war der 13. Januar 1782 -- standen die Bewohner Mannheims an den Straßenecken und bei den Brunnenröhren und lasen mit einer gewissen Erregung den Zettel, der dort angeschlagen war und der es verkündete, daß an diesem Tage »auf der hiesigen Nationalbühne« aufgeführt werden sollte:
_Die Räuber._
Ein Trauerspiel in sieben Handlungen; für die Mannheimer Nationalbühne vom Verfasser, Herrn Schiller, neu bearbeitet.
Dem Personenverzeichnis war ein »Avertissement« beigefügt, welches lautete:
»_Der Verfasser an das Publikum._
Die Räuber -- das Gemälde einer verirrten großen Seele -- ausgerüstet mit allen Gaben zum Fürtrefflichen, und mit allen Gaben -- verloren -- zügelloses Feuer und schlechte Kameradschaft verdarben sein Herz, rissen ihn von Laster zu Laster, bis er zuletzt an der Spitze einer Mordbrennerbande stand, Greuel auf Greuel häufte, von Abgrund zu Abgrund stürzte in alle Tiefen der Verzweiflung -- doch erhaben und ehrwürdig, groß und majestätisch im Unglück, und durch Unglück gebessert, rückgeführt zum Fürtrefflichen. -- Einen solchen Mann wird man im Räuber Moor beweinen und hassen, verabscheuen und lieben ... Man wird auch nicht ohne Entsetzen in die innere Wirtschaft des Lasters Blicke werfen und wahrnehmen, wie alle Vergoldungen des Glücks den inneren Gewissenswurm nicht töten -- und Schrecken, Angst, Reue, Verzweiflung hart hinter seinen Fersen sind. -- Der Jüngling sehe mit Schrecken dem Ende der zügellosen Ausschweifungen nach, und der Mann gehe nicht ohne den Unterricht von dem Schauspiel, daß die unsichtbare Hand der Vorsehung auch den Bösewicht zu Werkzeugen ihrer Absicht und Gerichte brauchen und den verworrensten Knoten des Geschicks zum Erstaunen auflösen könne.«
Der Anfang der Vorstellung war auf »präzise fünf Uhr« angesetzt.
Ganz Mannheim geriet in Bewegung; die Jungen erzählten sich auf den Gassen, die Erwachsenen am Mittagstische nur von dem neuen Stücke, und die allgemeine Erwartung und Erregung steigerte sich noch, als bereits im Laufe des Vormittags zahlreiche Wagen aus Darmstadt, Mainz, Frankfurt, Worms und anderen Städten kamen, welche zahlreiche fremde Neugierige brachten. Alles suchte sich Theaterkarten zu verschaffen, und da die Logenplätze schnell genug vergriffen waren, und jeder noch einen möglichst guten Sitz zu erlangen suchte, begann bereits um ein Uhr mittags der Zudrang zum Theater, das lange vor der fünften Stunde völlig gefüllt war.
Der Dichter des Stückes aber war mit den zahlreichen Fremden ebenfalls eingetroffen, begleitet von seinem Freunde Petersen. Viele sahen den schmächtigen jungen Mann mit dem blassen Gesicht; aber wohl keiner beachtete ihn, und ihm selbst lag nicht daran, erkannt zu werden; denn heimlich und ohne einen Urlaub einzuholen, der ihm doch wohl verweigert worden wäre, war er aus Stuttgart abgereist.
Um fünf Uhr saß er mit klopfendem Herzen in der kleinen Loge, welche der Intendant ihm aufbehalten hatte. Seine Stimmung war eine gehobene und vertrauensvolle, so daß er zu seinem Freunde äußerte: »Ich freue mich wie ein Kind; ich glaube, meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen und mir im ganzen einen größeren Schwung geben; denn es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges hören werde.«
Das letzte, einigermaßen selbstbewußte Wort mochte wohl auch mit Bezug auf die tüchtigen schauspielerischen Kräfte gesprochen sein, über welche die Mannheimer Bühne verfügte, wie Boek, welcher den Karl, und vor allem Iffland, welcher den Franz Moor spielen sollte.
Draußen vor dem Theater standen viele, welche keinen Einlaß mehr hatten finden können, voll Unmut und Neugier, während drinnen jetzt ein tiefes Schweigen sich über die dichtgedrängte Menge lagerte und der Vorhang emporrauschte. Aber das Publikum schien sich erst an all das, was es sah und hörte, gewöhnen zu müssen. Der Intendant hatte neue malerische Kostüme anfertigen lassen, die szenische Ausstattung stand auf der Höhe der Zeit, und der häufige Wechsel des Schauplatzes gab Veranlassung, auch in dieser Hinsicht die Schaulust zu befriedigen, und dazu dröhnte und klang die Sprache des Dichters mit einem neuen, fremden Schwunge und griff an die Phantasie und das Herz der Hörer. Trotzdem gingen die ersten drei Akte ohne besondere Beifallskundgebungen hin.
Nun kam der vierte Akt Und brachte eine fortwährende Steigerung der Erregung: Der Räuber Moor unerkannt im Schlosse seiner Väter, wo er erfährt, wie er schmachvoll betrogen worden um sein Erbteil, um das Herz seines Vaters und um seine Braut ... dann die Szene der lagernden Räuber im nächtlichen Walde bei dem einsamen Turme, dem Gefängnis des alten Moor, der, abgemagert zum Skelett, hervorgeholt und von seinem verstoßenen Sohne erkannt wird -- -- wie das die Seelen durchrüttelte, und als Karl seinen getreuen Schweizer abgeschickt, um den unnatürlichen Sohn und Bruder »ganz und lebendig« herbeizubringen ... »Du sollst eine Million zur Belohnung haben, ich will sie einem König mit Gefahr meines Lebens stehlen, und du sollst frei ausgehen wie die weite Luft« -- da brach mit dem Fallen des Vorhangs der stürmische, immer wiederkehrende Beifall los.
Und doch war der Höhepunkt noch nicht erreicht. Das geschah erst, als die Zuhörer die Schauer des Gerichtes hereinbrechen sahen über den verzweifelnden Verbrecher. Dunkel liegt die Nacht in den Gemächern seines Schlosses; aus der Dämmerung hebt sich das bleiche Gesicht Iffland-Moors ab, das so scharf und zutreffend alle Regungen der Seele wiedergibt. Es ist so grauenhaft und doch so erschütternd und packend, wie er mit seiner angstgequälten Seele, mit den verzerrten Zügen dasteht und die bleichen Lippen dem alten Diener Daniel den Traum erzählen, der ihn aufgescheucht hat -- den Traum von dem jüngsten Gericht: »Plötzlich traf ein ungeheurer Donner mein schlummerndes Ohr; ich taumelte behende auf, und siehe, mir war's, als sähe ich aufflammen den ganzen Horizont in feuriger Lohe, und Berge und Städte und Wälder wie Wachs im Ofen zerschmelzen, und eine heilende Windsbraut fegte von hinnen Meer, Himmel und Erde -- da erscholl's wie aus ehernen Posaunen: Erde, gib deine Toten! Gib deine Toten, Meer! Und das nackte Gefild begann zu kreißen und aufzuwerfen Schädel und Rippen und Kinnbacken und Beine, die sich zusammenzogen in menschliche Leiber und daherströmten unübersehlich, ein lebendiger Sturm. Damals sah ich aufwärts, und siehe, ich stand am Fuß des donnernden Sinai, und über mir Gewimmel und unter mir, und oben auf der Höhe des Berges auf drei rauchenden Stühlen drei Männer, vor deren Blicke floh die Kreatur ...«
So ging es weiter, und atemlos, regungslos, bleich saßen die Zuschauer. Von der Bühne her aber klang es mit einer Stimme, in der das ganze Grauen wirklichen Empfindens nachzitterte: »Schneebleich standen alle, ängstlich klopfte die Erwartung in jeder Brust. Da war mir's, als hörte ich meinen Namen zuerst genannt aus den Wettern des Berges, und mein innerstes Mark gefror in mir, und meine Zähne klapperten laut. Schnell begann die Wage zu klingen in der Hand eines, der sie hielt zwischen Aufgang und Niedergang, zu donnern begann der Fels, und die Stunden zogen vorüber, eine nach der andern an der links hängenden Schale, und eine nach der andern warf eine Todsünde hinein ... die Schale wuchs zu einem Gebirge; aber die andere, voll vom Blute der Versöhnung, hielt sie noch immer hoch in den Lüften, -- zuletzt kam ein alter Mann, schwer gebeugt von Gram, angebissen den Arm von wütendem Hunger, aller Augen wandten sich scheu von dem Mann; ich kannte den Mann, er schnitt eine Locke von seinem silbernen Haupthaar, warf sie hinein in die Schale der Sünden, und siehe, sie sank, sank plötzlich zum Abgrund, und die Schale der Versöhnung flatterte hoch auf! -- Da hört' ich eine Stimme schallen aus dem Bauche des Felsen: Gnade, Gnade jedem Sünder der Erde und des Abgrunds! Du allein bist verworfen! ...«
Und nun bricht der Räubertumult heran, von draußen schallt das wütende: Stürmt! Schlagt tot! Brecht ein! und der zitternde Schurke sinkt in die Knie und will beten: »Höre mich beten, Gott im Himmel! -- Es ist das erstemal -- soll auch gewiß nimmer geschehen -- erhöre mich, Gott im Himmel!« ... und während den zitternden Zuschauern das Blut erstarrt und die Haare sich sträuben, hören sie statt des Gebetes die Gotteslästerung: »Ich bin kein gemeiner Mörder gewesen, mein Herrgott -- hab' mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben, mein Herrgott -- --« und nun lodert der Feuerschein des brennenden Schlosses auf, und wie Schweizer mit den Seinen eindringt, findet er Franz, der mit seiner goldenen Hutschnur sich erdrosselt hat.
Nun brach der entfesselte Sturm des Beifalls los, der alle Schranken überschritt. -- Schiller aber lehnte sich zurück in seinem Sitz und hielt beide Hände vor das Gesicht, als habe ihn ein Schwindel erfaßt, während seine Seele vermeinte, Flügel zu haben, und sich hinausgetragen wähnte über die Welt der Wirklichkeit. Dann fühlte er, wie die Rechte des Freundes die seine erfaßte und mit innigem Drucke festhielt. Als der Vorhang zum letztenmal fiel, tobte der Beifall aufs neue, und während das Haus anfing leerer zu werden und die hundertköpfige Menge sich draußen zerschlug, um den Ruhm des Stückes und seines Dichters weiterzutragen, nahm dieser den Glückwunsch Dalbergs entgegen, der in seine Loge eingetreten war, sowie jenen des Kammerrates Schwan, der ihn endlich mit sich fortzog.
Die Nacht lag in den Gassen Mannheims, als die Männer durch dieselben schritten; begeistert redeten Schwan und Petersen, Schiller aber schwieg, -- was er heute erlebt hatte, übertraf seine kühnsten Erwartungen, und in seiner Seele lebte das Bewußtsein seines eigentlichen Berufes. Schwan führte ihn nach einem Gasthause, wo die Schauspieler sich eingefunden hatten, um den Dichter zu feiern.
In einem hellerleuchteten, behaglich warmen Zimmer saßen sie beisammen, und da Schiller eintrat, klangen ihm begeisterte Hochrufe entgegen, Hände streckten sich aus, um die seine zu drücken, und die Schauspielerin Toscani, welche die Amalia gespielt hatte, setzte einen Kranz auf das Haupt des Dichters. Dann setzten sich alle und aßen und tranken gemeinsam, und bis tief in den Morgen hinein floß der Strom geistvoller und heiterer Gespräche. Endlich erhob sich Schiller, dem Schwan vier Goldstücke als Reisevergütung überreichte, um nach dem ereignisreichen Tage noch einige Stunden zu ruhen.
Mit Unbehagen kehrte er nach Stuttgart in seine steife Uniform zurück; aber der Schimmer, welcher seine Seele durchleuchtet hatte, konnte nicht verlöscht werden im Alltagstreiben, um so mehr, als teilnehmende Freunde immer wieder von seinem Erfolge zu hören wünschten und er nur zu gern erzählte. So hatte er im »Ochsen« einen begeisterten und aufrichtigen Kreis gefunden -- zumal die Genossen von der Karlsschule, die alte »Bande«, freute sich seines Erfolges --, hatte die aufrichtige Umarmung Streichers sich gefallen lassen, hatte in der Solitüde draußen die Glückwünsche von Mutter und Schwestern entgegengenommen und freundlichste Teilnahme im Hause der Frau von Wolzogen gefunden.
Auch der Schaffensdrang war im Wachsen, und er begann mit einem neuen großen Stücke: »Die Verschwörung des Fiesko«, um so mehr, da er hörte, daß »Die Räuber« auch an anderen Orten mit vielem Beifall aufgenommen wurden, wie in Hamburg und in Leipzig; hier war zuletzt die Aufführung des Stückes untersagt worden, weil man meinte, daß die ungewöhnlich zahlreichen Diebstähle während der Meßzeit vielleicht durch dasselbe veranlaßt sein könnten.
Der Winter war indes vergangen; langsam, mit Regenschauern und Sturmessausen nahte der Frühling. Die Knospen trieben an Strauch und Baum, und in den Gärten schimmerte es grün; aber man suchte am Morgen und Abend zumal den wärmenden Ofen.
Um diesen hatten sich an einem Märzabend auch die Mitglieder der Tafelrunde im »Ochsen« eingefunden: Scharffenstein, Petersen, Reichenbach, Schiller, und der letztere lehnte behaglich in seinem Sitze und ließ vergnügt die blaugrauen Wolken aus seiner Pfeife steigen.
»Nun, wie steht's mit deiner Promotion zum Doktor der Medizin?« fragte Reichenbach, »man munkelt, daß du scharf an deiner Dissertation dazu arbeitest.«
Schillers behaglich-vergnügtes Gesicht verfinsterte sich. »Wer zum Henker heißt dich heute daran rütteln? -- Warum willst du mir die gute Stunde verderben? Zum Kuckuck mit allen Dissertationen der Welt!«
»Ja, willst du denn nicht promovieren, nachdem es so bequem gemacht ist, seit Kaiser Joseph die Karlsschule zum Range einer Universität erhoben hat und du hier den Doktorgrad zu erlangen vermagst? -- Hoven ist schon tüchtig an der Arbeit!«
»Ich gönn' ihm sein Vergnügen und seine Ehre. -- Was tu' ich mit dem Doktor der Medizin? -- Ich praktiziere auch ohne den Titel recht und schlecht weiter, und wenn ich's rundum besehe, bin ich zum Arzte verdorben. Dafür dürft' ich meine Patienten fragen, für die's ein Segen wäre, wenn ich's Kurieren aufgeben könnte. Meine Mittel sind alle zu kräftig -- biegen oder brechen. Das ist so mein System, und das paßt nicht in die alte Theorie, weshalb mein teurer Vorgesetzter, der Leibmedikus Elwert, auch jedes meiner Rezepte erst gründlich darauf prüft, ob der Patient meine Mixtur auch vertragen kann. Hab' da just ein Wischlein zur Hand, eine Selbstrezension über die ›Räuber‹, und damit die ganze Welt weiß, woran sie ist, habe ich es eigenhändig hier niedergeschrieben, was ich von meiner Medizin halte. Da!«
Er warf ein Heft auf den Tisch, das Petersen ergriff und aus welchem er vorlas: »Der Verfasser der ›Räuber‹ -- er soll ein Arzt bei einem württembergischen Grenadierbataillon sein, und wenn das ist, macht es dem Scharfsinn seines Landesherrn Ehre. So gewiß ich sein Werk verstehe, so muß er starke Dosen in ~Emeticis~ ebenso lieben, als in ~Aestheticis~, und ich möchte ihm lieber zehn Pferde, als meine Frau zur Kur geben.«
»Ja, Kinder, und wenn ich euch sage, daß der ›Almanach für Apotheker auf das Jahr 1781‹ das einzige medizinische Buch ist, das ich bisher gekauft habe, könnt ihr ungefähr erkennen, wie weit ich mit meiner Dissertation sein muß. -- Pah, von etwas anderem!«
Er brannte sich von neuem seine Pfeife an. »Wo bleibt heute Streicher? Der Junge hat mir mit seiner Musik jüngst eine trübe Stunde aus der Seele getrieben; er hat Herz in den Fingern, sag' ich euch -- --«
»Und Durst in der Kehle!« rief eine lustige Stimme, und der junge Musiker trat an den Tisch, warf seinen feuchten Mantel ab und setzte sich mit heiterem Gruße zu den anderen.
»Einen Schoppen Roten und eine Pfeife!« herrschte er dem Schenkburschen zu, sah dann mit vergnügten Augen im Kreise herum, als ob er sehen wollte, was es Neues gebe, und nachdem er seinen Tabak in Brand gebracht, sprach er: »Was gebt ihr, wenn ich euch etwas Lustiges berichte? -- 's ist zwar an sich nichts Neues; aber ihr wißt es doch noch nicht!«
»Ohne Präambula!« rief Scharffenstein -- »los mit dem vollen Orchester!«
»Schiller, die Sache trifft dich oder vielmehr ›Die Räuber‹, -- ja, wer Komödien schreibt, muß fürsichtig sein.«
»Na, wem zum Henker hab' ich denn wieder unrecht getan? Wenn's nur ein Kritiker ist, so laß ihn stecken, Andreas, über die Sorte bin ich hinaus.«
»Die Sache hat aber den Reiz der Neuheit; denn diesmal ist Spiegelberg in den ›Räubern‹ der schuldige Teil. Wie sagt der Kerl doch? -- ›Zu einem Spitzbuben will's Grütz -- auch gehört dazu ein eigenes Nationalgenie, ein gewisses, daß ich so sage, Spitzbubenklima, und da rat' ich dir: Reis' ins Graubündner Land, das ist das Athen der heutigen Gauner.‹ Das ist die Stelle, hinter der ein gewisser Wredow eine Ehrenbeleidigung Graubündens wittert, der in den ›Hamburger Adreßcomptoir-Nachrichten‹ einen geharnischten Aufsatz losläßt, um die fürchterliche Anklage zu entkräften. Hier ist das Schriftstück!« Streicher legte ein Heft auf den Tisch.
»Vorlesen!« erscholl es im Kreise, und während die Pfeifen dichter qualmten, las der junge Musiker mit gemachtem Pathos den hochtönenden Artikel, nach dessen Beendigung der ganze Kreis in ein fröhliches Lachen ausbrach. Schiller saugte behaglich an seinem Rohre und sprach gutgelaunt: »Daß auch noch der Spitzbube Spiegelberg sich an mir rächen und in edelmütiger Weise für meine Berühmtheit sorgen würde, hätt' ich nicht vermeint. Na, legen wir's ~ad acta~!«
Man redete aber trotzdem noch weiter über die Sache und war eben im besten Zuge, als Leutnant Kapf, Schillers Stubengenosse, kam. Er rief sogleich: »Der Herr Regimentsmedikus ist ja niemals zu Hause, wenn die Post kommt. Hier ein Brief und ein Päckchen, -- dran gerochen hab' ich bereits, hab' aber nichts herausschnüffeln können, als daß beides aus Chur kommt.«