Karlsschüler und Dichter: Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend

Part 2

Chapter 23,643 wordsPublic domain

»Ich darf dir wohl soviel verraten, nachdem Schiller einverstanden ist: Er schreibt ein Spektakelstück ›Die Räuber‹, ich sage dir, Haug, daß es einem die Seele aufwühlt in den tiefsten Tiefen. So etwas von Kraft und Schwung und Handlung ist noch nicht dagewesen, und wenn's erst einmal ans Licht kommt, dann sollst du sehen, wie das ganze deutsche Publikum Mund und Ohren drüber aufsperren wird. Hei, wie der von Freiheit zu reden weiß -- man sieht förmlich das Feuer aufleuchten, das in seiner Seele lodert -- und wir, seine Freunde, sehen es werden, Stück um Stück, und heute wird er wieder einige Szenen uns bieten. Es ist ein Hochgenuß, Haug!«

»Und das ist die Geschichte aus dem ›Schwäbischen Magazin‹ von den beiden Brüdern?«

»Ja, aber es ist etwas ganz anderes draus geworden. Karl ist dir ein Bursche, der Welt und Himmel zusammenschmeißen kann. Schiller hat ihn, da sein Vater ihn um seines Bruders willen verstoßen hat, Räuber und Anführer einer Bande werden lassen; aber ich sage dir, kein Räuber wie die landläufigen Banditen, sondern einer, der sich die Aufgabe gestellt hat, die Mängel der Gerechtigkeit auszugleichen, den Reichen und Schlechten zu nehmen und den Armen und Guten zu geben, ein Kerl, aus dem besten Holze geschnitzt, dem man gut sein muß, wie jeder aus seiner Bande. Sein Bruder aber -- Franz heißt die Kanaille -- ist ein Bösewicht bis ins Mark der Knochen, läßt seinen eigenen alten Vater in einen Hungerturm sperren und gefangen halten, um sein Erbteil früher zu bekommen. Da sitzt nun der Alte -- und so weit sind wir -- und heute gibt's mehr. -- Wir leben in dem Stücke, und darum nennen wir uns selbst die Bande, und Schiller ist unser Hauptmann.«

»Mich habt ihr, wenn ihr mich brauchen könnt -- ich schwöre zu euch!«

»Gut dann, also heute abend um zehn Uhr.«

Die beiden trennten sich, und jeder gesellte sich zu einer anderen Gruppe.

Der Abend hatte sich niedergesenkt über die Residenz und die hohe Karlsschule. Um neun Uhr war, wie es gewöhnlich Brauch war, das Zeichen gegeben worden, sich zu Bett zu legen. Die Lichter erloschen bis auf die matten Lämpchen in den Schlafsälen, nur im Krankensaale brannte helleres Licht. Hier saß Schiller an dem großen Tische und schrieb. Er hatte sich für unwohl ausgegeben und hatte als Kranker manche Vorrechte, welche die Gesunden entbehren mußten. Einige medizinische Bücher waren aufgeschlagen zur Seite; aber er kümmerte sich darum nicht, und seine Feder flog rastlos über das Papier; seine Augen glänzten und seine Wangen brannten, denn er war mit ganzer Seele bei der Arbeit.

Jetzt schlug es draußen zehn Uhr, und gleich darauf huschten Gestalten leise über die Korridore heran und traten ein. Schiller begrüßte sie mit einem Händedruck, jeden einzelnen, dann schrieb er noch weiter, und schweigend saßen die andern an dem Tische.

Da kam _Scharffenstein_ und mit ihm _Petersen_, der auch schon Proben seiner dichterischen Begabung im engern Kreise abgelegt hatte, und mancher andere, alle in bequemen, leichten Hauskleidern, und endlich erschien auch Hoven mit Haug.

Jetzt legte Schiller die Feder weg, lehnte sich aufatmend in seinen Sitz zurück und begrüßte die beiden. Dann sprach er: »Brüder, ich stelle euch ein neues Mitglied unserer ›Bande‹ vor: Christoph Friedrich Haug, voll guten Ingeniums für die Poesie, zumal begabt mit witziger Satire und in seiner Gesinnung verbürgt von Hoven und Scharffenstein. Wollt ihr ihn aufnehmen?«

Ein allgemeines, halblautes »Ja« erfolgte -- denn das laute Sprechen war verpönt --, und Schiller trat an Haug heran: »Wohl denn, so gelobe mir in die Hand bei deiner Ehre, daß du schweigen willst von dem, was hier vorgeht, gegen jedermann, wohingegen ich dir in unserm Namen gelobe, daß es nichts ist gegen Ehre und Recht!«

Haug schlug in die dargebotene Hand ein und sprach: »Ich gelobe.« Dann reichte ihm ein jeder die Rechte, und Schiller fragte wieder: »Wer hat heute die Wache?«

»Petersen!«

»So walte deines Amtes, Petersen!«

Der Genannte trat an die Tür des Saales und lehnte sein rechtes Ohr daran; er mußte darauf achten, daß kein Störer nahe. Die andern aber hatten sich an dem Tische niedergelassen.

Schiller fragte: »Hat einer Geschäftliches zu berichten? Etwa von ›Sünden‹ zu bekennen?«

Unter »Sünden« aber verstand man Dinge, die verstohlenerweise in die Akademie eingeschmuggelt wurden, wie Würste, Brezeln, Tabak und auch verpönte Bücher.

Einer erhob sich: »Es sind sechs Pfund Tobak eingebracht und von der bekannten Quelle zu beziehen.«

Ein Zweiter sprach: »Ich habe Wielands Roman ›Agathon‹ durch einen Vetter erhalten und lege ihn hier nieder, damit er gemeinsam gelesen werde.«

»Brav!« sagte Schiller. »Unser letztes Exemplar hat Nieß aufgestöbert und weggenommen. -- Wollen wir gleich heute lesen?«

»Nein,« sagte Petersen, »wir brennen alle auf die ›Räuber‹; Schiller soll uns das Neueste bieten, was er geschrieben hat!«

»Ja, Schiller soll lesen!« riefen alle.

»Gut denn, wenn ihr's wollt!« sagte dieser nicht ohne ein zufriedenes Behagen und nahm das Papier zur Hand, auf welchem er geschrieben hatte. Die andern lehnten sich mit dem Gefühl der Spannung in ihren Sitzen zurück und sahen dem jungen Dichter in das erregte Gesicht. Dieser aber begann zu lesen, mit etwas verhaltener Stimme, und man merkte es ihm an, wie schwer es ihm bei einzelnen Wendungen wurde, sich zu beherrschen. Er verstand eben nicht recht, »sanft zu brüllen«, wie Scharffenstein mit einem klassischen Worte sich ausdrückte; aber verständlich war es, wie er las, und dem an der Tür postierten Petersen entging kein Wort.

Gegend an der Donau.

(Die Räuber gelagert auf einer Anhöhe unter Bäumen, die Pferde weiden am Hügel hinunter.)

_Karl Moor_: Hier muß ich liegen bleiben. (Wirft sich auf die Erde.) Meine Glieder wie abgeschlagen. Meine Zunge trocken wie eine Scherbe. (Schweizer verliert sich unbemerkt.) Ich wollt' euch bitten, mir eine Handvoll Wassers aus diesem Strome zu holen; aber ihr seid alle matt bis in den Tod.

_Schwarz_: Auch ist der Wein all' in unsern Schläuchen.

_Moor_: Seht doch, wie schön das Getreide steht! -- Die Bäume brechen fast unter ihrem Segen. -- Der Weinstock voller Hoffnung.

_Grimm_: Es gibt ein fruchtbares Jahr.

_Moor_: Meinst du? Und so würde doch _ein_ Schweiß in der Welt bezahlt. _Einer?_ -- -- Aber es kann ja über Nacht ein Hagel fallen und alles zugrunde schlagen.

_Schwarz_: Das ist leicht möglich. Es kann alles zugrunde gehen, wenige Stunden vorm Schneiden.

_Moor_: Das sag' ich ja. Es wird alles zugrunde geh'n. Warum soll dem Menschen das gelingen, was er von der Ameise hat, wenn ihm das fehlschlägt, was ihn den Göttern gleichmacht? -- Oder ist hier die Mark seiner Bestimmung?

_Schwarz_: Ich kenne sie nicht.

_Moor_: Du hast gut gesagt und noch besser getan, wenn du sie nie zu kennen verlangtest! -- Bruder -- ich habe die Menschen geseh'n, ihre Bienensorgen und ihre Riesenprojekte -- ihre Götterpläne und ihre Mäusegeschäfte, das wunderseltsame Wettrennen nach Glückseligkeit; -- dieser dem Schwung seines Rosses anvertraut -- ein anderer der Nase seines Esels -- ein dritter seinen eigenen Beinen; dieses bunte Lotto des Lebens, worein so mancher seine Unschuld und -- seinen Himmel setzt, einen Treffer zu erhaschen, und -- Nullen sind der Auszug --, am Ende war kein Treffer darin. Es ist ein Schauspiel, Bruder, das Tränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelächter kitzelt.

_Schwarz_: Wie herrlich die Sonne dort untergeht!

_Moor_ (in den Anblick versenkt): So stirbt ein Held! -- Anbetungswürdig!

_Grimm_: Du scheinst tief gerührt.

_Moor_: Da ich noch ein Bube war, war's mein Lieblingsgedanke, wie sie zu leben, zu sterben wie sie. -- (Mit verbissenem Schmerze) Es war ein Bubengedanke!

_Grimm_: Das will ich hoffen.

_Moor_ (drückt den Hut übers Gesicht): Es war eine Zeit -- laßt mich allein, Kameraden!

_Schwarz_: Moor! Moor! Was zum Henker! -- Wie er seine Farbe verändert!

_Grimm_: Alle Teufel! Was hat er? Wird ihm übel?

Moor: Es war eine Zeit, wo ich nicht schlafen konnte, wenn ich mein Nachtgebet vergessen hatte. --

_Grimm_: Bist du wahnsinnig? -- Willst du von deinen Bubenjahren dich hofmeistern lassen?

_Moor_ (legt sein Haupt an Grimms Brust): Bruder, Bruder!

_Grimm_: Wie? -- sei doch kein Kind -- ich bitte dich. --

_Moor_: Wär' ich's -- wär' ich's wieder!

_Grimm_: Pfui, pfui!

_Schwarz_: Heit're dich auf. Sieh' diese malerische Landschaft -- den lieblichen Abend.

_Moor_: Ja, Freunde! Diese Welt ist so schön.

_Schwarz_: Nun, das war wohlgesprochen.

_Moor_: Diese Erde so herrlich.

_Grimm_: Recht, recht -- so hör' ich's gern.

_Moor_ (zurückgesunken): Und ich so häßlich auf dieser schönen Welt --, und ich ein Ungeheuer auf dieser herrlichen Erde.

_Grimm_: O weh, o weh!

_Moor_: Meine Unschuld, meine Unschuld! -- Seht, es ist alles hinausgegangen, sich im friedlichen Strahle des Frühlings zu sonnen, -- warum ich allein die Hölle saugen aus den Freuden des Himmels? -- Daß alles so glücklich ist, durch den Geist des Friedens alles so verschwistert! -- Die ganze Welt _eine_ Familie und ein Vater dort oben. -- _Mein_ Vater nicht; -- ich allein der Verstoßene, ich allein ausgemustert aus den Reihen der Reinen, -- mir nicht der süße Name Kind, -- nimmer mir der Geliebten schmachtender Blick, -- nimmer, nimmer des Busenfreunds Umarmung. (Wild zurückfahrend) Umlagert von Mördern, -- von Nattern umzischt, -- angeschmiedet an das Laster mit eisernen Banden, -- hinausschwindelnd ins Grab des Verderbens auf des Lasters schwankendem Rohr, -- mitten in den Blumen der glücklichen Welt ein heulender Abaddona. -- --

In diesem Augenblicke, da alle mit größter Spannung und angehaltenem Atem lauschend nach Schiller hinsahen, erscholl vom Eingange ein warnendes »Pst!« und gleich darauf sprang Petersen von der Tür heran. In wenigen Sekunden war das ganze Bild verändert. Die Stühle, bis auf jenen, auf welchem Schiller saß, waren plötzlich leer und die »Bande« wie mit einem Zauberschlage verschwunden, als ob sie in den Boden versunken wäre. Schiller selbst saß über ein medizinisches Werk gebückt, seine Dichtung aber hatte wohl einer der Genossen an sich genommen.

Jetzt öffnete sich die Tür, und in ihrem Rahmen erschien Herzog Karl Eugen, begleitet von Herrn von Seeger und einem Diener, der einen Armleuchter mit brennenden Kerzen trug. Der hohe Herr kam nicht zum erstenmal zu dieser Zeit in den Krankensaal; denn er liebte es, seine »Söhne« zu jeder Tag- und Nachtstunde zu »visitieren« und sich von ihrem Tun und Treiben zu überzeugen. Schiller hatte sich ehrerbietig grüßend erhoben. Der Herzog aber trat ganz nahe an ihn heran, sah in das Buch, das vor ihm auf dem Tische lag, und da er merkte, daß es ein medizinisches Werk war, sprach er sich anerkennend über den Fleiß und den Eifer, den Schiller für sein Fachstudium bekundete, aus. Dann winkte er diesem, sich niederzusetzen, und setzte sich selbst beinahe vertraulich an seine Seite: »Ein Kranker soll nicht stehen. -- Wo fehlt's Ihm denn eigentlich? -- Es kommt mir vor, als wenn Er schon öfter im Krankensaale gewesen wäre -- hm?«

»Ich leide viel an katarrhalischen Affektionen, Durchlaucht,« erwiderte Schiller einigermaßen befangen -- »die zwar nicht bedenklich sind, aber Schonung der Atmungsorgane verlangen.«

»Das mag sein! Hoffentlich schont Er aber auch seine Organe und hält sich vor allem fern von dem verderblichen Rauchkraut, so für die Jugend Gift ist. Ich möchte nicht gern hören, daß meine Karlsschüler dem Rauchlaster verfielen. Ich habe meinen Verdacht auf den Nassau -- wie ist's, Seeger!«

»Ich habe nichts Gravierendes erfahren, Durchlaucht!«

»Hm, Nieß hat mir so Andeutungen gemacht! -- Na Gott befohlen, Schiller, -- sehe Er zu, daß es bald wieder gut geht mit ihm, -- ich freue mich an seinem Fleiße!«

Der Herzog erhob sich, klopfte seinem Günstling wohlwollend auf die Schulter und ging mit dem Intendanten. Schiller aber atmete auf; er hatte in den letzten Minuten wirkliche Brustbeklemmungen gespürt bei dem Gedanken, daß auch unter dem Tische, nur durch die Decke verborgen, einer oder zwei seiner Freunde steckten, und daß es leicht möglich war, daß der Herzog mit seinem Fuße an dieselben stieß; dann konnte alles entdeckt und verraten sein.

Einen Augenblick blieb alles still; keiner der Karlsschüler wagte noch sein Versteck zu verlassen, solange nicht der gefürchtete Herr sich wieder völlig zurückgezogen hatte. Aber dessen Schritt wollte draußen nicht verklingen, ja bald hörte man seine, wie es schien, zornige Stimme. In der Tat hatte Karl Eugen vor der Tür einen Augenblick still gestanden und mit emporgehobener Nase die Luft eingezogen, dann hatte er sich zu dem Intendanten gewendet: »Seeger, riecht Er nichts?«

Der Gefragte gab sich Mühe, etwas Besonderes zu riechen; aber es wollte sich nichts finden, und beinahe verlegen erklärte er, er finde nichts Außergewöhnliches.

»So will ich's ihm sagen: Es riecht nach Tabaksrauch -- ganz genau. Wo kann das herkommen?«

Er sah sich um und erblickte eine kleine, dichtanliegende Tür, welche in einen niedrigen, vorspringenden Raum führte.

»Was ist das hier?« fragte der Herzog.

»Der Vorkamin des Schlafsaals, Durchlaucht!« war die Antwort, und Serenissimus trat näher und befahl zu öffnen. Der Intendant versuchte es, aber vergebens, -- die Tür gab nicht nach.

»Das ist ja recht seltsam -- findet Er nicht auch? -- Das kann doch von außen nicht verschlossen werden, das Hindernis kommt von innen. Wenk!« rief er dem Diener, »versuche Er es einmal, und wenn es nicht geht, so hole Er Sprengwerkzeuge, -- das Hindernis muß ich kennen lernen!«

Der Intendant nahm den Leuchter aus der Hand des Lakaien, und dieser begann nun, an dem eisernen Ringe, der außen an dem Türchen war, zu ziehen. Er öffnete es ein wenig, aber gleich darauf schnappte es wieder zu; doch noch kräftiger faßte der Mann an und zog mit der ganzen Wucht seines Körpers, so daß die Tür plötzlich nachgab und er selbst zurückgeschleudert wurde, daß er seinem Herrn zu Füßen fiel. Aus dem geöffneten Eingange quoll ein bläulicher Dampf, und der Herzog rief, indem er dem Intendanten den Armleuchter entriß und in den engen, dunkeln Raum hineinleuchtete: »Nun, Seeger, riecht Er noch nichts? -- Und sieht Er auch nichts? -- Heraus, Unglücksmensch, wenn es nicht ein Malheur geben soll!«

Auf diesen Befehl ward es in dem Vorkamin lebendig, und gleich darauf kroch eine Gestalt heraus im bequemen Hausrocke und richtete sich, die verhängnisvolle Pfeife noch in der Hand, stramm vor dem Fürsten auf: es war der junge Graf von Nassau.

Beinahe verblüfft schaute ihm der Herzog in das halb verlegene, halb schelmische Gesicht und schien nicht gleich ein Wort zu finden; er leuchtete ihm nur ganz nahe unter die Augen, dann gab er den Armleuchter dem Diener und erfaßte mit der Rechten das linke Ohr des Schuldigen und zog ihn hinter sich her wieder hinein in den Schlafsaal, wo Schiller noch immer vor dem Tische saß, während die andern Mitglieder der »Bande« regungslos in ihren nichts weniger als bequemen Lagen verharrten. Dabei räsonierte er unaufhörlich: »Und das ist einer von den Kavaliers, die mit gutem Beispiel vorangehen sollten; statt dessen treibt er allen Unfug und alle gotteslästerlichen, schädlichen Allotria. Hier, nehme Er sich ein Exempel an Friedrich Schiller, der nur eine bürgerliche Qualifikation hat, und der alles tut zu seiner Erudition, so daß aus ihm etwas werden wird; -- aber Er, Nassau, trotz seiner vornehmen Abkunft ist ein Haselant, ein Hansnarr, ein Filou!«

Der Herzog hielt noch immer das Ohr des Schuldigen fest, der alle Bewegungen mitmachte, die sein Peiniger in der Erregung seiner Rede ausführte; jetzt ließ die kräftige Hand los, und wiederum stand der junge Graf in aufrecht straffer, militärischer Haltung da. Er war ein hübscher Bursche mit einem frischen, gutmütigen Gesicht, das auch jetzt im Grunde nicht gerade ängstlich dreinschaute, so daß der Herzog, da er ihn anblickte, eine Regung des Wohlgefallens nicht unterdrücken konnte.

»'s ist schade um Ihn, Nassau, wenn Er so weiter macht! Fühlt Er denn nicht, daß ich's gut mit Ihm meine, hm?«

»Ich anerkenne dankbar Eurer Durchlaucht gnädige Huld, so Höchstdieselben erst heute wieder mir so sichtbarlich erzeigt ...«

»Er täte besser, mich nicht daran zu erinnern -- Er Filou! -- Aber zum zweitenmal geht's nicht mit Keckheit und Frechheit, daß Er's weiß. Wie kommt Er denn zu dem infamen Rauchzeug?«

»Ein Vetter hat mir's beim Besuch mitgebracht!«

»Seine Vettern werden nicht mehr vorgelassen, oder am Eingang genauestens visitiert, nehme Er das zur Kenntnis, Seeger!«

Der Herzog nahm dem Schuldigen die Pfeife aus der Hand und besah sie halb widerwillig, halb neugierig.

»Und wie das übel riecht! ~Fi donc!~«

Er schlug mit dem Pfeifenkopf an die Tischkante, daß er in kleine Scherben zersplitterte, und auch Schiller, der sich erhoben hatte und als stummer Zuschauer dastand, erschrocken zurückfuhr.

»Und jetzt hätt' ich Lust, das Rohr an Ihm selber zu probieren!« sagte Karl Eugen, indem er das bedrohliche Instrument schwang und einigemal durch die Luft sausen ließ; der junge Graf, in dessen Antlitz nichts zuckte, ward bleich, seine Lippen bissen sich aufeinander, und seine Augen funkelten seltsam, so daß der Herzog unwillkürlich einen Schritt zurücktrat.

»Sehe Er mich nicht an, wie ein gereizter Löwe -- das lieb' ich nicht bei meinen Karlsschülern. Und sei Er ruhig, -- ich will Ihm nicht an die Reputation gehen; aber Strafe muß sein! Drei Tage Karzer, verschärft durch entsprechendes Fasten!«

Der Intendant verneigte sich zustimmend; Karl Eugen aber kommandierte: »Rechts um -- marsch!« und der junge Graf, der ihm zuvor noch die Hand geküßt hatte, bewegte sich genau nach dem Kommando und verschwand im Paradeschritt durch die Tür.

Der Herzog aber wendete sich zu Schiller: »Es tut mir leid, daß ich Ihn noch einmal gestört habe; -- aber ich meine, Er geht jetzt auch zur Ruhe, -- für einen Kranken ist's besonders an der Zeit!«

»Zu Befehl, Durchlaucht!« war Schillers Antwort, und mit einem gnädigen Nicken entfernte sich der Herzog mit seinen Begleitern. Als die Schritte auf dem Korridor draußen verhallt waren, begann es sich unter dem Tische und unter den Betten zu regen, und die jungen Verschwörer krochen hervor und reckten und dehnten die Glieder.

»Er geht jetzt auch zur Ruhe!« sagte Scharffenstein zu Schiller, indem er den Herzog parodierte; Hoven aber sprach: »Lange hätt' ich's nicht ausgehalten; denn ich glaube, ich habe in Wirklichkeit den Katarrh, um dessentwillen Schiller hier sitzt. Na, gute Nacht, Hauptmann!«

»Na, dein erstes Auftreten in der Bande war doch nicht übel?« sprach Petersen zu Haug; dieser aber erwiderte: »Es hat sich wenigstens recht dramatisch gemacht, obgleich ich eine etwas bequemere Rolle vorgezogen hätte.«

»Dafür aber hast du den besten Platz gehabt, um die komische Szene ›Der arme Sünder‹ oder ›Der Filou im Vorkamin‹ anzusehen.«

Die andern lachten halblaut, dann huschten sie davon, unhörbar, leise, und als eine halbe Stunde später Nieß noch einmal den Schlafsaal inspizierte, fand er auch Schiller bereits in ruhigem Schlummer.

Am vierten Tage nach diesen Vorgängen traf Nassau, der seine Strafe hinter sich hatte, mit Schiller zusammen. »Höre Er, Hauptmann -- ich hatte da vor vier Tagen seine ganze ›Bande‹ in der Hand --; doch, bei Gott, ich hätt' mir die Zunge ausschneiden lassen, eh' ich's verraten hätte. Aber andermal seht doch erst in den Vorkamin -- es könnt' auch einmal ein anderer drin sitzen -- vielleicht sogar der dicke Nieß. -- Aber alle Achtung, Schiller, über den Rücken ist mir's ganz wohlig und gruselig hinunter gelaufen, wie Er deklamierte: Umlagert von Mördern -- angeschmiedet an das Laster ... Er hat wirklich das Zeug zu einem großen Dichter, und wenn sein Stück fertig ist, vergesse Er nicht, mich's ganz genießen zu lassen, -- ich hab's um die ›Bande‹ verdient.«

Schiller schüttelte dem lustigen Burschen freundlich dankend die Hand, dann gingen sie auseinander.

Wachsender Unmut

Es war im Dezember 1779. Die Schneeflocken tanzten um die Karlsschule, der Garten lag unter einer weißen Decke, und Schiller stand an einem Fenster seines Schlafsaals und blickte zerstreut hinaus. Wunderliche Gedanken gingen ihm durch die Seele und freundliche Hoffnungen. Er hatte seine Studien eigentlich absolviert, hatte die vorschriftsmäßige schriftliche Arbeit abgegeben und harrte nun mit Spannung auf das Ergebnis. Die Entscheidung lag in der Hand des Herzogs; er hoffte aber auf dessen Gewogenheit und sah sich darum im Geiste schon außerhalb dieser Mauern, die ihn jahrelang umschlossen und ihm die freie Bewegung der Seele eingeengt hatten. Da draußen lag eine Welt, die er so gut wie gar nicht kannte, und die er, weil sie ihm fremd war, sich mit den leuchtendsten Farben ausmalte. Wie wollte er das Dasein genießen, wie wollte er leben, schaffen, nach Berühmtheit streben und der Welt zum Dank für ihre Gaben auch sein Bestes, das herrlichste Teil seines Geistes geben.

Ein Diener trat ein und rief ihn zu dem Intendanten. Mit hochklopfendem Herzen folgte Schiller, und mit gerötetem Angesicht trat er bei Herrn von Seeger ein. Der empfing ihn ungewöhnlich freundlich und sprach: »Mein lieber Freund, ich möchte Ihnen gern eine angenehme Mitteilung machen. Sie wissen, daß wir alle Sie schätzen Ihres Ingeniums wegen, und daß auch Serenissimus es wohlmeint mit Ihnen. Wir haben allzusammen Ihre Abhandlung mit großem Interesse gelesen und uns über den Geist derselben und den Schwung des Ausdrucks gefreut. Seine Durchlaucht aber kann sich doch nicht entschließen, dieselbe in Druck legen zu lassen, soviel Anerkennung auch Höchstderselbe dafür hat. Hören Sie, was er schreibt: Die Disputation von dem Eleven Schiller soll nicht gedruckt werden, obschon ich gestehen muß, daß der junge Mensch viel Schönes darin gesagt -- und besonders viel Feuer gezeigt hat. Eben deswegen aber und weilen solches wirklich noch zu stark ist, denke ich, kann sie noch nicht öffentlich an die Welt ausgegeben werden. Dahero glaube ich, wird es auch noch recht gut vor ihm sein, wenn er noch ein Jahr in der Akademie bleibt, wo inmittelst sein Feuer noch ein wenig gedämpft werden kann, so daß er alsdann einmal, wenn er fleißig zu sein fortfährt, gewiß ein recht großes Subjektum werden kann.«

Der Intendant ließ das Schreiben, das er in der Hand hielt, sinken und sah Schiller wohlwollend an; dieser aber stand bleich da, und seine Lippen stießen das Wort hervor: »So ist es ein Vergehen, eine eigene Meinung haben, und einen eigenen Geistesweg gehen zu wollen? Dann ist diese ganze Anstalt -- --«

»Halt -- nicht weiter! Ich darf solches nicht hören. Werden Sie ruhig, und Sie werden auch darin das väterliche Wohlwollen Serenissimi erkennen!«

»Väterliches Wohlwollen, wenn ich gezüchtigt werde ohne Schuld -- --«

»Keine Insubordination!« sagte der Intendant jetzt strenge, und Schiller biß sich auf die Lippen, indes jener fortfuhr: »Ein Jahr ist keine lange Frist! Lassen Sie Ihren Geist ruhiger werden und reifen, -- Sie beweisen durch diese Hitze, daß Ihnen vor allem Selbstbeherrschung fehlt. Gehen Sie mit Gott und halten Sie brav aus!«

Schiller ging; aber in seiner Seele lebte eine Welt von Unmut, er hätte in diesem Augenblick die Erde aus ihren Angeln heben und zertrümmern mögen, und lebhafter dachte er in dieser Stunde seines Helden Karl Moor, dem er die Entrüstung seiner Seele über das nach seiner Meinung ihm zugefügte Unrecht in den Mund legen wollte. Die Welt sollte es dereinst hören, und dem Herzog sollten darüber die Ohren klingen.