Part 7
Was hatte man nicht alles von dem jungen – fast allzu jungen – Fürsten erwartet! Lustige Feste, Heiterkeit, einen frischen Zug, der in das verschlafene Hofleben und in die Residenzstadt endlich einmal fröhliche Stimmung bringen sollte. Fremde Fürstenbesuche, Bälle, Hofjagden, einen Ball der Bürgerschaft in den neuen Rathaussälen, vielleicht eine Förderung des Theaters, in jedem Fall aber ein freundliches Gesicht, Teilnahme für die Wünsche der Stadt und des Landes.
Welch hübscher junger Prinz war dieser Karl Heinrich gewesen, offen, liebenswürdig! Freilich hatte er als Kind schon im Verkehr mit Fremden eine Zurückhaltung stets gezeigt, eine leichte Unbeholfenheit und Menschenscheu, aber er war damals eben ein Kind.
Wenn jetzt Seine Durchlaucht durch Karlburg fuhr, so lehnte er in seinem Wagen neben dem Adjutanten und erwiderte die Grüße kalt, gleichgültig. Die Deputationen der Städte empfing er in großer Audienz, ohne auf deren Ansprachen mehr als kurze Antworten zu finden. Der alte Fürst war in den letzten Jahrzehnten eisig, abweisend, hochfahrend gewesen, der junge Fürst schien alles in verstärktem Maße zu sein.
»Wenn er verheiratet ist,« trösteten sich die Kammerherren und Hofleute, »wird er anders werden,« und dieser schwache Glaube fand in der Bürgerschaft Widerhall: »Wenn er nur erst verheiratet ist.«
Die Hochzeit war auf den 30. Mai festgesetzt, am 4. Juni würden die fürstlichen Herrschaften in Karlburg Einzug halten.
Am 5. Juni Fackelzug der Bürgerschaft, am 6. Juni erstes großes Hoffest im Schlosse, drei weitere Tage hindurch Empfänge, Audienzen, Feste aller Art. In dem Hofmarschallamt wurde Tag und Nacht gearbeitet, in Schloß und Stadt herrschte ein fieberhafter Eifer, alles vorzubereiten und in stand zu setzen, der einzige, der seine kalte Ruhe bewahrte, war der, für den alles dies geschah.
Da ereignete sich – zwölf Tage vor dem Termin der Hochzeit – etwas Seltsames, das, ohne später irgendwie besondere Folgen nach sich zu ziehen, einige Tage lang alle Gemüter in Aufregung hielt.
Ein eigentümlicher Mensch in uraltem Frack und gleichem Cylinder wurde durch Lakaien dem dienstthuenden Kammerherrn und durch diesen Seiner Excellenz dem Hofmarschall zugeführt. Er hatte in ziemlich unzeremonieller Weise im Schlosse Eingang zu gewinnen versucht und beteuerte, Seine Durchlaucht sprechen zu müssen.
»Der Mensch, Eure Excellenz,« erklärte der Kammerherr, »heißt Kellermann und stammt aus Heidelberg. Er behauptet, bei Seiner Durchlaucht ein Anliegen zu haben, dessen Erfüllung ihm Durchlaucht damals in Heidelberg fest zugesagt habe.«
Seine Excellenz der Hofmarschall, überarbeitet und nervös, befahl, das Subjekt fortzuschicken, respektive das Subjekt auf den Weg einer schriftlichen Eingabe zu verweisen, aber irgend eine Ahnung sagte dem Kammerherrn, daß Seine Durchlaucht eventuell geneigt sein werde, nicht des Subjektes wegen, sondern seiner selbst wegen den Menschen anzuhören. Und so geruhte der Kavalier, bei der Mittagstafel Seiner Durchlaucht von dem Subjekt zu erzählen.
»Kellermann?«
»Jawohl, Eure Durchlaucht, ein Mensch Namens Kellermann.«
»Aus Heidelberg?«
»Aus Heidelberg, Eure Durchlaucht.«
»Es ist gut. Führen Sie, bitte, den Mann zu mir. Nach der Tafel.«
Ruhig, mit seinem steinernen Gesicht, ohne eine Spur von Hast, beendete der Fürst die Mahlzeit, aber ein Sturm von Erinnerungen war in ihm erwacht. Kellermann! Heidelberg! Einer von damals! Endlich einer von damals! Wenn auch nur Kellermann! Der armselige Kellermann.
Kalt und gleichgültig verabschiedete er sich von seinen Kavalieren, dann ging er hinüber in sein Arbeitszimmer und öffnete den Schreibtisch. Da lag das dreifarbige Band, die Mütze, die Blumen ...
Die Lakaien im Vorzimmer schauten einander an und schüttelten die Köpfe. Sie schauten einander wieder an und schüttelten die Köpfe. Seit zwei Stunden war das fremde Subjekt drinnen bei Seiner Durchlaucht und kam nicht wieder.
Hätten sie hineinschauen können und sehen, wie der alte Mensch in seinem schäbigen Frack in Durchlauchts Ledersessel saß, während der Fürst dem Alten die Hand auf die Schulter gelegt hatte, sich dicht zu ihm beugte und mit zuckenden Lippen zu lächeln versuchte!
»Dieser Kellermann! Er will Kellermeister werden! Er hat nicht vergessen, was ich ihm damals versprochen habe. Er kommt extra von Heidelberg und bringt Frack und Cylinder mit. Laß dich ansehen, Kellermann. Wie er ausschaut!«
Er lachte, zum erstenmal seit Jahren.
»Ja, Kellermann, bravo! Du bleibst, du wirst mein Kellermeister, selbstverständlich. Aber du hast Hunger und vor allem Durst, du kommst von der Reise, wann bist du angekommen?« Er drückte auf die Klingel: »Bringen Sie Wein und etwas für den Herrn da zu essen. Ja, hierher. Ohne alle Umstände.«
Er ging zweimal auf und ab, dann blieb er wieder stehen:
»Sieh mich mal an, Kellermann. Kennst du mich noch? Hast du mich erkannt?«
»O freilich.«
»Wirklich? Hast du?« Er lachte nicht mehr. Er legte einen Moment beide Hände flach an die Schläfen und starrte vor sich nieder. Es sind zwei Jahre her, da ändert man sich, in zwei Jahren geschieht vieles.
Müde schaute er nach einer Weile auf, Kellermann hatte etwas bedrückt und verschüchtert eine Frage gethan.
»Deine Frau mitbringen? Ja natürlich. Aber meine Wäsche, Kellermann, kann sie nicht mehr besorgen wie in Heidelberg. Oder dachtest du?« Er lächelte wieder, und Herr Kellermann lächelte gleichfalls.
»Nun erzähle, Kellermann, das ist die Hauptsache. Von Heidelberg. Von allen.«
Aber dieses Erzählen ging schwer von statten. Aus freien Stücken berichtete Herr Kellermann nichts, er verlangte, daß man ihn fragte, daß man jede Frage genau präzisierte und erst nach der Beantwortung an die Erledigung eines neuen Themas ging. Er war wie eine alte Chronik, aus der man sich durch mühsames Zusammensuchen belehrt, aber eines hatte er vor diesen alten Chronikbüchern voraus: er war zuverlässiger und blieb keine Antwort schuldig.
Ja, Herr Bilz war noch bei »Saxonia« aktiv, auch der kleine Hammerschmidt, der zu Ostern durchs Examen gefallen war, auch Herr von Bansin, der in Heidelberg der beste ~S. C.~-Fechter geworden war und dieser Kunst zuliebe seinen Aufenthalt auf deutschen Universitäten beständig verlängerte; aber alle die andern waren fort, die meisten schon lange.
»Ernst von Heidenreich?«
»Nach Berlin.«
»Franzius?«
»Nach Berlin.«
»Und der dicke Kurt Engelbrecht?«
Herr Kellermann zog ein ernstes Gesicht und sagte mit gedämpfter Stimme:
»Nach drüben, nach Amerika.«
Also nur drei waren noch in Heidelberg. Drei letzte von der lustigen Schar, die damals nie an die Zukunft gedacht hatte, die hingelebt hatte, als ob sie ewig beisammen bleiben würde. Zerstoben in alle Winde.
Der Lakai brachte Wein und Speisen, die Herr Kellermann ohne viel Ziererei entgegennahm, dann, nach einer langen Pause, mußte dieser von neuem berichten. Wo der Regierungsrat begraben sei, und ob Kellermann das Grab gesehen habe. Wer jetzt in Frau Dörffels Zimmern wohne, – ging man noch alle Vormittag zum Frühschoppen aufs Schloß? – fuhr man wie damals alle Montag nach Neckarsteinach? – war Herr Roux noch Fechtlehrer? – und wie war es mit den Mensuren? – paukten die Corps in Heidelberg oder auf den Dörfern? – und dann:
»Was macht Fräulein Käthie?«
»Käthie?«
»Die in Rüders Gasthaus?« Er stockte mit der Stimme und wurde blutrot bei der Frage. Aber Herr Kellermann merkte nichts von der Befangenheit, und gleichmütig gab er Bescheid.
»Ja, die. Ja, die ist auch noch da.«
»Bei Rüder?«
»Ja bei Rüder.«
»Und – und – geht es ihr gut?«
»Ganz gut.«
»Sie ist immer noch da? Ganz wie früher? Wenn man hinkommt zu Rüders, dann – dann findet man sie noch?«
»Natürlich.«
Karl Heinrich trat in die Mauernische des gewölbten Fensters und starrte hinaus. Durch die breite Lindenallee des Schloßparkes sah er Felder, die sich endlos in die blaue Ferne dehnten. Tief unten an der Schloßmauer vor dem breiten Graben blühte der Flieder, und über dem Wasser schossen pfeilschnell die Schwalben, oft dicht an dem Fenster vorbeistreifend.
Zwei lange, einsame Jahre hatte er hier gehaust, fern der fröhlichen Welt, am Lager eines vergrämten Kranken, der nicht sterben wollte und mit den langsam erstarrenden Händen ihn fest umklammerte. Während er selbst zu schwach und zu feige gewesen war, sich gewaltsam loszureißen.
Zwei beste Jahre! Zwei Jahre, in denen er hätte glücklich sein können. Sie erschienen ihm wie Jahrzehnte. Jenseits dieser Jahrzehnte lag seine kurze Jugend, an die er kaum noch gedacht, die er fast vergessen hatte. Vergessen! Wie nur schwächliche Seelen vergessen!
Heidelberg, das Corps, Käthie – das waren ferne, traumhafte Begriffe geworden, und jetzt kam dieser Mensch da und erzählte! Und erzählte, daß das alles noch war, jetzt noch war; daß drüben in Heidelberg, hundert Meilen entfernt, eine Tagereise entfernt, diese Menschen noch lebten! Spazieren gingen, sich ihres Lebens freuten, tranken, lachten, liebten – und das alles ohne ihn, als ob ein Prinz Karl Heinrich nie existiert hätte oder zum wenigsten nie für sie notwendig gewesen sei.
Da kam aus dem Hintergrunde des Zimmers Herrn Kellermanns Stimme, die zum erstenmal ungefragt redete. Schwer und langsam, als ob er eine tiefe Weisheit verkünde und während der letzten stummen Minuten darüber nachgesonnen habe, sagte er:
»So ist Heidelberg nicht mehr wie früher. Das sagen alle, das sagt auch Herr Bilz.«
»Wie nicht mehr?«
»Als wie damals. Als wie Sie da waren.«
Karl Heinrichs Augen leuchteten.
»Sagen sie das? Sagen das alle? _Sprechen_ sie in Heidelberg noch von mir, Kellermann?«
»O ja.«
»Hat keiner einmal gefragt« – er faßte den Alten an beiden Schultern und riß ihn empor – »ob ich wiederkommen würde? Oder weshalb ich nicht wiederkäme, Kellermann?!«
»Ja, ja, o ja, oft.«
»Und die Kleine – die bei Rüders?«
»Die –?« Herr Kellermann war etwas verdutzt. Langsam dachte er nach und kramte in seinem Gedächtnis. »Die –?« Da blitzte irgend eine Erinnerung in ihm auf, eine Kette von Erinnerungen schloß sich in seinem Hirn, und halb mit sich selbst redend, nickte er vor sich hin.
»Die Käthie. Richtig! Ja, ja! Die hat viel geweint.«
* * * * *
»Sorgen Sie für den Alten, meine liebe Excellenz, ich bitte Sie darum. Der Mann steht mir nahe aus meiner Heidelberger Zeit her, ich möchte ihn gut aufgehoben wissen.«
Der Hofmarschall war glücklich. Das waren die ersten warmen Worte, die er aus dem Munde Seiner Durchlaucht je erhalten hatte. Und wie seltsam der Fürst gesprochen hatte! Fast weich. Nichts von dieser schroffen Zurückhaltung, die sonst alles um den Fürsten erstarren machte. Was war denn geschehen?! »Meine liebe Excellenz?!«
Die Excellenz selbst geleitete den Alten in die Gastzimmer, die Lakaien flogen, Küche und Keller mußten das Beste leisten; o, Herr Kellermann durfte zufrieden sein.
Aber was war geschehen?!
* * * * *
Der Fürst saß wach bis spät in die Nacht.
Die Jugend, die vergessene, verlorene, hatte noch einmal an das Thor gepocht, und Karl Heinrichs müdes, versteinertes Herz zuckte.
In wenigen Tagen würde er ausziehen, um in das Schloß zu Karlburg die Braut zu holen, und von dem Tage an begann die ruhige, gemessene Zeit gereiften Lebens. Von da an war alles klar, vorgeschrieben, ausgerechnet, jeder Schritt und jede Handlung vorgezeichnet, alles zukünftige Leben eine schnurgerade Straße, auf der man so lange fortpilgert, bis das Ende erreicht ist. Jedes Bürgermannes Leben kann im Zickzack gehen, auf und nieder schwanken, das des Fürsten ist berechnet und abgezirkelt, sicher und einförmig in alle Zukunft.
Einen einzigen Menschen haben, der jetzt dasäße und spräche:
»Karl Heinrich, das ist nicht anders, du mußt das ertragen.« Der ihn trösten oder beruhigen würde, oder ...
»Mein Gott! Mein Gott!«
Er war wie außer sich.
Und Totenstille.
Draußen im Park rauschte der Nachtwind leise in den Bäumen, aber das Schloß schlief. Karlburg schlief, die Stadt, das Land, hier schlief alles.
Mitternacht. – Da saßen sie in Heidelberg in Rüders Garten bei Lampions, sangen, tranken, lachten und sahen nach der Uhr und sagten: »Es ist erst Mitternacht.«
Und da kam Käthie durch den Garten mit ihrer weißen Schürze und gähnte etwas und rieb mit den kleinen Fäusten die Augen, – daß alle lachten, und Karl Heinrich ihr das Glas entgegenhielt: »Trink, Käthie, werde wieder munter!« – –
»Prost, Karl Heinz! Sollst leben!«
Wer rief das?! Er fuhr auf und starrte vom Fenster her in das halbdunkle Zimmer. Wer hatte das gerufen?! Da aus dem Zimmer her?!
Das war des Doktors Stimme! »Prost, Karl Heinz, sollst leben!«
Ein leises Zittern ging über den Fürsten. Er trat zurück in das Zimmer, schraubte die Lampe höher und trank das große Weinglas in einem Zuge leer.
»Sollst leben!« – Ja, er lebte, und der Doktor, der das tausendmal gerufen hatte, moderte in der Erde.
»Sollst leben!« Ja, der Karl Heinz lebte noch, ein herrliches Leben!
Er schenkte das Glas von neuem voll und hob es empor. Gegen die dunkle Ecke da drüben starrte er und schwenkte das Glas:
»Doktor!!«
Und als alles totenstill blieb: »Dein Wohl!«
* * * * *
Herr Lutz saß draußen im Vorzimmer und kämpfte seit Stunden mit dem Schlafe. Nie seit der Heidelberger Zeit hatte man ihm eine solche Nachtwache zugemutet. Zu verschiedenen Malen horchte er an der Thür, ob Seine Durchlaucht nicht etwa am Schreibtisch eingeschlafen sei, aber immer wieder hörte er drinnen die dumpfen Schritte des ruhelos auf und ab Wandelnden.
Ja, was war geschehen?!
Aber Herr Lutz konnte nicht mehr denken. Er war so sterbensmüde, daß sein Körper zwar noch wachte, aber sein Geist vollständig gelähmt erschien. O gut, daß diese Hochzeit vor der Thür stand. Von da an ging man pünktlich schlafen und lebte, wie sich’s gehört.
Da endlich – es war nachts drei Uhr – kam der erlösende Ruf der schrillen Glocke.
»Sofort!«
Herr Lutz fuhr auf. In der nächsten Sekunde war er in Seiner Durchlaucht Zimmer.
Der Morgen dämmerte herein, und in dem fahlen Licht stand der Fürst am Fenster, von den trüben Schatten des Zwielichts grau überdeckt:
»Sind Sie noch wach, Lutz?«
»Zu Befehl, Eure Durchlaucht.«
»Lutz, Sie können heute nicht schlafen gehen. Wecken Sie die Diener, meine Koffer sollen gepackt werden. Man soll Seine Excellenz den Herrn Hofmarschall benachrichtigen. Ich verreise.«
»Ver –?«
»Sie begleiten mich, Lutz, Sie ganz allein. Wir reisen nach Heidelberg.«
»H–Heidelberg –?«
»Nur auf einen Tag oder zwei. Am Sonntagabend sind wir wieder zurück. Wir haben keine Minute zu verlieren. Vorwärts!«
Herr Lutz ging, den Kopf etwas vornübergeneigt, wie jemand, der einen heftigen Schlag auf den Schädel erhalten hat und momentan nicht zu denken vermag.
Karl Heinrich stand und schaute in den immer helleren Morgen mit leuchtendem Gesicht.
»Einmal noch!«
»Noch einmal!«
Achtes Kapitel.
Als Hofmarschall und Kammerherren, aus dem Schlafe geweckt, atemlos und mit verstörten Gesichtern auf dem Bahnhof erschienen, war die schwarze Qualmwolke des Kurierzuges längst in der hellen Morgenluft verweht.
Es war sechs Uhr morgens.
Man drängte um den Stationsassistenten, der, immer noch fassungslos, nichts zu berichten wußte, als daß Durchlaucht kurz vor Passieren des Kurierzuges vorgefahren sei, Ordre gab, den Zug halten zu lassen, und – nur von dem Kammerdiener begleitet – die Reise angetreten habe.
Ja, was war geschehen?!
Was?! Was?!!
Und der Hofmarschall starrte wie betäubt nach Süden, wo die Schienen der Eisenbahn sich silbernflimmernd hindehnten ...
* * * * *
So fuhr Karl Heinrich noch einmal gen Heidelberg.
Es war ein Maitag wie damals vor zwei Jahren. Dieselben Dörfer, Mühlen, Felder, Städte flogen vorbei, das Gebirge der Rhön, blaute in der Ferne, der Zug erklomm die Höhen des Main, und dort das Land in der Ferne, dem man entgegeneilte, war Süddeutschland.
Die Sonne stand hoch am Himmel, heiß, blendend. Der Fürst ließ die blauen Vorhänge am Fenster nieder und schloß die Augen. Er war müde. Seit dreißig Stunden hatte er nicht geschlafen, nun trat langsam an Stelle der leidenschaftlichen Erregung eine dumpfe Abgespanntheit.
Was bezweckte denn diese Reise? Nichts! Was wollte er überhaupt in Heidelberg? Jetzt zerbrachen sie sich daheim in Karlburg die Köpfe, und jeder einzelne Mensch, vom Minister bis zum letzten Stallknecht, würde diese Reise einen Tollhausstreich nennen. Eine Dummheit, wie sie sich nur ein junger Student erlauben darf.
Er preßte nervös den Kopf in die Hände: umkehren, das wäre das beste. Diese Donquichotterie nicht zu Ende führen.
Aber dann würde man erst recht staunen und die Köpfe noch mehr schütteln. Jeder Mensch in der ganzen Welt konnte sich solche Extravaganzen herausnehmen, nur der nicht, auf den Hunderttausende schauen, und dessen geringste Handlungen jeder Philister kritisiert.
Es war erstickend heiß, er riß die Vorhänge wieder zurück und beugte sich so weit vor, daß die Staubwolke, die der Zug aufwirbelte, ihm wie ein Sturm um den Kopf flog.
»Alles einerlei!« Mochten die Aufpasser daheim lachen, spotten, die Fäuste ballen – heute war Karl Heinrich frei!
Vorwärts! Wie der Zug jagte! Immer weiter! Keiner holte ihn ein! Die kläffende Meute blieb immer weiter zurück, und er war frei. Er schloß die Augen und ließ den Sturm voll in sein Gesicht brausen. Das that gut, es war wie ein Kampf.
War das nicht eine gleiche Empfindung wie damals, als der lange Vandale ihm immer wieder die Parade durchschlug und Hieb auf Hieb in Karl Heinrichs Gesicht fegte?! Famos! Auf die Mensur! Klatsch!
Kampf! Du Schönstes auf Gottes Welt! Nichts entsetzlicher als dieses kampflose Hindämmern, Einschlafen, dieses Verhätscheltwerden und Bevormundetwerden und Eingelulltwerden und Vermodern.
Alle seine Muskeln spannten sich. Vorwärts, vorwärts! Und heute abend in Heidelberg! Noch hatten sie in Karlburg ihn nicht besiegt, noch hatte er den Mut gehabt zu dieser tollen, unglaublichen Reise! Bravo! Und lustig soll es werden! Nur zwei Tage, aber zwei lustige Tage!
»Wer reit’t mit zwanzig Knappen ein Zu Heidelberg im Hirschen? ...«
Mit halblauter Stimme sagte er das Lied her, bis er es leise zu singen begann, dann immer lauter.
»Hollaheh! den Hahn ins Faß! schenkt ein! –«
Weit vor ihm lag die sonnige Ebene des Main. Wie heißt es im Liede?: »... Ich seh’ die Lande um den Main zu meinen Füßen liegen –«
So schön, so schön!
Er war noch so jung, der Karl Heinz. Er war zweiundzwanzig Jahre alt. Die ganze Welt hätte ihm offen stehen müssen, und daheim hatten sie ihm Licht und Luft vermauert ...
* * * * *
Auf dem Bahnhofe zu Frankfurt zuckte es ihm einen Augenblick in den Füßen. Dicht vor ihm lag der Wartesaal, in den die Menschen hineindrängten. Weshalb ging er nicht mit in dem Strom? Wie an jenem ersten Reisetage, als er mit dem Doktor dort hineinspazierte und die ersten Atemzüge der neuen Freiheit that? Niemand kannte ihn, vielleicht die paar Schaffner und Lutz ausgenommen, also weshalb nicht?
»Zwanzig Minuten Aufenthalt!« schrieen die Kondukteure, und alle Reisenden eilten in die Säle. Nur einige ältere Damen blieben ängstlich in den Coupés.
Karl Heinrich stand auf und setzte seinen Fuß auf das Trittbrett, aber er zog ihn wieder zurück und schloß die Wagenthür. Er war unselbständig geworden wie einst, fast schlimmer noch als damals. Es war doch ein so leichtes, wie andre Menschen auszusteigen, sich einfach und natürlich zu bewegen, den Kellner zu rufen, zu bezahlen und so weiter, – und er konnte es nicht.
Konnte es nicht. Er machte noch einmal den Versuch, aber der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn.
Der Zug hatte schon lange Frankfurt wieder verlassen, als der Fürst immer noch in den Polstern saß, die Augen starr auf die gegenüberliegende Wand gerichtet, die Arme schlaff herabhängend.
›Eine Marionette, die nur tanzen kann, wenn man sie an den Drähten zerrt. Unbeholfen wie ein Kind und feige wie ein Kind.‹
Ein grimmiges Lachen verzog sein blasses Gesicht. Er wollte aus der Schule in die Freiheit laufen! Wenn auch nur für zwei armselige Tage! _Er_, der keinen Schritt mehr allein gehen konnte! Der sich an jeder Ecke stieß, alles schief sah und in Heidelberg nicht mehr im stande sein würde, ein einziges natürliches Wort zu reden.
Dorf an Dorf flog in der Abendsonne vorbei. Weinheim, – da war das famose Mädel mit den zwei blonden Zöpfen gewesen, mit der Prinz Karl Heinz eine halbe Nacht getanzt hatte.
Jugenheim. Ein leises Lächeln ging über seine matten Züge. Da hatte man mit dem Darmstädter Pensionat die tolle Affaire gehabt.
Das alles war erst zwei Jahre her? Nicht länger.
Noch zehn Minuten, noch acht, – fünf – drei – da kamen die ersten Häuser – und da: der Neckar!
Sein Herz schlug zum Zerspringen.
»Heidelberg!«
»Fünf Minuten Aufenthalt!«
Damals hatte der dicke Doktor mit seinem trockenen Phlegma gesagt: »Ein Jahr Aufenthalt«; ein dünnes Lächeln ging um Karl Heinrichs Mund, und indem er sich bewegungslos an die Thür lehnte und auf den Schaffner wartete, murmelte er – fast ohne es selbst zu merken: »Zwei Tage Aufenthalt, – zwei Tage – zwei –«
Er ging neben Lutz durch die Menge und stieg in den Wagen. Er kannte jedes Haus, an dem man vorbeifuhr, und sah auch jedes Haus, aber seine Gedanken waren fern, nirgends. »Ein Jahr Aufenthalt« – das war alles, an was er dachte. Und daran, daß aus diesem »Jahr Aufenthalt« für den Doktor ein »ewiger Aufenthalt« geworden sei. Aber diese Erwägung hatte nichts Sentimentales, sondern kam ihm wie eine mathematische Folgerung, die man sich im Kopfe zurechtlegt, weil der Schädel augenblicklich an nichts Vernünftiges zu denken vermag. Er hätte genau so gut vor sich hin denken können: ›Dreimal neun ist siebenundzwanzig.‹ Als ob auf den Kopf und das Denken von allen Seiten her ein ungeheurer Druck ausgeübt würde, der das Hirn zu der Größe einer Haselnuß zusammenpreßte.
Der Wagen rollte über den Markt: da lag Frau Dörffels Haus mit den sechs Fenstern, hinter denen er gewohnt hatte.
Er nickte stumpf vor sich hin: »Ja, ja!«
Vor dem Hotel »Zum Prinzen Karl« flüsterte Herr Lutz dem Portier und dem Oberkellner ein Wort ins Ohr, das in wenigen Sekunden das ganze Haus in Aufregung brachte.
Tief neigte sich alles, und der Fürst schritt mit seinem starr abweisenden Gesicht zwischen der Dienerschaft die Treppe empor, in ein Zimmer, als ob er daheim zu Karlburg die Treppen hinaufstiege.
Als Herr Lutz mit einem ängstlichen Blick seinem Herrn den Arm reichte, lehnte sich der Fürst schwer darauf.
Lutz geleitete ihn zu einem Sessel, Lutz winkte den Kellnern, die Thüren zu schließen.
Mit geschlossenen Augen saß der Fürst minutenlang.
»Durchlaucht –?«
»Was?« Er öffnete die Augen und schaute um sich wie einer, der aus einem langen, schweren Traum erwacht.
»Durchlaucht sollten zur Ruhe gehen, Durchlaucht sind übermüdet.«
Und als der Fürst ihn anstarrte mit einem leeren Blick, fügte er hinzu:
»Durchlaucht sind in Heidelberg.«
»Ja, ja.«
Ein müdes, verfallenes Lächeln ging um Karl Heinrichs Mund, das Herr Lutz nicht bemerkte oder zum wenigsten nicht verstand.
»In Heidelberg. Ganz recht. Ja, ich will schlafen.«
* * * * *
In tadellosem Gesellschaftsanzug, das dreifarbige Seidenband über der tief ausgeschnittenen Frackweste, vortrefflich frisiert und ~comme il faut~ zurechtgestutzt, versammelte sich »Saxonia« mit fünf »alten Herren«, zehn »Corpsburschen« und acht »Füchsen« in Seiner Durchlaucht Empfangssalon, um Seiner Durchlaucht die Aufwartung zu machen.
Es war vormittags zehn Uhr.