Karl Heinrich

Part 5

Chapter 53,584 wordsPublic domain

Herr Lutz hatte das gethan, das heißt, er hatte einige Schoppen Rotwein zu sich genommen, da er Bier nicht vertragen konnte. Der Wein war nicht schlecht, so daß Lutzens Laune im Laufe des Abends ruhiger und versöhnlicher wurde als seit Tagen.

›Man soll nichts,‹ dachte er, ›auf die Spitze treiben; lieber in dieser verfluchten Universitätsstadt ein Jahr ausharren als querulieren. Man setzt sich dabei doch nur in die Nesseln.‹

Um halb elf ging er, wie alle Bürgersleute, heim, zündete in den Zimmern die Lampen an, ordnete Seiner Durchlaucht Schlafgemach und schaute dann aus dem Fenster. Er gähnte etwas, aber er war noch nicht müde.

Immerhin hätte Seine Durchlaucht jetzt nach Hause kommen können.

Elf Uhr. – –

Der Beruf eines Kammerdieners höchster Herrschaften ist seltsam, ernst. Lutz kannte viele seiner Kollegen: die ihm auf Reisen an fremden Höfen vorgestellt waren, Rosanoff, Kroll, Bietingsfeld, Männer, in deren Händen zuzeiten Europas Geschicke lagen. Vor allen an Rosanoff mußte er denken. Welch ein Mann! Er sah aus wie ein russischer Staatsrat und trug den Medschidje-Orden. Oder Bernhuth, erster Kammerdiener Seiner Hoheit des Herzogs von Koburg. Ein Bonhomme, liebenswürdig, fein, gütig gegen Untergebene und von freiester Ungezwungenheit im Verkehr mit den Großen. Oder Legrand, den man auf eine halbe Million schätzte, oder Schäffer, dessen Glück bei Frauen – selbst denen der höchsten Kreise – einen ganzen Sagenkreis geschaffen hat.

Mitternacht. – –

In Karlburg ging man um elf Uhr schlafen, in einem behaglich durchwärmten Zimmer. Man trank einen Schluck alten Rotweins, ehe man das Licht löschte, und dehnte sich dann müde, zufrieden unter der weichen seidenen Decke. Ein geregeltes Leben erhält den Menschen gesund, früh zu Bett ist eine goldene Lebensweisheit. In diesem gottverfluchten Ort war das alles anders.

Ein Uhr. – –

Herr Lutz fuhr auf. Er war auf dem Rohrstuhl am Fenster eingenickt, jetzt schmerzte ihm der rechte Arm, der auf dem harten Fensterbrett aufgestützt gelegen hatte. Ja, zum Donnerwetter, was sollte das heißen?! Ein Uhr und noch nicht zu Hause! Wenn jemand sagt: »Ich komme um elf«, dann hat er um elf da zu sein! Ein kühler Nachtwind strich durch das geöffnete Fenster, der Herrn Lutz husten machte. Er hatte sich während des kurzen Schlummers erkältet, ganz ohne Frage.

Er ging auf und ab in den Zimmern, ruhelos auf und ab, verärgert, todmüde, – bis es drüben auf dem Kirchturm zwei Uhr schlug.

Ganz plötzlich erfaßte ihn eine Angst: es ist etwas passiert! Man hat den Prinzen ermordet! Es war eine lächerliche Idee, die er sich bald wieder ausredete, aber eine Unruhe erfaßte ihn, die sich nicht mehr vertreiben ließ. Er nahm einen der altmodischen Britannialeuchter und trat damit hinaus auf den Korridor. ›Ich werde die Wirtin wecken,‹ dachte er, ›die Person muß aufstehen und mir Gesellschaft leisten.‹ Er pochte erst mit dem Knöchel des Zeigefingers, dann mit der ganzen Faust an die Stubenthür der Frau Dörffel, aber niemand antwortete. Er drückte auf die Thürklinke, die sofort nachgab, und leuchtete in das etwas muffige Zimmer: Niemand da! Das Bett leer! Das Bett des jungen Frauenzimmers gleichfalls leer! Nachts um halb drei!

In der Ecke regte sich etwas, es war die Hauskatze, aber dieses leise Geräusch erschreckte Herrn Lutz in der unheimlichen Stille dermaßen, daß er leichenblaß wurde. Er warf die Thür hinter sich zu und stand wieder in dem weiten Korridor mit seinen grauen Ecken und Schatten. Niemand in dem nächtlichen Hause, er mutterseelenallein.

Als es vier Uhr schlug, war Lutz ein kranker Mann. Er saß mit blassem Gesicht ohne Ausdruck, die dünnen Lippen etwas zitternd, das Hirn ganz leer. Er konnte nichts mehr denken, was er in dieser Nacht nicht schon gedacht hatte; er wußte nur eins: daß nie ein Mann seiner Stellung in so nichtswürdiger Weise zu Boden gedrückt war.

Er sah, wie auf dem schwarzen Dache der Kirche sich die ersten grauen Töne des herandämmernden Morgens malten, bis sie heller wurden, weiß, dann alles ein einziger heller Sonnenschein. Draußen piepsten die Spatzen, der Morgen war da.

»Lutz! He, Lutz!«

Er fuhr auf, irgend jemand hatte ihn an der Schulter gerüttelt, er hatte geschlafen und rieb sich nun, noch ohne rechte Besinnung, die Augen.

»Das ist recht, Lutz, daß Sie geschlafen haben,« sagte der Prinz, »das freut mich. Es ist etwas spät geworden oder vielmehr etwas früh.« Und zu einer Anzahl Menschen, die das Zimmer füllten, sagte er: »Das ist nämlich Lutz, mein treuer Kammerdiener; ich stelle ihn hiermit euch feierlich vor.«

Lutz war gewiß ein Mann, der das »Sichwundern« in einem bewegten Hofleben längst verlernt hatte, aber momentan fand er sich mit seinen übermüdeten, bleischweren Augen nicht zurecht. Auf allen Stühlen, Sesseln, Sofas, auf dem Tisch, auf dem Klavier, auf der Fensterbank saßen Menschen, Kerls mit Studentenmützen und bunten Bändern. Irgend einer spielte auf dem Klavier das Lied von Madame Angot – wie Lutz nach einiger Zeit konstatierte, war es der Regierungsrat –, drei kolossale Köter strichen um Lutzens Beine und beschnüffelten ihn, alles lachte, lärmte, rauchte, und inmitten dieser Räuberbande stand das junge Frauenzimmer von drüben und fragte: »Also siebzehn Tassen Kaffee! Zählt mal.«

Karl Heinrich zählte: »Siebzehn, stimmt. Lutz, gehen Sie, bitte, mit in die Küche, damit die Sache rasch geht.«

Und Lutz ging.

Seine Kraft war gebrochen, sein Widerstand zu Ende. »Das ist recht, Lutz, daß Sie geschlafen haben,« fortwährend summte ihm diese Redensart des Prinzen im Ohr. Das klang so, als hätte er seine gute, ernste Nachtruhe gehabt, während er keine zehn Minuten geschlummert hatte.

»Gehen S’, helfen S’ mal a bissel, geben S’ mal die blauen Tassen da vom Brett. Ja, die.«

Er that’s.

Man schrie nach Cognac, er holte Cognac.

Man wünschte Zigarren, er brachte Zigarren.

Die Hunde sollten in der Küche Wasser zu trinken bekommen, er lockte die drei Wölfe hinaus und erfüllte auch deren Wünsche. Der eine knurrte ihn auf dem Korridor bösartig an, aber Herr Lutz dachte gottergeben: ›Beiß mich tot, das ist auch egal.‹

Morgens um sechs war Herr Lutz wieder allein, Prinz, Doktor, Studenten, Hunde polterten die Treppe hinunter, und die verlassenen Zimmer sahen nach der einen Stunde aus wie ein Schlachtfeld. Allenthalben lagen Asche, Zigarrenstummel, eine Cognacflasche war umgeworfen, Tassen, Gläser standen in wüster Unordnung, ein Stuhl war zerbrochen und die Luft so voll Tabakgestank, daß Lutz übel wurde.

»Wir gehen aufs Schloß,« hatte Karl Heinrich gesagt; »mittags komme ich nach Haus und schlafe dann eine Stunde.«

Also dieser Prinz war ein Wüstling geworden, Herr Lutz der Kammerdiener eines Wüstlings.

So würde das fortan jeden Tag gehen.

Und Herr Lutz ballte in ohnmächtigem Grimm die Faust gegen die sonnige Stadt: »Heidelberg!«

Fünftes Kapitel.

An dem Nachmittag, da Karl Heinrich in einer Droschke nach Hause befördert wurde, den Kopf zerprügelt, die linke Backe zerfetzt, so gründlich »abgestochen«, wie es einem nur im ersten Semester bei der allerersten Mensur ergehen kann, – an diesem Nachmittag erwachte der Doktor aus dem leichtsinnigen Bummelleben zu einer greulichen Ernüchterung.

Wenn man das in Karlburg erfuhr!

Unerhört, unerhört!

Und wenn man dann weiter nachforschte und alles andre erfuhr! Daß Karl Heinrich nie und absolut nie Kolleg besuchte! Daß er zu Pfingsten eine Spritzfahrt nach Mailand unternommen und sehr anständige Schulden kontrahiert hatte! Dann vor allem die Liebesgeschichte mit der Kellnerin, die in Heidelberg die Spatzen von den Dächern pfiffen!

Schauderhaft!

Aber diese Paukerei setzte allem die Krone auf!

Man hatte ihm, dem Doktor, nichts davon gesagt, die Geschichte war hinter seinem Rücken vorgegangen, – ein Skandal.

Wie ein Rasender kam er in Karl Heinrichs Zimmer.

»Durchlaucht!«

»Doktor?«

»Jetzt hab’ ich’s satt!«

»Was?«

»Alles. Ich lege mein Amt nieder, ich schreibe nach Karlburg, noch heute. Gut, ich habe die Schuld, ~bon~, aber länger seh’ ich das nicht an.«

»Aber Doktor –?«

»Wär’ man nie hierher gekommen! Wo ein Mensch wie ich, von fünfunddreißig Jahren, ein gesetzter Mann, alle Pflicht und Ordnung vergißt! Man ist hergekommen, um sich zu erholen und mäßig zu leben, und statt dessen lumpt man herum und richtet sich zu Grunde. Wie seh’ ich aus! Verfallen! Vollständig verfallen!«

Er sah wirklich nicht gut aus, und Karl Heinrich fühlte ein aufrichtiges Mitleid.

»Lieber Doktor, das geht auch nicht länger. Sie müssen sich schonen, fleißig spazieren gehen und weniger schlafen. Sie müssen nach der Uhr leben, Doktor.«

Aber nichts konnte der Doktor so schlecht vertragen, als wenn jemand seinen Selbstanklagen beipflichtete.

»Ich spreche nicht von mir, Durchlaucht, ich spreche von Ihnen. Daß _Ihr_ Leben nicht so weiter geht! Ich lege meine Stellung nieder, es ist abgemacht. Ein kranker Mensch wie ich, der keine fünf Jahre mehr zu leben hat, keine drei, keine zwei, nicht eins, der kann nicht Erzieher spielen, am wenigsten hier in Heidelberg.« Dann plötzlich schlug seine heftige Erregung in das Gegenteil um: »Ach, Karl Heinz, ich wollte, wir wären nie hierher gekommen.«

Den Nachmittag und die darauffolgende Nacht spielte er Krankenwärter, und als er einige Flaschen Wein getrunken hatte, war er wieder in bester Stimmung.

»Das ist das Niederträchtige,« sagte er, »daß man nur noch durch Alkohol in Laune gehalten wird,« aber er sagte das ganz heiter und fröhlich.

Noch zu verschiedenen Malen machte er den Versuch, Karl Heinrich ins Gewissen zu reden, aber es ging ihm wie dem Zauberlehrling, der die schlimmen Geister heraufbeschworen hat und sie nicht mehr zurückbannen kann.

Merkwürdig, wie der Prinz sich in den wenigen Monaten verändert hatte. Auch im Aeußern. Sein ganzes Auftreten war fest und bestimmt geworden, das Gesicht hatte etwas Energisches angenommen, und die Hiebnarben gaben ihm einen martialischen Zug. Es gab keinen tolleren Studenten in Heidelberg – vielleicht den langen Wedell von den Sachsen-Preußen ausgenommen –, aber in Karl Heinrichs großen und kleinen Narrheiten, seinen Kneipfahrten, Mensuren, Streifereien lag stets etwas vom Grandseigneur. Es war immer – auch in der trunkensten Stimmung –, als ob er um einen Kopf über die andern hinausrage und sich den tollen Ulk aus der Vogelschau ansehe.

So kam der Doktor mit seiner Erzieherrolle in eine immer schiefere Lage. Er war nicht mehr der Vormund, sondern Karl Heinrich fing an, gleichsam _ihn_ zu bemuttern.

Punkt neun Uhr mußte der Doktor aufstehen, Punkt zwölf ins Bett, zwei Stunden zwang man ihn, spazieren zu gehen, – aber diese energische Kur hätte für den Regierungsrat viele Monate, vielleicht viele Jahre eher verordnet werden müssen.

»Ja, Karl Heinrich, zwing mich,« sagte er häufig, »zwing mich!« – aber viel öfter war er über diesen Zwang außer sich: »Zum Kuckuck, laßt mir diese paar letzten Jahre! Nein, ich gehe nicht spazieren, ich bin müde, ich habe keine Lust; Käthie, einen Schoppen Roten!«

Aber der Prinz war zäh: »Keine Sperenzien, Doktor, vorwärts! Wir gehen zusammen auf den Königsstuhl, ~allons~!«

Eher, als man gedacht hatte, wurde der arme Doktor von diesen und andern Spazierstrapazen erlöst. Denn eines Tages wurde auf Karl Heinrichs dringende Ordre Herr Geheimrat Professor Doktor von Michaelis konsultiert, der kurzen Prozeß machte und den Regierungsrat in die Klinik schickte.

Er bekam da ein sehr hübsches Krankenzimmer mit einem famosen Balkon, der einen netten kleinen Rauchtisch enthielt, ein außerordentlich bequemes Kanapee und all die Ausstattung, die der Doktor für seines Lebens Wohlfahrt beanspruchte. Da lag er nun tagein tagaus, blinzelte in die Sonne, erhielt viele Besuche von Karl Heinz und dessen Corpsbrüdern, trank, rauchte, spielte Skat und fand sein Dasein so angenehm wie seit langer Zeit nicht.

»Hier werde ich wieder gesund,« sagte er, »das fühle ich.« Der Geheimrat mit seinem überlegenen, feinen Lächeln hatte ihm einige kleine Verhaltungsmaßregeln gegeben: »Kein Bier, keine Kartoffeln«, und da der Doktor beides nicht übermäßig liebte, sondern einen guten Tropfen Wein jedem Bier vorzog, so achtete er peinlich auf die Durchführung dieser Vorschriften.

Er hätte ruhig Bier trinken und ruhig Kartoffeln essen können, aber Kranke, denen man nichts mehr verbietet, verlieren die Hoffnung.

Karl Heinrich war wochenlang tief verstimmt. Der erste graue Schatten war in die sonnige Fröhlichkeit von Heidelberg gefallen. Er wußte nicht, daß seine Tage in der heiteren Stadt ebenso gezählt waren wie die des Doktors, freilich in anderm Sinne. Und während der Doktor die karg gemessene Zeit mit einer Gemütsruhe und guten Laune durchlebte, die selbst den Geheimrat in Staunen versetzten, war der Prinz trübe und in sich gekehrt.

Er saß ganze Tage auf dem engen Balkon neben dem Doktor, als ob es seine heilige Pflicht sei, ihm beständig Gesellschaft zu leisten; bis eines Tages diesem selbst die Geduld riß.

»Du hast eine Art, Karl Heinrich,« sagte er – in sehr guter oder sehr schlechter Laune duzte er den Prinzen wie einst –, »hier zu sitzen und zu thun, als ob ich todkrank wäre! Zum Donnerwetter, so weit ist es denn doch noch nicht. Lauf herum, amüsiere dich, aber schneid hier keine Gesichter, als ob ich im Sterben läge.«

Der Prinz war so verdutzt, daß er keine Antwort fand, aber der Doktor ließ ihm dazu auch wenig Ueberlegung:

»Mein lieber Karl Heinz, du verschwendest, und zwar das Beste, was der Mensch hat: die Zeit, die Jugend! Du denkst auch, du sitzest hier ewig in Heidelberg, bei deinen Freunden, bei dieser niedlichen kleinen Käthie ~et caetera~. Das ist ein Handumdrehen, dann ist das Jahr vorbei. Jede Stunde, die man verpaßt, ist verloren, kommt nicht wieder, ist ›~temps perdu~‹. Ob jemand Prinz ist oder ein andrer Sterblicher, das ist dabei ganz einerlei. Schenk mir, bitte, mal ein, die Flasche steht da in der Ecke. – Ich war auch mal jung, habe auch immer gedacht: es ist noch Zeit, es ist noch Zeit, bis es glücklich zu spät geworden ist. Also los, amüsiere dich. Komm morgen mal gar nicht. Komm übermorgen, und dann höchstens ’ne Stunde. Gieb mir, bitte, die Kiste herüber, da rechts, die Zigarren. ~Merci!~ Wie man hier liegt, ausgezeichnet! Sieh mal die nette Kleine da drüben, auf dem Balkon, ein lieber kleiner Kerl. Wie sie herschaut! Zum Donnerwetter, wer noch mal jung wäre!« ...

In der nächstfolgenden Woche machte »Saxonia« eine Spritzfahrt durch den Schwarzwald. Alle Tage erhielt der Doktor engbekritzelte Postkarten, auf denen ihm mitgeteilt wurde, wieviel Ganze man in Gernsbach, Baden, Freiburg, auf dem Feldberg und in jedem Bierdorf auf sein Spezielles getrunken habe. Wenn die Gesundheit in der That durch derartige Trankopfer würde gekräftigt werden können, so hätte der arme Doktor in dieser kurzen Frist vollständig gesunden müssen.

Karl Heinrich kam mit verbranntem Gesicht und glänzender Laune wieder. Sein erster Gang war zu Käthie, die ihn mit ihrer stürmischen Leidenschaftlichkeit empfing, der zweite in das Krankenhaus. Vielleicht rötete die Freude des Wiedersehens des Doktors etwas eingefallene Backen, jedenfalls bewillkommnete er ihn mit strahlendem Gesicht:

»So ist es recht, Karl Heinz! In der Welt herum mit den andern! Nur nicht hinter dem Ofen sitzen und langweilige Gesichter ziehen. Klingle mal, wir wollen eine Flasche Steinwein trinken. Was macht die Käthie? Die ist wohl heute außer sich? War sie am Bahnhof? Nein? Weshalb nicht? Ein liebes Mädel! Nun erzähl mal. Wart ihr in Straßburg? Junge, siehst du brillant aus! Verbrannt wie ein Neger. Wie’s mir geht? Gut. Diese Ruhe hier, die thut dem Menschen wohl. Wart ihr in Wildbad? Reizend, was? Ach, der ganze famose Schwarzwald! Schenk ein, Karl Heinz, dein Wohl!«

Vielleicht ging es dem Doktor wirklich besser, und der Geheimrat und seine Assistenzärzte hatten wieder einmal zu schwarz gesehen. Jedenfalls war der Doktor nie besserer Laune als in diesen bequemen Ruhetagen seiner Krankenzeit, und auch Karl Heinrich fand damit seine lustige Stimmung wieder.

An einem der letzten Tage des Juli gab er dem Corps ein Fest bei Rüders. Es ging hoch her, das gegenüberliegende Schloß wurde spät abends bengalisch beleuchtet, und ganz Heidelberg samt allen Fremden versammelte sich am Neckar, um das feenhafte Schauspiel zu betrachten. Der Doktor konnte das wundervolle Bild nur von seinem einsamen Balkon aus bewundern, während Karl Heinrich, der Held des Tages, gleichfalls von der großen Menge sich getrennt hatte. Er saß neben Käthie in Rüders etwas gebrechlichem Kahne, den Herr Kellermann stromaufwärts rudern mußte. Denn kein Mensch in Heidelberg war besser geeignet, ein Liebespaar bei solcher Nachtfahrt zu begleiten, als eben Herr Kellermann. Er sah nichts und hörte nichts, er hatte beständig mit den widerspenstigen Ruderriemen zu thun, die ihn ärgerten und alle seine Aufmerksamkeit absorbierten. Er hatte die Gewohnheit, leise vor sich hin zu reden, ein beständiges Gemurmel, das aus Behagen, Mißbehagen, Reminiscenzen und augenblicklichen Einfällen, Unsinn und Sinn sich wunderlich zusammensetzte:

»Dummes Zeug – Ruder – jawohl – Wasser – spät – gut – morgen früh – mal hinschicken – holen – verflucht – alle Stiefel –« und so weiter.

Als dann das alte Schloß in seiner Nachteinsamkeit drüben auf dem Berge zu leuchten begann, Fenster um Fenster der alten Ruine im roten Feuer erglänzte und Karl Heinrich entzückt in dem schwankenden Kahn sich erhob, wandte Herr Kellermann keinen Blick zur Seite. Was gingen ihn Schloß und Feuerwerk an. Er hatte das in dreißig Jahren Dutzende von Malen gesehen, er hatte mehr zu thun, als auf solche Faxen zu achten.

Langsam verglimmten drüben die Flammen, nur wenige Fenster des weiten Schlosses leuchteten noch, bis ihr Feuer und ihr letzter Wiederschein im Neckar erloschen.

Der Kahn glitt in Nacht und Totenstille, Karl Heinrich und Käthie saßen eng aneinander geschmiegt, stumm, nur Herrn Kellermanns Murmeln und die leisen Ruderschläge unterbrachen das Schweigen.

So fuhren sie lange stromauf, bis Käthie unruhig wurde.

»Wir müssen heim.«

Und wirklich, es war Mitternacht vorbei.

»Kellermann, wir müssen umdrehen; lassen Sie den Kahn treiben.«

»Hm!«

»Zünden Sie sich eine Zigarre an, Kellermann.«

»Hm!«

Das Streichholz flackerte auf und beleuchtete sekundenlang das alte, verwitterte Gesicht.

Der Prinz kannte den Alten nun schon seit Monaten, aber in diesen wenigen Augenblicken war es ihm, als ob er diese müden Züge zum erstenmal sehe.

»Wie alt sind Sie, Kellermann?«

Eine Weile antwortete Herr Kellermann nicht, denn die Frage schien ihm so neu und eigenartig, daß sie ihn aus dem Konzept brachte.

»Fünfundsechzig.«

Fünfundsechzig! Und jede Nacht im Gange, den ganzen Tag im Gange, immer etwas langsam, aber immer willig, ein armer Kerl, der auf zwanzig Herren hören muß und es keinem ganz recht machen kann. Kein lustiges Original, wie es eigentlich zu den Studenten gehört – so ein Possenreißer, über den man beständig lachen könnte –, nur ein müder Mensch, der Semester für Semester neue Herren bekommt.

»Haben Sie Familie, Kellermann?«

Der Alte blickte erstaunt, fast mißtrauisch. Das hatte ihn – wenigstens in dem Tone – noch keiner der Studenten gefragt. Seine Frau trat nur insofern bisweilen in die Erscheinung, als sie die Wäsche der Studenten wusch.

Aber Karl Heinrich ließ in seinen Fragen nicht locker, während Käthie, die, für Herrn Kellermann in der Dunkelheit fast unsichtbar, ihren Kopf an des Liebsten Brust gelegt hatte, ihn unterstützte:

»Antworten S’ doch, Kellermann, reden S’ doch.«

Und beide, in ihrer weichen, glücklichen Stimmung doppelt empfänglich für die Leiden eines andern, fragten abwechselnd mit so viel Eifer und Teilnahme, bis Herrn Kellermanns kleine, trübe Lebensgeschichte zu Tage gefördert war.

Fast zum erstenmal in des Prinzen Leben trat diesem die schwere Daseinssorge eines Menschen handgreiflich nahe.

»Kellermann –«

»Was?«

»Kellermann, wenn ich später einmal nicht mehr hier bin und Sie geraten in irgend welche – welche Not, dann wenden Sie sich an mich, hören Sie?«

Der Alte antwortete nicht, aber Käthie legte ihre Arme um Karl Heinrichs Hals und flüsterte ihm etwas ins Ohr, vielleicht einen Dank.

»Sie verstehen allerlei vom Trinken, Kellermann« – Karl Heinrich suchte zu lächeln; – »wenn ich später einmal Fürst bin, dann kommen Sie zu mir. Sie sollen mein Kellermeister werden, das paßt auch zu Ihrem Namen, was?«

Da kam aus dem Dunkeln eine schwielige Hand, die vorwärts tastete, erst versehentlich Käthies Hand ergriff, daß Käthie zum Tode erschreckt aufschrie, dann unbekümmert weiter suchte und endlich des Prinzen Hand faßte und zusammenpreßte.

Dann glitt der Kahn wieder in tiefem Schweigen.

Herrn Kellermanns Zigarre leuchtete wie ein roter Punkt, und Karl Heinz und Käthie saßen stumm nebeneinander, andächtig, bewegt, glücklicher als je. Sie küßten sich auch nicht mehr, sie hielten sich nur fest umarmt, und Käthie summte traumverloren ein altes böhmisches Volkslied, das sie drunten an der Donau als Kind gelernt hatte. – –

Drei Depeschen waren im Lauf des Abends in kurzen Intervallen für Seine Durchlaucht in Heidelberg eingetroffen, die – da sie sämtlich aus Karlburg kamen – Herrn Lutz nachdenklich stimmten und ihn schließlich veranlaßten, in eigner Person Rüders Gasthaus aufzusuchen. Er kannte dieses Lokal ebensowenig wie alle die übrigen Kneipen, die Seine Durchlaucht zu frequentieren beliebte, und er war auch keineswegs verwundert, als der Gastwirt Rüder ihm mitteilte, daß Seine Durchlaucht momentan nicht anwesend sei, jedenfalls aber bald wiederkommen werde. Seine Durchlaucht war von zwölf Uhr mittags bis morgens drei nie zu finden, nirgends, das war Herr Lutz längst gewöhnt. Einer der ersten Grundsätze höfischen Lebens ist der, daß auf Minute und Sekunde Mahlzeiten, Spaziergänge, Reisen und so weiter geregelt sind, daß man in jedem Augenblick über Thun und Lassen hoher Herrschaften orientiert ist; Seine Durchlaucht der Erbprinz lebte im genau entgegengesetzten Sinne.

Nicht daß Herr Lutz sich darüber ärgerte, o, er hatte das Aergern längst aufgegeben. Was allein in diesem Lotterleben ihn bedrückte, war das deutliche Empfinden, daß er selbst – Lutz – dabei langsam bergab ging. Er legte auf seine äußere Erscheinung nicht mehr die peinliche Sorgfalt wie früher, und das blendende Weiß seiner Krawatten wurde matt. Niemand fragte nach ihm, kümmerte sich um ihn, seine Thätigkeit war gleich Null, also wozu?

Selbst das feine und sichere Gefühl für die Schranken, welche Stand und Bildung ihm auferlegten, ging Lutz allmählich verloren. Es kam vor, daß er, von Langweile verzehrt, abends stundenlang bei den alten Weibern in der Küche saß und mit ihnen Kaffee trank! Er sank, er war eigentlich nur noch ein Bedienter, er verlor die Selbstachtung. Sein matter Zeitvertreib wurde der Verkehr mit einem Dienstmädchen aus der Nachbarschaft, mit dem er sich bisweilen traf, aber die Person ließ durchblicken, daß sie Lutz’ Frau zu werden beabsichtige, – so ließ er auch diese flüchtige Liaison fallen.

Gegen halb elf war Herr Lutz mit seinen drei Depeschen bei Rüders eingetroffen, aber es hatte längst Mitternacht geschlagen, ohne daß von Seiner Durchlaucht etwas zu sehen war.