Karl Heinrich

Part 3

Chapter 33,586 wordsPublic domain

Karl Heinrich war so verlegen, verdutzt, – er wollte etwas sagen, aber er brachte nur ein paar gestotterte Laute heraus. Seine erste bescheidene Liebesaffaire war schmählich verunglückt. Vielleicht bildete er sich ein, unter so bewandten Umständen ein unverzeihliches Attentat begangen zu haben, eine Niederträchtigkeit gegen das vertrauensselige, offenherzige Ding, er zog ein so beklommenes Gesicht voll Reue, daß sie ihrerseits sich nun ärgerte, den hübschen, netten Prinzen so angefahren zu haben. Wie reizend er aussah mit seinem bestürzten, feuerroten Gesicht, das war wirklich einmal ein lieber Kerl.

Und um ihn zu trösten, sagte sie:

»Was man halt so verlobt nennt. Mit der Heirat kann der Franzel noch lange warten. Er will schon, aber ich nicht. Finden S’, daß ich sehr österreichisch spreche?«

»Oesterreichisch?« Er verstand nicht, was sie wollte, dieser neue Zickzacksprung brachte ihn ganz aus dem Konzept.

»Ich hab’ ’s Oesterreichische ganz verlernt, weil ich’s nicht mag. Weil’s der Franzel redet. Er ist nämlich a Wiener.«

»So.«

»Sie dachten wohl, er wohnt hier in Heidelberg?«

Karl Heinrich hatte in der Eile über diesen Fall noch nicht nachgesonnen, aber um eine Antwort zu geben, sagte er:

»Ja, das dachte ich.«

Käthie lachte, als ob das ein ausgezeichneter Witz sei; sie mußte das Brett auf den Tisch stellen, um bei dem heftigen Lachen die Tassen nicht in Gefahr zu bringen. »Noch nie ist der Franzel in seinem ganzen Leben aus der Wienerstadt herausgekommen. Außer nach Ungarn. Er ist ja so an langweiliger Kerl. Wissen S’, was er ist? A Juckerhändler.«

»Ein was?«

»Für die Fiaker kauft er die Rosse, darin ist er sehr gescheit. Letzthin hat er zwei schneeweiße Schimmeln aus Ungarn geholt, die dann der Nicky Esterhazy ihm abgekauft hat.«

»Aber ...«

»Sehen S’, das ist der Franzel.« Sie drehte sich um, nestelte an ihrem Mieder und holte eine kleine Photographie hervor, die an einem sehr warmen Platz über dem Herzen geruht hatte.

Er betrachtete das Bild, und Käthies Kopf bog sich über seinen Arm, um gleichfalls den Anblick zu haben.

»Gelt, er ist recht hübsch?«

»O ja.«

»Der Schnurrbart ist das beste, nicht wahr?«

»Hm!«

Der Franzel hatte sich im vollen Staat photographieren lassen, eine Rose im Knopfloch, auf dem Kopfe den etwas schief sitzenden Cylinder mit flacher Krempe, im Munde eine lange, dünne Virginiazigarre und in der behandschuhten, außerordentlich großen Hand eine Reitpeitsche mit einem silbernen Pferdekopf.

»Fesch ist er, gelt?«

»Hm!«

»Und ich nehm’ ihn doch nicht!«

Erstaunt blickte er sie an.

»Denn erstens, er könnte bald mein Vater sein, weil er zu Peter und Paul dreißig wird, und zweitens, ich geh’ nicht nach Wien, ich mag nicht.«

»Aber –«

»Es ist nämlich so, daß der Großtante Dörffel ihr Bruder der Vater gewesen ist vom Franzel. Und meine Mutter selig war dem Franzel seinem Vater die Cousine. Deshalb. Wie ich schon so klein war, hat’s immer geheißen: die soll den Franzel heiraten. Nun zu vorigen Johannis hat er geschrieben, ob ich will, und alle haben gesagt: Ja, ich soll. Da hab’ ich ›ja‹ gesagt, aber ich hab’ gesagt: Nicht gleich, und erst will ich noch warten.«

Sie nahm das Bild und betrachtete es nachdenklich:

»Eigentlich ist er ja ein lieber Kerl, gelt, die Augen?«

Karl Heinrich wurde es bei all diesem Gerede abwechselnd kalt und heiß. Sie stand unmittelbar neben ihm, ihre dunkeln Locken streiften seine Schulter, und wie sie hastig und aufgeregt sprach, bewegte sich ihre junge Brust unter dem engen Mieder auf und ab.

»Schließlich, heiraten muß jede, nicht wahr? Und in Heidelberg ewig bleiben kann man auch nicht, gelt?«

»Nein.«

Sie fuhr sich flüchtig mit der Hand über die Augen, um etwas fortzuwischen, dann schob sie Franzels Photographie zwischen die Kaffeetassen, atmete tief auf und nahm das Brett von neuem auf den Arm.

»Nun muß ich gehen.«

Sie wollte an ihm vorbei, da hielt er sie einen Moment fest und – er konnte nicht anders – gab ihr einen zweiten Kuß. Es war im ersten Augenblick ein etwas zaghafter Kuß, der seiner Keckheit wegen gleichsam um Verzeihung bat, aber als ihr roter, warmer Mund nicht zurückwich, preßten sich seine Lippen fester, immer dichter, heißer.

»Käthie!«

Beide atmeten schwer. Einen Augenblick ließ er sie los und beugte den Kopf zurück, um sie anzusehen, dann küßte er sie von neuem, immer wieder. Bis ein leises Frösteln über sie hinlief und sie sich stumm losmachte.

»Nicht mehr –«

»Süße Käthie!«

»Und wie heißen denn Sie?«

»Ich? Ich heiße Karl Heinrich.«

»Zwei Namen?«

»Ja.«

»Karl – – Heinrich – das klingt so seltsam.« Dann plötzlich umschlang sie ihn mit beiden Armen stürmisch:

»Karl Heinrich!!« ...

* * * * *

Herr Lutz prallte von der Thür zurück, als diese sich unerwartet öffnete, aber ohne ihn zu beachten ging das Mädchen mit heißen Wangen an ihm vorbei über den Korridor.

Er blickte auf seine goldene Uhr: »Anderthalb Stunden!«

Und als er zehn Minuten später die Toilette seines Herrn vollendete, machte es Herrn Lutz einen diabolischen Spaß, zu beobachten, wie Seine Durchlaucht sich Mühe gab, unbefangen zu erscheinen.

»Wie ist das Wetter, Lutz?«

»Gut, Eure Durchlaucht.«

»Heute ist doch Mittwoch?«

»Jawohl, Eure Durchlaucht.«

Lauter überflüssige Fragen, wie sie jemand stellt, der sich einer gewissen Schuld bewußt ist.

Und wenn irgend jemand Seine Durchlaucht durchschaute, dann war es Herr Lutz. O, er kannte diese hohen Herrschaften, die nie recht den Mut ihrer dummen Streiche haben und sogar ihrem Kammerdiener gegenüber alles vertuschen möchten. Kleine, schwächliche Seelen ohne Energie.

Erbprinzen sind keine Fürsten, ihre Bedeutung nach außen ist in manchen Fällen gleich null. Tausendmal ereignete sich der Fall, daß Erbprinzen nie zur Regierung gelangten. Mit Erbprinzen rechnen, heißt nicht viel mehr als Lotterie spielen.

›Nein,‹ sagte sich Herr Lutz, ›dieses Heidelberg paßt mir nicht. Ich kehre zurück nach Karlburg. Wer, wie ich, seines Hochfürstlichen Herrn Vertrauen genießt, braucht hier nicht Bedienter zu spielen. Seine Hochfürstliche Durchlaucht ist sechsundfünfzig Jahre alt, Seine Hochfürstliche Durchlaucht kann mit Bequemlichkeit achtzig werden. Bis dahin dürfte man sein Schäfchen im Trocknen haben und auf alle Erbprinzen pfeifen.‹

Und während er seinen neuen Herrn abbürstete, dachte er:

›Warte! Wenn ich nach Karlburg komme, wenn ich erzähle! Da wird man Augen machen!‹

Der Prinz schien seine kurze Befangenheit Lutz gegenüber merkwürdig schnell überwunden zu haben:

»Sehen Sie nach, Lutz, ob der Herr Regierungsrat fertig ist, rasch!«

Mit sehr verbissener Miene kam Herr Lutz zurück:

»Herr Regierungsrat lag noch im Bett. Er zieht sich jetzt an.«

»Zum Kuckuck, wie ist das möglich?! Es ist ja zwölf Uhr mittags!«

Lachend ging der Prinz über den Korridor, nickte Käthie zu, die in der Küchenthür stand und ihm zulächelte, und pochte mit der Faust gegen des Doktors Thür:

»Aber Doktor! Es ist Mittag!«

»Ja, gleich, fünf Minuten!«

Unnötigerweise wartete der Prinz vor der Thür, immer die Kleine anschauend, die sich merkwürdig lange im Korridor zu schaffen machte; dann endlich erschien der Doktor, höchst flüchtig angekleidet.

»Einen Moment. Lutz! Wo ist Lutz?! Lutz, helfen Sie mir mal. Hinten die Krawatte festziehen – so. Einen Moment noch, Durchlaucht. Bürsten Sie mich mal ab, Lutz. Und dann holen Sie mir einen Schluck Kaffee.«

»Wir wollen spazieren fahren,« sagte Karl Heinrich, der seine hellen Handschuhe anzog und immer noch mit Käthie Blicke wechselte.

»Nicht fahren, gehen.«

»Auch gut.«

Und Herr Lutz zog die Krawatte fest, bürstete und holte Kaffee. Alles mit der vornehmen Ruhe seines Standes. Aber innerlich kochte es in ihm. Das schlug dem Faß den Boden aus: dieses Schulmeisters Frechheit! Dieser Herr behandelte ihn als Diener, als Allerweltsbedienten! »Bürsten Sie mich mal ab, holen Sie Kaffee.« Konnte der edle Herr nicht seinen Rock selbst abbürsten?! Lutz zitterte vor Aufregung.

Eines fürstlichen Kammerdieners Pflichten und Rechte sind so streng umschrieben wie die eines hohen Beamten. Er dient lediglich und ausschließlich den persönlichen Bedürfnissen seines Herrn, er hat mit allen gröberen Arbeiten nichts – absolut nichts! – zu thun, der Unterschied zwischen einem Kammerdiener und einem ordinären Lakaien ist überhaupt nicht in eine Formel zu bringen. Der eine ist Künstler, der andre Handwerker.

Herr Lutz, der für den Schulmeister Kaffee holt! Es war zum Lachen! Oder vielmehr durchaus nicht zum Lachen.

Und Karl Heinrich litt das! Statt zu sagen: »Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, Herr Doktor, daß Herr Lutz alle Aufträge nur durch meinen Mund empfängt«, stand Seine Durchlaucht ruhig dabei und sah zu, wie Lutz bürsten mußte.

Jetzt fehlte nur noch, daß der Schulmeister etwa sagte: »Putzen Sie mir die Stiefel.« Hätte er es nur gesagt! Es hätte eine Katastrophe gegeben!

Der Doktor setzte seinen neuen Pariser Cylinder auf, zog, obwohl es sehr warm war, aus Eitelkeit den eleganten Frühlingspaletot an und sah alles in allem wie ein höchst chic gekleideter Gentleman aus. Aber neben Karl Heinrich machte er trotzdem eine schlechte Figur. Der eine groß, schlank, jugendlich, der andre klein und viel zu gut genährt. Wer sie zusammen sah, konnte keinesfalls begreifen, was zwei so verschiedene Menschen zu einander geführt hatte.

»Also wollen wir wirklich keinen Wagen nehmen, Doktor?«

»Aber bewahre! Bei dem Wetter! Wir wollen aufs Schloß gehen.«

Karl Heinrich konnte sich auch heute noch nicht recht in dieses »Zu-Fuße-gehen« finden, es erschien ihm so sonderbar, am hellen Tage durch die Straßen zu spazieren, keinen Wagen hinter sich, keinen Diener. Es ging ihm wie den übernervösen Menschen, die sich vor den Straßen fürchten und beim Ueberschreiten der Plätze alle Sicherheit verlieren.

Gut, daß er den Doktor als Begleiter hatte.

Die Treppe hinab mußte man tasten, weil das Treppenhaus in einem mystischen Zwielicht lag, dann ging es im Hausflur durch eine Reihe Kisten, und nun standen sie vor der Thür in der Sonne.

»Ein Wetter! ein Wetter!« sagte der Doktor. »Da muß man gesund werden. Förmlich heiß. Heute fühlt man sich Mensch.« Allen Mädchen, denen sie begegneten, schaute er ins Gesicht, und im stillen dachte er: ›Wer weiß, was dieses liebe Heidelberg einem noch Gutes bringt. Vielleicht daß man sich auf seine alten Tage doch noch entschließt. Mein Gott, wenn man noch mal lieben könnte, richtig lieben! ...‹

Sie kamen nur langsam vorwärts, denn vor allen Läden blieb Karl Heinrich stehen und betrachtete neugierig wie ein Kind die Ladenfenster. Es gab da eine Menge Dinge, die er nie gesehen hatte, und die ihm der Doktor erklären mußte, dann plötzlich überkam ihn ein kindischer Wunsch:

»Wir wollen mal hineingehen, irgend etwas kaufen.«

»Was denn?« fragte der Doktor erstaunt.

»Das ist einerlei, ich möchte nur mal kaufen.«

Und so kauften sie: zwei seidene Krawatten, helle Handschuhe, einen Federhalter und Federn, Tinte, Schreibpapier, Visitenkarten, eine elegante Schreibmappe, die Karl Heinrich dem Doktor schenkte, und schließlich für sechs Mark ein silbernes Armband, an dem kleine Münzen klingelten.

»Wer soll denn das haben?«

»Fräulein Käthie.«

»Welche Käthie?«

»Die gestern das Gedicht hergesagt hat.«

»Heißt die Käthie?«

»Ja, die heißt Käthie.«

Und jetzt erst kam es dem Doktor zum Bewußtsein, daß er heute einen ganzen langen Vormittag verschlafen hatte. Er räusperte sich und sah den Prinzen von der Seite an: das war ja ein guter Anfang.

›Recht hat er,‹ dachte er im stillen, ›Jugend ist nicht zum Versauern geschaffen. Wer noch einmal zwanzig Jahre alt wäre!‹

An der Berglehne stand alles im Blütenschmuck, und als sie nun bergauf stiegen, bot die langsam unter ihnen niedersinkende Stadt ein zauberhaftes Bild. Auf allen Schieferdächern lag die helle Sonne, die in die Schornsteine der Häuser tief hineinzuschauen schien, drüben stand der Odenwald im hellen Maiengrün, und nun wurde ein langer Silberstreifen sichtbar, der jenseits der Häuser hell aufblitzte; der Neckar!

Sie sagten es beide in einem Atem:

»Der Neckar!«

Dann standen sie eine Weile stumm, den Strom hinauf schauend und den Strom hinab.

Der Neckar. Der aus Schwaben kommt, aus Schillers Heimat, aus Uhlands Lande, aus dem Schwaben der Hohenstaufenkaiser. Er fließt vorbei an der alten Feste Tübingen, bei Reutlingen, gen Stuttgart, durch Heilbronn, vorbei an des alten Berlichingen Nest durch ein Land, in dem jeder Fuß Boden Erinnerung atmet und Poesie.

Bis dann der Neckar endlich nach Heidelberg kommt und in die weite, flache Ebene des Rheins hinauszieht. Der Neckar endet nicht in Mannheim, wie es die Karten der Geographen lehren, er endet in Heidelberg. Er endet wie kein andrer deutscher Fluß: in einem Märchenglanz von Schönheit.

Schweigend stiegen sie weiter bergauf und traten durch das alte Thor von rotem Sandstein in den Schloßgarten.

Ein paar Fremdenführer gähnten am Eingang, aber drinnen unter den alten, epheuumsponnenen Bäumen war alles still und einsam. Die fremden Besucher weilten um diese Mittagsstunde unten in ihren Hotels, die Studenten sitzen zur gleichen Stunde in der Stadt beim Frühschoppen, und die Heidelberger selbst haben nicht Zeit, mittags umherzubummeln.

Ein Eichkätzchen sprang vor ihnen durch den Epheu, sonst rührte sich nichts ringsum. Und schweigend gingen sie weiter, über die Brücke in den Schloßhof, hinaus auf den Altan, zurück an dem zerschossenen Turme vorbei, die Balustraden entlang.

Der Doktor sprach bisweilen einige Worte, aber der Prinz antwortete einsilbig oder nickte nur stumm.

Erst nach geraumer Zeit, in der der Doktor im Gehen sich gelobt hatte, jeden Tag heraufzukommen und damit seiner Kurzatmigkeit zu steuern, sagte Karl Heinrich:

»Wir wollen eine Flasche Wein trinken – haben Sie Lust?«

Ja, der Doktor hatte Lust.

»Nehmen Sie eine Zigarre?«

»Ja, danke.«

So saßen sie unter dem grünen Dach der alten Bäume, tranken und rauchten. Sie sprachen einiges über das Schloß und den schönen Tag, dann versanken sie beide wieder in Schweigen.

Die Sonne, die durch die Blätter blinzelte, die große Stille ringsum, der Wein, die Zigarre – alles wirkte auf den Doktor nach dem für seine Verhältnisse anstrengenden Marsch einschläfernd. Er versuchte, der Hypnose zu widerstehen, aber das gelang ihm mit großer Anstrengung nur zweimal; beim dritten Male öffneten sich die widerspenstigen Augendeckel nicht mehr.

Erst nach einer Weile merkte Karl Heinrich, als er etwas Gleichgültiges fragte und keine Antwort bekam, daß sein Begleiter wieder einmal eingeschlafen war.

Er lächelte, er war ihm nicht böse – nein, im Gegenteil.

Er lehnte sich weit zurück in seinen Stuhl, den Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt.

War er je im Leben so glücklich gewesen? Nie! Tausend Eindrücke waren gestern und heute auf ihn eingestürmt, aber kein Mißton fand sich dazwischen, sie klangen alle harmonisch zusammen in einen einzigen Glücksaccord. – Käthie, Freiheit, Heidelberg, der Neckar, das Schloß, der Frühling, die goldene Zukunft – ein einziger Strom von Freuden, ein einziger Rausch.

Käthie – er nahm das silberne Armband und ließ es in der Sonne glitzern.

›Ob sie sich darüber freut? Ob ich ihr ein besseres kaufen soll?‹ Er legte das Ding um sein Handgelenk und nahm es nicht wieder ab. Ihm war, als ob Käthie das Band schon einmal getragen hätte, als ob es gleichsam ein Stück von ihr sei, etwas Greifbares, das sie ihm näher brachte.

Da drang in die Mittagsstille ein Lärm; zehn, zwölf Studenten mit dunkelblauen Mützen kamen durch den Garten, riefen den Kellner, bestellten Bier und brachten zusammen mit den drei großen Kötern einen solchen Skandal in den Garten, daß sogar der Doktor sich unruhig bewegte und aufwachen zu wollen schien.

»Kellermann!«

»Jawohl!«

»Kellermann, sorgen Sie dafür, daß Bier kommt!«

»Schön!«

»Kellermann!«

»Was?«

»Der Kellner soll die Speisekarte mitbringen!«

»Schön!«

»Kellermann!«

»Was?«

»Er soll auch Zigarren mitbringen!«

»Schön!«

Dieser Kellermann kam darauf ohne sonderliche Eile an Karl Heinrich vorüber, ging in die Wirtschaft und erschien nach einiger Zeit als Assistent des Kellners mit Bierseideln.

»Kellermann!«

»Was?«

»Der verdammte Köter läuft über die Blumenbeete – fangen Sie ihn!«

»Schön!«

Aber Kellermann fing ihn nicht, sondern pfiff nur. Mit einer total verrosteten Stimme rief er ein paarmal: »He, hierher!«, und als das nichts fruchtete, gab er den Versuch auf.

»Kellermann!«

»Was?«

»Holen Sie drei Postkarten.«

»Schön!«

Er kam zum zweitenmal an Karl Heinrich vorbei, der ihn nun genauer betrachtete. Er trug eine Art Uniformrock und eine Portiermütze dunkelblauer Farbe, seine ganze äußere Erscheinung sollte ohne Frage auf eine Stellung als Diener hinweisen, aber nie hatte jemand – wenigstens nach Karl Heinrichs wohlgeschulten Begriffen – weniger Aehnlichkeit mit dem Typ eines solchen. Er ging beständig in einem kleinen Trab, ohne schneller von der Stelle zu kommen als andre Leute, die ihre Wege in ruhigem Schritt zurücklegen, seine Nase war blaurot, und der Schnurrbart, den er im Gegensatz zu andern glattrasierten Dienern trug, hing melancholisch-jämmerlich nach beiden Seiten. Die Augen hatten etwas Trauriges, sie schienen immer nur geradeaus zu sehen und alles, was rechts und links lag, absolut unbeachtet zu lassen. Er sah auch Karl Heinrich nicht an, obwohl er zweimal ganz dicht an ihm vorbeitrabte.

›Welch ein merkwürdiger Mensch,‹ dachte der Prinz, aber seine Aufmerksamkeit richtete sich weniger auf diesen als auf die Studenten.

Sie saßen so entfernt, daß er nur ihr lautes Lachen hörte oder das häufige »Kellermann«-Rufen, immerhin konnte er sie in Muße beobachten. Sie trugen sämtlich Mütze und Band in den Sachsenfarben, das war das einzige, was sie als Studenten kennzeichnete. Nichts an ihnen erinnerte an die alten, traditionellen Studentenfiguren, wie sie zu jener Zeit – Ende der siebziger Jahre – noch in den Büchern oder auf den Theaterbrettern umherspukten. Kein Schnürrock, keine Kanonenstiefel und keine Tabakpfeife, elegante Jungens, die sich auch ohne jene halbvergessene Vermummung ihres Studententums offenbar außerordentlich freuten.

Sie tranken trotz der frühen Morgenstunde gehörige Quantitäten Bier, es war amüsant und lustig, sie zu beobachten.

Irgend etwas regte sich in dem Prinzen, eine Sehnsucht, ein nie gekanntes Gefühl der Einsamkeit. Er blickte auf den dicken Regierungsrat, der mit seiner erloschenen Zigarre schlief und plötzlich so merkwürdig alt aussah. Gewiß, der Doktor war ein guter Kerl, mit dem Karl Heinrich seit vielen Jahren in bester Weise harmoniert hatte. Dieser Doktor war der erste und einzige gewesen, der in die stickige Luft des Karlburger Schlosses einen frischen Zug und in des Prinzen kalte Jugend einen Hauch von Lebensfreude gebracht hatte, aber ...

In dieser Stunde begriff Karl Heinrich! Daß man ihn daheim in Karlburg betrogen hatte, um seine ganze Jugend! Bediente, die mit ihm spielen mußten, Bediente, mit denen er spazieren ritt, Bediente jahraus jahrein, von früh bis spät, ewig nur bezahlte Leute!

Bis gestern war er ja überhaupt blind gewesen! Er hatte nichts vom Leben gewußt, gar nichts! Man hatte ihn gefangen gehalten, in einem goldenen Käfig, wie ein Tier, das dressiert werden soll.

Ein großer, hübscher Junge ging an ihm vorbei: »Kommen Sie mit, Kellermann, wir wollen eine Bowle ansetzen, Maibowle.«

»Schön!«

Mit müden, glanzlosen Augen sah der Prinz ihm nach. Er wird immer allein bleiben, zeitlebens.

Da kam der Kellner hastig hergelaufen und tippte dem erstaunten Prinzen formlos auf die Schulter:

»Sehen Sie mal hin! Der Herr, der da allein kommt! Das ist Herr von Scheffel!«

»Wo?«

»Da!«

»Doktor!« Karl Heinrich rüttelte den Schläfer. »Wachen Sie mal auf!«

»Was –? Was?!«

»Da kommt Scheffel. So wachen Sie doch auf!«

»Ja, ja –«

Also das war er. Der den Ekkehard gedichtet hatte. Und die Rodensteinlieder!

Der Kellner war mittlerweile auch zu den Studenten hinübergelaufen mit der gleichen Mitteilung, die an dem langen Tisch Sensation machte. Herr von Scheffel war damals in seinem lieben Heidelberg ein ziemlich seltener Gast, manche der jüngsten Studenten hatten ihn nie gesehen.

Da kam er!

Irgend einer schien den andern etwas zuzurufen, dann stellten sich alle zwölf um ihren Tisch in Reihe und:

»Wohlauf, die Luft geht frisch und rein Wer lange sitzt, muß rosten! Den allersonnigsten Sonnenschein Läßt uns der Himmel kosten ...«

Das fröhliche Wanderlied scholl seinem Dichter mit einer Begeisterung entgegen, wie sie dem Liebling von Heidelberg nur aus zwölf jungen Kehlen an einem solchen Frühlingstag zujauchzen konnte.

Er lächelte, und als die zwölf blauen Mützen der Corpsstudenten den alten Burschenschafter grüßten, zog er seinen Hut und ging dankend vorüber.

Und wie die Studenten thaten, so that Karl Heinrich: er nahm den Hut ab und grüßte tief.

Der Dichter lächelte auch ihm zu und dankte.

Langsam ging er weiter, bis er allmählich in den Büschen des Parks verschwand. Lange noch begleitete ihn das Lied, bis es jubelnd-übermütig ausgeklungen war:

»Hallaho: die Pforten brech’ ich ein Und nehme, was ich finde. Du heiliger Veit von Staffelstein, Verzeih mir Durst und Sünde!«

»~Cantus ex est!~ Ein Schmollis dem Dichter!«

Die Gläser klirrten auf den Tisch. –

* * * * *

Es war nachmittags fünf Uhr, als der Oberkellner im Hotel zum »Prinzen Karl« nach zweistündigem Diner Seiner Durchlaucht und dem Herrn Regierungsrat den Nachtisch servierte.

Sie saßen beide einsilbig und abgespannt. Die neugierigen Blicke der Hotelgäste, die devoten Kellner, das einförmig endlose Diner – alles wirkte nach den vorhergehenden Stunden fad und wie ein schlechter Abklatsch der Karlburger steifen Langeweile. Der erste große Rausch der Freiheit war für beide vorüber.

Der Piccolo kam mit einer Visitenkarte und überreichte sie flüsternd dem Regierungsrate:

»Der Herr ist draußen, er bittet freundlich, ob er den Herrn Regierungsrat einen Augenblick sprechen könnte.«

»Mich?« Der Doktor war erstaunt und drehte die Karte hin und her: »Konrad von Gräbenitz, ~stud. jur.~ Wer ist das, den kenne ich nicht. Was will der Herr?«

»Er bittet freundlichst, ob er den Herrn Regierungsrat einen Augenblick sprechen könnte.«

»Ja, das höre ich.«

»Fragen Sie doch, was er will, Doktor,« sagte Karl Heinrich gleichmütig.

»Ja, is gut. Ich käme gleich.«

Der Doktor stand etwas verdrießlich auf, denn im Gegensatz zu andern Leuten war er nach jedem Diner schlechter Laune, weil er sich mit Recht sagte, daß er, wie immer, zu viel gegessen hatte.

Im Rauchzimmer traf er den Herrn, einen sehr eleganten jungen Mann, dessen Gesicht wie ein Beefsteak zerhackt war.

»Mein Name ist Regierungsrat Jüttner.«

»von Gräbenitz.«

»Bitte, nehmen Sie Platz.«

»Ich habe mir die Freiheit genommen, Herr Regierungsrat, meine Karte heute mittag in Ihrer Wohnung abzugeben, man sagte mir dort, daß ich Sie hier antreffen würde.«

»Ja ja.«

»Meine Bitte, Herr Regierungsrat, geht dahin, daß Sie die große Liebenswürdigkeit haben möchten, mich Seiner Durchlaucht vorzustellen.«

»Dem Erbprinzen?«

»Ich bitte darum.«

»Und – e – was, und – e – weshalb? –«

»Ich möchte Seiner Durchlaucht im Auftrage meines Corps die Bitte vorlegen, ob Seine Durchlaucht unserm Corps die Ehre geben würde, heute abend dem Kommers beizuwohnen.«