Part 12
Richards Gesicht drückte ein leises Unbehagen aus; Leonore bemühte sich, ihm ihre Beziehungen zu Kelt recht klar und deutlich zu machen. Sie hatte alles Herzeleid vergessen. Sie war ja wieder jung -- jung --
* * * * *
„Gott, was für schöne Menschen!“ Richard Freyer sagte das zu Leonore, als die Gäste für kurze Zeit nach ihren Zimmern gegangen waren.
Leise antwortete sie etwas.
„Leonore, hast du, hast du diesen Kelt geliebt?“
„O nein,“ sagte sie still -- „ich habe den Vitus nicht geliebt. Wir hatten nur Freude miteinander.“
Freyer fand, er würde sich nicht wundern, wenn es gewesen wäre. Er sei so seltsam anziehend.
„Lieber, du mußt dir nichts denken, es ist nie etwas gewesen, was ich dir nicht gesagt habe.“
„Und diese wunderlichen Freunde die er hat, Leonore. Ich weiß nicht, man könnte sich vor ihnen fürchten.“
„Fürchten?“ fragte Leonore sanft.
„Sie haben so etwas -- so etwas Leidenschaftliches in ihren Gesichtern. So etwas Stürmisches. Bruder und Schwester sind einander so ähnlich --“
„Und du fürchtest dich vor ihnen. Weil sie schön sind, fürchtest du dich vor ihnen?“
Er lachte nur, aber das klang gezwungen. -- --
Man hatte im Schloßhof unter den Linden zum Abendbrot gedeckt. Die Gäste kamen herunter.
Kelt bat, daß er Leonore zu Tisch führen dürfte, Freyer bot Julia Morton den Arm. Er entschuldigte sich, daß für den Bruder keine Dame da sei.
Kelt war sehr höflich. Er wandte sich gleich an Richard Freyer. „Sie Erfüller aller Wünsche,“ sagte er herzlich. „Ich habe Leonore nur einmal einen Tannenzweig von Kapellendorf gebracht. Und Sie konnten ihr die alte Heimat wiedergeben. Wie ist das schön. Wir haben oft von Kapellendorf gesprochen -- ich sage ‚wir‘, denn es war in der Zeit, als wir das Heimweh miteinander teilten.“
Es stand Wein auf dem Tisch. Kelt erhob sein Glas. „Kapellendorf und seinen Laren!“
„Und seinen Gästen,“ sagte Freyer rasch.
Die Gläser gaben einen feinen Harfenton. Es klang Leonore wie eine Musik voll Lust.
Das fremde junge Mädchen, das noch wenig gesprochen hatte, begann zu reden. „Wir haben in unserer Heimat eine kleine, alte Volkssitte. Wer als Fremdling in ein Haus kommt, darf um das Glas bitten, aus dem die Herrin getrunken hat. Er darf es zu Ende trinken, zum Zeichen, daß er kein Fremder mehr sein soll.“ Und das junge Mädchen stand vor Leonore und hatte den roten Mund ein wenig geöffnet und lächelte mit den Chrysoprasaugen, die sie hatte wie der Bruder.
Leonore reichte ihr das Glas. „Nein, Sie sollen hier nicht Fremde sein.“
„Dank -- vielen Dank.“
Der kleine Vorgang war mit viel Anmut geschehen. Nun fragte Leonore: „Und die arme Herrin muß dann, darf dann den Abend keinen Wein mehr haben.“
„Wenn sie will -- schon,“ und das schöne Mädchen brachte Leonore das andere Glas.
Der Abend ging. -- O, es war ein wunderlicher Abend, Leonore -- --
* * * * *
Kelt sagte den andern Tag: „Ich habe gelesen, daß in der Nähe oder doch erreichbar von hier die Wüstung Moebis liegt, ein Brunnen, ein zerstörtes Dorf. Dürfen wir das sehen?“
Freyer hatte Bedenken: „Es wird Sie enttäuschen, es ist nur ein Waldbrunnen und eine erhöhte Wiese mit Mauerresten. Leonore kennt es gar nicht, man geht von hier aus doch drei Stunden -- und es ist ein mühseliger Weg.“
Aber Leonore wollte, was Kelt wollte, und so ging man am dritten Tag -- am zweiten hatte Leonore den Gästen Kapellendorf gezeigt -- nach der Wüstung Moebis.
Über die weite Flur ging man, dort, wo die Windmühle das Land beherrscht, unter der Kaspar Mühlfund geboren war -- dann durch ein kleines Dorf jenseit der Bahn. Eine alte Kirche steht in einem ummauerten Gottesacker. Eine Pappel davor, der Dorfbaum.
Die Gäste wollten den Kirchhof besehen.
Ja, Leonore wußte, da war ein alter Stein:
Unsere Herzen tragen Wundenmale Wie der Rasen im Begräbnistale.
Sie standen davor, in der Enge des kleinen Totenackers, der nach Feuchte und Ungepflegtheit roch, trotzdem die Sonne so glühend über dem Lande war. Eine Lindenallee führt den Berg hinan -- ein breiter Weg zwischen Linden, die nicht ihre volle Größe haben erreichen können, weil der Boden hart von Steinen ist und der Wind allzuviel die Kronen niederzwang. Man sah über das weimarische Land -- die weiten Felder, die blauen Waldhügel, die ins Tal nach Jena abfielen. Indigoblau und sonnengolden stand das Land. Jungfräulich schien es, wie Eroberergrund, in dem noch Hirten Lieder singen, die eben der Erde entstiegen sind in klingender, reiner Morgenfrühe.
Der Weg senkte sich, fiel in den Wald ab. Wohl, da ging es zu der Wüstung Moebis -- im Wald an einem steingefaßten Brunnen vorbei, dann aufwärts einer Wiese zu: Geröll überall, überwachsene, zerstörte Feuerstellen -- versunkene Mauern. Der Thymian blühte auf der Wüstung Moebis.
Sie saßen auf den halbversunkenen Mauern und dachten ferner Zeit. Sie sprachen. Leonore wußte, unterschied kaum, wer sprach. Sie ergänzten einander; sprachen davon, wie sie alle drei als gute Weggenossen in dem Land um den Euphrat gewesen waren -- in den Ruinen von Babylon und dort im Schutt der Jahrtausende gegraben hatten. Voll Hoffnung -- von jubelndem Tatendrang beseelt. Und wie jeder kleinste Fund fast zu einem Ereignis des Herzens geworden war. Ja, das junge, schöne Mädchen war mit den Männern gegangen als tapferer Kamerad. Seltsam unwirklich klang Leonore das alles. Und nun wollten sie nicht zurückgekehrt sein, um der Erinnerung zu leben. O nein, nur eine Rast brauchten sie. Und dann wollten sie wieder in die Ferne, sie wollten neues Leben dort pflanzen -- wollten das alte Land von einem sagenhaften Paradies, das Land der Legende mit neuem Leben erfüllen. Alle Jugend lag ja noch vor ihnen. Was sind Worte, was ist Graben im Schutt. Neue Taten mußten sein. Und sie redeten von den neuen Taten, als wäre es nur der Zufall, ein leicht zu beseitigender Zufall, daß sie noch nicht Helden waren.
Frederic Morton erzählte: „Einmal in einer Nacht kam ein Haufen von wilden Banden gegen unsere Siedlung. O, das war eine Nacht der Gefahr. Schön in ihrer Furchtbarkeit. Und doch nur ein Spiel. Denn es galt nur das Leben -- nicht eine Idee.“
Er redete weiter. Leonore hörte nur immer das Wort: es war ein Spiel, denn es galt ja nur das Leben -- nicht eine Idee.
Sie hatten den Plan, weiter ins Innere zu gehen. Leonore verstand ja nichts Wirkliches von alledem. Doch Freyer fand das Vorhaben bedenklich. Aber sie meinten, wenn keine Bedenken, keine Kämpfe wären, wo bliebe da der Reiz?
Sie lachten -- aber hinter dem Lachen lag Wille. Lag unbeirrbarer Wille.
„Wir haben die Wüstung Moebis ganz vergessen,“ meinte Kelt. „Im dreißigjährigen Krieg, in dieser ungeheuren Psychose -- aber seht doch die Berge.“ -- Ja, die Berge um Jena glühten auf. Durch eine sonderbare, nicht häufig kommende Luftwirkung glühten sie auf wie Eisen, das aus der Rotglut ins Weiße übergeht. Der kahle Rücken, welcher das Schlachtfeld trägt, der Jenzig, den auf seinem Horn ein zerfallenes Parthenon zu krönen scheint, glühten auf und lagen wie Streifen der Morgenröte über dem Indigoblau der Wälder.
„Die weimarischen Berge sagen uns ja,“ fand Kelt. „Ja zum Glück von Kapellendorf -- ja zu den Abenteuern, die hier ein wenig rasten.“
Sie blieben noch. Auf der Wüstung Moebis saßen sie und sahen in Zukünfte und Vergangenheiten -- vom Schicksal für einen Augenblick Zusammengeworfene.
Und Leonore ward die Gegenwart schon fast zur Erinnerung, wie uns oft mitten in einer heißen Stunde des Erlebens das beschattende Gefühl kommt: daran wirst du noch oft denken müssen, noch oft.
Richard, der immer an das Nützliche, Rechte dachte, zog die Karte heraus. „Wir haben eine helle Nacht zu erwarten,“ sagte er. „Dort steht ja schon ein blasser Mond. Wir wollen doch nicht ewig da bleiben, und haben wohl alle Hunger. Da führt ein Weg durch das Tal nach Jena. Es mag eine gute Stunde sein. Ich schlage vor, wir wollen nach Jena gehen, dort essen und dann mit einem Wagen über die alte weimarische Chaussee zurückfahren. Es ist ein schöner Sommernachtsweg.“
Man war einverstanden. Man suchte das Tal. Es ging einen steilen Abhang hinunter, dann einen gewundenen Weg weiter. Richard Freyer und Vitus Kelt liefen voran als Pfadfinder. Leonore ging mit den Geschwistern nach.
Da plötzlich öffnete sich das Tal. Und es war, als träte man ein in das Reich des Fremden, des Fernen, Niegewesenen. Die Steinabhänge des Tales standen voll Wacholdersäulen. Neben dem Weg erhoben sich hohe Wände von Wacholder wie schwarze Mauern. War es das Tal des Todes, über dem die Zypresse trauerte? War es ein Trugbild des Sommerabends? Alle Farben waren von unwirklicher Stärke. Die Abendsonne und der schon leuchtende Mond am Osthimmel durchglühten alles, machten alles durchsichtig und zugleich voll seltsamer Plastik, wie schwebend in Unwirklichkeit. Der Berg, auf dem die Wacholdersäulen standen, war hell, gleich durchleuchtetem Elfenbein. Der Talgrund grün wie dunkle Smaragde. Die Stämme der Kiefern am Rande des Waldes schienen klingende, goldbraune Geigen. Und dazwischen, wie ein Memento des Todes erhoben sich die schwarzen, feierlichen Wacholdersäulen.
„Was ist hier?“ fragte Julia Morton fast erschrocken.
Und Leonore sagte sanft: „Die Schönheit.“
Ja, als eine unendliche Sanftheit, als ein Zusammenklang alles Zeitlosen stand alles greiflich und doch unnennbar fern, wie der Luft entrückt, dem Wesenlosen anheimgegeben.
Sie gingen weiter, gingen weiter durch die betörende Seltsamkeit. Plötzlich horchte das fremde Mädchen. Hier unten muß ein Wasser rauschen -- ein dunkles Wasser.
Die andern vermochten nichts zu hören. „Es ist die Stille, die unsere verwirrten Sinne klingen lassen,“ sagte Frederic Morton. „Alles klingt hier, erinnerungsstark wie Musik, in der alle Leiden, alle Sehnsüchte der Menschheit nachgefühlt, verdichtet sind.“
Und Leonore fühlte dieses farbentönende Schweigen, fühlte es wie eine ungeheure Lust, die ihren Körper durchirrte, die ihre Seele glühend machte, wie den Berg mit den Gespensterzeichen des Todes, der gleich durchleuchtendem Elfenbein war. Stand nicht die Zeit still?
Sie gingen, und blieben doch. Sie gingen, und das Tal nahm kein Ende. Es war wie ein Traum, den man durchschreitet, ein Traum, der nichts auslöscht, kein Gefühl verringert, verblassen läßt.
Da klang die Quelle neben ihnen. Unter einer Wacholderwand, die wie voll Zärtlichkeit einen Weidenstumpf umschloß, kam sie zutage. Und Leonore sah die erlöste Quelle wie ein Symbol. Im Tal, da die Zeit schwieg, brach das Leben aus verworrenem Dunkel -- löste sich ein ferner Strom, der lange, lange unter Tiefen hatte schlummern müssen. O, so stark war die Nacht. Stark, wie ihre leidgetränkten Farben. -- Und noch glühte der Berg wie durchleuchtetes Elfenbein, der Berg, der so lange stumm gelegen hatte.
Und sie gingen durch die leuchtende Tiefe des Sommerabends -- im Schweigen, in klingendem Schweigen.
Am Himmel stritten die Lichter des Tages und der Nacht ihren Wechselkampf -- der schön und glühend war wie große Taten, die ein Jahrtausend überdauern ...
* * * * *
Leonore kam in das Mauergärtlein, dorthin, wo sie so oft in den Tagen der Kindheit mit den Gespielen von blauen Fernen gesprochen hatte. Und dort -- der leise abschiednehmende Junitag leuchtete noch -- saßen die Geschwister Julia und Frederic.
Sie begrüßten einander -- sprachen. Und dann ging eines von den Geschwistern fort. Draußen stand noch abschiednehmend der Juniabend -- und eines von den Geschwistern ging ...
* * * * *
Leonore kam durch den Hof. Allein kam sie, allein ging sie, und um ihren jungen Mund lag ein Lächeln voll Hochmut, voll Schmerz -- voll überschwenglicher Inbrunst. Sie ging, das Gesicht zu den Gestirnen erhoben, die über der Nacht standen.
„Leonore, Liebe, was ist dir?“
Voll Angst klang die Frage. Vitus Kelt stand neben ihr. „Du -- Vitus? O, frage nicht.“
„Leonore, sage mir, ich bin dein Freund, Leonore, was ist dir?“ -- Er rührte ihre Hand nicht an -- aber er stand nahe bei ihr, wie jemand, der beschützen will, sei es um die Preisgabe von Scham und Schweigen.
Sie stand -- und ihr Gesicht war den Gestirnen zugekehrt. Sie stand, und ihre Hände hingen herab wie müde, weiße Blumen; und um ihren jungen Mund lag der Zug einer inbrünstigen Leidenschaft.
„Leonore, du weinst? Leonore, was ist? --“ O, einer Seele Menschlichkeit war erschüttert in dieser Stunde. Erschrocken, auf das seltsamste berührt von ihrer statuengleichen Schönheit sah Kelt auf sie. „Was ist, liebe Leonore?“
Sie antwortete mit einer weichen, fernen, verführerischen Stimme: „Ein nie gewesener Tag.“
Und langsam, als schritte sie ohne jede bewußte Bewegung, ging sie in das Haus.
VIII.
Die Nacht.
Draußen, vom Turm, schlug die Uhr die Mitternacht. Langsam, in törichter, tönender, quälender Deutlichkeit zerbrachen ihre stummen Rufe die Stille. Langsam, in törichter, tönender, quälender Deutlichkeit drangen die Rufe herein in das mondweiße Zimmer. Leonore lag wach. Lange schon lag sie.
Was war denn, was war denn gewesen, daß alles Alte zerstört und grausam vernichtet lag? Es war nichts gewesen als eine holde Stunde -- eine frühlingsholde, junge Stunde. Nichts Böses -- was für ein häßliches Wort für das Allerschönste -- -- Nur eine holde, junge Stunde war gewesen --
Ob Richard wohl schlief? Ja, draußen vom Turm hatte es die Mitternacht geschlagen. Und er wußte alles -- wußte nichts.
Was war denn zu wissen? Sie hatten einst ihr Haus zusammen erbaut -- ihre feste Burg über der Welt, über den Niederungen des Tales -- ihre Burg, die stehen sollte wie ein Heidenmal, unverrückbar, unzerstörbar. Ihre Burg, die aufragen sollte wie ein Heidenaltar auf dem Berge, den Göttern geweiht. +Ja, das hatte sie gewollt.+
Was war denn, was war denn gewesen? Ein Vogel war um die Burg geflogen -- ein junger, sanfter, wilder, schöner Sommervogel. O, es war nichts gewesen als eine holde Stunde.
Einst wollte ich, Richard, wir gehörten zusammen, wie zwei, die erst das Leben schufen. Die schuldig sind am Leben. +Ja, das habe ich einst gewollt.+
Einst war ich jung bei dir, Richard. Durch blaue Nächte klangen Sehnsuchtsrufe. Einst war ich stark. Einst glühte ich; die Welt -- und du, ihr solltet entbrennen von meinem Glühen. Einst war meine Sehnsucht so groß, daß sie Berge versetzen konnte.
Weißt du noch, oder hast du es ganz vergessen? Meine Sehnsucht hatte ich dir geschenkt. Ich glaubte sie in einen tiefen Bronnen geschüttet. Aber du hast sie nicht behütet -- und so ist sie wieder zu mir gekommen.
Die Nacht ist so bang --
Einst -- -- o, dieses tötende, tötliche, törichte Einst. Die Burg baute sich auf wie goldene Tore zum Himmel. Die Luft um die Burg glühte, als trüge sie den Brand der Leidenschaft -- Ja, so fühlte ich, was zwischen uns sein, werden sollte -- Geh -- geh -- ich konnte nicht mehr -- du hast es ja nicht haben wollen -- du hast alles leblos werden lassen, ehe es noch geboren war.
Warum ist denn die Nacht so lang -- so bang und schwer?
Was war denn? O, ich ersehnte die Ewigkeit. Ich wollte sie kennen, wie nur Gott sie kennt. Aber ein Gott stieg einst vom Himmel, um in einer erdgeborenen Mutter Schoß zu ruhen -- und ich bin gegangen -- und ich sah nicht mehr das Hoffnungslose -- ich habe eine Jugend gesehen, die noch glüht, als könne sie die ganze Welt entbrennen machen.
Ich sah den Rausch -- den Rausch einer ersten Stunde -- und ich -- erlebte zum ersten Male das Ereignis der Erfüllung einer ersten Stunde. Ja, ich habe es dir gesagt -- du bist still gewesen und ich habe nichts zu verteidigen gehabt.
Und nun ist die Nacht. Die Nacht -- Ich wollte schreien -- ich weiß nicht, ist es vor Qual oder Glück -- ich habe ja nicht gewußt, daß es dieses auch von andern gibt. Wie hätte ich dich sonst betrügen können, Richard, wenn ich einmal glaubte, zwischen uns wäre es gut. Du hast ja nicht auf mich gehört, wenn ich allen Willen allein nicht mehr tragen konnte -- ja, was sich von uns wendet, was wir verlassen, war nicht Notwendigkeit.
Das andere -- o, du verzeihst mir doch, du geliebter Mensch, daß ich in dieser Nacht nicht allein an dich denke? Du, du bist noch unter diesem Dach -- und mein Herz zittert nach dir -- lauter als alle Gedanken ruft es.
Du -- du bist noch unter diesem Dach -- und ich habe deine Schönheit gesehen, ich habe sie getrunken -- deine holde, wilde, sanfte, frühlingsstarke Seele habe ich gefühlt. Es brennt durch mein Blut -- da bist du, du wilder Vogel, der lachend und leuchtend über Meere zieht. Ich liebe dich -- ich liebe dich, ich will dich noch einmal sehen und sterben.
Die Nacht ist lang -- bis die Turmuhr wieder eine Stunde schlägt, ist noch ein ganzes Leben -- mit dir gehen und die Welt jung sehen -- mit dir gehen und die Welt entbrennen sehen von unserer Liebe. Mit dir -- +mit dir+ --
Habe ich denn gelebt bis zu diesem einzigen Augenblick? Bis zu diesem niegewesenen Tag? O, ich wußte ja nichts. Ich war ja so arm. Ich habe geküßt und von Liebe geredet und wußte nichts. Und nun weiß ich -- komm zu mir, ich muß es dir sagen.
Siehst du das Frührot hinter den Bergen? Hörst du den Lockruf lieberotester Liebe? Komm zu mir, komm, du geliebter Mensch, komm, erlöse mich mit deinem brennend roten Mund. Wie ein Jahrtausend muß mit dir das Glück sein, so glühend von großen Taten.
Die Turmuhr schlug. Die zweite Stunde des ruhenden Tages schlug sie. Tönte sie herüber aus mahnenden Vergangenheiten? Es ist ja nichts, als daß ich leben will, als daß ich selig bin -- als daß der Tod mir das größte Wort, das heiligste Geschehnis wäre, führte sein Weg mit dir -- mit dir --
So schwer und bang und glühend ist die Nacht. -- Leonore -- wie wird dein neuer Tag sein?
Ende.
Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt