Kant und Goethe

Part 4

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Es ist nun sehr merkwürdig, wie auch an diesem Punkt Kantische Argumente eine äußere Ähnlichkeit mit den Goetheschen zeigen, bei völliger Divergenz der grundlegenden Gesinnung. Kant stellte fest, daß wir, als endliche und natürliche Wesen, den Trieb nach Glückseligkeit als eine nicht zu leugnende und nicht zu beseitigende Tatsache in uns finden, gerade wie als moralische Wesen die Forderung des Sittengesetzes. Über diesen beiden Tatsachen erhebt sich das Verlangen nach ihrer Harmonie: die Weltordnung wäre nichts als eine große Dissonanz, wenn nicht das Maß des genossenen Glücks dem Maß der sittlichen Vollendung entspräche. Tatsächlich aber ist diese Proportion im irdischen Leben nicht vorhanden; zwischen Sittlichkeit und Glückseligkeit zeigt die Erfahrung keinerlei gerechtes und harmonisches Verhältnis. Da man aber an dieser Unerträglichkeit schlechthin nicht Halt machen und sie nicht der Ordnung der Dinge als ein Definitivum aufbürden kann, so postuliert Kant die Unsterblichkeit der Seele, weil sie nur in einem Jenseits und durch den Machtwillen eines Gottes ihre Vollendung: die Harmonie ihres sittlichen und ihres eudämonistischen Seins finden kann. Es ist also sozusagen das gleiche Schema, in dem sich die Kantische und die Goethesche Unsterblichkeitslehre vollzieht; beide finden in der Wirklichkeit des menschlichen Wesens gewisse Forderungen unmittelbar angelegt, zu deren Erfüllung dasselbe unter den empirischen Verhältnissen nicht gelangen kann; da sie aber bei diesem Widerspruch nicht stehen bleiben können, so fordern sie von der Ordnung der Dinge, das Versprechen, das sie mit der Organisation unseres Wesens gegeben hat, wenigstens in einem Jenseits einzulösen. Nun aber zeigt sich sofort die tiefe Unterschiedenheit der Weltbilder: für Goethe könnte die Natur nichts so Sinnloses tun, als uns Kräfte zu verleihen, denen sie die Entwicklung abschneidet (so sehr fällt ihm objektiv die Wirklichkeit mit dem Geist zusammen, daß er in bezug auf die subjektiven Formen beider behauptet, alles Falsche wäre auch geistlos!); für Kant könnte sie nichts so Unmoralisches tun, als der Sittlichkeit ihr Äquivalent vorzuenthalten. Kant fordert die Unsterblichkeit, weil die empirische Entwicklung des Menschen einer Idee nicht genügt, Goethe, weil sie den wirklich vorhandenen Kräften nicht genügt; Kant, weil die an sich getrennten Elemente, Sittlichkeit und Glückseligkeit, doch eine Einheit gewinnen müßten, Goethe, weil der ganze einheitliche Mensch doch das in Wirklichkeit werden müßte, was er der Möglichkeit nach von vornherein sei. Man erkennt auch hier, daß Kant die Elemente des menschlichen Wesens außerordentlich weit auseinander treibt, so daß sie nur in ganz fernen und neuen Dimensionen und Ordnungen sich wieder zusammenfinden können, während diese Einheit für Goethe in unserer unmittelbaren Wirklichkeit gegeben ist und es sich sogar in der Unsterblichkeitsfrage nur um eine konsequente Weiterentwicklung schon gegebener Richtungen handelt. Der Übergang der Seele von dem irdischen in den transszendenten Zustand ist für Kant der radikalste, für den sein Denken Raum hat, für Goethe ein Fortschreiten in ungeänderter Richtung, ein bloßes Freiwerden vorhandener Energien. Auch dieser vorgeschobenste Posten der beiden Weltanschauungen spiegelt ebenso den Rhythmus des Kantischen Wesens, das die Momente des Seins untereinander und von ihrem Wert scheidet, um sie erst oberhalb oder unterhalb der Wirklichkeit wieder zu versöhnen, wie den des Goetheschen, für den das Sein in sich und mit seinem Wert von vornherein ein einheitliches ist. Hier wie überall ist das Schema ihrer Divergenzen dies, daß Kant der Entwicklung eines analytischen Zustandes, Goethe der eines synthetischen nachgeht. Goethe steht mit dem gesteigertsten Bewußtsein und der vertieftesten Begründung auf dem Boden undifferenzirter Einheitlichkeit, die der Ausgangspunkt aller geistigen Bewegungen gewesen ist. Kant akzentuiert die Zweiheit, in die diese auseinandergegangen ist; gegenüber jenem sozusagen paradiesischen Zustand — wenngleich es nur ein paradise regained ist — hat bei ihm das scientes bonum et malum die äußerste Schärfe erlangt, die Einheit, die er gewinnt, trägt die Spuren der Entzweiung, die Nähte sind nicht völlig verwachsen.

Aber eben jener Flug an ein äußerstes Ziel des Betrachtens und Empfindens der Welt hat Goethe über so manche Stationen sich hinwegsetzen lassen, die das langsam geschichtliche Vorschreiten nicht übergehen kann; so mögen auf dem Zickzackweg der Geistesentwicklung Strecken kommen, die der Richtung des Goetheschen Weges, selbst wenn diese die definitive und objektiv richtig wäre, direkt entgegenlaufen. Und so steht es in der Wissenschaft der letzten hundert Jahre. Denn diese will — oder wollte wenigstens — wirklich der Natur ihre Geheimnisse mit Hebeln und mit Schrauben abzwingen; sie will wirklich das Wahrheitsinteresse davon ganz unabhängig machen, ob es die Schönheit der Erscheinung zerstört oder nicht; sie will wirklich nicht von einer Idee des Ganzen, sondern von möglichst atomisierten Elementen ihren Ausgang nehmen; sie sieht wirklich den seelenlosen Mechanismus zweckfremder Stoffe und Kräfte als ihr einziges Konstruktionsprinzip des Naturbildes an; ihr liegt aller Sinn, alle übermechanische Bedeutung derselben _hinter_ der Erscheinung, in dem Reich des Intelligiblen, das in das der Sichtbarkeit und Erfahrung nie und nirgends hineinreiche; sie hat weder im Theoretischen noch im Ethischen jenes Zutrauen zu dem unmittelbar harmonischen Verhältnis zwischen der Natur und unseren Idealen. In alledem ist dagegen Kant der Mitbegründer und Genosse des modernen wissenschaftlichen Geistes; er, der einerseits in allem Wissen nur so viel wirkliche Wissenschaft sah, wie Mathematik darin ist, und der andrerseits die Gültigkeit der Mathematik auf die Form menschlicher Anschauung beschränkte und allem absprach, was nicht unmittelbar erscheinen kann; er, der den Geist und Zweck in der Natur für eine bloße „subjektive Maxime“ ihrer Beurteilung erklärte, die ihr eigenes Sein gar nicht berührte; er, der das Auseinanderklaffen unserer tiefsten Wesensbedürfnisse mit erbarmungsloser Schärfe erkannte, um dem Verlangen nach ihrer Harmonie schließlich das Almosen eines transszendirenden _Glaubens_ zu gewähren. Wir können uns nicht verhehlen, daß die Gleichung zwischen diesen beiden Weltanschauungen noch nicht gefunden ist, so sicher erst mit ihr alles erfüllt wäre, was wir von unserem geistigen Verhältnis zur Welt begehren. Denn nicht so etwa stehen sie sich gegenüber, daß die eine uns die Wahrheit, die andere den Wert des Weltbildes zuführte; vielmehr, wodurch würde die Wahrheit als eine Partei in diesen Streit eintreten und unser Interesse fordern dürfen, wenn sie nicht auch ein _Wert_ wäre? — so daß die Frage im letzten Grund zwischen zwei Wertgefühlen steht. Vielleicht aber ist sie überhaupt falsch gestellt, wenn sie nach einem stabilen Gleichgewicht beider sucht; vielleicht ist es der eigentliche Rhythmus und Formel des modernen Lebens, daß die Grenzlinie zwischen der mechanistischen und der idealistischen Auffassung der Welt in fortwährendem Fließen bleibe, so daß die Bewegung zwischen ihnen, der Wechsel ihrer Ansprüche auf das Einzelne, die Entwicklung ihrer Gegenwirkungen ins Unendliche dem Leben den Reiz gewährt, den wir von der unauffindbaren definitiven Entscheidung zwischen ihnen erhofften. Das ist freilich Epigonentum; aber es ist auch die äußerste Ausgestaltung und Ausnützung der Gunst, die die Natur der Dinge den Epigonen gewährt: daß, wenn ihnen die Größe der Einseitigkeit entgeht, sie dafür der _Einseitigkeit_ der Größe entgehen können.

DIE KULTUR

Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen

Herausgegeben von CORNELIUS GURLITT

Band Erschienen:

1. ARISCHE WELTANSCHAUUNG von HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN. 2. DER GESELLSCHAFTLICHE VERKEHR von OSCAR BIE. 3. DER ALTE FRITZ von WILHELM UHDE. 4. DIALOG VOM MARSYAS von HERMANN BAHR. 5. ULRICH VON HUTTEN von G. J. WOLF. 6. VON AMOUREUSEN FRAUEN von FRANZ BLEI. 7. ERZIEHUNG ZUR SCHÖNHEIT v. M. N. ZEPLER. 8. LANDSTREICHER von HANS OSTWALD. 9. FRAUENBRIEFE DER RENAISSANCE von LOTHAR SCHMIDT. 10. KANT UND GOETHE von GEORG SIMMEL. 11. DIE MODERNE MUSIK von OSCAR BIE. 12. SCHILLERS WELTANSCHAUUNG von A. VON GLEICHEN-RUSSWURM. 13. LEBEN MIT MENSCHEN v. ARTH. HOLITSCHER.

_Weitere Bände in Vorbereitung_

_Jeder Band in künstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_ Kunstbeilagen, Faksimiles und Porträts, kartoniert_ _in Leder gebunden_ _M. 3.—_

BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50.

DIE MUSIK

Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen

Herausgegeben von RICHARD STRAUSS

Band _Bisher erschienen:_

_ 1. Beethoven_ von August Göllerich _ 2. Intime Musik_ von Oscar Bie _ 3. Wagner-Brevier_ herausgegeben von Hans von Wolzogen _ 4. Geschichte der französischen Musik_ von Alfred Bruneau _ 5. Bayreuth_ von Hans von Wolzogen _ 6. Tanzmusik_ von Oscar Bie _ 7. Geschichte der Programm-Musik_ von Wilhelm Klatte _ 8. Franz Liszt_ von August Göllerich _ 9. Die russische Musik_ von Alfred Bruneau _ 10. Hector Berlioz_ von Max Graf _ 11. Paris als Musikstadt_ von Romain Rolland _ 12. Die Musik im Zeitalter der Renaissance_ von Max Graf _13.‑14. J. B. Bach_ von Ph. Wolfrum _ 15. Schaffen und Bekennen_ von Ernst Decsey _16.‑17. Das deutsche Lied_ von Herm. Bischoff _ 18. Die Musik in Böhmen_ von Richard Batka _ 19. Rob. Schumann_ von Ernst Wolff _ 20. Georges__ Bizet_ von A. Weissmann

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DIE KUNST

SAMMLUNG ILLUSTRIERTER MONOGRAPHIEN

Herausgegeben von RICHARD MUTHER

Band _Bisher erschienen:_

_ 1. Lucas Cranach_ von Richard Muther _ 2. Die Lutherstadt Wittenberg_ von Gurlitt _ 3. Burne-Jones_ von Malcolm Bell _ 4. Max Klinger_ von Franz Servaes _ 5. Aubrey Beardsley_ von Rudolf Klein _ 6. Venedig als Kunststätte_ von Albert Zacher _ 7. Manet und sein Kreis_ von Meier-Graefe _ 8. Die Renaissance der Antike_ von R. Muther _ 9. Leonardo da Vinci_ von Richard Muther _ 10. Auguste Rodin_ von Rainer Maria Rilke _ 11. Der mod. Impressionismus_ von Meier-Graefe _ 12. William Hogarth_ von Jarno Jessen _ 13. Der Japanische Farbenholzschnitt_ von Friedrich Perzyński _ 14. Praxiteles_ von Hermann Ubell _ 15. Die Maler_ von _Montmartre_ [Willette, Steinlen, T. Lautrec, Léandre] von Erich Klossowski _ 16. Botticelli_ von Emil Schaeffer _ 17. Jean François Millet_ von Rich. Muther _ 18. Rom als Kunststätte_ von Albert Zacher _ 19. James Mc. N. Whistler_ von Hans W. Singer _ 20. Giorgione_ von Paul Landau _ 21. Giovanni Segantini_ von Max Martersteig _ 22. Die Wand und ihre künstlerische Behandlung_ von Oscar Bie _ 23. Velasquez_ von Richard Muther _ 24. Nürnberg_ von Hermann Uhde-Bernays _ 25. Constantin Meunier_ von Karl Scheffler _ 26. Über Baukunst_ von Cornelius Gurlitt _ 27. Hans Thoma_ von Otto Julius Birnbaum _ 28. Psychologie der Mode_ von W. Fred _ 29. Florenz und seine Kunst_ von G. Biermann _ 30. Francisco Goya_ von Richard Muther _ 31. Phidias_ von Hermann Ubell _ 32. Worpswede_ von Hans Bethge _ 33. Jean Honoré Fragonard_ von W. Fred _ 34. Handzeichnungen alter Meister_ von O. Bie _ 35. Andrea del Sarto_ von Emil Schaeffer _ 36. Moderne Zeichenkunst_ von Oscar Bie _ 37. Paris_ von Wilhelm Uhde _ 38. Pompeji_ von Eduard von Mayer _ 39. Moritz von Schwind_ von Otto Grautoff _ 40. Michelagniolo_ von Hans Mackowsky _ 41. Dante Gabriel Rossetti_ von Hans W. Singer _ 42. Albrecht Dürer_ von Franz Servaes _ 43. Der Tanz als Kunstwerk_ von Oscar Bie _ 44. Cellini_ von W. Fred _ 45. Präraffaelismus_ von Jarno Jessen _ 46. Donatello_ von W. Pastor _ 47. Félicien Rops_ von Franz Biel _ 48. Korin_ von Friedrich Perzyński

_Weitere Bände in Vorbereitung_

_Jeder Band, in künstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_ Kunstbeilagen, in Heliogravüre, Farbendruck etc., kartoniert_ _ganz in Leder gebunden_ _M. 3.—_

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