Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der praktischen Vernunft.
Part 19
Zwei Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: =der bestirnte Himmel über mir und das |161.35| moralische Gesetz in mir=. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise suchen und blos vermuthen; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar #289# mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste fängt von dem Platze an, den ich in der äußern Sinnenwelt einnehme, und erweitert die Verknüpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich Große mit Welten über Welten |162.5| und Systemen von Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an und stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur dem Verstande spürbar ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich mit allen jenen |162.10| sichtbaren Welten) ich mich nicht wie dort in blos zufälliger, sondern allgemeiner und nothwendiger Verknüpfung erkenne. Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit, als eines =thierischen Geschöpfs=, das die Materie, daraus es ward, dem Planeten (einem bloßen Punkt im Weltall) wieder zurückgeben muß, nachdem |162.15| es eine kurze Zeit (man weiß nicht wie) mit Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen meinen Werth, als einer =Intelligenz=, unendlich durch meine Persönlichkeit, in welcher das moralische Gesetz mir ein von der Thierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens so viel sich aus der zweckmäßigen Bestimmung |162.20| meines Daseins durch dieses Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht, #290# abnehmen läßt.
Allein Bewunderung und Achtung können zwar zur Nachforschung reizen, aber den Mangel derselben nicht ersetzen. Was ist nun zu thun, |162.25| um diese auf nutzbare und der Erhabenheit des Gegenstandes angemessene Art anzustellen? Beispiele mögen hiebei zur Warnung, aber auch zur Nachahmung dienen. Die Weltbetrachtung fing von dem herrlichsten Anblicke an, den menschliche Sinne nur immer vorlegen und unser Verstand in ihrem weiten Umfange zu verfolgen nur immer vertragen kann, |162.30| und endigte -- mit der Sterndeutung. Die Moral fing mit der edelsten Eigenschaft in der menschlichen Natur an, deren Entwicklung und Cultur auf unendlichen Nutzen hinaussieht, und endigte -- mit der Schwärmerei, oder dem Aberglauben. So geht es allen noch rohen Versuchen, in denen der vornehmste Theil des Geschäftes auf den Gebrauch der Vernunft ankommt, |162.35| der nicht so wie der Gebrauch der Füße sich von selbst vermittelst der öftern Ausübung findet, vornehmlich wenn er Eigenschaften betrifft, die sich nicht so unmittelbar in der gemeinen Erfahrung darstellen lassen. Nachdem aber, wiewohl spät, die Maxime in Schwang gekommen war, alle Schritte vorher wohl zu überlegen, die die Vernunft zu thun vorhat, und sie nicht anders als im Gleise einer vorher wohl überdachten Methode ihren Gang machen zu lassen, so bekam die Beurtheilung des Weltgebäudes |163.5| #291# eine ganz andere Richtung und mit dieser zugleich einen ohne Vergleichung glücklichern Ausgang. Der Fall eines Steins, die Bewegung einer Schleuder, in ihre Elemente und dabei sich äußernde Kräfte aufgelöst und mathematisch bearbeitet, brachte zuletzt diejenige klare und für alle Zukunft unveränderliche Einsicht in den Weltbau hervor, die bei fortgehender |163.10| Beobachtung hoffen kann, sich immer nur zu erweitern, niemals aber zurückgehen zu müssen fürchten darf.
Diesen Weg nun in Behandlung der moralischen Anlagen unserer Natur gleichfalls einzuschlagen, kann uns jenes Beispiel anräthig sein und Hoffnung zu ähnlichem guten Erfolg geben. Wir haben doch die Beispiele |163.15| der moralisch urtheilenden Vernunft bei Hand. Diese nun in ihre Elementarbegriffe zu zergliedern, in Ermangelung der =Mathematik= aber ein der =Chemie= ähnliches Verfahren der =Scheidung= des Empirischen vom Rationalen, das sich in ihnen vorfinden möchte, in wiederholten Versuchen am gemeinen Menschenverstande vorzunehmen, kann uns Beides |163.20| =rein= und, was Jedes für sich allein leisten könne, mit Gewißheit kennbar machen und so theils der Verirrung einer noch =rohen=, ungeübten Beurtheilung, theils (welches weit nöthiger ist) den =Genieschwüngen= vorbeugen, durch welche, wie es von Adepten des Steins der Weisen zu geschehen pflegt, ohne alle methodische Nachforschung und Kenntniß der |163.25| #292# Natur geträumte Schätze versprochen und wahre verschleudert werden. Mit einem Worte: Wissenschaft (kritisch gesucht und methodisch eingeleitet) ist die enge Pforte, die zur =Weisheitslehre= führt, wenn unter dieser nicht blos verstanden wird, was man =thun=, sondern was =Lehrern= zur Richtschnur dienen soll, um den Weg zur Weisheit, den jedermann gehen |163.30| soll, gut und kenntlich zu bahnen und andere vor Irrwegen zu sicheren; eine Wissenschaft, deren Aufbewahrerin jederzeit die Philosophie bleiben muß, an deren subtiler Untersuchung das Publicum keinen Antheil, wohl aber an den =Lehren= zu nehmen hat, die ihm nach einer solchen Bearbeitung allererst recht hell einleuchten können. |163.35|
Anmerkungen.
Die Zahlen an den Seiten geben die Originalpaginirung der dem Text zu Grunde gelegten Ausgaben (1788 und 1793) wieder.
Kritik der praktischen Vernunft.
Herausgeber: =Paul Natorp=.
Einleitung.
B. Erdmann (in der Einleitung zur _Kr. d. r. V._, Bd. IV S. 573ff.) hat bereits darauf aufmerksam gemacht, daß die _Kritik der reinen Vernunft_ nach der ursprünglichen Absicht Kants die kritische Grundlegung zur reinen _praktischen Weltweisheit_ oder _Metaphysik der Sitten_ mitenthalten sollte. Der Plan einer =besonderen= _Kritik der praktischen Vernunft_ taucht erst spät auf; und es verlohnt wohl der Mühe, seinem Ursprung nachzuforschen.
Schon die frühste deutliche Ankündigung des kritischen Unternehmens die _Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen in dem Winterhalbenjahre von 1765-1766_, spricht von einer _Kritik und Vorschrift der gesammten Weltweisheit als eines Ganzen_, welche _Betrachtungen über den Ursprung ihrer Einsichten sowohl, als ihrer Irrthümer anstellen und den genauen Grundriß entwerfen_ soll, _nach welchem ein solches Gebäude der Vernunft dauerhaft und regelmäßig soll aufgeführt werden_ (II 310). Und wenig später (an Lambert, 31. Dec. 1765, X 53) verheisst Kant eine Untersuchung über _die eigenthümliche Methode der Metaphysick und vermittelst derselben auch der gesammten Philosophie_. Er will aber _dieses Werk, als das Hauptziel aller dieser Aussichten, noch ein wenig aussetzen_, weil es ihm noch an _Beyspielen_ mangle, an denen er +in concreto+ _das eigenthümliche Verfahren zeigen_ könnte. Aus diesem Grunde will er _einige kleinere Ausarbeitungen voranschicken, deren Stoff vor mir fertig liegt, worunter die =metaphysische Anfangsgründe der natürlichen Weltweisheit= und die =metaph: Anfangsgr: der praktischen Weltweisheit= die ersten seyn werden, damit die Hauptschrift nicht durch gar zu weitläuftige und doch unzulängliche Beyspiele allzu sehr gedehnet werde_.
Zu diesen Ausarbeitungen kam es damals nicht. Der Brief an Mendelssohn vom 8. April 1766 (X 66ff.) über die inzwischen erschienenen _Träume eines Geistersehers_ zeigt Kant gewillt und gerüstet, direct auf sein _Hauptziel_ loszugehen. Der Eifer, mit dem ein Lambert auf den entscheidenden Gedanken einging, die Metaphysik von der Seite der Methode in sicheren Gang zu bringen, hat dazu jedenfalls kräftig mitgewirkt. Kant konnte sich, wie er am 2. Sept. 1770 (mit Übersendung der Dissertation) an Lambert schreibt (X 92f.), _nicht entschließen etwas minderes, als einen deutlichen Abris von der Gestalt, darinn ich diese Wissenschaft erblicke, und eine bestimte Idee der eigenthümlichen Methode in derselben_ dem redlich um Verständigung bemühten Manne vorzulegen. Die Dissertation selbst aber genügt ihm nicht einmal als Unterlage der brieflichen Verhandlung mit Lambert, sondern er stellt diesem einen neuen _Abris dieser ganzen Wissenschaft ... in einigen wenigen Briefen_ in Aussicht; will sich aber dazu noch etwas Zeit nehmen und inzwischen -- zur Erholung! -- _diesen Winter seine Untersuchungen über die reine_ +morali+_sche Weltweisheit, in der keine_ +empi+_rische_ +principi+_en anzutreffen sind und gleichsam die_ +metaphysic+ _der Sitten, in Ordnung bringen und ausfertigen_, um dadurch zugleich _den wichtigsten Absichten bey der veränderten Form der Metaphysick den Weg zu bahnen_; dies offenbar in der früher bekundeten Meinung: um bei der neuen methodologischen Grundlegung der Philosophie auf die concreten Beispiele schon hinweisen zu können.
Wir wundern uns nicht, dass die Ausführung dieser Absicht auch diesmal unterblieb. Die noch ungelöste Hauptaufgabe musste wohl auf Kant eine stärkere Anziehungskraft ausüben, seitdem er eingesehen, dass (nach dem kräftig aufklärenden Worte der Diss. § 23) in +philosophia pura ... Methodus antevertit omnem scientiam, et quidquid tentatur ante huius praecepta probe excussa et firmiter stabilita, temere conceptum et inter vana mentis ludibria reiiciendum videtur+.
So finden wir ihn im Briefe an Herz, 7. Juni 1771 (X 117) wieder ganz dabei, _ein Werk, welches unter dem Titel: =Die Grentzen der Sinnlichkeit und der Vernunft= das Verhältnis der vor die Sinnenwelt bestimten Grundbegriffe und Gesetze zusammt dem Entwurfe dessen, was die Natur der Geschmackslehre, Metaphysick u. Moral ausmacht, enthalten soll, etwas ausführlich auszuarbeiten. Den Winter hindurch_ -- denselben Winter, in dem er die Metaphysik der Sitten hatte _ausfertigen_ wollen -- ist er _alle_ +materiali+_en dazu durchgegangen_, hat _alles gesichtet, gewogen, an einander gepaßt_; ist aber mit dem Plane _nur erst kürzlich fertig geworden_; welcher Plan aus der obigen losen Aneinanderreihung: Grundbegriffe und Gesetze der Sinnenwelt _zusammt_ Geschmackslehre, Metaphysik und Moral, freilich nicht deutlich wird.
Genauere Auskunft giebt der Brief an Herz vom 21. Februar 1772 (X 123ff.). Wir vernehmen hier von zwei verschiedenen Plänen. Nach dem ersten sollte das Werk von den Grenzen der Sinnlichkeit und der Vernunft =zwei Theile= erhalten, einen =theoretischen= und einen =praktischen=; deren Inhalt und weitere Gliederung angegeben werden. Als er dann zwar daran ging, den theoretischen Theil vollständig zu durchdenken, thaten sich neue Schwierigkeiten auf. Er glaubt dieser aber in der Hauptsache Herr geworden und nunmehr im Stande zu sein, _eine =Critick der reinen Vernunft=, welche die =Natur der theoretischen so wohl als_ +pract+_ischen Erkentnis=, so fern sie blos_ +intellectual+ _ist, enthält vorzulegen_, und zwar will er _den =ersten Theil=, der die Quellen der_ +Metaphysic+, _ihre_ +Methode+ _u. Grentzen enthält, zuerst und =darauf= die reinen_ +principien+ _der Sittlichkeit ausarbeiten._
Die Gliederung der _Kritik der reinen Vernunft_ in einen theoretischen und einen praktischen Theil scheint aber wieder aufgegeben in dem nächsten Zeugniss, dem Brief von (Oct.?) 1773 an Herz (X 138), wo wieder ganz deutlich, wie früher, der =einzigen= _Transscendentalphilosophie oder Critik der reinen Vernunft_ die =zwei Theile der Metaphysik=: Metaphysik der Natur und der Sitten, gegenüberstehen; von diesen beabsichtigt er noch immer die letztere zuerst herauszugeben. Sie war ja seit langem vorbereitet: bereits 1765 lag der _Stoff vor ihm fertig_; am 9. Mai 1767 (X 71) schreibt er an Herder, dass er daran arbeitet; im Winter 1770/71 hatte er sie, bloss zur Erholung von der schwereren Arbeit an dem Methodenwerk, fertig zu machen gedacht; auch nach dem Briefe von 1772 (X 124) hatte er es in diesem Felde _schon vorher ziemlich weit gebracht_, hatte er die Principien dafür _schon vorlängst zu seiner ziemlichen Befriedigung entworfen_. Aber auch jetzt kam es zur Ausführung nicht; alle andern Ausarbeitungen wurden durch seine Hauptarbeit an der _Kr. d. r. V. wie durch einen Damm zurückgehalten_ (X 185).
Jene Grunddisposition aber, wonach der einen ungetheilten _Kritik_ die zweitheilige _Metaphysik_, der Natur und der Sitten, gegenübersteht, scheint auch in den weiteren Documenten, die sich leider nicht ganz direct hierüber aussprechen, festgehalten zu werden. Der Brief vom 24. Nov. 1776 an Herz (X 185, worüber Erdmann a. a. O. 576) widerspricht dieser Annahme keineswegs, wie wir hernach sehen werden; der andre vom 28. Aug. 1778 (Erdm. 582) bestätigt sie eher. Völlig klar aber lässt der Brief an Mendelssohn, 16. Aug. 1783 (X 325) erkennen, dass in der inzwischen erschienenen _Kritik der reinen Vernunft_ die _Vorarbeitung und sichere Bestimmung_ der Grenze und des =gesammten Inhalts der ganzen menschlichen Vernunft= seiner Meinung nach gegeben war und nur die Ausarbeitung der Metaphysik selbst _nach obigen_ (d. h. den in der _Kr. d. r. V._ dargelegten) _critischen Grundsätzen_ noch fehlte. Diese gedachte er in Lehrbuchform (vgl. auch den Brief von 1778, X 224) und in _mehrer Popularität_ als sein Hauptwerk nach und nach auszuarbeiten; und zwar hoffte er im nächsten Winter bereits den =ersten Theil seiner Moral= _wo nicht vollig, doch meist_ zu Stande zu bringen.
Es ist demnächst die _=Kritik der reinen Vernunft=_ selbst ins Auge zu fassen: aus ihr muss doch eine klare Antwort auf die Frage zu gewinnen sein, ob die kritische Bodenbereitung zur Metaphysik nach des Verfassers Meinung mit diesem Werk abgeschlossen, oder erst zur Hälfte geleistet war. Ein Hinweis auf die fehlende andre Hälfte konnte, da doch reine Vernunft nach Kants Begriffen eine vollkommene Einheit, ein nicht in sich, sondern nur in der Betrachtung theilbares Ganzes darstellt, unmöglich unterbleiben.
Ein solcher Hinweis aber findet sich an =keiner einzigen Stelle= der _Kritik der reinen Vernunft_ von 1781; sondern durchweg wird, wie es ja auch diesem Titel entspricht, das =ganze= Geschäft der Kritik als in diesem Werke beendet angesehen; es wird daher keine fernere =Kritik=, sondern nur, wie immer bisher, die =Metaphysik= der Natur und der Sitten in Aussicht gestellt.
1. Nach der =Vorrede= (IV 9 dieser Ausgabe) bedeutet die _Kritik der reinen Vernunft: die des =Vernunftvermögens überhaupt= in Ansehung =aller= Erkenntnisse, zu denen sie unabhängig von aller Erfahrung streben mag_ u. s. f. Die einzige übrigbleibende philosophische Aufgabe ist die Metaphysik selbst, oder das =System=. _Ein solches System der reinen (speculativen) Vernunft hoffe ich unter dem Titel =Metaphysik der Natur= selbst zu liefern_ (13). Hier deutet der Zusatz in Klammern ohne Zweifel auf den ebenso wesentlichen andern Theil des Systems, die Metaphysik der Sitten; aber nichts deutet darauf, dass die Kritik selbst noch einer Ergänzung in Hinsicht des praktischen Gebrauchs der Vernunft bedürfte. Der Verleger Hartknoch (19. Nov. 1781, X 261) rechnet auf eben diese beiden Werke, »da dies zur =Vollendung Ihres Plans= gehört u. ein Ganzes ausmacht.« Keiner denkt, und Kant selbst denkt in dieser Zeit nicht an eine zweite Kritik. Daher »brennt« z. B. Schütz (10. Juli 1784, X 371) »vor Begierde und Sehnsucht« nach seiner =Metaphysik der Natur=, der er »doch auch gewiss eine =Metaph. der Sitten= folgen lassen« werde.
2. Der Schlussabschnitt der Einleitung, der von der Eintheilung der Transscendentalphilosophie handelt, schränkt zwar den Begriff der letzteren und damit den der _Kritik der reinen Vernunft_ ein auf das Gebiet der _reinen, =blos speculativen= Vernunft_ (25). Aber diese Einschränkung wird nur dadurch begründet, dass bei den obersten Grundsätzen und Grundbegriffen der Moralität, obgleich sie Erkenntnisse +a priori+ sind, doch Begriffe =empirischen= Ursprungs (der Lust und Unlust, der Begierden und Neigungen, der Willkür etc.) =vorausgesetzt= werden müssten. Dies bedarf der Erklärung, da Kant mindestens seit 1770 (Diss. § 9) annimmt und unerschütterlich daran festhält, dass die Principien der Moral der reinen Vernunft entstammen und also zur reinen Philosophie gehören. (S. bes. an Lambert, 1770, X 93: _reine_ +morali+_sche Weltweisheit, in der keine_ +empi+_rische_ +principi+_en anzutreffen sind_, und an Herz, 1772, X 126: _die Natur der theoretischen sowohl als_ +pract+_ischen Erkenntnis, so fern sie blos_ +intellectual+ _ist_). Aber die Erklärung liegt nicht fern: auch bei den obersten, völlig _reinen_ Grundsätzen und Grundbegriffen der Moral müssen dennoch die empirischen Begriffe der Lust, Unlust etc. insofern _vorausgesetzt_ werden, als ein menschlicher Wille niemals ohne _Materie_ ist. Aber diese Materie geht nicht als _Princip_ oder _Bedingung_ in die reinen sittlichen Grundsätze oder Grundbegriffe mit ein. So _Kr. d. r. V.,_ III 384: _Moralische Begriffe sind nicht gänzlich reine Vernunftbegriffe, weil ihnen etwas empirisches (Lust oder Unlust) zum Grunde liegt, Gleichwohl können sie in Ansehung des =Princips= ... (also wenn man bloß auf ihre Form Acht hat) gar wohl zum Beispiele reiner Vernunftbegriffe dienen_. Durch diese wohlbekannte Distinction erklären sich scheinbar empiristische Äusserungen wie im Brief an Herz 1773 (X 138) oder _Kr_. III 520 Anm.
Aber kann denn eine =Metaphysik= der Sitten, kann die Aufstellung =reiner= Principien der Moral einer voraufgehenden Kritik entrathen? Gilt hier etwa nicht, dass +Methodus antevertit omnem scientiam+?
Gewiss bedarf sie der kritischen Bodenbereitung: aber =diese ist in der _Kritik der reinen (speculativen) Vernunft_ zugleich gegeben=. Eben sie hat (III 249) _den Boden zu jenen majestätischen =sittlichen= Gebäuden eben und baufest zu machen_. Sie thut es durch Sicherung der =Idee=, besonders der Idee der =Freiheit=, welche, obwohl selbst eine rein speculative, doch schon von der Dissertation (1770) an (§ 9. Anm.) die Grundidee der =praktischen Erkenntnis= ist, ja überhaupt den Begriff des Praktischen erst giebt: _Kr._ III 246f. _Plato fand seine Ideen vorzüglich in allem, was =praktisch ist, d. i. auf Freiheit beruht=, welche ihrerseits unter Erkenntnissen steht, die ein eigenthümliches Product der Vernunft sind_; III 384 _Ideen, ... die =praktische= Kraft ... haben und der Möglichkeit der Vollkommenheit gewisser =Handlungen= zum Grunde liegen_. Die »transscendentalen« Ideen aber, insbesondere die der Freiheit, erhalten ihre Sicherung durch die _Kritik der reinen Vernunft_ und erwarten sie nicht erst von einer zweiten, noch ausstehenden _Kritik der praktischen Vernunft_. Name und Begriff einer solchen ist in der 1. Aufl. der _Kr. d. r. V_. ganz unbekannt. Was noch aussteht, ist nicht eine zweite Kritik, sondern nur die Ausführung der Moral selbst, welche empirischer Begriffe (der Lust, Unlust etc., kurz der Materie des Willens) nicht entrathen kann und deshalb nicht zur Aufgabe der _Kritik_, der einzigen, nämlich der der in sich einigen _reinen Vernunft_, gehört.
3. Dies ist =durchweg= die Auffassung der _Kr. d. r. V_. von 1781. Allerdings steht (nach III 332) die _reine Moral_ -- gleich der reinen Mathematik, auch diese Vergleichung ist zu beachten -- ausser der Transscendentalphilosophie; doch werden die _transscendentalen Vernunftbegriffe_ oder _Ideen ... vielleicht von den Naturbegriffen zu den praktischen einen =Übergang= möglich machen ..._ (255); sie machen die _=theoretische Stütze=_ der moralischen Ideen und Grundsätze aus, mit der diese (stehen und) fallen (325). Denn auf die transscendentale Idee der Freiheit =gründet sich= der praktische Begriff derselben; die Aufhebung der ersteren würde zugleich die letztere _vertilgen_ (363f.). Es wird dann die Deduction der Möglichkeit der Freiheit auf Grund der Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich, mitsammt der allgemeinen Erklärung des Sollens (371), das eine _ganz andere Regel und Ordnung, als die Naturordnung ist_, einführt (373), wenn auch kurz, gegeben, also der Kerngedanke der _Grundlegung_ wie der _Kritik der praktischen Vernunft_ vorweggenommen, ohne dass doch der Boden der rein speculativen Untersuchung damit verlassen würde, denn überall handelt es sich hier um die _theoretische Stütze_ der Moral, noch nicht um diese selbst.
Es werden auch die praktischen Postulate bereits angedeutet (421ff., 518); es wird endlich im _Kanon der reinen Vernunft_, der als wesentlicher Bestandtheil der Transscendentalphilosophie schon im Briefe an Herz 1776, X 186, bezeichnet worden war,[19] der Übergang ins praktische Gebiet ganz offen vollzogen; denn der Kanon =betrifft ausdrücklich den praktischen und nicht den speculativen Vernunftgebrauch= (III 518). Man versteht, dass es hier Kant selbst um die _Einheit des Systems_ fast bange wird (520); es kommt die Gefahr hinzu, von dem _neuen Stoffe_ oder dem _Gegenstand, der der transscendentalen Philosophie fremd ist_, zu wenig zu sagen und es so an Deutlichkeit oder Überzeugung fehlen zu lassen (ebenda). In der That aber ist die Grenze der bloss speculativen Untersuchung auch hier in aller Strenge eingehalten. Gehören einerseits -- wie hier wiederum betont wird -- die praktischen Begriffe, eben als praktische, d. h. auf Lust und Unlust (der Materie nach) bezogen, _nicht in den Inbegriff der Transscendentalphilosophie_ (520 Anm.), so gehört umgekehrt das Problem der transscendentalen Freiheit nicht für die Vernunft im praktischen Gebrauch, sondern betrifft bloss das speculative Wissen; es kann, sofern es ums Praktische zu thun ist, sogar als _ganz gleichgültig_ bei Seite gesetzt werden (522); Moral braucht (unmittelbar) nur die Freiheit _im praktischen Verstande_, die sogar _durch Erfahrung bewiesen werden_ kann (521). So auch (523): Die Frage _Was soll ich thun? ist =bloß= praktisch. Sie kann als eine solche zwar der reinen Vernunft angehören, ist aber alsdann =doch nicht transscendental, sondern moralisch=, mithin kann sie unsere Kritik an sich selbst nicht beschäftigen_. Nur bei oberflächlichem Lesen könnte man hier in _=unsere= Kritik_ die Hindeutung auf eine andere Kritik, nämlich die der praktischen Vernunft, finden. Die schroffe Entgegensetzung _nicht transscendental, sondern moralisch_ kann aber nach allem Frühern (bes. nach IV 24) nur so verstanden werden, dass im Begriff des Moralischen die Hinzunahme empirischer Begriffe mitgedacht ist. Also nicht im Gegensatz zu einer andern Kritik, sondern nur im Gegensatz zur Moral selbst als einem Theil des Systems der Philosophie ist der Ausdruck _unsere Kritik_ zu verstehen.
[19] Also widerspricht dieser Brief nicht der Voraussetzung, dass es nur =eine= Kritik der Vernunft giebt.