Kampf und Tod Karls des Zwölften: Historische Erzählungen
Part 6
»~Anthropologia Physica.~ Der natürliche Trieb alles Lebendigen ist das, was Passion oder Genuß der Wollust genannt wird. Die Wollust ist von zweierlei Art, nämlich Wollust der Seele und des Körpers. Wollust der Seele wird die genannt, an der der Körper keinen Teil haben kann. Aber Wollust des Körpers wird die genannt, die der Körper mitsamt der Seele fühlt ... Die drei Teile des Körpers sind: Die materielle Gestalt, wodurch die Figur des Körpers mit ihren äußeren und inneren Teilen geformt wird; die fließende Materie, die aus dem Blut mit dem, was dazu gehört, besteht; der materielle Spiritus oder Geist, als die allerfeinsten Teile der materiellen Wesenheit, ist die Kraft und das Lebendige in dem Blute selbst und empfängt das Leben und die Empfindung von dem lebendigen Geist oder Seele, und dieselben verursachen den ganzen Leib. Dieser vergeht auch von sich selbst, sobald irgend ein Körper oder Glied abstirbt ... Die Ursache, warum die Seele beider Wollusten teilhaftig ist, und daß der Körper einzig und allein die fleischliche Wollust fühlt, ist die, daß das Leben eigentlich eine Eigenschaft der Seele ist, da es der Leib, der in sich selbst eine tote Wesenheit ist, durch der Seele Werk empfängt ... Das, was gemeiniglich unter dem Namen der fünf Sinne verstanden wird, besteht nur in einem, was Empfindung genannt wird, und ist eine Wirkung der Seele, die, nach einer jeglichen Beschaffenheit des Körpers und der Gestaltung, sich auf fünferlei Weise dartut ...«
Er stand von der Bank auf und faßte den eintretenden Feldmarschall Mörner am Gürtel.
»Wäre Mörner nicht ein gleich schlechter Philosoph, als er guter Hausvater ist, so würde er hier eine schwere Nuß zu knacken bekommen. Nein, lies das Geschriebene nicht ... es sind nur einige Lappalien, die ich eines Abends da unten in Lund aufsetzte. Immer, wenn ich nach einiger Zeit den Gedankenbau wiedersehe, den ich aufzurichten versuchte, bekomme ich Lust, mich als Feind zu verkleiden und meine eigene Redoute zu stürmen. Ob wirklich das Vergnügen des Gedankens in dem Gefecht selbst liegt? Die Wollust, die Glückseligkeit, die vollkommene Zufriedenheit ... wäre das das Lebensziel, dann wäre das Ziel etwas Endliches, ein Stück klares und blankes, aber totes und regungsloses Gold. Warum das Leben als eine Basis betrachten und oberhalb derselben die Zwecke sammeln wie ein Bündel Linien in einer Winkelspitze, in einem einzigen Punkt? Warum nicht das Leben zu dem Punkt machen, aus dem die Zwecke ausstrahlen wie unendliche Linien, wie Stamm und Äste an einem Baum, dessen Krone in Ewigkeit immer weiter und belaubter wird? Warum nicht sagen: es gibt kein Schlußziel, aber Billionen Zwecke, die sich, ein jeder für sich, in Unendlichkeit zu Billionen neuer auseinanderzweigen? Wie viel größer wird dann doch das irdische Leben jedes einzelnen Menschen!«
Mörner antwortete:
»Eure Majestät sind ein schwerer Zweikämpfer in gelehrten Disputationen, und nie höre ich meinen gnädigen Herrn so beredt wie in derlei Fehden, aber ich kann nicht wie Grothusen selig die Spitze bieten. Ich kann nur dies antworten: Wenn aus einem Erdenleben in das Unendliche Äste empor wachsen, dann birgt auch die kleinste Handlung der Stunde eine ewige Verantwortung ...«
Er riß seinen Rock mit Eifer auf und reichte dem König einige versiegelte Briefe hin.
»Bedenkt, Majestät, auch die lumpigste Anzeige _kann_ wahr sein und für Jahre die Sense aus der Hand des Sensenmannes schlagen.«
Der König kannte im voraus diese Schriftstücke, die mit zierlich geschriebenen Druckbuchstaben und ohne Unterschrift seine Nächsten anschwärzten und ihm einen plötzlichen Tod voraussagten. Die Drohung mit dem Tod ängstigte ihn nicht mehr als das Schwirren einer Kugel. War er nicht sozusagen seit seinen Knabenjahren jeden Morgen aufgewacht, bereit, vor dem Dunkelwerden unter den Gefallenen auf dem Feld zu liegen. Er warf die drei Briefe unerbrochen ins Feuer, einen nach dem anderen, und stand in dem niedrigen Möllerhäuschen so ruhig, als hätte sein letztes Heer erschöpfter und ausgehungerter Jünglinge alle Kronen Europas auf einem Troßwagen mitgeführt.
»Antworte mir aufrichtig!« sagte er nach einigem Schweigen. »Auf wie viele kann ich mich noch verlassen ... ich meine nicht in einem Treffen ... sondern wenn alles gegen uns geht?«
»Muß ich antworten? Ist es Befehl?«
»Ja, auf wie viele kann ich mich noch verlassen?«
»Auf keinen!«
Die Trommeln rollten dumpf außerhalb des Häuschens, wo die Truppen zum Gottesdienst aufmarschierten, und Hultman trat mit den Worten herein:
»Ich muß untertänig melden, daß die Hochmesse jetzt beginnen wird. Der Text des Tages handelt von unseres Herrn Christi Einritt in Jerusalem.«
Der König wusch nun allen Ruß von Gesicht und Händen und zog beinah neue Kleider aus blauem Stoff und gelbe Elchlederhandschuhe an. Während Hultman sein Haar puderte, so daß es weiß wurde wie das eines Greises, stützte er einen Fuß auf das Holz im Kamin und sagte ganz leise und hauptsächlich zu sich selbst:
»Der Text ist mir ganz lieb ... Aber das Volk breitete die Kleider auf den Weg, und andere hieben Zweige von den Bäumen, und streuten sie auf den Weg. Das Volk aber, das voranging und nachkam, schrie und sprach: Hosianna dem Sohne Davids! Gelobet sei, der da kommet im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!«
»Ja, ja, gnädigster Herr,« antwortete Hultman beinahe flüsternd, »so sollen auch die Heiligen rufen, jedesmal wenn ein rechtschaffener Held Gottes in das himmlische Salem einreitet.«
Dann wendete sich der König vom Feuer weg und schritt hinaus zu den Truppen. Mit entblößtem Haupt stellte er sich unter die Armleuchterbirke. Die Soldaten, die es gewohnt waren, seinen Wacholderstock und seine befleckte Kleidung zu lieben, erkannten ihn kaum wieder.
Den ganzen Tag blieb er im Lager, und erst nach dem Abendgottesdienst, wenn der Nebel zu sinken begann, ritt er auf seinem Pferd »Engländer« den waldigen Bergrücken hinauf bis zur Bretterhütte am Laufgraben.
Tolle Aarasson arbeitete mit seinen Soldaten in dem äußersten Graben. Von dem Franzosen Maigret angeführt, krochen die Schweden mit ihren Spaten voran und rollten Schritt für Schritt die Reisigbündel und Schanzkörbe vor sich her, zum Schutz gegen die Kugeln der Festung. Der Widerhall des feindlichen Feuers donnerte in den Alpen wie das Getöse von Riegeln und Schlössern, wie Keulenschläge auf Eisenpforten zu unterirdischen Gefängnissen und Gewölben.
Um ihre Schüsse lenken und sich vor Überrumplung schützen zu können, stellte die Mannschaft lange Stangen mit brennenden Pechfackeln aus, und die darumgeschlungenen Leuchtkugeln warfen ihr plötzliches Licht über die Felsenplatten. Feuer und Rauch sprühte aus den Festungsmauern Fredrikstens, und oberhalb des mit Rasen belegten Walles der Schweden erkannte Tolle Aarasson des Königs großen Hut und seinen kleinen Kopf.
Unten im Schatten des Grabens verborgen, riß er die Muskete eines gefallenen Kameraden an sich und ging gekauert ein Stück gegen den Erdwall zurück. Erst als er so nahe gekommen war, daß er des Königs Worte an die Offiziere hören konnte, die im Graben auf der anderen Seite des Walles standen, blieb er stehen.
»Sonderbar!« dachte er. »In den Laufgräben hier fallen fast jede Nacht eine Menge Soldaten ... Woher kommt da die Macht, Hunderte von Menschen zwingen zu können hier stehen zu bleiben und zu fallen, ohne daß sie wagten, einander die drei einfachen Worte zuzurufen: Wir gehorchen nicht! ...«
Er wollte knieen und den Himmel um Verzeihung bitten und sich selbst einreden, daß seine Handlung gerecht sei, aber er vermochte es nicht. Er wußte nie, was er selbst wollte; und wenn ein Kind ihm zugerufen hätte, die Muskete hinzuwerfen, würde er gehorcht und den Rat gelobt haben. Aber niemand redete ihn an, und niemand sah ihn, und er fürchtete sich nur, weiter zu zögern, seine eigene angstvolle Ungewißheit zu verlängern. Er spannte den Hahn. Er legte die Muskete an die Backe. Er zielte nach dem, für den er seine Landsleute unterwürfig fallen und verbluten sah ... Aber der Finger lag zitternd und lahm am Drücker.
Schritte näherten sich. Es war der grauhaarige Hultman, der in Knöpfschuhen und weißen Strümpfen und den Hut ehrfurchtsvoll unter den Arm gesteckt, über die Felsen kam, mitten zwischen den schwirrenden Stückkugeln. Vor sich trug er die mit einer Serviette zugedeckte Blechschüssel, die des Königs Abendessen enthielt. Sobald er den Wall heraufgekommen war, breitete er die Serviette über den Hut, stellte sodann die Schüssel darauf und bot sie dem König an, der stehend speiste und hin und wieder seinen treuen Diener am Rockknopf packte. Tolle Aarasson senkte die Muskete und hörte ihn sagen:
»Hultman fängt an im Gang ebenso steif zu werden, wie der alte Brandklepper es auf seine alten Tage war ... Aber niemand ist mir treuer gefolgt, wohin es auch ging, und deshalb ernenne ich ihn auf der Stelle zum Küchenmeister. Mit den Jahren bleiben immer weniger der Alten von ehedem übrig ...«
»Gott, barmherziger Gott!« murmelte Tolle Aarasson und wiegte sich mit der Muskete in den Armen hin und her.
Er sah, wie Hultman wieder seinen Weg durch den Kugelregen machte und der König, die Wange gegen die linke Hand gestützt, sich über den Wall hinüber lehnte. Der Mond, der in seiner Fülle stand, stieg jetzt klar und groß über dem Fichtenwald empor.
Schwedische, deutsche, italienische und französische Offiziere unterhielten sich nahebei in ihren verschiedenen Sprachen und ratschlagten, wie sie den König von seinem bloßgestellten Posten herunterlocken könnten. Maigret, der jetzt auch dazu gekommen war, zog ihn leise am Mantel und sagte:
»Dies ist kein Posten für Eure Majestät ... Kartätschen und Musketenkugeln haben nicht mehr Achtung vor einem König als vor dem gemeinsten Soldaten.«
Da hob Tolle Aarasson die Muskete wieder mit beiden Armen. Er warf sie zu Boden, daß der Schuß abbrannte und der Knall in dem Krachen des feindlichen Feuers erstarb.
»Nie,« stammelte er. »Niemals! Ein schwedischgeborener Mann kann das nie, warteten auch fünfzig Dukaten unter jeder Birke Norwegens. Dann lieber desertieren oder selbst fallen. Was frage ich nach den Dukaten ... Es war sein _Leben_, das ich nehmen wollte ... Und ich vermag es nicht! Ich könnte es erst, wenn ich die Augen zumachte. Gibt's hier keinen fremden Scharfschützen, der mit geschlossenen Augen einen König erschießen kann?«
Tolle Aarasson merkte nicht, daß der Mond schon in den Graben hineinschien und seinen eigenen Schatten mit den runden Gliedern und den lächelnden Knabenwangen auf den Abhang des Walles warf.
»Was machst du hier, mein Lieber?« fragte der König. »Immer voran und auf den Feind los!«
Tolle Aarasson fuhr empor, drehte sich auf dem Absatz herum und begann auf die Festung loszumarschieren. Hinter sich hörte er noch, wie die Offiziere den König ermahnten, herunterzusteigen.
Der König antwortete ihnen:
»Fürchtet nichts!«
Da griff Tolle Aarasson nach den Hutecken, ohne länger zu wissen, was er tat, und fing an über Schanzkörbe und Reisighaufen zu springen, immer vorwärts und auf den Feind los. Viele schwedische Soldaten, die ihn sahen, standen auf, um ihm zu folgen und zu desertieren. Er blieb stehen und schlug mit der Hand nach ihnen, und jedesmal, wenn er sich umdrehte, erkannte er den König auf dem Wall. Warum ergriff er da nicht einen Spaten und fing an zu graben. Das war es doch wohl, was der König gemeint hatte. Statt dessen lief er immer heftiger und blinder, und zuletzt wußte er nicht, ob er dies tat, um zu gehorchen, oder um zu desertieren. Er suchte Schutz hinter Baumstümpfen und in Klüften, aber dennoch kam er der Festung immer näher. Seine weichen Glieder bluteten schon aus drei Wunden, aber er achtete nicht auf die warmen Tropfen, die unter dem Handschuh herunterflossen, sondern sagte Gebete und Psalmen her und nannte sich einen ewig verlorenen Verbrecher, der über den Verkauf seiner Seele gebrütet hätte.
Er kam an ein entzweigeschossenes Außenwerk von geringer Größe, das verlassen schien, aber als er Stimmen norwegischer Soldaten hörte, verbarg er sich zwischen den Schanzkörben.
Einige Schritte von ihm entfernt stand ein Feldstück auf zerstörten Rädern, braunrot vom Rost und mit der Mündung gegen des Königs Wall. Es war mit Grieß und altem Eisenschrot geladen. Angefressene Musketenkugeln lagen da, die vor hundert Jahren ein betrunkener Seeräuber gleichgültig in seiner Kugelzange gegossen hatte, während er ein liederliches Lied für seine Dirne summte. Verbogene Schlüssel und Nägel lagen da, die vor langen Zeiten aus der Scheune eines Bauern gefallen waren, und zu hinterst lag ein zusammengebogener Klöppel, der einst in dem sonnigen Hochgebirge in einer Kuhschelle beim Walljodeln der Mägde geläutet hatte.
Lange, zerrissene Wolken eilten weißschimmernd über den Mond, und Tolle Aarasson lag zwischen den Schanzkörben, blutend, mit gefalteten Händen.
»Dies ist so eine Nacht,« stammelte er, »da der Himmel weit offen steht und Gott die Erde in so tiefen Gedanken betrachtet, daß die Menschen seinen Blick fühlen. Sie mögen entfliehen ... sie mögen sich verbergen ... sie mögen Verbrecher sein, wie ich, oder Heerführer, sie spüren doch seinen Blick ... Ein Held ... was ist ein Held? Das ist Standhaftigkeit bis zum letzten, Standhaftigkeit gegen Widersacher, gegen Freunde. Aber du dort oben, du bist dein Rächer wie der Menschen Rächer; und wenn das Stundenglas deiner Gnade abgelaufen ist, hebst du in Allmacht deinen Finger und der Held lehnt seinen Kopf zur Erde ... und liegt versöhnt ...«
Tolle Aarasson bog die Weidenruten des zunächst liegenden Schanzkorbes zur Seite und hörte den norwegischen Konstabel mit den Soldaten reden.
»Ihr Jungen, es hat keinen Zweck, länger Mannschaft und Artillerie auf diesem Schanzwerk zu verschwenden, aber da das alte Feldstück zu gebrechlich ist, um weggeschleppt zu werden, hat mir der Kommandant befohlen, es abzufeuern, ehe wir gehen. Immerhin kann wohl der Schuß den Schweden einigen Schaden verursachen, wenn das Geschütz nicht in Stücke springt.«
Während er sprach, legte er vorsichtig die Lunte auf das Feldstück, und von seinen Leuten begleitet, kehrte er dann mit raschen Schritten und singend nach der Festung zurück.
Tolle Aarasson verfolgte mit dem Auge die gelbliche Flamme der Lunte, die sich dem Zündloch immer näher schlängelte. Er stieß die Reisigbündel und Erdsäcke weg, um sich Bahn zu brechen und die Lunte wegzureißen, und er sprach laut, als spräche er zur Nacht:
»Ich wollte den Mann töten ... und jetzt will ich ihn erretten, nur weil ich ihn eben gesehen habe und ihn sprechen hörte! So macht er uns alle mit einem Blick zu seinen Dienern! Mein Verstand erlischt, und ich kann nicht länger denken.«
Er hieb die Weidenruten mit geballter Faust entzwei, aber das Pfahlwerk versperrte den Zugang, und die ganze Zeit sah er die Flamme am Zündloch. Mitunter erstarb sie und war nahe daran, ausgelöscht zu werden, dann aber schlug sie wieder klar und groß in die Höhe.
Dies sei ein Zeichen, meinte Tolle Aarasson, daß die Menschen heute Nacht nicht mehr versuchen sollten, zu handeln, und er stieg in die Klüfte hinunter, die gegen das Tal und die schwarzen Schornsteine in dem abgebrannten Fredrikshall abstürzten. Noch aus der Ferne sah er die Flamme. Klar brannte sie in weiter Ferne zwischen den Schanzkörben, aber er stieg tiefer und tiefer hinunter in die Felsen. Da hörte er den Knall des Schusses, und der Felsen zitterte.
Seine Kräfte waren erschöpft, und sein Verstand wurde umnachtet. Er erinnerte sich nicht mehr, warum er gegen den Feind gegangen war. Er fürchtete nur dunkel, gesehen und ergriffen zu werden. Er stierte in die Nacht hinauf, und gleich den Wagen Asa-Thors rollten die Donner der Festung über die Alpen.
Er wußte nicht, wie lange er unter den Wacholderbüschen umher schwankte, und nicht, wohin er ging. Zuletzt vernahm er Schritte von schweren, eisenbeschlagenen Stiefeln und hörte Kies und Steine stürzen. Zwölf Soldaten aus der Garde kamen mit einer Bahre den jähen Hügel herunter.
Er hielt sich hinter den Wacholderbüschen und wartete. Auf der Bahre lag ein Gefallener, von zwei einfachen Soldatenmänteln umhüllt und mit einer weißen, über das Gesicht gezogenen Lockenperücke unter dem in die Stirn gedrückten galonierten Hute.
»Wer ist der Gefallene?« flüsterte er so leise, daß Oberst Carlberg, der vorn die gesenkte Seite der Bahre stützte, nichts merkte.
»Der Oberst sagt, daß es ein kecker Offizier sei,« antwortete der hinterste Träger, aber als er dabei den Kopf drehte, um den einsamen Nachtwandler zu betrachten, stolperte er und fiel unter seiner Bürde aufs Knie.
Die geliehene Perücke und der Hut glitten von dem Kopf des Toten, so daß das Mondlicht klar auf das Antlitz mit der durchschossenen Schläfe fiel.
»Der König! Unser großer geliebter König!« murmelten die Träger und wollten die Bahre niedersetzen.
Der Gefürchtete, dem gerade zugeflüstert worden war, daß er sich länger auf keinen verlassen könne, lag entwaffnet, und alte Kriegsleute, beschmutzt von Lehm und Ruß, rangen ihre verfrorenen groben Hände über seiner Leiche und wimmerten und stöhnten:
»Unser großer, unser geliebter König!«
Der Oberst mußte ihnen mit strenger Rede drohen, daß sie still sein und nicht mit ihrem Jammer verraten sollten, was geschehen war.
Schwer und langsam trugen sie den König weiter, auf derselben ungehobelten Bahre, auf der er während der verflossenen Nächte so manchen schon vergessenen Soldaten ohne Namen gesehen hatte, der, seinem Willen gehorsam, gestorben war.
Mitternacht war schon vorbei, als die Bahre auf einem offenen Rasenplatz zwischen den Häuschen des öden Dorfes Tistedal niedergesetzt wurde. Nachdem die Träger die Notmünzen als Trinkgeld bekommen hatten, entfernten sie sich alle. Der Oberst blieb zurück; grübelnd und laut seufzend, setzte er sich auf die eine Stange der Bahre. Die Salven krachten noch in der Ferne auf dem Waldfirst, aber sonst war alles schweigsam, und das Mühlrad unten am Flusse stand still. Alle Scheiben waren dunkel, und der selbe Vollmond, der dem verkleideten Reiter durch das Stadttor Stralsunds und zu dem düstern Handgemenge auf Rügen geleuchtet hatte, schien heute nacht auf das Gras, wo ein alter verweinter Oberst bei seinem gefallenen König Wache hielt.
Schritt für Schritt war Tolle Aarasson nachgeschlichen und blieb erst dicht an dem Rasen unter den unbeweglich herunterhängenden Zweigen der Armleuchterbirke stehen. Halblaut zu sich selbst sprechend, ging er rings um den weißen Stamm, in immer engeren und engeren Kreisen und träufelte die großen Tropfen aus seinem verwundeten Arm über die Erdschollen, um die bösen Dukaten, die da unten lagen, zu ewigem Schlaf, ewiger Vergessenheit zu beschwören.
»Schlafen, schlafen unterm Fluch! Warum werden nicht die Trommeln gerührt? Die Bahre dort steht so allein. Hier weinen keine Frauen, keine Kinder, keine vertrauten Freunde. Ach, du Mond, der du kamst und gingst und so vieles anschautest, nie werde ich dich über einem schwedischen Wald sehen, ohne der Bahre zu gedenken.«
Er ergriff die Axt, die in einem Zweige saß, und die er einige Abende zuvor den Soldaten gezeigt hatte. Die Holzsplitter flogen, und seine Hiebe gegen den Stamm der Armleuchterbirke hallten weit durch die Stille.
Dann zog er wiederum seine Hand zurück, und ein neuer Schimmer vom Licht des Verstandes zog durch seine Seele.
»Allmächtiger, rächender Gott! Er, vor dem der bezahlte Mörder seine Waffen hinwarf, er, der lächelnd unzähligen Todesgefahren begegnete, er fällt still wie eine geknickte Ähre am Weg, da du das Maß seines Verhängnisses fülltest. Er fällt beinahe in der Einsamkeit, eines Nachts auf dem Walle, gleich einem geringen Soldaten auf dem Posten. Er stirbt von der Kugel eines ausgedienten und verrosteten Feldstückes, auf das ein paar Soldaten gleichgültig und singend ihre Lunte geworfen haben. Oder ... woher kam wohl auf dein Geheiß die Kugel? Was weiß ich, ein einfacher Mann ... Ich weiß nur das, wovon ich soeben Zeuge war, und muß daher glauben ... Aber es waren so viele fremde Stimmen da oben in der Finsternis.«
Noch immer saß der Oberst auf der Stange der Bahre bei dem in Soldatenmäntel gehüllten Toten, und immer erschöpfter fielen durch die Nachtruhe die Schläge der Axt gegen den dicken Stamm der Birke. Als schließlich der Baum stürzte, setzte sich der unbekannte Holzhauer schweigend auf den Stamm.
Die Stunden wurden ihm lang. Es ging schon dem Morgen zu, als ein paar nachgeschickte Diener sich näherten, um den gefallenen Herrn hereinzutragen. Zwischen ihnen ging ein Hauptmann mit dem Degen des Königs und erzählte, daß dessen Hand im Augenblick des Todes so heftig um den Griff gefaßt habe, daß die Klinge zur Hälfte aus der Scheide gezogen worden sei.
Jedem Worte lauschend, bog Tolle Aarasson die Zweige der Armleuchterbirke zur Seite.
»Dieser Degen ...« fragte er sich. »War es ein verstockter und zu früh ergrauter Greis, der diesen Degen zog gegen das Andenken jenes Lichtfürsten, der einst seinen Namen trug? Oder ob ...?«
Er trat vor, gerade dem Hauptmann in den Weg, und flüsterte unterdrückt:
»Dieser Degen ... gegen wen wurde dieser Degen gezogen? Unter meinen blutigen Korporalskleidern steckt ein ebenbürtiger, ein vielleicht kundigerer Mann als Ihr, obgleich er vor den Menschen tief gesunken ist. Weist mich daher nicht fort, sondern antwortet aus Barmherzigkeit.«
»Mein Freund, ich verstehe deine Frage nicht.«
»Gegen wen, sage ich? Gegen wen wurde dieser Degen gezogen? ... Ich weiß es jetzt selbst. Gegen wen, frage ich? Gegen alle! Ist diese Antwort uns nicht genug? Ist es nicht so, daß ein Held sterben muß? ... Er glaubte. Er glaubte an die Gerechtigkeit seiner Berufung ... Solchen Trotzern verzeiht Gott, der Herr ... Solchen Trotzern verzeihen sogar die Menschen!«
Von _Verner von Heidenstam_ erschien im Verlag von _Albert Langen_
Karl der Zwölfte und seine Krieger
Historische Erzählungen in zwei Bänden
4. Auflage
Preis jedes der einzeln käuflichen Bände geh. 4 M., geb. 6 M., in Leder 15 M.
_Das Literarische Echo, Berlin_: Wir sind reicher geworden um ein wundervolles Buch. Ein schwedisches Buch, das in alle Literaturen gehört, so schwedisch sein Geist, seine Liebe auch ist. Denn es ist ein ganz reines Dichtwerk, geboren aus dem Urgrund einer Nation, einer ganz einzigen Volksseele und doch bestimmt für die ganze weite Welt, so lesen kann. Das ideale Schullesebuch wird einmal Stücke daraus enthalten. Denn es paßt für jedes Alter und alle Geschlechter. Noch trotzige Rein-Männer werden da ein Buch finden, das sie lesen dürfen, ohne ihrer edlen Literatur-Abgewandtheit etwas zu vergeben. (In diesem Buch fehlt fast ganz die Frau; und doch läßt sich denken, daß höhere Frauen darüber weinen.) ... Man soll kritisieren. Aber fängt man auch mit den besten Vorsätzen, gezücktem Bleistift und Zettelvorrat die Lektüre an: sie reißt einen so schnell mit sich fort, erfüllt mit so feurigem Entzücken, so dankbarer Liebe zum Dichter, daß nichts aus kühlem Wertemessen und bedachtem Wägen wird. Soll man nicht froh sein? Man gibt sich diesem Buch hin wie einem geliebten Bade im See, einer Bergschau, einem Wiesenschlaf, einem angebeteten Mädchen: gefühlsselig, selbstvergessen, aufgegangen im Gegenstande seiner Liebe. Man sucht Gott -- und wird selber Gott. Erst dann hat man ihn gefunden. Wer anbetet, ist selbst eines Gebetes wert. Und so kann man dieses wunderbare Buch nicht anders lesen, als indem man es erlebt. Und, ganz darin untergegangen, kann man nichts anderes von ihm sagen als eben nur feststellen: ich liebe es, wundervoll ist es. Und Liebe kennt nicht Einwand, sieht nicht Fehler. Aber keiner, der dies Buch liest, wird auch etwas dagegen einwenden können.
Früher erschien
Die Schweden und ihre Häuptlinge
Ein Buch für Junge und Alte
Preis jedes der einzeln käuflichen Bände geh. 4 M., geb. 5,50 M.