Kampf und Tod Karls des Zwölften: Historische Erzählungen

Part 2

Chapter 23,696 wordsPublic domain

»Ohaho! Ohaho! Ohaho!« Jetzt öffnete der König seine Tür und kam über den Hof herunter. Die Schmerzen im Kopf, an denen er zu leiden begann, waren durch den Ritt schlimmer geworden und machten seinen Blick schwer. Das Gesicht trug Spuren von Seelenkämpfen der Einsamkeit, aber da er sich näherte, nahm der Mund wieder sein gewöhnliches, verlegenes Lächeln an. An der Schläfe war er noch rußig von dem Musketenschuß.

»Es wird kühler,« sagte er und zog einen Brotkuchen aus der Tasche hervor und brach ihn in drei Teile, so daß jeder ein gleich großes Stück bekam, wie er selbst. Dann zog er seinen Reitermantel aus und legte ihn selbst um die Schultern des wachthabenden Fähnrichs.

Über seine eigene Handlung verlegen, faßte er dann den Holsteiner heftig am Arm und führte ihn über den Hof hinauf, während sie an dem harten Brot kauten.

Jetzt, wenn je, dachte der Holsteiner, gilt es, mit einem schlauen Wortspiel die Aufmerksamkeit des Königs zu gewinnen und nachher vernünftig mit ihm zu reden.

»Bessere Herberge kann man finden,« begann er immerwährend kauend und beißend. »Du liebe Zeit! Das erinnert mich an eine galante ~aventure~ in der Nähe von Dresden.«

Der König hielt ihn immer noch am Arm, und der Holsteiner senkte die Stimme. Die Erzählung war witzig und schlüpfrig, und der König wurde neugierig. Die gröbsten Zweideutigkeiten lockten aber immer nur sein steifes Lächeln hervor. Er horchte gleich einem verzweifelten, halb abwesenden Menschen, mit dem Bedürfnis nach Zerstreuung für den Augenblick.

Erst als der Holsteiner mit listiger Geschicklichkeit das Gespräch mit einigen Worten auf die augenblickliche Gefahr überzuleiten begann, wurde der König wiederum ernst.

»Bagatelle, Bagatelle!« antwortete er. »Es ist gar nicht der Rede wert, wenn wir uns nur gut halten und unsere Reputation bis zum letzten Mann ~soutenieren~. Kommen die Schelme, so stellen wir uns alle drei ins Tor und stechen mit dem Degen.«

Der Holsteiner strich sich über die Stirn und brach ab. Er begann von den funkelnden Sternen zu sprechen. Er stellte einen Satz auf über das Messen ihrer Entfernung von der Erde. Der König hörte ihm jetzt mit einer ganz anderen Art von Aufmerksamkeit zu. Er ging auf die Frage ein, antwortete scharfsinnig, erfinderisch und mit einer unermüdlichen Lust daran, neue überraschende Sätze nach seinem Sinn auszudenken. Die eine Behauptung reichte der anderen die Hand, und bald weilte das Gespräch beim Universum und der Unsterblichkeit der Seele, um nachher aufs neue zu den Sternen zurückzukehren. Sie funkelten heller und heller, und der König sagte, was er von der Sonnenuhr wußte. Er stieß seinen Haudegen mit dem Griff in den Schnee und stellte die Spitze auf den Polarstern ein, so daß sie am nächsten Morgen die Zeit ablesen könnten.

»Der Kern des Universums,« sagte er, »muß entweder die Erde oder der Stern sein, der über dem Lande der Schweden steht. Nichts darf mehr als das Schwedische gelten.«

Draußen vor der Mauer riefen die Kosaken, aber sobald der Holsteiner das Gespräch auf ihren drohenden Anschlag lenkte, wurde der König wortkarg.

»Bei Tagesgrauen ziehen wir uns nach Hadjatsch zurück,« sagte er. »Wir wollen bis dahin nur ein drittes Pferd fangen, so daß jeder bequem im eigenen Sattel reiten kann.«

Nachdem er so geredet hatte, ging er in das Wohnhaus zurück. Der Holsteiner kam mit heftigen Schritten zum Fähnrich herunter, und gegen die Tür des Königs zeigend, rief er:

»Geben Sie ~pardon~, Fähnrich! Wir Deutschen verschwenden keine Worte, wenn uns die Striemen von den Stricken schmerzen, aber ich strecke den Degen und gebe dem Herrn die Viktorie, denn auch ich kann mein Blut lassen für diesen Mann. Ob ich ihn liebe! Niemand versteht ihn, der ihn nicht gesehen hat. -- Aber Fähnrich, Sie dürfen nicht länger draußen im Unwetter bleiben.«

Der Fähnrich antwortete:

»Kein Mantel hat mich je herrlicher gewärmt als der, den ich jetzt trage, und ich werfe all meine Sorgen auf Gott. Aber um Christi willen, Major, gehen Sie zu der Tür zurück und horchen Sie. Der König könnte sich ein Leid antun.«

»Die Majestät fällt nicht von der eigenen Klinge, aber sie sehnt sich nach der eines anderen.«

»Jetzt höre ich seine Schritte bis hier herunter. Sie werden heftiger und unruhiger. Er ist so einsam. Als ich ihn in Hadjatsch unter den Generalen sich verbeugen und verbeugen sah, konnte ich nur denken: wie er doch einsam ist!«

»Kommt der kleine Holsteiner mit dem Leben davon, dann wird er sich allzeit der Schritte erinnern, die wir heute nacht hörten, und wird diese Herberge allzeit die Gethsemane-Feste nennen.«

Der Fähnrich nickte Beifall und antwortete:

»Gehen Sie in den Stall hinauf, Herr Major, und suchen Sie eine Stunde Ruhe und Schutz zwischen den Pferden. Und dort können Sie durch die Wand den König besser hören und über ihn wachen.«

Danach begann der Fähnrich mit lauter Stimme zu singen:

»Befiehl du deine Wege ...«

Der Holsteiner ging über den Hof in den Stall zurück, und mit der Zunge vor Frost stotternd, stimmte er mit dem anderen ein:

... »Und was dein Herze kränkt Der allertreusten Pflege Des, der den Himmel lenkt ...«

»Ohaho, Ohaho!« antworteten die Kosaken im Sturm, und es war schon späte Nacht.

Der Holsteiner duckte sich zwischen die beiden Pferde hinein und horchte so lange, bis die Müdigkeit und der Schlaf seinen Kopf beugten. Erst gegen Morgen wurde er von einem Lärm geweckt. Er sprang ins Freie hinaus; der König stand schon auf dem Hof und betrachtete das als Sonnenuhr ausgestellte Schwert.

Am Tor hatten sich die Kosaken versammelt, aber als sie die unbewegliche Schildwache sahen, schauderten sie abergläubisch zurück und dachten an die Gerüchte von den Zauberkünsten der schwedischen Soldaten gegen Hieb und Schuß.

Als der Holsteiner zum Fähnrich herangekommen war, faßte er ihn fest am Arm.

»Was nun?« fragte er. »Branntwein?«

Im gleichen Augenblick ließ er den Arm fallen.

Der Fähnrich stand zu Tode gefroren da, mit dem Rücken gegen die Mauer und mit den Händen auf dem Degengriff, in den Mantel des Königs gehüllt.

»Da wir jetzt nur zwei sind,« sagte der König und zog seine Waffe aus dem Schnee, »können wir uns auf den Weg machen, jeder auf seinem eignen Pferd, wie ich es gesagt habe.«

Der Holsteiner stierte ihm mit wiedererwachendem Haß in die Augen und blieb stehen, als habe er nichts gehört. Schließlich führte er doch die Pferde hinaus, aber seine Hände zitterten und ballten sich, so daß er kaum den Sattelgurt festschnallen konnte.

Die Kosaken schwenkten ihre Säbel und Piken, aber die Schildwache stand auf ihrem Posten.

Da sprang der König ungestüm in den Sattel und setzte das Pferd in Galopp. Seine Stirn war klar, seine Wangen färbten sich rötlich, und der Haudegen glänzte wie ein Sonnenstrahl.

Der Holsteiner blickte ihm nach. Sein bitterer Ausdruck wurde milder, und er murmelte zwischen den Zähnen, während er selbst in den Sattel stieg und mit der Hand am Hut an der Schildwache vorbeijagte:

»Das ist nur die Freude eines Helden daran, den schönen Tod eines Helden zu sehen. ~Merci~, Kamerad!«

Der Königsritt

Der Hofkanzler von Müller saß auf einer Fußbank vor seinem Stubenherd im Hause des schwedischen Königs in Demotica und buk Pfannkuchen. Er hob den einen vertragenen Rockschoß in die Höhe gegen das Feuer und besichtigte ihn.

»Zwar hängen die Galonen noch fest an dem Rock,« sagte er zu Oberst Grothusen, der daneben stand und sich wärmte, »aber schändlich schwarz sind sie geworden. Und das übrige schwedische Gefolge fängt an, der Teufel hole sie, gerade wie Zigeunerpack auszusehen. Ich sage mit Fabrice: Ich kann mich bald nicht mehr erinnern, wie Geldstücke aussehen, ob sie rund oder viereckig sind.«

»Sie sind so rund, daß sie wie Räder rollen!« antwortete Grothusen und rieb sich vergnügt die Hände. »Ein König, ein Hof, eine kleine Armee ohne was anderes als ein wenig zusammengepumptes Kleingeld in der Tasche ... Und das in einem türkischen Marktfleckchen, Hunderte von Meilen von dem eigenen Vaterland! Zu welcher Zeit sahest du dergleichen? Gott verzeih' mir, aber ist das nicht ein so kostbarer Anblick, daß es nichts tut, wenn es mit dem Zucker auf dem Pfannkuchen zuweilen knapp ist? Von der Pforte kriegen wir keinen einzigen Beutel mehr. Obwohl ich kaum Zeit habe, nachts zu schlafen, sondern nur daran arbeite, das Reisegeld von allen Schacherern der Welt aufzutreiben, so weiß ich doch kaum, wie wir ehrenhaft von hier wegkommen sollen. Ich habe Seiner Majestät gesagt, wir müssen die ganze Reihe Gläubiger mit uns nehmen, als Nachzug bis nach Schweden, und sie in Karlshamn einquartieren, bis sie bezahlt sind. Denk einmal: das kleine Karlshamn vollgepfropft von Türken, die in den Straßenecken knien und Allah anrufen! Jaa, mein Lieber! Wenn wir nur wegkämen! Wir müssen unter Paukenschlag und Trompeten wegziehen, wie es Schweden ansteht, verstehst du? Glücklicherweise haben wir den Staat noch da vom vorigen Sommer, als ich in der Abschiedsaudienz beim Sultan war. Sie sind sicherlich weder wattiert noch gefüttert, die Schabracken, aber außen sitzt um so mehr Messingzeug und Troddeln ... Und das ist die Hauptsache ... Und selbst sehe ich ja aus wie eine ganze Exzellenz! Nicht? Spitzenkrause, Schnupflöffel aus reinstem Dukatengold ... Im Schrank einen Ehrenpelz, vom Sultan geschenkt, ein Paar abgetretene Pantoffeln, eine Nachtmütze und einen seidenen Schlafrock, den Düben froh sein sollte, in der Hochmesse tragen zu dürfen. Aber das ist auch so das letzte und läßt erkennen, was von der ganzen Herrlichkeit übrig bleibt, bis wir heimkommen!«

Je länger Grothusen sprach, desto munterer wurde er. Schließlich ging er ans Fenster und riß es sperrangelweit auf.

»Was gibt's?« fragte Müller und zog fröstelnd den Rock zusammen.

»Es ist ein Haufe Türken, der da steht und wartet, daß man Seine Majestät ausreiten sehe. Es ist nämlich ein Platzregen, und da können sie ja begreifen, daß man nicht im Haus bleiben will.«

Grothusen tastete und suchte in seinen Rockschößen, und da er ein paar große Silbermünzen fand, warf er sie durch das Fenster und rief:

»So sieht Geld aus! Es leben die Schweden und ihr freigebiger, großer, mächtiger König!«

»Ist das dein eigenes oder des Königs Geld?«

»Wenn ich's wüßte!«

»Du brauchst ja nur dein eigenes Geld in der linken Rocktasche und des Königs Geld in der rechten zu tragen.«

»Aber der linke Rockschoß hat das gnädige Zugeständnis, nur in der Notdurft die Zwangsarbeit von der rechten zu übernehmen. Mein Lieber, ich lege ehrlich Rechenschaft ab. Jeden Abend rechne ich nämlich nach, wieviel sich noch im ganzen übrig findet.«

Das Volk murmelte, aber mürrisch brummend hob Müller die Pfannkuchen vom Feuer.

»Du hast deinen leichten Sinn, Bruder! Dennoch hätte ich euch nie zugetraut, daß ihr so vornehm werden würdet, daß ihr einen Freiherrn und Hofkanzler zum Leibkoch machtet, aber ich bin froh, daß meine Pfannkuchen den Herren schmecken. Oft habe ich mich gefragt, wie wir hier unten so willig und froh alle diese Jahre hindurch es haben aushalten können.«

»Das werde ich dir erklären. Es liegt für Menschen ein so eigener Zauber darin, täglich und stündlich mit dem zusammen zu sein, der über ihr Wohl und Weh bestimmt, daß man fragen kann, ob auch die himmlische Seligkeit einmal in gerade dem gleichen bestehen wird.«

»Es wäre gut, wenn dergleichen Zeitvertreib die Menschen auch edler und besser machte.«

»Ich danke dir, Bruder! Das Wort war für mich! Ich weiß genugsam, daß mein Rücken unter euch allen wenig geschont wird. Ihr nennt mich einen leichtsinnigen Tausendsasa, einen ... Ja, gleichwohl! Ein Skeptiker und Philosoph wie ich, der den Frühgottesdienst bedenklich verschläft, hat nicht viel Liebe unter euch Schweden zu erwarten. Ich tue wohl, mich damit zu trösten, daß der König selbst weniger empfindlich darin ist als ihr! Zu Hause gilt es zu fallen, und dann wirst du sehen, Bruder, daß die schwarze Perücke des alten Grothusen nicht hinter dem Glied bleiben wird.«

»Dort zu Hause, sagst du. Antworte mir ehrlich! Hofft Seine Majestät wirklich, dort frische Truppen sammeln zu können?«

»Das tut er ... Und er wird es auch können. Es wird ein Reichsfechten, wie die Welt seinesgleichen noch nie gesehen ... Meinetwegen! In der Stunde der Not die Wucherer zu rufen, du, das ist eine Sache ... Und die Ritter könnten selten werden, wenn es keine Wucherer gäbe ... Aber die Ehre und der Degen, das ist was anderes!«

»Und deshalb bricht er nun endlich auf? Ich habe doch zu bemerken geglaubt, daß er sich noch nicht ganz im klaren ist über die nächste Zukunft?«

»Je näher er gen Norden kommt, desto klarer wird sie ihm.«

»Du denkst an die Feinde, die alten und die zu erwartenden ... Sachsen, Rußland, Preußen, Hannover, Dänemark ... Sechs feindliche Völker zu bekriegen!«

»Sieben! Du vergissest den jüngsten und gefährlichsten Feind!«

»Welchen?«

»Die Schweden!«

Müller erhob sich von der Fußbank, und die beiden einäugigen Herren standen einander gegenüber.

»Gott im Himmel, rede nicht so! Du pflegst ja sonst zu denen zu gehören, die nicht verzweifeln. Dies ist eine fremde Sprache in deinem Mund.«

»Seitdem Seine Majestät die volle Gewißheit hat, daß seine Untertanen anfangen, ihn herauszufordern und ihm zu trotzen, reitet er mit der gleichen Hitze heimwärts wie zu einer Schlacht ... Was soll man auch nach den letzten Neuigkeiten glauben? Das Land ist ohne Regierung ... Die Ämter stehen still wie das Mühlrad an einem versiegten Bache. Die Reichstags- und die Ratsherren sprechen von Absetzen ... Wir hätten einen brennenden Aufruhr, wenn die Schweden nicht ein so gesetztreues Volk wären ... Und dann ist es eben das, daß er der Fürst ist! Wimmre und jammre nur nicht, lieber Müller, denn alles das ist ja nur dein eigenes altes Lied ... Und sei nicht so verflucht geizig mit dem Zucker, sondern schütte des Mannes ganze Tüte über die Pfannkuchen aus ... Und halte den Kopf hoch! Adieu!«

Müller stand bekümmert und ohne antworten zu können mitten im Zimmer. Auf seinem Gesichte malte sich die größte Verwunderung, denn er hörte durch die Tür Grothusen einem kleinen Tambour zurufen:

»August! Such einmal eine ordentliche Trommel heraus! Häng sie dir um, und komm mit mir in den Basar.«

Müller schüttelte den Kopf und setzte sich wieder zu seinen Pfannkuchen.

»Was in Jesu Namen wird Grothusen jetzt für Tollheiten begehen mit der Trommel?«

* * * * *

Am nächsten Morgen zogen die Schweden frühzeitig von Demotica aus, um endlich die Heimfahrt nach der Ostseeküste anzutreten. Hunderte von Meilen hatten sie zu wandern durch Bergpässe und durch Wälder. Hinter ihnen ritt eine lange Reihe Türken, Juden und Armenier mit ihren Säcken und Bündeln. Es waren ihrer siebzig der gierigsten Gläubiger. Der König war froh und strahlend, und die Stadtbewohner mit ihren verschleierten Frauen flehten Gottes Segen herab auf den fortziehenden Helden. Nur Grothusen blieb zurück, denn seine türkischen Freunde hielten ihn noch in der Tür fest. Der eine stopfte ihm ein Tintenfaß in die Hand, der andere steckte ihm eine Tabakspfeife in den Mund, und die schwarzen Diener zogen ihn an seinem Rock. Seine großen Nasenlöcher hielt er hoch in die Luft, und mit Grandezza entleerte er seine Rockschöße über die Hände der Diener. Dann öffnete er das Schloß zu seiner Kleiderkiste.

»Liebster, liebster Freund,« sagte er, »diese ausgesuchte Nachtmütze habe ich eigens für dich anfertigen lassen und selbst benutzt, damit sie dir ein wirkliches Andenken an mich werden solle ... Und du, mein Vater! Diese splitterneuen Pantoffel ... Du wunderst dich, daß sie so niedergetreten sind ... In höchst eigner Person bin ich fleißig in ihnen gegangen, um herauszufinden, ob sie nicht zu hart für deine Füße sind ... Und du nimm diesen seidenen Schlafrock ...«

Wie ein Verfolgter sprang er auf seinen Wagen und befahl dem Kutscher, davonzufahren.

Als die Schweden am Abend nach Timurtasch kamen, überreichte ein Pascha dem König, als Geschenk vom Sultan, ein seidenes Zelt und einen Säbel mit edelsteinbesetztem Handgriff.

»Jetzt geht mein Zobelpelz dahin!« sagte Grothusen halblaut zum König. »Eine andere Gegengabe ist nicht aufzutreiben, und Eure Majestät selbst haben ja nichts als einen verstaubten Rock und ein halbes Dutzend grober Soldatenhemden.«

»Leihe mir auch das Tintenfaß und die Pfeife, die du neuerdings bekamst,« antwortete der König, den Schalk im Auge. »Ich müßte dem Häuptling des Janitscharengeleites auch etwas verehren.«

»Schenke den ganzen alten Grothusen als Eunuchen in des Sultans Serail!« jubelte Grothusen und rieb sich die Hände und wurde immer mutwilliger, je spaßiger es ward. In dem Augenblick fiel sein Blick auf seinen kleinen Tambour, der mit den Schlegeln unter dem Arm mutlos seines Weges ging.

»Deine Trommel hat keine Stimme im Maul! Da steckt irgend etwas Gestohlenes drin!« riefen die Kameraden des Knaben höhnend.

Als sie die Trommel untersuchten, fanden sie, daß sie mit vier Siegeln versiegelt war, und dem Knaben standen große Tränen in den Augen.

»Schlage du nur tapfer deine verstimmte Trommel!« befahl Grothusen. »Ich war es, der sie versiegelte wie Pilatus Christi Grab ... Und ein wenig Trauermusik müssen wohl doch die türkischen Wucherer hier hinter uns haben, die nun ins Exil reiten müssen an unserer Stelle.«

Aber abends, wenn die Schweden einige kurze Stunden beim Schein des Lagerfeuers ruhten, klopften und rüttelten die Musikanten an der Trommel und meinten, daß sie gefüllt sei mit unterschlagenem Königsgeld und Wertpapieren.

»So ein Spitzbube!« flüsterten sie. »Es ist keine Kunst, freigebig die linke Rocktasche zu leeren, wenn man die langen Finger in die rechte steckt!«

Schon um zwei Uhr in der Nacht ließ der König zum Aufbruch blasen. Er sprengte bei dem Lagerlicht zwischen den Felswänden hervor. Als er sich in Pitesti wieder an der Grenze der Christenheit befand, begegneten ihm die in Bender zurückgelassenen Scharen, und die letzten Saporoger, die in so manchen Gefahren treu geblieben waren, nahmen kniend seine Abschiedsworte entgegen. Dann ging er zu Grothusen.

Dieser war gerade im Begriff, die Gulden zu zählen, die einer von den Trabanten, der aus gewesen war, in Siebenbürgen aufgetrieben hatte. Der König sagte zu ihm:

»Mein Paßbrief ist nun fertig. Ich werde Kapitän Frisk heißen, und mit Rosen und Düring reite ich spornstreichs nach Stralsund.«

Da nahm Grothusen seinen galonierten Hut und seine Perücke ab und gab sie dem König.

»Pantoffeln, Nachtmütze, Ehrenpelz und seidenen Schlafrock ... Suche sie, suche sie! ›Alles ist weg!‹ Jetzt gehen Perücke und Hut! In der Verkleidung und dem tabakbraunen Leibrock werden Eure Majestät so zur Unkenntlichkeit ausstaffiert sein, daß, hätten nicht alle Rosen Glück bei den Frauen, keine Wirtshausmagd -- ~salvo honore~ -- den Herren ein Glas Wasser würde anbieten wollen. Ich für mein Teil bin dankbar, den Leib auf dem Königsritt quer durch Europa nicht opfern zu müssen ...«

Grothusen selbst setzte sich jedoch sogleich auf den Reisewagen, um zuerst hinzugelangen und seinen Herrn am schwedischen Meer empfangen zu können, längs dessen Küsten der Feind jetzt seine Festungen und Städte baute.

Tag und Nacht übte der König unter wilden Ritten seine zwei auserwählten Begleiter und die Trabanten, die ihm in eintägigem Abstand folgen sollten. Als endlich die Stunde schlug, da er die Verkleidung anlegen und in den Sattel springen durfte, gab er seinem Wallach mit solcher Heftigkeit die Sporen, daß Düring und Rosen gleich beinahe ein paar Pferdelängen zurückblieben. Es war nicht nur die schwere Perücke, die seine Wangen erglühen machte. Er sah aus wie am Morgen vor einem Treffen. Er, der frisch und gesund Monate in einem Krankenbette ausgehalten hatte, um einer demütigenden Audienz beim Sultan zu entgehen, und der jahrelang seine Tage in einer türkischen Kleinstadt vertan hatte, in der Hoffnung, ein großes Heer als Gefolge sammeln zu können, ritt nun ungeduldig von dannen mit seinen zwei Kameraden und ohne einen einzigen Diener.

Die Hufe klirrten wider die Steine wie die eines durchgehenden Pferdes, und der erwachte Winzer sprang in seiner Hütte zur Tür.

»Wer reitet dort so ängstlich?« fragte er. »Ist es ein armer, verfolgter Deserteur, so mag er hier unter mein Dach steigen, und meine Frau und ich werden ihn verbergen und ihn auf Stroh betten ...«

»Hüte dich, Vater, vor des Ritters Degen!« antwortete Düring. »Er sitzt bei Tag lose in der Scheide. Es ist ein Offizier, der ausgeschickt ward nach einem ungetreuen Freund und Anverwandten, und der eifrig ist, ihm zu begegnen ...«

Aber für sich selbst flüsterte er:

»Der Anverwandte heißt das schwedische Volk ... So sollte das unser letzter Kampf werden!«

Mit der versiegelten Trommel unter Körben und Kantinen auf dem Kutscherbock rüttelte Grothusen unterdessen gen Stralsund. Sein Herz schlug wie das eines Jünglings, als er zum erstenmal den Namen der Stadt auf einer schiefen Wegweisertafel las. Bald hörte er den Stundenschlag von der Nikolaikirche. Er unterschied die vereinzelten Lichter bei den Wachen und Kranken, und auf der Zugbrücke sprang er aus dem Wagen und rief dem Wächter zu:

»Der König, der König! Wo ist er? Welche Nachrichten?«

Der Wächter wußte nichts, und jeden Morgen spähte Grothusen von dem Wall aus nach seinem heimkehrenden Herrn. Die Züge vom klarsten Mondschein überstrahlt, kam der König eines Nachts in Dükers Haus an, und schon den nächsten Morgen, nachdem die Stiefel von seinen geschwollenen Füßen weggeschnitten worden waren, stieg Grothusen in seine Kammer mit der frohen Begrüßung:

»Majestät! Bin verliebt!«

Der König nahm ihn herzlich bei der Hand.

»Liebster Grothusen, wir werden hier etwas anderes zu bestellen haben, als Demoiselles aufzuwarten.«

»Es ist gar keine Demoiselle! Sie ist sicherlich sowohl Mutter wie Großmutter ... Ich kenne sie übrigens nicht ... Aber ich bitte demütigst, jetzt wie früher bei allen meinen Tollheiten Eure Majestät als geheimen Vertrauten behalten zu dürfen.«

Grothusen breitete seine Papiere vor dem König aus und deutete mitunter auf eine Ziffernkolonne, aber um die Arbeit leichter und lustiger zu machen, erzählte er unterdessen von seinem Abenteuer.

»Es war eines Mittags, gerade als ich mich hier zu Düker begeben sollte. Beim Knipertor lag in der Sonnenglut ein Haus, das so weiß war, daß es mir in die Augen stach und mich zwang, aufzuschauen. Da saß sie am Fenster ... Nein, nun sind Eure Majestät an einer falschen Ziffernkolonne! ... Die zweitausend Gulden, die hier fehlen, habe ich für eigne Rechnung verzehrt ... Ja, da saß sie am Fenster unter einer Gardine mit weißen Fransen. Auch sie war beinahe weiß, aber schön aufgekämmt, und ihr Antlitz war schmal und von unendlicher Milde überstrahlt ... Sie ist sicher über siebzig Jahre, -- aber sie ist ja immerhin eine Frau! Es gibt nichts so Vornehmes und Edles, gnädigster Herr, als eine alte Dame anzubeten. Man sehnt sich nicht danach, sich ihr zu nähern. Sie steht oben am Fenster wie eine Erinnerung, eine heilige Legende. Man grüßt sie nur verehrungsvoll mit dem Degen, wenn man mit seinen Truppen vorbei ...«

»Es ist ganz spaßig, Grothuschen wieder zu hören. Meine alte Schwäche für geistreiche und verrückte Menschen scheint mit den Jahren zuzunehmen. Dieser holsteinische Görtz, der bald hierher kommt, muß auch so ein riesig behaglicher und beredter Herr sein mit großen Seelengaben.«