Part 4
Dichter Wald umgibt auch die 15 Min. vom letzten Hause in Paß unmittelbar r. am Wege sich erhebenden =Rabensteine=, gewaltige, durch tiefe, enge Schluchten zerrissene, in parallelen Mauern aufgebaute, 472 _m_ hohe Sandsteinfelsen, die man leicht verpassen kann, weil sie ebenso, wie die linker Hand, aber weiter abseits und versteckt gelegenen »Puppensteine« nur wenige Meter über die Baumwipfel hinausragen, immerhin aber wegen der Schönheit und Seltenheit der gigantischen Formen und wegen der Steilheit ihrer Abstürze sehenswert sind. Die höchsten dieser Felsen messen ungefähr 18--20 _m_ und sind, eine gewisse Fertigkeit im Klettern vorausgesetzt, durch zwei Kamine besteiglich; die eine dieser Spitzen, die sogenannte »Fellerwand«, wurde zum erstenmale am 19. Juni 1894 von mehreren Reichenberger Touristen unter Führung eines bekannten Zittauer Bergsteigers erklettert. Einige der Felssäulen sind jedoch unschwer besteiglich und lassen ein malerisches Berg- und Waldland vom Hochwald bis zur Tafelfichte überblicken.
Nach 45 Min. angenehmer Waldwanderung von Paß aus trifft man auf eine Waldlichtung, die zur Linken einen Ausblick auf die Jeschkenkoppe und r. unter ihr auf den Silberstein und den Audishorner Spitzberg gestattet, und woselbst an einer Fichte zur Rechten ein Kruzifix angebracht ist, der sogenannte =Bäckenherrgott=, zur Erinnerung an einen Grottauer Bäckermeister, welcher hier ermordet wurde, als er, mit Geld wohl versehen, nach Gabel zum Einkauf von Getreide ging.
Hier kreuzt nämlich den Kammweg ein Fußsteig, der l. von den +Bahnstationen Lämberg-Markersdorf+ (über Jüdendorf) und +Ringelshain+ (über Finkendorf) in je 1¼ Std. heraufkommt und r. in wenigen Min. in den schon erwähnten +Kaisergrund+ hinabführt, um in diesem bachabwärts unter herrlichen Aufblicken zum Pfaffenstein mit seinen ruinenartigen Gipfelfelsen (l.) und zu den Rabensteinen (r.) +Spittelgrund+ in 15 Min. zu erreichen.
Unser Kammweg führt einen berasten Steig aufwärts in 20 Min. auf einer kahlen, von plattenförmig abgesondertem Basalt gebildeten Hügel, den Gipfelpunkt des im Mittel 513 _m_ hohen =Schwarzenberges=, wo sich mitten im Waldmeere ein ebenso unerwartetes wie fesselndes Landschaftsbild aufrollt, das man bequem auf natürlichem Steinsitze genießen kann. Die +Aussicht+ beginnt am Gickelsberge im NO., erstreckt sich über drei Quadranten des Horizonts bis zur Lausche im NW. und ist nur gegen N. in die Zittauer Gegend durch zu hohen Waldbestand unterbrochen.
R. an den Gickelsberg schließen sich die Höhen des Isergebirges mit den Hemmerichbergen (in der Richtung der Tafelfichte), den Mittagsteinen, dem Taubenhaus, Sieghübel und Schwarzenberge im O., wo sich der breite Kamm des Trögelsberges und anschließend der Jeschkenrücken vom gr. Kalkberge bis zur Koppe in sö. Richtung vorschiebt. An dem diesseitigen Fuße lagern, durch den Kirchberg von einander geschieden, die Kirchdörfer Pankraz und Ringelshain, vor letzterem Finkendorf, und über beide hinaus, hinter einander, Silberstein, Audishorner Spitzberg und Dewin mit dem Hammerspitz. So ziemlich genau im S. liegt Schloß Lämberg, so greifbar und stattlich, wie gewiß von keiner andern Seite; l. und r. vor ihm füllen den Hintergrund der Roll (l.) und der gr. Petzberg im Kummergebirge (r.). Unmittelbar r. unter dem Schlosse glitzert der Spiegel des Markersdorfer Teiches, hinter welchem die Stadt Deutschgabel vor der dunklen Kuppe des Tolzberges sich breit macht. Die sw. Richtung ist durch den Kamnitzberg bei Reichstadt gekennzeichnet, hinter welchem l. der Maschwitzer Berg und noch weiter die Nedoweska in der Daubaer Schweiz sichtbar sind. R. auf den Kamnitzberg folgt der Laufberg bei Wellnitz, noch weiter der Ortelsberg bei Zwickau, und zwischen beiden hindurch decken sich die Schwoikaer Berge, der Leipaer Spitzberg (Turm) und der Koselrücken. Gegen W., gerade in der Richtung der Tobiaskiefer, der wir zusteuern, hat man ziemlich nahe den betürmten Hochwald vor sich, neben ihm r. die Lausche, l. den Mergtaler Limberg, vor ihm den Raubschloßberg. Zwischen Hochwald und Limberg schieben sich der Kaltenberg (Turm) und der Kleis, zwischen Limberg und Ortelsberg der Kottowitzer und der Langenauer Berg hinter dem Rodowitzer Hutberge ins Gesichtsfeld, während die betürmte Kuppe des Tannenberges zwischen Hochwald und Lausche zu suchen ist.
Auch pflanzlich ist der Hügel beachtenswert; kräftige Exemplare gelbblühender Arnika (~Arnica montana L.~) schmücken nebst den purpurroten Blüten der knolligen Platterbse (~Lathyrus tuberosus L.~) den Grasteppich, während die weißlila Trauben der Waldwicke (~Vicia silvatica L.~) das Gebüsch umspinnen.
Vom Schwarzenberge absteigend, an einem Grenzstein mit der Jahreszahl 1723 vorüber, trifft man nach 15 Min. auf eine Schneiße, die sich nach r. öffnet und den Pfaffenstein in herrlichem Durchblicke zeigt, während man l. unmittelbar die =Tobiaskiefer= vor sich hat. So heißt eine uralte Kiefer mit einem Bilde des biblischen Tobias, das der Holzhändler Tobias Kunze, der Großvater der Wirtin in der Paßer Schänke, anbringen ließ, als er ums Jahr 1800 die dortige Waldstrecke zum Abtriebe erstanden hatte. Die Kiefer, bei welcher die Pascher viel verkehrten, ließ er zum Andenken stehen, worauf sie nach seinem Vornamen benannt wurde. Es ist dies aber auch ansonsten eine wichtige Stelle in dem weiten Waldgebiete. Hier verläuft bei 498 _m_ Seehöhe die Wasserscheide zwischen Neiße und Polzen, bzw. zwischen Ost- und Nordsee, und die Zuflüsse -- Weißwasserbach und Spittelbach neißewärts, Petersdorfer Bach polzenwärts -- haben ihre Ursprungsadern nahe bei einander. Hier überschneiden sich auch mehrere Wege. Von N. her führt die alte Zittauer Straße, auf der uns später das Kammzeichen weiter geleiten wird, bei der Tobiaskiefer vorüber (gelbe Marken) in 45 Min. s. waldabwärts nach +Finkendorf+ -- ein von Touristen gern besuchtes, nach dem ehemaligen Ringelshainer Schulmeister Sebastian Finke, der sich 1683 daselbst zuerst ansiedelte, benanntes Wald- und Weberdorf mit 64 Häusern -- und in 30 Min. weiter zur +Bahnstation Ringelshain+.
An dieser alten Straße, nahe sw. der Tobiaskiefer, erhebt sich der =Raubschloßberg= (535 _m_), dessen beholzter Gipfel ehedem die Burg Winterstein trug, deren Erbauung in jene Zeit fällt, als die Straße von Zittau nach Gabel noch nicht über den Lückendorfer Paß führte. Sie war schon 1369 eine »alte« Burg und wurde am 25. Juli 1441 von Johann von Wartenberg auf Blankenstein zugleich mit der benachbarten Burg Karlsfried an die Stadt Zittau verkauft, welche beide Burgen am 10. Aug. 1442 abtragen ließ, um an der Grenze alle in Fehdezeiten lästig werden könnenden Schlupfwinkel los zu sein; 1582 war die Burgstätte noch in ihrem Besitz. Ein Abstecher dahin lohnt sich jedoch nicht, da die Überreste (Spuren einer Burgwarte, eines Wallgrabens und Grundmauerwerk) zu unbedeutend und so gut wie unauffindbar sind.
W. von der Tobiaskiefer führt ein Waldweg in 30 Min. nach +Petersdorf+ an der Zittau-Gabler Straße, der sich ö. durch den +Kaisergrund+ fortsetzt und in ebenfalls 30 Min. nach +Spittelgrund+ führt. Auf einem Umwege kommt man dahin auch über die +Mordkiefer+ und den +Pfaffenstein+.
Letzterer Weg, nur in umgekehrter Richtung, empfiehlt sich auch als Variante für diejenigen, welche den Kammweg über den Schwarzenberg schon begangen haben. Man geht hinter Paß r. durch den Wald in den Kaisergrund hinab, dann l. in demselben aufw., dem kleinen, oft versiegenden Spittelbach, der bei Dönis in die Neiße mündet, entlang bis zu den Felsengruppen; bei einem Grenzsteine, 30 Min. von Paß, r. auf einem Fahrwege empor. R. wird bald darauf der Felsenkopf des Pfaffensteins sichtbar. Am Eingange zu den =Pferdelöchern=, auch Felsenstadt genannt, vorüber, zwischen großen Sandsteinblöcken hindurch im Bogen r. empor zum =Hufeisenberge= (510 _m_). Ein Sandsteinblock daselbst, der einem Kopfe mit Helm ähnelt, ist ein Hufeisen eingehauen, daher der Name des Berges; von hier aus empor erreicht man in 15 Min. den Kamm, wo man auf den vom Spitzberge (l., 541 _m_, Basalt) herkommenden Weg stößt und auf demselben r. in 5 Min. den =Pfaffenstein= (569 _m_) erreicht. Dieser gipfelt in einer mächtigen, auffällig burgruinenartig gestalteten, vielfach zerklüfteten und ausgehöhlten Sandsteinfelsgruppe, die schon von weitem Aufmerksamkeit erregt. Ingenieur Lubisch in Lückendorf wollte im Herbst 1904 auf eigene Kosten mit Bewilligung der gräflich Clam-Gallas'schen Herrschaftsverwaltung eine Blockhütte im Ausmaße von 4 × 5 _m_ errichten und eine eiserne Stiege auf der w., Lückendorfer Seite anbringen und den Gipfelfelsen selbst mit einem eisernen Schutzgeländer umgeben lassen. Der Ausblick von da ist besonders lieblich gegen N. und NO. ins reich besiedelte Neißetal. N.: Ganz nahe der Spitzberg, dahinter Zittau und weiter das Königsholz und Hirschfelde, r. davon hinter einander Grottau und Ullersdorf. Nö. ganz nahe Spittelgrund, dann hinter einander Ketten, Grafenstein (Schloß), Wetzwalde, der Gickelsberg und Hohenwald; l. hinter dem Gickelsberge die Kirche von Reichenau, r. von ihm Pfarrdorf Oberwittig. Im O. hinter einander Niederberzdorf, Weißkirchen, Kratzau und Voigtsbach, dann neben einander die Hemmerichberge, die Vogelkoppen, Taubenhaus, Schwarzeberg und Siechhübel im Isergebirge, überragt von der Tafelfichte im Hintergrunde. Sö.: Die abenteuerlichen Rabensteine ganz nahe, dann Dorf Paß vor dem Trögelsberg, weiter der Zug des Jeschkenrückens mit der Koppe; r. von Paß der Welsberg, zwischen beiden hindurch Pfarrdorf Pankraz am Fuße des Kirchberges. S. blickt man über walddüstere Gründe (Kaisergrund) und wildes Felsengewirr (Felsentheater) auf den Schwarzeberg im Vordergrunde, hinter welchem l. der Silberstein, Audishorner Spitzberg und Roll, r. der Tolzberg sich zeigen. Sw. vorn die Kuppen des Hufeisensteines, des Raubschloß- und Fuchsberges, im Hintergrunde der Ortelsberg. W.: Das hintere Weißbachtal mit seinen Felsgebilden und dem Straßberge, dahinter Hochwald (r.) und Falkenberg (l.), zwischendurch der spitze Kleis; l. vom Falkenberge der Mergtaler Limberg, zwischendurch der Grünberg bei Zwickau; r. hinter dem Hochwalde die Lausche, näher Brandhöhe und Töpfer bei Oybin mit dem Scharfenstein, dahinter der Jonsberg. Nw. hinter dem Töpfer sieht man nach einander den Breiteberg, den Oderwitzer Spitzberg und den Kottmar (Turm), im Vordergrunde (nahe dem Spitzberge) den Heide- und spitzen Mühlsteinberg.
Nun auf demselben Wege zurück zum Hufeisenberge. Einige Min. auf dem Fahrwege weiter aufwärts, hat man l. vom Wege einen eigenartigen und prächtig Einblick in das =Felsentheater=, ein eigenartig aufgebautes Gewirr von Berglehnen und Felsenmassen zu Füßen, die wie Versatzstücke und Kulissen eines Theaters neben und hinter einander gestellt erscheinen und eine herrliche Augenweide, wie von dem Schnürboden eines Theaters aus, bilden. Den Hintergrund bilden südöstlich der Langeberg und der Jeschken.
Der weitere Weg führt in 15 Min. zur Tobiaskiefer. Dabei kommen wir an der =Mordkiefer= im =Katelloch= (l.) vorüber. Letztere Benennung rührt daher, weil hier ein Mädchen aus Görsdorf bei Grottau von ihrem Geliebten, einem Spittelgrunder Grenzjäger, der sich dann selbst auch den Tod gab, ums Jahr 1830 erschossen aufgefunden wurde. Zur Erinnerung daran hatte ein k. k. Finanzwachaufseher in die Rinde der sogenannten Mordkiefer einen Todtenkopf mit der Mahnung »~Memento mori~« eingeschnitten.
Tobiaskiefer-Hochwald (2 Std.).
Wir folgen nördlich dem Waldfahrwege, dem alten Verkehrswege zwischen Zittau und Gabel, und erreichen durch einen Hohlweg abwärts, bei der Höhenkote 476, nach 6 Min. die Landesgrenze, gerade an der Spitze des Dreiecks, das sie hier bildet. Hier ist ein Wegweiser an einem Baume.
R. kommt man in den herrlichen, von seltsam gestalteten Sandsteinfelsen (Uhusteine, Mönch, nackte Männer, Schiller und Goethe) besäumte =Weißbachtal= und entlang der Landesgrenze in 1 Std. nach Hartau, wo der Weißbach in die Neiße mündet; von da weiter in 45 Min. nach +Zittau+. In diesem Tale führte ursprünglich der uralte Saumweg von der Burg Lämberg her nach Zittau noch eine Strecke weit, bis zum »böhmischen Tor«, d. i. zwei zusammen geneigten Felsblöcken mit alten Wappen und Jahreszahlen.
Auch unser Kammweg, ein angenehmer Waldweg, folgt der Landesgrenze, aber l., bis diese nach 5 Min. l. abbiegt, wir aber -- auf sächsischem Boden -- geradeaus weiter in 10 Min. zum =Lückendorfer Forsthause= (einfache Gastwirtschaft mit Garten) gelangen. Knapp vor dem Forsthause, wo l. der Wald aufhört, haben wir einen plötzlichen Anblick des Hochwaldes, hinter dem l. die Spitze des Kleis herausschaut; l. vom Hochwalde kommt dann auch noch der Falkenberg zum Vorschein und hinter diesem r. der Mergtaler Limberg. Das Forsthaus gehört zu Lückendorf und liegt einschichtig, 482 _m_ hoch auf der Hauptwasserscheide, an der geschichtlich bedeutsamen Verkehrsstraße, welche in je 1½ Std. nördlich über Eichgraben nach +Zittau+, südlich über die Landesgrenze durch Petersdorf nach +Deutschgabel+, bzw. zu den Bahnstationen in beiden Städten führt. Sie wurde im 14. Jahrh. auf König Johann's Befehl aus dem Weißbachtale herauf übers Gebirge, den damals noch völlig unwirtlichen »Gäbler«, verlegt und erhielt ihre heutige Gestalt 1848. Gerade gegenüber vom Forsthause an der Straße im Walde stand ehedem eine elende Hütte, das schon 1450 bestandene »Ausgespann« für die Fuhrleute, welche vom Eichgraben bis hieher Vorspann genommen hatten. Als im Jahre 1838 das Forsthaus gebaut wurde, mußte die »schwarze Bürste« weichen, worin ein früherer Kretschambesitzer aus Lückendorf seine Schankwirtschaft betrieben hatte. Dicht am Garten des Forsthauses stehen noch acht wallartige Verschanzungen, welche 1813 vom Landvolke erbaut werden mußten. Hier ist am 19. August 1813 Napoleon durchgezogen, hat im +Petersdorfer+ Zollhause, wo Fürst Poniatowsky, der Kommandant der französischen Vortruppen, wohnte, auf einem Holzschemel, der heute noch dort gezeigt wird, gerastet und dann im damaligen Postgebäude zu +Deutschgabel+ -- der einzigen Stadt in Böhmen, die Napoleon betreten hat -- sich aufgehalten. Am 23. Juni 1866 fand hier ein Vorpostengefecht zwischen österreichischen Hußaren und preußischen Uhlanen statt.
In nächster Nähe des Forsthauses, 25 Min. nordöstlich, ist der =Straßberg= (544 _m_) mit dem vom Zittauer Verein »Globus« errichteten Aussichtsbalkon »Fuchskanzel« mit prächtiger Um- und Fernsicht über den Zittauer Kessel bis zum Kottmar, dem Löbauer Berge und der Landeskrone. Etwa 15 Min. vom Forsthause entfernt liegt nördlich an der Straße nach Zittau auf felsiger Kante die =Ruine Karlsfried=, wenige Mauerreste, darunter die des Bergfrieds und eines Torturmes einer im Jahre 1337 auf Befehl Karl IV. zum Schutze der Straße erbauten Zoll- und Geleitsburg, die in den Hussitenwirren eine Rolle spielte -- in ihrer Nähe fand am 25. Januar 1424 ein für die Zittauer unglücklicher Kampf statt -- und 1442 von den Städten Zittau und Görlitz, die sie das Jahr zuvor von Johann v. Wartenberg auf Blankenstein gekauft hatten, zum Abbruch bestimmt wurde, der jedoch nur ganz allmählich erfolgt sein kann, da die Ruine 1720 noch drei Stock hoch war. Aus der Turmruine hat man einen romantischen Blick östlich hinab in das Weisbachtal mit seinen seltsamen Felsgruppen.
Die Gabler Straße beim Forsthause kreuzend, setzen wir unsern Weg in gerader Richtung auf schöner Waldstraße fort, an der überdies Eschen, weiterhin Ahorn als Alleebäume gepflanzt sind. Nach 10 Min., währenddem wir eine Drehung nach l. machen, ist der Wald zu Ende; Lückendorf mit der Brandhöhe liegt vor uns, dahinter der Hochwald, neben dem dann l. der Mergtaler Limberg und der Kegel des Falkenberges zum Vorschein kommen. Nach 9 Min. mündet r. von Eichgraben her zwischen dem +Heideberge+ (544 _m_) und +Zigeunerberge+ (507 _m_) hindurch, die uns r. bleiben, ein Touristen-Weg, kurz bevor unsere Straße eine scharfe Knickung nach l. macht, wobei wir geradeaus die Spitze des Rollberges, und links den Jeschkenrücken mit der Koppe zu Gesicht bekommen. Nach 5 Min weist r. eine Wegtafel nach +Oybin+.
Diesen Abweg können diejenigen einschlagen, welche den Kammweg über die »Fürstenhöhe« schon kennen. Man trifft nach 15 Min. auf den Kreuzweg, welcher r. vom +Töpfer+ durch die kleine Felsengasse herabkommt und den man jetzt l. verfolgt. Gleich hinter der Kreuzung kann man (8 Min. hin und zurück) den =Scharfenstein=, das sogenannte »Lausitzer Matterhorn« besteigen, eine frei und steil aufragende Sandsteingruppe, die mittelst Treppen und Stufen vom Zittauer Verein »Globus« zugänglich gemacht worden ist. Oben ist eine Schutzhütte. Der Ausblick ist vielseitig: westlich das bergumschlossene Oybintal zu Füßen, dahinter die Lausche; südwestlich Hochwald, r. hinter ihm der Kleis; südöstlich das Jeschkengebirge. Der Touristenweg führt von der Kreuzung ansteigend zur =Edmundshütte= (idyllisches Blockhaus, 1897 vom Oybiner Verschönerungsverein errichtet) und zur Aussichtsbank am =Margaretensteig=, fällt dann und tritt in die =große Felsengasse= mit wild zerklüfteten Felswänden. R. Abstecher (einige Stufen hinauf) zur =Mönchskanzel= auf jäh abstürzender Felswand (Ruhebank) mit malerischem Ausblicke ins Oybintal. Nach 4 Min. ist man über Stufen hinab am Ende der Felsengasse; r. ist der =Muschelsaal=, ein grottenartiger Felsüberhang mit Ruhebank und muschelartigen Auswaschungen in dem eisenhältigen Sandstein. Nach 3 Min. trifft man auf den »+Fürstensteig+«, der l. von Lückendorf heraufkommt, und ist wieder auf dem Kammwege.
Gleich darauf haben wir die ersten Häuser von =Lückendorf= knapp unter der Brandhöhe (504 _m_) erreicht; als Zierden tragen dieselben bemalte Scheiben aus Holz, auf die wohl von den Besitzern der Königschuß getan worden sein mag. Die Straße steigt hier etwas an, l. vom Roll treten die Hirschberge heraus, zu unserer L. der Pfaffenstein mit dem Spitzberge. Nach 3 Min. kommen wir an einer Markentafel (r.) vorüber, auf welcher die Entfernungen auf die Fürstenhöhe, Hochwald, Forsthaus Nr. VI und Hain mit 13, bzw. 65, 50 und 30 Min. angegeben sind. Nach weiteren 3 Min. sind wir beim =Kurhaus Lückendorf= angelangt, das an der schönsten und aussichtsreichsten Stelle des Dorfes, am Fuße des mit Nadelwald bedeckten +Brandberges+ gelegen ist. Dasselbe enthält nebst Gastwirtschaft 20 Fremdenzimmer zum wöchentlichen Preise von 5 bis 7 Mark für ein Bett. Wundervoll ist der Blick von seiner Terrasse auf den Pfaffenstein, auf Jeschken, Roll, Tolz- und Falkenberg, während von den Turmzimmern aus sogar die Kuppen des Iser- und Riesengebirges herüber grüßen.
Pfarrdorf Lückendorf, das mit dem größten Teile seiner zwischen Wiesen und Obstgärten verstreuten Häuser seitab l. bleibt, ist das südlichste Dorf der Lausitz und liegt an einem Zuflusse des in die Polzen mündenden Jungfernbaches auf der Hauptwasserscheide zwischen Ost- und Nordsee von 373 bis gegen 500 _m_ Seehöhe; seine 500 Bewohner betreiben Landwirtschaft, Handweberei und Holzdrechslerei. Vermöge seiner staub- und rauchfreien, geschützten, waldreichen Lage ist es seit einigen Jahrzehnten als +Sommerfrische+ in Aufnahme gekommen, insbesondere aber seit der Eröffnung des stattlichen Kurhauses im Jahre 1898.
Gute Verpflegung und Aufenthalt findet man u. a. auch im Bergrestaurant und im Kretscham; außerdem steht eine große Zahl von Logierhäusern zur Verfügung. Der Ort ist uralt und mag in der Zeit der deutschen Kolonisation von einem Lucko gegründet und benannt worden sein. Im Jahre 1404 wird er zum erstenmale urkundlich genannt, als er in Besitz der Stadt Zittau kam, in welchem er bis heute, mit einer nur ganz kurzen Unterbrechung, geblieben ist. Im Jahre 1690 wurde die Kirche gebaut, wozu das Steinwerk von der Ruine Karlsfried benützt wurde. Hier wirkt Pastor Sauppe, der unermüdliche Aufheller der Geschichte von Oybin und Lückendorf.
Unmittelbar vor dem Kurhause weist uns das Kammzeichen r., teilweise über Stufen, in den Nadelwald auf die Südlehne des +Brandberges+ hinauf, wo der Sandstein, aus dem der Berg besteht, in charakteristischen Wollsackformen zu Tage liegt. Schon nach 2 Min. wird der Weg eben und wendet sich nach l.; starre Binsen (~Juncus squarrosus L.~) und Adlerfarn (~Pteris aquilina L.~) besäumen ihn; nur eine kurze Strecke ist l. ein Ausblick frei, sonst führt er im Walde, den Hochwaldturm im Durchblicke, weiter, bis er nach 5 Min., wo l. unten die letzte Villa von Lückendorf steht, an der =Fürstenhöhe= endet. Kaiser Josef II. besuchte am 17. September 1779 gelegentlich seiner Bereisung Nordböhmens diesen Punkt, wo die Kaiserlichen in den schlesischen Kriegen Verhaue angelegt hatten, und ergötzte sich an dem wundervollen Blicke in das mit landschaftlichen Reizen so reich gesegnete Böhmen; er kam damals von Spittelgrund her übers Ausgespann und nahm vorher vor dem Pfarrhause eine kleine Erfrischung ein; das »Kaiserbörnel« hält das Andenken an diesen Besuch fest. Auch andere fürstliche Personen haben diesen Platz besucht und so den Anlaß zu seiner Benennung gegeben; u. a. war Friedrich August II., König von Sachsen, am 13. August 1850 hier, 1888 der jetzige König Friedrich August III. und 1890 König Georg von Sachsen. Dieser Punkt bietet in der Tat ein +Aussichtsbild+ von seltener Schönheit, was Reichhaltigkeit und Feinheit der Gruppierung anbelangt, wie kein anderer unter allen den zahlreichen Spaziergängen am Brandberge.
Der ganze Höhenkranz vom Mergtaler Limberge im Südwesten bis zu den Felsenzinnen des Pfaffensteins im Osten breitet sich vor dem bewundernden Auge aus, und wird durch den Falkenberg, die Stadt Deutschgabel, den Tolzberg und Roll, die hinter einander in einer Linie gerade nach Süden liegen, wirkungsvoll in zwei Gruppen gegliedert. In dem Bilde r. vom Roll zeigt sich der doppelgipflige Bösig, das Kummergebirge mit dem Petzberge und dem an seinem Schopfe kenntlichen Eichberge, zwischen beiden hinten der weiß leuchtende Würfel des Schlosses Hauska auf waldiger Höhe, weiter r. näher der Kamnitzberg bei Reichstadt und der Laufberg nahe am Limberge; zwischen Kamnitz- und Laufberg schieben sich die Mikenhaner Steine, dahinter die Ruine Altperstein und der Maschwitzer Berg vor der Nedoweska im Daubaer Gebirge. In dem Bilde l. vom Roll erscheint fast in der Mitte die Spitze des gr. Hirschberges bei Wartenberg, in der Richtung der Ortschaften Petersdorf, Hirndorf und Markersdorf zu Füßen, l. davon der Dewin mit dem Hammerspitz, vor diesem der Audishorner Spitzberg, der Silberstein und, am nächsten, Schloß Lämberg. L. davon blickt man über Lückendorf und den Schwarzenberg längs des Jeschkenzuges vom Trögelsberge bis zur Koppe südöstlich auf den Musky bei Münchengrätz und die zweizinkige Ruine Trosky bei Turnau. Im Osten heben sich über dem Görsdorfer Spitzberge und dem Pfaffensteine die Höhen des Isergebirges (Vogelkoppen, Taubenhaus, Siechhübel, Schwarzeberg) heraus, hinter welchem nach r. hin bis zum Langeberge im Jeschkengebirge die Häupter des Riesengebirges (hohes Rad) in die neblige Ferne tauchen.