Junge Herzen: Erzählungen für die reifere Jugend
Part 9
Der Staub fliegt hoch und legt sich wieder, und in dem Wirbel werden die Gestalten sichtbar, die Kopf an Kopf die Strecke durchlaufen. Drei von den Knaben blieben sofort zurück. Voran -- in gleicher Linie -- sind nur Kurt und Max. Das Ziel ist nahe. Wild fliegt die lockige Mähne Kurts ihm um das Haupt -- die Augen sehen stumpfen Blickes starr hinaus. »Voran! Voran!« tönt es in seinem Innern. Nur wenige Sekunden noch, und er ist Sieger. Dicht neben ihm schallt Maxens Fuß in raschem -- im gleichen Lauf mit ihm. Ein kurzer Sprung liegt zwischen beiden. Da -- saust mit gazellenartigem Satz Max flugs voraus und steht -- einen Augenblick dem andern zuvor -- am Ziel.
»Hurrah! Ich! Ich!« Kurt hört's wie durch einen Nebel. Er sieht's undeutlich, wie Max Roland jubelnd seine Arme hochwirft. Die Lehrer und die Klasse nähern sich.
»Tapfer gelaufen beide! Gratuliere Max! Hast dich zu früh aufgegeben, Kurt!« hallt's durcheinander an des erschöpften Kindes Ohr, indes er mit glühend heißen Wangen an einem Baumstamm lehnt und mit den dunkeln Augen fragend, hoffend zu dem Lehrer aufsieht.
»Hat Max den Preis?« Er hört die eigene Stimme nicht. Die kleine Hand wischt mit dem Taschentuch zerstreut die Stirn und sinkt dann schlaff herab.
»Hat Max den Preis?« Er wiederholt es lauter, mit seinen Blicken mehr eindringlich fragend als mit Worten, und da Herr Karler teilnahmsvoll bedauernd mit dem Kopfe nickt -- da sich der Knabe von den Augen aller mitleidsvoll betrachtet weiß, kämpft er gewaltsam seine Thränen nieder und sucht heroisch ein einsichtsvolles Lächeln zu erzwingen.
»Vielleicht kriegst du den Preis im Ballspiel!« raunt ihm ein kleiner Knabe tröstend zu, und Kurt schluckt einigemal an etwas dickem in der Kehle, bevor er, immer noch mit feuchten Augen ein halbleises »Ja vielleicht« erwidert.
Wie sie geräuschvoll den siegreichen Max umzingeln! Wie sie voll Jubel ihm den Kranz aufs blonde Haar aufsetzen! Mit welchem Eifer sie den Stift betrachten, der ihm als Prämie eingehändigt worden ist! Kurt siehts von weitem. Er hat vorsätzlich lange Zeit gebraucht, um seine Jacke und den Shlips zu ordnen, um so den Anschluß an die Klasse zu versäumen. Jetzt liegt er hingeworfen auf dem hohen Rasen -- von einem Baumstamm liebevoll gedeckt, und läßt den Thränen der Enttäuschung, die ihm in die Augen treten, vollen Lauf.
Wäre er doch gar nicht mitgekommen! Wär' er daheim geblieben bei dem alten Vater, der ohnehin zögernd zugegeben, daß er am Ausflug teilnahm. Er hätte davon auch nicht viel gehabt -- im stillen Häuschen bei dem Vater regungslos zu sitzen und zu lesen oder rechnen, wie es stets von ihm beansprucht wurde -- beim Vater, der von früh bis spät so emsig schrieb und seinen Sohn kaum je beachtete -- und doch! Wie ungleich besser als stets von neuem sehen zu müssen, wie der blonde Knabe ihm den Rang ablief -- die Prämien alle nahm, während er sich doch so redlich mühte, einmal wenigstens --
»Ballfangen! Kurt -- das Wettspiel! Komm' doch!« Es war derselbe kleine teilnahmsvolle Bursche von vorhin, der seine dünne Stimme fisteltönig hoch geschraubt zu Kurt hinüberklingen ließ, da Kurt sich weder aufhob, noch etwas erwiderte -- durchsprang sein kleiner Freund die Strecke, die sie schied -- und stand an seiner Seite.
»Kurt, komm' doch!«
»Mag nicht!« Er stieß es mürrisch aus und warf sich unwirsch auf die andere Seite.
»Komm doch!« ermuntert der Herangetretene eindringlich bittend -- und da der andere nichts entgegnet, nur heftig mit dem Fuß ausschlägt, verliert der kleine Freund den Mut und schiebt sich rücklings gehend fort -- dem Spiele zu.
Kurt liegt eine kleine Weile regungslos -- die Augen in die Arme vergraben -- auf dem Rasen. Von ferne hallen Rufe heller Stimmen zu ihm -- er hört das Aufschlagen der geworfenen Bälle -- das Schreien und Fallen und Stoßen der erregten Kinder und zwischendurch des Lehrers Stimme.
»Na -- fängt denn keiner?«
Kurt hat den Kopf emporgerichtet. Die dunkeln Augen sehen gespannt dem Spiele zu. Wie sich alle schieben -- wie sie rennen, um den Ball beim ersten Wurf zu fangen! War's denn so schwer, daß selbst der Max -- Plötzlich mit einem Sprung steht er auf seinen Füßen; noch ehe er selbst sich über sein Vorhaben klar wird -- ist er im Kreise derer -- die da um den Ball wetteifern. Kühn, aufrecht -- fest entschlossen steht der kleine Bursche da. Die Klasse sollte sehen, ob es jedesmal der Max sein mußte, der -- --
»Eins! Zwei! Los!« Der Ball fliegt hoch und wieder nieder. Wild schreiend schieben sich die Kinder aneinander. Sie beugen sich zurück und vor und strecken ungestüm die Hände aus, und aus dem dichten Haufen lärmender, erregter Kinder windet sich ein einziges los, streckt sich triumphierend ein energischer Arm empor.
Kurt Henning hat den Ball.
»Er hat ihn nicht beim ersten Wurf gehabt!« ruft eine Stimme laut, und es entsteht ein lautes Lärmen, und Protest erhebt sich.
»Max Roland hatte ihn zuerst; dann fiel er hin -- und dann nahm ihn Kurt Henning auf!« schreit der Ankläger von vorhin.
»Lüge!« stößt Kurt ingrimmig aus.
»Keine Lüge -- er hat ihn nicht beim ersten Wurf gehabt!«
»Nein -- das hat er auch nicht -- Max hatte ihn!« schrieen die Kinder erregt und Herr Karler hebt -- Ruhe gebietend -- beide Hände.
»Kurt soll vortreten!«
»Sage Kurt -- hast du den Ball beim ersten Wurf gefangen!«
Des Knaben Augen lodern unheimlich trotzig auf.
»Ich -- ich --«
»Er hat ihn nicht gefangen!«
»Max hat ihn gehabt!« ertönen wieder die Anklagestimmen von vorhin.
»Ruhe! Ich frage euch nicht!« spricht ernst Herr Karler. »Kurt wird mir ganz allein die Wahrheit sagen!«
Ein Augenblick der Spannung! In des gefragten Kindes Hirn entsteht ein wüster Kampf. Sagt er »nein«, so fällt die letzte Chance, die ersehnte Prämie zu erhalten -- fällt jede Aussicht, einmal von des gestrengen Vaters Mund gelobt zu werden! -- sagt er ein »ja«, so spricht sich's morgen in der Stadt herum, daß er -- nicht Max --
»Hast du den Ball richtig gefangen, Kurt?« Wie eigen warm des Lehrers Stimme klingt! Wie voll Vertrauen das graue Augenpaar ihn ansieht! Des Kindes Herz versteht den Blick; des Kindes Herz erwidert darauf. Den Kopf zurückgeworfen, daß die Lockenfülle weithin in den Nacken fliegt -- die Augen groß und voll zum Lehrer aufgeschlagen, spricht Kurt ein deutliches ernsthaftes »Nein, Herr Karler!«
Die Stille, die dem Worte folgt, wird durch den Lehrer unterbrochen.
»Du bist ein braver Kerl, Kurt Henning!«
Die Dämmerung ist da. Müde und bestaubt marschiert die kleine Schar zur Stadt zurück. Die Frühstücksbüchsen hängen ihnen leer zur Seite.
Kurt Henning hat den Blick mit ernstem Ausdruck auf das kleine Haus gerichtet, das am Thore liegt und das er mit dem Vater bewohnt.
»Worüber sinnst du, Kind?« fragt ihn Herr Karler, dem etwas in dem Angesicht des Knaben zu denken gibt, und Kurt erwidert leise -- sehnsuchtsvolle Augen zu dem Lehrer hebend:
»Ich hätte doch so gerne eine Prämie heimgebracht; mein Vater hätte sich gefreut!«
Herr Karler legt die Hand liebkosend auf des Knaben Haupt und gibt ein Zeichen, daß die andern stehen.
»Sag' deinem Vater, daß du ihm die Achtung deines Lehrers mitbringst, Kurt, das wiegt wohl eine Prämie auf! Gut' Nacht, mein Sohn!«
Weiß wohl der kleine Mensch den vollen Sinn der Worte zu verstehen, oder ist's der einfach kindliche Instinkt, der ihn so eigen wonnesam ergreift?
Die kleinen Hände schließen sich fest um des Mannes Rechte und feuchte Kinderlippen legen sich -- von einem plötzlichen Impuls geleitet -- auf dieselbe nieder.
»Gut' Nacht, Herr Lehrer!«
Die Klasse wartet, bis der kleine Schüler in den Flur des niederen Häuschens eingetreten ist. Herr Karler gibt das Zeichen, und vorwärts gehts im Schritt, dem Städtchen zu.
Aus einem Fenster des zurückgelassenen Häuschens beugt sich vom zweiten Stock ein müdes Köpfchen voller krauser wirrer Locken und nickt der Klasse grüßend zu, und über ihm neigt sich ein runzeliges, greises Haupt und sieht mit glücklichem und stolzem Lächeln auf das dunkle Köpfchen seines Sohnes nieder.
Zu spät.
Sie war ein unscheinbares Ding von zartem Körperbau und einem blassen, unauffälligen Gesicht, das ganze Gegenteil von dem robusten strammen Brüderchen, das so geräuschvoll treppauf treppab trampelte, mit lauter Stimme seine Wünsche kundgab und das ganze Haus gründlich tyrannisierte.
»Wie verschieden doch ihre Kinderchen sind!« meinten die gelegentlichen Besucher der Familie Holfers, vergleichende Blicke auf die Kleinen werfend, und Frau Holfers pflegte mit einem Kopfnicken über den glatten braunen Scheitel Gretchens fort auf das blondgelockte Köpfchen ihres Knaben niederzuschauen und dann -- Gretchen kannte den Hergang genau -- mit mütterlichem Stolze die übermütigen Streiche des Söhnchens aufzuzählen, ihn in jeder Zwischenpause drei-, viermal zu streicheln und endlich -- wie gut Gretchen das immer voraussah -- die lange seidene Locke aus der verschlossenen Lade vorzunehmen und sie lächelnd stolz zu zeigen:
»So goldig war das Kerlchen! Ich habe ihm die Strähne abgeschnitten, als er kaum zwei Jahre zählte!«
Gretchen hatte die lichte Strähne oft gesehen. Zuerst mit der ihr eigenen stillen Bewunderung und dem leicht geweckten Kindesinteresse und später mit einem staunenden Verwundern darüber, daß die Mutter niemals die von ihrem Haupt geschnittene Locke zeigte, die doch jedenfalls auch in der Lade liegen mußte; und aus dem Staunen wuchs ein inniger Wunsch, ein einzigesmal hineinzublicken in das verschlossene Fach, das -- Gretchen zweifelte nicht einen Augenblick daran -- die andre Strähne barg. Gewiß war sie nicht schön, wie die des Knaben -- die Mutter hatte es ja oft gesagt, daß sie stets häßlich war -- sie konnte also auf sie nicht stolz sein, wie auf das Brüderchen, das sie ja auch so ungeheuer liebte. Gretchen hatte, wenn sie diesen Gedanken nachhing, ein so eigentümliches Drücken im Halse, und eine solche Schwere in der Brust, daß sie ungeachtet der mütterlichen Mahnung, doch »ihr ewiges Gejammer ohne Grund« mal endlich einzustellen, -- trotz der stürmischen Liebkosung Arthurs, in helle Thränen ausbrach. Ja, diese leidigen Thränen! Gretchen wußte wohl, wie sehr die Mutter Thränen haßte -- und diese trugen auch die Schuld, daß die so heitere Natur der Mutter sich immer mehr dem Brüderchen zuwandte, dessen leidenschaftlich zärtliche Natur von allen Liebe forderte und allen Liebe gab, der, wo er ärgerte, auch gleich wieder versöhnte, und dessen Thränen, wenn sie fielen, gleich einem sonnigen Regenguß, im Hintergrunde lichte Strahlen zeigten.
»Wenn sie nur etwas von des Knaben Art in ihrem Wesen hätte,« hörte Gretchen ihre Mutter klagen, »ich finde mich in dieser kalten unfreundlichen Natur gar nicht zurecht. Wenn sie vor sich hin weint, weiß sie sicherlich selbst nicht, warum sie's thut!«
Das Kind hatte die Klage, unbemerkt am Fenster sitzend, mit angehört, und lange darüber nachgesonnen. Gewiß, sie war gerecht. Selbst wußte sie ja nicht, was ihr das Herz bedrückte, bis es ihr eines Morgens klar wurde, und von da ab weinte sie nicht mehr.
Sie hat nie davon gesprochen, niemand erzählt, wie es gekommen, daß sie an einem Tage, da wiederum die schöne goldene Locke Arthurs vorgezeigt und bewundert wurde, von einem instinktiven Etwas angespornt, ganz heimlich an die nachlässig aufgebliebene Lade schlich. Auf einem Schemel stehend, mit vorgestrecktem Halse und eifrig hastigem Auge, hatte sie das Fach durchstöbert, um neben der goldblonden Locke die noch niemals vorgezeigte dunklere zu suchen, um doch zu wissen, ob sie denn so häßlich -- gar so unansehnlich häßlich war!
Das kleine Mädchen hatte lange regungslos vor dem verräterischen Fach gestanden. Niemand hörte je ein Wort darüber, was in dem Kinderherzen vorgegangen war, da Gretchen in der mit Seide ausstaffierten Schachtel die Stelle neben Arthurs Locke leer fand, und es zum erstenmal ihr dämmerte, daß man von ihrem Kopf nie eine Strähne abgeschnitten hatte, um sie aus Liebe und aus Zärtlichkeit aufzubewahren. Wie die mageren Hände zitterten, die mühsam erst die Lade schlossen und sich dann bebend vor die Lippen preßten, wie um den Aufschrei aus des Kindes Brust zu unterdrücken.
* * * * *
Der Abend fand die Familie Holfers um den Speisetisch versammelt, und zweimal hatte man die Kinder rufen lassen.
»Wo bleibt denn Gretchen?« fragte über seine Zeitung fort der Vater, als Arthur frischgewaschen in der Thür erschien.
»Nicht gesehen!« erwiderte der Kleine, und Frau Holfers sagte, dem Söhnchen liebevoll zunickend: »Sie wird wohl oben sein, sie läßt sich gern zweimal rufen!«
Oben war sie; aber ihr Nichterscheinen war weder Trotz noch Prätension. Im guten Zimmer lag das Kind halb hingekauert vor dem Schrank, die Augen weit geöffnet, das blasse Köpfchen hintenüber an die Wand gelehnt.
»Was ist mit ihr? Gretchen!« Sie hört den Angstruf nicht, mit dem die Mutter sich an ihrer Seite niederwirft.
Es währte lange, bis der starre Ausdruck aus dem Kinderantlitz schwand, und als er schwand, lag in den blauen Tiefen ihrer Augen ein der Mutter fremder, düsterer Ausdruck.
»Bist du gefallen, Kind?« Die Lippen sprachen nicht sogleich. Es war, als käme langsam von dem Herzen zu dem Mund herauf ein kaltes, hartes Etwas, das die Stimme Gretchens heiser machte:
»Gefallen -- nein!«
»Was ist dem Kinde nur -- sie ist so anders?« Die Mutter fragte sich's von jenem Tage an gar oft, wenn sie das stille Kind mit dem verschlossenen Antlitz kommen und gehen sah und es deutlich erkannte, daß sie ihr scheu auswich und mit Beharrlichkeit die Zärtlichkeiten des goldhaarigen Bruders schroff von sich wies.
»Sie hat mich nicht mehr lieb,« wehklagte Arthur, und Frau Holfers nickte schmerzlich bitter vor sich hin und sagte nur:
»Sie hat gar niemand lieb, mein Kind!«
Das blasse Mädchen hörte Klage und Antwort und sagte nichts.
War's wahr, daß sie gar niemand liebte? War's möglich, daß die blauen Augen, die so sehnsüchtig und heiß die Mutter streiften, wenn sie sich ungesehen glaubte, von einem kalten Herzen sprachen? War's denkbar, daß das Kind, das sich allabendlich, wenn alles schlief, mit nackten Füßchen leise an das Bett des Brüderchens heranschlich, um lange in das schlafende Gesichtchen zu blicken, kalt war und lieblos?
Und doch! Wie schroff verstand der Mund den Morgengruß zu sprechen, wie fremd und interesselos blieb sie den Freuden und den Ärgernissen der Familie gegenüber, wie scheu entwich sie jeder Annäherung des liebevollen kleinen Bruders! Die Zeit verstrich; mit ihr gewöhnte man sich daran, das stille Kind ganz ungehindert seinen Weg gehen zu lassen und die herben, schroffen Züge ihres Wesens mit Geringschätzung und Kühle zu erwidern.
Der Sommer war gekommen. Die Zeit, in der man in die Bäder zog. Im Hause Holfers machte man die ersten Vorbereitungen zur Reise, und so gewann der kleine Arthur Zeit, mehr als gewöhnlich unbewacht im Freien zu sein, und die Mama unternahm nicht ohne Besorgnis die kleine Reise über Land, um die Beschlüsse über die in Aussicht genommene Sommerwohnung endgültig zu treffen.
»Wenn nur dem Kleinen nichts geschieht!« rief sie vom Wagenschlag besorgt zurück; »wenn ich nur wüßte, daß man auf ihn achten wollte!« -- Der Mutter Blick lag auf dem Antlitz Gretchens, die, an der Thüre stehend, ihr unverwandt ins Antlitz sah. Es war ein eigenes Etwas in den Augen beider, da sie sich zum erstenmal seit lange in einander senkten. Zum erstenmale empfanden vielleicht zu gleicher Zeit die Mutter und das Kind, daß in der Seele beider -- von dem andern unverstanden -- etwas lag, was ungeklärt zu schlummern schien.
Was war's, das plötzlich die Mutter bestimmte, aus dem Wagenfenster zu schauen und dem stillen bleichen Kinde einen liebevollen Gruß zuzunicken? Was gab's dem Mädchen ein, die kleine Hand fast unwillkürlich auszustrecken -- an den Mund zu führen -- nochmals auszustrecken?
Der Wagen fuhr davon, und langsam fielen ungesehen zwei schwere Thränen, die eine in den Schoß der Mutter, die andere auf die Hand des Kindes, das regungslos an der Thür stand und dem Gefährt mit großen Augen lange nachsah.
»Gretchen! Gretchen!« Der Kopf des Kindes fuhr aus seinen Träumen auf. Das war Arthurs Stimme. Sie klang so hell, so jubelnd. Woher kam sie nur?
Aus dem Stall vielleicht!
»Ist Arthur dort?« Sie ruft es in den Stall hinein, und ehe der Diener Antwort giebt, sieht sie durch die weit offene Stallthür den kleinen Burschen allein auf dem noch ungezähmten Füllen sitzen, das der Vater neuerdings dem Kleinen zum Geschenk gemacht. Gretchen schreit ängstlich auf.
»Wie können Sie nur?« ruft sie dem Diener zu; doch dieser zieht verlegen beide Schultern hoch.
»Er schrie und strampelte so sehr, was sollt' ich machen?«
»So geh'n Sie nach und halten ihn! Arthur!«
Der Ruf entfährt erschreckt den blassen Lippen Gretchens, da sie gewahrt, wie Arthur unerschrocken seine Zügel hält und dem erregten Tier zuschnalzt.
»Arthur!« Es hilft nichts mehr, daß der verlegene Diener dem Kinde nacheilt, der gelenkige Bursche trabt ganz unbekümmert um die Rufe seiner Schwester durch den Thorweg auf die Straße, und diese eilt, von einem Angstgefühl erfüllt, durchs Haus, um durch den kürzern Weg dem Brüderchen den weiten um die Straße abzuschneiden. Der Gartenzaun ist offen. Gretchen ist angelangt, nicht einen Augenblick zu früh. Von einem Stein, aus eines Nachbarkindes Hand geworfen, wild zur Flucht getrieben, kommt Arthurs Tierchen auf sie zugesaust. Der kleine Reiter hängt bleich, voll Todesangst die Mähne seines Tieres fest umklammert, zitternd da. Von allen Seiten stürzen sich die Menschen vor und suchen ihn durch Rufen anzuhalten.
»Wenn es ihn abwirft, ist das Kind verloren! Der arme kleine Bursche!«
»Ach Gott! Ach Gott!«
Gretchen hört die Worte, die Jammerrufe. Ihre Augen sind weit aufgerissen, die Hände fest ineinander geschlungen. Ein entschlossenes blasses Gesichtchen hebt sie zu dem Bruder.
»Halte fest, Arthur, halte fest!«
»Um Gotteswillen, was macht das Mädchen?« Die Menge schreit auf, und um sie her erschallen Warnungsrufe. Zu spät!
Mit ihrem kleinen Körper hat sich das Mädchen dem Tier in den Weg geworfen. Die Arme hoch empor haltend fällt sie dem schäumenden, erregten Tier in die Zügel -- -- ein Sturz, ein Schrei -- das arme, arme Kind!
Die Pferdehufe hatten sie getreten, nachdem der zarte Kinderleib schon eine Strecke weit geschleift und arg mißhandelt worden war.
So lag sie denn bewußtlos auf dem weichen Bettchen, und fremde Menschen standen um sie her und weinten laut.
Die schnell herbeigerufenen Ärzte schütteln stumm die Köpfe.
»Es ist nichts mehr zu machen!«
Es war schon spät, als sie die Augen langsam öffnete und auf das Rollen nahender Räder horchte.
»Arthur!« Sie flüsterte den Namen leise fragend -- und Margaret --
Die alte Köchin zeigte auf das Bettchen ihr zur Seite.
»Er schläft ganz gut, der kleine Mensch!«
Ein Lächeln gleitet über Gretchens Antlitz. Sie hat die Augen auf die Thüre geheftet, die von erregten Händen aufgestoßen wird.
»Arthur ist nicht verletzt, erschrick nicht Mutter!«
So leis die Worte sind, die blasse Frau hat sie gehört.
»Arthur ja, aber du, mein armes liebes Kind?«
»Ich? o Mama!«
Es war das erstemal, daß sie den Namen Mutter mit dem kindlichen »Mama« vertauschte, das erstemal, daß sich die zarten Arme um der Mutter Nacken legten, Es war, als ob das überfüllte Kinderherzchen all den Kummer seines kurzen Daseins von sich wälzen, all die unterdrückte Zärtlichkeit von Jahren in die einzige letzte Stunde ergießen müßte. Halb klagend, halb kosend bewegten sich die erbleichenden Kinderlippen, und sprachen leise Geständnisse von Liebe und Kummer und Herzweh.
»Ich war immer so einsam -- ich -- --«
»O still, Kind, still!«
»Thut es -- dir leid -- Mama?« Es war das Letzte, was sie sprach. Die Augen sahen noch sekundenlang mit großer Andacht auf zur Decke -- dann schlossen sie sich langsam. Still, unauffällig wie es gelebt, so starb das Kind, und über dem Bettchen lag die Mutter und schluchzte verzweiflungsvoll auf.
»Das alles fühlte sie, das arme kleine Ding! und ich erfuhr es erst -- zu spät!«
Erste Liebe.
Meine erste Liebessache spielte in der kleinen Hafenstadt Hoboken. Das Städtchen hatte neben der großen Freischule für unbemittelte Kinder nur eine Privatschule, und diese leitete, in dieser unterrichtete ein sehr frommer Pastor, der seinen Zöglingen mehr Frömmigkeit beibrachte als Gelehrsamkeit. Als dann nach kurzer Zeit ein rühmlichst bekannter Deutscher die ersten Schritte zur Gründung eines großen deutsch-amerikanischen Lehrinstitutes that, schlossen sich ihm die ehrenwerten Bürger und Familienväter mit Enthusiasmus an, und nach kaum einem halben Jahre wanderten die frommen Zöglinge des salbungsvollen Pastors, unter denen auch ich, in die neugegründete »Hoboken Akademie« über. Das Institut hatte einen besonderen Reiz. Die Klassen enthielten auch Knaben.
Welch ein Übergang von dem demutsvollen »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, vom würdigen Pastor allmorgentlich wiederholt, zu dem Frühgruß der Besucher der Akademie mit den begleitenden feuchtgerollten fliegenden Papierklümpchen und den gelegentlichen wundervollen Balgereien.
Das Institut hatte noch einen Reiz. Man wurde vierteljährlich versetzt. Ich durchreiste, Dank meinen guten Befähigungen mehr, wie meinem Fleiß, mit großer Geschwindigkeit die untere Klasse und saß als zehnjähriges, blondkrauses, sehr selbstbewußtes, sehr unordentliches junges Dämchen mit frischgewaschenen Schürzen und mangelhaft sauberen Taschentüchern in Klasse vier, inmitten einer Reihe älterer zum Teil sehr wohlerzogenen Studiengenossinnen und einer tollen Bande der reizendsten halberwachsenen, courmacherlichsten Knaben, welche je unter diese stolze Kategorie gestellt zu werden verdienten. Ich habe niemals an dem Verkehr mit Männern so hohen Genuß erlebt, wie ihn mir die sehr ausgezeichneten jungen Mitbürger aus Klasse vier der »Hoboken-Akademie« jener Zeit gewährten. Was ist denn auch wirklich so ein devoter Handkuß eines salonfähigen Kavaliers -- gegenüber dem wonnig unerzogenen herzlichen Ellenbogenstoß -- gegenüber dem unerwarteten, kräftig liebevollen Schlag auf die Schulter und dem dazu aus frischer Kehle gebrüllten »=Halloh old girl!=«, wie ihn meine hochverehrte, mir mit Leib und Seele ergebene, kleine Garde aus Zimmer vier zu verabreichen im Stande war! --
Wir hatten, ich bedauerte die Thatsache, einen Klassenlehrer. Noch mehr aber bedauerte ich die Abneigung, welche dieser lange ehrwürdige Herr gegen das kleine -- hm -- Einvernehmen hatte, das zwischen mir und Tommie Sievers bestand. Tommie hatte -- es ist vielleicht geschmacklos von mir, die Vorzüge eines abwesenden jungen Herrn in Gegenwart anderer hervorzuheben -- indessen, der Wahrheit die Ehre, Tommie hatte sehr hübsche Augen. Er war sommersprossig, nur sein Haar -- es hätte weniger borstig sein dürfen, und ich fand selbst, daß seine Figur zu sehr gedrungen war -- indes -- was thut das einem jungen Mädchen, das, wie ich, diesen denkwürdigen Tommie mit großer Willenskraft, aus herzlichstem Selbstgefühl und ohne jede Zuneigung für ihn aus den Fesseln einer Daisy Rimpel gerissen, und der es nun gegenüber der Klasse ehrenhalber zur Notwendigkeit wurde, die Aufmerksamkeiten des edlen Tommie über sich ergehen zu lassen.