Junge Herzen: Erzählungen für die reifere Jugend

Part 8

Chapter 83,750 wordsPublic domain

Aus dem Schatten der Finsternis löste sich die schlanke Gestalt der jungen Frau ab. »Der Bösewicht!« sagte sie für sich, einen letzten Blick auf den Stall hinabwerfend, in dessen Inneres der Knabe verschwunden war, und dann stand sie lange regungslos da und starrte in den dunkel werdenden Hof hinaus, bis Norine auf wiederholtes Rufen der alten Doris ins Haus trat; dann eilte sie rasch in den Korridor hinaus dem Kinde entgegen.

»Du gehst schlafen, Norine?« Das Kind sah finster auf.

»Ja,« sagte es kurz im Weitergehen.

»Willst du mir nicht gute Nacht sagen?« Ohne den Blick zu erheben, machte das Kind vor ihrer Zimmerthüre halt. Die Antwort kam hart und frostig.

»Nein!«

»Norine, du« -- eine Sekunde lang schoß es glühendrot über Stirn und Wange der Frau, dann sprach sie langsam und sanft weiter: »ich habe dein Gespräch mit Paul mitangehört. Du glaubst doch nicht im Ernst, daß ich deine Katzen --«

Ein heftiges Zuschlagen der Zimmerthüre Norines schnitt der Sprecherin das Wort ab. Norine war drin. Sie stand mit zusammengepreßten Lippen auf der inneren Schwelle und horchte auf die davongehenden Schritte der Stiefmutter.

Sie blieb einen Augenblick mit sich im Zweifel, ob das Triumphgefühl, das sie empfand, wohl ganz berechtigt war.

Liebe.

Es war spät geworden. Norine lag mit weitgeöffneten Augen in ihrem Bette. Die Erregungen des Tages ließen sie nicht schlafen. Es war ihr, als müsse sie wachen, um zu verhüten -- nein doch -- es war nicht nötig. Paul Dierkes hatte ja versprochen -- Paul war ein guter Junge, ein sehr guter Junge, und sie wollte es ihm ewig danken, daß er in dem Stall auf der harten Erde -- der Stallfußboden war sehr hart und nicht jeder Junge würde sich eine ganze Nacht hindurch hinkauern, blos um ihr einen Gefallen zu thun; und wach bleiben müßte er auch, denn wenn die Frau wirklich -- ob sie wohl wirklich die Katzen so haßte? Ob sie es vorhatte, sie zu töten -- zu ersäufen? O weh, welch ein Gedanke! Ersäufen? ihre Mietz -- ihre geliebte alte Mietz, und die kleinen weißen Jungen, die so dumm und lieb mit der Schnauze herumleckten, wenn sie ihnen das Milchnäpfchen brachte -- und die ganz jämmerlich schreien würden, wenn sie ersäuft -- nein, nein -- sie sollten nicht -- sie durften nicht -- Mietz würde auch kratzen -- Mietz konnte kratzen, aber vielleicht würde sie die arme alte Katzenmutter heimlich von hinten packen und sie in das kalte Wasser -- o nein -- nein! Das Kind schrie bei dem Gedanken entsetzt auf. Mit einem Satz sprang es zum Bette hinaus und an das Fenster. Ha, wie dunkel es draußen war! Wie still! Und das Katzenhaus lag so einsam da -- und ringsum regte sich nichts -- gar nichts -- -- oder doch? -- es regte sich was. Es ging jemand. Eine Gestalt kam die Hintertreppe herab und trat auf die Stallthüre zu -- eine Frau war's -- sie -- die Stiefmutter -- o Gott -- die Katzen! Wenn sie herunter könnte -- aber nein doch -- Paul war ja da -- Paul würde verhüten -- o die böse Frau -- die böse -- die so gethan hatte, als könnte sie gut sein -- gut sein -- eine Frau, die den armen Tieren ein Leids anthun wollte -- war nicht gut. Nur böse Menschen -- nur böse Stiefmütter konnten Tiere hassen, und Katzen waren Tiere so gut wie andere, aber wie sollte sie, eine Stiefmutter, Katzen lieb haben? sie, die nie einen Liebling -- doch -- sie hatte ja ihren Vogel, dem sie Zucker reichte. Wie würde es _ihr_ vorkommen, wenn jemand ihren Liebling heimlich faßte und -- ha -- welch ein Gedanke!

Norine stand einen Augenblick sinnend aufrecht und blickte mit finster zusammengezogenen Brauen in den Hof hinab. Der Rachegedanken, der ihr plötzlich gekommen, packte sie wie ein Blitz.

Das war's. Ja -- das war's. Wenn sie meine Katzen holt -- und -- ja doch -- da ging sie ja direkt auf den Stall zu, und jetzt -- jetzt stand sie am Stalle und sprach durch die geschlossene Thüre auf Paul Dierkes ein, und er? -- Paul mußte wohl Antwort geben, denn sie machte eine kleine Pause, als ob sie lauschte, und sprach von Neuem. Norine konnte nichts verstehen -- sie starrte angstbeklommenen Herzens auf die Umrisse der Frau und auf die Stallthüre, die sich -- war es denn möglich? -- plötzlich öffnete, um Paul -- Paul selbst herauszulassen. Norines Augen blitzten. Glühend heiß schoß es ihr in die Wangen. Was war geschehen? Was bedeutete das? Was hatte die Frau gesagt? womit dem Freunde gedroht? denn gedroht mußte sie haben, sonst verließ Paul seinen Posten nicht, und da -- da standen sie beide -- sie mit einem Fuß auf der Schwelle des Katzenhauses und Paul draußen -- und jetzt würde sie hineingehen und die armen Tiere -- o die Böse! die Schlechte! Norine fuhr mit jähem Ruck in die Höhe -- die ganze Entrüstung ihres leidenschaftlich heftigen Herzens im Antlitz.

»Warte, du!«

Über den Korridor huschten leise Füßchen. An den Wänden entlang tappten sich unsichere Kinderhände. Die in weißem Nachtgewand dahinschleichende Gestalt der Kleinen blieb vor der Wohnzimmerthüre der Stiefmutter eine Sekunde lang horchend stehen, dann öffnete sie rasch und hastig und trat ein. Ringsum war alles still. Das Mondlicht fiel durch das offene Fenster und beleuchtete das Innere des Gemaches. Dort in der rechten Ecke stand der Käfig, jetzt mit einem leichten Battistzeug verhangen. Des Kindes Augen starrten -- Leidenschaft und Haß im Ausdruck -- darauf hin und rasch entschlossen riß sie das Tuch hinweg. Erschreckt flatterte das Tierchen auf und klammerte sich eingeschüchtert an den Gitterstäben fest. Des Kindes Hände faßten nach der Käfigthüre. Des Kindes Augen erglänzten triumphierend, als es, ohne zu zögern, die kleine Pforte öffnete. Anhaben konnte sie dem Tierchen nichts -- aber davonfliegen sollte es -- fort von ihr -- damit sie spürte, was es heißt, seine Lieblinge entbehren.

»Husch -- husch!« Die Kinderhand scheuchte, das Tierchen flatterte unstät -- zierpte -- flog empor -- sank herab und endlich ängstlich dem Fenster zu -- Fort war es! Norine warf den Kopf zurück. Ihr Atem ging rasch.

»So -- du!« Sie flüsterte die Worte mit einem Racheblick auf den Hofraum, dann streifte ihr Auge den leeren Käfig. Die Thüre stand noch geöffnet. Das leere Innere sah still aus wie ein Sarg. Norine wurde es unheimlich, sie tastete sich eilig dem Ausgang des Zimmers zu und schrak heftig zusammen, als ihr auf der Schwelle eine Gestalt entgegentrat.

»Norine!« Der Stiefmutter Stimme. Einen Augenblick des Schreckens und das Kind drückte sich in dem instinktiven Bestreben, sich zu verbergen, in den Schatten der Zimmerecke zurück.

»Norine!« Es war vergebens. Die Frau stand vor ihr. Norine sah auf. Die weiche Ansprache der Stiefmutter ließ sie ein Übergewicht des Rechtes empfinden. Was hatte sie auch anderes gethan, als Rache geübt? Und Rache durfte sie üben -- wenn man ihr so viel böses anthat -- wenn man ihr ihr liebstes -- ihre Mietz -- heimlich ah -- sie brauchte sich nicht zu verbergen, und wenn die böse Frau sie fragte, wer den Vogel --

»Norine -- o Gott -- der Käfig!«

Die junge Frau hatte -- im Rahmen der Thüre stehend -- die Unordnung im Käfig entdeckt -- ihr Blick übersah das Ganze und es war ein Weheruf sowohl als eine Anklage, die ihren Lippen entfuhr. »Wer -- o wer?« Norine sah einen Moment vor sich nieder. Fehlte es ihr nun doch an Muth?

O nein! Wie um sich in ihrem Entschluß zu stärken, warf sie den dunklen Kopf in den Nacken. Mit lauter Stimme, deren Festigkeit unter dem Auge der blassen Frau ins Wanken geriet, schleuderte sie ihr zornig ihre Antwort entgegen:

»Ich war's. Ich hab's gethan -- so!«

»Norine!« Ein einziger schmerzlicher Ausruf -- dann herrschte mehrere Sekunden lang im Zimmer Schweigen. Dem Kinde gegenüber stand die junge Frau und lehnte wortlos ihre Wange an den leeren Käfig. Ihre Brust wogte heftig -- die bleichen Lippen zuckten. Als sie endlich aufsah, das Kind ansprach, vibrierte ihre Stimme vor unterdrückter Erregung. Es war die resolute Lehrerin, die aus ihr sprach, und die bestimmte Form -- die knappe Rede -- imponierte ersichtlich der Fremdheit halber dem Kinde.

»Du hast etwas böses gethan,« sagte sie leise und ernst, »vielleicht weißt du nicht einmal, wie bös. Du hast ein Tierchen grausam vertrieben, das ohne die gewohnte Pflege verhungern oder erfrieren wird. Du hast an den armen Vogel nicht gedacht, du wolltest nur mir etwas zufügen. Das kann ich übersehen, denn man hat dich aufrührerisch gemacht -- aber du könntest deinen Groll auf mich weiter in grausamer Weise kund thun, und das muß ich verhindern. Gehe jetzt in dein Zimmer zurück -- es ist notwendig, daß du den morgigen Tag allein bleibst und über dein Verhalten nachdenkst!«

Seltsam -- daß das Kind ohne Widerrede davonging! Seltsam, daß es schweigend sein Zimmer erreichte! Lag in der Haltung der jungen Frau ein etwas, das unwillkürlich Gehorsam forderte? Oder war es die Dunkelheit und die ringsum lagernde Stille, die das Kind verschüchterten? Norine wußte es selbst nicht. Erst als der Morgen anbrach und ihr von Doris das Frühstück überbracht wurde mit der Benachrichtigung, daß sie tagsüber ihr Zimmer zu hüten habe, kamen Leben und Zorn und Trotz mit alter Gewalt über das Kind und in lautem Gepolter schlugen die kleinen Fäuste gegen die von außen verriegelte Thüre. Durch das Haus hallten ihre zornigen Rufe -- lauter und lauter werdend. Wie konnte man es wagen, sie einzusperren? Sie wollte doch mal sehen, ob das so einfach ginge.

Heraus wollte sie -- sofort heraus! Die Hände schlugen sich rot. Die Stimme rief sich heiser, die Füßchen hatten sich wund gestampft und Norine bedeckte -- von leidenschaftlicher, ohnmächtiger Wut übermannt -- ihr Gesicht mit den Händen und schluchzte hellauf.

O! wenn doch Paul da wäre! Paul würde schon Rat wissen, Paul würde es ihr schon zeigen -- der Bösen -- der abscheulichen Frau -- sie dachte wohl -- man würde sich das so ruhig gefallen lassen. O nein -- das würde man nicht. Wenn sie dächte, man wisse nicht, weshalb die Stiefmutter sie einsperren ließ, so irre sie. Sie übersah die Sache ganz gut. Die Katzen sollten 'ran! Wahrscheinlich hatte das Paul gestern abend verhindert, und darum wollte sie heute -- aber nein -- das sollte ihr nicht gelingen -- sie würde -- sie würde -- Norines Schluchzen ließ einen Augenblick nach. Das thränenfeuchte Gesichtchen hob sich energisch. Ihr Blick traf das Fenster. Dort, von dort aus konnte sie vielleicht -- Norine beugte sich hinab. Enttäuscht fuhr sie zurück. Zu hoch! Und kein hervorspringendes Fenstersims -- kein Halt. Wie sollte sie da? -- horch, was war das? -- Wer zischte ihr vom Zaun aus zu? Norine schob in erregter Hast einen Stuhl ans Fenster und sah hinaus:

»Ach -- Paul!«

»Pst!« Der Knabe hing an der Außenseite der Holzmauer. Über derselben hob sich ein ungekämmter, blonder Kopf, den er in warnender Geberde nach dem Hause zu bewegte.

»Bin eingesperrt!« klagte Norine, das ablehnende »Pst« im Anblick des Freundes außer Acht lassend, und der Knabe schwang sich auf die Mauer und wiederholte durch Zeichen und Grimassen sein Begehr, von ihr nicht beachtet zu werden.

»Aber ich bin eingesperrt!« schluchzte Norine nochmals auf, »und meine Katzen!« --

Wiederum fuhren des Knaben Hände gestikulierend umher, und Norine glaubte in den Zeichen etwas Beruhigendes über ihre Lieblinge zu verstehen. »Sind sie noch da?« fragte sie ängstlich, und Pauls Kopf gab rasch nickend Bejahung, und Norine sah, wie der Knabe sich abwandte und -- war's möglich? -- mit zwar verlegener, aber doch richtiger Höflichkeit seinen Hut zum Gruß gegen jemanden lüftete.

»Guten Morgen, Paul!« Der helle Gruß kam vom Hofe herab.

Norine erkannte der Stiefmutter Stimme, und mit neu aufsteigendem bitteren Groll sprang sie vom Stuhl herab und in das Innere des Zimmers zurück.

Was wollte sie von Paul? Wozu war er gekommen? Warum that er so verlegen? Was bedeutete -- --?

Norine hörte sie zusammen die Treppe hinaufsteigen, der Frau Stimme klang freundlich -- gar nicht böse, und Paul? seine Stiefel knarrten -- sie knarrten immer, wenn er leise zu gehen versuchte. Paul sprach wohl gar nichts -- Norine hörte nur die andere gehaßte Stimme. Es öffnete sich die Wohnzimmerthüre. Sie schienen beide eingetreten zu sein. Was mochte sie mit dem Jungen wollen? Was hatte sie mit Paul zu reden? Norine kauerte sich vor ihr Schlüsselloch nieder. Die Stimme der Frau drang in halbverständlicher Rede zu ihr:

»Sie führte den Bäckerladen in unserer Stadt, und deine jetzige Mutter war ihre Halbschwester. Deine Mutter hatte sie gern. Ich weiß das genau, denn ich wurde als halberwachsenes Mädchen oft in den Laden geschickt, und dann sah ich es oft, wie deine Mutter, die Bäckerin, ihre Halbschwester im Hauswesen unterwies und ihr die Pflege ihres kleinen Sohnes -- das warst du, Paul -- anvertraute. Deine Mutter hatte sie lieb -- und wenn sie das alles wäre, was du denkst, so hätte deine Mutter ihr nicht sterbend Mann und Kind anempfohlen -- und das hat sie gethan. Du hast dich von ihr fern gehalten, seit sie an deiner Mutter Stelle getreten ist, und hast dir eingeredet, daß sie dich haßt. Sage mir nichts. Du hast es durch deine Lebensweise so weit gebracht, daß sie ratlos geworden ist und dich eben laufen läßt und« -- die Rede brach ab. Paul machte scheinbar eine Entgegnung. Es gab eine kleine Pause, und Norine hörte einzelne Sätze -- doch nicht im Zusammenhang.

»Unwahr von dir! Norine zu lieb -- hast du gesagt -- ganz unwahr -- dich verbergen im Stall -- wegen der entwendeten Kuchen -- weil du dich fürchtest, nach Hause zu gehen. Gestehe, daß es so war! Ein Junge -- Furcht vor Bestrafung. Und dem Kinde einreden -- die Katzen -- Willst du versprechen? --«

Norine schwirrte es im Kopfe. Soviel hatte sie verstanden, Paul war ein Treuloser. Er hatte nicht Großmut geübt, indem er seine Dienste zur Nachtwache antrug -- er hatte sich dienen wollen, und _sie_ hatte er glauben gemacht, daß -- daß -- ah -- der Verräter, der abscheuliche Junge! Und stehlen that er auch -- das konnte er nun nicht mehr ableugnen, und jetzt? Wie benahm er sich jetzt? Hockte drin ganz freundlich mit ihr -- während sie -- o! -- sie war eine arme Hintergangene -- ein verlassenes Wesen -- das keinen wahren Freund hatte. Der Einzige, der immer so gethan hatte, als wenn er's so gut meinte -- der war gerad' wie alle andern, und geliebt wurde sie von niemandem -- von keinem Menschen -- nur von ihren Katzen, und die -- wer weiß, ob sie _die_ jemals wiedersehen würde, denn selbst wenn die Frau da drinnen (Mutter würde sie niemals zu ihr sagen) die armen Tiere noch nicht überfallen hatte, so stürbe die Katzenbrut tagsüber vor Hunger -- und sie, die sie wie eine Gefangene gehalten wurde, sie konnte dann auch sterben -- ja, das konnte sie und das wollte sie auch, denn ohne ihre Mietz, ohne die lieben jungen Mietze konnte sie doch nicht sein -- dann würde vielleicht der Paul Dierkes um sie weinen, und die andern auch -- und Doris und der Vater -- und alle die -- die --

Norine kam mit ihrem herzbrechenden Phantasiebild nicht weiter. In heftigem Geschluchze warf sie sich auf die Erde nieder. Das heiße Gesichtchen wühlte leidenschaftlich erbittert auf den vorgestreckten Armen umher, während ihre Thränen unaufhaltsam stürzten. Stunden verstrichen. Das Kind lag regungslos auf der Schwelle, bis ihr, vom Weinen ermüdet, die Augen zufielen und sie unter schläfrigen kleinen Seufzlauten einschlief.

Die Mittagssonne war aufgestiegen und hatte sich wieder gesenkt, als Norine das sehr zerzauste Köpfchen hob und mit weit offenen Augen um sich blickte. Hatte sie Böses geträumt, daß ihre braunen Augen so starr und so entschlossen schauten? Die Lippen preßten sich auf einander und die Gestalt, die sich mit jähem Ruck auf die Füße stellte, blieb hochaufgerichtet, wie um sich gegen eine feindliche Macht zu rüsten, stehen.

»Ich will nicht!« schrie sie, sich plötzlich in losbrechendem Zorne gegen die Thüre werfend. »Ich will hinaus!« Ihre Hände faßten mit Aufwendung aller Kraft die Klinke und rüttelten.

Ein heftiger Ruck. Norine flog gegen die Wand zurück. Die Thüre war offen. Das Kind stand einen Augenblick verwirrt da und starrte geradeaus. Das Schloß war unversehrt. Man hatte also vorher geöffnet. Wie ein nach Freiheit lechzendes Wild schoß sie in den Korridor hinaus und die Treppe hinab. Ihre Katzen! Ihre armen Katzen!

Sicherlich waren sie tot -- tot, wie sie im Traum gesehen -- mit herabhängenden Pfötchen und geöffneten Mäulchen, und die Stiefmutter, die böse, stand triumphierend daneben, während sie wehklagte -- --

Norines Füßchen trabten eiliger treppab. Mit hochklopfendem Herzen und zitternden Händen erreichte sie das Katzenhaus.

»Mietz -- Mietz!«

Sie schrie es unwillkürlich -- sie blieb vor Angst atemlos an der Thüre des Katzenhauses stehen.

Hatte sie sich getäuscht oder tönte ihr aus dem Innern desselben ein leises »Miau« entgegen? »Mietz!« rief sie noch einmal und ihre Stimme durchflog ein ängstlich freudiges Zittern -- »Mietz!«

Sie stand horchend auf der Schwelle. Das Auge gewöhnte sich schwer an das dumpfe Licht. Sie trat näher und spähte hinein. Ein unterdrückter Ausruf des Schreckens zuerst -- dann des Staunens entfuhr ihrem Munde.

Vor ihr auf der Erde -- auf dem Holzblock, den sie einzunehmen gewohnt war, saß die Stiefmutter, auf ihrem Schooße -- sechs weiße Kätzchen, in ihren Händen -- sie waren weiß und weich, diese Hände -- eine Schale mit Milch und geweichtem Brot.

Die Frau hob bei Norines Eintritt den Kopf. Sie lächelte. Und bei dem Lächeln zog es wie tiefe Beschämung in des Kindes Herz.

Regungslos -- reuig -- thränenvoll blickte sie in das schöne blonde Frauenantlitz, das mit solch gütigem Ausdruck zu ihr aufsah.

»Komm herein, Norine,« sprach der lächelnde Frauenmund, »die Tierchen wissen, daß ich mich ein wenig fürchte, und darum gewöhnen sie sich etwas schwer an mich -- komm' herein!«

Norine regte sich minutenlang nicht. Ein nie gekanntes Gefühl von Weichheit und überströmender Wärme durchflutete ihr Inneres, und in ausbrechendem Gefühl von Reue und Liebe stürzte sie laut aufweinend zu der blassen Frau hin.

»Ich habe gedacht, Sie -- du -- Sie wären eine böse Stiefmutter!«

»Kind!« Die Frau hielt sie umfangen. Sie hob leise das thränenüberströmte Köpfchen hoch und sah ihr in die Augen.

»Norine -- um eine böse Stiefmutter zu sein, müßte ich doch erst eine böse Frau sein, und das bin ich nicht!«

Norine wußte nicht, wie's geschah. Der herzliche Ton ergriff sie seltsam. Mit der ihr eigenen raschen Leidenschaftlichkeit der Bewegung hatte sie den Kopf gewandt und den sie umschlingenden Frauenarm geküßt.

»Jetzt sage ich auch Mutter,« flüsterte sie leise, verschämt, und aus dem über sie gebeugten Antlitz der jungen Frau fiel eine Thräne herab und netzte des Kindes Wange.

Es war dunkel geworden, als Stiefmutter und Kind Hand in Hand den Hof verließen. Norine drückte sich eng an die Frau und zusammen stiegen sie die Treppe des Hauses hinauf. Auf der oberen Schwelle trat ihnen eine Knabengestalt entgegen.

»Paul -- Paul Dierkes!« Ihr Staunen war begreiflich.

Paul Dierkes, sauber, gescheitelt, mit blanken Stiefeln und gebürstetem Rockkragen -- das war ein Rätsel!

»Ich -- ich gehe morgen in Stellung,« stammelte er, ohne aufzublicken und mit verlegenem Schwenken seiner Mütze an die Frau sich wendend -- dann schoß er rasch und mutig den Blick hoch und fügte halb leise als Versprechen hinzu:

»Ich werd's gut machen!« Fort war er. Norine sah ihm verblüfft nach. Die junge Frau bückte sich zu ihr nieder und lachte. »Wollen wir's auch gut machen?« fragte sie schelmisch. Das Kind sah einen Augenblick sinnend zu ihr auf und schlang plötzlich beide Arme um den Nacken der Frau:

»Meine Mutter,« sagte es leise -- schmeichelnd.

Gesiegt.

Die Klasse ist in Aufruhr. Die bevorstehende Landpartie hat die Knaben elektrisiert. Teils über die Tische gebeugt, teils auf Stühlen und Bänken knieend, hören sie, mit halbem Ohre nur, des Lehrers Worte, die ihnen die Marschordre auseinandersetzen sollen. Ungeduldige Füße schieben sich hin und her, erregte Köpfchen lehnen flüsternd aneinander, da -- tönt von draußen schon Musik herein, und jeder Rücksicht bar, stürzt die entzückte Kinderschar sich jauchzend der Thüre entgegen.

»Hurra! 's geht los!« Kurt Henning steht, den andern voraus, im Vorplatz. Den Strohhut hochgeschwungen, das dunkle Antlitz voll Erwartung leuchtend, stürmt er voran, und nur des Lehrers streng befohlenes »Halt!« veranlaßt ihn, den Hut von neuem aufzusetzen, und langsam bis zur Schwelle des Schulzimmers zurückzukehren.

»Kommt alle wieder herein,« befiehlt Herr Karler, lächelnd die erregten Köpfe musternd, »stellt euch 'mal um mich -- wir wollen einen Fahnenträger suchen. Wer ist der größte?« Jetzt gab's ein Schieben und ein Drängen um den Lehrer. Die kleinen Hälse recken sich, und alle Knaben werfen -- Größe heuchelnd -- die Köpfe weit zurück.

»Kurt Henning und Max Roland vor! die andern setzen sich!« Ein heftiges Gemurmel geht von Mund zu Mund -- es fliegen unterdrückte widerspenstige Worte durch das Zimmer, und endlich stellt sich die begehrte Ruhe ein.

Kurt Henning und Max Roland stehen Schulter dicht an Schulter. Die hochgestreckten Köpfe beider bilden scheinbar eine Linie. Herr Karler legt gutmütig prüfend seine Rechte auf den Scheitel beider. Das buschige Haar Kurt Hennings drückt sich unter der Berührung nieder.

»Die Mähne täuscht, mein Sohn,« bemerkt Herr Karler, vertraulich über die unordentliche Lockenfülle streichelnd, »Max ist der größere! Hier Max -- du trägst die Fahne! Stellt euch auf! Kurt hierher!« Unwillig läßt sich der Gerufene in die erste Reihe stellen. Die braunen Augen schießen unter seiner niedern Stirn hervor empörte, grimmige Blicke auf den blonden Kameraden, der, den andern voran -- die bunt geschmückte Fahne trägt.

Das Zeichen ist gegeben. Hellsingend, unter brausendem Trompetenklang marschiert die junge Knabenwelt dem Thore zu. Die Straßen sind gefüllt mit Menschen, die den Zug mit Jubelruf begrüßen. Vor allen andern gelten die Zurufe dem blonden Max, der stolzen Hauptes seine Fahne schwenkt und die entzückte Menge grüßt.

Gleich hinter ihm, den Kopf gesenkt, ein Ausdruck tief empörten Trotzes auf der Stirn, geht Kurt. Er hält die festgeballten Fäuste in den Taschen und gibt dem Ingrimm, der ihn füllt, gebührenden Ausdruck, indem er mit den Stiefeln heftige Staubwolken aufwühlt und so den hintern Reihen ihren Marsch erschwert.

»Kurt Henning!«

Des Lehrers Ruf. Ein rascher Aufblick, dann stößt der Kleine mit einem Ausdruck selbstzufriedenen Trotzes einen letzten Staubwulst auf, bevor er sich dem Schritt der andern anpaßt.

»Aber Kurt, du bist doch sonst nicht trotzig!« Herr Karler steht an seiner Seite. Der Ton, in dem er spricht, ist gütig vorwurfsvoll. Der kleine Bursche senkt beschämt den Kopf, und preßt die Lippen aufeinander.

»Was ist dir denn, mein Junge?«

»Ich -- ich wollte so gerne die Fahne tragen!«

»Ja so!« Der gütige Lehrer nickt verständnisvoll. »Ja so -- das ist's!« Er klopft dem Kleinen auf die Schulter.

»Weißt du auch, daß es draußen Prämien geben soll? -- erobere dir etwas -- dann ist die Fahne bald vergessen!«

Kurt sieht rasch auf.

»Für was gibts Prämien?«

»Für Spiele und Wettrennen. Du kannst ja tüchtig rennen!«

Des Knaben Augen leuchten. Er wirft den Kopf zurück.

»Ja -- das kann ich,« ruft er entzückt, und gleich darauf fällt seine Miene wieder. Mit einem halben Seufzer schließt er die so froh begonnene Rede: »Max läuft auch gut!« Der Lehrer sieht ihn ernsthaft an.

»Um so größer das Verdienst, wenn du ihn übertriffst! Nur tapfer gewagt! Der Kampf ist gleich!«

Und gleich war er. Mit muskulös entwickelten kleinen Körpern standen die Knaben der ersten Abteilung eine Stunde später nebeneinander aufgestellt, und warteten gespannt auf das Zeichen zum Wettlauf.

Die Hüte liegen auf dem Rasen. Die Jacken hängen an den Büschen ringsumher. Das Ziel ist angegeben. Herr Karler hält die Uhr.

»Eins! Zwei! Drei! Los!«