Junge Herzen: Erzählungen für die reifere Jugend
Part 7
»Recht, recht! O Herr Doktor. Wenn Sie mir doch sagen wollten, was recht ist! Als es diese Nacht so recht stürmisch zu werden drohte, da überkam mich plötzlich eine Todesangst, nicht vor dem Sturm, sondern vor mir selber. Ich hatte seit vier Tagen nicht ein einzigesmal an die Meinen zu Hause gedacht. Ich habe des Abends vergessen, für sie zu beten. Ich wußte nichts, als daß ich ein pflichtvergessenes Mädchen bin, und doch konnte ich nicht anders sein, es zwang mich etwas, ich konnte an nichts denken als an« -- sie stockte, warf plötzlich beide Hände vors Gesicht -- und schluchzte laut. Ebenso rasch aber trocknete sie ihre Augen und sprach leise, bang wie ein Kind: »Wenn ich früher, zu Hause, unartig gewesen war, und es brach plötzlich ein Gewitter los, dann pflegte meine Mama zu sagen: ›Jetzt kommt die Strafe für deine Unart.‹ Ich glaubte auch immer daran, und heute Nacht, als der Wind so heulte, da war mir's als höre ich die Mutter sagen: ›Wer Vater und Mutter vergißt, dem zürnt der liebe Gott‹ -- und ich, ich hatte ja alles, alles vergessen, mir mußte der liebe Gott ja zürnen.« Sie hatte die ersten Worte leise, zaghaft gesprochen, jetzt nahm ihre Stimme einen leidenschaftlich erregten Ton an, der sie erschreckt inne halten ließ. Ihre Brust wogte, ihr Atem ging rasch, die kleine Hand, die er wieder erfaßt hatte, zuckte fieberhaft. Sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, fuhr sie fort: »Die Dame, die mit mir die Koje teilt, weinte und betete. Ich versuchte anfangs auch zu beten -- aber ich konnte nicht -- es trieb mich hinaus -- ich wollte -- zu Ihnen kommen! Ich wollte Sie fragen, ob's sehr unrecht war, daß ich etwas that, was -- was« --
»Lora,« unterbrach er sie und seine Stimme zitterte, »wenn Sie etwas thaten, weil Sie Ihr Herz dazu trieb, dann war es kein Unrecht.« Er stockte, wandte sich plötzlich und schlang beide Arme um sie, während er flüsterte: »Und wenn du seit vier Tagen unaufhörlich an mich denken mußtest, so konntest du nicht dafür, weil du mich liebst, mein süßes Kind, wie ich dich liebe, und weil du mein bist, du kleines, banges Geschöpfchen, mein auf immer und ewig!«
Beide Arme um seinen Hals geschlungen, lag sie an seiner Brust. Eine Weile preßte er sie an sich, dann sprach er: »Nun sieh mich mal an, Lora, mich, den abscheulichen Schiffsarzt, den du so lieb hast, daß du um ihn das Leben vergißt.« Den Arm um sie legend führte er sie an ihre Kajüte, dann blieb er stehen, faßte ihren braunen Kopf zwischen seine Hände, hob ihn hoch, küßte sie auf die Lippen und sagte leise: »Nun wird mein Lorchen wieder an die Mama denken können -- nun wird sie auch wieder beten lernen, nicht wahr? Gute Nacht, schlafe jetzt. Ich muß zu einem kleinen kranken Kinde und Lora muß schlafen,« fügte er sanft aber entschieden hinzu, als ihre kleinen Hände die seinen umklammerten, als wolle sie ihn halten, »sonst habe ich morgen zwei Patienten.«
Als der Morgen graute, war das Meer still und glatt, der Himmel wolkenlos. Die Sonne schien hell und warf ihre Strahlen auf das blaue Meer hernieder, daß es wie Gold erglänzte.
* * * * *
Zwei Jahre später. Auf dem Verdeck eines Dampfers, der von Havre abstieß, stehen zwei Menschen eng aneinander gelehnt. Ein hochgewachsener dunkler Mann, ein zartes, schönes Weib. Sein Kopf neigt sich zärtlich zu ihr nieder; er flüstert leise Worte, die sie erröten lassen. Den Arm um sie schlingend führt er sie zur äußersten Spitze des Dampfers und bleibt hinter dem Maschinenhäuschen stehen, um das Meer zu betrachten. Es ist Abend, eben erhellt der Mond das Dunkel. »Sieh doch, Max,« spricht die kleine Frau, den Kopf von seiner Brust hebend und sich über die Brüstung des Schiffes neigend, »sieh doch ins Wasser, ist's nicht gerade als funkelten Sterne dort unten?«
»Jawohl, so sieht es aus,« antwortete die tiefe Stimme des Mannes, »und wenn eine gewisse kleine Dame vor zwei Jahren nicht so verliebt gewesen wäre, daß sie taub und blind wurde für jedes poetische Gebilde auf dem Meere, so hätte sie das wunderbare Spiel der Sterne schon damals kennen gelernt.«
»Daran erinnerst du mich vorwurfsvoll,« schmollte sie, »ich schäme mich des Gefühls durchaus nicht, ich weiß erst, wie süß das Leben ist, seit ich die Liebe kenne.«
»Mein Lorchen!« Seine Stimme hat an Wohlklang nicht verloren, sie wirkte noch ebenso berauschend auf das junge Weib wie damals, als sie, ein halbes Kind noch, sich gegen den Zauber sträubte und wehrte. Der Mond wirft sein gelbliches Licht auf ihre feine Gestalt und erhellt den Glanz ihrer Augen, als sie, sich innig an ihn schmiegend in dem leisen kindlich reizenden Ton von früher spricht: »Max, sage die Wahrheit, liebst du mich ebenso innig, als du damals Lea liebtest?« Er umschlingt sie leidenschaftlich.
»In meinem Herzen,« spricht er, »lebt nur ein Bild, das meiner Frau. Bist du zufrieden?«
Wie ein schmeichelndes Kind lehnt sie den Kopf an seine Brust und streichelt mit der kleinen Hand seinen Arm. »Darf ich nun auch etwas fragen, gnädige Frau?« lächelt er. »Wie steht es mit dem Schiffsarzt? Ist er ein abscheulicher, arroganter Mensch? Lorchen, du hast's doch verdient, daß ich dich, deiner Schmähungen halber, auf ewig an ihn kettete, nicht?«
»Wenn du es darum thatest, so danke ich Gott, daß er mich so strafte,« flüsterte sie leise, innig.
»Meine kleine Heilige!« Sich umschlungen haltend blickten sie lange hinaus in das glänzende sternenbesäete Meer.
Haß und Liebe.
Haß.
»Norine, Norine! Wo steckt sie nur wieder?«
»Ja -- ruft Ihr nur!« Die Gerufene hockt -- die Füße dicht an den Leib gezogen, eng zusammengekauert -- in der dunkelsten Ecke des im Hofe gelegenen Katzenstalles und horcht mit trotzig aufgeworfenen Lippen in souveräner Nichtachtung auf die Rufe der alten Köchin. »Könnt immerfort rufen!« sagt sie entschlossen leise, und ihre jungen Katzen an sich ziehend, brütet sie sich fest und immer fester in ihren Entschluß hinein. Ja -- sie war mit sich einig. Sie würde sie nicht empfangen. Es hätte des zufällig von ihr überhörten Ausspruchs der alten Köchin, »daß Stiefmütter alle Hexen seien«, nicht erst bedurft, um sie zu bestimmen, nachdem sie Paul Dierkes, des Bäckers Jungen, hatte auf der Hintertreppe des Ladens sitzen und zur Mittagsstunde eine unbestrichene harte Semmel verzehren sehen.
»Wenn man eine rechte Mutter hat,« philosophierte sie, »so bekommt man ein warmes Mittagbrot in einer Stube, und braucht nicht, wie der arme Paul Dierkes, eine unbestrichene Semmel -- -- und auf der Hintertreppe« -- Norine wußte es eigentlich selbst nicht, wie es unter der Leitung einer »rechten« Mutter zuging. Sie hatte die eigene nicht gekannt -- Norine wußte auch nicht, daß der vielbeklagte Paul Dierkes an ebendemselben Tage einige Kuchen aus dem Bäckerladen heimlich entwendet hatte, welcher Thatsache er es dankte, daß er zu Mittag eine Semmel verzehrte, aus Furcht vor der Strafe, die ihn gerechterweise von seiten der Eltern bei seiner Heimkehr treffen mußte.
Norine saß also -- während die Stiefmutter erwartet wurde -- zusammengekauert in dem Stall bei ihren Katzen. Der aus Brettern aufgebaute, sehr zerfallene Raum mochte vor Zeiten eine Wagenremise vorgestellt haben -- spätere Bewohner des Hauses hatten ihn zur Herberge eines Pferdes eingerichtet, und jetzt diente er endlich der Familie Raimond als Holzkammer, während Norine sich darin eine Abteilung für ihre Katzen reserviert hatte -- die sie allmählich ausdehnte -- so daß nur noch ein geringer Teil des Stalles dem Hause, ein großer aber dem Kinde als Spielort diente. An dieser Stelle durchlebte Norine die Freuden und Leiden ihres jungen Daseins. An dieser Stelle pflegte, fütterte, unterhielt sie ihre alte Mietz und deren schneeweiße Jungen -- an dieser Stelle empfing sie, gegen das Verbot des Hauses, ihren Spielkameraden Paul -- an diese Stelle endlich trug sie ihren Zorn bei der Vermeldung des väterlichen Entschlusses, dem Hause eine Vertreterin und ihr -- Norine -- eine zweite Mutter zu geben. Und diese Vermeldung! Sie war ebenso kurz und zerstreut und gütig gemacht worden, wie der Vater eben alles machte, was ihn von seinen Büchern ablenkte. Er hatte allerhand dem Kinde unverständliches gesagt von Vormundschaft einer gebildeten Dame, deren Mutter plötzlich gestorben -- von Pflichten als langjähriger Freund der Toten und von ernstester Sympathie und dergleichen mehr. Norine hatte halbverwirrt zugehört und den Vater abreisen sehen, und von irgendwoher war eine Meldung angelangt, die seine Verheiratung ankündete. »Komme in drei Tagen an!« hatte der Bericht gelautet und seither rannten die alte Doris und die schnippische Lisbeth fortwährend treppauf treppab, um zum Empfang der neuen Herrschaft alles »blank« zu machen, wie Doris sagte. Ja, sie konnten rennen! Norine hatte sich die Sache nach allen Seiten beleuchtet -- das Endresultat blieb dasselbe. Sie brauchten keine Frau im Hause. Was sollte sie da? Der Vater hatte ja seine Bücher und sein Essen brachte die Doris immer zur rechten Zeit, und seine Kleider wurden auch manchmal gebürstet. -- Das hatte Norine gesehen. Wozu brauchte man also eine Frau? Norine hatte gehört, wie eine Nachbarin zur alten Doris sagte, »es sei Zeit, daß das Kind eine Mutter bekäme.« -- Das Kind! Damit hatte man _sie_ gemeint. Na, sie wollte ihnen allen schon zeigen, daß sie keine Mutter brauchte, und da konnten Doris und die schnippische Lisbeth sich zum Empfang der neuen Dame immer putzen. _Sie_ rührte sich noch nicht einmal von ihren Katzen weg, und wenn sie noch so zottelig um den Kopf wäre und noch so beschmutzt vom spielen. Norine besah sich die kleinen Hände. Ja, beschmutzt waren sie, aber das war ihr eben recht so. Wen kümmerte es, wenn -- horch! Wagengerassel. Norine bog den Nacken horchend vor. Ja -- richtig! Da marschierten auch schon Doris und die Lisbeth mit den Feldblumensträußen aus der Küche herauf.
»Norine! Norine!«
»Ja -- ruft nur!« Das Kind hat mit dem Ausdruck großer Selbstzufriedenheit ihre Kätzchen an sich gelockt. »Die kann lange rufen,« flüstert sie dem einen Tierchen ins Ohr und kichert verstohlen in sich hinein.
»Norine, der Wagen kommt. Wo bist Du?« Die Stimme erschallt im Hinterhof. Das Kind bleibt unbeweglich sitzen, die Blicke fest und trotzig auf die Thüre geheftet. Sie fährt im nächsten Augenblick zusammen, da Doris vor ihr steht.
»Norine -- du läßt mich immerfort rufen. Komm' rasch -- der Wagen --«
»Laß ihn kommen!«
»Aber du mußt doch wenigsten gewaschen --«
Das Kind hat sich erhoben. »Ich will nicht!«
Die Alte kennt die Haltung und den Blick. Wenn Norine mit so steifem Körper vor ihr steht -- wenn die dunklen Kinderaugen so starr in die ihren sehen -- dann ist der Kleinen durch nichts beizukommen. Sie wagt es dennoch mit ganz leiser Mahnung:
»Norine -- dein Vater hat gewünscht, daß du --«
»Ich sage dir, ich _will_ nicht!« In den tiefdunkeln Augen blitzt es auf. Die kleinen Hände sind geballt. Doris steht einen Augenblick noch zaudernd vor ihr -- dann hört sie nahendes Geroll von Rädern und geht kopfschüttelnd zur Hausthüre hinauf, um dort mit Lisbeth ihre neue Herrschaft zu empfangen.
Norine ist leise auf ihren Platz zurückgekehrt. In ihrem Arm hält sie zwei ihrer weißen Lieblinge -- zu ihren Füßen schnurrt die alte Mietz und blinzelt fast verständnisinnig zu der kleinen Herrin auf.
Das Kind ist ernst geworden. Mit vorgebeugtem Nacken horcht es auf das Geräusch, das vom vorderen Hausflur zu ihr dringt. Zuerst Schleifen von Koffern -- dann das Öffnen der Salonthüre, die der Thätigkeit ungewohnt, in ihren Angeln knarrt -- darauf der Lisbeth piepsende Stimme, die zum Eintreten lud und -- -- Norine drückte in einer Aufwallung von heftiger Zärtlichkeit ihre Katzen an sich.
»Hört Ihr's? Hörst du's, Mietz, was sie für'n Lärm machen um eine wildfremde Frau, die 'ne Stiefmutter ist und die uns alle hassen wird, und die sofort versuchen wird, uns zu trennen? Paul Dierkes weiß das; er hat's gesagt, daß alle Stiefmütter Katzen hassen und daß sie Euch heimlich fortbringen wird, aber -- ich werde aufpassen -- ich leid's nicht, mein Mietz, ich leid's nicht!«
Das Kind hatte diese Worte mit energischem Zurückwerfen seines verwahrlosten Köpfchens gesprochen und dann hatte es wieder hinaufgehorcht auf die Stimme »da oben.«
»Das Kind?« hörte sie den Vater fragen, und gleich darauf mit atemloser Spannung die Antwort der alten Doris. Was sagte sie da? »Nicht finden können!?« Norine versetzte ihrer Katze einen verwunderten kleinen Stoß.
»O, Ihr Katzen, hört Ihr's, wie sie lügt, die gute Alte? hört Ihr's? Da, nun geht die Thüre zu. Jetzt sind sie drin. Nein -- doch nicht. Da sprechen sie ja noch. Das ist des Vaters Stimme!« Das Kind muß seinen Kopf dicht an die Öffnung der Thüre lehnen, um zu verstehen.
»Hat sich versteckt -- sucht doch im Hofe,« spricht der Vater und eine fremde Frauenstimme unterbricht ihn:
»O bitte -- laßt sie, ich möchte sie selbst suchen!« Das mußte die neue Stiefmutter sein. Gewiß rückte sie sich ihre blaue Brille zurecht und legte die altmodische seidene Mantille ab. Na -- sie sollte nur suchen kommen -- das konnte sie ja, aber zum Glück hatte der Stall so verschiedene kleine dunkle Ecken, wo Norine sich mit ihren Lieblingen oft verkrochen und dahin würde Madame mit der Brille und der spitzen Nase wohl -- »horch Mietze -- ich höre was! Es schleicht ganz sachte an der Holzmauer entlang. Wenn das die Stiefmutter -- -- Mietze, rasch!«
Kind und Katzen turnten mit unglaublicher Behendigkeit über die umhergestreuten Holzblöcke hinweg, als sich vom Hofzaun her eine Stimme hören ließ und die Gestalt eines Knaben von der Mauer herab sichtbar wurde.
»Norine!« Die Gerufene blieb zögernd stehen.
»Paul Dierkes -- bist du's?«
»Ja!«
»Komm' 'rüber!« Es hätte der kategorischen Aufforderung nicht bedurft. Der sehr blonde, sehr gelenke -- verschmitzt blinzelnde Bäckerssproß stand schon an ihrer Seite.
»Ist sie da?« Seine Kopfbewegung nach der Richtung des Hauses hin war nicht mißzudeuten. Er meinte die Stiefmutter. Norine nickte.
»Na -- wie war's?«
»Weiß nicht,« sagte die Kleine, ein triumphierendes, braunes Gesichtchen zeigend, »_ich war_ nicht drin!«
»Ach was! Donnerschock!« Der Knabe stand ihr gegenüber.
Er blickte mit unverhohlener Bewunderung in das dunkle glühende Gesicht der Kleinen und wiederholte im Flüsterlaut seinen Lieblingsausruf: »Donnerschock!«
Sein Lob that ihr wohl.
»Komm herein,« sagte sie einladend, die Schritte in das Innere des Stalles wendend. Dicht vor ihrem Katzennest blieb sie stehen und wandte den Kopf: »Aber nicht necken,« drohte sie ernsthaft.
»Na, vor mir kannst du sicher sein,« erwiderte der Bursche grinsend, »ich dachte, die Gefahr für deine Katzen käme von dort.«
Norine hatte sich auf die Erde gesetzt und ihre Lieblinge an sich gelockt. Paul stemmte den Fuß auf eine quer über dem Boden liegende Planke und ließ sich herbei, mit überlegenem Blick auf die Tiere herabzulächeln.
»Schade!« sagte er plötzlich, ein ernstes Gesicht ziehend, und das Mädchen sah rasch zu ihm auf.
»Was ist schade?«
»O nichts -- ich dachte nur so -- wie schade es wäre, wenn die neue Madame es mit den Tieren so machte, wie es meine mit dem Dot« --
»Dot? War das dein Hund?« Der Knabe nickte.
»Was hat sie gemacht?« fragte Norine, gespannt aussehend und Paul machte mit der Hand die rasche Bewegung des Erdrosselns.
»Tot?« fragte das aufhorchende Kind und der Knabe erwiderte trocken: »Mausetot!«
Mit sehr erregtem Gesicht und einer raschen Geberde halb der Angst halb des Zorns umfaßte die Kleine die weiße Katzenfamilie und drückte sie schützend an sich:
»Wenn sie es wagt,« rief sie mit funkelnden Augen, »wenn sie es wagt« -- der warnend erhobene Zeigefinger des Kameraden ließ sie abbrechen.
»Was?« --
»Es kommt Jemand!« Beide Kinder standen jetzt aufrecht Seite an Seite. Beider Kinder Augen hingen an der niederen Thüre des Bretterhäuschens. Des Knaben Blicke hatten einen lauernden, die des Mädchens einen trotzig herausfordernden Ausdruck. Der Schatten der auf den Weg fiel, zeichnete die Linien einer jugendlich schlanken weiblichen Gestalt. Im Rahmen der Thüre bückte sich ein von dichten Flechten umgebener blonder Frauenkopf.
»Bist Du Norine?« Die Stimme, die da sprach, war ganz dazu angethan, Groll zu verscheuchen. Zürnende Kinderherzen geben sich dem Eindrucke jedoch nicht so leicht hin. Norine stand, die dunklen Augen fest auf die Fremde gerichtet, unbeweglich da. Trotzig, schweigend preßte sie die Lippen aufeinander.
»Also hierher hast Du Dich geflüchtet? Und das ist Dein Freund? Paul -- nicht wahr? Siehst Du, Das weiß ich Alles schon!« Der Knabe schoß rasch einen Blick hoch und senkte ihn wieder, dann schob er die Hände in die Hosentaschen und grub etwas verlegen den Absatz seines Stiefels in die lockere Erde ein.
»Sind das Deine Katzen?«
Norine stellte sich plötzlich schützend davor.
»Siehst Du?« flüsterte der Knabe unter vielsagendem Augenblinzeln.
War der jungen Frau die Pantomime entgangen, oder wollte sie nichts gesehen haben? Über ihr Antlitz flog ein leichtes Rot, das sofort wieder verschwand.
»Ich möchte mir Deine Lieblinge gern genauer ansehen,« wandte sie sich an Norine, ohne den Knaben zu beachten, »aber« -- hier lächelte sie ein wenig -- »ich fürchte mich vor Katzen!«
»Ha -- ha!« Es war eine hämische Lache, die der Knabe aufschlug, und seine Dreistigkeit gab dem jüngeren Kinde die Haltung wieder. Sie machte Miene, in sein geringschätziges Lachen einzustimmen, sah aber doch, wie von einem ihr innewohnenden Etwas gedrängt, mit großen Augen zu der jungen Frau auf.
»Magst Du gern Vögel?« fragte diese jetzt, und ohne auf eine Erwiderung zu warten, fügte sie ihrem Satz rasch noch einen bei: »Ich habe noch einen Vogel -- einen goldgelben. Wenn Du ihn sehen möchtest -- wenn Ihr ihn sehen möchtet« -- verbesserte sie sich zögernd, »so könnt Ihr nur mit mir hinaufkommen!«
Nachdem sie gesprochen, wandte sie sich und stieg ohne Weiteres die kleine Treppe hinauf, die vom Hinterhof in das Haus führte.
Die beiden Kinder sahen sich einen Augenblick an.
»Wenn Du gehen willst« -- sagte der Junge.
»Na -- willst _Du_ denn?«
»Du kannst ja gehen,« gab Paul in unlogischer Erwiderung zurück und gleich darauf, »was ist es denn für'n Vogel?«
Sie hatten sich, indem sie sprachen, gegenseitig der Thüre zugeschoben. Nun, da sie auf der Außenschwelle standen, marschierten sie ohne weitere Kommentare auf die Hintertreppe zu, und waren -- ehe sie sich's recht eigentlich bewußt waren -- an der offenen Thüre des für die Stiefmutter neu eingerichteten Wohnzimmers.
In der Mitte des behaglichen kleinen Raumes stand die junge Frau. Sie hatte den Rücken zur Thüre gekehrt, während sie, vor einem Vogelbauer stehend, dem zwitschernden Tierchen durch die Goldstäbe seines Käfigs ein Stückchen Zucker hinhielt.
»Kommt nur herein!« sagte sie, ohne sich umzuwenden, und Paul schob Norine mit knabenhaft verlegenem Ellenbogenstoß in das Zimmer. Er folgte langsam und hielt sich -- Gleichgültigkeit heuchelnd -- in der Nähe des Ausgangs.
»Er heißt Jack -- mein Vogel,« sagte die junge Frau, einen freundlichen Blick auf das Mädchen werfend. Da das Kind, ohne seine feindselige Miene abzulegen, stumm zu dem gelben Tierchen aufsah, sprach auch sie während einiger Minuten nichts. Es entstand eine kleine Pause in der das Vögelchen lustig weiter zierpte und an dem Zucker pickte. Plötzlich wurde das Schweigen unterbrochen.
»Woher haben Sie'n?« fragte Paul in dreister Neugier, und die Antwort kam sehr rasch und in eigenartig tiefem Tonfall.
»Von meiner Mutter!«
»So?« Es war wieder der Junge, der das kleine Wörtchen in gedehnt gleichgültiger Manier sprach, und Norine stellte -- in dem Bestreben, es ihm gleichzuthun -- ihre erste Frage. »Wo ist sie?«
»Sie ist gestorben,« erwiderte die junge Frau, und die Kinder bemerkten, daß sie leise -- ein wenig heiser sprach. »Sie war lange krank, aber ich mußte ihr jeden Tag den kleinen Jack an ihr Bett stellen, damit sie ihn selbst fütterte. Bevor sie starb, gab sie ihn mir. Du begreifst, wie ich ihn lieben muß -- und wie --« sie brach plötzlich ab. Hatte sie doch zu sehr auf das Gemüt des Kindes gerechnet, oder war bei dem trotzig dastehenden Kinderpaar der Begriff »kindliche Liebe« noch nicht erwacht?
Über das Antlitz der jungen Frau zog ein Schatten, als sie sah, wie der Knabe den Mund über den gelblichen Zähnen schief zog -- wie dann das Mädchen -- einen verständnisvollen Blick zu ihm aussendend -- mit ihm zugleich in eine spöttische Lache ausbrach und davonlief.
Im Zimmer stützte sich die junge Stiefmutter schwer auf einen Sessel. »Es ist nicht leicht,« sagte sie leise vor sich hin -- und mit der Hand über die Augen fahrend, seufzte sie einigemal tief auf, dann trat sie an das Fenster und blickte in den Hof hinab.
Sie hatte Schweres auf sich genommen. Vielleicht empfand sie das in diesem Augenblicke erst voll und ganz, denn das junge Gesicht hatte einen ernsten, sinnenden Ausdruck angenommen, der sie um Jahre älter erscheinen ließ. Die beiden Kinder waren im Hofe angelangt. Der Knabe hatte sich auf den Zaun geschwungen und Norine lehnte gegen den Bretterbau. Sie mußten wohl von ihr sprechen. Die blonde Frau erkannte es an dem störrischen, trotzigen Blick, mit dem die Kleine das Haus streifte. Wie böse konnte das Kind aussehen! Wie abwehrend kalt war seine Haltung! Wie gerade die Linie, welche die dichten Augenbrauen miteinander verband!
Die junge Frau gedachte der kleinen Mädchenschar, unter der sie seit Jahren als Lehrerin gewaltet, bei der es nur eines günstigen Blickes, eines Lächelns bedurft hatte, um sie weich und gefügig zu stimmen. Das Lächeln war ihr schwer geworden, seit dem Tage, da ihr die Mutter, die lange kränkelnde, gestorben war. Aus ihrem einsamen Herzen heraus konnte sie mutig den Entschluß fassen, einem anderen verwaisten Wesen eine Stütze zu sein, und so willigte sie gern ein, ihre Hand in die des älteren Mannes zu legen. Auf den Widerstand, den ihr sein Kind entgegengebracht, war sie zum Teil gefaßt.
»Das Wort Stiefmutter klingt herb,« hatte sie selbst ihrem Manne gesagt, als dieser ihr flüchtig von dem Trotz des Kindes gesprochen, »ich begreife, daß sie sich gegen mich auflehnt, aber ich werde ihren Widerwillen besiegen!«
Einige Zweifel an dem Erfolg mochten in ihr aufgestiegen sein, als sie so nachdenklich am Fenster lehnte und auf die Kindergesichter hinabsah. Sie öffnete leise die Flügel des Fensters und horchte hinaus auf das Gespräch der beiden.
»Ich wette,« hörte sie den Knaben höhnisch sagen, »ich wette, daß sie die Katzen ertränkt!«
»Nein,« gab das Mädchen kurz zurück.
»Du wirst ja sehen,« reizte er weiter, und vom Zaune sich hinabbeugend, spie er mit Gleichgültigkeit in den Hof hinab.
Die Kleine sann einen Augenblick nach. Dann sah sie auf. Ihre Augen blitzten. »Ich lasse sie nicht hinein,« erklärte sie.
»Ha, sie wird Dich gerade fragen!« Der Hohn, der in seiner Rede lag, machte sie ersichtlich stutzig.
»Wie meine Alte den Dot wegschaffte, that sie's in der Nacht. Deine holt die Mietz auch Nachts!«
Norines Augen wurden groß und finster.
»In der Nacht?« wiederholte sie unsicher -- dann in aufsteigender Besorgnis: »da schlaf' ich ja!«
»Ja eben!« Der Knabe weidete sich offenbar an dem Angstblick der Kleinen. Er schielte lauernd auf sie herab und schnellte plötzlich hoch.
»Weißt du,« begann er, »wenn es dir eine Beruhigung ist, so bleibe ich die Nacht hier und halte Wache.«
Norine blickte atemlos zu ihm auf.
»Wo?« sagte sie, über seine unerwartete Großmut verwirrt.
»Ach -- ich schlafe im Stall auf der Erde. Uns Jungens« -- prahlte er großthuerisch -- »uns macht das nichts. Kannst ganz ruhig sein. Wenn sie kommt und deine Katzen holen will -- na, laß' mich nur machen. Ist ein Schlüssel drin?«
Es war keiner drin und der Knabe beruhigte sich auch darüber.
»Thut nichts,« meinte er, »ich baue eine Barrikade!«
Es war Abend geworden.