Junge Herzen: Erzählungen für die reifere Jugend
Part 6
Am zweiten Tage trat um 5 Uhr früh ein junges Mädchen leise auf den Fußspitzen gehend, als fürchte sie, die noch sanft in ihren Kojen schlafenden Mitreisenden zu stören, aufs Verdeck. Das kleine Deckhäuschen bot ein Bild wirren Durcheinanders; es wurde geputzt und gescheuert. Draußen angelangt, blickt sie erstaunt gen Himmel; es regnete nicht, und doch war das ganze Verdeck naß. Da hörte sie ein Plätschern, und sich umwendend, gewahrte sie, daß Seeleute das Verdeck reinigten. Mittelst eines Gummischlauches badeten sie dasselbe im wahren Sinne des Wortes; Stühle, Bänke, Fenster, Thüren, alles triefte.
Ein recht unbehaglicher Aufenthalt, dachte sie, und doch der kleinen engen Koje und dem schrecklichen Geruch von Maschinenöl in den unteren Räumen vorzuziehen. Die Kleider hebend, damit sie nicht mit dem feuchten Deck in Berührung kommen, stieg sie grüßend an den Matrosen vorbei bis zur Stelle, wo sie Tags zuvor aufs Land geblickt hatte.
Doch umsonst spähte das Auge nach der Stelle, wo sie ihre Lieben zuletzt gesehen. Wo sie hinblickte, sah sie das Meer und nur das Meer. Hilflos, bang, als bedürfe sie der Stütze, faßte sie nach der Lehne einer nahestehenden Bank; große Thränen füllten ihre Augen, und schmerzhaft zuckte der Mund. Die kleine Hand griff, als schmerze sie etwas, ans Herz und immer bleicher wurden ihre Lippen. Es nahten sich Schritte. Den Kopf wendend, gewahrte sie den Mann, der gestern mit ihr gesprochen. Tags zuvor war er ihr noch fremd gewesen, heute erschien er dem jungen Mädchen wie ein alter Bekannter, wie ein guter Freund. Mit dem ganzen Ausdruck der Wehmut, die sie erfüllte, auf ihn zueilend, ergriff sie mit ihren beiden Händen die ihr entgegengestreckte Rechte des Mannes, während sie ausrief: »Sehen Sie doch nur, wie schrecklich. Wir sind ganz allein und verlassen. Nichts als Wasser, dunkles, schreckliches, schäumendes Wasser. Kein Land! O, wie öde, wie öde!« Thränen erstickten ihre Stimme.
Ihre Hände fest umschlossen, führte er sie an das äußerste Ende des Verdeckes. Sanft, als spräche er zu einem leidenden Kinde, begann er: »Kein Land, das ist wahr, aber _nur_ Wasser, nichts als Wasser, das ist nicht ganz richtig -- sehen Sie doch!« Sie hob den Kopf, und folgte mit den Augen der Richtung seiner erhobenen Hand. »Dort oben,« sagte sie leise, »ja, dort ist der Himmel.«
»Sehen Sie also, verlassen sind wir nicht. Das ist derselbe Himmel, den Sie gestern auf dem Lande sahen, und da, schauen Sie 'mal hierher -- ein Vogel. Nun, nun lächeln Sie wieder, der Vogel führt Sie dem Lande näher, nicht wahr? Aber das ist eine Täuschung. Diese kleinen Seevögel begleiten uns über's Meer hinüber, und nähren sich während der Reise von den Abfällen des Schiffes.« Leise seufzend heftete sie die Augen auf das grünliche Wasser, dessen weite Flächen sich ins Unendliche auszudehnen schienen. Sie wandte sich wieder zu ihm. »Ich kann nicht dafür,« sagte sie, »mir wird kalt im Herzen bei der trostlosen Leere dort. Mir ist, als ob eine Ewigkeit mich vom Heimatslande trennte, als sei ich so klein und winzig neben dem gewaltigen Meere, und so traurig, so _weh_ ist mir, als dürfe ich nie mehr froh werden.« Der Mann blickte in das feine Gesichtchen, das sich zu ihm hob. Eine seltsame Rührung überkam ihn. »Welch ein Gemisch vom feinfühlenden poetischen Weibe und von reinem Kinde vereint sich in diesem kleinen Wesen,« dachte er. Laut entgegnete er: »Das macht das Neue. Es ist dies gewiß Ihre erste Seereise?«
»Ja wohl, meine erste, und ich hatte es mir so heiter gedacht.«
»Für eine so junge Dame, wie Sie es sind, gehört viel Mut zu dem Entschluß, allein über den Ozean zu fahren und sich den Stürmen des Meeres preiszugeben!«
»Das war Zufall,« erklärte sie. »Ich sollte in dem Schutz einer uns bekannten Familie bis nach Hamburg reisen. Wir leben im Westen, in Missouri, jene in Georgia. Wir verließen die Heimat acht Tage, bevor das Schiff abfahren sollte, um noch einige Städte zu besuchen, denn mein Papa ist Geschäftsmann, und wollte nebst dem mir zugedachten Geleit noch einige geschäftliche Angelegenheiten dortselbst besprechen. In New-York angelangt, erwarteten wir mit Bestimmtheit jene Familie zu finden, die mich mitnehmen sollte. Statt ihrer aber fanden wir unter den aus der Heimat uns nachgesandten Briefen einen, der die Nachricht von der plötzlichen Erkrankung des einzigen Kindes der Familie brachte. Unsere Freunde schrieben, daß sie ihre Reise um einige Wochen hinausschieben müßten und sprachen die Hoffnung aus, daß ich mich dann anschließen würde. Durch unsere frühe Abreise von zu Hause erhielten wir die Nachricht erst am Tage meiner Einschiffung! Es ist also Zufall und nicht mein Verdienst, daß ich allein reise. Zudem wurde uns gesagt, daß die Menschen unter einander sehr liebenswürdig seien auf einer Seereise, und nach Deutschland sollte ich nun einmal, weil ich kränklich bin -- so bleich -- sehen Sie nur!« Sie zeigte ihm ihre beiden feinen Hände.
Weiß, sehr weiß und wohlgeformt waren sie, und die Augen des Beschauers schweiften unbewußt bewundernd von ihnen weg über die zarte Gestalt des Mädchens, das mit solch reizender Einfachheit ihre Erklärung beendete. Die Sonne war aufgegangen. Ihre warmen Strahlen senkten sich wohlthuend auf die beiden Menschen herab, die wohl mehr als eine halbe Stunde in der feuchten, kühlen Morgenluft gestanden hatten.
»Wann fängt's denn an zu schaukeln,« fragte sie, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander gestanden.
»Das läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen,« erwiderte er, »haben Sie Sehnsucht danach, die Seekrankheit kennen zu lernen?«
»Die fürchte ich nicht,« war die rasche Antwort.
»Sie vertrauen wohl auf den Schiffsarzt?« lächelte er.
»O nein, auf den am wenigsten. Gerade dieses Schiff soll einen abscheulichen Arzt haben. Mir wurde erzählt, er sei ein unfreundlicher, arroganter Mensch, der sich ungern bemühen lasse. Meinethalben mag er's sein, ich werde ihn gewiß nicht belästigen. Kennen Sie ihn?«
»Ja.«
»Ist er so, wie man ihn schildert?«
»Ich weiß Ihnen darauf wirklich keine rechte Antwort. Wenn ich Ihnen sagte, ›ich kenne ihn, er ist ein entsetzlicher Mensch,‹ so könnten Sie glauben, das Urteil entspringe gehässiger Zunge, und sagte ich Ihnen wiederum ›er ist ein durchaus leidlicher Mensch,‹ würden Sie meine Ansicht für maßgebend erachten? Ich glaube nicht.«
»O doch,« rief sie lebhaft, »ich habe zu Ihnen so viel Vertrauen, daß --« sein Auge traf das ihre. Stockend, errötend senkte sie die Blicke und schwieg.
Er legte seine Hand auf die des Mädchens und neigte sich zu ihr, als er leise sprach: »Vertrauen haben ist kein Unrecht, mein kleines Fräulein. Sie dürfen ruhig weiter sprechen.«
»O, ich wollte nur sagen, daß ich Ihnen alles glauben würde, Sie sehen aus, als könnten Sie nicht anders als gerecht sein, aber woher kennen Sie den Arzt? Reisten Sie schon einmal auf diesem Schiff?«
»Mehr wie einmal,« entgegnete er, »und der Arzt mit mir! Versprechen Sie mir,« rief er plötzlich, »im Falle Sie seiner bedürfen, so zögern Sie nicht, ihn zu belästigen!« Seine Stimme hatte wieder den eigentümlichen Wohllaut. Ohne sich darüber Rechenschaft geben zu können, fühlte sie sich in einem Bann, wenn er sprach. Seltsam, ganz seltsam ward ihr zu Mute. Etwas wie Beklemmung, Bangigkeit bemächtigte sich ihrer -- sie wollte sprechen und dennoch schwieg sie.
Wieder diese verlockende Stimme. »Nicht wahr, Sie werden nicht zögern, wenn Ihnen etwas ist, den Arzt zu rufen? Sagen Sie nein.«
Sie fühlte seine Blicke auf ihr ruhen; er hielt ihr die Hand hin; wie von einem Magnete gezogen hob sie die Augen zu ihm auf. Dann legte sie schweigend, zusagend ihre kleine Hand in die seine.
Das Frühstück war vorüber. Der Kapitän hatte einige heitere Anekdoten erzählt, die nötige Anerkennung in Form des herzhaftesten Gelächters war ihm seitens der Gruppe von andächtigen Zuhörern, meistens aus älteren Herren bestehend, geworden. Diesem oder jenem Passagiere noch ein freundliches Wort zurufend, war er aus dem Salon in den langen Korridor getreten, wo ihm ein kleines Kind in den Weg kam, das er lachend in die Höhe hob, dann niedersetzte und jagte, dann haschte, dann wieder jagte, zur großen Befriedigung der Mutter, einer bleichen Frau, die lesend im Deckhäuschen saß. Mit dem Kapitän entfernten sich etwa vier Herren, um sich ins Spielzimmer zu begeben. Die weiblichen Passagiere saßen in Gruppen umher, teils mit Handarbeiten beschäftigt, teils lesend oder sich von ihren Kindern erzählend. Eine ganz unerwartete Senkung des oberen Endes des Dampfers ließ in der Thätigkeit der Nadeln, der Augen und der Zungen der Damen eine Stockung eintreten und angstvoll blickte man nach den Kindern.
Am Abend des folgenden Tages bot das Verdeck einen traurigen Anblick.
Mit Ausnahme von zwei Klappstühlen, die tief unter doppelten Plaids und Shawls ihre bleichen Insassen, zwei Herren, bargen, war das Verdeck leer.
Doch nicht, ganz oben an der Spitze des Deckes lag ausgestreckt auf der Bank ein junges Mädchen. Ein Kopfkissen zu Häupten, ein Plaid über die Füße gedeckt, so lag sie mit geschlossenen Augen und bleichen Wangen. In den auf der Brust gefalteten Händen hielt sie ein Buch. Der Wind wehte heftig, die Wellen schlugen hoch und spien wie die ungezogenen Kinder ins Schiff hinein. Ein Steward, der soeben dem einen Herrn einen Cognac gebracht hatte, ihn dann in den unteren Salon geführt, trat auf das junge schlafende Mädchen zu und redete sie an. Sie öffnete die Augen und erwiderte auf seine Frage, ob sie nicht lieber hineingehen wolle, da es anfange zu regnen, höflich aber ablehnend, es sei ihr oben wohler. Dann schloß sie die Augen wieder. Wie lange sie gelegen haben mag, sie wußte es nicht; als sie erwacht, bemerkte sie, daß es tief dunkle Nacht und der Regen heftiger geworden war. Leicht erschauernd versuchte sie, sich zu erheben. Kaum stand sie jedoch, als eine heftige Welle das Schiff hob, dann wieder senkte. Unter dem Einfluß dieser Bewegung mußte sie zuerst einen Seitensprung machen, wurde gleich darauf zurückgeschleudert und zwar in die Arme eines Herrn, der dort erwartungsvoll gestanden haben mußte.
»Nun, wie ist's,« fragte eine wohlbekannte Stimme, »schaukelt's genug?«
Er hielt sie umfangen und wiegte sich von Seite zu Seite harmonisch mit den Bewegungen des Schiffes. Als sie in der tödlichsten Verlegenheit schwieg, beugte er sich herab, um ihr ins Gesicht sehen zu können, und sagte ernst: »Soll ich Sie hinunterführen, mein kleines Fräulein? Nur mache ich Sie darauf aufmerksam, daß die drückende Luft in den unteren Sälen Sie wieder krank machen wird, ich rate Ihnen daher, sich lieber von mir stützen zu lassen und so lange wie möglich oben zu bleiben, wollen Sie?«
Ob sie wollte! In diesem Augenblicke hätte sie ins Wasser springen wollen, wenn er es ihr geraten. Er wartete ihre Antwort nicht ab. Den Arm um ihre Schultern gelegt, führte er sie an das Gitter, welches die erste Kajüte von der zweiten trennt. Dort war sie durch das Deckhaus vor dem heftigen Wind geschützt. Er stellte sich vor, ihre Hand noch immer haltend. »Waren Sie sehr krank?«
»O ja,« sagte sie, »und sehr trostlos.«
»Und Ihr Versprechen, im Falle Sie leiden, mich rufen zu lassen?« katechisierte er weiter.
»Mein Versprechen, _Sie rufen_ zu lassen,« wiederholte sie langsam. »Ich verstehe Sie nicht. O mein Gott -- Sie sind der Arzt,« rief sie, und in dem Ton lag ebensoviel Schrecken, als habe sie entdeckt, daß er ein entsprungener Galeerensträfling sei. »O, ich unvernünftiges Mädchen: Sie werden meine unartigen Reden wohl nicht vergessen können?«
»Schwerlich,« entgegnete er lächelnd. »Sie müssen mir schon verschiedenes sagen, bevor ich's versuche. Zunächst möchte ich Ihren Namen wissen, ich lese nie eine Schiffsliste.«
»Lora, Lora Vandyke. Fragen Sie mehr, ich möchte so gern gut machen, was kann ich thun?« bat sie.
»Vor allen Dingen versprechen, fest versprechen, mich baldmöglichst in meiner Eigenschaft als Arzt zu ›belästigen‹.«
»Dazu müßte ich doch erst wieder krank werden,« lächelte sie.
»Sie werden sich dazu keine besondere Mühe zu geben brauchen, die Gelegenheit wird sich bieten,« meinte er.
»Ach, es kommt also noch ärger, noch stürmischer?«
»O ja, bedeutend, bis jetzt war's nur eine kleine Probe, mein Fräulein. Ich sehe Sie schon, wie Sie mit aufgelösten Haaren und bleichen Wangen sich zu mir flüchten werden, hilfesuchend, und ich bin so boshaft, mich auf diesen Augenblick zu freuen.«
»Waren Sie nie seekrank? Wie lange fahren Sie schon?« fragte sie, wie ein Kind, eine Frage über die andere vergessend.
»Welche Frage befehlen Sie, daß ich zuerst beantworte?« fragte er lächelnd.
»Ach, beide.«
»Gut, also beide. Auf meiner ersten Seereise, die ich vor zehn Jahren machte, wurde ich krank. Es war aber auch sehr stürmisch. Ich war auch leidend. Die See hat mich völlig wieder hergestellt.« Sein Ton wurde ernst, wie ihr schien sogar traurig.
»Wo ist Ihre Heimat? ich meine Ihre dauernde Heimat?« fragte sie.
»Eine Heimat habe ich nicht,« klang die tiefe Stimme, »ich sagte Ihnen ja schon, daß ich keine Angehörigen besitze, ich habe auch keine Heimat. Wenn das Schiff vor Anker liegt, und sie alle: Seeleute und Matrosen, zu den ihrigen zurückkehren, verbleibe ich, wie ein bestraftes Schulkind, auf dem Dampfer. Einmal glaubte ich mir eine Heimat gründen zu können« -- er seufzte tief -- »es ist lange her und das interessiert Sie nicht.«
Sie antwortete nicht. Nur beide Hände legte sie hastig auf seinen Arm, und in den braunen, voll zu ihm aufgeschlagenen Augen lag eine stumme Bitte. Er begann:
»Ich war Student der medizinischen Fakultät. Meine Mutter lebte noch, als ich eines Tages zu einer bekannten Familie gerufen wurde, um mit meinen schwachen Kenntnissen der Medizin auszuhelfen, da ihr Familienarzt verreist und die alte Dame, Freundin meiner Mutter, schwer erkrankt war. An ihrem Bette saß die aus der Pension heimgekehrte Tochter, ein schlankes goldblondes Mädchen, einige Jahre älter als ich. Ich widmete der Kranken meine vollste Aufmerksamkeit. Die Dame genas. Man lobte meine Behandlung und nannte mich ihren Erretter. Der Verkehr unserer beiden Familien wurde inniger. Lea, so hieß die Tochter, war still und ernst. Ich war es auch. Wenn ich öfters in den Dämmerstunden zu ihren Füßen auf niederem Schemel saß und ihr von meiner Zukunft sprach, die ich immer und immer mit der ihrigen verband, und sie stillglücklich lächelnd mit ihrer weißen Hand mir übers Haar fuhr, dann glaubte ich auf der Welt keinen Wunsch mehr zu haben, als daß diese Stunden ewig dauern möchten! Wir hatten niemals von Liebe gesprochen, wozu auch Worte! Wußten wir doch beide und fühlten, was in unseren Herzen lebte. Meine Mutter erkrankte. Ein bösartiges Fieber raffte sie nach drei Tagen unsäglichen Leidens dahin. Lea hatte mir in der Pflege der Verstorbenen treulich zur Seite gestanden. Die Hand der Sterbenden lag segnend auf unseren Häuptern. Ich war allein! Am Tage nach der Beerdigung sprachen wir zum erstenmal bestimmtes über unsere Zukunft. Sofort nach Beendigung meiner Studien, in einem halben Jahre also, wollten wir uns vermählen und das Haus meiner Mutter beziehen.« Er hielt inne, holte tief Atem, fuhr dann langsam fort. »Die Anstrengung der Nachtwache, die starke Nervenerregung, endlich die nasse Fahrt nach dem Kirchhof, alles zusammen mag wohl dazu beigetragen haben, daß Lea, ein schwachorganisiertes, schmächtiges Mädchen, einige Tage nachdem wir die Mutter zur Ruhe bestattet, an demselben Fieber erkrankte und nach acht langen, langen Nächten -- fortging -- und mich zurückließ, vereinsamt, verzweifelnd. Es hielt mich nicht mehr in der Heimat, wo alles mich an die Teuren erinnerte. Mein Lebensglück war zerstört, ich mußte fort. Ich hatte erfahren, daß ein Kollege von mir als Schiffsarzt angestellt worden war. Auf dem Meere, dachte ich, auf dem wilden brausenden Meer, dort ist vielleicht ›Vergessen‹. Mit fieberhafter Hast warf ich mich über meine Studien her. Ich machte mein Examen. Die höchsten Atteste standen mir zur Seite. In kurzer Zeit erhielt ich die Ernennung zum Schiffsarzt. Als ich in voller Thätigkeit das schöne, unendliche, gewaltige Meer kennen lernte, da fühlte ich zuerst wieder, daß das Leben noch Wert hat. Zehn Jahre sind darüber hingegangen. Ich bin ruhig geworden. Manchmal packt's mich mit unsagbarem Weh -- ein Gefühl von Vereinsamung schnürt mir das Herz zusammen, wenn wir uns dem Lande nähern. Draußen auf dem Wasser, da wird's hier drinnen erst wieder ruhiger.« Er hatte die Rechte auf die Brust gelegt und mit einer ihm eigenen heftigen Geberde des Kopfes das volle Haar aus der Stirne geschüttelt.
Es war spät geworden. Sie schwiegen beide. In dem kleinen Deckhäuschen waren die Lichter bereits gelöscht. Der Mann fühlte, wie eine weiche Mädchenhand leicht über sein Haar fuhr, hörte die leise geflüsterten Worte »gute Nacht -- ich danke Ihnen« und bevor er es hindern, bevor er ihr behilflich sein konnte, war sie an ihm vorüber in die untere Kajüte gehuscht.
Drei Tage waren vergangen. Sie hatten sich nicht wiedergesehen. Die Fahrt war stürmisch geworden. Die meisten Deckpassagiere lagen krank. Der Arzt hatte alle Hände voll zu thun; vorzüglich fand er unter den Armen im Zwischendeck Beschäftigung. Ein Kind war schwer erkrankt -- die schlechte Luft, der ungesunde Dunst des großen, aber niederen Schlafraumes, in dem Männer, Frauen und Kinder nebeneinander zu liegen kamen, hätten den Zustand des leidenden Kindes verschlimmert -- es wurde also auf Anordnung des Arztes in das sogenannte »Hospital« geschafft, ein Raum, auf dem Korridor der zweiten Kajüte gelegen, wo es reinlich gehalten, sorglich gepflegt werden konnte, und wo es in der unbedingten Nähe des Arztes sich befand.
Fräulein Lora mußte sehr krank sein. Oft, sehr oft, entschlüpfte er dem Krankenzimmer, um sehnsüchtig suchend das Verdeck zu durchwandern. Vergebens! Sie blieb unsichtbar. Er wurde mit rücksichtsloser Aufdringlichkeit von den Erkrankten der ersten Kajüte in Anspruch genommen, ja, man scheute sich nicht, ihn des Nachts zu überfallen, eines erneuten Anfalls von Seekrankheit halber, gegen die er doch machtlos war; nur die eine, von der er sehnlichst wünschte, gerufen zu werden, sie blieb fern. Einmal erkundigte er sich bei der Mitgenossin von Loras Koje nach ihrem Befinden; er erfuhr bei der Gelegenheit, daß sie nicht seekrank gewesen sei, nur an Kopfschmerzen litte, und nicht zu bewegen sei, aufzustehen, da ihr, wie sie sagte, liegend wohler sei. Er hätte ihr so gern ein linderndes Mittel geschickt; er kannte die Qualen der sogenannten »Seekopfschmerzen«; doch sein Stolz verbot ihm, seine ärztliche Hilfe aufzudringen.
Wieder war es Nacht. Die Reisenden hatten sich zur Ruhe begeben. Alle Lichter waren gelöscht, bis auf das eine, das stets des Nachts im Salon matt zu brennen pflegte. Über den Häuptern der noch nicht Entschlafenen dröhnten geräuschvoll die Schritte der Seeleute, die mittelst einer geknoteten Leine die stündlich zurückgelegte Meilenzahl erforschten. Die Leine mit dem Bleigewicht wurde ins Meer geworfen. Von Knoten zu Knoten zählte eine Meile. In längeren Zwischenräumen wurde die Leine, naß und schwer, von den Matrosen aufgewunden. Vornüber gebeugt zogen sie dieselbe auf ihren Schultern nach sich. Es wiederholte sich dieses Schauspiel täglich einigemale, dennoch entbehrte es nie der Zuschauer, die der Operation mit großem Interesse folgten.
Auf der See, abgeschlossen von alle dem, was in der Welt vorgeht, auf sich selbst und die nahe Umgebung der Mitreisenden angewiesen, hat man naturgemäß ein Interesse für all und jedes. Man klammert sich auf der Seereise an jede Kleinigkeit, die besprochen werden könnte. Da man keine fortschreitenden Ereignisse in Erfahrung bringt, so ergreift man eben die unwesentlichen Dinge, die sich auf dem Dampfer bieten, und behandelt sie mit demselben Eifer, wie man auf dem Lande etwa politische oder Börsenangelegenheiten bespricht.
Zu den spannendsten Neuigkeiten der Reise gehört denn in erster Linie die Zahl von Meilen, die zurückgelegt worden sind, also die Knoten der Meßleine. Darum störten auch in dieser Nacht die dröhnenden Schritte der Matrosen die müden Reisenden nicht, sondern trösteten sie vielmehr mit der Hoffnung, am folgenden Tage eine Neuigkeit zu erfahren.
Eine Stunde später! Der Kapitän mißt mit unruhigen Schritten das Verdeck. Mit zusammengezogenen Braunen blickt er hinaus in die nebelumzogene Nacht. Der erste Offizier nähert sich ihm, erhält einige Anweisungen, tritt dann an seinen Posten zurück. Seinen Regenmantel fester um sich ziehend, besteigt der Kapitän die wenigen Stufen, die zu dem kleinen Pavillon hinaufführen, zu dem nur er selber Zutritt hat, und den er nur dann besteigt, wenn das Schiff seiner speziellen Anleitung und Fürsorge bedarf. Ein heftiger Nordwind hat sich erhoben, der pfeifend das Schiff umkreist. Das Marssegel hatte sich losgerissen, und schlug nun, vom Winde gepeitscht, dröhnend gegen Taue und Mast. Hochauf bäumt sich das Schiff, mächtig rollen und zischen und poltern die Wellen dagegen, und leise, wie eine Klage, tönt der Pfiff des Schornsteins, in abgestoßenen kurzen Tönen, den andern Seglern zur Warnung! Bleich, ängstlich fahren die Passagiere aus ihren Betten, blicken sich an und nicken verständnisinnig; keiner wagt das Wort »Sturm« auszusprechen. Da erscheint die breite Gestalt des Arztes im Salon. Die geängstigten Passagiere erblickend, lächelt er, und auf ihre bangen Fragen, »ob's denn wirklich jetzt schlimm gehe,« beruhigt er sie mit der Versicherung, daß der Kapitän selbst auf dem Pavillon sei und keinen Sturm voraussehe. Das Alarmsignal sei nur um des Nebels willen, der sich übrigens auch schon verziehe. Getröstet legen sie sich wieder zur Ruhe. Nicht so der Arzt. Mit verschränkten Armen lehnt er sich gegen die Wand, die eine Koje von der andern trennt, und blickt unverwandten Auges auf die gegenüber liegende Kajüte, von der soeben eine kleine Hand den schweren Vorhang zurückschiebt und eine Mädchengestalt erscheint: -- Lora.
Vollständig angekleidet, das aufgelöste Haar weit über den Rücken hinunterwallend, stand sie einige Augenblicke gegen den Sessel gelehnt, der neben ihr stand. Sie wartete, bis das Schiff das Gleichgewicht wieder erlangt hatte, dann erhob sie den Blick zu dem Manne, dessen Augen mit Teilnahme und Besorgnis auf ihr ruhten, und schritt rasch auf ihn zu. Ohne seine Stellung zu verändern, nur die eine Hand ihr entgegenreichend, erfaßte er sie und zog sie dicht an seine Seite. Keiner von beiden wunderte sich über die Anwesenheit des andern. Es erschien jeder, den andern dort zu finden, gewiß.
Der Dampfer machte einen gewaltigen Satz. Der junge Mann legte seinen Arm um die Schultern des jungen Mädchens, neigte den Kopf zu ihr, und berauschend wirkte der tiefe Ton seiner Stimme auf sie, als er leise sprach: »Fürchten Sie sich, Lora?« Beim Klang ihres Namens zuckte sie leicht zusammen. Den Kopf hebend, erwiederte sie leise, fast schüchtern: »Jetzt nicht mehr.«
»Jetzt nicht mehr,« wiederholte er vorwurfsvoll. »Sie haben sich also gefürchtet und sind nicht gekommen? Krank waren Sie auch, und Sie riefen mich nicht? War das recht?«