Junge Herzen: Erzählungen für die reifere Jugend

Part 5

Chapter 53,655 wordsPublic domain

»Böse?« Die alten Lippen sprachen langsam die Silben nach. Die Stimme klang trotz des wehmütigen Zuckens ihrer Lippe -- tapfer ermunternd, wie fast: »Wie sollt' ich böse sein -- ich denke nur soeben an ein kleines Mädchen, die in meiner Heimatstadt zu Hause war und -- aber es ist kalt hier unten, ich hebe die Geschichte von dem armen Mädchen auf, oder -- wollt ihr euren Plan verschieben und mit mir --«

»O ja, ja!« Wie gut die Alte ihre Kleinen kannte! Wie wohl sie wußte, daß ein jeder Plan in nichts zerfiel, sobald sie etwas zu erzählen sich bereit erklärte!

Hell prasselte das Feuer im Kamin. Es warf über das Stübchen, in das die Kinder eintraten -- seinen goldigroten Glanz.

»Sie hieß Christine,« begann Mutter Krüger fast heiter ihre Erzählung.

»Kein hübscher Name -- was? Und nun gar, wenn man ihn abkürzte und Christe rief, und das thaten die Straßenjungen gar gerne, und wenn sie sie ärgern wollten, fügten sie noch ein Wort hinzu und nannten sie ›lahme Christe!‹

Sie war nämlich -- habe ich euch schon erzählt, daß sie lahm war? Sie war als Kind gefallen und daher kam es. Manchmal bemerkte man es gar nicht. Wenn sie in den Werktagen in einem alten Rocke der Bäckersfrau -- bei der sie Kost und Logis erhielt -- umherlief, und die Falten ihr im Schmutz des Weges nachschleppten, konnte man ihr Hinken zu den anderen willkürlichen Körperverdrehungen zählen, mit denen Christe die Nachbarschaft halb trotzig, halb geärgert unterhielt.

Christe war nie zur Schule gegangen. Sie mußte des Morgens und des Abends das frische Backwerk in der Stadt herumtragen und des Mittags lag sie auf den Straßen und trieb aus Langeweile oder aus schlechter Laune allerhand böswillige Streiche. Sie war -- was man so einen Taugenichts nennt, und die Nachbarskinder hatten große Angst vor ihr und nur einer -- der Kaufmannssohn -- ja so, ich muß der Reihe nach erzählen, sonst wißt ihr ja nicht, wie sie zu der Freundschaft mit ihm gekommen war.«

Mutter Krüger atmete tief auf. Ihr Gesicht wurde nachdenklicher -- ihr Blick wandte sich dem Fenster zu. Die Straßen lagen im Dunkel. Der Wind hob und fegte die Schneeflocken kreuz und quer durcheinander und warf sie spielend gegen die Fensterscheibe, so daß es in der Stille des Zimmers wie ein schüchternes Pochen erklang.

»Christine hatte ihn eines Morgens auf ihrem Rundgang durch die Stadt in einer Pfütze liegend und laut schreiend gefunden, aus der sie ihn, ohne viel Worte zu machen, herausgezogen und in ihrer derben gutmütigen Art recht ungeschickt unter der Pumpe eines Nachbarhofes gesäubert hatte. Möglich, daß sie ihn dabei geschüttelt oder gezerrt, bis er sein Zetergeschrei erhob. -- Die Nachbarn kamen herbeigelaufen und stießen das Mädchen ziemlich unsanft von der Thüre fort. Christine ging trotzig ab. Sie ging an dem Kaufmannsladen nicht mehr vorüber, und wenn der kleine Bursche -- der mehrere Jahre jünger war wie das Mädchen -- sie anrief, machte sie ihm drohende Zeichen und schüttelte sich vor Abscheu, und wie er einmal über ihr Gebahren hell auflachte und ihr schmeichelnd einen Apfel hinhielt -- ging sie -- naschig wie sie war, auf ihn zu und aß ihn mit ihm auf. Sie wurden gute Freunde -- diese beiden.

An einem Tage schlugen sie sich und dann vertrugen sie sich wieder und wenn sie sich gerade gezankt hatten, ging der Junge zerstreut umher -- und vernachlässigte seine Schularbeiten so sehr, daß ihn der Lehrer dafür strafen mußte.

Dies paßte nun aber dem Kleinen gar nicht und eines Tages lauerte er voller Zorn den Lehrer an der Straßenecke ab, um einen ganz abscheulichen Plan, den er sich mit den anderen Knaben ausgedacht hatte -- durchzuführen. Sie spannten nämlich eine dünne Schnur über den Weg, den der Mann zu gehen hatte, und was geschah? Der Lehrer denkt an nichts Arges -- sieht in der Dunkelheit des Abends die Schnur nicht, stolpert -- fällt und -- das war das Schreckliche -- bleibt wie tot liegen. Ja, ja, -- wie tot, und der Junge, der das Unglück angestellt hatte, bekommt große Angst und rennt mit seinen Freunden davon.

Wie nun die Menschen gelaufen kamen, schrieen sie vor Schreck laut auf, und die lahme Christine, die den Lärm hörte, drängt sich heran und beguckt sich neugierig den Menschenhaufen. Wie sie aber dasteht -- fällt es plötzlich den Leuten ein, daß eigentlich alle bösen Streiche immer von ihr angestellt wurden, und daß sie sich nun so dreist durch die Menge schob, machte die Menschen erst recht aufsässig.

›Natürlich war es wieder die lahme Brut,‹ schrie eine dicke Frau aus der Menge und

›Sie ist ein gefährliches Geschöpf!‹ riefen andere zurück.

Christine sagte gar nichts. Sie war vielleicht erschreckt oder überrascht oder auch nur zornig auf die Menschen, die so ungerecht auf sie schimpften. Sie biß die Lippen trotzig zusammen und warf den Kopf zurück, und wie man den wirklich schwer verletzten Lehrer aufnahm und forttrug, fielen die Leute über das Mädchen her und tobten -- bis man sie festnahm. Das Kind sagte kein Wort. Sie ließ sich von dem herbeigerufenen Beamten abführen, und machte zu all dem Lärmen um sich her ein böses höhnisches Gesicht. Sie that so, als machte ihr die Sache gar nichts aus, und um die Wahrheit zu gestehen -- sie machte ihr wirklich nicht viel, weil sie bestimmt erwartete, daß der kleine Kamerad aus dem Kaufmannsladen kommen würde und die Geschichte erklären, -- denn Christe war ein gerechtes Mädchen -- trotz ihrer Fehler, und daß man andere leiden lassen konnte -- für selbst gethanes Unrecht, das konnte sie nicht glauben.«

Die Erzählerin schwieg und sah die kleine Gruppe von Zuhörern aufmerksam und ernsthaft an. Wie still sie saßen! Wie tief befangen die schamroten Gesichtchen sich zu Boden neigten. War's, daß Mutter Krügers Schweigen eine stumme Aufforderung enthielt -- war's, daß in dem gerechten Herzen Toni Hellmuths, der Anführerin der Kinderschar -- ein Etwas sie zum reuigen Handeln antrieb -- das Kind stand plötzlich hochaufgerichtet vor dem Herde -- die kleinen Hände griffen halb verlegen, halb mit Ungestüm die Steine auf, die für den geplanten Angriff in Bereitschaft lagen, und stieß sie, einen Seitenblick auf Mutter Krüger gerichtet, mit hastiger Geberde in das Feuer.

»Der erste Tag verging,« sprach die Wäscherin gedankenvoll zur Erde sehend fort, »der erste Tag und auch der zweite -- dann der dritte, und -- er -- kam nicht.«

»O, wie abscheulich!« Der Ruf aus dem Munde des kleinen Mädchens ließ Mutter Krüger aufblicken. Das schmale Fenster rüttelte unsicher in seinen Fugen und eine Zugluft drängte sich durch die Ritzen und wehte die Vorhänge leicht auseinander. Die welken Hände der Alten schlossen sich über ihre Knie und der abwesende Blick ihrer Augen -- die eigen verschleierte Stimme, mit der sie weiter sprach, gaben Zeugnis davon, daß sie für sich zu sprechen, sich allein zu sein wähnte.

»Er war feige,« stieß sie düster und kurz hervor, »feige und undankbar. Er bekannte nichts. Der Lehrer starb an den Verletzungen. Sein Tod machte die Leute neu erregt. Zuerst war das Geschehene wie ein Kinderstreich gewesen -- jetzt nannte man es ein Verbrechen.

Das Gericht war milde -- glaubte milde zu sein -- das Mädchen wanderte auf zwei Jahre ins Korrektionshaus. Christine wurde -- auf ihr verzweifeltes Leugnen hörte man nicht mehr -- in die Anstalt jüngerer Verbrecher geschafft und der Kaufmannssohn blieb, ohne sich durch ein Wort als der wirkliche Thäter zu verraten -- daheim.«

»Mutter Krüger -- du erzählst doch weiter -- es ist nicht das Ende?«

»Das Ende?«

Die Alte wiederholte die Frage der Kleinen halb zögernd. Ihr Blick ruhte auf dem Feuer. »Vielleicht,« sagte sie, »sollte es für euch zu Ende sein, denn das, was folgt -- aber nein, ihr sollt das Ganze hören. Das Mädchen blieb zwei Jahre in der Anstalt -- zwei Jahre lebte sie unter allerhand kleinen und großen Verbrechern und wie die Zeit herum war -- da konnte sie gehen. Wohin? -- Danach fragte keiner. Das lahme Ding wollte wohl arbeiten, aber wer traute einem Mädchen, das aus der bekannten Strafanstalt entlassen worden war. Wo immer sie anfragte, jagte man sie höhnend fort. Es wurde ihr schwer gemacht, ihr ehrliches Brot zu verdienen -- wochenlang -- Monate -- sie hatte viele Tage des Elends verlebt und endlich -- -- kam er.«

Mutter Krügers Auge blickte starr -- ihre Stimme sank zum Flüstertone herab -- wieder war es wie ein Selbstgespräch, das sie führte.

»Er war groß geworden, der frühere Kamerad -- groß und schön, und seine Stimme klang so wahr und reuevoll -- es war die erste Stimme, die in ihrem Leben weich und liebevoll zu ihr gesprochen hatte -- er sagte ihr, daß er sie überall gesucht, daß er durch sein so feiges Schweigen ihr Leben verdorben, daß er gut machen wollte, was er gethan. Er konnte nicht Ruhe finden, während sie allein und unglücklich blieb und darum müsse sie ihm folgen -- bei ihm bleiben -- auf immer.

Sie war um Jahre älter als er. Sie hätte daran denken sollen, anstatt -- anstatt --.« Die Stimme erlosch. Mutter Krüger hielt, wie sich besinnend -- die Lippen geöffnet -- dann lachte sie wie in jähem Erwachen, -- die Hand auf die Brust, und erhob sich rasch. »Hörtet ihr nichts? Kamen nicht Schritte?« fragte sie seltsam beklommen und ihre Augen wanderten zum Fenster. Immer dichter fiel der Schnee, immer schärfer tobte der Wind. Er stob wie in blinder Raserei die Flocken auf und warf die Fensterläden krachend aus den Angeln. »Es war der Wind!« Die Alte sagte es leise in der den Kindern altgewohnten bekannten lieben Stimme und »es ist spät ihr Kleinen,« fügte sie hinzu, »und die Geschichte ist zu Ende, Sie heirateten sich, diese beiden -- und -- mein Gott« -- die Wäscherin lachte leicht auf und sprach mit geradeaus blickenden Augen, »sie war nicht mehr jung, sie war nicht schön, und er war beides, und es war nicht seine Schuld, daß er eine jüngere fand, die zu ihm paßte und deshalb nahm die Frau mit der traurigen Vergangenheit eines sonnigen Tages ihre paar Habseligkeiten und ging ganz still fort und suchte sich ein neues« -- -- Die Stimme der Alten stockte.

»Was war das?« Mutter Krüger stand totenbleich aufrecht. Die kleine horchende Schar schob sich ängstlich auseinander, da sich das Antlitz ihrer alten Freundin mit weitgeöffneten stieren Augen auf die Thüre richtete, auf deren äußere Schwelle Männerschritte fielen. Die Hand der Frau hob sich, wie in ahnungsvollem Schmerz und deutete -- mit gebieterischer stummer Geste auf das Nebenzimmer, und wie zum Schutze der sprachlos hereinhuschenden gehorsamen Kleinen -- schleppte sie mit Aufwendung aller Kräfte ihren zitternden Körper vor die Thüre des Stübchens.

Wie der Wind heulte, wie die Flammen im Kamin hochschlugen, da die Eingangsthüre nach mehrfachem herrischen Klopfen aufgestoßen wurde. Ein Mann bei Mutter Krüger! Ein großer schneebedeckter Mann, mit vorgebeugtem breiten Nacken und einem düsteren, kranken Blick.

»Christine!« Der Ausruf war fast wie ein Schreckensschrei und die aufrechtstehende reglose Gestalt nickte mit bebender Lippe zweimal und wiederholte mit leiser Stimme:

»Ja -- Christine!« Mochte es der schmerzliche Tonfall sein, der dem Manne wie eine Ermutigung klang -- that es der Blick, der aus dem ergebenen alten Antlitz der Mutter Krüger auf ihn fiel? -- Er machte einige Schritte zu ihr hin, blieb jedoch vor der ablehnend erhobenen Rechten stehen.

»Ich habe dich gesucht,« sagte er zögernd, mit gesenktem Auge.

»Zum zweitenmale,« unterbrach sie ihn leise und hart.

»Ich -- ich war sehr krank, Christine -- ich habe böses erlebt -- ich -- bin allein!«

Der Kopf der Alten hob sich rasch.

»Und -- sie?«

Er lachte bitter auf. »Sie,« erwiderte er höhnisch, »sie wurde meiner überdrüssig!«

Es lag in der heftigen gereizten Sprechweise des Mannes etwas vom gekränkten eigensinnigen Kinde, und seine Haltung der Frau gegenüber hatte mehr vom leidklagenden Sohne zur Mutter, als vom reuigen Gatten zur Gattin. Vielleicht fühlte sie das nicht zum erstenmal heraus, vielleicht klangen darum ihre Worte herber, als sie es wußte.

»Und weiter -- was suchst du hier?«

»Was ich suche? Christine, ich war lange krank -- ich bin allein --«

»Halt!«

Er wich vor der gebietenden Haltung scheu zurück. Mutter Krüger stand noch immer vor der angelegten Thüre des Nebenzimmers -- das ihre Kleinen barg. Jetzt, da sie sprach, zog sie die Thüre ins Schloß und trat dicht vor den Mann hin.

»Sprich nicht zu Ende,« gebot sie kurz, »es wäre vergeblich. Unsere Wege gehen auseinander. Du hast gewählt zwischen uns -- du ließest mich gehen. Jetzt bin ich alt und hier drinnen ist's ruhig geworden. Einmal glaubte ich vom Leben etwas erwarten zu dürfen. -- Das ist vorbei. Du bist jung -- deine Wunden werden vernarben. Unsere Wege gehen auseinander, das ist mein letztes Wort. Ich zürne dir nicht. Gott sei mit dir!« --

Der Wind, der die Hausthüre krachend zuwarf, fegte den nassen Schnee hinter der gebeugten Gestalt des Mannes her, der vor dem Hause stehend einen letzten Blick hinaufwarf auf das matt erleuchtete Fenster des niederen Häuschens. Im Innern des Stübchens lehnte Mutter Krüger mit umflorten Augen an den Rahmen der Thüre -- durch die die kleinen Gäste mit scheuem »Gutenachtgruß« eintraten.

»Geht, Kinder, geht! Laßt mich allein!« Langsam entfernten sie sich und als die Thüre ins Schloß gefallen war, ertönte neben der alten Frau eine kleine verschleierte Stimme:

»Mutter Krüger!«

Sie zuckte zusammen.

»Toni? Du?«

Die kleine Mädchengestalt drückte sich eng an die alte Freundin. Mit unendlicher Weichheit legte das Kind ihre Wange an der Wäscherin Hand.

»Geh, Kind, geh!« Die Stimme der Alten war gepreßt, klanglos, und der greise Blick starrte verloren in die Dunkelheit hinaus. Die Kleine drückte sich, der Zurechtweisung nicht achtend, mit feinem Kindesinstinkt das Richtige fühlend, enger an die einsame Alte und blickte mit ihr geradeaus. Im Stürmen des Wetters, unter dem Rascheln der Läden und Thüren hallte auf dumpfem Schnee der Klang von schwer schleppenden aber festen Schritten.

»Er ist fort, Mutter Christine,« sagte sanft das Kind und beim Klang des Namens faßte die Einsame mit einem lauten Schluchzlaut das Kind in die Arme und weinte. Mit ihm zusammen trat sie an das Fenster und blickte lange schweigend in die Nacht hinaus, in der die Umrisse einer hohen vorgebeugten Gestalt in der Ferne sichtbar waren und allmählich im Dunkel der Nacht verschwanden. Und der Wind rüttelte an den Fensterläden um das einsame Haus und drinnen starrte noch lange ein altes gramgefurchtes Angesicht geradeaus ins Leere.

Lora.

Zehn Minuten noch und der große prächtige Dampfer verläßt den Hafen von New-York. Mit mächtigem Gedröhn rollen die schweren Kisten und Koffer den Perron entlang. Schrille Stimmen von kleinen und großen Obst-, Bücher- und Spielwarenhändlern tönen lärmend durcheinander, ein jeder hofft, sein Lager von auserwählt süßem Obst, von pikanter Reiselektüre, von turnenden Hampelmännern und tanzenden Schreipuppen vor Abfahrt des Dampfers zu verkaufen. Noch drängen sich auf dem Verdeck dichte Haufen von Menschen; Verwandte, Freunde derer, die binnen weniger Minuten Abschied nehmen werden, auf Wochen oder Monate, viele für immer. Mit schwerem Getöse rollen große Expreßwagen bis zur Seite des Dampfers heran. Geschäftig rühren sich die Hände der abladenden Arbeiter und der in empfangnehmenden Matrosen, deren aus heiserer Kehle tönender Seemannsruf wie klagend in das Ohr fällt, als traurige Mahnung, daß die Scheidestunde geschlagen. Noch lächeln die Lippen, noch leuchten die Augen; noch ist man ja beisammen. Ja, man scherzt sogar; man tändelt mit den Kinderchen, hebt sie lachend in die Höhe, um ihnen das gewaltige Wasser zu zeigen, in das sie in kurzer Zeit hinausrauschen werden. Einige ältere Leute stehen gebeugten Hauptes und blicken sehnsüchtig zum Lande hin. Soeben sind die Säcke mit Briefen angekommen, und werden mit lautem »Ohoi!« auf die breiten Schultern der braunen Matrosen geladen und aufs Verdeck geschleppt. Die Briefe bilden den Abschluß. Die Post ist angelangt, der Trennungsaugenblick gekommen! Als sei plötzlich ein Unglück eingetreten, das keiner vorausgesehen noch geahnt, bricht nun der Schmerz sich mit Heftigkeit Bahn, und krampfhaft liegen sie sich in den Armen, die vor wenigen Minuten noch gelächelt. Kein fröhliches Auge nun, kein scherzendes Wort mehr. Blasse, tieftraurige Gesichter ringsum .... Ein dichter, schwerer Dampf steigt mit sausendem Gezisch zum Himmel empor. Schrilles Pfeifen durchdringt die eingetretene Ruhe. Dreimaliges Geläute! ... Hellaufschluchzende Laute, ein Taumeln, Drängen, Klagerufe. Nochmaliges Läuten, Kettengerassel. -- »Ohoi!« rufen die Matrosen, die Brücke fällt. Das Schiff stößt ab. Am Ufer stehen die Zurückgebliebenen. Thränenfeuchten Auges winken sie und lächeln den Scheidenden zu. Ein jeder sucht das ihm bekannte Auge und hemmt den Thränenlauf, um mit dem Tuche ein letztes Ade zu winken. Langsam, majestätisch gleitet der Dampfer aus dem Hafen.

Am vorderen Ende desselben steht, die Arme über die Brust gekreuzt, den breiten Hut zum Schutze gegen die Sonne tief in die Stirn gedrückt, ein hochgewachsener Mann. Er mochte lange schon so gestanden haben, seine Stellung hatte etwas unbewegliches, gewohntes. Tiefer Ernst prägte sich auf seinen schönen Zügen aus, Ernst und Mitleid. Sein Auge folgte der Gestalt eines Mädchens, das am hintersten Ende des Schiffes gestanden hatte und sich der Heimat zugewendet. Bleich, bebend, dann im heftigsten Schmerz laut aufschluchzend, war sie, als der Dampfer abstieß, auf das dem Lande nächstliegende Ende zugeeilt, hatte, den Oberkörper weit über die Brüstung des Verdeckes gelehnt, mit vorgestreckten Armen, als suche sie in dieser Geberde das Heimatland zu halten, sich dem vollsten Schmerze hingegeben. »Mutter! Mutter!« klagten ihre Lippen, als sie mit aller Kraft sich aufrichtend, das Land ihren Augen entschwinden und die Gestalten ihrer Lieben immer kleiner und undeutlicher werden sah. Als rufe dieser Klagelaut die so schmerzlich Ersehnte herbei, erschien an der äußersten Spitze des Perrons, von welchem das Schiff abgestoßen war, die hohe Gestalt ihrer Mutter. Das ergraute Haupt ihr zugewendet, mit blassem Antlitz, doch mutig ermunternd, traurig ihr zulächelnd, so erblickte das junge Mädchen noch einmal die Mutter, dann brach es mit lautem Aufschrei zusammen.

Der Unbewegliche am andern Ende des Schiffes war mit wachsender Teilnahme den Bewegungen des Mädchens gefolgt. Jetzt machte er einige Schritte, als wolle er ihr zur Hilfe eilen, blieb aber wieder stehen, als er die vielen bereitwilligen Hände sah, welche die Damen, durch den Aufschrei des jungen Geschöpfes von dem eigenen Schmerze abgelenkt, ihr darreichten. Jene richteten die Weinende auf und schienen eindringlich mit ihr zu sprechen. Es waren jedenfalls tröstende, milde Worte, die jedoch ihren Zweck zu verfehlen schienen, denn das Mädchen warf sich, die Hände vors Gesicht schlagend, auf die nahestehende Bank, wies mit heftigen Geberden die ihr zugeflüsterten Worte von sich und wandte den Umstehenden wie ein ungezogenes verwöhntes Kind den Rücken, gab sich dann, mit dem ganzen Eigensinn der Jugend, ihrem Schmerze hin. Verwundert und verletzt traten die wohlmeinenden Damen zurück und ließen sie allein.

Die Tischglocke hatte zum zweitenmale geläutet und noch saß das junge Mädchen auf der Bank. Die Hände ruhten gefaltet in ihrem Schoße. Ihr Auge blickte sehnsüchtig nach der Richtung hin, wo nur ein dunkler Streifen, gleich einer Nebellinie, das Heimatland bezeichnete. Die heftige Bewegung von vorhin hatte ihr das Haar gelöst, das nun in zwei vollen rötlichbraunen Zöpfen auf die Hände herabfiel. Der kleine Mund zuckte und die zarte Gestalt erzitterte noch in der Nachwirkung ihrer Erregung. Den Steward, der an sie herangetreten war mit der Aufforderung, gefälligst zu Tisch zu kommen, entließ sie barsch, dem zweiten, vom Oberkellner geschickten Boten, der frug, ob sie vielleicht oben etwas zu genießen wünsche, entgegnete sie, daß sie nichts wünsche als ungestört zu sein.

Auf der anderen Seite des Verdeckes hallten mit monotoner Regelmäßigkeit Schritte eines Mannes zu ihr herüber und veranlaßten sie, ihre Stellung zu verändern, um den so unermüdlich Marschierenden anzusehen. Es war derselbe, den sie bei Abfahrt des Schiffes so unbeweglich hatte stehen sehen. »Weshalb er wohl nicht zu Tische geht«, dachte sie. Die Schritte kamen näher. Der Mann, der sich allem Anschein nach für den alleinigen Inhaber des Verdeckes hielt, bog plötzlich um die vordere Seite desselben und stellte sich, das ernste Gesicht dem Lande zukehrend, dicht vor die Bank, auf der das junge Mädchen saß. Seine Gestalt versperrte ihr so den Anblick des Landes.

Mit dem eigenen Zartgefühl fein organisierter Wesen, denen es stets peinlich ist, unbemerkt Zeuge irgend welcher Empfindungsäußerung zu sein, fühlte sie sich veranlaßt, ihre Anwesenheit erkennbar zu machen. Eine leichte Bewegung, und er wandte sich um. Das junge Mädchen erblickend, zog er den Hut, trat dann mit einigen entschuldigenden Worten zur Seite. Sein Organ übte einen eigenen Zauber aus. Fühlte das Mädchen das Bedürfnis, mit jemanden zu sprechen, oder weckte der tiefe, volle Ton seiner Stimme ihr Zutrauen, sie wandte dem Manne ihr Gesicht zu und fragte, in der kindlich naiven Art eines Mädchens, das nur _den_ Schmerz voll begreift, der sie _selbst betroffen_, indem sie ein braunes Augenpaar groß zu ihm aufschlug: »Haben Sie auch Ihre Mutter dort zurückgelassen?«

»Nein,« antwortete die tiefe Stimme, und ein Lächeln flog über seine Züge, das aber sofort wieder schwand, als er ernst fortfuhr, »nein, das habe ich nicht, denn um jemanden, den man liebt, zurücklassen zu können, muß man zuerst jemanden haben.«

Voll Interesse schaute sie zu ihm auf. Mit unverkennbarem Staunen frug sie: »Haben Sie keine Verwandten, keinen Bruder, keine Schwester?«

»Keinen Bruder, keine Schwester. Niemanden, gar niemanden. Sie sehen ordentlich erschreckt aus, mein kleines Fräulein! Sie können sich wohl kaum denken, daß man auf der weiten Welt keine Angehörigen haben kann.«

»Nein,« sagte sie einfach. Dann wandte sie die Augen von ihm ab und ließ den nachdenklichen Blick weit hinausschweifen über das Meer. Er folgte ihren Augen, und etwas näher an sie herantretend fragte er, und aus dem Ton klang es wie Bitterkeit: »Halten Sie sich darum für glücklicher, weil Sie eine Anzahl Menschen um Sie trauernd zurückgelassen und selbst ein trauerndes Herz mit fortgenommen, als z. B. mich, der ich keine Trauer verursache und keine empfinde?«

»O ja,« entgegnete sie rasch, »für viel, viel glücklicher. Wenn Sie nie traurig waren, können Sie nie recht froh gewesen sein, meine ich. Ich kann darüber nichts sagen, doch ich denke es mir entsetzlich öde und einsam, keinem Menschen auf der Welt anzugehören, keinen Menschen zu lieben.« Ihre Stimme hatte unwillkürlich einen leisen schwärmerischen Klang angenommen, der einen seltsamen Kontrast bot zu dem rauhen, dumpfen Schlag der Schraube.

»Öde und einsam,« wiederholte er, »jawohl, das ist es.«

Die Tischzeit war vorüber. Hier und da trat einer oder der andere der Passagiere aufs Verdeck, zog sich jedoch bald wieder in die unteren Räume zurück, da die kühle Abendluft den Aufenthalt auf dem Verdecke erschwerte.

Im Salon unten saßen sämtliche Passagiere der ersten Kajüte und versuchten es, sich auf diese oder jene Art und Weise untereinander bekannt zu machen. Noch schaukelte der Dampfer nicht, sondern glitt leicht wie eine Barke auf glatter See ins Meer hinaus.