Junge Herzen: Erzählungen für die reifere Jugend

Part 4

Chapter 43,567 wordsPublic domain

»Ich fürchtete, du würdest fallen!«

Die Antwort war eine rohe Lache, die, kaum aufgeschlagen, ganz kurz abbrach und verstummte. Aus dem unschönen Knabenantlitz schaute mich sekundenlang ein tiefblaues Augenpaar starr, forschend an; dann verschwand der sinnige Ausdruck, der flüchtig auf seinem Antlitz gelegen und machte einem höhnischen, zweifelnden Lächeln Platz.

»Und wenn ich gefallen wäre -- =who'd care=?« (wer machte sich was daraus?)

»Jeder; dein Vater zuerst!«

»Der?« Charley Gregor warf mit einer verächtlichen Lache den Oberkörper rücklings auf den Zaun und blickte aus halb geschlossenen Lidern hervor auf die herabgelassenen Jalousien seines väterlichen Heims; dann schwang er sich wieder auf, schüttelte die buschige Mähne in die Stirn zurück und spie -- wie um die Verkommenheit seines Wesens zu demonstrieren -- mit einer gewissen Großthuerei weithin über den Garten. Sein Kopf war etwas abgewandt; als er ihn nach kurzer Pause wieder erhob, schien ihn meine fortgesetzte Anwesenheit am Fenster zu erstaunen.

»=Bad case -- me?=« (Verlorne Seele -- ich?) rief er kurz, halb fragend, halb behauptend.

»So?« entgegnete ich lächelnd, »weshalb denn?«

»Unverbesserlich!« Er stieß das Wort mit einem Anflug von Stolz hervor und steckte aufrecht sitzend beide Hände tief in die Hosentaschen, bauschte dieselben weit auseinander und klappte sie, mit einem festen kleinen Schlag gegen seinen Körper, wieder zusammen.

»Das Ihr Vogel?« fragte er plötzlich zutraulicher -- den Bauer unausgesetzt ansehend. Ich nickte.

»Gekauft?« Die drollige Frage gefiel mir.

»Er gehörte meinem Kinde,« berichtete ich.

Charleys Augen hoben sich fragend.

»Haben Sie ein Kind?«

»Jetzt nicht mehr,« sagte ich leise, »es ist gestorben!«

»So?« Charleys Ausruf war ein Mittelding zwischen Neugierde und Mitgefühl, und seine Blicke begannen über den Hausdächern ziellos umherzuirren und sanken endlich mit salbungsvollem Ausdruck auf seine dickbesohlten Stiefeln herab.

»Viele Leute sterben,« begann er endlich, mit der Miene eines bejahrten Tröster, dem nach langem Suchen das richtige Wort eingefallen ist, »kenne 'ne Menge Leute, die gestorben sind. Viele sterben an Masern. Böse Krankheit -- Masern!«

Ich antwortete nichts. Meine Gedanken waren weit zurückgeschweift. Sie hingen an dem Bilde eines kleinen dunkellockigen Knaben, dessen hellklingende Stimme mir durch kurze Jahre das Dasein gelichtet hatte, um dann zu verstummen -- auf immer -- und mich einsam zurückzulassen. -- --

Wie lange ich in stillem Sinnen verblieb, weiß ich nicht. Als ich aufsah, war ich allein. Charley Gregor war geräuschlos verschwunden. Ich dachte eine Weile über sein plötzliches Verschwinden nach, und empfand ein unbehagliches Gefühl von Reue darüber, die rauhen Trostesworte, die, wie ungeschickt sie auch schienen, doch von gutem Willen sprachen, so unerwidert gelassen und -- so folgerte ich -- das Kind dadurch gekränkt und verscheucht zu haben.

Ich begann mir ernstliche Vorwürfe zu machen, daß ich die weiche Regung des verwahrlosten Knaben zurückgestoßen und ihm vielleicht auf immer den Mut genommen, sie wieder zu offenbaren. Wer konnte wissen, wie tief ihn meine Nichtbeachtung seines wohlgemeinten Trostes geschmerzt -- wie zerknirscht --

Mein reuiger Gedanke wurde durch ein dumpfes Gemurmel unterbrochen. Von meinem Fenster aus konnte ich trotz des eingetretenen Dämmerlichts sehen, wie ein Menschenhaufen sich vor der gegenüberliegenden halb verfallenen alten Kirche ansammelte, und besorgten Blickes zur Spitze derselben aufschaute, von wo aus rasch aufeinanderfolgende kleine brennende Hölzchen herniederfielen. Brannte es? War ein Feuer ausgebrochen? Ich bog mich geängstigt weit aus dem Fenster und durchspähte prüfend den oberen zackigen Vorsprung des verfallenen Baues.

War es möglich? Ich stand vor Entrüstung zitternd aufrecht. Dort oben, hinter einer der vorspringenden zerstückelten Figuren versteckt -- lugte der rote Kopf Charley Gregors vorsichtig auf die Menge herab, während er mit empörendem Eifer kleine Stücke von der bröckeligen Holzballustrade ablöste -- sie mittelst eines Zünders anblies und bedächtig unter die unten versammelte Menge vertrieb. Der leichte Abendwind trug glücklicherweise die brennenden Hölzer hin und her und löschte die bläulichen Flämmchen, bevor sie die Menschen erreichten, wo sie nur noch als kleine Kohlen glimmend zur Erde regneten. Ich sah noch, wie eine ganze Handvoll solcher Funken auf einmal herniederfiel, sah, wie eine vorsichtig kletternde kleine Gestalt mit der Behendigkeit einer Katze die hintere Steinwand entlang -- vom Vorsprung zum Fenster und dann weiter abwärts glitt, und, plötzlich inmitten der Menschengruppe stehend, mit dieser hinaufschaute nach der Stelle -- von der aus er selbst noch vor wenigen Sekunden die brennenden Hölzer geworfen.

Ich schloß, über die besonnene Schlechtigkeit dieses Knaben entrüstet, das Fenster, und trat, empört über seine klar zu Tage getretene Verderbtheit, mißgelaunt ins Zimmer zurück.

Es war mir unerquicklich, daß mich während der Nacht das sommersprossige Gesicht des »Gregor-Jungen« verfolgte. Bald sah ich ihn an hohen zackigen Felsen hängen, bald auf irgend einem Dachvorsprung sitzen, von dessen Kante aus er die gefährlichsten Sprünge machte, und so überraschte es mich nicht sonderlich, als ich in der Frühe an meinem Schreibtisch sitzend, eine wohlbekannte Stimme in geheimnisvollem Flüsterton rufen hörte:

»=Hay Missus!=« Ich blickte von meinen Manuskripten auf. Vor der obersten Scheibe meines Fensters baumelten zwei unreinliche Spitzen zweier sehr unreinlicher Stiefel. Es war unschwer zu erkennen, wessen Körper über den dicken Sohlen schwebte. Ich trat auf den Balkon hinaus. An den Stäben des zum oberen Geschosse gehörigen Balkons hielt er sich, während sein herabspähender Kopf eine günstige Stelle zum Hinabspringen zu suchen schien.

»=Pleasant morning!=« (Angenehmer Tag!) rief er, mit der familiären Miene eines täglich willkommenen Besuchers, und ich vergaß über dem unbefangenen Gruß des Knaben, wie über der beängstigenden Lage seines Körpers meine Indignation von vorher.

»Ein sehr angenehmer Tag, aber du wirst gleich stürzen,« rief ich so ruhig wie möglich zurück.

»Aus dem Weg', ich komme!« Der Warnungsruf kam nicht einen Augenblick zu früh. Der feste kleine Mensch landete geräuschvoll auf dem Balkon und stand an meiner Seite. Mein unerwarteter Gast trat dicht vor die Schwelle meines Zimmers und spähte mit unverfrorener Dreistigkeit in das Innere desselben.

»Hat er hier bei Ihnen sitzen dürfen?«

»Wer?« fragte ich, durch den sinnigen Ernst seines Gesichtes stutzig gemacht.

»Der tote Junge!« Wie schmerzlich mich die rohe Benennung auch berührte, so lag doch in der halb brutalen, halb feierlichen Betonung der Worte etwas Ergreifendes. Ich nickte stumm Bejahung.

»War wohl ein famoser Junge?« Diese Bezeichnung paßte kaum auf das zarte dreijährige kränkliche Wesen, das seine kurze Lebenszeit meist liegend zugebracht. Mein Gast machte sich wie es schien, ein falsches Bild von ihm, das ich für den Augenblick nicht zerstören mochte.

»Weshalb meinst du, daß es ein gutes Kind war?« fragte ich.

Die Antwort kam rasch, bestimmt.

»=Cause ye'r sorry!=« (Weil Sie traurig sind.)

»Aber das wäre ich doch auch bei dem Verlust eines unartigen Kindes!«

Charley Gregor lachte mich an, als hätte ich einen Witz gemacht. Er stemmte seinen linken Fuß rückwärts gegen die Mauer und schob sich in kleinen Sprüngen stoßweiße vor.

»Sie hatten ihn doch lieb!«

»Ja!«

»Schlechte Jungens mag man aber nicht!« Er sah mich bei dieser Erklärung ganz ernst an, wie um seine Lache von vorhin zu entschuldigen.

»Weshalb denn nicht?« entgegnete ich, »sie sind deshalb doch unsere Kinder!«

Charley Gregor stand ganz still. Er hatte sich etwas abgewandt, so daß ich nicht erkennen konnte, was in seinem Antlitz vorging. Als er es nach längerem Schweigen zu mir wandte, lag darauf ein Ausdruck kindlicher dringlicher Wißbegierde.

»Und wenn er ganz schlecht gewesen wäre, hätten Sie ihn doch lieb gehabt?«

»Gewiß!«

Charley wurde dringlicher. Seine Augen glänzten eigen.

»Und wenn er auf dem Felde Scheiterhaufen gemacht hätte, und Schule geschwänzt, und Milchkannen gestohlen?«

»Auch dann!« Charley zog wieder den schiefen Mund und lachte. Ich blickte mit Wehmut auf den Knaben, der so unbewußt in seinen zweifelnden Fragen eine bittere Herzensklage aussprach. Eine Aufwallung von Mitleid überkam mich. Ich trat ihm näher.

»Gehst du nicht zur Schule, Charley?«

»Manchmal!«

»Weshalb nur manchmal?« Charley warf ein Bein über die Brüstung des Balkons.

»Meistens schwänze ich!« Ich sah voraus, wie die alte höhnische Stimmung ihn zu überkommen drohte und mühte mich, sie fern zu halten.

»Aber das ist unrecht. Das betrübt deinen Vater!« Die rote Mähne flog von der Stirn zurück. Die blauen Augen sahen groß zu mir auf.

»Mein Vater macht sich gar nichts draus!« erklärte er sehr bestimmt.

»Woher weißt du denn das?«

»Er sagt's. Er hat mich aufgegeben. Sagt, aus mir wird doch nichts! Früher hat er gehauen -- dann bin ich davongelaufen -- dann hat er mich eingesperrt, wenn der Lehrer klatschte, daß ich geschwänzt hatte. Jetzt kümmert er sich nicht mehr drum. ›Thu, was du willst‹, sagte er, und so thue ich, was ich will. Gestern habe ich geschwänzt, heute auch -- niemand kümmert sich drum! Kann ich 'mal reingehen?«

Charley Gregor trat, ohne meine Erlaubnis abzuwarten, mit der ihm eigenen Dreistigkeit in meine Behausung ein. Ich habe nie vergessen können, mit welch eigentümlich andächtiger Bescheidenheit sich der brutale Straßenjunge bei diesem seinem ersten und letzten Besuch bei mir verhielt. Die Hände tief in den Taschen vergraben, wie um sich vor »Anfassen« zu bewahren, oder um die Unreinlichkeit zu verbergen, umkreiste er dreimal das Nipptischchen, auf dem die Reliquien meines heimgegangenen Kindes gesammelt lagen.

»Kleiner Schuh!« sagte er einmal halblaut, indem er mit überlegenem Lächeln das kleine lederne Bekleidungsstück betrachtete, »ich kenne ein kleines =baby= -- da unten am Wasser wohnt's -- das hat solch kleine Füße. Manchmal gehe ich hin und bringe ihm ein Stück Zucker, und das steckt es auf einmal in den Mund und schiebt die ganze Faust nach. ›Charley‹ kann es noch nicht sagen, es sagt ›Tally‹, und wenn es lacht, sperrt es den Mund ganz weit auf und dann sieht man nur drei Zähne; mehr hat es nicht!«

Es war ein herzgewinnendes Lachen, mit dem er die kleine knabenhafte Beschreibung begleitete, und es erhellte sein Gesicht, wie ein Sonnenstrahl. Ich fuhr ihm lächelnd über das krause Haar, und er sah verwirrt zu mir auf. Seltsam war es, daß sich mir jeder seiner Blicke und jedes seiner Worte so fest einprägten! Ich saß lange, nachdem er mich verlassen, und sann über seinen Besuch nach. Wie anders erschien mir der Knabe jetzt! Und wie schlug mein Herz vor Erbitterung gegen den Mann, den Vater des an Gemüt reichen Knaben, der den Weg nicht fand zum Herzen seines Kindes! Liebte er wirklich das Kind nicht, oder verstand er es nur nicht, das trotzige Wesen desselben zu lenken?

Es war Abend geworden. Die milde Frühlingsluft zog mich hinaus in den Garten. Es war ringsum still, und wider meinen Willen schweiften meine Gedanken zu dem Nebenhaus hinüber. Dort lag alles im Dunkel. Schlief man bereits? So intensiv gespannt horchte ich hinüber, daß ich das Geklirre der Kette an der Gartenthüre des Nebenhauses überhörte, und erst als eine Stimme »=Missus=« rief, wandte ich mich um und gewahrte meinen Knaben auf der Straße stehend.

»Charley! du?«

»Kommen Sie mal dicht 'ran ans Gitter,« sprach er in seiner kategorischen Art, und ich trat dicht auf ihn zu.

»Ich wollte Ihnen nur sagen, daß das alles eine Lüge war, was Sie mir sagten, und daß es doch einerlei ist, was ich thue. Ich werde Ihnen auch sagen, wieso. Der Lehrer war wieder da und hat geklatscht, und wie er fort war, da ist mir eingefallen, was Sie gesagt haben von schlechten Kindern, die doch geliebt werden, und da bin ich zu meinem Vater 'reingegangen, und habe ihm sagen wollen, daß ich bei Ihnen war und -- und -- na -- so allerhand -- wollt' ich ihm sagen -- -- --«

»Nun, und?«

»Da hat er gesprochen und hat gesagt, er wollte nichts wissen. ›Bist ein Vagabond‹, sagte er -- ›ob du auf dem Galgen endest oder im Zuchthaus, das ist mir gleichgültig! Meinetwegen kannst du stehlen oder dich ersäufen, mir ist's gleich, wenn ich dich nur nicht mehr sehen muß,‹ sagte er. -- So, und nun bin ich nur gekommen, um Ihnen zu sagen, daß es alles Lüge war, =Missus=!«

Es war ein seltsam weißes entschlossenes Gesicht, das er mir, vom Mondlicht umflossen, zukehrte, bevor er sich wandte und rasch davonschritt.

Eine mir unklare Angst trieb mich, ihn anzurufen.

»Charley! Charley Gregor!« Ich erhielt keine Antwort. Seine Schritte klangen nur undeutlich zu mir zurück, als ich, ein Tuch über den Kopf geschlungen, von einer unbestimmten Angst gejagt, die Straße entlang eilte.

Warum sagte ich mir nicht einmal: Thörin, was rennst du durch die Nacht? Was kümmert's dich, was drunten am Fluß geschieht? In dem großen dunklen Hause liegt alles im Schlummer, was also treibt dich atemlos dem Ufer entlang, dem kleinen verwahrlosten Knaben nach, der -- ich allein wußte es, unter der rauhen Fläche eine wunde, liebebedürftige Seele barg. Schnell! Schnell! Die kleinen Füße laufen behend. Das Ufer ist leer. Kein Mensch, der ihn aufhält!

»Charley! Charley!« Irrte ich, oder wandte sich das Kinderantlitz mit den tiefen Augen noch ein letztesmal zu mir? Ein dumpfer Aufschlag -- ein Schrei! -- -- --

Wo kamen die Menschen her, die sich ans Ufer drängten? Waren es meine Rufe, die sie beschieden? Und der sich da durchdrängte, barhäuptig, bleich, hohläugig -- der sich aufschluchzend über die nasse Leiche beugte, die in meinem Schoße lag, war das der Vater, dessen starres Herz den Knaben von sich gestoßen, dessen Worte ihn vertrieben?

»Charley, o Charley!« Der Ruf hallte weithin durch die Nacht, und der ihn ausstieß, hob ein greises, gramgefurchtes Antlitz zu mir auf.

»Ich habe ihn nicht verstanden, Madame!«

Das war's! Alle Bitterkeit schwand aus meinem Herzen. Auf das bleiche Knabenantlitz niederschauend, wiederholte ich leise die Worte:

»Er hat dich nicht verstanden -- Charley!«

Die Geschichte einer Wäscherin.

Sie bewohnte ein niederes, aus Brettern erbautes Häuschen in einem der entlegensten Stadtteile, dort wo der große Teich gelegen war, der im Winter zu starrem spiegelglattem Eise zufror und die ganze waghalsige Stadtjugend auf seine glänzenden Flächen lockte.

Ihr Häuschen stand dicht an der Eisbahn, und der Wind heulte oft um die scharfe Ecke, in welcher der einstöckige kleine Bretterbau gelegen war, und rüttelte an den grauen Fensterläden, daß sie geräuschvoll aneinander schlugen und der grauen Außenseite etwas Unheimliches verliehen.

»Ein unfreundlicher Aufenthalt,« dachten die Fremden, welche von ferne das einsame, von den anderen Bauten durch eine kahle Wiese getrennt liegende Häuschen sahen, aber die Schuljugend dachte anders darüber. Die rosige kleine Schar, die auf dem Eise lärmend und jubelnd übereinander purzelte, sich Arme und Beine wund stieß und unter abwechselndem Lachen und Wehgeschrei mit den schmerzenden Gliedmaßen in das Innere des niederen Häuschens flüchtete, um sich Trost zu holen! Diese kleine Schar hielt die zwei spärlich möblierten engen Stübchen mit den weißen Gardinen und dem helllodernden Kaminfeuer für das reizvollste Plätzchen der ganzen Erde. Der feuchte Dunst vom Seifenschaum, der aus dem großen Waschzuber dicht am Fenster emporzusteigen pflegte, hüllte tagtäglich mehr denn ein Dutzend herein- und heraushuschender Kinderköpfchen in seine feuchte Wolken ein, und die leichten Schaumflöckchen, die sich in kleinen flickernden Bläschen auf die zerzausten Lockenköpfchen niedersetzten, zogen mit eigenartigem Zauber die Kleinen stets von neuem an. Oder war es doch nicht der flockige schneeige Seifenschaum, der sie lockte? War es vielleicht jene alte, etwas heisere, ganz unmelodische, aber überaus drollige tiefe Stimme, die von der Ecke her über das plätschernde Seifenwasser fort ihr ernst scherzendes:

»Sieh! sieh! sieh! wollt ihr wohl weitergehen!« ertönen ließ, was solche besondere Anziehungskraft übte?

Mutter Krüger war eine alte Frau. Sie war vor vielen Jahren -- die Alten des Städtchens erinnerten sich undeutlich des Tages, unbegleitet und ungekannt in das Häuschen eingezogen, hatte mit einem stillen, Schonung gebietenden Antlitz die freundlichen Annäherungen der geschäftigen Nachbarn abgelehnt, um einsam, wie sie gekommen, in ihren vier Wänden zu verharren. Müßige Zungen ließen es an allerlei verdächtigen Reden nicht fehlen. »Sie ist eine durchgebrannte Frau, sie hat eine ›Geschichte‹,« flüsterten sie unter einander. Aber wenn sie gleich ihre Geschichte hatte -- die verschlossenen, wehmütig herabgezogenen Lippen wahrten ihr Geheimnis gut, und mit der Zeit gewöhnte man sich daran, die hinkende Gestalt (Mutter Krüger schleppte das rechte Bein nach) -- hinter den weißen Vorhängen des Vorderstübchens unter einer Wolke heißen Dunstes auf- und niedertauchen zu sehen und die energische Handhabung des Waschbrettes bis auf die Straße hinaus zu vernehmen.

Mutter Krüger hatte ihre regelrechten Kunden, solche, die sie allwöchentlich beschäftigten, und die sich aus Interesse für die redlich Arbeitende zu zeitweiligen Besuchen bei ihr herbeiließen. Diese Besuche der guten Stadtdamen waren für Mutter Krüger wenig erfreulich -- destomehr aber entzückte sie die immer reichlicher werdende Schar kleiner Leute, die sich mit Leidenschaft an die einsame Frau anschlossen und in ihr die Vertraute allen Kummers und aller Freuden sahen. Wie doch Kinder hinter der verschlossensten Maske ein warmes Gemüt herauszufühlen wissen! Und wie auch wieder so ein Kindeslächeln die Eiskruste eines erkalteten Herzens hinwegzuschmelzen vermag! Von dem gramgefurchten Antlitz schwand mit der Zeit der wehmütige Hauch, und die Kinderwelt meinte, auf Erden keinen so neckischen Mund finden zu können, wie den ihrer alten Freundin, und keine verständnisvolleren Augen als die großen grauen ernsthaften der Mutter Krüger, die -- wenn sie mißbilligten -- so beschämend blickten. Die kleinen Schulmädchen erinnerten sich recht gut der Sache mit dem Ordnungsheft, das plötzlich vor der Prüfungszeit von den mit Tadeln reichlich bedachten Schülerinnen vernichtet worden war, und wie sie, die Missethäter, aus Furcht vor der ihnen drohenden Entlassungsstrafe drei Tage lang geschwänzt hatten. Mutter Krüger hatte sie gleich so seltsam angesehen, als sie zu ungewöhnlich früher Morgenstunde bei ihr eingetreten waren und verlegener denn sonst ihren Gruß erwiderten. Es war auch wohl ein Zufall gewesen, daß die Alte gerade Zeit hatte, von ihrem Waschfaß fortzuhinken, um sich vor den Kamin unter die kleinen Schelme zu setzen.

Toni Hellmuth erzählte später, wie merkwürdig es ihr gewesen sei, daß Mutter Krüger ihr wiederholt mit der feuchten Hand das Haar gestreift, nachdem sie, gerade sie, es wieder gewesen war, die jenen Schulstreich angestiftet! Ja, sie gestand sogar, daß sie nahe daran gewesen, der guten Alten die Sache zu verraten; aber da war gerade der Krach gekommen --

»Wie wir just um den Kamin so behaglich sitzen,« hatte Toni in ihrer knabenhaften lebhaften Art erzählt, »kam das Gepolter gegen die Thüre, und jede einzelne von uns wußte ganz genau, daß es der Lehrer war, und wie der Blitz waren wir von der Erde auf und hinter den Wäschehaufen versteckt, und da öffnete die Krüger langsam die Thür und richtig -- es war der Lehrer!« Das Gespräch zwischen dem kleinen strengen Mann und der einfachen Alten wurde aufs genaueste von den versteckt lauschenden Kindern in der Stadt nacherzählt.

»Daß die Kinder Bertha, Elisabeth und Toni schwänzen -- seit drei Tagen schwänzen -- das wissen Sie gewiß,« hatte der gestrenge Mann lauernd, fragend, tadelnd gemeint und »Mein Herr« war darauf die ruhige Erwiderung der Alten.

»Und da das Trio bei den Eltern nicht aufzufinden war« -- sprach der abscheuliche Mann, unbeirrt von der Zwischenantwort der Wäscherin mit seiner monotonen Lehrerstimme weiter, »so vermuten wir berechtigterweise, daß sie sich bei Ihnen -- gute Frau -- verbergen -- hem! hem!«

»Herr,« hatte der Mutter Krüger leicht vibrierende Stimme gesprochen, »ich sagte Ihnen schon, daß ich von dem begangenen Streich nichts wußte; eines aber ist gewiß,« -- hier machte Frau Krüger einen Schritt ins Innere des Zimmers und begann nachlässig den umhergestreuten Wäschestoß so aufzutürmen, daß das rotstruppige Haar Toni Hellmuths mit seinem verräterischen Wulst besser verdeckt wurde -- »eines ist gewiß, Herr, unter all den Kindern Ihrer Schule ist kein einziges, das Mutter Krüger so wenig ehrt, um sie zu einer Hehlerin zu machen!«

In dem Zimmer war es still gewesen, nachdem der kleine Mann gegangen. Mutter Krüger war schweigend an ihren Waschzuber getreten. Ebenso schweigend kamen die kleinen Missethäter aus ihren Ecken hervorgekrochen, um sich mit verschämt gesenkten Köpfchen zur Thüre zu schleichen. Mutter Krüger aber hatte erst dann den Blick gehoben, als Toni Hellmuth, auf der Schwelle stehend, mit dunkelrotem verhülltem Antlitz ihr »ich schäme mich, Mutter Krüger,« gestammelt hatte, und Mutter Krüger nickte nur und lächelte sie mit dem alten Lächeln an.

Die kleine Begebenheit wurde nicht vergessen. Kinderherzen sind eigen rachsüchtig im Haß, wie sie eigen erkenntlich sind in der Liebe.

Die Arreststrafe wurde hart zugemessen. Tagelang blieben die Kinder vom Eisplatze und von der kleinen lieben Hütte verbannt, und als sie endlich wieder vor dem Häuschen erschienen, da lag auf den Gesichtern der Ausdruck eines rachedurstigen entschlossenen Vorhabens.

Mutter Krüger stand sinnend am Fenster und blickte auf die Straße hinab. Es hat immer sein Unheilkündendes, wenn Kinder dort, wo sie jubeln könnten, in kleinen engen Gruppen beieinanderstehen und finster -- leise miteinander sprechen! Das stille Antlitz, mit den glattgestrichenen weißen Haaren und dem einverstandenen Lächeln sah mit gespannten Blicken auf die Kinder nieder. Vielleicht war es ein Ahnungsgefühl, was sie empfinden ließ, daß es etwas zu verhindern geben dürfte. -- Mutter Krüger schloß leise die Gardinen, ging -- Besorgungen heuchelnd, auf die Straße. Absichtlich einen Umweg machend, kam sie ganz unerwartet auf die Kindergruppe zu, welche sich froh überrascht der alten hinkenden Gestalt entgegenwarf. Die Stimmen klangen alle durcheinander. Mitteilsamkeit, Schwatzhaftigkeit, Vertrauensseligkeit, alles zusammen sprach sich in den leidenschaftlichen Erzählungen der Kleinen aus, und über alle anderen hob sich die Stimme Toni Hellmuths:

»Er hat uns jeden Tag nachsitzen lassen, und wer, denkst du, hat es verraten, daß wir bei dir waren?« Große Pause. »Der bucklige Zeitungsträger war's!« Dies mit einer staunenden Eröffnungsmiene und geheimnisvoll hastig. »Sie sollen aber beide was abhaben, wir machen uns große Schneebälle und thun diese Steine hinein, und der Lehrer muß doch hier vorüber, wenn er nach Hause will, und dann rufen wir dem Zeitungsjungen von drüben allerhand Schimpfnamen zu, so daß er wütend wird und herauskommt -- -- na, und wenn der Lehrer seine Steine an den Kopf hat, ducken wir uns ganz klein, so daß er uns nicht sieht und der abscheuliche Zeitungsjunge kriegt die Schuld. So! Ist es nicht großartig?« Das erregte Kindergesicht erhob sich voll rachedurstiger Entschlossenheit. Erst als sie geendet, sah Toni den eigenartig schmerzlichen Ausdruck in Mutter Krügers Angesicht. Die Finger ihrer runzeligen Hand umschlossen jäh und fest die vertrauensvoll in die ihren eingeschlichenen Kindesfinger und Toni sah geängstigt zu ihr auf.

»Was ist's, Mutter Krüger -- bist du böse?«